Part 1
INFERNO
LEGENDEN
AUGUST STRINDBERG
VERDEUTSCHT VON EMIL SCHERING
FÜNFTE AUFLAGE
MÜNCHEN UND LEIPZIG
BEI GEORG MÜLLER
1914
Die grosse Krisis mit fünfzig Jahren Revolutionen im Seelenleben, Wüsten-Wandrungen, Verödung, Swedenborgs Höllen und Himmel.
Deutsche Original-Ausgabe gleichzeitig mit der schwedischen Ausgabe unter Mitwirkung von Emil Schering als Übersetzer vom Dichter selbst veranstaltet.
CORAM POPULO!
DE CREATIONE ET SENTENTIA VERA
MUNDI
MYSTERIUM
Personen:
DER EWIGE, unsichtbar. GOTT, der böse Geist, der Usurpator, der Fürst dieser Welt. LUCIFER, der Lichtbringer, entthront. Erzengel. Engel. Adam und Eva.
Erster Akt
DER HIMMEL
Gott und Lucifer, jeder auf seinem Thron. Sie sind von Engeln umgeben. Gott ist ein Greis, dessen Gesichtsausdruck streng, fast böse ist; er hat einen langen weissen Bart und kleine Hörner, wie der Moses Michelangelos.
Lucifer ist jung und schön, hat etwas von Prometheus, Apollo, Christus; die Farbe des Gesichts ist weiss, leuchtend, die Augen blitzen, die Zähne glänzen; hat einen Heiligenschein über dem Kopf.
GOTT:
Es sei Bewegung, denn die Ruhe hat uns verdorben! Ich will noch eine Offenbarung wagen, auf die Gefahr hin, mich zu zerteilen und in der rohen Menge zu verlieren.
Seht, dort unten zwischen Mars und Venus sind noch einige Myriameter frei in meinem Sonnensystem. Dort will ich eine neue Welt schaffen: aus Nichts soll sie geboren werden, und ins Nichts soll sie einst wieder zurückkehren. Die Geschöpfe, die dort leben werden, sollen sich für Götter halten wie wir, und unsere Freude soll sein, sie kämpfen und prahlen zu sehen. Die Welt der Torheit soll sie darum auch heissen. Was sagt mein Bruder Lucifer, der mit mir die Macht über diese Reiche südlich der Milchstrasse teilt?
LUCIFER:
Herr und Bruder, dein böser Wille heischt Leid und Verderben; ich liebe deinen Gedanken nicht.
GOTT:
Was sagen die Engel zu meinem Vorschlag?
DIE ENGEL:
Der Wille des Herrn geschehe!
GOTT:
Es werde, wie ich gesagt! Und wehe denen, welche die Tröpfe in der Welt der Torheit über ihren Ursprung und ihre Aufgabe aufklären.
LUCIFER:
Wehe denen, die böse gut und gut böse nennen, die aus Finsternis Licht und aus Licht Finsternis machen, die aus bitter süss und aus süss bitter machen! Ich lade dich vor das Gericht des Ewigen!
GOTT:
Das warte ich ab! Denn begegnest du dem Ewigen öfter als alle zehn mal zehntausend Jahre, wenn er diese Gebiete besucht?
LUCIFER:
Ich werde den Menschen die Wahrheit sagen, auf dass deine Anschläge zu nichte werden.
GOTT:
Verflucht seist du Lucifer! Und dein Platz sei in der Welt der Torheit, damit du ihre Qualen siehst; und die Toren sollen dich den Bösen nennen!
LUCIFER:
Du wirst siegen, weil du stark bist wie das Böse! Für die Menschen wirst du Gott sein, Du, der Verleumder, der Satan!
GOTT:
Hinunter mit dem Empörer! Vorwärts, Michael, Raphael, Gabriel, Uriel! Stosst: Samael, Azarël, Mehazaël! Blast: Oriens, Paymon, Egyn, Amaimon! (Lucifer wird von einem Wirbelwind erfasst und in die Abgründe gestürzt.)
Zweiter Akt
AUF ERDEN
Adam und Eva unter dem Baum der Erkenntnis. Dann Lucifer in der Gestalt einer Schlange.
EVA:
Diesen Baum habe ich noch nie gesehen.
