Inferno; Legenden

Part 12

Chapter 123,662 wordsPublic domain

Und ich reise gen Norden, um auf meiner Pilgerfahrt das feindliche Feuer einer andern Sühnestation zu empfangen.

14.

Wallfahrt und Sühne.

Es gibt neunzig Städte in Schweden, und zu der, die ich am meisten verabscheue, haben die Mächte mich verdammt.

Ich beginne damit, dass ich die Ärzte besuche.

Der erste nennt es Nervenschwäche, der zweite Brustklemme, der dritte Verrücktheit, der vierte Luftgeschwulst.... Das genügt mir, um sicher zu sein, dass man mich nicht in ein Irrenhaus sperrt.

Um mich zu versorgen, bin ich gezwungen, für eine Zeitung Artikel zu schreiben. Aber jedes Mal, wenn ich mich zum Schreiben hinsetze, wird die Hölle losgelassen. Jetzt hat man etwas Neues erfunden, um mich verrückt zu machen. Sobald ich in ein Hotel eingezogen bin, bricht ein Lärm los, ähnlich dem in der Rue de la Grande-Chaumière in Paris: Schritte schleppen und Möbel werden gerückt. Ich wechsle das Zimmer, ich wechsle das Hotel: der Lärm ist da, über meinem Kopfe. Ich gehe in die Restaurants: sobald ich mich im Speisesaal an den Tisch setze beginnt das Gepolter.

Wohlgemerkt: ich frage die Anwesenden ob sie dasselbe Geräusch höre, und man bejaht es stets und gibt dieselbe Beschreibung. Also ist es keine Halluzination des Gehörs, sondern einer Intrige, sage ich mir.

Als ich aber eines Tages unversehens in einen Schuhmacherladen trete, beginnt im selben Augenblick der Lärm. Also doch keine Intrige. Es ist der Teufel!

Von Hotel zu Hotel gejagt, überall von elektrischen Drähten belästigt, die bis an den Rand des Bettes laufen; überall von Strömen angegriffen, die mich vom Stuhl oder aus dem Bett reissen, bereite ich in aller Form den Selbstmord vor.

Es ist das schlechteste Wetter, und ich suche mich in meiner Traurigkeit zu zerstreuen, indem ich mit Freunden zeche.

An einem Tage der Verzweiflung, am Morgen nach einem Gelage, beende ich auf meinem Zimmer mein erstes Frühstück. Das Brett mit dem Geschirr bleibt auf dem Tisch stehen, und ich drehe den Resten des Mahles den Rücken. Ein Geräusch erregt meine Aufmerksamkeit, und ich bemerke, dass das Messer zu Boden gefallen ist. Ich hebe es auf und lege es vorsichtig so hin, dass der Fall sich nicht wiederholen kann. Das Messer erhebt sich und fällt.

Also Elektrizität!

Am selben Morgen schreibe ich einen Brief an meine Mutter, indem ich mich über das schlechte Wetter und über das Leben im allgemeinen beklage. Bei diesem Satz: "Die Erde ist schmutzig, das Meer ist schmutzig, und der Himmel lässt Dreck regnen...." fällt zu meiner grossen Überraschung ein Tropfen klaren Wassers auf das Papier!

Keine Elektrizität! Ein Wunder!

Am Abend, als ich noch am Tisch sitze, erschreckt mich ein Geräusch, das von der Waschtoilette zu hören ist. Ich sehe hin und merke dass ein Wachstuch, das ich bei meinen morgendlichen Waschungen benutze, herabgefallen ist. Um die Sache nachzuprüfen, hänge ich das Wachstuch so auf, dass es nicht fallen kann.

Es fällt noch einmal!

Was ist das?

Jetzt richten sich meine Gedanken wieder auf die Okkultisten und ihre geheime Macht.

Ich setze eine Anzeige auf und verlasse mit diesem Brief die Stadt, um mich nach Lund zu begeben, wo alte Freunde wohnen, Ärzte, Psychiater, Theosophen selbst, auf deren Hilfe ich für mein zeitliches Heil rechne.

