Inferno; Legenden

Part 11

Chapter 113,754 wordsPublic domain

Er schickt mir die "Geheimlehre" der Frau Blawatsky, indem er schlecht seine Unruhe verbirgt, dass er meine Ansicht kennen lernen möchte; auch ich bin unruhig, weil ich argwöhne, dass unsere freundschaftlichen Beziehungen von meiner Antwort abhängen.

Diese "Geheimlehre", ein Sammelsurium aller sogenannten okkulten Lehren, ein Ragout aller wissenschaftlichen Ketzereien neuer und alter Zeit, nichtig und wertlos, wenn die Dame ihre eigenen Ansichten, die albern sind, vorbringt, ist interessant durch die Zitate aus wenig bekannten Schriftstellern und verabscheuungswert durch die bewussten oder unbewussten Betrügereien und durch die Fabeln über die Existenz der Mahatmas. Es ist die Arbeit eines Mannweibes, das den Rekord des Mannes hat schlagen wollen und sich einbildet, Wissenschaft, Religion, Philosophie gestürzt und eine Isispriesterin auf den Altar des Gekreuzigten erhoben zu haben.

Mit aller Zurückhaltung und Schonung, die man einem Freunde schuldig ist, teile ich ihm meine Meinung mit. Ich erkläre ihm, dass der Kollektivgott Karma mir missfällt, dass ich aus diesem Grunde nicht einer Sekte beitreten könne, die den persönlichen Gott, der allein meine religiösen Bedürfnisse befriedigt, leugnet. Ein Glaubensbekenntnis verlangt man von mir, und obgleich ich überzeugt bin, dass mein Wort einen Bruch veranlassen und damit die Unterstützung aufheben wird, spreche ich aus, was ich denke.

Da verwandelt sich der aufrichtige, hochherzige Freund in einen Rachegeist, schleudert den Bannstahl gegen mich, droht mir mit okkulten Mächten, schüchtert mich durch Andeutung einer Strafe ein, weissagt wie ein heidnischer Opferpriester. Er schliesst damit, dass er mich vor ein okkultistisches Gericht ladet und mir schwört, dass ich den 13. November nicht vergessen werde.

Meine Lage ist schlimm: ich habe einen Freund verloren, und ich bin in Not gebracht. Durch einen teuflischen Zufall ereignet sich während unseres brieflichen Krieges noch dies:

Die Zeitung "Initiation" veröffentlicht einen Aufsatz von mir, in dem ich das heutige astronomische System kritisiere. Einige Tage darauf stirbt Tisserand, der Direktor der Pariser Sternwarte. In einer Anwandlung von Ausgelassenheit stelle ich diese beiden Tatsachen zusammen und erinnere daran, dass Pasteur am Tage nach dem Erscheinen von "Sylva Sylvarum" starb. Mein Freund, der Theosoph, versteht keinen Scherz; leichtgläubig wie kein anderer, vielleicht auch mehr als ich in die Schwarzkunst eingeweiht, hat er mich im Verdacht, dass ich die Künste des Verhexens übe.

Man stelle sich meinen Schreck vor, als nach dem letzten Schreiben unseres Briefwechsels der berühmteste Astronom Schwedens am Schlaganfall stirbt. Ich werde ängstlich, und mit gutem Recht. Der Ausübung von Zauberkünsten verdächtig zu sein, ist eine schlimme Sache, und "wenn der Zauberer selbst dabei stirbt, so ist es nicht schade um ihn."

Um das Unglück voll zu machen, verscheiden im Lauf des Monats nacheinander fünf mehr oder weniger bekannte Astronomen.

Ich fürchte einen Fanatiker, dem ich die Grausamkeit eines Druiden und der hindostanischen Zauberer angebliche Macht, aus der Ferne zu töten, zuschreibe.

Eine neue Hölle von Ängsten! Und von diesem Tag vergesse ich die Dämonen und richte alle meine Gedanken auf die unheilvollen Anschläge der Theosophen und ihrer mit unerhörten Kräften begabten Magier, die für Hindus ausgegeben werden.

