Part 13
Wenn ich die bösen Leidenschaften besiegt habe und durch Enthaltsamkeit zu einem gewissen Frieden des Herzens gelangt bin, empfinde ich eine Selbstzufriedenheit, die mich über meinen Nächsten erhebt; und das ist eine Todsünde, die Eigenliebe, die auf der Stelle bestraft wird.
Wie die Tatsache erklären, dass jede Lehrzeit in der Tugend ein neues Laster zur Folge hat.
Swedenborg löst die Frage, indem er sagt die Laster seien Strafen, die den Menschen für Sünden höherer Art auferlegt werden. So werden zum Beispiel die Ehrgeizigen zur sodomitischen Hölle verdammt. Geben wir zu, dass diese Lehre die Wahrheit enthält, so müssen wir unsere Laster ertragen und uns über die Gewissensqual, die sie begleitet, freuen, als bezahlten wir unsere Schulden am Schalter der grossen Kasse. Die Tugend suchen, bedeutet also, aus dem Gefängnis der Strafen zu entrinnen suchen.
Das hat Luther im Artikel 39 seiner Schrift gegen die römische Bulle sagen wollen, in dem er verkündigt: "Die Seelen des Fegefeuers sündigen unaufhörlich, weil sie den Frieden suchen und den Qualen ausweichen."
Ebenso in Artikel 34: "Die Türken bekämpfen, ist nichts anderes, als sich gegen Gott, der uns durch die Türken für unsere Sünden züchtigt, auflehnen."
Es ist also klar, dass "alle unsere guten Werke Todsünden sind", und dass "die Welt vor Gott schuldig sein muss, und dass niemand gerecht werden kann ohne die Gnade".
Leiden wir also, meine Brüder, ohne von dem Leben eine einzige wirkliche Freude zu erhoffen, denn wir sind in der Hölle.
Und klagen wir nicht den Herrn an, wenn wir die kleinen unschuldigen Kinder leiden sehen. Niemand wird wissen, warum sie leiden, aber die göttliche Gerechtigkeit lässt uns ahnen, dass sie Verbrechen sühnen, die begangen sind, bevor sie zur Welt kamen.
Freuen wir uns über die Qualen, die ebenso viele bezahlte Schulden sind, und glauben wir, dass wir aus Barmherzigkeit nicht erfahren, welche Ursachen ursprünglich unsere Strafen haben.
17.
Wohin gehen wir?
Sechs Monate sind vergangen, und ich gehe noch immer auf dem Stadtwall spazieren, von wo ich meine Blicke nach dem Irrenhaus schweifen lasse und nach dem blauen Streifen des fernen Meeres spähe. Von dort wird die neue Zeit, die neue Religion kommen, von der die Welt träumt.
Der düstere Winter ist begraben, die Felder grünen, die Bäume blühen, die Nachtigall schlägt im Garten der Sternwarte; aber die Traurigkeit des Winters lastet auf unseren Seelen, denn so viel unheilvolle Ereignisse, so viel unerklärliche Vorfälle haben wir erlebt, dass selbst die Ungläubigsten unruhig geworden sind. Die Schlaflosigkeit nimmt zu, die Nervenkrisen vermehren sich, die Visionen sind häufig geworden, wahre Wunder erfüllen sich. Man erwartet etwas.
Ein junger Mensch besucht mich.
--Was muss man tun, um nachts ruhig zu schlafen?
--Was ist geschehen?
--Ich weiss es wahrhaftig nicht zu sagen, aber ich habe einen Schrecken vor meinem Schlafzimmer bekommen, und ich ziehe morgen aus.
--Junger Mann, Atheist und Realist, was ist geschehen?
--Als ich heute Nacht die Tür öffnete, um einzutreten, fasste mich jemand beim Arm und schüttelte mich.
--Es ist also jemand in Ihrem Zimmer?
--Aber nein! Ich habe die Kerzen angezündet und ich habe niemand gesehen.
--Junger Mann, es gibt jemand, den man bei Kerzenlicht nicht sieht.
--Wer ist das?
--Das ist der Unsichtbare, junger Mann. Haben sie Sulfonal, Bromkalium, Morphium, Chloral genommen?
