Part 15
Die Jugend wartet auf etwas Neues, ohne sich noch klar gemacht zu haben, was sie ersehnt. Neues um jeden Preis, ausgenommen Abbitte und Rückzug. Vorwärts zu dem Unbekannten, was es auch sei, wenn es nur nicht etwas Altes ist. Man will freilich eine Versöhnung mit den Göttern, aber es sollen umgeschaffene sein, besser entwickelte Götter, die auf gleicher Höhe mit der Gegenwart stehen, Götter von weitherziger Auffassung, frei von kleinlichen Vorurteilen, berauscht von Lebensglück. Leider aber sind die Unsichtbaren krittlig geworden, neidisch auf die Freiheiten, welche die Sterblichen sich erworben haben. Der Wein ist vergiftet worden und verursacht wilde Verrücktheit, statt liebliche Visionen hervorzurufen. Die durch Gesellschaftsbande geregelte Liebe erweist sich als ein Zweikampf auf Leben und Tod; die freie Liebe führt im Schlepptau unnennbare und endlose Krankheiten, bringt Elend über die Heimstätten, stösst ihre Opfer schimpfbeladen vom Verkehr aus.
Die Epoche eines Experimentiergeistes ist abgelaufen und die Experimente haben lauter negative Resultate ergeben. Um so besser für die Menschen der Zukunft: die werden Nutzen ziehen aus den heilsamen Lehren, die sie aus der Niederlage der Vorhut holen können, welche in der Wüste irre gegangen und in einem hoffnungslosen Kampf gegen die Übermacht gefallen ist.
Einsam, wie ich bin, schiffbrüchig, ein Wrack, das auf eine Schäre im Ozean geworfen worden ist, habe ich Augenblicke, in denen ich von Schwindel vor dem blauenden Nichts ergriffen werde. Ist es der Himmel, der einen Widerschein von dem ausgebreiteten Tuche des Meeres trägt, oder das Meer, das den Himmel spiegelt?
Ich habe die Menschen geflohen, und die Menschen fliehen mich. In meiner ersehnten Einsamkeit werde ich von einer ganzen Schar Dämonen heimgesucht, und wenn alles zusammen kommt, fange ich doch an den geringsten unter den Sterblichen den interessantesten Schemen vorzuziehen. Aber wenn ich einen Menschen suche, während der langen Abende, durch die ganze Stadt, treffe ich keinen, weder bei sich zu Hause noch in den Cafés.
Da, mitten in meiner schicksalbestimmten, unvermeidlichen Armut sendet die Vorsehung einen Mann auf meinen Weg, ja einen Mann, dessen Vater ich früher missachtet hatte, sowohl wegen seiner mangelhaften Erziehung wie wegen seiner radikalen Ansichten, die ihn von den besseren Gesellschaftskreisen ausschlossen .... Jetzt kam die Vergeltung: ich hatte den Vater geschmäht, trotzdem er ein reicher Mann war, und ich werde geradezu gezwungen, mit dem Sohn fürlieb zu nehmen. Hier muss hinzugefügt werden, dass der junge Mann in der Stadt ebenso schlecht angeschrieben ist, wie ich, ebenso isoliert, weil er die Rolle eines Verführers der Jugend spielt. Und das Unglück bringt uns dazu, eine wahrhaftige Freundschaft zu knüpfen.
Er ladet mich ein, bei sich zu wohnen, er streckt mir Existenzmittel vor, er wacht über mich wie über einen Kranken; und in der Tat hat die Verfolgung mich verleitet, in einem Hotel Skandal zu erregen: ich wollte in ein Zimmer neben dem meinen eindringen, überzeugt, dort Feinde zu finden, die mich beunruhigten. Wenn ich noch einen Tag in diesem Hotel gewohnt hätte, würde die Polizei sich eingemischt haben, und eine Zukunft im Irrenhause wäre mir sicher gewesen.
Zur selben Zeit bringt das Auftreten eines andern jungen Mannes mich zu der Überzeugung, dass die Götter nicht unversöhnlichen Groll gegen mich nähren.