ADAM:
Diesen Baum dürfen wir nicht berühren.
EVA:
Wer hat das gesagt?
ADAM:
Gott.
LUCIFER: (erscheint). Welcher Gott? Es gibt mehrere!
ADAM:
Wer spricht da?
LUCIFER:
Ich, Lucifer, der Lichtbringer, der euer Glück wünscht, der unter euren Leiden leidet. Seht den neuen Morgenstern, der die Rückkehr der Sonne verkündet! Das ist mein Stern, und darüber befindet sich ein Spiegel, der das Licht der Wahrheit zurückstrahlt. Wenn die Zeit erfüllt ist, wird der Stern aus einer Wüste Hirten an eine Krippe führen, in der mein Sohn geboren werden wird, der Erlöser der Welt.
Sobald ihr von diesem Baum esset, werdet ihr wissen, was gut und was böse ist. Ihr werdet wissen, dass das Leben ein Übel ist, dass ihr keine Götter seit, dass der Böse euch mit Blindheit geschlagen hat, dass euer Dasein sich nur abrollt, um die Götter zum Lachen zu bringen. Esset davon und ihr werdet die Befreiung von den Schmerzen, die Freude des Todes, besitzen!
EVA:
Ich möchte wissen und befreit werden! Iss auch, Adam. (Sie essen die verbotene Frucht.)
Dritter Akt
DER HIMMEL
Gott und Uriel.
URIEL:
Wehe uns, unsere Freude ist aus.
GOTT:
Was ist geschehen?
URIEL:
Lucifer hat den Bewohnern der Erde unsere Handlungsweise enthüllt; sie wissen alles und sind glücklich.
GOTT:
Glücklich! Wehe uns!
URIEL:
Noch mehr, er hat ihnen das Geschenk der Befreiung gegeben: sie können also ins Nichts zurückkehren.
GOTT:
Sterben!... Gut! Dann sollen sie sich vermehren, ehe sie sterben. Es werde die Liebe!
Vierter Akt
IN DER HÖLLE
LUCIFER:
(gebunden). Seit die Liebe in die Welt gekommen ist, ist meine Macht tot. Abel wurde durch Kain befreit, aber erst, nachdem er sich mit seiner Schwester fortgepflanzt hatte. Ich will euch alle befreien! Wasser, Meere, Quellen, Flüsse, ihr wisst die Flamme des Lebens zu erlöschen, steigt! vernichtet!
Fünfter Akt
DER HIMMEL
Gott und Uriel.
URIEL:
Wehe uns, unsere Freude ist aus.
GOTT:
Was ist geschehen?
URIEL:
Lucifer hat auf das Wasser geblasen: es steigt und befreit die Sterblichen!
GOTT:
Ich weiss! Aber ich habe ein Paar von den am wenigsten Aufgeklärten gerettet, das niemals das Wort des Rätsels erfahren wird. Die Arche der beiden ist schon auf dem Berg zwischen den drei Wassern gelandet, und sie haben Dankopfer dargebracht.
URIEL:
Aber Lucifer hat ihnen eine Pflanze gegeben, die sie Weinrebe nennen und deren Säfte die Torheit heilt. Ein Trunk Wein, und sie werden sehend.
GOTT:
Die Vorwitzigen! Sie wissen nicht, dass ich ihre Pflanze mit seltsamen Tugenden begabt habe: Wahnsinn, Schlaf, Vergessen. Sie werden nicht mehr wissen, was ihre Augen gesehen haben.
URIEL:
Wehe uns! Was machen sie dort unten, die törichten Bewohner der Erde?
Sie bauen einen Turm. Sie wollen den Himmel stürmen. Lucifer hat sie fragen gelehrt. Gut! Ich werde ihre Zungen berühren, dass sie Fragen fragen, ohne Antwort zu erhalten; und mein Bruder Lucifer verstumme.
Sechster Akt
DER HIMMEL
Gott und Uriel.
URIEL:
Wehe uns, Lucifer hat seinen Sohn gesandt, der den Menschen die Wahrheit lehrt....
GOTT:
Was sagt er?
URIEL:
Geboren von einer Jungfrau, will dieser Sohn gekommen sein, um die Menschen zu befreien, und durch seinen eigenen Tod will er den Schrecken des Todes aufheben.
