Inferno; Legenden

Part 17

Chapter 173,651 wordsPublic domain

Bei einem Ausflug ins Grüne befindet mein Freund sich in einer kleinen Gesellschaft, die am Ufer eines Sees versammelt ist. In einem Ausbruch guter Laune vergisst er die angstvollen Stunden, die er auszustehen gehabt hat, und wirft folgenden Einfall hin:

--Hier müsste man eine Offenbarung der heiligen Jungfrau in Szene setzen! Es würde ein gutes Geschäft sein, einen Wallfahrtsort anzulegen.

Im selben Augenblick erbleichte er, und zur grossen Verwunderung seiner Begleiter rief er fast in Ekstase aus:

--Jetzt starb er!

--Wer?

--Leutnant X. Ich sah ihn im Todeskampf liegen, das Zimmer, die Anwesenden darin, alles!

Man amüsierte sich!

Als man aber in die Stadt zurückkehrt, begegnet man der Nachricht von Leutnant X's Hinscheiden. Und der Tod war plötzlich eingetroffen, genau um halb acht Uhr, im selben Augenblick, als der Visionär davon Botschaft bekam.

Die Spottvögel wurden von dem Eindruck überwältigt, so dass sie unwillkürlich Tränen vergossen, nicht aus Trauer, da der Tode ihnen ganz gleichgültig war, sondern aus Gemütsbewegung über das Wunder.

Die Zeitungen machen ein Wesen aus dem Geschehnis; die ehrlichen unter ihnen leugnen die Tatsache nicht, die unehrlichen lassen durchblicken, die Zeugen seien Betrüger. Die Folge ist ein Protest meines Freundes, des Ketzers, der den Sachverhalt anerkennt, ihn aber als zufälliges Zusammentreffen auslegt.

Ich gebe zu, dass sich eine gewisse Bescheidenheit in dieser Art verrät, der Mächte Eingreifen in unsere kleinlichen Angelegenheit auszuscheiden, aber dahinter verbirgt sich auch "der Unbussfertigen Verhinderung"; was aus folgender Stelle bei Claude de Saint-Martin hervorgeht:

"Vielleicht hat diese unrichtige Ideenverbindung (dass die Erde nur ein Punkt im Weltall ist) den Menschen zu der noch unrichtigeren Vorstellung geführt, dass er der Blicke seines Schöpfers nicht würdig sei; er hat geglaubt, nur den Mahnungen der Demut zu gehorchen, wenn er sich zuzugeben weigert, dass diese Erde und alles, was das Universum enthält, nur seinetwegen entstanden sei; er hat sich gestellt, als fürchte er zu sehr seinem Hochmut zu gehorchen, wenn er sich diesem Gedanken hingäbe. Aber er hat nicht die Trägheit und Feigheit gefürchtet, die von dieser erheuchelten Bescheidenheit unvermeidlich erzeugt werden; und wenn der Mensch sich heute nicht mehr für den König des Universums halten will, ist die Ursache die, dass er nicht den Mut hat zu arbeiten, um sich _die rechtmässigen Ansprüche_ darauf zu erwerben; dass die Pflichten dabei ihm zu mühsam erscheinen, dass er nicht so sehr fürchtet, auf seine Stellung und alle ihre Rechte verzichten, als sich daran machen zu müssen, um sie in ihrer geltenden Kraft wiederherzustellen."

Zwischen den beiden blinden Klippen, Hochmut und falscher Demut, wer kann wohl das Kanoe finden, das zum Hafen führt?

Indessen habe ich alle Schwächen meines Freundes so vollständig kennen gelernt, dass ich seine nächtlichen oder täglichen Drangsale voraussagen kann, indem ich nur sein Betragen beobachte; was mich zu dem Schlusssatz geneigt macht, dass alle Krankheiten, die ihn treffen, von der Moral herrühren. Aber Moral ist ein Wort, das jetzt herabgesetzt und in den Bann getan ist, und ich bin nicht der rechte Mann, es auszusprechen.

