In Stahlgewittern, aus dem Tagebuch eines Stoßtruppführers
Part 9
In der Nacht glaubte ich einige Male Krachen und Geschrei meines Burschen zu hören, war aber so schlaftrunken, daß ich nur murmelte: »Laß man schießen!« und mich auf die andere Seite wälzte, trotzdem der ganze Raum dicht voll Staub war. Am nächsten Morgen wurde ich durch den Neffen des Obersts von Oppen, den kleinen Schultz, mit dem Rufe geweckt: »Mensch, wissen Sie noch gar nicht, daß Ihr ganzes Haus zusammengeschossen ist?« Als ich aufstand und mir den Schaden besah, merkte ich, daß eine schwere Granate oben am Dache geplatzt war und sämtliche Räume mit dem Beobachtungsstande eingerissen hatte. Der Zünder hätte nur ein wenig gröber zu sein brauchen, und das Geschoß hätte uns im Keller an die Wände geklebt. Schultz erzählte mir, daß seine Ordonnanz beim Anblick des zerstörten Hauses gesagt hätte: »Da hat doch gestern ein Leutnant drin gewohnt, wir wollen doch mal sehen, ob der noch is.« Mein Bursche war ganz außer sich über meinen unglaublich festen Schlaf.
Am Vormittag siedelten wir in unseren neuen Keller über. Auf dem Wege dorthin hätten uns beinahe die Trümmer des einstürzenden Kirchturms erschlagen, der von einem Pionierkommando sans façon in die Luft gesprengt wurde, um der feindlichen Artillerie das Einschießen zu erschweren. In einem Nachbardorfe hatte man sogar vergessen, einen Doppelposten zu benachrichtigen, der aus der Turmluke beobachtete. Wunderbarerweise konnte man die Leute unverletzt aus dem Gebälk hervorziehen.
Wir richteten uns in unserem geräumigen Keller ganz leidlich ein, indem wir Möbelstücke aus Schloß und Hütte, die uns gerade praktisch erschienen, zusammenschleppten.
Während der ganzen Tage spielte sich über uns eine Reihe erbitterter Fliegerkämpfe ab, die fast immer mit der Niederlage der Engländer endeten, da die Kampfstaffel Richthofen über der Gegend kreiste. Oft wurden fünf, sechs Flugzeuge nacheinander auf den Boden gedrückt oder brennend abgeschossen. Einmal sahen wir den Insassen in weitem Bogen herausfliegen und als schwarzen Punkt von seiner Maschine getrennt zur Erde stürzen. Das Hinaufstarren barg allerdings auch seine Gefahren, so wurde zum Beispiel ein Mann der 4. Kompagnie durch einen herabfallenden Splitter tödlich am Halse getroffen.
Am 18. April besuchte ich die 2. Kompagnie in Stellung, die in einem um das Dorf Arleux geschlungenen Frontbogen lag. Leutnant Boje erzählte mir, daß er bislang nur einen einzigen Verwundeten gehabt hätte, da das planmäßige Einschießen der Engländer jedesmal eine Räumung der beschossenen Abschnitte gestattete.
Nachdem ich ihm alles Gute gewünscht hatte, mußte ich der ständig einschlagenden schweren Granaten wegen das Dorf im Galopp verlassen. 300 Meter hinter Arleux blieb ich stehen und betrachtete die Wolken der hochspritzenden Einschläge, die, je nachdem Ziegelmauern zermalmt oder Gartenerde aufgeschleudert wurde, rot oder schwarz gefärbt waren, vermischt mit dem zarten Weiß platzender Schrapnells. Als jedoch einige Gruppen leichter Granaten auf die schmalen Trampelpfade fielen, die Arleux mit Fresnoy verspannen, verzichtete ich auf weitere Impressionen und räumte eiligst das Feld, um mich nicht »antöten« zu lassen, wie der damals gerade übliche Fachausdruck der zweiten Kompagnie lautete.