Ein richtiges Wunderkind, geboren mit frühreifer Einsicht in alle Zweige des menschlichen Wissens, wohl erzogen von einem gelehrten und sittlich hoch stehenden Vater, wurde der junge Mann vor zwei Jahren von einer ganz geheimnisvollen Krankheit ergriffen, deren Einzelheiten er mir zu dem Zweck offenbarte, meine Meinung zu erfahren oder vielmehr die Bestätigung seines eigenen Argwohns zu hören.
Genug, der junge Mann, der ein reines Jünglingsleben gelebt und die strengsten Grundsätze eingesogen hat, tritt unter günstigen Verhältnissen hinaus ins Leben, von seinen Altersgenossen beschützt und beliebt wohin er kommt. Aber eines Tages begeht er eine Handlung, die ihm sein Gewissen bestimmt verbietet. Nichts ist seitdem imstande ihn zu beruhigen. Nach langer Zeit geistiger Tortur unterliegt auch sein Körper. Gleichzeitig erreicht seine Seelenkrise eine erschreckende Höhe. Jeden Tag konstatiert er einen neuen Fortschritt eines eingebildeten Übels, und schliesslich macht er die Qual der Agonie durch. Darauf glaubt er tot zu sein; er hört in allen Wohnungen des Hauses Särge zunageln. Wenn er die Zeitung liest--sein Verstand ist nämlich dauernd klar--erwartet er die Anzeige seines eigenen Begräbnisses zu sehen. Gleichzeitig erleidet sein Körper eine Scheinauflösung mit Leichengeruch, der seine Umgebung von seinem Bett schreckt und ihn selbst zum Schaudern bringt. Eine Veränderung in der Persönlichkeit selbst scheint vor sich gegangen zu sein, da der junge Mann, der auf seine Weise religiös gesinnt war, nun von Zweifeln angefochten wird.
Eine Wahrnehmung, die er im Gedächtnis behielt, war, dass seine Umgebung stets wachsbleiche oder blaue Gesichter hatte. Und wenn er aufgestanden war, um die Leute auf der Strasse zu betrachten, schienen ihm alle Passanten blau im Gesicht zu sein. Was ihm ferner Entsetzen einflösste, war, dass sich unten auf der Strasse eine unendliche Reihe von Bettlern, zerlumpten Kerlen, gebrechlichen beinlosen Krüppeln auf Krücken an seinem Fenster vorbei schleppten, als seien sie zusammengerufen worden, um Revue zu passieren. Während der ganzen Zeit behielt der Kranke den Eindruck, dass die Wirklichkeit von dem, was er sah, über jeden Zweifel erhaben war; daneben aber wurde er gezwungen, eine symbolische Bedeutung hineinzulegen. Jedes Buch, das er öffnete, enthielt direkte Mahnungen an ihn.
Nachdem er seine Erzählung beendet hatte, frage er, was ich von der Sache denke.
--Etwas Halbwirkliches, eine Reihe Visionen, von jemand heraufbeschworen, zu bewusstem Zweck. Eine lebende Scharade, aus der die Nutzanwendung zu ziehen Ihnen zukommt. Nun, wie wurden Sie geheilt?
--Es ist recht lächerlich, aber ich will es Ihnen gestehen. Früher hatte ich immer in Opposition zu meinen Eltern gestanden, die mich mit unermüdlicher Fürsorge für Leib und Seele umgaben; jetzt aber beuge ich schliesslich den Nacken unter das Joch, das mir lieblich und wohltuend geworden, da es von ungeheuchelter Liebe abgemessen war. So wurde ich geheilt.
--Und haben Sie nie einen Rückfall gehabt?
--Doch! Ein einziges Mal! Aber von der gelindesten Art. Eine Zeitlang unbedeutende Nervosität und Schlaflosigkeit, die vor den einfachsten medizinischen Verhaltensmassregeln wich. Aber dieses Mal hatte ich mir auch nichts vorzuwerfen.
--Und was hat Ihnen der Arzt verordnet?
-Ordentlich zu leben, nachts zu schlafen und Ausschweifungen zu vermeiden.