Bei einer einzigen Gelegenheit, als der Unglückliche gar zu sehr bedrückt war, äusserte ich zu ihm, aus Mitleid und um einen Wegweiser aufzustellen:

--Wenn du vor deinem letzten nächtlichen Anfall Swedenborg gelesen hättest, würdest du in die Heilsarmee gegangen oder Krankenpfleger geworden sein!

--Wieso? Was sagt denn dieser Swedenborg?

--Er sagt so viel, und er ist es, der mich davor gerettet hat, verrückt zu werden. Er hat mir den Schlaf wieder geschenkt durch einen einzigen Satz in vier Worten!

--Sag den, ich bitte dich darum!

Der Mut entsank mir, und er hat mir jedes Mal gefehlt, wenn der Besessene mich gebeten hat, diese Losung mitzuteilen.

Hier schreibe ich die vier Worte nieder, die gegen alle Verordnungen der Ärzte aufgekommen sind:

"Tue dieses nicht mehr!"

Es steht einem jeden frei, nach bestem Wissen und Gewissen das kleine Wort dieses auszulegen.

Ich Unterzeichneter erkläre hiermit, dass ich durch Befolgung des obigen Rezeptes Gesundheit und ruhigen Schlaf wiedergewonnen habe.

Der Verfasser.

Das ist ein Bekenntnis! Keine Ermahnung!

6.

Allerlei.

Keiner ist vom Schicksal so geprüft worden, wie der Doktor, von dem ich im ersten Kapitel als dem Haupt des revoltierenden Jugendschwarmes gesprochen habe. Nachdem er unzählige Male umgesattelt hat, ist er Freund der Mässigkeit geworden, mit fast religiösen Grillen. Er gibt zu, vollständig bankerott zu sein, glaubt an nichts und misstraut den Menschen, entblösst wie er ist von den Sinnen, die uns in Stand setzen zu geniessen und zu leiden, gleichgültig gegen alles. Denn er begann damit, dass er sich für die Freiheit des Individuums, für die Befreiung des Volkes und der Frau begeisterte; und er hat die Konsequenzen davon gesehen, die seine Illusionen vollständig zu Fall gebracht haben. Er, der besonders das Ideal vom freien Weibe verwirklichen wollte, hat seine Braut, die er selbst hochachtete, als literarische Mätresse eines jeden Mannes enden sehen, als eine Art prostituierten Bohême-Weibes.

Er ist nun dreissig Jahre alt. Während seines jahrelangen Aufenthaltes im Ausland hat er alle Leiden eines Einsiedlers durchgemacht: Armut, Hunger und Kälte, schäbige Kleider; die Verdriesslichkeiten, die ein schuldenbeladener Mann auszustehen hat. Er hat nachts in Wäldern und offenen Parks geschlafen, aus Mangel an fester Wohnstätte; er hat sich mit Stärke und Gelatine ernährt, die dazu bestimmt waren, in dem Labor gebraucht zu werden, an dem er angestellt war.

Der Hunger aber hat mangelnde Widerstandskraft gegen Alkohol zur Folge, und obwohl nicht Alkoholiker, erlag er den Wirkungen der geringen Menge starker Getränke, die er in der Lage war sich zu verschaffen.

Von seinen Verwandten Wind und Wellen überlassen, kann er sich in einer Heilanstalt für Nervenkrankheiten in Pension geben, dank einem Manne, der ihm so gut wie unbekannt ist und welcher der Swedenborgischen Sekte angehört. (!)

Nach einigen Monaten wurde er als geheilt entlassen und kehrte nach der Universität in Schweden zurück, jedoch weiter zu Enthaltsamkeit verurteilt.

Er war es, der mir Swedenborgs "Arcana Coelestia" lieh, und später "Apocalypsis revelata", Arbeiten, die er selbst nicht kannte, die sich aber in der Büchersammlung seiner Mutter befanden; sie war nämlich Swedenborgianerin. (!)

Noch etwas ist überraschend für mich, der ich bis zu meinem achtundvierzigsten Jahr nie auf Arbeiten von Swedenborg gestossen bin, für die man in den gebildeten Klassen Schwedens offene Verachtung zeigt--dass er jetzt überall auftaucht: in Paris, an der Donau, in Schweden, und zwar im Laufe nur eines halben Jahres.