--Ich habe alles versucht!
--Und der Unsichtbare räumt nicht das Feld. Sie wollen nachts ruhig schlafen und Sie verlangen von mir das Mittel. Hören Sie, junger Mann, ich bin weder ein Arzt noch ein Prophet; ich bin ein alter Sünder, der Busse tut. Verlangen Sie weder Predigten noch Prophezeiungen von einem Schächer, der kaum Zeit genug hat, sich selber zu predigen. Ich habe an Schlaflosigkeit und Niedergeschlagenheit gelitten, ich habe Körper an Körper mit dem Unsichtbaren gerungen, und ich habe endlich Schlaf und Gesundheit wiedergewonnen. Wissen Sie, wie? Raten Sie!
Der junge Mann errät mich und schlägt die Augen nieder.
--Sie erraten es! Dann gehen Sie in Frieden und schlafen Sie gut!
Ich muss schweigen und mich erraten lassen, denn in dem Augenblick, in dem ich mir einfallen liesse, den Prediger zu spielen, würde man sich von mir wenden.
Ein Freund fragt mich:
--Wohin gehen wir?
--Ich wüsste es nicht zu sagen; mich persönlich scheint der Weg des Kreuzes zum _Glauben meiner Väter_ zurückzuführen.
--Zum Katholizismus?
--Es scheint mir so! Der Okkultismus hat seine Rolle gespielt, indem er die Wunder und die Dämonologie wissenschaftlich erklärte. Die Theosophie, die der Religion den Weg bahnte, hat ausgelebt, nachdem sie die Weltordnung, die straft und belohnt, wiederhergestellt hat. Karma wird sich in Gott verwandeln, und die Mahatmas werden sich als die neugeborenen Mächte, als Zuchtgeister (Dämonen) und als Lehrgeister (Eingeber) enthüllen. Der Buddhismus, den das junge Frankreich pries, hat die Resignation und den Kultus des Leidens eingeführt, die geraden Weges nach Golgatha leiten.
Was das Heimweh betrifft, das ich nach der Mutterkirche empfinde, so ist das eine lange Geschichte, die ich in Kürze erzählen möchte.
Als Swedenborg mich lehrte, dass es verboten sei, die Religion seiner Väter zu verlassen, hat er dem Protestantismus, der ein Verrat an der Mutterkirche ist, das Urteil gesprochen.
Vielmehr, der Protestantismus ist eine den Barbaren des Nordens auferlegte Strafe; der Protestantismus, das ist das Exil, die babylonische Gefangenschaft. Aber die Rückkehr in das gelobte Land scheint nahe zu sein. Die grossen Fortschritte, die der Katholizismus in Amerika, England, Skandinavien macht, verkünden die allgemeine Versöhnung: zur selben Zeit hat die griechische Kirche dem Abendland die Hand gereicht.
Das ist der Traum der Sozialisten, die Vereinigten Staaten des Abendlandes wiederherzustellen, aber in geistigem Sinn verbessert. Doch bitte ich euch, nicht zu glauben, dass politische Überlegungen mich zur römischen Kirche zurückführen. Nicht ich habe den Katholizismus gesucht, er hat sich mir aufgedrängt, nachdem er mich jahrelang verfolgt hat. Mein Kind, das gegen meinen Willen katholisch wurde, hat mich die Schönheit eines Kultes gelehrt, der sich seit seinem Ursprung unberührt erhalten hat, und ich habe immer das Original der Kopie vorgezogen. Der lange Aufenthalt im Lande meines Töchterchens liess mich die hohe Aufrichtigkeit des religiösen Lebens bewundern. Von ähnlicher Wirkung war mein Aufenthalt im Krankenhaus des heiligen Ludwig und schliesslich meine Abenteuer der letzten Monate.