Derartige Spaziergänge, die ich zum Teil bis zum Städtchen Henin-Liétard ausdehnte, machte ich ziemlich oft, da in den ersten 14 Tagen trotz meines großen Personals nicht eine einzige Meldung zu befördern war.
Vom 20. April ab wurde Fresnoy durch ein 30,5-cm-Geschütz beschossen, dessen Granaten mit geradezu infernalischem Fauchen heranheulten. Nach jedem Einschlag war das Dorf in eine gewaltige, rotbraune Pikrinwolke gehüllt. Ein Mann der 9. Kompagnie, auf dem Schloßhofe von einem derartigen Geschoß überrascht, wurde hoch über die Bäume des Parkes geschleudert und brach beim Aufsturze sämtliche Knochen.
An den Nachmittagen lag das Dorf unter dem Feuer verschiedenster Kaliber. Trotz der Gefahr konnte ich mich nicht vom Dachfenster meines Quartiers trennen, denn es war ein spannender Anblick, einzelne Abteilungen und Meldegänger hastig und sich oft niederwerfend über das beschossene Gelände eilen zu sehen, während rechts und links von ihnen der Boden aufwirbelte.
Von Tag zu Tag wurde die Artillerietätigkeit lebhafter und schloß jeden Zweifel an einem baldigen Angriffe aus. Am 27. bekam ich um Mitternacht den Fernspruch: »67 von 5 a. m.«, was nach unserem Zifferncode »von 5 Uhr vormittags an erhöhte Alarmbereitschaft« bedeutete.
Ich legte mich also, um den voraussichtlichen Anstrengungen gewachsen zu sein, gleich nieder, doch als ich gerade beim Einschlafen war, schlug eine Granate ins Haus, drückte die Wand der Kellertreppe ein und warf uns das ganze Mauerwerk in den Raum. Wir sprangen hoch und eilten in den Stollen.
Als wir verdrossen und müde beim Scheine einer Kerze auf der Treppe hockten, kam der Führer meiner Lichtsignalisten, deren Station nebst zwei wertvollen Signallampen am Nachmittage zerschmettert war, angestürmt und meldete: »Herr Leutnant, der Keller von Haus Nr. 11 hat einen Volltreffer bekommen, es liegen noch welche unter den Trümmern!« Da ich im Haus Nr. 11 zwei Radfahrer und drei Telephonisten liegen hatte, eilte ich mit einigen Leuten zu Hilfe.
Ich fand dort im Stollen einen Gefreiten und einen Verwundeten und erhielt folgenden Bericht: Als die ersten Schüsse verdächtig nahe einschlugen, beschlossen vier von den fünf Bewohnern, sich in den Stollen zu begeben. Der eine sprang gleich hinunter, einer blieb ruhig auf seinem Bette liegen, während die übrigen erst ihre Stiefel anzogen. Der Vorsichtigste und der Gleichgültigste kamen, wie so oft im Kriege, gut davon, der eine ganz ohne Verwundung, der Schlafende mit einem Splitter am Oberschenkel. Die drei anderen wurden von der durch die Kellerwand fliegenden und in der gegenüberliegenden Ecke zerschellenden Granate zerrissen.
Nach dieser Erzählung zündete ich mir für alle Fälle eine Zigarre an und trat in den raucherfüllten Raum, in dessen Mitte sich ein wüster Trümmerhaufen von zerschlagenen Bettstellen, Strohsäcken und anderen Möbelstücken fast bis zur Decke emporwölbte. Nachdem wir einige Lichter zwischen die Mauerfugen gesteckt hatten, machten wir uns an die traurige Arbeit. Wir packten die aus den Trümmern ragenden Gliedmaßen und zogen die Leichen heraus. Dem einen war der Kopf abgeschlagen und der Hals saß am Rumpf wie ein großer, blutiger Schwamm. Aus dem Armstumpf des zweiten ragte der zersplitterte Knochen, und die Uniform war vom Blute einer großen Brustwunde durchtränkt. Dem dritten quollen die Eingeweide aus dem aufgerissenen Leib. Als wir diesen herauszogen, stemmte sich ein zersplittertes Brett mit häßlichem Geräusch in die schauerliche Wunde. Die eine Ordonnanz machte eine Bemerkung darüber und wurde von meinem Burschen mit den Worten: »Swieg man stille, bi solchen Sachen hat Quasseln kein Zweck!« zur Ruhe verwiesen.
