Part 10
In der Nacht irren diese Unglücklichen, die unter Schlaflosigkeit und Alpdrücken leiden, auf den Wiesen und in den Wäldern umher, um die Müdigkeit zu finden, die ihnen Schlaf geben wird. Unter diesen Heimgesuchten sind Leute aus der guten Gesellschaft, wohlerzogene Damen, sogar ein Pfarrer.
Ganz in unserer Nähe liegt ein Kloster, das als Strafanstalt für gefallene Mädchen dient. Es ist ein wahres Gefängnis und hat die strengste Zucht. Im Winter, bei zwanzig Grad Kälte, müssen die Büsserinnen in ihren Zellen auf den eisigen Steinfliesen schlafen; und da das Heizen verboten ist, haben sich ihre Füsse und Hände mit aufgesprungenen Frostbeulen bedeckt.
Unter andern ist dort eine Frau, die mit einem Mönch gesündigt hat, und das ist eine Todsünde. Von Gewissensqual gepeinigt, zur Verzweiflung getrieben, läuft sie zum Beichtvater; der verweigert ihr aber die Beichte und Abendmahl. Für ihre Todsünde sei sie verdammt! Da verliert die Unglückliche den Verstand, bildet sich ein tot zu sein, irrt von Dorf zu Dorf, das Mitleid der Geistlichen anrufend, um in geweihter Erde bestattet zu werden. Verbannt, verjagt, geht und kommt sie, wie ein wildes Tier heulend; und das Volk das ihr begegnet, ruft: "Da ist die Verdammte!" Niemand zweifelt, dass ihre Seele schon im ewigen Feuer ist, während ihr Schatten hier umherstreift, eine wandernde Leiche, um als abschreckendes Beispiel zu dienen.
Man erzählt mir auch, dass ein Mann derart vom Teufel besessen war, dass der Unglückliche seine Persönlichkeit änderte: er war durch den bösen Geist gezwungen, Gotteslästerungen auszustossen, trotzdem ihm das den grössten Widerwillen einflösste. Nachdem man lange einen Beschwörer gesucht hat, entdeckt man einen jungen Franziskaner, jungfräulich und von anerkannter Herzensreinheit. Dieser bereitet sich durch Fasten und Bussübungen vor. Als der grosse Tag gekommen ist, führt man den Besessenen in die Kirche, und er beichtet vor allem Volk, coram populo. Dann macht sich der junge Mönch ans Werk. Indem er vom Morgen bis zum Abend betet und beschwört, gelingt es ihm, den Teufel auszutreiben. Unter welchen Umständen der Teufel geflohen ist, haben die entsetzten Zuschauer nicht zu erzählen gewagt. Ein Jahr darauf starb der Franziskaner.
Solche und noch schlimmere Geschichten bestärken mich in meiner Überzeugung, dass diese Gegend ein zum Büssen vorherbestimmter Ort ist, und dass es eine geheimnisvolle Beziehung zwischen diesem Lande und den Stätten gibt, die Swedenborg als Hölle malt. Hat er diesen Teil von Niederösterreich besucht und, gleichwie Dante die Gegend südlich von Neapel schildert, seine Hölle nach der Natur gezeichnet?
Nachdem ich vierzehn Tage gearbeitet und studiert habe werde ich noch einmal aus meinem Lager aufgestört. Da der Herbst sich nähert, wollen meine Tante und meine Schwiegermutter in Klam zusammenziehen. Wir brechen das Lager also ab. Um meine Unabhängigkeit zu wahren, miete ich ein Häuschen, das aus zwei Zimmern nebst einer Küche besteht, ganz in der Nähe meines Töchterchens.
Am ersten Abend, nachdem ich meine Wohnung in Besitz genommen habe, empfinde ich eine Angst, als sei die Luft vergiftet. Ich gehe zu meiner Mutter hinunter.
--Wenn ich dort oben schlafen gehe, werdet ihr mich morgen tot im Bett finden. Beherberge einen Obdachlosen für die Nacht, gute Mutter!
