In Stahlgewittern, aus dem Tagebuch eines Stoßtruppführers
Part 8
Die Trichterstellung trug ihren Namen zu Recht. Auf einem vor dem Dorfe Rancourt liegenden Plateau waren zahllose Miniaturkrater verstreut, hier und dort von einigen Leuten besetzt. Das Gelände machte in seiner Einsamkeit, in der nur das Pfeifen und Krachen der Geschosse ertönte, einen Eindruck beängstigender Öde.
Nach einiger Zeit verlor ich den Anschluß an die Trichterlinie und ging zurück, um nicht den Franzosen in die Hände zu laufen. Ich stieß dabei auf einen bekannten Offizier vom Regiment 164, der mich warnte, in der anbrechenden Dämmerung noch länger zu verweilen. Ich durchschritt daher eilig den »Namenlosen Wald« und stolperte durch tiefe Trichter, über entwurzelte Bäume und ein fast undurchdringliches Gewirr herabgeschlagener Äste.
Als ich aus dem Waldrande trat, war es hell geworden. Das Trichterfeld lag ohne eine Spur von Leben vor mir. Ich stutzte, denn in der modernen Schlacht sind menschenleere Flächen stets verdächtig.
Plötzlich fiel ein von einem unsichtbaren Schützen abgegebener Schuß, der mich an beiden Unterschenkeln traf. Ich warf mich in den nächsten Trichter und verband die Wunden mit meinem Taschentuch, da ich meine Verbandpäckchen natürlich wieder vergessen hatte. Ein Geschoß hatte mir die rechte Wade durchbohrt und die linke gestreift.
Mit äußerster Vorsicht kroch ich in den Wald zurück und humpelte von dort durch das schwerbeschossene Gelände zum Verbandplatz.
Kurz davor erlebte ich wieder ein Beispiel dafür, von wie kleinen Umständen das Glück im Kriege abhängt. Ungefähr 100 Meter vor einer Straßenkreuzung, auf die ich zustrebte, rief mich der Führer einer schanzenden Abteilung an, mit dem ich in der 9. Kompagnie zusammen gefochten hatte. Kaum hatten wir eine Minute gesprochen, als mitten auf der Kreuzung eine Granate krepierte, die ohne diese zufällige Begegnung wahrscheinlich mich getroffen haben würde.
Nach Einbruch der Dunkelheit wurde ich bis Nurlu auf einer Bahre getragen. Der Rittmeister Böckelmann erwartete mich freundlicherweise mit einem Auto. Auf der von feindlichen Scheinwerfern bestrahlten Chaussee zog der Führer plötzlich den Bremshebel an. Ein dunkles Hindernis sperrte die Straße. Es war eine Infanteriegruppe mit ihrem Führer, die soeben einem Volltreffer zum Opfer gefallen war. Die im Tode vereint liegenden Kameraden hatten das friedliche Aussehen stiller Schläfer.
Im Pfarrhause mußte ich in den Keller getragen werden, da Liéramont gerade seinen Abendsegen bekam. Ich wurde am selben Abend in das Feldlazarett Villeret und von dort zum Kriegslazarett Valenciennes transportiert.
Das Kriegslazarett war nahe dem Bahnhof im Gymnasium eingerichtet und beherbergte über 400 Schwerverwundete. Tag für Tag verließ unter dumpfem Trommelschlag ein Leichenzug das große Portal. In dem weiten Operationssaal konzentrierte sich der ganze Jammer des Krieges. An einer Reihe von Operationstischen walteten die Ärzte ihres blutigen Handwerkes. Hier wurde ein Glied amputiert, dort ein Schädel aufgemeißelt oder ein festgewachsener Verband gelöst. Wimmern und Schmerzensschreie hallten durch den von mitleidlosem Licht durchfluteten Raum, während weißgekleidete Schwestern geschäftig mit Instrumenten oder Verbandzeug von einem Tisch zum andern eilten.