Warum und wie werde ich dazu getrieben, mich in dieser kleinen Universitätsstadt niederzulassen, diesem Verbannungs- und Bussort für die Studenten von Upsala, wenn sie zu toll auf Kosten ihres Beutels und ihrer Gesundheit gelebt haben?

Ist es ein Canossa, wo ich meine übertriebenen Ansichten abschwören muss, vor derselben Jugend, die mich einst zwischen 1880 und 1890 zu ihrem Bannerträger ernannten? Ich kenne die Lage sehr gut, und ich weiss wohl, dass ich von der Mehrzahl der Professoren als Verführer der Jugend in den Bann getan bin, und dass die Eltern mich wie den Bösen selbst fürchten.

Obendrein habe ich mir noch persönliche Feinde hier zugezogen; ich habe hier unter Umständen Schulden gemacht, die ein schlechtes Licht auf meinen Charakter werfen; hier wohnt die Schwägerin Popoffskys mit ihrem Gatten und beide sind durch die Stellung, die sie in der Gesellschaft einnehmen, imstande, mir grosse Schwierigkeiten zu bereiten. Hier legen sogar Verwandte, die mich verleugnet; Freunde, die mich im Stich gelassen haben, um ebenso viele Feinde zu werden. Kurz, es ist der schlechtestgewählte Platz für einen ruhigen Aufenthalt, es ist die Hölle, aber mit meisterhafter Logik, mit göttlichem Scharfsinn ausgesucht. Hier muss ich den Kelch leeren, hier muss ich die Jugend mit den erzürnten Mächten wieder vereinigen.

Durch einen übrigens sehr pittoresken Zufall habe ich eben einen modernen Mantel mit Pelerine und Kapuze gekauft, von flohbrauner Farbe, der Kutte der Franziskaner ähnlich. In Büssertracht also kehre ich nach Schweden zurück, nachdem ich sechs Jahre verbannt gewesen bin.

Gegen 1885 bildete sich in Lund eine Studentenverbindung, "Die alten Jungen" genannt, deren literarische, wissenschaftliche und soziale Tendenzen sich mit der Losung "Radikalismus" übersetzen liessen. Ihr Programm, das sich den modernen Ideen anschloss, war zuerst sozialistisch, dann nihilistisch, um auf ein Ideal allgemeiner Auflösung und des fin de siècle mit einem Anstrich von Satanismus und Dekadenz hinauszulaufen.

Das Haupt der Partei, der Tapferste der Paladine, der seit mehreren Jahren mein Freund ist und den ich seit drei Jahren nicht gesehen habe, besucht mich.

Wie ich in eine Kutte gekleidet, aber in eine graue Franziskanerkutte, gealtert, abgemagert, von kläglichem Aussehen erzählt er mir seine Geschichte allein durch seinen Gesichtsausdruck.

--Du auch?

--Ja, es ist aus!

Als ich ihm ein Glas Wein anbiete, lehnt er ab, da er so mässig geworden ist, dass er keinen Wein mehr trinkt!

--Und die alten Jungen?

--Gestorben, zusammengebrochen, Spiessbürger, aufgenommen in die verwünschte Gesellschaft.

--Canossa?

--Canossa auf der ganzen Linie!

--Dann hat die Vorsehung mich hierher geführt!

--Vorsehung! Das ist das rechte Wort.

--Werden die Mächte in Lund wieder anerkannt?

--Die Mächte bereiten ihre Rückkehr vor.

--Schläft man nachts in Schonen?

--Nicht viel! Alle Menschen klagen über Alpdrücken, Brustbeklemmungen, Herzbeschwerden.

--Wie bin ich da am Platze, denn das ist gerade mein Fall!

Wir haben einige Stunden über die Wunderdinge gesprochen, die sich jetzt ereignen, und mein Freund hat mir ausserordentliche Tatsachen erzählt, die hier und dort vorgekommen sind. Zum Schluss drückt er die Ansicht der heutigen Jugend aus, die etwas Neues erwartet.