Ich fühle mich zum Tode verurteilt; für den Fall eines plötzlichen Todes schreibe ich die Namen meiner Mörder auf und versiegle das Papier. Dann warte ich ab.

Zehn Kilometer weiter östlich, an der Donau, liegt das Städtchen Grein, der Hauptort des Kreises. Dort soll sich, wie man mir erzählt, jetzt gegen Ende November, mitten im Winter, ein Fremder aus Zanzibar als Tourist aufhalten. Das genügt um alle Zweifel und schwarzen Gedanken eines Kranken zu wecken. Ich lasse Erkundigungen über diesen Fremden einziehen, um zu erfahren, ob er wirklich Afrikaner ist, was er für Pläne hat, woher er kommt.

Man erfährt nichts, und ein geheimnisvoller Schleier umhüllt den Unbekannten, der Tag und Nacht vor mir spukt. In meiner tiefsten Not rufe ich, immer im Geist des Alten Testaments, des Ewigen Schutz und Rache gegen meine Feinde an.

Die Psalmen Davids drücken am besten mein Trachten und Sehnen aus, und der alte Javeh ist mein Gott. Der 86. Psalm besonders prägt sich meinem Geist ein, und ich zögere nicht, ihn zu wiederholen:

"Gott, es setzen sich die Stolzen wider mich, und der Haufe der Gewalttätigen stehet mir nach meiner Seele, und haben dich nicht vor Augen....

"Tu ein Zeichen an mir, das mirs wohlergehe, dass es sehen, die mich hassen, und sich schämen müssen, dass du mir beistehest, Herr, und tröstest mich."

Nach einem Zeichen rufe ich, und man wird sehen, wie bald mein Gebet erhört werden wird.

12.

Der Ewige hat gesprochen.

Der Winter mit seinem graugelben Himmel ist gekommen; die Sonne hat seit mehreren Wochen nicht geschienen; die schmutzigen Wege widersetzten sich den Spaziergängen; die Blätter der Bäume modern, die ganze Natur löst sich unter pestartiger Fäulnis auf.

Das Schlachten des Winters hat angefangen; den ganzen Tag über erheben sich die Klagen der Opfer gegen das dunkle Himmelsgewölbe; man tritt in Blut und unter Leichen.

Es ist zum Sterben traurig, und meine Traurigkeit teilt sich den beiden guten barmherzigen Schwestern mit, die mich wie ihr krankes Kind pflegen. Was mich vollends niederdrückt, ist die Armut, die ich verbergen muss, und die vergeblichen Versuche, das nahende Elend abzuwenden.

Man wünscht übrigens, dass ich abreise, weil dieses einsame Leben für einen Mann zu nichts führe; auch sind sie einig, dass ich einen Arzt nötig habe.

Vergebens erwarte ich aus meiner Heimat das nötige Geld, und ich gehe auf die grosse Landstrasse hinaus, um eine Flucht zu Fuss vorzubereiten.

"Ich bin gleich dem Pelikane in der Wüste geworden; ich bin wie die Eule in ihrem Zufluchtsort."

Meine Anwesenheit peinigt meine Verwandten; man hätte mich schon fortgejagt, wenn sie das Kind nicht geliebt hätten. Jetzt, da Schmutz oder Schnee das Spazierengehen unmöglich machen, trage ich die Kleine auf meinen Armen weite Wege, erklimme Hügel, entere die Felsen. Da sagen die beiden Alten:

--Du schwächst deine Gesundheit, du wirst schwindsüchtig werden, du wirst dich töten!

--Das wäre ein schöner Tod!

Wir sind beim Mittagessen, es ist er 20. November, ein grauer, trüber, hässlicher Tag. Durch eine ruhelose Nacht, in der ich fortwährend mit den Unsichtbaren gekämpft habe, bis zur Fieberglut erhitzt, verwünsche ich das Leben und beklage mich, dass die Sonne fort ist.

Meine Mutter hat mir vorhergesagt, dass ich vor der Lichtmess, wenn die Sonne wiederkehrt, geheilt werden würde.

--Das ist mein einziger Sonnenstrahl, sage ich zu ihr, indem ich mit dem Finger auf meine kleine Christine zeige, die mir gegenübersitzt.

Im selben Augenblick spalten sich die seit Wochen angehäuften Wolken, und ein Lichtbündel dringt in den Saal, erleuchtet mein Gesicht, das Tischtuch, das Geschirr....

--Da ist die Sonne! Papa, da ist die Sonne! ruft das Kind und faltet seine Händchen. Verwirrt erhebe ich mich, ein Raub der verschiedenartigsten Gefühle. Ein Zufall? Nein, sage ich mir.

Das Wunder, das Zeichen? Aber das ist zu viel für einen, der wie ich in Ungnade gefallen ist! Der Ewige mischt sich nicht in die kleinen Angelegenheiten der Erdenwürmer!

Und doch bleibt mir dieser Sonnenstrahl im Herzen wie ein grosses Lächeln, mit dem ich Unzufriedener angelächelt bin....

Während der zwei Minuten, die ich brauche, um mein Häuschen zu erreichen, häufen sich die Wolken zu Gruppen, welche die seltsamsten Formen annehmen; und im Osten, wo sich der Schleier gehoben hat, ist der Himmel grün, wie ein Smaragd, eine Wiese mitten im Sommer.

Ich bleibe in meinem Zimmer stehen und erwarte etwas, das ich nicht erklären kann, in einer stillen Zerknirschung versunken, die frei von Furcht ist.

Da rollt, ohne dass ein Blitz ihm vorangegangen wäre, ein Donner, ein einziger, über meinem Kopfe.

Zuerst empfinde ich Furcht, und ich erwarte den Regen und das Gewitter, wie es natürlich ist. Aber nichts geschieht; eine vollständige Ruhe herrscht und alles ist zu Ende.

Warum, frage ich mich, bin ich nicht vor der Stimme des Ewigen demütig in den Staub gesunken?

Wenn der Allmächtige mit einer majestätischen Inszenierung zu einem Insekt zu sprechen geruht, fühlt sich das Insekt von einer solchen Ehre erhoben und aufgebläht, und der Hochmut flüstert ihm zu, dass es ein besonders würdiges Wesen sein müsse. In aller Freimütigkeit: ich fühle mich mit dem Herrn auf gleichem Niveau, als ein Bestandteil seiner Persönlichkeit, als eine Ausströmung seines Wesens, als ein Organ seines Organismus. Er brauchte mich, um sich zu offenbaren, sonst hätte er mich auf der Stelle durch seinen Blitz erschlagen.

Woher dieser ungeheuere Hochmut eines Sterblichen? Stamme ich vom Beginn der Jahrhunderte her, als sich die aufständischen Engel in Empörung gegen einen Herrn vereinigten, der zufrieden war, über ein Volk von Sklaven zu herrschen? Ist darum meine Wallfahrt über die Erde zu einem Spiessrutenlaufen geworden, bei dem die Letzten der Letzten sich die Freude gemacht haben, mich zu schlagen, zu beleidigen, zu besudeln?

Keine denkbare Demütigung, die ich nicht zu ertragen gehabt hätte; und doch wächst mein Hochmut immer im selben Masse, wie sich meine Erniedrigung vertieft! Was ist das? Jakob, der mit dem Ewigen ringt und, zwar etwas gelähmt, aber mit Ehren aus dem Kampf hervorgeht? Hiob, der auf die Probe gestellt wird und darauf besteht, sich Strafen gegenüber, die ihm mit Unrecht auferlegt sind, zu rechtfertigen?

Von so viel unzusammenhängenden Gedanken bestürmt, zwingt mich die Müdigkeit, den Griff loszulassen; und mein aufgeblasenes Ich fällt zusammen, wird so klein, dass sich das, was sich eben zugetragen hat, auf ein Nichts reduziert: ein Donnerschlag Ende November!

Das Rollen des Donners hallt von neuem wider und, noch einmal von Ekstase ergriffen, öffne ich die Bibel, indem ich den Herrn bitte, lauter zu sprechen, damit ich ihn verstehe.

Meine Blicke fallen alsbald auf diesen Vers Hiobs:

"Willst du meinen Urteilsspruch aufheben? Willst du mich verdammen, um dich zu rechtfertigen? Hast du einen Arm wie der mächtige Gott? Donnerst du mit der Stimme wie er?"

Kein Zweifel mehr: der Ewige hat gesprochen!

--Ewiger, was willst du von mir? Sprich dein Diener hört. Keine Antwort?

--Gut, ich demütige mich vor dem Ewigen, der geruht hat, sich vor seinem Diener zu demütigen. Aber die Kniee vor Volk und Mächtigen beugen? Niemals!

Am Abend empfängt mich meine gute Mutter auf eine Weise, die ich noch nicht begreife. Sie betrachtet mich mit einem prüfenden Blick von der Seite, als wolle sie sehen, welchen Eindruck das majestätische Schauspiel auf mich gemacht habe.

--Du hast es gehört?

--Ja, es ist eigentümlich, ein Donnerschlag im Winter.

Wenigstens hält sie mich nicht mehr für einen Verdammten.

13.

Die entfesselte Hölle.

Um die richtigen Ideen über die Natur der geheimnisvollen Krankheit, die mich betroffen hat, zu verwirren, verbreitet eine Nummer des "Evenement" diese Nachricht:

"Der unglückliche Strindberg, der mit seinem Frauenhass nach Paris kam, war bald zur Flucht gezwungen. Und seitdem schweigen seinesgleichen vor dem Banner der Weiblichkeit. Sie möchten nicht das Los des Orpheus erleiden, dem die thracischen Bacchantinnen den Kopf abrissen...."

Es war also wahr, dass man mir in der Rue de la Clef eine Falle gestellt hatte! Es war also wahr, dieser Mordversuch, der die Kränklichkeit zur Folge gehabt hat, deren Symptome sich noch zeigen! Oh diese Frauen! Jedenfalls wegen meines Aufsatzes über die feministischen Bilder meines dänischen Freundes, des Frauenverehrers.

Endlich eine Tatsache, eine greifbare Wirklichkeit, die mich von den furchtbaren Zweifeln, ich könnte geisteskrank sein, befreit.

Ich eile mit der guten Nachricht zu meiner Mutter.

--Da sieh, dass ich nicht verrückt bin.

--Nein, du bist nicht verrückt, du bist nur krank, und der Arzt rät dir körperliche Übungen an, zum Beispiel Holz hacken....

--Ist das auch gut gegen die Frauen oder nicht?

Diese unüberlegte Antwort trennt uns. Ich habe vergessen, dass eine Heilige doch immer eine Frau bleibt, das heisst die Feindin des Mannes.

Alles ist vergessen, die Russen, die Rotschilde, die Schwarzkünstler, die Theosophen, selbst der Ewige. Ich bin das Opfer, Hiob ohne Schuld, und die Frauen haben Orpheus, den Autor von "Sylva Sylvarum", den Erwecker der toten Naturwissenschaften, töten wollen. In Unschlüssigkeit aller Art befangen, schiebe ich den neugeborenen Gedanken, dass die Mächte zu höherem Zweck in übernatürlicher Weise eingreifen, beiseite und vergesse, die einfache Kenntnis, die ich von einem Attentat habe, dadurch zu vervollständigen, dass ich nach dem suche, der es angestiftet hat.

Brennend vor Begierde, mich zu rächen, setze ich einen Brief auf, in dem ich der Pariser Polizeipräfektur Anzeige erstatte; dann einen zweiten, den ich an die Pariser Zeitungen richte; da macht ein gutgeführter Umschwung diesem langweiligen Drama, das in eine Farce auszulaufen drohte, eine Ende.

An einem graugelben Tage, gegen ein Uhr nach dem Mittagessen, äussert meine kleine Christine den dringenden Wunsch, mich in das Häuschen zu begleiten, wo ich mein Mittagsschläfchen zu halten pflege.

Es ist unmöglich, ihr zu widerstehen, und ich gebe ihren Bitten nach.

Als wir oben sind, befiehlt meine Christine Federn und Papier. Dann will sie illustrierte Bücher haben. Und ich muss dabei sein, muss erklären, muss zeichnen.

--Nicht schlafen, Papa!

Müde, erschöpft, begreife ich nicht, warum ich diesem Kinde gehorche; aber in ihrer Stimme ist ein Tonfall, dem ich nicht widerstehen kann.

Da beginnt draussen vor der Tür ein Drehorgelspieler einen Walzer. Ich schlage der Kleinen vor, mit dem Kindermädchen, das sie begleitet hat, zu tanzen.

Durch die Musik angelockt, kommen die Kinder des Nachbarn herbei; in meinem Flur wird ein Ball improvisiert, nachdem man den Spielmann in die Küche hat kommen lassen.

Das dauert eine Stunde, und meine Traurigkeit schwindet.

Um mich zu zerstreuen und meine Schlaflust zu besänftigen, greife ich zur Bibel, die mir als Orakel dient, und öffne sie aufs Geradewohl; und ich lese:

"Der Geist aber des Herrn wich von Saul, und ein böser Geist vom Herrn machte ihn sehr unruhig. Da sprachen die Knechte Sauls zu ihm: Siehe, ein böser Geist von Gott macht dich sehr unruhig; unser Herr sage seinen Knechten, die vor ihm stehen, dass sie einen Mann suchen, der auf der Harfe wohl spielen könne, auf dass, wenn der böse Geist Gottes über dich kommt, er mit seiner Hand spiele, das es besser mit dir werde."

Der böse Geist, das ist es eben, was ich argwöhnte.

Während die Kinder sich so belustigen, kommt meine Mutter, um die Kleine zu suchen; als sie den Ball sieht, bleibt sie erstaunt stehen.

Sie erzählt mir, dass gerade zu dieser Stunde unten im Dorfe eine Dame aus bester Familie einen Anfall von Wahnsinn gehabt hat.

--Was ist ihr denn?

--Sie tanzt, diese alte Frau, sie tanzt, ohne zu ermüden im Brautkleid, und sie bildet sich ein, Bürgers Leonore zu sein.

--Sie tanzt? Und dann?

--Weint sie, aus Furcht vor dem Tod, der sie holen will.

Was die Sache noch furchtbarer macht, ist, dass die Dame das Häuschen, in dem ich jetzt hause, bewohnt hat und dass ihr Gatte dort gestorben ist, wo der Ball der Kinder vor sich geht.

Erklärt mir das Mediziner, Psychiater, Psychologen, oder räumt ein, dass die Wissenschaft bankrott ist!

Mein Töchterchen hat den Bösen beschworen, und der von der Unschuld in die Flucht gejagte Geist ist über die alte Frau hergefallen, die sich rühmte, eine Freidenkerin zu sein.

Der Totentanz dauert die ganze Nacht, und die Dame wird von Freundinnen gehütet, die sie gegen die Angriffe des Todes schützen. Sie nennt es Tod, weil sie das Dasein von Dämonen leugnet. Zuweilen behauptet sie, ihr verstorbener Mann quäle sie.

Meine Abreise ist aufgeschoben; um aber nach so vielen schlaflosen Nächten wieder zu Kräften zu kommen, gehe ich zum Schlafen in die Wohnung meiner Tante, die auf der andern Seite der Strasse liegt.

Ich verlasse also das rosa Zimmer. (Welches eigentümliche Zusammentreffen, dass die Marterkammer in Stockholm in der guten alten Zeit auch "Rosenkammer" hiess.)

Die erste Nacht vergeht in einem ruhigen Zimmer, dessen weissgekalkte Wände voll Heiligenbilder hängen. Über meinem Bett ist ein Kruzifix.

Aber in der zweiten Nacht beginnen die Geister ihr Spiel wieder. Ich zünde die Kerzen an, um die Zeit mit Lesen hinzubringen. Ein unheilvolles Schweigen herrscht, und ich höre mein Herz klopfen. Da trifft mich ein schwaches Geräusch wie ein elektrischer Funke.

Was ist das?

Ein grosses Stück Stearin ist von der Kerze auf die Erde gefallen. Weiter nichts; aber das verkündet bei uns den Tod! Meinetwegen denn der Tod!