Mein desillusionierter Freund verhält sich indessen indifferent, trotz den Streichen, die ihm das Schicksal zu wiederholten Malen spielt. Er kann sich nicht beugen und glaubt, es sein eines Mannes unwürdig, vor unbekannten Mächten zu knien; die könnten sich eines Tages als Versucher enthüllen, deren Versuchungen nur Prüfungen sind, denen man bis zum äussersten widerstehen muss.

Ich verberge ihm nicht meine neuen religiösen Ansichten, jedoch ohne auf ihn einwirken zu wollen.

--Siehst du, die Religion ist etwas, das man auf sich selbst anwenden muss; die ist nichts zum Predigen!

Oft lauscht er meinen Worten mit scheinbarer Aufmerksamkeit, und oft lächelt er. Zwei Wochen lässt er sich nicht sehen, als sei er geärgert worden, dann aber kommt er wieder und sieht aus, als habe er über einen Gedanken gebrütet.

In der Absicht, ihm zu Hilfe zu kommen, werfe ich von ungefähr ein Wort hin mit einem Fragezeichen dahinter:

--Es geschieht sicher etwas?

--Ich weiss nicht; aber es ist wirklich zu ungereimt, um mit rechten Dingen zugehen zu können.

--Was ist es denn?

--Jeden einzigen Morgen, wenn ich ins Laboratorium komme, sind meine Sachen in Unordnung gebracht--du kannst nicht glauben, wie es da aussieht!--und der Tisch ist besudelt. Und zwar obgleich ich auf das sorgfältigste dort Sauberkeit zu halten suche.

--Ein Übelgesinnter?

--Unmöglich; denn ich bin der letzte, der den Saal verlässt und der Schuldige würde sogleich entdeckt werden.

--Dann ist es?

--Ja, wer?

--Die Unsichtbaren!

--Nicht dass ich es behaupten will, aber jetzt in letzter Zeit scheint es, als ob mich jemand überwache und meine geheimsten Gedanken zu lesen verstehe. Und im selben Augenblick, wenn ich auf irgend eine Weise über die Stränge geschlagen habe, fasst man mich auf frischer Tat.

--Bist du jemals früher Vorfällen von ungewöhnlicher Beschaffenheit ausgesetzt gewesen?

--Nicht ich, aber meine Mutter und meine Schwester, die Swedenborgianer sind.--Doch warte, ich auch, ein Mal in Berlin vor genau zwei Jahren.

--Erzähle!

--Es war so: ich ging eines Abends in der Nähe von Linden in eine Bedürfnisanstalt; da erblickte ich an meiner Seite einen barhäuptigen Mann von unbestimmten und sonderbarem Aussehen; er hatte einen Knoten hinten im Nacken, und zu meiner Verwunderung jodelte er wie ein Tiroler. Den unangenehmen Eindruck, den dieser Mensch mit seiner Leichenbitterphysiognomie auf mich machte, konnte ich nicht loswerden; um ihn von mir abzuschütteln, verlängerte ich meinen Spaziergang und ging aus der Stadt heraus; schliesslich befand ich mich auf dem Lande. Müde und hungrig trat ich in ein Wirtshaus, wo ich am Ladentisch ein Frankfurter Würstchen und ein Seidel Bier bestellte. "Ein Frankfurterwürstchen und ein Seidel Bier", wiederholt jemand an meiner Seite; und als ich mich umwende, erblicke ich den Mann mit dem Nackenknoten. Vollständig verwirrt, und unfähig zu sagen, warum, ging ich meines Weges, ohne auf das zu warten, was ich bestellt hatte. Ich habe nie näher an diesen bedeutungslosen Vorfall gedacht, aber ich besitze noch einen lebendigen Eindruck davon, und er kommt gerade jetzt in meine Erinnerung zurück.

Als er geendet hatte, bedeckte er die Augen mit beiden Händen, als wolle er das Bild auswischen, indem er den Augapfel rieb, der noch das Porträt der Gestalt festhielt.