Der Soldat, der nach solchem Anblicke wieder in alter Frische ins Feuer geht, hat seine Nervenprobe bestanden, denn jeder neue, schreckliche Eindruck krallt sich im Hirn fest und reiht sich an den lähmenden Vorstellungskomplex, der die Zeitspanne zwischen Heranbrausen und Einschlag der Eisenklumpen immer furchtbarer gestaltet.
Neben meinem Bette lag ein Feldwebel, der ein Bein verloren hatte, im Sterben. In seiner letzten Stunde erwachte er aus wirren Fieberschauern und ließ sich von der Schwester sein Lieblingskapitel aus der Bibel vorlesen. Dann bat er mit kaum hörbarer Stimme sämtliche Stubengenossen um Entschuldigung, daß er sie durch seine Fieberdelirien so oft aus der Ruhe gestört hätte und war in wenigen Minuten tot, nachdem er, um uns aufzuheitern, noch versucht hatte, den komischen Dialekt unserer Ordonnanz nachzuahmen.
Ich war froh, als ich halbgeheilt nach 14 Tagen diese Stätte gehäuften Elends verlassen konnte. Mit Stolz hatte ich von dem inzwischen so glänzend durchgeführten Sturm des Füsilier-Regiments gegen den St. Pierre-Vaast-Wald gelesen.
Die 111. Division hatte noch dieselbe Stellung inne. Als mein Zug in Epéhy einrollte, ertönte eine Reihe von Explosionen. Verstreute verbeulte Trümmer vom Güterwagen verrieten, daß hier nicht gespaßt wurde.
»Was ist denn hier los?« fragte ein mir gegenübersitzender Hauptmann, der anscheinend frisch aus der Heimat exportiert war. Ohne mich mit einer Antwort aufzuhalten, riß ich die Tür des Abteils auf und nahm hinter dem Bahndamm Deckung. Zum Glück waren diese Einschläge die letzten. Es waren nur einige Pferde verwundet.
Da ich noch nicht gut marschieren konnte, wurde mir der Posten eines Beobachtungsoffiziers übertragen. Die Beobachtung lag an dem abfallenden Hang zwischen Nurlu und Moislains. Sie bestand aus einem in einen Unterstand eingebauten Scherenfernrohr, durch das ich die mir wohlbekannte vordere Linie beobachten konnte. Bei stärkerem Feuer, bunten Leuchtkugeln oder sonstigen besonderen Ereignissen war die Division telephonisch zu benachrichtigen. Tagelang hockte ich frierend auf einem Stühlchen hinter dem Doppelglase im Novembernebel ohne eine andere Abwechslung als ab und zu eine Leitungsprobe. War der Draht zerschossen, so mußte ich ihn durch meinen Störungstrupp flicken lassen.
Das moderne Schlachtfeld gleicht einer ungeheuren, ruhenden Maschinerie, in der ungezählte verborgene Augen, Ohren und Arme untätig auf die eine Minute lauern, auf die es allein ankommt. Dann fährt als feurige Ouverture eine einzelne rote Leuchtkugel aus irgendeinem Erdloche in die Höhe, tausend Geschütze brüllen zugleich auf, und mit einem Schlage beginnt das Werk der Vernichtung, von unzähligen Hebeln getrieben, seinen zermalmenden Gang.
Befehle stiegen als Funken und Blitze durch ein engmaschiges Netz, um vorn zu gesteigerter Vernichtung anzuspornen und von hinten in gleichmäßigem Strome neue Menschen und neues Material in Bewegung zu setzen und in die Brandung zu schleudern. Jeder fühlt sich wie durch einen Strudel von weither durch einen rätselhaften Willen gepackt und mit unerbittlicher Präzision zu den Brennpunkten tödlichen Geschehens getrieben.
Nach je 24 Stunden löste mich ein anderer Offizier ab, und ich erholte mich im nahen Nurlu, wo in einem großen Weinkeller ein verhältnismäßig bequemes Quartier eingerichtet war. Ich erinnere mich noch manchmal der langen, nachdenklichen Novemberabende, die ich, meine Pfeife rauchend, einsam vor dem Kamin des kleinen, tonnenförmigen Kellergewölbes verbrachte, während draußen im verwüsteten Park der Nebel von kahlen Bäumen tropfte und in langen Pausen ein widerhallender Einschlag die Stille unterbrach.