Nachdem ich mein Leben, das mich wie gewisse Verdammte in Dantes Hölle dem Wirbelwind überlieferte, untersucht und dabei erkannt hatte, dass mein Dasein im ganzen keinen anderen Zweck gehabt habe, als mich zu demütigen und zu besudeln, entschloss ich mit, den Henkern zuvorzukommen und selbst die Folterungen an mir zu vollziehen. Ich wollte mitten in den Leiden, Unsauberkeiten und Todesängsten leben und bereitete mich vor, eine Stelle als Krankenpfleger zu suchen und zwar im Hospital der Frères Saint-Jean-de-Dieu zu Paris. Dieser Gedanke kam mir am Morgen des 29. April, nachdem ich einer alten Frau mit einem Totenkopf begegnet war. Als ich nach Hause kam, fand ich auf meinen Tisch "Seraphita" aufgeschlagen; auf der rechten Seite zeigte ein Holzsplitter auf diesen Satz:
"Tut für Gott, was ihr für eure ehrgeizigen Pläne tun würdet; was ihr tut, wenn ihr euch einer Kunst widmet; was ihr getan habt, als ihr ein Wesen mehr als ihn liebtet; oder als ihr ein Geheimnis der menschlichen Wissenschaften verfolgtet! Ist Gott nicht die Wissenschaft selbst...."
Am Nachmittag erhielt ich die Zeitung "L'Eclair", und--welcher Zufall!--das Hospital der Frères Saint-Jean-de-Dieu wird zweimal im Text genannt.
Am 1. Mai las ich zum erstenmal in meinem Leben, "Wie man Magier wird" von Peladan.
Peladan, mir bis heute ein Unbekannter, erscheint wie ein Gewitter, eine Offenbarung des höheren Menschen, des Nietzscheschen Übermenschen, und mit ihm hält der Katholizismus seinen feierlichen und sieghaften Einzug in mein Leben.
Ist "der da kommen soll", in der Person Peladans gekommen? Der Dichter-Denker-Seher, ist er es, oder sollen wir noch eines andern warten?
Ich weiss es nicht; aber nachdem ich diese Vorhallen zu einem neuen Leben überschritten habe, beginne ich am 3. Mai dieses Buch zu schreiben.
Am 5. Mai besucht mich ein katholischer Priester, ein Konvertit.
Am 9. Mai sehe ich Gustav Adolf in der Asche des Kamins.
Am 14. Mai las ich in Peladan: "An Zaubereien zu glauben, war gut gegen das Jahr tausend; beim Nahen des Jahres zweitausend stellt ein Beobachter fest, das mancher Mensch die verhängnisvolle Eigenschaft besitzt, dem, der ihn verletzt, Unglück zu bringen. Du verweigerst ihm eine Bitte, und deine Geliebte betrügt dich; du machst ihn schlecht, und du musst das Bett hüten; alles Böse, was du ihm antun willst, wendet sich in verstärktem Masse gegen dich.--Tut nichts, der Zufall wird dieses unerklärliche Zusammentreffen erklären; der Zufall genügt dem Determinismus des Modernen".
17. Mai.--Ich las von dem Dänen Jörgensen, der sich zum Katholizismus bekehrt hat, eine Schrift über das Kloster Beuron.
18. Mai.--Ein Freund, den ich seit sechs Jahren nicht gesehen habe, ist soeben nach Lund gekommen und zieht in das Haus, in dem ich wohne. Man denke sich meine Bewegung, als ich erfahre, dass er sich soeben zum Katholizismus bekehrt hat. Er leiht mir das römische Gebetbuch, da ich meins vor einem Jahr verloren habe; als ich die lateinischen Kirchenlieder wieder lese, fühle ich mich zu Hause.
27. Mai.--Nachdem wir mehrere Male über die Mutterkirche gesprochen haben, hat mein Freund an das belgische Kloster, in dem er getauft worden ist, einen Brief geschrieben und um einen Ruhesitz für den Verfasser dieses Buches gebeten.
28. Mai.--Ein Gerücht läuft um, Annie Besant sei katholisch geworden; aber es wird nicht bestätigt.
Ich warte noch auf die Antwort des belgischen Klosters.
Wenn dieses Buch gedruckt sein wird, werde ich die Antwort empfangen haben. Und dann? Darauf?--Ein neuer Spass der Götter, die laut auflachen, wenn wir heisse Tränen weinen?