An dieser Stelle, während der Leser sich noch des oben Erzählten im Detail erinnert, will ich ein anderes Abendteuer einschalten, das dadurch, dass es mit dem Vorhergehenden in Verbindung gesetzt wird, uns vielleicht dem guten Hafen einen Schritt näher führen wird.

Am ersten Mai ging ich recht zeitig nach dem Park, um zu Mittag zu essen, zusammen mit einem Gymnasiallehrer. Als wir uns an einem Tisch niedergelassen hatten, auf dem grossen offenen Balkon, wo kein Mensch war, empfand ich plötzlich ein Gefühl des Unbehagens, und als ich mich auf dem Stuhle umdrehte, bemerkte ich einen Mann von recht unbestimmten Aussehen, der einen unstäten, unschlüssigen Ausdruck im Blick hatte.

--Wer ist das? Fragte mich mein Begleiter, der alter Lundenser war und die ganze Bevölkerung kannte.

--Ein Fremder, ganz sicher!

Der Fremde, barhäuptig und schweigsam, kam näher, indem er gerade vor mir stehen blieb, betrachtete er mich auf eine so durchdringende Art, dass ich einen brennenden Schmerz in der Brust fühlte.

Wir nahmen einen andern Platz ein. Der Mann folgte uns, ohne sein Schweigen zu brechen. Seine Blicke waren weder böse noch scharf, vielmehr äusserst wehmütig, und ausdruckslos wie die eines Nachtwandlers. Da wurde ich von einer Erinnerung ergriffen, die allzu entfernt war, um bewusst zu sein, und stellte an meinen Tischkameraden die Frage:

--Der Mann gleicht einem unserer Freunde, aber welchem?

--Ja, wahrhaftig es ist ganz offenbar unser Freund Martin mit fünfundvierzig Jahren.

In diesem Augenblick taucht aus dem Chaos meines Innern: die Gestalt von der Bedürfnisanstalt in Berlin und Freund Martin (so hiess der unglückliche Doktor, der mir Swedenborgs Arbeiten geliehen hatte) verfolgt von einem Unbekannten.

Nun hatte der Mann neben uns Platz genommen, aber so, dass er uns den Rücken zukehrte.

Wie gross war meine Verwunderung, als ich einen Knoten im Nacken dieses Menschen bemerkte. Um aber ganz sicher zu sein, fragte ich meinen Kameraden:

--Kannst du den Auswuchs am Hinterkopf dieses Mannes sehen?

--Ganz recht! Ich sehe ihn deutlich. Nun und?

Ich antwortete nicht, weil die Erzählung zu lang geworden wäre, auch war der Lehrer ein erbitterter Gegner des Okkultismus.

Am selben Abend erblicket ich Freund Martin mitten in einem Schwarm Studenten. Ohne Umschweife stellte ich diese Frage an ihn:

--Wo hast du dich mittags zwischen eins und halb zwei aufgehalten?

--Wieso? Warum fragst du das?

Und er sieht verlegen aus, als er das sagt.

--Antworte nur auf die Frage!

--Ich lag und schlief! Und das pflege ich sonst nicht mitten am Tage zu tun, deswegen bin ich verlegen.

--Und du gehst während des Schlafes fort?

--Das sieht so aus, da ich vor einigen Tagen, während ich schlief, das Feuer sah, das im Museum ausgebrochen war. Das ist die reine Wahrheit!

Nach diesem Bekenntnis schilderte ich ihm die Erscheinung im Park und verglich sie mit der Offenbarung in Berlin.

Aber er war zu aufgeräumt, und obwohl dieser Knoten im Nacken ihm schaudern machte, rief er aus:

--Es stimmt, er ist mein Doppelgänger!

Das war ein Gelächter!

Ich halte mich hier einen Augenblick auf, um die üblichen Theorien darzulegen von der Erscheinung, die unter der Benennung _Doppelgänger_ bekannt ist.