Sogleich wird mir das rosa Zimmer zur Verfügung gestellt; aber wie hat es sich seit der Abreise meiner Tante verändert! Schwarze Möbel; ein Büchergestell mit leeren Fächern, die mich wie ebensoviel Rachen angähnen; aus den Fenstern sind die Blumen verschwunden; ein gusseisener Ofen, hoch, dürr, schwarz wie ein Gespenst, mit den Ornamenten einer hässlichen Phantasie, Salamandern und Drachen. Es ist eine Disharmonie, die mich krank macht.
Übrigens fällt mir alles auf die Nerven, weil ich ein Mann von geregelten Gewohnheiten bin, der alles zu seiner Stunde tut. Trotzdem ich mir alle Mühe gebe, meinen Verdruss zu verbergen, weiss meine Mutter meine Geheimnisse zu lesen:
--Immer unzufrieden, mein Kind!
Sie tut ihr Möglichstes und mehr, um mich zufrieden zu stellen, aber die Geister der Zwietracht mengen sich ein, und nichts hilft. Sie erinnert sich meiner kleinen Liebhabereien, aber immer geht es verkehrt. So gibt es wenige Gerichte, die mir so zuwider sind, wie Bregen in brauner Butter.
-Heute habe ich etwas Gutes, besonders für dich, sagt sie.
Und sie legt mir Bregen in brauner Butter vor. Ich verstehe, dass es ein Missverständnis ist, und ich esse, aber mit einem schlecht verborgenem Widerwillen und einem erkünstelten Appetit.
--Du isst ja nichts!
Und sie füllt meinen Teller noch einmal ...
Das ist zu viel! Früher schrieb ich alle diese Plagen der weiblichen Bosheit zu; jetzt erkenne ich ihre Unschuld an und sage mir: es ist der Teufel!
Seit meiner Jugend widme ich meinen Morgenspaziergang Betrachtungen, mit denen ich mich auf die Arbeit des Tages vorbereite. Ich habe niemals jemand erlaubt, mich zu begleiten, nicht einmal meiner Frau.
Tatsächlich erfreut sich mein Geist des Morgens einer Harmonie und einer Expansion, die an Ekstase streift. Ich gehe nicht, ich fliege; der Körper hat alle Schwere verloren, alle Traurigkeit ist verdunstet: ich bin ganz Seele. Das ist meine Sammlung, meine Gebetstunde, mein Gottesdienst.
Jetzt, da ich alles opfern, mich selbst und meine billigsten Neigungen verleugnen muss, zwingen die Mächte mich, auf dieses Vergnügen, das letzte und höchste von allen, zu verzichten.
Es ist mein Töchterchen, das den Wunsch ausdrückt, mich zu begleiten. Ich lehne ihr Anerbieten ab, indem ich sie sehr zärtlich küsse, aber sie begreift nicht, warum ich mit meinen Gedanken allein sein möchte. Sie weint. Da kann ich ihr nicht mehr widerstehen und nehme sie mit auf den Spaziergang, aber entschlossen, diesen Missbrauch ihrer Rechte nicht wieder zu erlauben.
Ein Kind ist reizend, entzückend durch seine Ursprünglichkeit, seine Mutwilligkeit, seine Dankbarkeit für ein Nichts, wohl verstanden, wenn man nichts anderes zu tun hat. Wenn man aber mit seinen Gedanken beschäftigt ist, wenn man geistesabwesend ist, wie kann das kleine Ding uns mit seinen endlosen Fragen, seinen unvermuteten Launen die Seele zerreissen. Mein Töchterchen ist wie eine Geliebte auf meine Gedanken eifersüchtig; sie passt den Augenblick ab, da ihr Geplauder ein gut gesponnenes Gedankennetz zerreissen kann.... Doch nein, das ist nicht ihre Absicht, aber man unterliegt der Illusion, ein Raub der überlegten Anschläge einer armen unschuldigen Kleinen zu sein.
Ich gehe mit langsamen Schritten, ich fliege nicht mehr; meine Seele ist gefangen, mein Gehirn leer, wie ich mich anstrengen muss, um mich auf das Niveau des Kindes herabzulassen.