Lund, 3. Mai bis 25. Juni 1897
Epilog.
Ich hatte dieses Buch zuerst mit dem Ausruf beendet: "Welcher Schwindel, welcher traurige Schwindel ist das Leben!"
Nachdem ich aber etwas nachgedacht hatte, fand ich den Satz unwürdig und strich ihn.
Aber die Unschlüssigkeit hörte nicht auf, und ich nahm meine Zuflucht zur Bibel, um die ersehnte Aufklärung zu erhalten.
Dies hat es mir geantwortet, das heilige Buch, das mehr als jedes andere mit wunderbaren prophetischen Eigenschaften ausgestattet ist:
"Ich will mein Angesicht wider ihn setzen, dass er zum Zeichen und Sprichwort werden soll, und ich will ihn aus meinem Volk roden, dass ihr erfahren sollt, Ich sei der Herr.
"Wo aber ein Prophet sich betören lässt, etwas zu reden, den habe Ich, der Herr, betörtet, und will meine Hand über ihn ausstrecken, und ihn aus meinem Volk Israel roden." (Hesekiel 14, 8/9.)
Das also ist die Gleichung meines Lebens: ein Zeichen, ein Beispiel, um andern zur Besserung zu dienen; ein Sprichwort, um zu zeigen, wie eitel Ruhm und Ehre sind; ein Sprichwort, um die Jugend aufzuklären, wie man nicht leben darf, ein Sprichwort, ich, der ein Prophet zu sein glaubte, und sich als Betrüger entlarvt sieht.
Nun, der Ewige hat diesen Betrüger-Propheten verleitet, aufzutreten und zu sprechen, und der falsche Prophet fühlt sich unverantwortlich, da er die Rolle gespielt hat, die ihm auferlegt wurde.
Hier ist, meine Brüder, ein Menschenschicksal unter so vielen andern; gebt zu, dass das Leben eines Menschen ein Schwindel scheinen kann!
Warum ist der Verfasser dieses Buches auf eine so ausserordentliche Art bestraft worden? Man lese das Mysterium, das dem Text vorangeht. Es ist vor dreissig Jahren geschrieben worden, bevor der Verfasser etwas von den Ketzern, die "Stedinger" heissen, wusste. Papst Gregor IX. tat sie 1232 in den Bann, wegen ihrer satanistischen Lehre: "Lucifer, der gute Gott, von "dem andern" verjagt und abgesetzt, wird zurückkehren, wenn sich der Usurpator, Gott genannt, durch seine elende Regierung, seine Grausamkeit und Ungerechtigkeit bei den Menschen verächtlich gemacht und von seiner eigenen Unfähigkeit überzeugt haben wird".
Der Fürst dieser Welt, der die Sterblichen zu Lastern verurteilt und die Tugend durch das Kreuz und den Scheiterhaufen, durch Schlaflosigkeit und Alpdrücken züchtigt, wer ist er? Der Henker, dem wir überliefert sind, für unbekannte oder vergessene Verbrechen, die wir in einer andern Welt begangen haben!
Und die Zuchtgeister Swedenborgs? Schutzengel, die uns vor geistigen Übeln bewahren!
Welche babylonische Verwirrung!
Augustinus hat es für unklug erklärt, am Dasein von Dämonen zu zweifeln.
Thomas von Aquino hat verkündet, Dämonen riefen Gewitter und Blitzschläge hervor, und diese Geister könnten ihre Macht den Händen der Sterblichen anvertrauen.
Papst Johannes XXII. Beklagt sich über unerlaubte Kunstgriffe seiner Feinde: die quälten ihn, indem sie seine Porträts mit Nadeln zerstachen. (Behexung.)
Luther ist der Ansicht, dass alle Unfälle, Knochenbrüche, Einstürze, Feuersbrünste, die meisten Krankheiten von Teufeln herrühren, die ihr Spiel treiben.
Luther geht noch weiter und spricht die Ansicht aus, gewisse Menschen hätten ihre Hölle schon in diesem Leben gefunden.
Habe ich also mit gutem Vorbedacht mein Buch "Inferno" getauft?