Man wünscht eine Religion, eine Versöhnung mit den Mächten (das ist das Wort), eine Wiederannäherung an die unsichtbare Welt. Die naturalistische Epoche, die kräftig und fruchtbar war, hat ihre Zeit gehabt. Man braucht sie nicht zu tadeln und nicht zu bedauern: die Mächte haben gewollt, dass wir sie durchmachen. Es war eine experimentelle Epoche, deren Versuche durch ihre negativen Ergebnisse gezeigt haben, wie eitel gewisse Lehren sind. Ein Gott, bis auf weiteres unbekannt, entwickelt sich und wächst, offenbart sich mit Zwischenräumen, in denen er die Welt sich selber zu überlassen scheint, wie der Bauer Unkraut und Weizen wachsen lässt, bis die Ernte kommt. Jedesmal, wenn er sich enthüllt, hat er seine Gedanken geändert und beginnt seine Regierung wieder, indem er Verbesserungen einführt, die er aus der Praxis gewonnen hat.

Die Religion wird also wiederkehren, aber unter andern Formen, und ein Kompromiss mit den alten Religionen erscheint unmöglich. Nicht eine Epoche der Reaktion erwartet uns, nicht eine Rückkehr zu dem, was sich ausgelebt hat, sondern ein Fortschritt zu etwas Neuem.

Was für Neues? Warten wir ab!

Als unser Gespräch zu Ende ist, werfe ich eine Frage auf, wie man einen Pfeil gegen die Wolken schiesst.

--Kennst du Swedenborg?

--Nein, aber meine Mutter besitzt seine Werke, und es sind ihr sogar wunderbare Dinge begegnet.

Vom Atheismus zu Swedenborg ist nur ein Schritt!

Ich bitte meinen Freund, mir Swedenborgs Werke zu leihen. Und der Saul der jungen Propheten bringt mir die "Arcana coelestia".

Zur selben Zeit stellt er mir einen jungen Mann vor, der von den Mächten begnadet ist, ein verlorener Sohn. Der erzählt mir ein Abenteuer seines Lebens, das den meinen ganz ähnlich ist; und als wir unsere Leiden vergleichen, wird es hell in uns und wir werden mit Swedenborgs Hilfe befreit.

Ich danke der Vorsehung, die mich in die kleine verachtete Stadt gesandt hat, um dort Busse zu tun und mein Heil zu finden.

15.

Der Erlöser.

Als Balzac mir in seiner "Seraphita" meinen erhabenen Landsmann Emanuel Swedenborg, den "Buddha des Nordens", vorstellte, hat er mich die evangelische Seite des Propheten kennen gelehrt. Jetzt ist es das Gesetz, das mich trifft, zermalmt und befreit.

Durch ein Wort, ein einziges, wird es Licht in meiner Seele, und verschwunden sind die Zweifel, die fruchtlosen Grübeleien über eingebildete Feinde, Elektriker, Schwarzmagier. Dieses kleine Wort ist: devastatio (ödeläggelse, Verödung). Alles, was mir geschehen ist, finde ich bei Swedenborg wieder: die Angstgefühle (angor pectoris), die Brustbeklemmung, das Herzklopfen, der Gürtel, den ich elektrisch nannte, alles ist da; und die Summe dieser Erscheinungen bildet die geistige Reinigung, die schon dem Apostel Paulus bekannt war und von ihm in den Briefen an die Korinther und an Timotheus erwähnt wird: "Ich habe beschlossen, über den, der solches getan hat, ihn zu übergeben dem Satan zum Verderben des Fleisches, auf dass der Geist selig werde am Tage des Herrn Jesu".--"Unter welchen ist Hymenäus und Alexander, welche ich habe dem Satan übergeben, dass sie gezüchtigt werden, nicht mehr zu lästern."

Als ich Swedenborgs Träume von 1744 lese, dem Jahr, das seinen Verbindungen mit der unsichtbaren Welt vorausgeht, entdecke ich, dass der Prophet dieselben nächtlichen Martern wie ich erduldet hat. Was mich aber besonders packt: die Symptome gleichen einander so, dass ich über die Natur meiner Krankheit nicht mehr im Zweifel bin.