Nachdem ich eine Viertelstunde gelesen habe, will ich nach meinem Taschentuch greifen, das ich unter das Kopfkissen gesteckt habe. Es ist nicht da, und, als ich es suche, finde ich es auf dem Fussboden. Ich bücke mich, um es aufzuheben. Dabei fällt mir etwas auf den Kopf, und als ich mit den Fingern durch die Haare fahre, finde ich ein zweites Stück Stearin.

Statt zu erschrecken, kann ich ein Lächeln nicht unterdrücken, so spasshaft kommt mir das Abenteuer vor.

Lächeln beim Tode! Wie wäre das möglich, wenn das Leben nicht an und für sich lächerlich wäre? So viel Lärm um so wenig! Vielleicht verbirgt sich sogar auf dem Grunde der Seele ein unbestimmter Argwohn, dass alles hier unten nur Verstellung, Heuchelei, Trugbild ist, und dass sich die Götter über unsere Leiden lustig machen.

Hoch über den Gipfel des Berges, auf dem das Schloss gebaut ist, erhebt sich ein zweiter Berg, der alle andern beherrscht: von dem kann man die ganze Höllenlandschaft übersehen. Man gelangt dahin durch einen Hain von vielleicht tausendjährigen Eichen, der einst ein Druidenhain gewesen sein soll, weil die Mistel in der Gegend viel auf Linden und Apfelbäumen vorkommt. Oberhalb dieses Waldes steigt der Weg steil durch niedrige Fichten empor.

Mehrere Male habe ich bis zum Gipfel zu kommen versucht, immer aber trieben mich unvorhergesehene Dinge zurück. Bald war es ein Rehbock, der die Stille durch einen unerwarteten Sprung unterbrach; bald ein Hase, der ungewöhnlich aussah; bald ein Häher mit seinem entnervenden Geschrei.

Am letzten Morgen, dem Tag vor meiner Abreise, trotzte ich allen Hindernissen, drang durch den dunklen, grausigen Fichtenwald und kletterte bis zum Gipfel hinauf. Von dort hatte ich eine prachtvolle Aussicht über das Donautal und die steirischen Alpen. Ich habe die düsteren Trichter dort unten verlassen und ich atme zum erstenmal auf. Die Sonne erleuchtet die Gegend unter unendlichen Aussichten, und die weissen Kämme der Alpen vereinigen sich mit den Wolken. Es ist schön wie der Himmel!

Umfasst die Erde den Himmel und die Hölle? Gibt es keine anderen Stätten für Strafe und Belohnung?

Vielleicht! Und sicher ist, wenn ich mich an die schönsten Augenblicke meines Lebens erinnere, erscheinen sie mir himmlisch, ebenso wie mir die schlimmsten als höllisch vorkommen.

Behält mir die Zukunft noch Stunden oder Minuten dieses Glückes vor, das sich nur durch Sorgen und ein ziemlich reines Gewissen erkaufen lässt?

Ich bleibe hier oben, da ich es nicht eilig habe, wieder in das Tal der Schmerzen hinabzusteigen, und gehe auf dem Plateau spazieren, um die Schönheit der Erde zu bewundern. Da bemerke ich, dass der abgesonderte Felsen, der die eigentliche Spitze bildet, durch die Natur wie eine ägyptische Sphinx geformt ist. Auf dem Riesenkopfe liegt ein Steinhaufen, aus dem ein kleiner Stock mit einer Fahne aus weisser Leinwand aufragt.

Ich ergründe nicht, was diese Zurüstung zu bedeuten hat, aber ein einziger Gedanke packt mich so, dass ich nicht widerstehen kann: die Fahne entführen!

Ich achte der Gefahr nicht, erstürme den steilen Abhang und raube die Fahne. Da ertönt, ganz unerwartet, vom Ufer der Donau ein Hochzeitsmarsch, der von Triumphgesängen begleitet wird. Es ist ein Hochzeitszug, den ich nicht sehen kann, aber an den üblichen Flintenschüssen erkenne.

Kind genug und genügend unglücklich, um aus den alltäglichsten und natürlichsten Vorfällen die Poesie zu ziehen, nehme ich dies als ein günstige Vorbedeutung an.