Ich nahm ein Verzeichnis der Wertsachen auf, die wir bei ihnen fanden. Es war ein unheimliches Geschäft. Die Kerzen flackerten rötlich durch den dichten Dunst, während die beiden Leute mir Brieftaschen und silberne Gegenstände zureichten wie bei einer geheimen, dunklen Tat. Auf den Gesichtern der Toten hatte sich das feine gelbe Ziegelmehl niedergeschlagen und gab ihnen das starre Aussehen von Wachsmasken. Wir warfen Decken über sie und eilten aus dem Keller, nachdem wir unseren Verwundeten in eine Zeltbahn gepackt hatten. Mit dem stoischen Rate: »Beiß die Zähne zusammen, Kamerad!« schleppten wir ihn durch ein wildes Schrapnellfeuer zum Sanitätsunterstand.
In meine Behausung zurückgekehrt, stärkte ich mich zunächst durch eine Reihe Sherry-Brandies, denn die Ereignisse waren mir doch auf die Nerven gefallen. Bald bekamen wir wieder lebhaftes Feuer und versammelten uns eiligst im Stollen, da uns allen das eben geschaute Beispiel von Artilleriewirkung in Kellern noch deutlich vor Augen stand.
Um 5.14 Uhr schwoll das Feuer in wenigen Sekunden zu unerhörter Stärke. Unser Stollen wankte und zitterte wie ein Schiff auf stürmischer See; ringsum erdröhnte das Bersten von Mauerwerk und das Krachen der zusammenstürzenden benachbarten Häuser.
Um 7 Uhr fing ich einen Lichtspruch der Brigade an das zweite Bataillon auf: »Brigade will sofort Klarheit über die Lage.« Nach einer Stunde brachte mir ein Meldeläufer die Nachricht zurück: »Feind besetzte Arleux, Park von Arleux. Setzte achte Kompagnie zum Gegenstoß an, bislang keine Nachricht. Rocholl, Hauptmann.«
Dies war die einzige, allerdings sehr wichtige Nachricht, die ich mit meinem riesigen Apparat von Verbindungsmitteln während der drei Wochen meines Aufenthaltes in Fresnoy weitergab. Jetzt, wo meine Tätigkeit von größtem Wert war, hatte mir die Artillerie fast alle Anlagen außer Gefecht gesetzt. Das waren die Folgen der Über-Zentralisation.
Mir wurde durch diese überraschende Aufklärung verständlich, warum schon seit einiger Zeit aus ziemlicher Nähe abgefeuerte Infanteriegeschosse gegen die Mauern klappten.
Kaum waren wir uns über die großen Verluste des Regiments klar, als die Beschießung mit erneuter Wucht einsetzte. Mein Bursche stand als letzter noch auf der obersten Stollenstufe, als ein Donnerkrach ankündete, daß es dem Engländer endlich gelungen war, unseren Keller einzuschießen. Der biedere Knigge bekam einen derben Kantstein auf den Buckel, nahm aber sonst keinen Schaden. Oben war alles kurz und klein geschlagen. Das Tageslicht blickte nur noch durch zwei in den Stolleneingang gepreßte Fahrräder zu uns herab. Wir zogen uns ziemlich kleinlaut auf die unterste Stufe zurück, während fortwährend dumpfe Erschütterungen und Steingepolter uns von der Unsicherheit unseres Asyles überzeugten.
Wie durch ein Wunder war das Telephon noch unbeschädigt; ich stellte dem Chef des Divisionsmeldewesens unsere unzweckmäßige Lage vor und bekam Befehl, mich mit den Leuten in den naheliegenden Sanitätsstollen zurückzuziehen.