In "Arcana coelestia" erklären sich die Rätsel der beiden letzten Jahre mit einer so überwältigenden Genauigkeit, dass ich, das Kind des berühmten neunzehnten Jahrhunderts, die unerschütterliche Überzeugung bekomme, dass es die Hölle gibt, aber hier, auf der Erde, und dass ich sie eben durchgemacht habe.

Swedenborg erklärt mir, warum ich im Krankenhaus des heiligen Ludwig geweilt habe: Die Alchemisten werden vom Aussatz befallen und reissen sich den Schorf ab, der Fischschuppen gleicht. Es ist eine unheilbare Krankheit der Haut.

Swedenborg sagt mir, was die hundert Abtritte des Hotel Orfila bedeuten: Das ist die Kothölle. Der Schornsteinfeger, den mein Töchterchen in Österreich gesehen hat, findet sich auch wieder: "Unter den Geistern gibt es solche, die man unter dem Namen Schornsteinfeger kennt, weil ihr Gesicht wirklich von Rauch geschwärzt ist und sie in einem Gewand von brauner Russfarbe erscheinen.... Einer dieser Schornsteinfegermeister kam zu mir und ersuchte mich dringend, darum zu beten, dass er in den Himmel aufgenommen werde. Ich glaube nicht, sagte er, etwas begangen zu haben, was mich davon ausschliessen könnte; ich habe die Bewohner der Erde zurechtgewiesen, aber ich habe immer dem Verweis und der Züchtigung die Belehrung folgen lassen....

"Die richtenden, bessernden und belehrenden Geister des Menschen heften sich an seine linke Seite, indem sie sich gegen den Rücken neigen und das Buch seines Gedächtnisses nachschlagen und seine Handlungen, ja sogar seine Gedanken darin lesen; denn wenn ein Geist beim Menschen eindringt, bemächtigt er sich des Gedächtnisses. Wenn sie eine schlechte Handlung oder die Absicht, Böses zu tun, sehen, strafen sie ihn durch einen Schmerz im Fuss, in der Hand (!) oder um die Magengegend; und sie tun das mit einer beispiellosen Fertigkeit. Ein Beben kündigt ihr Kommen an.

"Ausser dem Schmerz der Glieder wenden sie noch einen schmerzhaften Druck um den Nabel an, als drücke einem ein stachliger Gürtel; von Zeit zu Zeit Zusammenschnüren der Brust, das bist zur Angst getrieben wird; Ekel vor jeder Nahrung, ausser Brot, und zwar Tage lang.

"Andere Geister bemühen sich vom Gegenteil dessen zu überzeugen, was die belehrenden Geister gesagt haben. Die Geister des Widerspruchs sind auf der Erde aus der Gesellschaft der Menschen wegen ihrer Ruchlosigkeit verbannt gewesen. Man erkennt ihr Nahen an einem fliegenden Feuer, das vor dem Gesicht sich herabzulassen scheint; sie stellen sich unter den Rücken des Menschen, von wo sie sich nach den Teilen bemerkbar machen".

(Diese fliegenden Feuer oder Funken habe ich zweimal gesehen, und immer in Augenblicken der Empörung, als ich alle Vorstellungen als leere Träume verwarf.)

"Sie predigen, dem, was die belehrenden Geister den Engeln nachsprechen, keinen Glauben zu schenken, seinen Wandeln nicht den Lehren anzupassen, die man von ihnen empfangen hat, sondern in aller Freiheit und Ausgelassenheit zu leben. Gewöhnlich kommen sie, sobald die andern sich entfernt haben. Die Menschen kennen sie und beunruhigen sich kaum über sie; aber sie lernen dadurch, was gut und was böse ist. Denn man lernt die Eigenschaft des Guten durch sein Gegenteil kennen; jeder Begriff von einer Sache bildet sich, indem man überlegt, wie sie sich von ihrem Gegenteil unterscheidet, und zwar von verschiedenen Gesichtspunkten aus und auf verschiedene Arten".