Wenn der Leser meine Ansicht als zu pessimistisch in Zweifel zieht, lese er meine Lebensgeschichte: "Der Sohn einer Magd, Die Entwicklung einer Seele, Die Beichte eines Toren".
Wer dieses Buch für eine Dichtung halten sollte, möge mein Tagebuch vergleichen, das ich seit 1895 Tag für Tag geführt habe und von dem dieses Buch nur eine ausgeführte und geordnete Bearbeitung ist.
Legenden 1897--1898
eigne ich dieses Buch zu, indem ich mir zu gleicher Zeit ihre Nachsicht für die Sünden der Indiskretion erbitte, die ich darin aus ehrlicher Absicht und zu lobenswertem Zweck begangen habe. Es wird ihre Sache sein, mich freizusprechen oder zu verurteilen, und mir kommt nur zu, sie um Verzeihung zu bitten, falls ich wehgetan habe.
Der Verfasser. #/
Erster Teil
1.
Der besessene Teufelsbeschwörer.
Gejagt von den Erinnyen, wurde ich schliesslich im Dezember 1896 in der kleinen Universitätsstadt Lund in Schweden festgehalten. Eine Anhäufung kleinbürgerlicher Häuser um eine Domkirche, ein palastartiges Universitätsgebäude und eine Bibliothek, bildet die Stadt eine Zivilisations-Oase in der grossen südschwedischen Ebene.
Ich muss den raffinierten Scharfsinn bewundern der mir diesen Ort zum Gefängnis ausersehen hat. Von den "Eingeborenen" in Schonen wird die Universität Lund sehr geschätzt, aber für einen Mann vom Norden, wie ich es bin, ist der Umstand, dass man hier lebt, ein Zeichen, dass man heruntergekommen ist.
Ferner für mich, der ich hoch in den Vierzigern stehen, zwanzig Jahre lang verheiratet gewesen bin, mich an ein regelmässiges Familienleben gewöhnt habe, ist es eine Demütigung, eine Relegation, auf den Umgang mit Studenten angewiesen zu sein; Junggesellen, die einem ausschweifenden Kneipenleben ergeben und wegen ihrer oppositionellen Denkart bei den väterlichen Autoritäten der Akademie mehr oder weniger schlecht angeschrieben sind.
Gleichaltrig und einst Kamerad der Professoren, die mich jetzt nicht mehr kennen, werde ich gezwungen, meine Gesellschaft bei den Studenten zu suchen, also die Rolle eines Feindes der Alten und der angesehenen Gesellschaftskreise zu übernehmen.
Heruntergekommen, das ist das rechte Wort. Und warum? Weil ich es verschmähte, mich den Gesetzen des Gesellschaftslebens und der Familiensklaverei zu unterwerfen. Aus eine heilige Pflicht habe ich den Kampf für die Aufrechterhaltung meiner Persönlichkeit betrachtet, ob diese nun gut oder schlecht sein mag.
In Acht erklärt, scheel angesehen, von Vätern und Müttern als ein Verführer der Jugend verflucht, bin ich in eine Lage versetzt, die an die der Schlange im Ameisenhaufen erinnert, um so mehr als ich infolge von Geldverlegenheit die Stadt nicht verlassen kann.
Geldverlegenheit! Das ist nun mein Schicksal seit drei Jahren, und ich kann es nicht erklären, wie es kommt, dass alle Quellen versiegt sind, nachdem aller Vorrat erschöpft war. Vierundzwanzig Theaterstücke von meiner Hand, jetzt aufgelegt im Winkel, und kein einziges wird mehr gespielt; ebenso viele Romane und Erzählungen und kein Band ist in neuer Auflage herausgekommen. Alle Versuche, eine Anleihe aufzunehmen, sind gescheitert und scheitern noch immer. Nachdem ich alles verkauft hatte, was ich besass, zwang die Not mich schliesslich, die Briefe zu verkaufen, die ich Laufe der Jahre empfangen habe, das heisst fremdes Eigentum!
Diese unveränderliche Armut scheint mir so deutlich auf einer besonderen Absicht zu beruhen, dass ich sie schliesslich gutwillig hinnehme, als einen Bestandteil meiner Sündenbusse, und nicht mehr Widerstand zu leisten suche.