Wir packten also unsere notwendigsten Sachen zusammen und schickten uns an, den Stollen durch den zweiten noch erhaltenen Ausgang zu verlassen. Trotz meiner energischen, durch unzweideutige Drohungen unterstützten Befehle zögerten die wenig kriegsgewandten Leute der Fernsprechkompagnie so lange, sich aus dem Schutze des Stollens ins Feuer zu begeben, bis auch dieser Eingang, von einer schweren Granate zermalmt, krachend zusammenbrach. Zum Glück wurde niemand getroffen, nur unser kleiner Hund heulte jämmerlich auf und war von diesem Augenblick an verschwunden.
Wir rissen nun die den Ausgang zum Keller versperrenden Fahrräder zur Seite, krochen auf allen Vieren über den Trümmerhaufen hinweg und gewannen durch eine enge Mauerspalte das Freie. Ohne uns mit der Betrachtung der unglaublichen Verwandlung des Ortes innerhalb dieser wenigen Stunden aufzuhalten, rannten wir dem Dorfausgang zu. Kaum hatte der Letzte das Hoftor verlassen, als das Haus schon wieder durch einen mächtigen Einschlag getroffen wurde.
Auf dem Gelände zwischen dem Dorfrand und dem Sanitätsstollen lag ein kompakter Feuerriegel. Leichte und schwere Granaten mit Aufschlag-, Brenn- und Verzögerungszündern, Blindgänger, Hohlbläser und Schrapnells vereinten sich zu einer Raserei akustischer und optischer Effekte. Dazwischen strebten, rechts und links dem Hexenkessel des Dorfes ausweichend, Unterstützungstrupps nach vorn.
In Fresnoy löste eine kirchturmhohe Erdsäule die andere ab, jede Sekunde schien die vorhergehende noch übertrumpfen zu wollen. Wie durch Zaubermacht wurde ein Haus nach dem andern vom Erdboden eingesogen; Mauern brachen, Giebel stürzten, und kahle Sparrengerüste wurden durch die Luft geschleudert, die benachbarten Dächer abmähend. Über weißlichen Dampfschwaden tanzten Wolken von Splittern. Auge und Ohr hingen wie gebannt an dieser wirbelnden Vernichtung.
Im Sanitätsstollen verbrachten wir noch zwei Tage in qualvoller Enge, denn außer von meinen Leuten wurde er noch von zwei Bataillonsstäben, Ablösungskommandos und den unvermeidlichen »Versprengten« bevölkert. Der starke Verkehr vor den Eingängen blieb natürlich nicht unbemerkt. Bald saßen in Abständen von einer Minute scharf gezielte Granaten auf dem vorüberführenden Feldwege und verwundeten alle Augenblicke ein paar Leute. Ich büßte durch diese unangenehme Schießerei vier Fahrräder ein, die wir neben den Stolleneingang gelegt hatten. Sie wurden, zu seltsamen Gebilden verbogen, in alle Winde geschleudert.
Vor dem Eingang lag steif und stumm in eine Zeltbahn gerollt, die große Hornbrille noch im Gesicht, der Führer der 8. Kompagnie, Leutnant Lemière, den seine Leute hierher geschafft hatten. Er hatte einen Schuß in den Mund bekommen. Sein jüngerer Bruder fiel einige Monate später durch genau dieselbe Verletzung.
Am 30. April übernahm mein Nachfolger von dem ablösenden Regiment Nr. 25 meine Geschäfte, und wir rückten nach Flers, dem Sammelort des ersten Bataillons, ab. Das Kalkwerk »Chez-bon-temps« mit seinen schweren Einschlägen links liegenlassend, schlenderten wir seelenvergnügt durch den wunderschönen Nachmittag über den Feldweg nach Beaumont. Die Augen genossen wieder die Schönheit der Erde und die Lunge berauschte sich an der milden Frühlingsluft, froh, der unerträglichen Enge des Stollenloches entronnen zu sein. Den Kanonendonner im Rücken, empfand ich das Dichterwort nach:
Fürwahr ein Tag, von Gott gemacht, Zu besserm Ding als sich zu schlagen.