--Das ist ja ganz der Weg des Kreuzes!
Nun bin ich also nicht mehr einsam und verlassen; der junge Gelehrte scheint mir als ein Bote von den Mächten gekommen zu sein, ich kann ihm alles anvertrauen; und indem wir vergleichen, was wir erlebt haben, stützen wir einander gegenseitig auf dem schmalen Pfad im Tal der Schmerzen.
Auch er getroffen in jungen Jahren!
Alle Menschen gewaltsam aus dem Schlaf gerissen!
Es ist also eine allgemeine Erweckung, und was bezweckt sie?
3.
Erziehung.
Swedenborg, mein Wegweiser in der Finsternis, hat sich nur als Bestrafer offenbart. Die "Arcana Coelestia" sprechen nur von der Hölle und von Strafen, die vollzogen werden von bösen Geistern, das heisst Teufeln. Nicht ein Wort des Trostes, keine Gnade. Und doch ward ja der Teufel in meiner Jugend abgeschafft, alle lachten über ihn; und durch die Ironie des Zufalls bereitet man sich gerade jetzt dazu, das Jubiläum des Philosophen Boström zu begehen, der die Hölle niederriss und den Teufel vernichtete. Zu diesem Denker sah man in meiner Jugend wie zu einem Reformator auf, und jetzt rüstet sich der Teufel zu einer Renaissance für sich. Er ist in die Erzeugnisse der sogenannten satanischen Literatur geschlüpft, in die schönen Künste an die Seite von Christus, ja sogar in die Industrie. Letzte Weihnacht habe ich bemerkt, dass die Geschenke meist kleine Teufel und Gespenster vorstellten, sowohl die Spielsachen der Kinder wie komische Gegenstände, welche die älteren für einander kaufen, Zuckerwerk, Kontorkalender. Gibt es ihn noch, oder ist er nur ein halb wirkliches Schreckbild, das von den Unsichtbaren projiziert wird, um einen starken Eindruck auf uns zu machen? Uns zum Kreuze hinzustossen? Eine Antwort darauf zu finden, war mir noch nicht gelungen, als man mich an einem trüben Abend zu einem Bildhauer führt, der Freidenker und Atheist ist, wie die theosophische Gesellschaft, deren Anhänger er ist. Bei ihm kann man eine Privatsammlung von Gegenständen in Ton sehen, die für die Stockholmer Ausstellung bestimmt sind.
Mit abstossendem Realismus und Cynismus ist da der Teufel in verschiedenen Situationen dargestellt, immer in Verbindung mit einem Priester, dem vor ihm bange ist.
Das ist ein Lachen! Aber ich, ich kann nicht lachen und denke: warte, wir werden sehen!
Nach Verlauf von vier Monaten begegne ich dem Bildhauer auf der Strasse.
Er sieht betrübt aus, als sei ihm etwas Unangenehmes widerfahren.
--Können Sie sich solch ein verdammtes Pech denken: man hat drei meiner besten Figuren zerschlagen, als man sie auf der Ausstellung auspackte.
Das ist etwas, was mich ausserordentlich interessiert, und in demselben Augenblick, in dem ich das Unglück beklage, frage ich mit einer fast schmählichen Neugier:
--Und welche von Ihren Statuetten waren es?
--Die drei mit dem Teufel, so viel ich weiss. Ich lache nicht, aber antworte lächelnd:
--Da sehen Sie, Lucifer kann Karikaturen nicht leiden!
Einige Wochen später hat der Bildhauer ein neues Schreiben erhalten, in dem man ihm mitteilt, dass die anderen Figuren von ihrem Sockel gefallen und in Stücke zerschlagen sind, ohne dass die Verwaltung erklären kann, wie es zugegangen ist. Mithin hat der arme Künstler ein Jahr verloren, die Herstellungskosten nicht gerechnet, und er sieht sich aus dem Verzeichnis der Aussteller gestrichen.