Der Leser erinnert sich an die antiken Marmorskulpturen ähnlichen menschlichen Gesichter, die sich aus dem weissen Bezug meines Kopfkissens im Hotel Orfila formten. Darüber sagt Swedenborg:

"Zwei Zeichen lassen erkennen, dass sie (die Geister) bei einem Menschen sind; das eine ist ein alter Mann mit weissem Gesicht; dieses Zeichen verkündet ihnen, dass sie immer die Wahrheit sagen und nur gerecht handeln sollen.... Ich habe selber ein greisenhaftes menschliches Gesicht dieser Art gesehen.... Gesichter von grosser Weisse und grosser Schönheit, aus denen zugleich Aufrichtigkeit und Bescheidenheit leuchten".

(Um den Leser nicht zu erschrecken, habe ich mit Absicht verschwiegen, dass sich alles, was ich hier oben zitiert habe, auf die Bewohner des Jupiters bezieht. Man denke sich nun meine Überraschung, als man mir eines Tages im Frühling eine Revue bringt, die Swedenborgs Haus auf dem Planeten Jupiter, von Viktorien Sardou gezeichnet, wiedergibt. Zunächst, warum Jupiter? Welche seltsame Zusammentreffen! Und hat der Meister der französischen Komödie beachtet, dass die linke Fassade, aus genügender Entfernung betrachtet, ein greisenhaftes Menschengesicht bildet? Dieses Antlitz gleicht dem meines Kopfkissens! Aber in der Zeichnung Sardous gibt es noch mehr solche menschlichen Silhouetten, die durch die Umrisse geschaffen werden. Ist die Hand des Meisters von einer andern Hand geführt worden, so dass er mehr gegeben hat, als er wusste?)

Wo hat Swedenborg diese Höllen und Himmel gesehen? Sind es Visionen, Intuitionen, Inspirationen? Ich wüsste es nicht zu sagen, aber die Ähnlichkeit, die seine Hölle mit der Dantes und der griechischen, römischen, germanischen Mythologie hat, lässt mich glauben, dass die Mächte sich immer fast der gleichen Mittel bedient haben, um ihre Pläne zu verwirklichen.

Und diese Pläne? Den menschlichen Typs zu vervollkommnen, den höheren Menschen zu erzeugen, den "Übermenschen", wie ihn Nietzsche, die vor der Zeit verbrauchte und ins Feuer geworfene Zuchtrute, verkündigte.

So erscheint das Problem des Bösen wieder, und die sittliche Gleichgültigkeit Taines fällt vor neuen Forderungen zu Boden. Die Dämonen sind eine notwendige Konsequenz.

Was sind Dämonen? Sobald wir die Unsterblichkeit der Seele zugeben, sind die Toten nichts anderes als Überlebende, die ihre Beziehungen zu den Lebenden fortsetzen. Die bösen Geister sind also nicht böse, weil ihr Zweck ein guter ist, und man müsste sich eher des Wortes Swedenborgs bedienen, Zuchtgeister, um den Menschen Furcht und Verzweiflung zu nehmen.

Den Teufel als selbständige, Gott gleiche Macht braucht es nicht zu geben, und des Bösen unleugbare Erscheinungen unter der traditionellen Form brauchen nur ein Schreckbild zu sein, das die einzige und gute Vorsehung hervorgerufen hat. Diese Vorsehung, die mittels einer aus den Verstorbenen zusammengesetzten ungeheuren Verwaltung herrscht.

Tröstet euch also und seit stolz auf die Gnade, die euch allen bewilligt ist, die ihr von Schlaflosigkeit, Alpdrücken, Erscheinungen, Angstzuständen, Herzklopfen heimgesucht und gemartert werdet! Numen adest. Gott verlangt nach euch!

16.

Trübsal.

In der kleinen Musenstadt eingeschlossen, ohne eine Hoffnung, herauszukommen, liefere ich die furchtbare Schlacht gegen den Feind, mich selbst.