GOTT:
Was sagen die Menschen?
URIEL:
Die einen sagen, der Sohn sei Gott, die andern, er sein der Teufel.
GOTT:
Was verstehen sie unter dem Teufel?
URIEL:
Lucifer!
GOTT:
(zornig). Mich reut, den Menschen auf Erden geschaffen zu haben; er ist stärker geworden als ich, und ich weiss nicht mehr, wie ich diese Menge von Toren und Dummen lenken soll. Amaimon, Egyn, Paymon, Oriens, nehmt mir diese Last ab; stürzt den Ball in die Abgründe. Fluch auf das Haupt der Rebellen! Pflanzt auf der Stirn des verwünschten Planeten den Galgen auf, das Zeichen des Verbrechens, der Züchtigung und des Leidens.
(Egyn und Amaimon erscheinen.)
EGYN:
Herr! Euer grausamer Wille und das ausgesprochene Wort haben ihre Wirkung getan! Die Erde stürmt auf ihrer Bahn dahin; die Berge stürzen ein, die Wasser überschwemmen das Land; die Achse zielt nach Norden; Kälte und Finsternis, Pest und Hunger verheeren die Völker; die Liebe ist in tödlichen Hass verwandelt, die kindliche Ehrerbietung in Elternmord. Die Menschen glauben in der Hölle zu sein, und Ihr, Herr, Ihr seid entthront!
GOTT:
Zu Hilfe! Ich bereue meine Reue!
AMAIMON:
Zu spät! Alles geht seinen Gang, seit Ihr die Kräfte entfesselt habt....
GOTT:
Ich bereue! Ich habe Funken meiner Seele in unreine Geschöpfe gelegt, deren Hurerei mich erniedrigt, wie die Gattin ihren Gatten besudelt, wenn sie ihren Körper besudelt.
EGYN (zu Amaimon):
Der Alte redet irre!
GOTT:
Meine Tatkraft erschöpft sich, wenn sie sich von mir entfernen; ihre Verderbnis ergreift mich; die Torheit meiner Nachkommenschaft steckt mich an. Was habe ich begangen, Ewiger? Habe Erbarmen mit mir! Weil er den Fluch geliebt hat, falle der Fluch auf ihn zurück; und weil er kein Wohlgefallen am Segen gehabt hat, weiche der Segen von ihm.
EGYN:
Welcher Wahnsinn!
GOTT:
(wirft sich nieder). Herr, Ewiger, es gibt unter den Göttern keinen, der dir ähnlich ist! Deine Werke sind unvergleichlich. Denn du bist gross und du tust Wunder; und du allein bist Gott, du allein!
AMAIMON:
Wahnsinn!
EGYN:
Das ist der Lauf der Welt: wenn die Götter sich vergnügen, die Sterblichen sie drum betrügen!...
INFERNO
1894--1897
Motto
Beuge dein Haupt, stolzer Recke Bete an, was du verbrannt hast; Verbrenne, was du angebetet hast!
Und will mein Angesicht wider ihn setzen und ihn mit Schauder schlagen, dass er zum Zeichen und Sprichwort wird. Hesekiel 14,8.
Unter welchen ist Hymenäus und Alexander, welche ich habe dem Satan übergeben, dass sie gezüchtigt werden, nicht mehr zu lästern. 1. Timotheus I,20.
1.
Die Hand des Unsichtbaren.
Mit einem Gefühl wilder Freude kehrte ich vom Nordbahnhof zurück, wo ich meine liebe Frau verlassen hatte; sie fuhr zu unserm Kind, das in fernem Land erkrankt war. Vollbracht war also das Opfer meines Herzens! Die letzten Worte: "Wann sehen wir uns wieder?--Bald!" klangen mir noch im Ohr, wie Lügen, die man sich nicht eingestehen will; eine Ahnung sagte mir: "Niemals!" Und wirklich, diese Abschiedsworte, die wir in November 1894 wechselten, waren unsere letzten, denn bis zu diesem Augenblick, im Mai 1897, habe ich meine geliebte Gattin nicht wiedergesehen.