In seiner Untröstlichkeit tröstet er sich mit dem Zufall, der nichts besagt; zugleich rettet der jedoch den menschlichen Stolz, welcher vor dem blinden Ungefähr die Knie beugt. Man senkt den Kopf vor dem Stein, der von der Schleuder geflogen kommt: aber der Schleuderer selbst? Einen solchen hat man nicht gesehen.
Inzwischen bekomme ich nach und nach Swedenborgs Arbeiten in die Hände, eine nach der anderen, und immer in einem günstigen Augenblick. So treffe ich in seinen "Träumen" alle Symptome der "Krankheit" an, die mich heimsucht, die nächtlichen Anfälle, die Atemnot. Und die Tatsachen, die in diesen seinen Aufzeichnungen erzählt werden, gehören in die Zeit vor den Offenbarungen. Das war für Swedenborg die Periode der "Verwüstung", als er dem Satan überliefert wurde, damit das Fleisch getötet werde.
Das gibt mir Klarheit über die wohlwollenden Absichten des Unsichtbaren, ohne mir jedoch Trost bringen zu können. Erst nachdem ich "Himmel und Hölle" gelesen habe, fange ich an mich erbaut zu fühlen. Es gibt einen Zweck in diesen unerklärlichen Leiden: die Verbesserung und Entwicklung meines Ichs zu etwas Grösserem, Nietzsches erträumtem Ideal, wiewohl anders aufgefasst.
Den Teufel gibt es nicht als ein selbständiges Wesen, das Gott gleich und sein Widersacher ist. Der Unsichtbare, der uns plagt, ist der Zuchtgeist. Viel ist schon gewonnen mit der Einsicht, dass das Böse um des Bösen willen nicht existiert; und von neuem wird die Hoffnung geboren, dass man durch Reue und gewissenhafte Überwachung der eigenen Gedanken und Handlungen zum Frieden des Herzens kommen kann.
Und da ich beobachte, was sich im täglichen Leben zuträgt, wird eine neue Erziehung wirksam, und ich lerne nach und nach die konventionellen Zeichen deuten, die von den Unsichtbaren benutzt werden. Doch sind die Schwierigkeiten gross infolge meines Alters und der eingewurzelten schlechten Gewohnheiten; auch bin ich durch eine gewisse Nachgiebigkeit zu sehr geneigt, mich meiner Umgebung anzupassen. Es hält so schwer, zuerst von einem fröhlichen Gelage aufzubrechen; ich bin ein "schlechter Kamerad", wenn ich meinen Willen Freunden, denen ich verpflichtet bin, aufzwingen will. Aber man muss auf dieser Welt alles lernen.
So hatte ich mir angewöhnt, nach dem Mittagessen, das ich um zwei einnehme, beim Kaffee sitzen zu bleiben; und eines Tages Anfang Februar sitze ich da, mit dem Rücken gegen die Aussenwand. Man hat begonnen, die Frage zu erörtern: sollen wir uns eine halbe Flasche Punsch leisten?
Im selben Augenblick kommt eine unmittelbare Antwort in Form eines Lärms, der hinter meinem Rücken so stark ausbricht, dass die Kaffeetassen auf dem Tablett hüpfen.
Man kann sich denken, was ich für ein Gesicht machte! Einer von den Freunden steht auf, um nachzusehen, was los ist. Es ist etwas ganz Einfaches: ein Arbeiter bessert den Mauerputz draussen aus.
Wir setzen uns in ein besonderes Zimmer. Sofort bricht ein neues Poltern über meinem Kopfe aus, oben auf dem Boden. Ich erhebe mich und fliehe vom Schlachtfeld. Von dieser Stunde bleibe ich niemals nach dem Mittagessen beim Kaffee sitzen, ausgenommen an Feiertagen.
Am Abend dagegen kann ich ein Glas mit den Freunden trinken, da es sich nicht so sehr ums Trinken handelt, als um Gedanken austauschen mit kenntnisreichen Leuten, die alle Zweige der Wissenschaft vertreten. Aber manchmal geschieht es, dass die reine Trunksucht überhand nimmt und eine zügellose Fröhlichkeit sowie Vorschläge in cynischer Richtung zur Folge hat; dann bricht die schlimmere Natur in einem durch, die brutalen Instinkte nehmen sich freien Spielraum. Es ist so bequem, eine Weile Tier zu sein, und übrigens ist das Leben nicht immer lustig ... und so weiter im selben Sinne.
