In Stahlgewittern, aus dem Tagebuch eines Stoßtruppführers
Part 7
Da mir nicht einmal klar war, wo der Feind ungefähr sein könnte, begab ich mich zu meinen Leuten und riet ihnen, sich auf das Schlimmste gefaßt zu machen. Wir blieben alle wach; ich verbrachte die Nacht mit meinem Burschen und meinen beiden Gefechtsordonnanzen in einem Fuchsloch von vielleicht einem Kubikmeter Rauminhalt.
Als der Morgen graute, entschleierte sich die fremde Umgebung allmählich den staunenden Augen.
Der Hohlweg erschien nur noch als eine Reihe riesiger, mit Uniformstücken, Waffen und Toten gefüllter Trichter; das umliegende Gelände war, soweit der Blick reichte, völlig von schweren Granaten umgewälzt. Nicht ein einziger armseliger Grashalm zeigte sich dem suchenden Auge. Der zerwühlte Kampfplatz war grauenhaft. Zwischen den lebenden Verteidigern lagen die toten. Beim Graben von Deckungslöchern bemerkten wir, daß sie in Lagen übereinander geschichtet waren. Eine Kompagnie nach der anderen war dicht gedrängt im Trommelfeuer ausharrend vernichtet. Dann waren die Leichen durch die von den Geschossen hochgeschleuderten Erdmassen verschüttet, und die nächste Kompagnie war an den Platz der Gefallenen getreten.
Der Hohlweg und das Gelände dahinter lag voll Deutscher, das Gelände davor voll Engländer. Aus den Böschungen starrten Arme, Beine und Köpfe; vor unseren Erdlöchern lagen abgerissene Gliedmaßen und Tote, über die man zum Teil, um dem steten Anblick der entstellten Gesichter zu entgehen, Mäntel oder Zeltbahnen geworfen hatte. Trotz der Hitze dachte niemand daran, die Körper mit Erde zu bedecken.
Das Dorf Guillemont unterschied sich vom übrigen Terrain nur dadurch, daß die Trichter infolge der zu Staub zermalmten Steine der Häuser von weißlicherer Farbe waren. Vor uns lag der wie ein Kinderspielzeug zerknüllte Bahnhof von Guillemont und weiter hinten der in Späne zerrissene Wald von Delville.
Kaum war der Tag hereingebrochen, als sich ein tieffliegender Engländer heranschraubte und uns gleich einem Aasvogel ununterbrochen überkreiste, während wir in unsere Löcher flohen und uns dort zusammenkauerten. Das scharfe Auge des Beobachters mußte uns trotzdem erspäht haben, denn bald ertönten von oben in kurzen Abständen langgezogene, dumpfe Sirenentöne. Nach kurzer Zeit schien eine Batterie die Zeichen aufgenommen zu haben. Ein schweres Flachbahngeschoß nach dem anderen sauste mit unglaublicher Wucht heran. Wir hockten untätig in unseren Zufluchtsorten, ab und zu eine Zigarre anzündend und wieder fortwerfend, gewärtig, jeden Augenblick verschüttet zu werden. Schmidts Rockärmel wurde durch einen großen Splitter zerrissen.
Gleich beim dritten Schuß wurde der Bewohner des Erdloches neben uns durch einen ungeheuren Einschlag verschüttet. Wir gruben ihn sofort wieder aus; trotzdem war er durch den Druck der Erdmassen zu Tode erschöpft, sein Gesicht eingefallen und einem Totenkopf ähnlich. Es war der Gefreite Simon. Er war durch den Schaden klug geworden, denn wenn im Laufe des Tages Leute bei Fliegersicht sich außer Deckung bewegten, vernahm man seine scheltende Stimme und sah seine Faust aus einer Öffnung seines zeltbahnverhangenen Fuchsloches drohen.
Um 3 Uhr nachmittags kamen meine Posten von links und gaben an, sich nicht mehr halten zu können, da ihre Löcher zusammengeschossen wären. Ich mußte meine ganze Rücksichtslosigkeit anwenden, um sie wieder auf ihre Plätze zu bringen.