Als ich ins Café de la Régence kam, setzte ich mich an den Tisch, an dem ich mit meiner Frau zu sitzen pflegte, meiner schönen Gefangenenwärterin, die Tag und Nacht meine Seele belauerte, meine geheimen Gedanken ahnte, den Flug meiner Ideen bewachte, auf mein Forschen im Unbekannten eifersüchtig war....
Durch die wiedergewonnene Freiheit dehnt sich mein Ich aus und ich werde hinausgehoben über die kleinen Sorgen der grossen Stadt. Auf diesem Schauplatz geistiger Kämpfe hatte ich eben einen Sieg davongetragen, der an sich wertlos, für mich aber über die Massen gross war, da er die Erfüllung meines Jugendtraumes ausmachte, von allen meinen Landsleuten geträumt, aber allein von mir verwirklicht: auf einer Pariser Bühne gespielt zu sein. Das Theater stiess mich ab, wie alles, was man erreicht hat, und die Wissenschaft zog mich an. Zwischen Liebe und Wissen wählen müssend, hatte ich mich dafür entschieden, nach der höchsten Erkenntnis zu streben; und da ich selber meine Liebe opferte, vergass ich das unschuldige Opfer, das ich meinem Ehrgeiz oder meinem Beruf brachte.
Sobald ich in mein schlechtes Studentenzimmer im lateinischen Viertel zurückkehre, durchsuche ich meinen Koffer und ziehe aus ihrem Versteck sechs Tiegel aus feinem Porzellan hervor; die habe ich längst gekauft, obwohl sie mir für meine Verhältnisse zu teuer waren. Eine Zange und ein Paket reinen Schwefels vollenden die Einrichtung des Laboratoriums.
Ein Schmelzofenfeuer ist im Kamin angezündet, die Tür geschlossen und die Vorhänge heruntergelassen; denn drei Monate nach der Hinrichtung Caserios ist es nicht klug, in Paris chemische Werkzeuge in die Hand zu nehmen.
Die Nacht sinkt herab, der Schwefel brennt wie höllische Flammen, und gegen Morgen habe ich Kohlenstoff in diesem für ein Element gehaltenen Körper festgestellt. Damit glaube ich das grosse Problem gelöst, die herrschende Chemie gestürzt und die Sterblichen vergönnte Unsterblichkeit erworben zu haben.
Aber die Haut meiner Hände, die von dem starken Feuer fast gebraten ist, schält sich in Schuppen ab, und der Schmerz, den ich beim Auskleiden an den Händen leide, zeigt mir, welchen Preis ich für meinen Sieg gezahlt habe. Doch als ich allein im Bette liege, das noch nach der Frau duftet, fühle ich mich selig. Ein Gefühl seelischer Reinheit, männlicher Jungfräulichkeit empfindet das vergangene Eheleben als etwas Unreines; und ich bedaure nur, niemand zu haben, dem ich für meine Befreiung aus seinen schmutzigen, nun ohne viel Worte zerrissenen Fesseln danken könnte. Ich bin nämlich im Lauf der Jahre Atheist geworden, da die unbekannten Mächte die Welt sich selber überlassen haben, ohne ein Lebenszeichen von sich zu geben.
Jemand, dem ich danken könnte! Es ist niemand da, und meine mir aufgedrängte Undankbarkeit bedrückt mich!
Auf meine Entdeckung eifersüchtig, tue ich keine Schritte, um sie bekannt zu machen. In meiner Schüchternheit wende ich mich weder an Autoritäten noch an Akademien. Während ich meine Experimente fortsetze, verschlimmern sich meine aufgesprungenen Hände, die Schrunden brechen auf und füllen sich mit Kohlenstaub; das Blut sickert hervor und die Schmerzen werden so unerträglich, dass ich nichts mehr anfassen kann. Diese Qualen, die mich rasend machen, möchte ich den unbekannten Mächten zuschreiben, die mich seit Jahren verfolgen und meine Anstrengungen vereiteln. Ich meide die Menschen, versäume die Gesellschaften, lehne Einladungen ab, entfremde mich den Freunden. Schweigen und Einsamkeit breiten sich um mich. Es ist die feierliche und furchtbare Stille der Wüste, in der ich aus Trotz den Unbekannte herausfordere, um mit ihm zu ringen Leib an Leib, Seele an Seele.