Eines Tages, nachdem ich einige Zeit an stürmischen Trinkgelagen teilgenommen habe, bin ich auf dem Wege zu meinem Mittagstisch. Ich gehe an einem Beerdigungsinstitut vorbei, wo ein Sarg ausgestellt ist. Die Strasse ist mit Fichtenzweigen bestreut und die grosse Glocke des Doms läutet Totengeläut. Als ich ins Restaurant komme, finde ich meinen Tischkameraden in Betrübnis: er ist gerade vom Krankenhaus gekommen, wo er von einem Sterbenden Abschied genommen hat.
Als ich nach dem Mittagessen durch Hinterstrassen, in denen ich noch nicht gewesen bin, nach Hause gehe, begegne ich zwei Leichenzügen.
Wie alles heute nach Tod riecht! Und der Kirchturm fängt wieder an mit Totengeläut.
Als ich am Abend durch den Torweg in die Kneipe zu gehen beabsichtige, sehe ich einen alten Mann an der Mauer stehen, der sichtlich betrunken und krank ist. Um nicht mit ihm zusammenzustossen, mache ich einen Umweg und begebe mich in den Speisesaal. Mein Katzenjammer von gestern und die Begräbniseindrücke im Laufe des Tages flössen mir eine heimliche Furcht vor Spirituosen ein, so dass ich Milch zum Abendessen bestelle.
Während der Mahlzeit erschallt im Hause ein Lärm, der mit ängstlichen Rufen gemischt ist, und nach einer kleinen Weile trägt man den Alten vom Torweg in Prozession herein, der Sohn des Verschiedenen an der Spitze. Der Vater ist gestorben. Ein gib acht für den Trinker!
In der folgenden Nacht bekam ich einen schrecklichen Anfall von Alpdrücken. Jemand klammerte sich fest an meinem Rücken an und schüttelte mich an den Schultern.
Dies genügte mir, um mich im nächtlichen Trinken vorsichtig zu machen, ohne dass ich jedoch ganz davon abstand.
Ende Januar bin ich in eine Privatwohnung umgezogen und sehe immer meinem Geschick ins Auge, ohne meine Zuflucht zu der Zerstreuung nehmen zu können, die in der Gegenwart eines Freundes liegt. Es ist ein Zweikampf, und zu entschlüpfen ist nicht möglich! Wenn ich abends nach Haus komme, erfahre ich sofort, wie es um mein Gewissen steht. Eine erstickende Atmosphäre auch wenn die Fenster aufgemacht werden, verkündet eine schwere Nacht. Es gibt Abende, da ich überzeugt bin, dass ich jemand in meinem Zimmer befindet. Dann bekomme ich infolge der furchtbaren Angst Fieber mit kaltem Schweiss und wenn ich mein Gewissen untersuche, finde ich augenblicklich, wo der Schuh drückt. Aber ich fliehe nicht mehr, weil es nichts nützt.
Unter den Lektionen, welche die Zuchtgeister mir geben, wage ich eine nicht zu vergessen, nämlich das Verbot, in verborgenen Dingen zu forschen; denn diese sollen verborgen bleiben.
So hatte ich auf meinen Ausflügen in Schonen eine Art an verschiedenen Stellen befindlicher Steine von eigentümlicher und sehr charakteristischer Form bemerkt. Sie gaben nämlich entweder Tiertypen wieder, besonders Vögel, oder Hüte, Helme. Es fanden sich auch andere, mit Rillen, welche die Widmannstättenschen Figuren auf Meteorsteinen nachahmten.
Ohne mir ganz klar darüber zu sein, woher deren Ursprung herzuleiten wäre, erhielt ich den Eindruck, dass es nicht "ein Spiel der Natur" sei. Ihre Gestalt gab an, dass sie Kunsterzeugnisse seien, hervorgegangen und bearbeitet von Menschenhand.