Was mich selbst betrifft, für mich als freien Schriftsteller hat die Mittellosigkeit nichts zu bedeuten, aber nicht für den Unterhalt meiner Kinder sorgen zu können, das ist die reine Schande.
Nur zu denn mit der Schande! Nur zu mit der Schmach! Nur zu mit dieser Hölle! Ich gebe der Versuchung nicht nach, die falsche Ehre mit meinem Leben zu bezahlen!
Gefasst auf alles, leere ich entschlossen bis auf den Grund die äusserste der ausserordentlichen Demütigungen; und man gebe acht, wie meine Sühneleiden anfangen.
Wohlerzogene Jünglinge aus wohlhabenden Familien bringen mir eines Nachts eine Katzenmusik im Korridor. Ich nehme sie entgegen wie etwas Wohlverdientes und ohne mich zu rühren.
Ich will eine möblierte Wohnung mieten. Die Vermieter sagen nein unter durchsichtigen Vorwänden, und die abschlägige Antwort wird mir ins Gesicht geworfen. Ich mache Besuche und werde nicht angenommen. Nur Kleinigkeiten!
Was dagegen meine Seele geisselt, ist die erhabene Ironie, die sich in dem unbewussten Benehmen meiner jungen Freunde offenbart, wenn sie mir Mut einflössen wollen, indem sie Lobreden auf meine literarische Laufbahn halten: "so fruchtbar an befreienden Ideen" usw.! Und ich habe eben diese sogenannten Ideen auf den Kehrrichthaufen geworfen; die Träger dieser Ansichten sind also meine Gegner geworden! Ich führe Krieg mit meinem alten Ich; indem ich meine Freunde und meine früheren Gesinnungsgenossen bekämpfe, schlage ich mich selbst zu Boden.
Das ist gut arrangiert; und als Dramatiker muss ich die prächtige Komposition in dieser Tragikomödie bewundern. Wahrhaftig, eine gut gemachte Szene.
Da sich aber die alten und neuen Ansichten während dieser Epoche des Übergangs so kreuzen, dass sie sich verstricken, nimmt man es nicht so genau mit einem Alten, wie ich es bin, lauscht nicht so ernsthaft auf meine Argumente, sondern fragt mich lieber nach Neuigkeiten in der Welt der Ideen.
Ich schliesse ihnen den Vorhof zum Isistempel auf und sage voraus, dass der Okkultismus im Anzuge ist. Da tobt man und säbelt mich nieder, indem man die Waffen benutzt, die ich selbst während zwanzig Jahre gegen Aberglauben und Mystizismus geschmiedet habe.
Da diese Debatte immer in Kneipen bei unmässigem Verbrauch vom Saft der Traube gehalten werden, vermeidet man in heftigen Wortwechsel zu geraten, und ich gewöhne mich daran, nur Tatsachen und wirkliche Fälle zu erzählen, indem ich die Maske eines aufgeklärten Skeptikers anlege. Es kann gewiss nicht gesagt werden, dass man Widerwillen gegen alles Neue hat, im Gegenteil; aber man ist konservativ geworden, das es das Ideal gilt, das man sich durch Streit erkämpft hat; man ist nicht geneigt zu desertieren, noch weniger einen Glauben abzuschwören, der durch Bluttaufe teuer bezahlt worden ist. Es kommt also mir zu, zwischen dem Naturalismus und dem Supernaturalismus eine Brücke zu schlagen, indem ich verkündige, dass der letzte nur eine Entwicklung des ersten ist.
Zu diesem Zweck stelle ich das Problem auf, eine, wie eben angedeutet, natürliche und wissenschaftliche Lösung für alle unerklärlichen Erscheinungen zu geben, die uns auf den Leib gerückt sind. Ich zerspalte meine Persönlichkeit und zeige der Welt den naturalistischen Okkultisten, erhalte aber aufrecht in meinem Innern und pflege den Keim zu einer konfessionslosen Religion. Oft gewinnt die exoterische Rolle die Oberhand; ich mische meine beiden Naturen so durcheinander, dass ich über meinen neuerworbenen Glauben lachen kann; das trägt dazu bei, dass meine Theorien sich bei den widerspenstigen Gemütern einschleichen können.