Dass der Schwefel Kohlenstoff enthält, habe ich nachgewiesen; jetzt will ich Wasserstoff und Sauerstoff entdecken, denn die müssen ebenfalls darin vorhanden sein. Doch meine Apparate reichen dazu nicht, mir fehlt Geld, meine Hände sind schwarz und blutend, schwarz wie das Elend, blutig wie mein Herz. Denn während dieser Zeit stand ich im Briefwechsel mit meiner Frau. Ich erzählte ihr von meinen Erfolgen in der Chemie; sie antwortet mit Berichten über die Krankheit unseres Kindes, in die sie hier und dort einstreut, dass meine Wissenschaft eitel sei, und dass es töricht sei, dafür Geld fortzuwerfen.
In einer Anwandlung gerechten Stolzes, in dem leidenschaftliches Verlangen, mir selber ein Leid anzutun, begehe ich den Selbstmord, in einem nichtswürdigen, unverzeihlichen Briefe Weib und Kind von mir zu stossen, indem ich zu verstehen gebe, dass ein neues Liebesverhältnis meine Gedanken beschäftige.
Der Hieb sitzt. Meine Frau antwortet mit einer Klage auf Scheidung.
Allein, des Selbstmordes und Meuchelmordes schuldig, vergesse ich das Verbrechen über den Kummer und die Sorgen. Niemand besucht mich, und ich kann niemand sehen, da ich alle gekränkt habe.
Über die Fläche eines Meeres treibe ich allein dahin; den Anker habe ich gelichtet, doch ich habe keine Segel.
Aber die Not, in der Form einer unbezahlten Rechnung, unterbricht meine wissenschaftlichen Arbeiten und meine metaphysischen Spekulationen und ruft mich auf die Erde zurück.
Weihnachten nähert sich. Die Einladung einer skandinavischen Familie, deren Atmosphäre mir wegen ihrer peinlichen Unregelmässigkeiten missfällt, habe ich schroff abgelehnt. Als aber der Abend da ist und ich allein bin, reut es mich und ich gehe doch hin.
Man setzt sich zu Tisch, und das Nachtmahl beginnt mit grossem Lärm und ausgelassener Freude, denn die jungen Künstler fühlen sich hier wie zu Hause. Eine mich abstossende Vertraulichkeit der Gebärden und Mienen, ein Ton, der nicht nach Familie klingt, drückt mich in einer Weise nieder, wie ich sie nicht beschreiben kann. Mitten in den Saturnalien lässt meine Traurigkeit vor meinem Innern das friedliche Haus meiner Frau erscheinen. Der Salon ruft eine plötzliche Vision in mir hervor: der Weihnachtsbaum, die Mistel, mein Töchterchen, ihre verlassene Mutter.... Gewissensqual packt mich; ich stehe auf, schütze ein Unwohlsein vor und gehe.
Ich gehe die schreckliche Rue de la Gaieté hinunter, auf der die gekünstelte Fröhlichkeit der Menge mich verletzt; dann die düstere und stille Rue Delambre, die mehr als eine andere Strasse des Viertels einen zur Verzweiflung bringen kann. Ich biege in den Boulevard Montparnasse ein und lasse mich auf der Terrasse der Brasserie de Lilas auf einen Stuhl fallen.
Ein guter Absinth tröstet mich einige Minuten lang. Dann überfällt mich eine Bande Kokotten und Studenten, die mich mit Ruten ins Gesicht schlagen. Wie von Furien gejagt, lasse ich meinen Absinth stehen und beeile mich einen andern zu suchen, im Café François Premier, auf dem Boulevard Saint-Michel.
Von der Asche ins Feuer! Ein zweiter Trupp schreit mich an: Heda, der Einsiedler! Von den Eumeniden gepeitscht, fliehe ich nach Haus, geleitet von den entnervenden Fanfaren der Zwiebelflöten.
Der Gedanke, dass es eine Züchtigung sein könne, die Folge eines Verbrechens, kommt mir nicht. Vor mir selber fühle ich mich unschuldig, halte mich für den Gegenstand einer ungerechten Verfolgung. Die unbekannten Mächte haben mich gehindert, mein grosses Werk fortzusetzen; die Hindernisse mussten durchbrochen werden, ehe ich die Krone des Siegers davontragen konnte.