Jeden Morgen, wenn ich auf dem von Platanen beschatteten Wall spazieren gehe, erinnert mich das grosse rote Irrenhaus an die Gefahr, der ich entgangen bin, und an die Zukunft, falls ich einen Rückfall erleide. Swedenborg hat mich, indem er mich über die Natur der Schrecken aufgeklärt, die ich während des letzten Jahres durchgemacht habe, von den Elektrikern, Schwarzkünstlern, Zauberern, den Neidern des Goldmachers, dem Wahnsinn befreit. Er hat mir den einzigen Weg gezeigt, der zum Heil führt: die Dämonen in ihrem Zufluchtsort, in mir selber, aufzusuchen und sie zu töten durch.... Reue. Balzac, der Adjutant des Propheten, hat mir in "Seraphita" gezeigt, dass "Gewissensqual eine Ohnmacht dessen ist, der seinen Fehltritt wiederholen wird. Die Reue allein ist eine Stärke und beendigt alles".

Also die Reue! Aber heisst das nicht die Vorsehung missbilligen, die mich zu ihrer Geissel ausgewählt hat? Heisst das nicht den Mächten sagen: ihr habt mein Schicksal schlecht geleitet; ihr habt mich geboren werden lassen mit dem Beruf zu strafen, die Götzenbilder zu stürzen, mich zu empören, und dann zieht ihr euren Schutz zurück und liefert mich einem lächerlichen Widerruf aus? Zu Kreuze kriechen und Busse tun!

Seltsamer Circulus vitiosus, den ich mit zwanzig Jahren voraussah, als ich mein Drama "Meister Olof" dichtete, das die Tragödie meines Lebens geworden ist. Wozu dreissig Jahre lang ein elendes Leben führen, um durch Erahnung das zu erreichen, was man vorausgeahnt hat? Jung, war ich aufrichtig fromm, und ihr habt einen Freidenker aus mir gemacht. Aus dem Freidenker habt ihr einen Atheisten gemacht, aus dem Atheisten einen Religiösen. Für die Menschheit begeistert, habe ich den Sozialismus verkündet: fünf Jahre später habt ihr mir gezeigt, wie sinnlos der Sozialismus ist. Alles, was mich begeistert hat, habt ihr für nichtig erklärt. Und wenn ich mich der Religion weihe, so bin ich sicher, in zehn Jahren werdet ihr sie widerlegen.

Sieht es nicht so aus, als trieben die Götter ihren Scherz mit uns Sterblichen? Und darum können wir bewussten Spötter in den schlimmsten Augenblicken unseres Lebens lachen!

Wie könnt ihr verlangen, dass man ernst nimmt, was sich als ein ungeheurer Scherz erweist?

Jesus Christus, der Erlöser, wen hat er erlöst? Seht die christlichen aller Christen, unsere skandinavischen Frommen, diese blassen, elenden, eingeschüchterten Menschen, die nicht lächeln können: sie haben das Aussehen von Besessenen! Sie scheinen den Dämon in ihrem Herzen zu tragen. Und beachtet, wie alle ihre Führer als Missetäter im Gefängnis geendet haben. Warum hat ihr Herr sie dem Feind überliefert?

Ist die Religion eine Züchtigung und Christus ein Rachegeist?

Alle alten Götter werden in der folgenden Epoche Dämonen: Die Bewohner des Olymp sind Dämonen geworden; Odin, Thor, der Teufel in Person. Prometheus-Lucifer, zum Satan entartet. Ist etwa--Gott verzeihe mir!--Christus auch in einen Dämon verwandelt? Er tötet ja Vernunft, Fleisch, Schönheit, Freude, die reinsten Leidenschaften der Menschheit. Tötet die Tugenden: Freimut, Tapferkeit, Ruhm; Liebe, Barmherzigkeit!

Die Sonne scheint, das tägliche Leben geht seinen Gang, der Lärm der Arbeit ermuntert die Lebensgeister. Da bäumt sich der Mut der Empörung auf, da schleudert man seine Zweifel herausfordernd gegen den Himmel.

Dann aber sinken Nacht, Stille, Einsamkeit herab, und der Hochmut vergeht, das Herz klopft, die Brust zieht sich zusammen! Dann springt man zum Fenster hinaus, kniet in der Dornenhecke nieder, sucht den Arzt auf und bittet einen Kameraden, im selben Zimmer zu schlafen!

Tretet nachts wieder in euer Zimmer, und ihr werdet dort jemand finden; ihr seht ihn nicht, aber ihr fühlt deutlich dessen Anwesenheit. Geht in die Irrenanstalt und fragt den Irrenarzt, und er wird von Nervenschwäche, Verrücktheit, Brustbeklemmung und dergleichen sprechen, aber er wird euch niemals heilen!