Der Dezember vergeht träge und furchtbar düster unter einem dunkelgrauen rauchigen Himmel. Obgleich ich bei Swedenborg Aufklärung über die Art meiner Leiden gewonnen habe, kann ich mich nicht dazu bringen, mich auf einmal unter die Hand der Mächte zu beugen. Mein Hang, Einwendungen zu machen, erhebt sich, und ich will immer noch die eigentliche Ursache nach aussen verlegen und sie in der Bosheit der Menschen suchen. Tag und Nacht von "elektrischen Strömen" angegriffen, welche die Brust zusammenklemmen und ins Herz stechen, verzichte ich auf meine Folterkammer und besuche das Wirtshaus, wo ich Freunde treffe. Aus Furcht, nüchtern zu werden, trinke ich; das ist das einzige Mittel, um nachts schlafen zu können. Aber Ekel und Schamgefühl, im Verein mit der friedlosen Unruhe, nötigen mich damit aufzuhören, und einige Abende gehe ich in das Café der Temperänzler, das den Namen "Das blaue Band" trägt. Doch, ich werde ängstlich vor der Gesellschaft, die man dort trifft. Bläulichblasse und abgequälte Gesichter, unheimliche und böse Augen, und ein Schweigen, das nicht der Friede von Gott ist.
Wenn alles zusammen kommt, ist der Wein eine Wohltat und die Enthaltsamkeit eine Züchtigung. Und ich kehre nach dem halbnüchternen Wirtshaus zurück, ohne dort die Grenzen zu überschreiten, nachdem ich mich selbst mit Teeabenden gestraft habe.
Weihnachten steht vor der Tür und ich sehe dem Fest der Kinder mit einer kühlen Bitterkeit entgegen, die ich kaum mit dem Namen Resignation ehren will. Seit sechs Jahren habe ich alles leiden müssen und bin nun gefasst auf alles.
Einsam und in einem Hotel! Nun, das ist ja lange mein Alp gewesen, und ich habe mich daran gewöhnt. Es sieht aus, als ob alles, was ich verabscheue, mir vorbehalten wäre.
Inzwischen ist die Vertraulichkeit zwischen mir und dem Freundeskreise so gross geworden, dass man anfängt mir sein Herz auszuschütten. Die Sache ist die: Während der letzten Monaten sind so manche Dinge geschehen.... So?
So manche ungewöhnliche, unerwartete Dinge....
--Lass hören!
Man erzählt mir: das Haupt des revoltierenden Jugendschwarms, der freieste Freidenker, der neulich aus einer Kuranstalt für Alkoholisten gekommen ist und das Gelübde der Nüchternheit abgelegt hat, sei jetzt bekehrt worden, so dass er geradezu....
--Nun, was?
--Busspsalmen singt.
--Unglaublich!
In der Tat hatte der junge Mann, der mit einer nicht gewöhnlichen Intelligenz ausgerüstet war, gegenwärtig seine Aussichten dadurch verdorben, dass er die an der Universität herrschenden Ansichten heftig angegriffen hatte, eingeschlossen den Missbrauch starker Getränke. Bei meiner Ankunft hielt er sich etwas abseits auf Grund seiner Mässigkeit, doch war er es, der mir Swedenborgs "Arcana coelestia" lieh, die er aus der Bücherei seines Elternhauses nahm. Und ich erinnere mich jetzt: nachdem ich angefangen hatte die Arbeit zu lesen, setzte ich ihm Swedenborgs Theorien auseinander und schlug ihm vor, den Propheten zu lesen, um Licht zu erhalten; er aber unterbrach mich mit einer Gebärde des Entsetzens.
--Nein! Ich will nicht! Nicht jetzt! Später!
--Ist dir bange?
--Ja, für den Augenblick!
--Aber nur als literarische Kuriosität?
--Nein!
Ich glaubte anfangs, er scherze, später aber wurde mir klar, dass es voller Ernst gewesen war.