Ich habe unrecht gehabt, und zugleich habe ich recht und werde recht behalten!
Diese Weihnacht schlief ich schlecht. Ein kalter Luftzug schnitt mehrere Male mein Gesicht, und von Zeit zu Zeit weckte mich der Ton einer Maultrommel.
Eine zunehmende Hinfälligkeit kommt über mich. Meine schwarzen und blutenden Hände hindern mich daran mich anzukleiden und mein Äusseres zu pflegen. Die Furcht vor der Hotelrechnung lässt mir keine Ruhe mehr, und ich gehe in meinem Zimmer hin und her, wie ein wildes Tier in seinem Käfig.
Ich esse nicht mehr, und der Wirt rät mir, ins Krankenhaus zu gehen. Damit ist mir nicht geholfen, denn es ist teuer, auch muss man vorher bezahlen.
Da macht sich eine Anschwellung der Armadern bemerkbar, das ist das Zeichen für eine Blutvergiftung. Das ist der Gnadenstoss.
Die Neuigkeit verbreitet sich unter meinen Landsleuten und eines Abends kommt die barmherzige Frau, von deren Weihnachtsessen ich so brüsk aufgebrochen, die mir antipathisch war, die ich beinahe verachtete, sucht mich auf, erkundigt sich nach meinem Befinden, erfährt mein Elend und bezeichnet mir unter Tränen das Krankenhaus als einzige Rettung.
Man wird begreifen, wie hilflos und zerknirscht ich dastehe, als mein beredtes Schweigen ihr klar macht, dass ich ohne Mittel bin. Als sie mich so gefallen sieht, wird sie von Mitleid erfasst. Selber arm und von der Sorge ums tägliche Leben bedrückt, will sie in der skandinavischen Kolonie Almosen sammeln und zum Geistlichen der Gemeinde gehen.
Die sündige Frau hat Erbarmen mit dem Mann, der eben sein rechtmässiges Weib verlassen hat.
Noch einmal Bettler, durch die Vermittlung einer Frau um Barmherzigkeit bittend, beginne ich zu ahnen, dass es eine unsichtbare Hand gibt, welche die unwiderstehliche Logik der Ereignisse lenkt. Ich beuge mich unter dem Sturm, entschlossen, mich bei der ersten Gelegenheit wieder zu erheben.
Der Wagen bringt mich nach dem Krankenhaus des heiligen Ludwig. Unterwegs, in der Rue de Rennes, steige ich aus, um zwei weisse Hemden zu kaufen.
--Das Totenhemd für die letzte Stunde.
Ich denke wirklich an den nahen Tod, ohne dass ich sagen kann, warum.
Im Krankenhaus wird mir verboten, ohne Erlaubnis auszugehen; dazu sind meine Hände so umwickelt, dass mir jede Beschäftigung unmöglich wird; ich fühle mich daher als Gefangener.
Mein Zimmer ist abstrakt, nackt, enthält nur das Nötigste, zeigt keine Spur von Schönheit; es liegt neben dem Gesellschaftssaal, wo man vom Morgen bis zum Abend raucht und Karten spielt.
Es läutet zum Frühstück. Als ich mich zu Tisch setze, finde ich mich in einer furchtbaren Gesellschaft. Köpfe von Toten und Sterbenden: hier fehlt die Nase, dort ein Auge; dort hängt die Lippe herab, hier ist die Wange angefault. Zwei sehen nicht krank aus, zeigen dafür aber in ihrem Gesicht Gram und Verzweiflung. Das sind grosse Diebe der feinen Gesellschaft, die infolge mächtiger Verbindungen als "Kranke" dem Gefängnis entronnen sind.
Ein widerwärtiger Geruch nach Jodoform nimmt mir den Appetit. Und da meine Hände gebunden sind, muss ich beim Brotschneiden und Einschenken die Hilfe meiner Nachbarn in Anspruch nehmen. Um dieses Gastmahl der Verbrecher und zum Tode Verurteilten geht die grosse Mutter, die Vorsteherin, mit ihrer ernsten Tracht in schwarz und weiss und gibt einem jeden von uns seine giftige Arznei. Mit einem Arsenikbecher trinke ich einem Totenkopf zu, der mir mit Digitalin nachkommt. Das ist grausig, und dabei muss man noch dankbar sein: das macht mich rasend! Für etwas so Geringes und Unangenehmes auch noch dankbar sein zu müssen!