Was mich bis zur Marter leiden lässt, das sind die tiefen, vorwurfsvollen Blicke, die sie mir zuwirft, wenn sie sich einbildet, mir zur Last zu fallen und meine Abneigung zu erregen. Dann verfinstert sich das offene, freimütige, strahlende Gesichtchen, ihre Blicke ziehen sich zurück, ihr Herz schliesst sich, und ich fühle mich des Lichts beraubt, das dieses Kind in meine düstere Seele wirft. Ich küsse sie, ich trage sie auf meinen Armen, ich suche ihr Blumen und Kiesel; ich schneide eine Rute ab und spiele die Kuh, die sie auf die Weide treiben soll.
Sie ist glücklich, zufrieden, und das Leben lächelt mir. Ich habe meine Stunde der Sammlung geopfert! So sühne ich das Böse, das ich in einem wahnsinnigen Augenblick auf das Haupt dieses Engels herabziehen wollte.
Geliebt werden: die Sühne für ein Verbrechen! Wahrhaftig, die Mächte sind nicht so grausam wie wir!
11.
Auszüge aus dem Tagebuch eines Verdammten.
Oktober, November 1896. Der Brahmane erfüllt seine Pflicht gegen das Leben, indem er ein Kind erzeugt. Dann geht er in die Wüste, um sich der Einsamkeit und der Entsagung zu weihen.
MEINE MUTTER.--was hast du, Unglücklicher, in deiner früheren Inkarnation getan, dass das Schicksal dich so schlecht behandelt?
ICH.--Rate! Erinnere dich eines Mannes, der zuerst mit der Frau eines andern verheiratet war, wie ich es gewesen bin; der sich dann von ihr trennt, um eine Österreicherin zu heiraten, wie ich es getan habe! Und dann entreisst man ihm seine liebe Österreicherin, wie man mir die meine geraubt hat, und beider einziges Kind wird am Abhang des Böhmerwaldes gefangen gehalten, wie mein Kind es wird. Erinnerst du dich an den Helden meines Romans "Am offenen Meer", der auf einer Insel mitten im Meer elend umkommt....
MEINE MUTTER.--Genug! Genug!
ICH.--Du weisst nicht, dass die Mutter meines Vaters Neipperg hiess....
MEINE MUTTER.--Schweig, Unglücklicher!
ICH.--... und dass meine kleine Christine dem grössten Menschenschlächter des Jahrhunderts auf ein Haar gleicht; sieh sie nur an, die Despotin, die mit ihren zweieinhalb Jahren schon Männer bändigt....
MEINE MUTTER.--Du bist toll!
ICH.--Ja! Und ihr Frauen, wie habt ihr früher gesündigt, da euer Los noch grausamer ist als unseres? Wie recht ich hatte, das Weib unsern bösen Dämon zu nennen. Jedem nach seinem Verdienst!
MEINE MUTTER.--Ja, es ist doppelte Hölle, Weib sein!
ICH.--Und doppelter Dämon ist das Weib. Übrigens ist die Reinkarnation eine christliche Lehre, die nur von der Geistlichkeit beiseite geschoben ist. Jesus Christus behauptet, Johannes der Täufer sei eine Reinkarnation von Elias. Ist das eine Autorität oder nicht?
MEINE MUTTER.--Allerdings; aber die römische Kirche verbietet das Forschen in dem Verborgenen!
ICH.--Und der Okkultismus erlaubt es, da die Wissenschaften erlaubt sind!
Die Geister der Zwietracht wüten. Trotzdem wir ihr Spiel genau kennen und von unserer gegenseitigen Unschuld überzeugt sind, hinterlassen die sich wiederholenden Missverständnisse einen bitteren Nachgeschmack.
Obendrein argwöhnen die beiden Schwestern, bei der Krankheit ihrer Mutter sei mein böser Wille im Spiel; weil ich kein Interesse daran habe, dass das Hindernis, das mich von meiner Frau trennt, fortgeräumt wird, können sie den ganz natürlichen Gedanken nicht unterdrücken, der Tod der Alten würde mir Freude machen. Dass dieser Wunsch überhaupt vorhanden ist, macht mich verhasst, und ich wage mich nicht mehr nach der Grossmutter zu erkundigen, aus Furcht, als Heuchler behandelt zu werden.
Die Situation ist gespannt, und meine alten Freundinnen erschöpfen sich in endlosen Erörterungen über meine Person, meinen Charakter, meine Gefühle, darüber, ob meine Liebe zu meinem Kind aufrichtig ist.
An einem Tage hält man mich für einen Heiligen, und die Narben in meinen Händen sind Wundmale. Tatsächlich gleichen die Zeichen in der Handfläche Löchern grober Nägel. Um aber jeden Anspruch auf Heiligkeit zurückzuweisen, sage ich, ich sei der gute Schächer, der vom Kreuz gestiegen sei und sich auf der Wallfahrt befinde, um das Paradies zu erringen.
An einem anderen Tage hat man über das Rätsel, das ich bin, gegrübelt und hält mich für Robert den Teufel. Ein Vorfall flösst mir die Furcht ein, die Bevölkerung werde mich steinigen. Hier der einfache Sachverhalt:
Meine kleine Christine hat eine übertriebene Furcht vor dem Schornsteinfeger. Eines Abends beginnt sie beim Essen plötzlich zu weinen, zeigt mit dem Finger auf einen Unsichtbaren hinter meinem Stuhl und schreit:
--Der Schornsteinfeger!
Meine Mutter, die an das Hellsehen von Kindern und Tieren glaubt, wird bleich; und ich, ich habe Furcht, besonders da ich bemerke, dass meine Mutter das Zeichen des Kreuzes über dem Haupt des Kindes macht.
Ein Todesschweigen folgt auf diesen Vorfall, der mir das Herz bedrückt.
Der Herbst mit seinem Sturm, Regen und Dunkel ist gekommen. Im Dorf und im Armenhaus verdoppeln sich die Kranken, die Sterbenden und die Toten. In der Nacht hört man das Glöckchen des Chorknaben, welcher der Hostie vorangeht. Am Tage läuten die Glocken der Kirche die Toten ein, und die Leichenzüge folgen dicht aufeinander. Zum Sterben traurig und düster ist das Leben. Und meine nächtlichen Anfälle beginnen wieder.
Man spricht Gebete für mich, man betet den Rosenkranz, und in meinem Schlafzimmer ist der Weihkessel mit Weihwasser gefüllt, das der Pfarrer gesegnet hat.
--Die Hand des Herrn ruht schwer auf dir!
Es ist meine Mutter, die mich mit dieser Anrede zermalmt.
Ich beuge mich, und ich richte mich wieder auf. Kraft einer eingewurzelten Zweifelsucht und eines geschmeidigen Geistes befreie ich meine Seele von diesen düsteren Vorstellungen. Nachdem ich gewisse okkultistische Schriften gelesen habe, bilde ich mir ein, von Elementargeistern, von Inkuben, Lamien verfolgt zu sein, die mich verhindern wollen, mein grosses alchimistisches Werk zu vollenden. Durch die Eingeweihten unterrichtet, verschaffe ich mir einen Dolch aus Dalmatien, und glaube nun gegen die bösen Geister gut bewaffnet zu sein.
Ein Schuhmacher des Dorfes, Atheist, Gotteslästerer, ist eben gestorben. Eine Dohle, die er besass, ist sich jetzt selbst überlassen und haust auf dem Dach eines Nachbarn. Während der Totenwache entdeckt man die Dohle im Zimmer, ohne dass die Anwesenden ihre Gegenwart erklären können. Am Tage der Beerdigung begleitet der schwarze Vogel den Leichenzug und auf dem Kirchhof setzt er sich während der Totenfeier auf den Deckel des Sarges.
Morgen folgt mir dieses Tier längs der Wege, was mich beunruhigt, da die Bevölkerung, abergläubisch ist. Eines Tages--es war ihr letzter--begleitet mich die Dohle durch die Strassen des Dorfes, indem sie hässliche Schreie ausstösst; dann und wann wirft sie grobe Worte dazwischen, die ihr der Gotteslästerer beigebracht hat. Da erscheinen zwei kleine Vögel, ein Rotkehlchen und eine Bachstelze, und verfolgen die Dohle von Dach zu Dach. Die Dohle rettet sich aus dem Dorf hinaus und flüchtet sich auf einen Schornstein einer Hütte. Im selben Augenblick springt ein schwarzes Kaninchen vor dem Hause auf und verschwindet im Grase.