In Flers fand ich das mir zugewiesene Quartier von einigen Feldwebeln der Etappe besetzt, die sich unter dem Vorwande, das Zimmer für einen Freiherrn von X. bewachen zu müssen, weigerten, Platz zu machen, jedoch nicht mit den aufs äußerste gespannten Nerven eines ermüdeten Frontsoldaten rechneten. Ich ließ von meinen Begleitern kurzerhand die Tür einschlagen und nach einem kleinen Handgemenge vor den Augen der erschreckt im Negligé herbeigeeilten Hausbewohner flogen die Herren die Treppe hinunter. Mein Bursche trieb die Höflichkeit sogar so weit, ihnen ihre langen Stiefel nachzuschleudern. Nach diesem Angriffsgefecht bestieg ich das angewärmte Bett, dessen Hälfte ich noch meinem ohne Quartier herumirrenden Freunde Kius anbot. Der Schlaf in diesem langentbehrten Möbel tat uns so wohl, daß wir am nächsten Morgen »in alter Frische« erwachten.
Da das erste Bataillon während der verflossenen Kampftage die wenigsten Verluste gehabt hatte, war die Stimmung vorzüglich, als wir zum Bahnhof Douai marschierten. Von dort fuhren wir bis zum Bahnknotenpunkt Busigny, in dessen Nähe das Dorf Sérain lag, wo wir uns einige Tage erholen sollten. Wir fanden bei der freundlichen Bevölkerung gute Quartiere, und schon am ersten Abend drang aus vielen Häusern der fröhliche Lärm kameradschaftlicher Wiedersehensfeiern.
Dieses Trankopfer nach glücklich bestandener Schlacht zählt zu den schönsten Erinnerungen alter Krieger.
Und wenn zehn vom Dutzend gefallen waren, die letzten zwei fanden sich mit tödlicher Sicherheit am ersten Ruheabend beim Becher, brachten den toten Kameraden ein stilles Glas und besprachen scherzend die gemeinsamen Erlebnisse. Den überstandenen Gefahren ein Landsknechtslachen, den künftigen ein Schluck aus voller Flasche, ob Tod und Teufel dazu grinsten, wenn nur der Wein gut war. So war von je rechter Kriegsbrauch.
Das hat mir vor allem den Offizierstisch wert gemacht. Hier, wo die geistigen Träger und Vorkämpfer der Front zusammenkamen, konzentrierte sich der Wille zum Siege und wurde Form in den Zügen wetterharter Gesichter. Hier war ein Element lebendig, das die Wüstheit des Krieges unterstrich und doch vergeistigte, das man bei den Leuten, mit denen man zusammen in den Trichtern lag, so selten fand, die sportsmäßige Freude an der Gefahr, der ritterliche Drang zum Bestehen eines Kampfes. Zum mindesten habe ich in diesem viel verlästerten Kreise niemals ein Wort des Zagens vernommen.
Am nächsten Morgen erschien mein Bursche und las mir Befehle vor, aus denen mir gegen Mittag klar wurde, daß ich die Führung der vierten Kompagnie übernehmen sollte. In dieser Kompagnie war im Herbst 1914 der niedersächsische Dichter Hermann Löns gefallen.
Gegen Inder.
Am 6. Mai 1917 waren wir schon wieder auf dem Marsche nach dem wohlbekannten Brancourt, und am folgenden Tage rückten wir über Montbréhain, Ramicourt, Joncourt in die Siegfriedstellung, die wir erst vor einem Monat verlassen hatten.
Der erste Abend war stürmisch; starke Regenschauer prasselten unaufhörlich auf das überschwemmte Gelände nieder. Bald versöhnte uns jedoch eine Reihe von schönen, warmen Tagen mit unserem neuen Aufenthaltsort.
Unsere Stellung bildete einen halbmondförmigen Vorsprung vor dem Kanal von St. Quentin, dahinter lag die berühmte Siegfriedstellung. Es war mir rätselhaft, warum wir uns in die engen, unvollkommenen Kreidegräben legen mußten, während wir das mächtige, riesenstarke Bollwerk hinter uns hatten.