Man kleidet mich an, man kleidet mich aus, man pflegt mich wie ein Kind, die barmherzige Schwester fasst Zuneigung zu mir, behandelt mich wie ein Baby, nennt mich "mein Kind", während ich "meine Mutter" zu ihr sage.
Wie wohl tut es, dieses Wort Mutter aussprechen zu können, das seit dreissig Jahren nicht mehr über meine Lippen gekommen ist! Die Alte, eine Augustinerin, die das Kleid der Toten trägt, weil sie nie das Leben gelebt hat, ist sanft wie die Resignation und lehrt uns, über unsere Leiden wie über ebenso viele Freuden lächeln, denn sie kennt die Wohltaten des Schmerzes. Nicht ein Wort des Vorwurfs, weder Ermahnungen noch Predigten.
Sie kennt die Bestimmungen der weltlich gemachten Krankenhäuser so gut, dass sie den Kranken, nicht sich selber, kleine Freiheiten gewähren kann. So erlaubt sie mir, in meinem Zimmer zu rauchen, und erbietet sich, selber mir Zigaretten zu drehen; das lehne ich jedoch ab. Sie verschafft mir die Erlaubnis, ausser den gewöhnlichen Stunden auszugehen. Als sie entdeckt, dass ich mich mit Chemie beschäftige, führt sie mich bei dem gelehrten Apotheker des Krankenhauses ein. Der leiht mir Bücher und fordert mich, als ich ihm meine Lehre von der Zusammensetzung der einfachen Körper darlege, auf, in seinem Laboratorium zu arbeiten. Diese Nonne hat eine Rolle in meinem Leben gespielt. Ich fange an, mich mit meinem Los wieder auszusöhnen und preise das gute Unglück, das mich unter dieses gesegnete Dach geführt hat.
Das erste Buch, das ich mir aus der Bibliothek des Apothekers hole, öffnet sich von selbst, und mein Blick schiesst wie ein Falke auf eine Zeile des Kapitels: Phosphor.
In zwei Worten erzählt der Autor, der Chemiker Lockyer habe durch die Spektralanalyse gezeigt, dass der Phosphor kein einfacher Körper ist; Lockyers Bericht über seine Versuche sei der Pariser Akademie der Wissenschaften vorgelegt worden, die den Tatbestand nicht habe leugnen können.
Durch diesen unerwarteten Beistand gestärkt, nehme ich meine Tiegel mit den Rückstanden des nicht völlig verbrannten Schwefels und übergebe sie einem Bureau für chemische Analysen, das mir den Schein für den nächsten Morgen verspricht.
Es war mein Geburtstag. Als ich ins Krankenhaus zurückkehre, finde ich einen Brief von meiner Frau. Sie beweint mein Unglück, will sich wieder mit mir vereinigen, mich pflegen, mich lieben.
Das Glück, trotz allem geliebt zu sein, erzeugt in mir das Bedürfnis zu danken. Aber wem! Dem Unbekannten, der sich so viele Jahre verborgen hatte?
Das Herz schlägt mir, ich bekenne die nichtswürdige Lüge über meine angebliche Untreue, ich bitte um Verzeihung, und ehe ich mich dessen versehe, schreibe ich wieder einen Liebesbrief an meine Ehegattin. Doch verschiebe ich unsere Wiedervereinigung auf einen günstigeren Zeitpunkt.
Am nächsten Morgen eile ich zu meinem Chemiker nach dem Boulevard Magenta.
Im geschlossenen Umschlag bringe ich den Schein der Analyse ins Krankenhaus. Als ich auf dem innern Hof am Standbild des heiligen Ludwig vorbeigehe, erinnere ich mich an die drei Werke des Heiligen: die Blindenanstalt, die Universität, die Kapelle; die kann man übersetzen: "Vom Leiden durch Wissen zur Busse."
In meinem Zimmer eingeschlossen, öffne ich den Umschlag, der meine Zukunft entscheiden soll. Ich lese: