Inferno; Legenden

Part 16

Chapter 163,740 wordsPublic domain

Ein wenig überrascht, nimmt er die Zigarre wieder auf und tut so, als begreife er nichts. Aber derselbe Streich wiederholte sich drei Male hintereinander. Da wird der Kleingläubige bleich wie der Tod; ohne ein Wort zu sagen, räumt er das Feld, während seine Freunde verblüfft dasitzen.

Bei der Heimkunft wurde der Verwegene von einer neuen Überraschung erwartet. Ohne sichtbare Ursache begannen seine beiden Hände auf Art des Masseurs den ganzen Körper, der durch zu fleissiges Trinken wirklich unnötig beleibt worden war, zu reiben oder richtiger zu kneten. Diese unfreiwillige Massage wurde ohne Unterbrechung ganze vierzehn Tage fortgesetzt.

Doch nach Verlauf dieser Zeit hält sich der Ringer für vollständig erstarkt, um wieder auf der Arena aufzutreten. Er mietet ein Hotel und ladet seine Freunde zu einem Balthasarfest ein, das drei ganze Tage dauern soll. Er will nämlich der Welt zeigen, wie der Übermensch (Nietzsche!) die Dämonen des Weines bezwingen kann. Man hat den ganzen ersten Tag getrunken, und die Nacht fällt herab, und mit ihr fällt der Kämpe. Aber ehe er es verloren gibt, nehmen die Dämonen des Weins diese überlegene Seele in Besitz und flössen ihm eine solch unbändige Tollheit ein, dass er seine Gäste durch Türen und Fenster hinauswirft. So endigt das Fest. Worauf der Wirt nach einer Pflegeanstalt gebracht wird!

So hat man mir das Abenteuer erzählt, und es tut mir leid, es wiedergegeben zu haben ohne die Tränen, die man dem Unglück schuldig ist.

Doch der Angeklagte hat einen Verteidiger für seine Sache gewonnen, einen jungen Doktor, der ihm seinen Beistand im Kampf gegen den Ewigen anbietet.

Ist es vermessen diese beiden Tatsachen zusammenzuwerfen: der Doktor plädiert für den Lästerer, und der Doktor bricht sich ein Bein. Hat der Zufall sein Pferd erschreckt, dass es scheu wurde und den Wagen umwarf? Ich frage nur. Und wie ging es zu, dass der Doktor, nachdem er mehrere Monate zu Bett gelegen hatte, "mit zerrissener Hüftsehne" wieder aufstand; dass sein vorher klarer und fester Blick einen wilden und sonderbaren Ausdruck angenommen hatte, wie bei einem Menschen, der seiner selbst nicht mehr mächtig ist?

Brauche ich darauf zu antworten? Wenn man mit einem Ja antwortet, werde ich die Erzählung bis zum Ende fortsetzen.

Dieser Doktor, ein guter Kerl, einsichtig und ehrlich, kam eines Tages gegen Ende des Sommers und vertraute mir an, er werde von Schlaflosigkeit geplagt, und ein seltsames Kitzeln wecke ihn des Nachts und lasse ihm nicht eher Ruhe, bis er aufstehe. Wenn er eigensinnig liegen bleibe, stelle sich Herzklopfen ein.

--Nun? Schloss er und erwartete meine Antwort mit einer allzu deutlichen Unruhe.

--Ganz ebenso war es mit mir! Erwiderte ich.

--Und wie haben Sie Heilung gefunden?

War es Feigheit, oder gehorchte ich einer Stimme in meinem Innern, als ich antwortete:

--Ich nahm Sufonal.

Sein Gesicht bekam einen Ausdruck der Enttäuschung, aber ich konnte nichts bei der Sache tun.

4.

Wunder.

Nach drei Monaten sehr strengen Winters machen sich die ersten Frühlingszeichen bemerkbar. Die erstarrten Menschensinne tauen auf, und die ausgesäten Samen unter dem Schnee beginnen zu keimen. Es ist so vieles geschehen, und, statt die unleugbaren Tatsachen als Zufälle und zufälliges Zusammentreffen von sich zu schieben, beobachtet man sie, sammelt sie und zieht daraus seine Reflexionen. Anfangs tat man es, um über seinen eigenen Aberglauben lachen zu können, später erlischt das Lächeln, und man weiss nicht mehr, was man glauben soll. Es geschehen Wunder, und zwar alle Tage, aber man tut nicht Wunder nach Belieben.

Eines Tages zur Mittagsstunde gehe ich über den Markt, der für den Augenblick geräumt ist. Seit langen an Platzfurcht leidend, fürchte ich mich vor leeren Räumen, und mit einer schlecht verhehlten Ängstlichkeit gehe ich über offene Plätze. Dieses Mal, da ich müde von der Arbeit und äusserst nervös bin, macht der Anblick des öden Marktes einen so quälenden Eindruck auf mich, dass ich eine Verlangen empfinde, "mich unsichtbar zu machen", um mich neugierigen Augen zu entziehen; ich senke den Kopf, hefte den Blick auf das Steinpflaster und habe ein Gefühl, als ob ich mich in mich selbst zusammenrolle, die äusseren Sinne zuschliesse und die Berührung mit der Aussenwelt abschneide; als ob ich aufhöre, den Einfluss des umgebenden Milieus zu vernehmen. Und ohne davon zu wissen, bin ich über den Markt gekommen.

Im nächsten Augenblick werde ich aus einer Gasse hinter mir von zwei bekannten Stimmen angerufen. Ich bleibe stehen.

--Welchen Weg kamst du?

--Über den Markt!

--Nein! Wie wäre das zugegangen? Wir standen hier ja Posten, um dich zu treffen und zusammen Mittag zu essen!

--Ich versichere euch....

--Dann hast du dich unsichtbar gemacht?

--Nichts ist unmöglich!

--Für dich wenigstens nicht. Und man erzählt die unglaublichsten Sachen, die mit dir geschehen sein sollen.

--Ich argwöhne so etwas, da man mich an der Donau gesehen hat, als ich in Paris war.

Das war wirklich der Fall, aber zu dieser Zeit glaubte ich, es gebe Visionen ohne eine wirkliche Grundlage.

Und ich warf die Äusserung mehr als einen lustigen Einfall hin.

Am selben Tage nahm ich mein Abendessen allein im kleinen Speisesaal der Kneipe ein. Ein Mann, den ich nicht kannte, trat herein, augenscheinlich, um jemand zu suchen. Er bemerkt mich nicht, obgleich er an allen Tischen nachguckt; und überzeugt, dass er allein im Zimmer ist, fängt er laut an zu fluchen und laut mit sich selbst zu sprechen. Um ihn auf die Gegenwart eines Gastes aufmerksam zu machen, klopfe ich mit der Gabel an ein Glas. Der Fremde macht sofort eine Bewegung und ist überrascht, jemand im Zimmer zu sehen; er schweigt plötzlich und hat Eile, sich fort zu begeben.

Von Stund an beginne ich, über die Frage der Dematerialisation zu grübeln, welche die Okkultisten anerkennen. Und die Beweise folgen Schlag auf Schlag.

Eine Woche später wird meine Aufmerksamkeit von einem neuen, sonderbaren Ereignis geweckt. Es war ein Mittwoch, wo der Speisesaal infolge des Wochenmarktes mit Landleuten vollgepfropft ist. Um dem Gedränge und der Unbehaglichkeit auszuweichen, hat mein gewöhnlicher Tischkamerad ein besonderes Zimmer bestellt; da er früher als ich gekommen ist, erwartet er mich im Vestibül und bittet mich hinauf zu gehen. Um aber Zeit zu gewinnen, kommen wir überein, den allgemeinen Butterbrottisch im Saale in Anspruch zu nehmen. Widerwillig marschiere ich hinter meinem Freund hinein, weil ich die betrunkenen Bauern und deren Verunglimpfungen scheue. Wir kamen durch den Haufen an den Butterbrottisch heran, wo sich nur ein, übrigens sehr friedliches, Individuum befand.

Nachdem wir dort etwas zu uns genommen hatten, wobei ich kein Wort mit meinem Freunde wechselte, zogen wir uns in unser Zimmer zurück, ich hinter ihm. An der Tür zeigt sich mein Freund sehr erstaunt, mich zu sehen.

--Was? Wo kommst du her?

--Vom Butterbrottisch natürlich.

--Ich habe dich dort nicht gesehen; darum glaubte ich, du seist hier geblieben!

--Hast du mich nicht gesehen? Wir haben ja die Hände über den Schüsseln gekreuzt.... Kann ich mich denn unsichtbar machen?

--Komisch ist es jedenfalls!

Wenn ich in meiner Erinnerung grabe, bringe ich jetzt geheime Fonds an den Tag, die bisher ohne Wert für einen Zweifler waren, dessen Gemüt unter der Beschäftigung mit den exakten Wissenschaften steril geworden ist. So erinnere ich mich des Morgens meines ersten Hochzeitstages. Es war ein Wintersonntag, eigentümlich still und unangenehm feierlich für mich, der sich bereitete, das unreine Junggesellenleben zu verlassen und sich mit der Frau, die ich liebte, am ehelichen Herd niederzulassen. Ich fühlte eine Lust, mein Frühstück, das letzte in meinem Junggesellenleben, ganz allein einzunehmen; zu diesem Zweck ging ich in ein unterirdisches Café, das in einer unansehnlichen Gasse lag. Es war ein Kellerraum, mit Gas erleuchtet. Als ich Kaffee-Frühstück bestellt habe, bemerke ich, dass ich den Blicken einer Gesellschaft Männer ausgesetzt bin, die augenscheinlich seit dem Abend um die Flaschen sitzen, gespensterhaft bleich, unmanierlich, nachlässig gekleidet, heiser und garstig, wie sie nach einer in Ausschweifungen zugebrachten Nacht sind. Unter der Gesellschaft erkannte ich zwei Jugendfreunde wieder, die so heruntergekommen waren, dass sie jetzt weder Haus noch Heim noch eine Beschäftigung besassen, notorische Taugenichtse, die vielleicht sogar ans Verbrechen streiften.

Es war nicht Hochmut, der mir Ekel davor einflösste, die Bekanntschaft wieder anzuknüpfen; es war die Furcht, in den Schmutz zurückzufallen; ich wollte mich nicht in meine Vergangenheit versetzen lassen, denn ich hatte in ähnliches Stadium durchgemacht. Schliesslich, als der verhältnismässig Nüchternste von ihnen, zum Abgesandten erwählt, aufstand, um sich meinem Tisch zu nähern, wurde ich von Entsetzen ergriffen; fest entschlossen, meine Identität zu verleugnen, wenn es nötig wäre, messe ich meinen Angreifer mit den Augen; ohne dass ich weiss, wie es zuging, bleibt er ein kleines Stück vor meinem Tisch stehen; mit einem albernen Gesichtsausdruck, den ich nie vergessen kann, bittet er um Entschuldigung und zieht sich auf seinen Platz zurück. Er würde sicher darauf geschworen haben, dass ich es war, und doch erkannte er mich nicht wieder.

Dann fängt man an mein Alibi zu erörtern:

--Er ist es, ganz sicher!

--Nein, hol mich der Teufel, er ist es!

Ich räume das Feld, voll Scham über mich selbst, voll Mitleid mit den Unglücksvögeln, aber in der Tiefe meines Herzens glücklich, einem solch abscheulichen Dasein entronnen zu sein. Entronnen?!

Abgesehen von der moralischen Seite der Sache bleibt noch das Wunderbare bestehen, dass man seinen Gesichtsausdruck so verändern kann, dass man für einen alten Bekannte unerkenntlich wird, dem man das Jahr über auf der Strasse begegnet und zunickt.

Vor fünf Jahren hatte mir in Berlin ein junges Mädchen aus guter Familie das Versprechen abgenommen, ihr eines Abends im Theater Gesellschaft zu leisten. Der Vorschlag gefiel mir nicht, weil ich vermeiden wollte, die junge Dame zu kompromittieren, und ausserdem lange Theaterabende mich ermüden. Da es indessen nicht möglich war, davon loszukommen, begab ich mich zur Zusammenkunft auf ein verabredetes Trottoir. Ich muss jedoch gestehen, dass ich die hundert Schritte hin und zurück auf der anderen Seite der Strasse ging, die indessen ganz schmal war. Ich ging dort eine halbe Stunde, ohne jemand anzusehen, und fest entschlossen, die Begegnung zu verfehlen. Der Streich gelang, und ich schlich mich davon.

Am Tage darauf war ich es, der einen Brief mit Vorwürfen absandte. Das Fräulein antwortete mir verwundert und beteuerte, es sei gekommen und habe gewartet. Die Sache wurde nicht aufgeklärt.

Früher pflegte ich oft allein auf Jagd zu gehen, ohne einen Hund mitzunehmen und oft ohne Flinte. Ich wanderte aufs Geradewohl dahin, es war in Dänemark; als ich auf einer Waldblösse stehen bleibe, taucht ein Fuchs ganz nah bei mir auf. Er sieht mir ins Gesicht, bei klarem Sonnenschein, auf zwanzig Schritt Entfernung. Ich stehe unbeweglich und der Fuchs fährt fort den Boden zu durchschnüffeln, auf Jagd nach Mäusen. Ich bücke mich, um einen Stein aufzunehmen. Da ist er an der Reihe, sich unsichtbar zu machen, denn im Nu, ist er verschwunden, ohne so zu verschwinden, dass ich es sah. Als ich den Boden untersuche, fand ich keine Spur eines Schlupfloches, auch keinen Busch, der ihn verbergen konnte. Er war verschwunden, ohne die Läufe zu Hilfe zu nehmen!

Hier und dort auf den sumpfigen Wiesengründen am Ufer der Donau bauen oft Reiher ihre Nester, und die Reiher sind äusserst scheue Vögel. Trotzdem geschah es oft, dass ich sie überraschen konnte, ohne mich zu verstecken. Und so lange ich mich unbeweglich verhielt, konnte ich dastehen und sie ansehen. Es kam sogar vor, dass sie über meinen Kopf flogen. Niemand wollte mir glauben, wenn ich dies erzählte, am allerwenigsten die Jäger. Daraus schloss ich, dass die Sache ein wenig übernatürlich sei.

Als ich schliesslich diese Abenteuer meinem Freund, dem Theosophen in Lund, erzählte, erinnerte er sich einer Begebenheit, zu der er nie den Schlüssel finden konnte. Ein Arbeiter, den er kannte, besucht ihn und behauptet, ein antiker Kunstgegenstand sei irgendwo zu verkaufen, und bittet um einen Vorschuss von fünf Kronen. Nachdem der Mann den Betrag bekommen hat, ist er wie verschwunden und lässt sich während dreier Monate nicht wieder treffen.

Eines Sonntagabends ging der Theosoph mit seiner Frau durch eine Hinterstrasse, als er den Mann ein Stück vor sich auf demselben Trottoir erblickte. Da habe ich den Burschen endlich!

Der Theosoph lässt den Arm seiner Frau los und beeilt seine Schritte, als plötzlich der andere verschwunden, verdunstet ist. Da war keine Tür, kein Fenster, keine Kellerluke, um hineinzuschlüpfen und sich zu verbergen. Wie gewöhnlich, glaubte der Theosoph das Opfer einer Hallucination gewesen zu sein, zumal sich keine lebende Seele auf der Strasse befand; ein Irrtum der Person war also ausgeschlossen.

Dies ist die nackte Tatsache. Eine Erklärung für das Unerklärliche zu verlangen, ist ein Widerspruch. Wenn man bei einem lebenden Wesen die Fähigkeit anerkennt, die sichtbaren Lichtstrahlen dazu zu bringen, von ihrer Richtung abzuweichen, das heisst, die Amplitude der Refraktion zu verändern, ist etwa in diesem Haufen Worte eine Lösung des Problems zu finden, dessen Hauptpunkt sich in einem Warum und einem Wie verbirgt?

Bleibt nur übrig, dass es ein Wunder war! Mag es denn für ein Wunder gelten, bis man besseren Bescheid erhält; und während wir warten, lasst uns Tatsachen sammeln, ohne sie zu widerlegen zu suchen.

5.

Meines kleingläubigen Freundes Drangsale.

Grosse Verlegenheit empfinde ich, da ich daran soll, meines Freundes Abenteuer darzustellen, aber ich habe ihn im voraus um Verzeihung gebeten, und er weiss, wie uneigennützig meine Zwecke sind. Übrigens, da er selbst seine Verdriesslichkeiten jedem, der sie hören wollte, erzählt hat, ohne sie als ein Geheimnis unter Siegel zu legen, habe ich nur den unparteiischen Chronisten zu spielen; wenn man mich deshalb scheel ansieht, so bin ich es, der darunter zu leiden hat.

Mein Freund ist Atheist und Materialist, aber liebt das Leben, das er verachtet, und ist bange vor dem Tode, den er nicht kennt.

Er ist toll nach Frauen, und als Freischütze nimmt er sein Wildbret sowohl auf verbotenen Jagdgründen wie auf Gemeindeland.

Im Anfang unserer Bekanntschaft, als er mir eine Zuflucht in seiner Wohnung anbot, behandelte er mich mit brüderlicher Freundschaft und pflegte mich wie einen Kranken, das heisst, mit dem rücksichtsvollen Mitleid eines seelenfrischen Freidenkers, der sich auf die Gemütskrankheiten versteht und die Nachsicht übt, die sie fordern.

Nun kann aber auch ein Freidenker seine dunklen Stunden der Traurigkeit haben, für die er keine Ursache weiss, und eines Abend, ganz spät, als die Dämmerung sich im Zimmer ausgebreitet hatte und die angezündeten Lampen nicht genügten, um die Ecken zu erhellen, wo die Schatten ihr Spiel treiben, anvertraute mir mein Freund, zur Antwort auf meinen Dank, dass die Verpflichtung ganz auf seiner Seite sei. Er habe nämlich ganz kürzlich ein Leid erlebt, da ihm sein bester Freund vom Tod entrissen sei. Seitdem werde er von unruhigen Träumen verfolgt, in die sich stets sein abgeschiedener Freund mische.

--Auch du?

--Auch?--Du verstehst doch, dass ich von Träumen spreche, die man nachts träumt....

--Ja, gewiss!

--Schlaflosigkeit, Alpdrücken und so etwas.... Du weisst wie es ist, vom Alp geritten zu werden; das kommt ja von deiner Affektion der Brust, die eine durch Exzesse gestörte Verdauung verursacht. Hast du nie Alpdrücken gehabt?

--Ja, gewiss! Man isst Krebse am Abend, und dann ist es fertig! Hast du es mit Sulfonal versucht?

--Ja, freilich! Aber sich auf die Ärzte verlassen. Du weisst vielleicht selbst....

--Ich kenne sie aus dem Grunde.... Aber lass uns mehr von deinem Kameraden sprechen, der gestorben ist. Offenbart er sich also auf eine beunruhigende Weise, ich meine im Traum?

--Er ist es nicht, der vor mir spukt, das brauche ich dir wohl nicht erst zu sagen. Es ist seine Leiche, und es betrübt mich, sagen zu müssen, dass er unter aufregenden Umständen starb. Denke dir, ein junger talentvoller Mann, der ein vielversprechendes Debut in der Literatur gemacht hat, muss an einer Krankheit sterben, die sehr wenig bekannt ist, Tuberkulosis miliaris; durch die sein Körper eine solche Auflösung durchmachte, dass nichts anderes von ihm übrig bleibt, als ein Hirsesack.

--Und nun spukt seine Leiche vor dir?

--Du willst nicht begreifen, was ich meine; lassen wir die Sache----

Mit schwankender Gesundheit und einer Natur, die ebenso launenhaft wie das Aprilwetter ist, scheint mein Freund an weitvorgeschrittener Nervosität zu leiden; und als ich im Februar von ihm wegziehe, will er nach Sonnenuntergang niemals allein nach Haus gehen.