Zwei Jahre lang setzte ich die Jagd nach ihnen fort; nachdem ich einen Freund für die Sache interessiert habe, sage ich ihm einen Fundort, damit er einen Photographen dorthin schickt.
Die Expedition missglückte, und ein Jahr später entdeckte ich, dass die Adresse unrichtig war.
Jedesmal, wenn ich seitdem eigensinnig diese Untersuchung fortsetzen will, stellen sich Hindernisse ein, die zu merkwürdig sind, als dass ich sie dem Zufall auf Rechnung setzen könnte.
So, um nur ein Beispiel anzuführen, habe ich eines Morgens beschlossen, mit einem Altertumsforscher einen Ausflug zu machen, um die Frage mit einem einzigen lange vorbereiteten Schlag zu entscheiden. Da passiert es mir, dass auf der Strasse vor meiner Tür eine Zwecke in meinem Stiefel losgeht und mich in den Fuss sticht. Anfangs kümmere ich mich nicht darum, als ich aber an die Wohnung des Begleiters gekommen bin, wird der Schmerz so heftig, dass ich stehen bleiben muss. Unmöglich, weiter zu gehen; kein Ausweg, umzukehren! Wütend ziehe ich in meinem Verdruss den Stiefel aus und mache die Zwecke mit einem Messer glatt. Eine dunkle Erinnerung an meine Swedenborg-Lektüre ruft mir in einem Augenblick folgende Stelle zurück: "Wenn die Zuchtgeister eine schlechte Handlung sehen oder _die Absicht, etwas Unrechtes zu tun, so strafen sie durch einen Schmerz im Fuss_, in der Hand oder in der Gegend des Zwerchfells." Aber aufgestachelt wie ich war von Wissbegierde, die ich für zulässig und lobenswert hielt, setzte ich den unterbrochenen Weg fort und schloss mich alsbald meinem Kameraden an.
Die Exkursion soll in einer Grotte, die im Park liegt, anfangen. Aber der Eingang ist durch Schmutzhafen scheusslichster Art versperrt; auf eine so herausfordernde oder vielmehr ironische Weise sind sie dahingelegt, dass ich lächeln muss.
Die andere Fundstelle, die ich gut kenne, ist in einem Garten, wo Steinblöcke um einen Baum gruppiert sind, an die man leicht heran gehen kann. Aber diesen Morgen hat der Gärtner den Baum und die Altertümer durch einen Ring von Blumentöpfen so abgesperrt, dass ich meinem gelehrten Begleiter nichts zeigen kann. Ein schönes Fiasko!
Doch durch die Hindernisse gereizt, schleppe ich meinen Mann, der anfängt, sich zweifelnd zu stellen, quer durch die Stadt nach einem Hof, wo ein ganzes Museum zusammengebracht ist. Dort wird wohl der Ausschlag gegeben werden, und ich erwarte ein Resultat, das geeignet ist, verblüfft zu machen. Wir werden sogleich von einem der schlimmsten Köter begrüsst; als wir ihn anschnauzen, werden die Einwohner des Hauses auf den Hof gelockt; wir müssen unser Anliegen hervorbrüllen, um den bellenden Hofhund überschreien zu können. Es ist ein geschlossenes Gitter rings herum angebracht, und man kann den Schlüssel nicht finden!
--Gibt es noch mehr Stellen? Fragt mich der Altertumsforscher, der mich bereits verachtet.
--Ja, die gibt es, aber ausserhalb der Stadt!
Ich will den Leser nicht mit Lappereien ermüden; genug, nach mehr oder minder ärgerlichen Irrfahrten kommen wir endlich zu einem solchen Haufen Steine. Aber welche Hexerei: ich konnte dem gelehrten Manne nichts zeigen, weil er nichts sah; auch ich selbst, wie mit Verblendung geschlagen, vermochte nicht mehr in ihrer Gestalt etwas wie Abbildung organischer Wesen zu unterscheiden.
Am folgenden Tage dagegen, als ich mich wieder an die Stelle begeben hatte, dieses Mal allein, sah ich eine ganze Menagerie.