Die vordere Linie schlängelte sich durch ein idyllisches, von kleinen Baumgruppen beschattetes Wiesengelände in den zarten Farben des ersten Frühjahrs. Man konnte sich ungestraft hinter und vor den Gräben bewegen, da zahlreiche, kilometerweit vorgeschobene Feldwachen die Stellung sicherten. Diese Postierungen waren dem Gegner ein Dorn im Auge, und es verging in mancher Woche keine Nacht, wo er nicht hier oder dort mit List oder Gewalt die kleinen Besatzungen zu vertreiben suchte.
Unsere erste Stellungsperiode verging jedoch in angenehmer Ruhe; die Witterung war so schön, daß die Leute die milden Nächte im Grase liegend verbrachten. Am 14. Mai wurden wir von der achten Kompagnie abgelöst und rückten, das brennende St. Quentin zur Rechten, nach unserem Ruheort Montbréhain, einem großen Dorfe, das noch wenig durch den Krieg gelitten hatte und infolgedessen sehr gemütliche Quartiere aufwies. Am 20. besetzten wir als Reservekompagnie die Siegfriedstellung. Wir hatten die reinste Sommerfrische, tagsüber saßen wir in den zahlreichen in die Böschung eingebauten Lauben oder badeten und ruderten im Kanal.
Der Nachteil solcher Idealstellungen ist der häufige Besuch von Vorgesetzten, der gerade in den Schützengräben am wenigsten geschätzt wird. Allerdings hatte sich mein linker, an das Dorf Bellenglise grenzender Flügel keineswegs über Mangel an Feuer zu beklagen. Gleich am ersten Tage bekam einer meiner Leute einen Schrapnellsteckschuß in die rechte Gesäßseite. Als ich auf diese Nachricht hin zur Unglücksstelle eilte, saß er schon wieder ganz vergnügt, die Sanitäter erwartend, auf der linken Seite, trank Kaffee und aß eine riesige Marmeladenstulle dazu.
Am 25. Mai lösten wir die zwölfte Kompagnie in der Riqueval-Ferme ab. Diese Ferme, ein ehemaliger großer Gutshof, diente jeweilig einer der vier Stellungskompagnien zum Aufenthalt. Es waren mit je einer Gruppe drei im Hintergelände verstreute Maschinengewehrstützpunkte zu besetzen. Diese schachbrettartig hinter der Kampfstellung gruppierten Kampfnester waren die ersten Versuche einer elastischen Verteidigung.
Die übrigen Leute wurden des Nachts zum Schanzen nach vorn entsandt.
Die Ferme lag höchstens 1500 Meter hinter der vorderen Linie, trotzdem waren ihre von einem verwachsenen Park umschlossenen Gebäude noch völlig unzerstört. Sie war, da Stollen erst im Bau waren, auch dicht bewohnt. Die blühenden Rotdorngänge des Parks und die anmutige Umgebung verliehen unserem Dasein trotz der Nähe der Front eine Spur jenes heiteren Lebensgenusses, den der Franzose unter seinem »vie de campagne« versteht. In meinem Schlafzimmer hatte sich ein Schwalbenpärchen eingenistet, das schon in den frühesten Morgenstunden mit der geräuschvollen Fütterung seiner unersättlichen Nachkommenschaft begann.
Am 30. Mai hatte dieses Idyll für mich ein Ende, denn der aus dem Lazarett entlassene Leutnant Vogeley übernahm wieder die Führung der vierten Kompagnie. Ich begab mich zu meiner alten zweiten Kompagnie, die jetzt unter Führung eines Kavallerieleutnants stand, in den Schützengraben.