Einige Tage später stellt man fest, dass die Dohle tot ist. Sie ist von den Gassenjungen getötet worden, die sie nicht leiden konnten, weil sie diebisch war.
Den ganzen Tag arbeite ich in meinem Häuschen, aber es scheint, dass die Mächte mir seit einiger Zeit ihre Gunst entzogen haben. Oft wenn ich eintrete, finde ich die Luft dick, wie vergiftet, und dann muss ich bei offener Tür und offenen Fenstern arbeiten. Mit einem warmen Mantel und einer Pelzmütze bekleidet, sitze ich am Tisch und schreibe, indem ich gegen die sogenannten elektrischen Anfälle kämpfe, die mir die Brust zusammendrücken und mir in den Rücken stechen. Oft ist mir, als stehe jemand hinter meinem Stuhl. Dann richte ich Dolchstösse nach hinten, indem ich mir einbilde, einen Feind zu bekämpfen. Das dauert bis fünf Uhr abends. Wenn ich über diese Stunde sitzen bleibe, wird der Kampf furchtbar; meine Kräfte sind erschöpft, und ich zünde meine Laterne an und steige zu meiner Mutter und meinem Kind hinunter.
Ein einziges Mal verlängere ich den Kampf bis sechs Uhr, um einen Artikel über Chemie zu vollenden, während ich wegen der dicken und erstickenden Luft meines Zimmers im Zuge sitze. Ein Marienkäfer, schwarz mit gelben Flecken, klettert auf einem Blumenstrauss herum, tastet, sucht einen Ausweg. Schliesslich lässt er sich auf mein Papier fallen und schlägt mit den Flügeln, ganz wie der Hahn, der auf der Kirche Notre-Dame-des-Camps in Paris steht. Dann kriecht er das Manuskript entlang, entert meine rechte Hand und klettert hinauf. Er blickt mich an und fliegt dann dem Fenster zu. An dem Kompass, der auf dem Tisch steht, sehe ich, dass er nach Norden fliegt.
--Gut sage ich mir, nach Norden also! Aber wenn ich will und wann es mir gefällt. Bist zu einer neuen Aufforderung bleibe ich, wo ich bin.
Als es sechs Uhr wird, ist es mir nicht mehr möglich, in diesem Spukhaus zu bleiben. Unbekannte Kräfte heben mich vom Stuhl, und ich muss das Haus räumen.
Es ist Allerseelen, gegen drei Uhr nachmittags; die Sonne scheint, die Luft ist ruhig. Die Prozession der Einwohner, voran die Geistlichkeit, die Fahnen und die Musik, bewegt sich nach dem Friedhof, um die Toten zu begrüssen. Die Glocken der Kirche fangen an zu läuten. Da bricht, ohne Vorzeichen, ohne dass sich eine Wolke an dem blassblauen Himmel gezeigt hätte, ein Sturm los. Das Fahnentuch klatscht gegen die Stangen, die Gewänder der in der Prozession gehenden Männer und Frauen sind ein Spiel des Windes, Staubwolken erheben sich in Wirbeln, die Bäume biegen sich....
Es ist ein wahres Wunder.
Ich fürchte mich vor der nächsten Nacht, und meine Mutter ist vorbereitet. Sie hat mir ein Amulett gegeben, damit ich es um den Hals trage. Es ist eine Madonna und ein Kreuz aus heiligem Holz, das zu dem Balken einer mehr als tausendjährigen Kirche gehört hat. Ich nehme es als ein kostbares Geschenk an, das aus gutem Herzen angeboten ist, aber ein Rest der Religion meiner Väter verbietet es mir, es um meinen Hals zu hängen.
Beim Abendessen, es ist gegen acht Uhr und die Lampe ist angesteckt, herrscht eine unglücksverheissende Stille in unserem kleinen Kreise. Draussen ist es dunkel, die Bäume schweigen. Ruhe überall.
Da dringt ein Windstoss, ein einziger, durch die Ritzen der Fenster und stösst ein Gebrüll aus, das dem Laut der Maultrommel ähnlich ist. Dann ist es zu Ende.
Meine Mutter wirft mir einen entsetzten Blick zu und drückt das Kind in ihre Arme.
In einer Sekunde begreife ich, was dieser Blick mir sagt: Weiche von uns, Verdammter, und ziehe nicht die rächenden Dämonen auf Unschuldige herab.
Alles stürzt ein; das einzige Glück, das mir geblieben ist, bei meinem Töchterchen zu weilen, wird mir genommen, und in dem traurigen Schweigen nehme ich in Gedanken Abschied vom Leben.
Nach dem Abendessen ziehe ich mich in das rosa Zimmer zurück, das jetzt schwarz ist, und bereite mich auf einen nächtlichen Kampf vor, denn ich fühle mich bedroht Durch wen? Ich weiss es nicht; aber ich fordere den Unsichtbaren heraus, wer es auch sei, der Teufel oder der Ewige, und ich werde mir ihm ringen, wie Jakob mit Gott.
Man klopft an die Tür: das ist meine Mutter, die eine schlechte Nacht für mich ahnt und mich einlädt, auf dem Sofa im Salon zu schlafen.
--Des Kindes Gegenwart wird dich retten!
Ich danke ihr, versichere aber, dass keine Gefahr ist und dass nichts mir Furcht einflösst, da mein Gewissen rein ist. Mit einem Lächeln wünscht sie mir eine gute Nacht.
Ich kleide mich wieder in Schlachtmantel, Mütze und Stiefel, fest entschlossen, in Kleidern zu schlafen, bereit, als tapferer Krieger, der dem Tod trotzt, nachdem er das Leben verachtet hat, zu sterben.
Gegen elf Uhr beginnt die Luft im Zimmer dick zu werden, und eine tödliche Angst bemächtigt sich meines Mutes. Ich öffne das Fenster: ein Luftzug droht die Lampe auszulöschen; ich schliesse es wieder.
Die Lampe beginnt zu singen, zu seufzen, zu wimmern. Dann Schweigen.
Da stösst ein Dorfhund klagende Laute aus; das bedeutet nach dem Volksglauben eine Totenklage.
Ich sehe zum Fenster hinaus: der grosse Bär ist allein sichtbar. Unten im Armenhaus brennt ein Licht, und eine alte Frau wartet, über ihre Handarbeit gebückt, auf die Befreiung; vielleicht fürchtet sie den Schlaf und die Träume.
Da ich müde bin, lege ich mich wieder auf mein Bett und versuche einzuschlafen. Bald wiederholt sich das alte Spiel. Ein elektrischer Strom sucht mein Herz, die Lungen hören auf zu arbeiten, ich muss aufstehen, wenn ich dem Tode entgehen will. Ich setze mich auf einen Stuhl, bin aber zu erschöpft, um lesen zu können; so sitze ich eine halbe Stunde starr da.
Dann entschliesse ich mich, bis der Morgen anbricht, spazieren zu gehen. Ich gehe hinunter. Die Nacht ist dunkel und das Dorf schläft; aber die Hunde schlafen nicht, und als einer von ihnen anschlägt, umringt mich die ganze Bande; ihre gähnenden Rachen und ihre funkelnden Augen zwingen mich zum Rückzug.
Als ich wieder die Tür meines Zimmers öffne, ist es mir, als sei die Stube von lebendigen und feindlichen Wesen bewohnt. Das Zimmer ist davon erfüllt, und ich glaube durch eine Menge zu dringen, als ich mein Bett zu erreichen suche; resigniert und zum Sterben entschlossen, falle ich darauf nieder.
Aber im letzten Augenblick, wenn der unsichtbare Geier mich unter seinen Schwingen ersticken will, reisst mich jemand vom Bett, und die Jagd der Furien beginnt wieder. Besiegt, zu Boden geschlagen, in Unordnung gebracht, verlasse ich das Schlachtfeld und weiche in dem ungleichen Kampf gegen die Unsichtbaren.
Ich klopfe an die Tür des Salons, der auf der anderen Seite des Flurs liegt. Meine Mutter, die noch auf ist und betet, kommt und öffnet.
Der Ausdruck, den ihr Gesicht annimmt, als sie mich bemerkt, flösst mir vor mir selbst ein tiefes Entsetzen ein.