Am 18. November wurde die Division abgelöst und ich stieß wieder zum Regiment, das im Dorfe Fresnoy-le-Grand in Ruhe lag. Ich übernahm dort für den beurlaubten Leutnant Boje die Führung der zweiten Kompagnie. In Fresnoy hatte das Regiment vier Wochen ungestörter Ruhe, und jeder bemühte sich, davon so viel als möglich zu profitieren. Weihnachten und Neujahr wurden durch große Kompagniefeste gefeiert, bei denen Bier und Grog in Strömen floß. Es waren gerade noch fünf Mann in der zweiten Kompagnie, die das vorige Weihnachtsfest mit mir zusammen in den Schützengräben von Monchy gefeiert hatten.
Ich bewohnte mit dem Fähnrich Gornick und meinem Bruder Fritz, der als Fahnenjunker für sechs Wochen zum Regiment gekommen war, den sogenannten Salon und zwei Schlafzimmer eines französischen Kleinrentners. Wir machten uns redlich lustig über das spießige Ehepaar, das seine Plüschmöbel und Markartbuketts sowie den im Hofe aufgestapelten Holzvorrat mit wahren Argusaugen bewachte und mit den Burschen auf ständigem Kriegsfuße lebte.
Der Becher wurde in dem kleinen Neste schlimmer denn je geschwungen. Wenn man spät durch die engen Gassen schritt, hörte man überall aus Mannschafts-, Unteroffiziers- und Offiziersquartieren das Gewirr fröhlicher Gelage. Im Kriege ist alles auf rücksichtslose Wirkung berechnet, daher kam wohl auch die Vorliebe des Feldsoldaten für den Alkohol in seinen konzentrierten Formen. Der Verkehr mit der Zivilbevölkerung war teilweise von unerwünschter Vertraulichkeit; Venus entzog dem Mars manchen Diener.
Der Dienst wurde selbstverständlich sofort in altpreußischer Strammheit aufgenommen, und es war ein vorzügliches Zeichen für Führer und Truppe, daß nach 14 Tagen die Mannszucht wieder auf der alten Höhe stand.
In der ersten Woche fand eine Besichtigung durch den Divisionskommandeur, Generalmajor Sontag, statt, bei der das Regiment für seine hervorragende Haltung beim Sturm auf den St. Pierre-Vaast-Wald gerühmt und mit zahlreichen Auszeichnungen bedacht wurde. Als ich dem Divisionskommandeur die zweite Kompagnie im Parademarsch vorführte, bemerkte ich, daß der Oberstleutnant v. Oppen dem General über mich zu berichten schien. Einige Stunden später wurde ich zum Divisionsstabsquartier befohlen, wo mir der General das Eiserne Kreuz I. Klasse überreichte.
Am 17. Januar 1917 wurde ich von Fresnoy für vier Wochen nach dem französischen Truppenübungsplatz Sisonne bei Laon zu einem Kompagnieführerkursus abkommandiert. Der Dienst wurde uns durch den Leiter unserer Abteilung, den Hauptmann Funk, sehr angenehm gemacht, der es in glänzender Weise verstand, das Wesen über die starre Form zu stellen und uns mit Interesse für die Sache zu erfüllen.
Die Verpflegung während dieser Zeit war wohl die kümmerlichste, die ich im Kriege erlebt habe. Auf den Tischen unseres riesengroßen Kasinos stand während der ganzen vier Wochen selten etwas anderes als ein dünnes Steckrübengemüse. Dabei war der Dienst keineswegs leicht.
Der Somme-Rückzug.
Zum Regiment zurückgekehrt, das seit einigen Tagen bei den Ruinen von Villers-Carbonnel in Stellung lag, bekam ich vertretungsweise die Führung der 8. Kompagnie. Ruheort war Devise.
Wenn man von dort nach der Front marschierte, mußte man die Somme-Niederung bei den Dörfern Brie und St. Christ überschreiten, deren trostlose Verwüstung inmitten der melancholischen Sumpflandschaft mich besonders nachts in eine traurige Stimmung versetzte, wenn dunkle Wolkenfetzen über den Mondhimmel jagten und durch unheimliche Beleuchtungsdifferenzen den Eindruck des Chaotischen verstärkten.
Die Stellung war während der letzten Zeit unseres Aufenthaltes zahlreichen englischen Vorstößen ausgesetzt, die mit unserer eifrig vorbereiteten großen Räumung des Sommegebietes zusammenhingen. Der Gegner entsandte fast jeden Morgen eine Kampfpatrouille gegen unsere Linie, um sich von unserer Anwesenheit zu überzeugen. Ich bringe hier einige Erlebnisse der damaligen Periode:
4. 3. 1917. Am Nachmittag herrschte des klaren Wetters wegen lebhafte Feuertätigkeit. Besonders eine schwere Batterie ebnete unter Ballonbeobachtung den Abschnitt meines 3. Zuges fast vollkommen ein. Um meine Stellungskarte zu vervollständigen, patschte ich am Nachmittag durch den vollständig versoffenen »namenlosen Graben« zum 3. Zuge. Während dieses Weges sah ich vor uns eine riesige, gelbe Sonne zur Erde sinken, eine lange, schwarze Rauchfahne nach sich ziehend. Ein schneidiger Flieger hatte sich an den unangenehmen Fesselballon herangemacht und ihn in Brand geschossen. Er entkam trotz rasendem Verfolgungsfeuer.
Am Abend kam der Gefreite Schnau zu mir und meldete, unter seinem Gruppenunterstande schon seit vier Tagen ein pickendes Geräusch vernommen zu haben. Ich gab diese Beobachtung weiter und bekam ein Pionierkommando mit Horchapparaten gestellt, das allerdings nichts Verdächtiges wahrnahm. Später erfuhren wir, daß damals die ganze Stellung unterminiert gewesen sein soll.
Am 5. 3. näherte sich in den frühen Morgenstunden eine Patrouille unserem Graben und begann, das Drahtverhau zu durchschneiden. Der Leutnant Eisen eilte mit einigen Leuten auf die Meldung eines Postens herbei und warf Handgranaten, worauf die Angreifer sich zur Flucht wandten und zwei Mann liegen ließen. Der eine, ein junger Leutnant, starb gleich darauf; der andere, ein Sergeant, war schwer an Arm und Bein verwundet. Aus den Papieren des Offiziers ging hervor, daß er den Namen Stokes trug und dem Royal Munster 2. Füsilier-Regiment angehörte. Er war sehr gut angezogen, und sein vom Tode verkrampftes Gesicht war intelligent und energisch geschnitten. Wir begruben ihn hinter unserem Graben und setzten ihm ein einfaches Kreuz. Ich ersah aus diesem Erlebnis, daß nicht jeder Patrouillengang so glücklich zu enden brauchte wie meine bisherigen.
Am nächsten Morgen griff der Engländer nach kurzer Artillerievorbereitung den Abschnitt der Nachbarkompagnie, in dem der Leutnant Reinhardt befehligte, mit 50 Mann an. Der Gegner hatte sich vor den Draht geschlichen, und nachdem einer von ihnen mit einer am Ärmelaufschlag befestigten Reibfläche ein Lichtzeichen gegeben hatte, um die englischen Maschinengewehre zum Schweigen zu bringen, war er gleichzeitig mit seinen letzten Granaten gegen unseren Graben angelaufen. Alle hatten berußte Gesichter, um sich möglichst wenig von der Dunkelheit abzuheben.
Unsere Leute empfingen sie indessen so meisterhaft, daß nur ein einziger in den Graben gelangte. Dieser rannte gleich bis zur zweiten Linie durch, wo er, nachdem er die Aufforderung, sich zu ergeben, nicht beachtet hatte, niedergeschossen wurde. Den Draht zu überspringen, gelang nur einem Leutnant und einem Sergeanten. Der Leutnant wurde, trotzdem er unter der Uniform einen Panzer trug, erledigt, da ihm eine von Reinhardt à coup portant entgegengesandte Pistolenkugel eine ganze Panzerplatte in den Leib jagte. Dem Sergeanten wurden durch Handgranatensplitter beide Beine fast abgerissen, trotzdem behielt er mit stoischer Ruhe seine kurze Pfeife bis zum Tode zwischen den zusammengebissenen Zähnen.
Am Vormittag dieses erfolgreichen Morgens schlenderte ich durch meinen Graben und sah auf einem Postenstande den Leutnant Pfaffendorf, der von dort mit einem Scherenfernrohr das Feuer seiner Minenwerfer leitete. Ich trat neben ihn und bemerkte sofort einen Engländer, der hinter der dritten feindlichen Linie über Deckung ging und sich in seiner khakibraunen Uniform scharf vom Horizont abhob. Ich riß dem nächsten Posten das Gewehr aus der Hand, stellte Visier 600, nahm den Mann scharf aufs Korn, hielt etwas vor den Kopf und zog ab. Er tat noch drei Schritte, fiel dann auf den Rücken, als ob ihm die Beine unter dem Leib fortgezogen wären, schlug ein paarmal mit den Armen und rollte in ein Granatloch, aus dem wir durch das Glas noch lange seinen braunen Ärmel leuchten sahen.
Am 9. 3. wurde unser Abschnitt mit schweren Granaten zugedeckt. Ich hatte einen Toten und mehrere Verwundete. Der Eingang meines Stollens wurde wie eine Streichholzschachtel zermalmt. Am Abend wurden wir abgelöst und marschierten nach Devise.
Am 13. bekam ich vom Oberst v. Oppen den ehrenvollen Auftrag, den Kompagnieabschnitt mit einer Patrouille von zwei Gruppen bis zum völligen Übergang des Regiments über die Somme zu halten. Jeder der vier Abschnitte in vorderer Linie sollte durch eine derartige Patrouille, deren Führung energischen Offizieren übertragen war, besetzt werden. Die Abschnitte waren vom rechten Flügel den Leutnants Reinhardt, Fischer, Lorek und mir unterstellt. Die Dörfer, die wir auf unserem Marsch nach vorn passierten, hatten das Aussehen großer Tollhäuser angenommen. Ganze Kompagnien stießen und rissen Mauern um oder saßen oben auf den Dächern und zertrümmerten die Ziegel. Bäume wurden gefällt, Scheiben zerschlagen, rings stiegen von gewaltigen Schutthaufen Rauch und Staubwolken auf, kurz, es wurde eine Orgie der Vernichtung gefeiert.
Man sah Leute in den von den Einwohnern zurückgelassenen Anzügen und Frauenkleidern, Zylinderhüte auf den Köpfen, voll unglaublichem Eifer umherrasen. Sie fanden mit geradezu genialem Scharfsinn den Hauptbalken der Häuser heraus, befestigten Seile daran und zogen mit dem taktmäßigen Geschrei größter Anstrengung so lange, bis alles zusammenprasselte. Andere schwangen gewaltige Hämmer und zerschmetterten damit, was ihnen in den Weg kam, vom Blumentopfe vorm Fensterbrett bis zur kunstvollen Glaskonstruktion eines Wintergartens.
Bis zur Siegfriedstellung war jedes Dorf ein Trümmerhaufen, jeder Baum gefällt, jede Straße unterminiert, jeder Brunnen verpestet, jeder Flußlauf abgedämmt, jeder Keller gesprengt oder durch versteckte Bomben gefährdet, alle Vorräte oder Metalle zurückgeschafft, jede Schiene abmontiert, jeder Telephondraht abgerollt, alles Brennbare verbrannt; kurz, das Land, das den vordringenden Gegner erwartete, war in ödeste Wüste verwandelt.
Die moralische Berechtigung dieser Zerstörungen ist viel umstritten, doch scheint mir das chauvinistische Wutgeheul diesmal verständlicher als der befriedigte Beifall der Heimkrieger und Zeitungsschreiber. Wo tausende friedlicher Menschen ihrer Heimat beraubt werden, muß das selbstgefällige Machtgefühl schweigen.
Über die Notwendigkeit der Tat bin ich als preußischer Offizier natürlich keinen Augenblick im Zweifel. Kriegführen heißt, den Gegner durch rücksichtslose Kraftentfaltung zu vernichten suchen. Der Krieg ist der Handwerke härtestes, seine Meister dürfen der Menschlichkeit nur so lange das Herz öffnen, als sie nicht schaden kann.
Daß diese Handlung, die die Stunde forderte, nicht schön war, tut nichts zur Sache. Der aufmerksame Beobachter ersah es schon aus der Weise, in der sich der objektive Führerwille bei der Mannschaft in eine Reihe von niederen Instinkten umsetzte.
Am 13. verließ die zweite Kompagnie die Stellung, die ich mit meinen beiden Gruppen übernahm. In dieser Nacht fiel ein Mann mit dem ominösen Namen Kirchhof durch Kopfschuß. Merkwürdigerweise war dieses Unglücksgeschoß das einzige, das vom Gegner innerhalb mehrerer Stunden abgeschossen wurde.
Ich ordnete alles Mögliche an, um den Gegner über unsere Stärke zu täuschen. Bald wurden hier, bald dort einige Schaufeln voll Erde über Deckung geworfen, und unser einziges Maschinengewehr mußte bald vom rechten, bald vom linken Flügel eine Reihe von Schüssen abgeben. Trotzdem klang unser Feuer recht dünn, wenn niedrigfliegende Beobachter die Stellung überkreuzten oder eine Abteilung von Schanzern das feindliche Hinterland durchquerte. Daher tauchten jede Nacht an verschiedenen Punkten vor unserem Graben Patrouillen auf, die sich am Draht zu schaffen machten.
Am vorletzten Tage hätte ich beinahe ein ärgerliches Ende gefunden. Der Blindgänger einer Ballonabwehrkanone sauste aus gewaltiger Höhe herunter und explodierte auf der Schulterwehr, an die ich mich ahnungslos gelehnt hatte. Ich wurde durch den Luftdruck genau in die gegenüberliegende Öffnung eines Stollens geschleudert, wo ich mich äußerst verdutzt wiederfand.
Am 17. morgens merkten wir, daß ein Angriff nahe bevorstehen mußte. Im vorderen, sonst unbesetzten, stark verschlammten englischen Graben erklang das Patschen vieler Stiefel. Das Lachen und Rufen einer starken Abteilung verriet, daß diese Leute sich auch innerlich gut angefeuchtet haben mußten. Dunkle Gestalten näherten sich unserem Draht und wurden durch Schüsse vertrieben, eine brach jammernd zusammen und blieb liegen. Ich zog meine Leute igelförmig um die Einmündung eines Laufgrabens zusammen und bemühte mich, das Vorgelände in dem plötzlich einsetzenden Artillerie- und Minenfeuer durch Leuchtkugeln zu erhellen. Da uns die weißen bald ausgingen, jagten wir ein wahres Feuerwerk von bunten in die Luft. Als um 5 Uhr die Stunde der befehlsmäßigen Räumung anbrach, sprengten wir noch rasch die Unterstände mit Handgranaten auseinander, soweit wir sie nicht vorher mit teilweise genial konstruierten Höllenmaschinen versehen hatten.
Zur festgesetzten Zeit zogen sich sämtliche Patrouillen, teilweise schon in Handgranatenkämpfe verwickelt, gegen die Somme zurück. Nachdem wir als die Letzten die Niederung überschritten hatten, wurden die Brücken durch Pionierkommandos in die Luft gesprengt. Auf unserer Stellung tobte noch immer das Trommelfeuer. Erst nach einigen Stunden erschienen die ersten feindlichen Patrouillen an der Somme. Wir zogen uns hinter die noch im Bau befindliche Siegfriedstellung zurück; das Bataillon bezog Quartier in dem am »Canal de St. Quentin« gelegenen Dorfe Lehaucourt. Ich bewohnte mit meinem Burschen ein kleines, gemütliches Häuschen, in dem der Hausrat der verbannten Bewohner noch in Truhen und Schränken aufgespeichert war. Als bezeichnenden Zug für das Wesen unserer Leute möchte ich anführen, daß mein Bursche, der treue Knigge, trotz allem Zureden nicht zu bewegen war, sein Nachtlager im warmen Wohnzimmer aufzuschlagen, sondern durchaus in der kalten Küche schlafen wollte. Diese dem Niedersachsen eigene Zurückhaltung machte dem Führer den Verkehr mit der Mannschaft leicht. Die Disziplin im Regiment wurde erst von dem Tage an lockerer, an dem wir Angehörige anderer Stämme als Ersatz einstellen mußten.