Unser Abschnitt war von der Römerstraße bis zum sogenannten Artilleriegraben von zwei Zügen besetzt; der Kompagnieführer lag mit dem dritten hinter einem kleinen Hange ungefähr 200 Meter zurück. Dort erhob sich auch eine winzige Bretterbude, die ich mit Leutnant Kius zusammen in rührendem Vertrauen auf die Stümperhaftigkeit der englischen Artilleristen bewohnte. Die eine Seite war an einen kleinen, in der Schußrichtung verlaufenden Hang geklebt, die drei anderen boten dem Feinde trutzig die Flanken. Jeden Tag, wenn der Morgengruß angefegt kam, konnte man ungefähr folgendes Zwiegespräch, das sich zwischen dem Besitzer der oberen und dem der unteren Pritsche entspann, vernehmen:
»Du, Ernst!«
»Hm?«
»Ich glaube, sie schießen!«
»Na, laß uns man noch ein bißchen liegen; ich glaube, das waren die letzten.«
Nach einer Viertelstunde:
»Du, Oskar!«
»Ja?«
»Das hört ja heute gar nicht mehr auf; ich glaube, eben ist eine Schrapnellkugel durch die Wand geflogen. Wir wollen doch lieber aufstehen. Der Artilleriebeobachter nebenan ist schon lange ausgerissen!«
Die Stiefel hatten wir leichtsinnigerweise immer ausgezogen. Wenn wir fertig waren, war es der Engländer meist auch, und wir konnten uns vergnügt an den lächerlich kleinen Tisch setzen, den von der Hitze sauer gewordenen Kaffee trinken und die Morgenzigarre anzünden. Nachmittags wurde vor der Tür der englischen Artillerie zum Hohn ein Sonnenbad auf der Zeltbahn genommen.
Auch sonst war unsere Bude äußerst kurzweilig. Wenn man im dolce far niente auf der Drahtpritsche lag, pendelten riesige Regenwürmer an der Erdwand, die bei Störungen mit unbegreiflicher Geschwindigkeit in ihre Löcher schossen. Ein grämlicher Maulwurf schnüffelte ab und zu aus seinem Bau heraus und trug viel zur Belebung unserer ausgedehnten Siesta bei.
Am 12. Juni mußte ich mit 20 Mann die zum Kompagnieabschnitt gehörige Feldwache besetzen. Zu später Stunde verließen wir die Stellung und schritten auf einem Trampelpfade, der sich durch das wellige Gelände schlängelte, in den lauen Abend. Die Dämmerung war so weit vorgeschritten, daß der rote Mohn auf den verwilderten Feldern mit dem hellgrünen Grase in einem merkwürdig satten Farbenton zusammenschmolz. Wir schlenderten, jeder mit seinen Gedanken beschäftigt, mit umgehängtem Gewehr lautlos über den blumigen Teppich und hatten nach 20 Minuten unser Ziel erreicht. Flüsternd wurde die Wache übergeben, leise die Posten aufgestellt, dann entschwand die abgelöste Mannschaft im Dunkel.
Die Feldwache lehnte sich an einen kleinen Steilhang. Im Rücken floß ein wirr verwachsenes Waldstück in die Nacht, vom Hange durch einen 100 Meter breiten Wiesenstreifen getrennt. Davor und in der rechten Flanke erhoben sich zwei Hügel, auf denen die englische Linie verlief. Zwischen diesen Hügeln führte ein Hohlweg zum Gegner.
Dort traf ich beim Abgeben meiner Posten den Vizefeldwebel Hackmann mit einigen Leuten der siebenten Kompagnie im Begriff, eine Patrouille zu machen. Ich schloß mich ihnen als Schlachtenbummler an, trotzdem ich eigentlich meine Feldwache nicht verlassen durfte.
Wir überschritten, indem wir eine von mir erfundene Methode des Vorgehens anwandten, zwei den Weg sperrende Drahtverhaue und gelangten, seltsamerweise ohne auf einen Posten zu stoßen, über den Hügelkamm, auf dem wir rechts und links vor uns Engländer schanzen hörten. Später wurde mir klar, daß der Gegner seine Postierungen zurückgezogen hatte, um sie nicht bei dem Feuerüberfall auf unsere Feldwache, von dem ich gleich berichten werde, in Mitleidenschaft zu ziehen.