Kurz vor 10 Uhr abends setzte am linken Flügel des Regiments ein Feuersturm ein, der nach 20 Minuten auch auf uns übergriff. Nach kurzer Zeit waren wir völlig in Rauch und Staub gehüllt, doch lagen die meisten Einschläge dicht vor oder hinter dem Graben. Während des uns umbrausenden Orkans ging ich den Abschnitt meines Zuges ab. Die Leute standen in steinerner Unbeweglichkeit, das Gewehr in der Hand, am vorderen Hange des Hohlweges und starrten in das Vorgelände. Ab und zu beim Scheine einer Leuchtkugel sah ich Stahlhelm an Stahlhelm, Seitengewehr an Seitengewehr blinken und wurde von dem stolzen Gefühl erfüllt, einer Handvoll Männern zu gebieten, die vielleicht zermalmt, nicht aber besiegt werden konnten. In solchen Augenblicken triumphiert der menschliche Geist über die gewaltigsten Äußerungen der Materie, der gebrechliche Körper stellt sich, vom Willen gestählt, dem furchtbarsten Gewitter entgegen.
Im linken Nachbarzuge wollte der Feldwebel H., der unglückliche Rattenfänger von Monchy, eine weiße Leuchtkugel abschießen, vergriff sich indes und ein rotes Sperrfeuersignal zischte, von allen Seiten weitergegeben, gen Himmel. Im Nu setzte unsere Artillerie ein, daß es eine Freude war. Eine Mörsergranate neben der anderen kam hoch aus den Lüften herabgeheult und zerschellte im Vorgelände zu Splittern und Funken. Ein Gemisch von Staub, stickigen Gasen und dem Dunsthauch aufgeschleuderter Leichen braute aus den Trichtern.
Nach dieser Orgie der Vernichtung flutete das Feuer wieder auf sein gewöhnliches Niveau zurück, das es während der Nacht und des nächsten Tages beibehielt. Der aufgeregte Griff eines einzelnen Mannes hatte die ganze gewaltige Kriegsmaschinerie ausgelöst.
H. war und blieb ein Unglücksmensch; er schoß sich noch in derselben Nacht beim Laden seiner Pistole eine Leuchtkugel in den Stiefelschaft und mußte mit schweren Brandwunden zurückgetragen werden. Am nächsten Tage regnete es stark, was uns nicht unlieb war, da das ausgetrocknete Gefühl im Gaumen nach dem Verschwinden des Staubes nicht mehr so quälend war und die großen, blauschwarzen Fliegen, die sich in riesigen Klumpen an den sonnigen Stellen gesammelt hatten, vertrieben wurden. Ich saß fast den ganzen Tag vor meinem Fuchsloch auf dem Boden, rauchte und aß trotz der Umgebung mit gutem Appetit.
Am nächsten Vormittag erhielt der Füsilier Knicke meines Zuges von irgendwoher einen Gewehrschuß durch die Brust, der auch das Rückenmark streifte, so daß er die Beine nicht mehr bewegen konnte. Als ich nach ihm sah, lag er sehr gefaßt in einem Erdloche. Er wurde am Abend durch das Artilleriefeuer geschleppt, wobei er durch das häufige Deckungnehmen seiner Träger noch ein Bein brach. Er starb auf dem Verbandplatze.
Am Nachmittag rief mich ein Mann meines Zuges und ließ mich über das abgerissene Bein eines Engländers zum Bahnhof Guillemont visieren. Ich sah durch einen flachen Laufgraben Hunderte von Engländern nach vorn eilen. Durch das Gewehrfeuer von uns paar Leuten ließen sie sich nicht sonderlich stören. Dieser Anblick war bezeichnend für die Ungleichheit der Mittel, mit denen wir kämpften. Hätten wir dasselbe gewagt, so wären unsere Abteilungen innerhalb weniger Minuten zusammengeschossen worden. Während nicht ein Fesselballon von uns zu sehen war, standen auf englischer Seite gleich über 30 auf einem Klumpen und beobachteten mit Argusaugen jede Bewegung, die sich in dem zerstampften Gelände zeigte, um sofort einen Eisenhagel dorthin zu dirigieren.