Die Erzählung dieses Abenteuers mag geschlossen werden, indem ich auf die Beschaffenheit dieser Überreste einer präadamitischen Skulptur hinweise. Die Okkultisten leiten nämlich deren Ursprung vom Menschengeschlecht der Atlaszeiten ab und stellen sie auf dieselbe Linie wie die Kolossalsteinbilder der Osterinseln und der Wüste Gobi. Olaus Magnus erwähnt sie auch und hat sie in grosser Menge an der Küste von Broviken in Ostergötland gefunden. Swedenborg legt ihnen eine symbolische Bedeutung unter und hält sie für Kunsterzeugnisse des Geschlechts des silbernen Zeitalters. (Vergleiche "Delitiae sapientiae".)
Nach dem zu urteilen, was sich in dem begrenzten Kreise, in dem ich lebe, zeigt, erlauben die Mächte mir nicht, meine Bekanntschaften zu wählen; noch weniger, jemand zu verschmähen, wer es auch sein mag. Wie alle anderen werde ich von Sympathien und Vorliebe für gewisse Arten von Naturen beherrscht. Gegenwärtig suche ich ernst angelegte Menschen, denen ich meine Gedanken mitteilen kann, ohne mich unpassendem und verletzendem Scherz auszusetzen. Die Vorsehung hat mir einen Freund geschickt, den ich wegen seiner reinen Atmosphäre hochachte. Gleich einem verzogenen Kind fange ich an die andern, ungekünstelte Seelen ohne Schwung, die zuweilen Vergnügen an Grobkörnigkeiten finden, zu missachten.
Aber im selben Augenblick, da ich mich zurückziehe, ist mein Freund aus der Stadt gereist; die andern kann ich nirgends treffen, und in meiner Isolierung werde ich genötigt, mich so zu demütigen, dass ich die Gesellschaft von unbedeutenden Menschen erbettle, mit denen mein gewöhnlicher Freundeskreis nicht verkehrt. Doch nachdem ich einige Erfahrungen in dieser Richtung gemacht habe, erneuert sich schliesslich meine alte Entdeckung, dass der Unterschied zwischen Mensch und Mensch nicht so gross ist, wie man sich vorgestellt hat; tatsächlich habe ich unter dem niederen Volk wirkliche Gentlemen getroffen, und wie manchen Heiligen und Helden habe ich nicht ahnend in der Schar der Verachteten unterschieden?
Andererseits behauptet man ja: "Schlechte Gesellschaft verdirbt gute Sitten". Wo gibt es denn die schlechte Gesellschaft? Und wo wäre die gute?
Angenommen, wie ich getan habe, eine Mission sei mir auferlegt worden, als ich mich in einer fremden Stadt niederliess, ohne selbst zu wissen warum, was habe ich hier zu tun? Gute Sitten zu predigen? Mein Gewissen antwortet mir: durch dein Vorbild. Aber nun nimmt mich niemand zum Vorbild! Und was würde es nützen, suchte ich junge Männer, die nicht so viel gesündigt haben wie ich, zu moralisieren?
Übrigens scheint das Zeitalter der Propheten zu Ende zu sein; die Mächte wollen nichts mehr von Priestern wissen, sonder haben selber die Regierung über die Seelen wieder aufgenommen; man braucht nicht lange zu suchen, um Beispiele dafür zu finden.
Einer unserer Dichter ist neulich vor Gericht beschieden worden infolge einer Sammlung Gedichte, in der man unsittliche Stellen gefunden hat. Von der Jury freigesprochen, findet er doch keine Ruhe.
In einem der Gedichte hat er den Ewigen zum Ringkampf herausgefordert, auch wenn der Streit in der Hölle abgemacht werden müsse. Es sieht aus, als sei die Herausforderung angenommen worden und der junge Mann wie ein gebrochenes Rohr gezwungen, um Gnade zu bitten.
Eines Abends, als er in der fröhlichen Gesellschaft der Freunde sitzt, geschieht es, dass eine den exakten Wissenschaften unbekannte Kraft ihm die Zigarre entreisst, so dass sie zu Boden fällt.