Da trifft ihn ein Missgeschick von wesentlich ökonomischer Art; ein Prozess soll angestrengt werden, und wir fürchten, dass er sich das Leben nehmen wird, nach gewissen Äusserungen zu urteilen, die er von Zeit zu Zeit fallen lässt!

Neuverlobt, wie er ist, sieht er der Zukunft mit recht düsteren Aussichten entgegen. Aber satt gegen die Widerwärtigkeiten zu reagieren, unternimmt er eine Erholungsreise, um die Sorgen zu betäuben; und nach seiner Rückkehr versammelt er die Kameraden um sich und gibt Festessen. Mitten im Feiern gerät sein Körper in Unordnung, ihm wird verordnet, sich zu Bett zu legen, und er kann nicht darin bleiben infolge einer Diarrhöe, die zwei ganze Tage dauert.

Erst am zweiten Tag davon unterrichtet, begebe ich mich zu ihm. Ein Leichengeruch erfüllt das Haus; der Kranke ist schwarz im Gesicht geworden, so dass man ihn kaum wiedererkennt. Er liegt ausgestreckt auf dem Bett und wird von einem Freund und einer Krankenwärterin gepflegt, deren Hände er nicht einen Augenblick los lässt. Er ist aufgeschreckt, da er von den anhaltenden Plagen geschwächt ist.

Später, als er wieder gesund war, erzählte er mir, er habe eine Vision gehabt von fünf Teufeln in Gestalt roter Affen mit schwarzen Augen, die aufgekrochen auf dem Bettrand sassen und den Schwanz auf und ab bewegten.

Als er seine Kräfte wiedergewonnen hat und es ihm gelungen ist, die Geldsachen zu ordnen, erzählt er seinen Traum jedem, der ihn anhören will, und man amüsiert sich sehr darüber!

Von Zeit zu Zeit drückt er seine Verwunderung darüber aus, dass das Schicksal, das ihn bisher begünstigt hat, nun anfängt, ihn zu verfolgen: nichts will mehr gelingen, alles geht schief.

Mitten in diesen Betrachtungen, die von fröhlichem Leben unterbrochen werden, bekommt der Unglückliche, der bei den Mächten in Ungunst geraten zu sein scheint, einen neuen Stoss, der zu fühlen ist. Ein Kaufmann, der zu seinem Kreis gehört, hat sich ertränkt, Schulden hinterlassend; mein Freund hat für ihn auf eine ansehnliche Summe gebürgt und ist in grosser Verlegenheit.

Die Verdriesslichkeiten beginnen nun, und zwar gehörig. Der Körper des Toten spukt in der Küche meines Freundes, und dieser beredet einen jungen Doktor, die Nächte in seiner Wohnung zuzubringen, um das Gespenst zu verscheuchen. Aber die Unsichtbaren nehmen auf nichts Rücksicht, und eines Nachts erwacht mein Freund, um das ganze Zimmer voller Mäuse zu sehen. Von deren Wirklichkeit überzeugt, nimmt er einen Stock und schlägt nach ihnen, bis sie verschwinden.

Das war ein Anfall von Fieberphantasie, aber einer zu zweien, denn am nächsten Morgen erzählt der Kamerad, der im Zimmer nebenan lag, er habe in dem Zimmer, wo der andere schlief, Mäuse piepen _gehört_.

Wie soll man eine Hallucination erklären, die der eine durch den Gesichtssinn und der andere mit dem Gehör wahrgenommen hat?

Als man indessen am hellen Tage und bei Sonnenschein dieses Abenteuer erzählt, wird es in Lächeln gewendet. Und darauf unterfängt sich mein Freund, die Erscheinung, die er von dem Kaufmann, dem Selbstmörder, gehabt hat, im einzelnen zu erläutern, und er begleitet seine Darstellung mir ausgesucht cynischen Bemerkungen.

--Könnt ihr euch denken, er war ganz schwarz und die weissen Maden wimmelten aus dem Rumpfe hervor.... Als Augenzeuge kann ich berichten, dass er im selben Augenblick, als er diese Worte ausgesprochen hatte, erbleichte, vom Tisch aufstand und mit einer Gebärde des Ekels auf etwas deutete, das auf seinem Teller lag. Es war eine weisse Made, die an einer Sardine entlang kroch!