Wohin könnt ihr also gehen, ihr alle, die ihr an Schlaflosigkeit leidet und die Strassen durchwandert, bis die Sonne wieder aufgeht?

Weltmühle, Gottes Mühle sind sprüchwörtlich geworden. Habt ihr dieses Sausen in den Ohren gehört, das dem Geräusch einer Wassermühle gleicht? Habt ihr in der Einsamkeit, bei Nacht oder selbst am hellen Tage, beobachtet, wie die Erinnerungen des vergangenen Lebens wieder auferstehen, eine nach der andern? Alle Verstösse, alle Vergehen, alle Dummheiten treiben euch das Blut bis in die Ohren, pressen euch den Schweiss bis in die Haare, jagen euch den Schauder bis in den Rücken. Ihr lebt das gelebte Leben noch einmal, von der Geburt bist auf den heutigen Tag, ihr leidet noch einmal alle erlittenen Leiden, ihr leert noch einmal all die bitteren Kelche, die ihr so oft geleert habt; ihr kreuzigt euer Skelett, weil kein Fleisch mehr zu töten ist; ihr verbrennt die Seele, weil euer Herz schon verbraucht ist.

Ihr kennt das!

Das ist die Mühle des Herrn, die langsam mahlt, aber fein und schwarz. Ihr seid in Staub aufgelöst, und ihr glaubt, es sei aus mit euch. Aber nein, es beginnt von neuem und ihr müsst die Mühe noch einmal durchgehen! Das ist die Hölle hier auf Erden; die ist von Luther erkannt worden, der es als eine besondere Gnade schätzt, auf dieser Seite der Feuerhimmel zermahlen zu werden.

Seid glücklich und dankbar!

Was ist zu machen? Sich demütigen?

Aber wenn ihr euch vor den Menschen demütigt, so weckt ihr deren Hochmut, weil sie glauben werden, sie seien besser als ihr, wie gross auch ihre Ruchlosigkeit ist.

Also vor Gott sich demütigen! Aber es ist eine Beleidigung, den Höchsten zu einem Plantagenbesitzer zu erniedrigen, der über Sklaven herrscht!

Beten! Wie? Sich das Recht anmassen, Wille und Urteil des Ewigen durch Schmeichelei und Kriecherei zu beeinflussen!

Gott suchen und den Teufel finden! Das ist mir geschehen.

Ich habe Busse getan, ich habe mich gebessert, und sobald ich meine Seele wieder besohlen will, muss ich einen neuen Rüster haben; setz neue Hacken an, und das Oberleder platzt. Zu Ende kommt man nicht.

Ich höre auf zu trinken und komme gegen neun Uhr abends nüchtern nach Haus, um ein Glas Milch zu nehmen. Das Zimmer ist von Dämonen erfüllt, die mich aus dem Bett reissen und unter der Decke ersticken. Wenn ich aber gegen Mitternacht berauscht nach Haus komme, schlafe ich ein wie ein Engel und erwache stark wie ein junger Gott, bereit wie ein Galeerensträfling zu arbeiten.

Ich meide Frauen, und ungesunde Träume beunruhigen meine Nächte.

Ich gewöhne mich, nur Gutes von meinen Freunden zu denken, ich vertraue ihnen meine Geheimnisse und mein Geld an: Alsbald werde ich verraten. Lehne ich mich gegen eine Treulosigkeit auf, so bin ich es immer, der bestraft wird.

Ich versuche die Menschen im allgemeinen zu lieben; ich mache mich blind gegen ihre Fehler, und mit einer Langmut ohne Grenzen lasse ich ihre Gemeinheiten und Verleumdungen durchgehen; eines Tages finde ich, dass ich ihr Mitschuldiger werde. Wenn ich mich von einer Gesellschaft, die ich für schlecht halte, zurückziehe werde ich alsbald von den Dämonen der Einsamkeit angefallen, und suche ich bessere Freunde, finde ich die schlimmsten.