Am ersten Ruheabend lud ich meine Freunde zu einem mit sämtlichen vom Hausbesitzer hinterlassenen Gewürzen gefeuerten Glühwein ein, denn unsere Rückzugspatrouille hatte nicht nur das Lob aller Vorgesetzten, sondern auch einen vierzehntägigen Urlaub zur Folge gehabt.
Im Dorfe Fresnoy.
Mein Urlaub, den ich einige Tage später antrat, wurde diesmal nicht unterbrochen. Am 9. April 1917 kam ich wieder bei der zweiten Kompagnie an, die im Dorfe Merignies unweit Douai in Quartier lag. Die Wiedersehensfreude wurde durch einen unerwarteten Alarm gestört, der mir besonders durch den Auftrag, den Gefechtstroß nach Beaumont zu führen, unangenehm wurde. Durch Regenschauer und Schneegestöber ritt ich an der Spitze der über die Chaussee schleichenden Wagenkolonne, bis wir um 1 Uhr nachts unser Ziel erreicht hatten.
Nachdem ich Pferde und Leute aufs notdürftigste untergebracht hatte, ging ich auf Suche nach einem Quartier für mich, doch fand ich auch den kleinsten Platz schon besetzt. Endlich kam ein Feldintendanturbeamter auf den guten Gedanken, mir sein Bett anzubieten, da er am Telephon wachen mußte. Während ich mich mit Stiefeln und Sporen darauf warf, erzählte er mir, daß die Engländer den Bayern die Vimy-Höhe und ein großes Stück Gelände abgenommen hätten. Trotz seiner Gastfreundlichkeit mußte ich feststellen, daß ihm die Verwandlung seines stillen Etappendörfchens in einen Rendez-vous-Platz der Kampftruppen äußerst unangenehm schien.
Am folgenden Morgen marschierte das Bataillon dem Kanonendonner entgegen bis zum Dorfe Fresnoy. Dort bekam ich Befehl, eine Beobachtungsstelle zu errichten. Ich suchte mir mit einigen Leuten am Westrande des Dorfes ein Häuschen aus, durch dessen Dach ich einen zur Front gerichteten Ausguck schlagen ließ. Unsere Wohngemächer verlegten wir in den Keller, bei dessen Ausräumung uns als angenehmer Zuschuß zu unserer äußerst knappen Verpflegung ein Sack Kartoffeln in die Hände fiel. Auch schickte mir der Leutnant Gornick, der das bereits geräumte Dorf Villerwal mit einem Zuge als Feldwache besetzt hielt, als kameradschaftliches Geschenk aus den in der Eile zurückgelassenen Beständen eine große Dose Leberwurst und einige Flaschen Rotwein. Eine von mir sofort mit Kinderwagen und ähnlichen Transportmitteln ausgerüstete Expedition zur Bergung dieser Schätze mußte leider unverrichteter Dinge wieder umkehren, da der Engländer den Dorfrand bereits mit dichten Schützenlinien erreicht hatte.
Am 14. April bekam ich den Auftrag, im Dorfe eine Nachrichtensammelstelle zu errichten. Es waren mir zu diesem Zwecke Meldeläufer, Radfahrer, Telephone, Lichtsignalstation, Erdtelegraph, Brieftauben und eine Leuchtpostenkette zur Verfügung gestellt. Ich suchte mir am Abend einen passenden Keller mit eingebautem Stollen aus und begab mich dann zum letztenmal in meine alte Wohnung am Westrande.