Am folgenden Tage wird mein Freund genötigt, seine Abendmahlzeit abzubrechen, weil er weisse Maden an einem Stück Küken findet.

Er vermag nichts zu essen, obgleich er sehr hungrig ist, und wird ängstlich, aber nur für einen Augenblick.

--Was bedeutet das? Was bedeutet das?

--Man soll nicht schlecht von den Toten sprechen. Denn sie rächen sich.

--Die Toten? Aber die sind ja tot!

--Gerade deshalb sind sie lebendiger als die Lebendigen.

Mein Freund hat sich wirklich angewöhnt, offen von den Schwächen des Verstorbenen zu sprechen, der ihm trotz allem ein guter Freund gewesen war.

Einige Tage später, als wir auf der Gartenveranda des Restaurants bei Tische sitzen, ruft einer von den Tischgästen aus:

--Seht, die Maus, so eine grosse Maus!

Keiner hat sie gesehen, und man macht sich lustig über den Visionär.

--Wartet nur, ihr werdet sie schon sehen, sie ist dort unter den Brettern! Eine Minute vergeht und eine Katze kommt unter den Brettern hervor.

--Ich glaube, wir haben bald genug von Mäusen! ruft mein Freund aus, augenscheinlich peinlich berührt.

Nach Verlauf einiger Zeit kommt eines Abends jemand und klopft an meine Tür, nachdem ich zu Bett gegangen bin. Ich öffne und befinde mich von Angesicht zu Angesicht mit meinem Freunde, der entstellt aussieht und erregt ist. Er bittet, bei mir auf einem Sofa bleiben zu dürfen, weil ... eine Frau die ganze Nacht hindurch schreit in dem Hause, wo er wohnt.

--Ist es eine richtige Frau oder ein Gespenst?

--Oh, es ist eine Frau, die den Krebs hat und nichts besseres verlangt, als sterben zu dürfen.--Man kann verrückt werden von dem all dem! Und wenn ich meine Tage nicht im Irrenhaus beschliesse, wäre es wunderbar!

Es ist nur ein sehr kurzes Sofa da, und als ich den hochgewachsenen Mann auf einem solchen Ding und zwei daneben gestellten Stühlen ausgestreckt sehe, ist mir, als sähe ich einen Galeerensträfling auf der Folterbank.

Aus seiner hübschen Wohnung und seinem bequemen Bett verjagt, des einfachen Genusses, sich auskleiden zu dürfen, beraubt, flösst er mir Mitleid ein, und ich biete ihm als Zeichen meiner Dankbarkeit mein Bett an. Aber er sagt nein dazu.

Die Lampe muss angezündet sein, er will es, und der Schein fällt dem Unglücklichen gerade ins Angesicht. Ihm ist bange vor dem Dunkel, und ich verspreche ihm, als Nachtwache aufzubleiben.

--Es leidet keinen Zweifel! Es ist eine kranke Frau, aber merkwürdig ist es jedenfalls.

So liegt er und murmelt, bis der Schlaf sich seiner erbarmt!

Ganze zwei Wochen lang musste er nachts auf fremden Sofas Ruhe suchen.

--Das ist ja die Hölle selbst! ruft er aus.

--Ganz mein Gedanke! gebe ich zur Antwort.

Und ein anderes Mal, als sich die "weisse Frau" in der Nacht gezeigt hat, stellt er selbst die Möglichkeit auf, es könne eine Strafe sein. Meiner Rolle getreu, beschränke ich mich auf ein skeptisches Schweigen. Ich will übergehen die Begebenheiten mit dem schreienden Mädchen, die Dazwischenkunft des Polizeiagenten, der als alter Mitschuldiger in einer berüchtigten Sache erkannt wurde; ich verweile auch nicht bei dem Auftreten des Butterhändlers und seiner Tochter, sondern setze ein mit der Erzählung von der Madonna und der Vision, die man auf telepatischem Wege von einer Person in dem Augenblick hatte, als sie starb. Sie ist ganz kurz.