Am Abend schnurrte mir noch ein großer Granatsplitter gegen den Magen, der zum Glück ziemlich am Ende seiner Flugbahn war und nach einem kräftigen Schlage vor mein Koppelschloß zu Boden fiel.
Vor dem Abschnitt des ersten Zuges erschienen bei Einbruch der Dunkelheit zwei englische Essenholer, die sich verlaufen hatten. Beide wurden auf kürzeste Entfernung niedergeschossen, der eine schlug mit dem Oberkörper in den Hohlweg, während seine Beine auf der Böschung liegen blieben. Gefangene zu machen war allen Leuten unerwünscht, denn wie sollte man sie durch die Sperrfeuerzone bringen, in der man mit sich selbst schon so viel zu tun hatte?
Gegen 1 Uhr nachts wurde ich von Schmidt aus wirrem Schlaf gerüttelt. Nervös fuhr ich hoch und griff nach dem Gewehr. Unsere Ablösung war gekommen. Wir übergaben, was zu übergeben war, und verließen so schnell wie möglich diesen Ort des Teufels.
Kaum hatten wir den flachen Laufgraben erreicht, als die erste Gruppe Schrapnells zwischen uns krepierte. Mein Vordermann taumelte infolge einer Wunde am Handgelenk, aus der das Blut spritzte und wollte sich auf die Seite legen. Ich packte ihn am Arm, riß ihn trotz seines Stöhnens hoch und gab ihn erst beim Sanitätsunterstand neben dem K. T. K. ab.
In beiden Hohlwegen ging es scharf her. Wir kamen stark außer Atem. Die schlimmste Ecke war ein Tal, in das wir gerieten, und in dem ununterbrochen Schrapnells und leichte Granaten aufflammten. Brrruch! Brrruch! umkrachte uns der eiserne Wirbel, einen Funkenregen in die Dunkelheit sprühend. Huiiiii! Wieder eine Gruppe! Mir blieb der Atem aus, denn ich wußte Bruchteile von Sekunden vorher aus dem immer schärfer werdenden Heulen, daß der absteigende Ast der Geschoßkurve unmittelbar bei mir enden mußte. Gleich darauf wuchtete neben meiner Fußsohle ein schwerer Aufschlag, weiche Lehmfetzen hochschleudernd. Gerade diese Granate ging blind!
Hier war eine Mustergelegenheit, den Einfluß des Offiziers geltend zu machen. Überall eilten ablösende und abgelöste Trupps durch Nacht und Feuer, zum Teil völlig verirrt, vor Aufregung und Erschöpfung stöhnend; dazwischen erschollen Zurufe, Befehle und in eintöniger Wiederholung die langgezogenen Hilfeschreie im Trichtergelände verlorener Verwundeter. Ich gab Verirrten im Vorbeirasen Auskunft, zog Leute aus Granatlöchern, bedrohte die, die sich hinlegen wollten, schrie dauernd meinen Namen, um alle zusammenzuhalten und brachte so meinen Zug wie durch ein Wunder nach Combles.
Wir mußten von Combles noch über Sailly und die Gouvernements-Ferme zum Walde von Hennois marschieren, in dem wir biwakieren sollten. Jetzt zeigte sich unsere Erschöpfung erst in vollem Maße. Den Kopf stumpfsinnig zu Boden gerichtet, schlichen wir, oft von Automobilen oder Munitionskolonnen an die Seite gedrückt, unsere Straße entlang. In einer Art von krankhafter Nervosität war ich fest überzeugt, daß die vorbeirasselnden Fahrzeuge nur uns zum Ärger so scharf am Wegrande fuhren und überraschte meine Hand mehr als einmal am Kolben des Revolvers.