Die Theosophen nehmen sie als eine Tatsache an, indem sie zugeben, dass die Seele, oder der Astralleib, das Vermögen besitzt, den Körper zu verlassen und sich in eine quasi-materielle Gestalt zu kleiden, die unter günstigen Umständen für manche sichtbar wird. Alle sogenannten telepathischen Erscheinungen werden dadurch erklärt. Die Schöpfungen der Einbildungskraft haben keine Realität, aber die Visionen, die Hallucinationen besitzen eine Art Materialität. In derselben Weise unterscheidet man in der Optik zwischen virtuellen und wirklichen Bildern, von denen die letzten auf einen Schirm projiziert oder auf einer empfindlichen photographischen Platte fixiert werden können.

Angenommen, ein Abwesender erinnert sich meiner, indem er sich meine Persönlichkeit in seinem Gedächtnis hervorruft: dem Hervorrufenden gelingt es nur, ein virtuelles Bild von mir zustande zu bringen, und zwar durch eine freiwillige und bewusste Anstrengung. Angenommen, eine alte Tante von mir im fremden Lande sitzt am Piano, ohne an mich zu denken, und sieht mich dann persönlich hinter dem Instrument stehen: die Alte hat ein virtuelles Bild von mir _gesehen_. Und dies hat sich tatsächlich zugetragen, im Herbst 1895. Ich erinnere mich, dass ich damals in der französischen Hauptstadt eine furchtbare Krisis durchmachte, als meine Sehnsucht, im Schosse meiner Familie zu sein, bis zu dem Grad acht über mich bekam, dass ich das Innere des Hauses sah und für einen Augenblick meine Umgebung vergass, indem ich das Bewusstsein, wo ich mich befand verlor. Ich war dort, hinter dem Pianino, in welcher Gestalt es nun geschah, und die Einbildung der alten Frau spielte keine Rolle dabei.

Da sie übrigens in diese Art Erscheinung eingeweiht war und deren Tragweite kannte, sah sie darin einen Vorboten des Todes und schrieb, um zu erfahren, ob ich krank geworden sei!

Um dieses Problem besser zu beleuchten, will ich hier einen Aufsatz von mir einrücken, der 1896 in der "Initiation" stand und Berührungspunkte mit oben angeführten Vorfall hat.

Strahlung und Ausdehnung der Seele.

Beobachtungen nach der Natur.

"Ausser sich sein" und "sich sammeln" sind zwei allgemein übliche Wendungen, die gut die Fähigkeit der Seele ausdrücken, sich auszudehnen und sich wieder zurückzuziehen.

Die Seele schrumpft zusammen vor Furcht und schwillt auf vor Freude, Glück, Erfolg.

Steig allein in einen vollbesetzten Eisenbahnwagen. Keiner kennt den andern, alle sitzen still da. Alle empfinden je nach dem Grad ihrer Empfindlichkeit ein grosses Unbehagen. Da geht ein mannigfaltige Kreuzung verschiedener Bestrahlungen vor sich, die allgemeine Beklemmung erzeugt. Es ist nicht warm, aber man glaubt zu ersticken: die Geister, die zum Übermass mit magnetischen Fluida geladen sind, fühlen ein Bedürfnis zu explodieren; die Intensität der Ströme, verstärkt die _Influenz_ und _Condensation_, vielleicht sogar von _Induktion_, hat ihr Maximum, erreicht.

Da nimmt einer das Wort: Die Entladung hat stattgefunden, und die Neutralisation ist eingetreten, wenn sich alle in ein Gespräch ohne Inhalt eingelassen haben, um ein kurz gesagt physisches Bedürfnis zu befriedigen.

Der Einsiedler zieht sich in seine Ecke zurück, schliesse sein inneres Auge und Ohr und vertieft sich in sich selbst, um sich gegen eine neue _Influenz_ zu wehren.

Oder er betrachtet auch die Landschaft durch das Fenster und lässt seine Gedanken _umher irren_, indem er _heraustritt_ aus dem magischen Kreis für ihn gleichgültiger Menschen, die mit ihm eingeschlossen sind.

Das Geheimnis des grossen Schauspielers liegt in der angeborenen Eigenschaft, seine Seele ausstrahlen zu lassen; dadurch tritt er in Verbindung mit dem Publikum.