Und mit Bedauern, langsamen Schrittes, steige ich wieder in das Tal der Schmerzen und des Todes, der Schlaflosigkeit und der Dämonen hinab; denn meine kleine Beatrice erwartet mich dort unten, und ich bringe ihr die Mistel, die ich ihr versprochen habe, den Zweig, der im Schnee grünt, den man mit einer goldenen Sichel pflücken müsste.

Schon lange hatte die Grossmutter den Wunsch ausgedrückt, mich zu sehen, sei es, um eine Versöhnung herbeizuführen, sei es aus Gründen, die vielleicht okkult sind, denn sie ist eine Hellseherin und eine Visionärin. Unter verschiedenen Vorwänden hatte ich den Besuch aufgeschoben, da aber meine Abreise entschieden ist, nötigt mich meine Mutter, die Grossmutter zu besuchen und ihr Lebewohl zu sagen, wahrscheinlich zum letzten Mal diesseits des Grabes.

Am 26. November einem kalten und klaren Tagen, machen meine Mutter, das Kind und ich uns auf den Weg nach der Donau, an welcher der Stammsitz der Familie liegt.

Wir steigen im Gasthaus ab, und meine Mutter begibt sich zur Grossmutter, um meinen Besuch anzumelden. Während ich auf ihrer Rückkehr warte, durchwandere ich die Wiesen und Wälder, die ich seit zwei Jahren nicht gesehen habe. Die Erinnerungen überwältigen mich, und das Bild meiner Frau taucht überall auf. Alles ist verwüstet durch den Frost des Winters; keine Blume blüht mehr, keine Grashalm grünt mehr, wo wir beide alle Blumen des Frühlings, des Sommers, des Herbstes gepflückt haben.

Am Nachmittag werde ich zu der Grossmutter geführt, die den Pavillon der Villa bewohnt, das Häuschen, in dem mein Kind geboren ist. Die Begegnung ist konventionell und kalt; man scheint eine Wiederholung des Szene vom verlorenen Sohn zu erwarten, aber derartiges ist mir zuwider.

Ich begnüge mich damit, die Erinnerungen an ein verlorenes Paradies wieder lebendig zu machen. Meine Frau und ich haben das Getäfel der Türen und Fenster gestrichen, um die Geburt der kleinen Christine zu feiern. Die Rosen und die Clematis, welche die Fassade zieren, sind von meiner Hand gepflanzt. Der Gang, der den Garten durchläuft, ist von mir geharkt worden. Aber der Nussbaum, den ich am Morgen nach der Geburt Christinens gepflanzt habe, ist verschwunden. "Der Baum des Lebens", wie er genannt wurde, ist tot.

Zwei Jahre, zwei Ewigkeiten, sind vergangen, seit die Abschiedsworte zwischen uns gewechselt wurden. Sie war am Ufer, und ich stand auf dem Dampfer, der mich auf meinen Weg nach Paris bis Linz bringen sollte.

Wer hat den Bruch durchführt! Ich, ich habe meine Liebe und ihre getötet. Ade, weisses Haus von Dornach, Flur der Dornen und Rosen! Ade, Donau! Ich tröste mich, indem ich denke: ihr waret nur ein Traum, kurz wie der Sommer und lieblicher als die Wirklichkeit, die ich nicht vermisse.

Die Nacht verbringe ich im Gasthaus, wo auch meine Mutter und mein Kind auf meine Bitte schlafen, um mich gegen die Schrecken des Todes zu schützen, die ich ahne, dank meinem sechsten Sinn, der sich unter dem Einfluss sechsmonatiger Marter entwickelt hat.

Um zehn Uhr abends beginnt ein Windstoss meine Tür, die sich auf den Flur öffnet, zu rütteln. Ich befestige sie mit hölzernen Keilen. Es hilft nichts: sie zittert weiter.

Dann klirren die Fenster, der Ofen heult wie ein Hund, das ganze Haus schwankt wie ein Schiff.

Ich kann nicht schlafen. Bald seufzt meine Mutter, bald weint mein Kind.

Am andern Morgen ist meine Mutter durch Schlaflosigkeit und andere Dinge, die sie mir verbirgt, erschöpft und sagt zu mir:

--Reise, mein Kind! Ich habe genug von diesem Höllengeruch!