Nach dem Marsche mußten wir noch Zelte aufschlagen und konnten uns dann erst auf den harten Boden werfen. Während unseres Aufenthaltes in diesem Waldlager gingen gewaltige Regengüsse nieder. Das Stroh in den Zelten begann zu faulen, und viele Leute erkrankten. Wir fünf Kompagnieoffiziere ließen uns durch die Nässe wenig stören, sondern saßen jeden Abend auf unseren Koffern im Zelte hinter einer Batterie von Flaschen zusammen.
Nach drei Tagen rückten wir wieder nach Combles ab, wo ich mit meinem Zug vier kleinere Keller bezog.
Am ersten Morgen war es verhältnismäßig ruhig; ich machte daher einen kleinen Spaziergang durch die verwüsteten Gärten und plünderte mit köstlichen Pfirsichen behangene Spaliere. Bei meinen Irrgängen geriet ich in ein von hohen Hecken umschlossenes Haus, das ein Liebhaber schöner, alter Sachen bewohnt haben mußte. An den Wänden der Zimmer hing eine Sammlung bemalter Teller, wie sie der Nordfranzose liebt, Weihwasserbecken, Kupferstiche und holzgeschnitzte Heiligenbilder. In großen Schränken stapelte altes Porzellan, zierliche Lederbände waren auf den Boden geschleudert, darunter eine köstliche alte Ausgabe des Don Quijote. Es war ein Jammer, all diese Schätze dem Verderben preisgegeben zu sehen.
Als ich in mein Domizil zurückkehrte, hatten die Leute, die auch ihrerseits die Gärten untersucht hatten, aus Gemüse und Fleischkonserven, Kartoffeln, Erbsen, Möhren, Artischocken und vielerlei Grünkram eine Suppe gebraut, in der der Löffel stehen blieb. Während des Essens schlug eine Granate ins Haus und drei in die Nähe, ohne uns weiter zu stören. Wir waren durch die Überfülle der Eindrücke schon zu sehr abgestumpft. In dem Hause mußte sich schon Blutiges zugetragen haben, denn auf einem Schuttberg im Mittelzimmer erhob sich ein rohgeschnitztes Kreuz mit einer Reihe ins Holz gegrabener Namen. Am nächsten Mittag holte ich mir aus dem Hause des Porzellansammlers einen Band der illustrierten Beilagen des »Petit Journal«, die in fast jedem französischen Hause zu finden sind und von wüster Geschmacklosigkeit strotzen; dann setzte ich mich in ein erhaltenes Zimmer, entzündete im Kamin aus Möbelstücken ein Feuerchen und begann zu lesen. Ich mußte häufig den Kopf schütteln, denn mir waren die zur Zeit der Faschoda-Affäre gedruckten Nummern in die Hände geraten. Ungefähr um 7 Uhr hatte ich die letzte Seite umgewandt und ging in den Vorraum vor dem Eingang des Kellers, wo meine Leute an einem kleinen Herd kochten.
Kaum stand ich zwischen ihnen, gab es vor der Haustür einen scharfen Knall, und im selben Moment spürte ich einen starken Schlag gegen meinen linken Unterschenkel. Mit dem uralten Kriegerruf: »Ich habe einen weg!« sprang ich, meine Shagpfeife im Munde, die Kellertreppe hinunter.
Es wurde rasch Licht angezündet und der Fall untersucht. In der Wickelgamasche klaffte ein gezacktes Loch, aus dem ein Blutstrahl auf den Boden sprang. Auf der anderen Seite erhob sich der rundliche Wulst einer unter der Haut liegenden Schrapnellkugel. Meine Leute verbanden mich und trugen mich über die beschossene Straße in die Katakomben, wo mich unser Oberstabsarzt in Empfang nahm. Während mir der herbeigeeilte Leutnant Wetje den Kopf hielt, schnitt er mir mit Messer und Schere die Schrapnellkugel heraus, wobei er mich beglückwünschte, denn das Blei war scharf zwischen Schien- und Wadenbein hindurchgegangen, ohne einen Knochen zu verletzen. Habent sua fata libelli et balli, meinte der alte Korpsstudent schmunzelnd, indem er mich einem Sanitäter zum Verbinden überließ.