Es leuchtet, strahlt um den geistigen Redner in grossen Augenblicken, und sein Antlitz verbreitet einen Schein, der sogar für die sichtbar ist, die nicht gläubig sind.

Der Schauspieler von träumerischer Natur, der eine tiefe Intelligenz besitzt, der viel studiert, aber nicht die Fähigkeit hat, aus sich selbst herauszugehen, wird sich niemals auf der Bühne geltend machen können. In sich selbst verschlossen, wird sein Geist nicht in die Gemüter der Zuschauer eindringen.

Bei den grossen Krisen im Leben, wenn das Dasein selbst bedroht ist, erwirbt die Seele übersinnliche Eigenschaften. Es scheint, als ob die Furcht vor dem Elend die gemarterte Seele treibt, zu entfliehen, um anderswo ein Leben zu suchen, das leichter zu leben ist. Nicht umsonst übt der Selbstmord seine Anziehung auf den Unglücklichen, da er verspricht, die Pforten des Gefängnisses zu öffnen.

Folgendes ist mir passiert vor einigen Jahren.

Ich sass eines Herbstmorgens an meinem Schreibtisch vor dem Fenster, das auf die düstere Strasse einer kleinen Industriestadt Mährens blickte.

Im angrenzenden Zimmer, zu dem die Tür angelehnt war, ruhte meine Frau in kränklichem Zustande, ihr Erstgeborenes erwartend.

Indem ich schrieb, träumte ich mich fort in eine Landschaft, die mehr als tausend Kilometer nördlich lag und die ich wohl kannte.

Während es Herbst war, und hier beinahe Winter, befand ich mich mitten im Sommer unter einer grünen Eiche, von der Sonne beschienen; der kleine Garten, den ich in meiner Jugend selbst bebaut hatte, war dort; die Rosen--ich konnte sie beim Namen nennen--die Syringen, die Jasmine atmeten wahrnehmbar ihre besonderen Düfte aus; ich las Raupen von meinen Kirschbäumen ab, ich beschnitt die Johannisbeerbüsche.... Plötzlich höre ich einen heiseren Schrei, ich finde mich auf dem Fussboden stehen, ein Krampf dreht schraubenförmig mein Rückgrad um, und bewusstlos falle ich auf einen Stuhl nieder, einen unerträglichen Schmerz im Rücken.

Ich erwache zum Bewusstsein und es wird mir klar, dass meine Frau von hinten gekommen war, um mir guten Morgen zu sagen, und ganz leise ihre Hand auf meine Achsel gelegt hatte.

--Wo bin ich?

Das war meine erste Frage, und ich sprach sie aus in der Sprache meiner Heimat, die meine Frau als Ausländerin nicht verstand.

Der Eindruck, den ich von diesem Vorfall bewahrte, war der, dass sich mein Geist ausgedehnt und den Körper verlassen hatte, ohne die Verbindung der unsichtbaren Fäden abzubrechen; ich bedurfte einer gewissen, wenn auch noch so kurzen Zeit, um mich einigermassen zu erinnern, dass ich mich bewusst und unversehrt in dem Zimmer aufhielt, wo ich soeben sass und arbeitete.

Wenn nach den alten Erklärungen meine Seele in sich selbst versunken gewesen, noch in den Grenzen des Körpers geblieben wäre, hätte sie sich mit grösster Leichtigkeit und Schnelligkeit wieder entfalten können, und dies Gefühl der Überraschung während meiner Abwesenheit hätte mich nicht in so hohem Grade gequält.

Nein, ich war _abwesend_, und die Rückkehr meiner Seele ging auf so plötzliche Weise vor sich, dass ich darunter litt. Aber die Schmerzen waren in der Rückengegend zu merken und durchaus nicht in den Gehirnhalbkugeln: das erinnert mich an die überwiegende Rolle, die man dem plexus solaris zulegte, als ich in meiner Jugend Medizin studierte.

Ein anderes Abenteuer, das mir vor drei Jahren in Berlin passierte, ist für mich ein Beweis, dass die Exteriorisation oder Auswanderung der Seele unter aussergewöhnlichen Umständen stattfinden kann.