--Du wünscht, mein Kind?
--Ich wünsche zu sterben, und dann verbrannt zu werden; oder vielmehr, verbrennt mich lebendig!
Kein Wort! Sie hat mich verstanden, sie bekämpft ihr Entsetzen: Mitleid und Barmherzigkeit der religiösen Frau tragen den Sieg davon, und mit eigener Hand macht sie das Sofa zurecht; dann zieht sie sich in ihr Zimmer zurück, wo sie mit dem Kinde schläft.
Zufällig--immer dieser teuflische Zufall!--steht das Sofa dem Fenster gegenüber, und derselbe Zufall hat es gewollt, dass keine Vorhänge da sind, dass also die schwarze Fensteröffnung, die in die Dunkelheit der Nacht hinausgeht, mich angähnt; und ausserdem ist es gerade dieses Fenster, durch das der Windstoss heute abend während des Essens geheult hat.
Am Ende meiner Kräfte angelangt, sinke ich auf mein Lager nieder, indem ich diesen allgegenwärtigen und unvermeidlichen Zufall verwünsche, der mich in der offenbaren Absicht verfolgt, den Verfolgungswahn hervorzurufen.
Ich ruhe mich fünf Minuten aus, indem ich die Augen auf das schwarze Viereck hefte, da gleitet das unsichtbare Gespenst über meinen Leib, und ich erhebe mich. Mitten im Zimmer bleibe ich stehen wie eine Statue, ich weiss nicht wie lange; in einen Säulenheiligen verwandelt, schlafe ich auf absonderliche Art.
Wer verleiht mir Kräfte, um mich leiden zu lassen? Wer versagt mir den Tod, um mich meinen Folterqualen auszuliefern?
Ist er es, der Herr über Leben und Tod, den ich beleidigt habe, als ich nach der Lektüre der "Freude zu sterben" Selbstmordversuche machte, da ich mich schon reif für das ewige Leben hielt?
Bin ich Phlegyas, der für seinen Hochmut zur Todesstrafe der Angst im Tartarus verurteilt wurde? Oder Prometheus, der durch den Geier bestraft ward, weil er den Sterblichen das Geheimnis der Mächte enthüllt hatte?
(Indem ich dies schreibe, denke ich an die Szene in der Passion Christi; die Soldaten speien ihm ins Gesicht; die einen geben ihm Backenstreiche, die andern schlagen ihn mit Ruten, indem sie sagen: Christus, weissage uns, wer hat dich getroffen!--Mögen sich meine Jugendgenossen an die Stockholmer Orgie erinnern, auf welcher der Schreiber dieses Buches die Rolle des Soldaten spielte....)
Wer hat ihn getroffen? Die Frage ohne Antwort, der Zweifel, die Ungewissheit, das Geheimnis: das ist meine Hölle.
Möge er sich enthüllen, auf das ich mit ihm kämpfe, ihm Trotz biete!
Aber gerade davor hütet er sich, um mich mit Wahnsinn zu schlagen, mich mit dem schlechten Gewissen, das mich überall Feinde suchen lässt, zu geisseln. Feinde, das sind die, welche durch meinen bösen Willen verletzt worden sind. Und jedesmal, wenn ich einen neuen Feind aufspüre, wird mein Gewissen getroffen.
Als mich am andern Morgen, nachdem ich einige Stunden geschlafen habe, das Geplauder meiner kleinen Christine weckt, ist alles vergessen, und ich widme mich meinen gewöhnlichen Arbeiten, die auf dem rechten Wege sind. Alles, was ich schreibe, wird alsbald gedruckt; das beruhigt mich über meinen gesunden Menschenverstand und meine Intelligenz.
Die Zeitungen verbreiten das Gerücht, dass ein amerikanischer Gelehrter eine Methode, Silber in Gold zu verwandeln, gefunden habe. Das befreit mich von dem Verdacht, ein Schwarzkünstler, ein Verrückter, ein Scharlatan zu sein.
In diesem Augenblick bietet mir mein Freund, der Theosoph, der mich bisher unterstützt hat, die Hand, um mich für seine Sekte zu gewinne.