Nach erschütternden Krisen, Sorgen und unregelmässigem Leben sitze ich eines Nachts zwischen eins und halb zwei bei einem Weinhändler an einem Tisch, der jederzeit für meinen Kreis bereit stand. Man hatte seit sechs Uhr gegessen und getrunken und ich hatte die ganze Zeit so gut wie allein das Gespräch führen müssen. Es handelte sich für mich darum, einen jungen Offizier, der im Begriff stand, die militärische Laufbahn gegen die des Künstlers zu vertauschen, einen verständigen Rat zu geben. Da er sich zu gleicher Zeit in ein junges Mädchen verliebt hatte, befand er sich in einem äusserst überspannten Zustand; und nachdem er im Lauf des Tages von seinem Vater einen Brief mit Vorwürfen erhalten hatte, war er geradezu ausser sich. Ich vergass meine eignen Wunden, während ich die eines andern pflegte. Es war eine schwere Arbeit, bei der mein Geist sich infolge einer Reflexbewegung erhitzte. Nach endlosen Beweisführungen und Berufungen wollte ich ihn an ein vergangenes Begebnis erinnern, das auf seinen Entschluss einwirken konnte.

Er hatte den fraglichen Auftritt vergessen, und, um sein Gedächtnis zu unterstützen, fange ich an, ihn zu schildern.

--Sie erinnern sich doch jenes Abends im Augustiner-Bräu....

Und ich fahre fort, in dem ich den Tisch bezeichne, wo wir unser Kuvert verzehrt hatten; beschreibe den Schenktisch, die Tür, durch die man herein kam, die Möbel, die Bilder....

Auf einmal schwieg ich ... hatte halb das Bewusstsein verloren, ohne ohnmächtig zu sein, und sass noch auf dem Stuhle. Ich war im Augustiner-Bräu und hatte vergessen, zu wem ich sprach, als ich so wieder anfing:

--Warten Sie! Ich bin im Augustiner, aber ich weiss sehr wohl, dass ich an einem andern Ort bin; sagen Sie nichts ... ich erkenne Sie nicht, aber ich weiss, dass ich Sie kenne. Wo bin ich?--Sagen Sie nichts, das ist äusserst interessant....

Ich mache eine Anstrengung, um die Augen zu erheben--weiss nicht, ob sie geschlossen waren--und ich sah einen Nebel, einen Hintergrund von unbestimmtem Farbenton, und oben an der Decke herab senkte es sich wie ein Theatervorhang: das war die Scheidewand, besetzt von Regalen und Flaschen.

--So! äusserte ich erleichtert, wie nach einem überstandenen Schmerz, ich bin ja bei Herrn F. (so hiess der Weinhändler).

Das Gesicht des Offiziers hatte sich vor Schreck zusammengezogen und er weinte.

--Was, Sie weinen? sagte ich zu ihm.

--Das war unheimlich, antwortete er.

--Was denn?...

Wenn ich diese Geschichte andern Personen erzählt habe, hat man eingewendet, es sei eine Ohnmacht oder ein Rausch gewesen, zwei Worte, die nicht viel sagen und nichts erklären.

Erstens und vor allem wird eine Ohnmacht von dem Verlust des Bewusstseins begleitet, ebenso der Rausch; zweitens von einer Muskellähmung; was hier nicht der Fall war, da ich auf meinem Stuhl sitzen blieb und bewusst über meine partielle Unbewusstheit sprach.

Zu diesem Zeitpunkt kannte ich weder die Erscheinung noch den Ausdruck: Exteriorisation des Empfindungsvermögens. (A. de Rochas, l'Extériorisation de la sensibilité. Paris, Chamuel.) Jetzt da ich sie kenne, bin ich überzeugt, dass die Seele die Fähigkeit besitzt, sich auszudehnen; dass sie sich während des gewöhnlichen Schlafes sehr ausdehnt, um zum Schluss, im Tode, den Körper zu verlassen, keineswegs ausgelöscht zu werden.