Während ich bis zum Einbruch der Dunkelheit auf einer Bahre in einer Nische der Katakomben lag, kamen zu meiner Freude viele meiner Leute, um Abschied von mir zu nehmen. Auch mein verehrter Oberstleutnant von Oppen besuchte mich für kurze Zeit.
Am Abend wurde ich mit anderen Verwundeten an den Ortsausgang getragen und dort in einen Sanitätswagen geladen. Ohne auf das Geschrei der Insassen zu achten, raste der Fahrer auf der unter starkem Feuer liegenden Chaussee über Trichter und andere Hindernisse hinweg und gab uns endlich an ein Auto weiter, das uns bis zur Kirche des Dorfes Fins fuhr, die mit Hunderten von Verwundeten belegt war. Eine Krankenschwester erzählte mir, daß in der letzten Zeit mehr als 30000 Verwundete über Fins abtransportiert wären. Von dort kam ich nach St. Quentin, dessen Fensterscheiben vom unaufhörlichen Donner der Schlacht zitterten, und dann im Lazarettzuge weiter nach Gera, wo ich im Garnisonlazarett eine vorzügliche Pflege fand.
Von Kameraden der anderen Bataillone, die nach mir verwundet waren, erfuhr ich das weitere Schicksal meiner Kompagnie, die am Tage nach meiner Verwundung wieder in Stellung gerückt war. Nach verlustreichem Anmarsch und zehnstündigem Trommelfeuer war sie infolge der großen Frontlücken von allen Seiten angegriffen worden. Der kleine Schmidt, Fähnrich Wohlgemut, Leutnants Vogel und Sievers, kurz, fast alle Kameraden hatten, bis zur letzten Sekunde fechtend, den Tod gefunden. Nur wenige Überlebende, darunter Leutnant Wetje, waren dem Feinde in die Hände gefallen; kein einziger war nach Combles zurückgekehrt, um dort von dem Heldenkampfe, der mit so unerhörter Erbitterung ausgefochten war, zu erzählen. Selbst der englische Heeresbericht erwähnte ehrend die Handvoll Männer, die in eherner Treue bei Guillemont gestanden hatten bis zuletzt.
Wenn ich mich auch des Zufallstreffers freute, der mich am Vorabend der Schlacht wie durch ein Wunder dem sicheren Tode entrissen hatte, so hätte ich anderseits doch, so seltsam es manchem klingen mag, gern das Los der Kameraden geteilt und mit ihnen vereint auch über mich den eisernen Würfel des Krieges dahinrollen lassen. Stets hat mich, auf den Höhepunkten der blutigen Schlachten, die ich noch erleben sollte, der strahlende, unauslöschliche Ruhm dieser Kämpfer gemahnt, mich der ehemaligen Kameradschaft würdig zu erweisen.
* * * * *
Die Tage von Guillemont machten mich zum ersten Male mit den verheerenden Wirkungen der Materialschlacht bekannt. Wir mußten uns ganz neuen Formen des Krieges anpassen. Jede Verbindung der Truppe mit der Führung, der Artillerie und den Anschlußregimentern war durch das furchtbare Feuer lahmgelegt. Die Meldeläufer fielen dem Eisenhagel zum Opfer, der Telephondraht war, kaum gezogen, bereits in kleine Stücke zerhackt. Selbst die Blinkzeichen der Signallampen versagten in dem dampf- und staubüberwölkten Gelände. Hinter der vorderen Linie erstreckte sich eine kilometerbreite Zone, in der nur der Sprengstoff herrschte.
Selbst der Regimentsstab erfuhr erst, als wir nach drei Tagen zurückkamen, wo wir eigentlich gelegen hatten und wie die Front verlief. Bei diesen Verhältnissen war ein genaues Schießen der Artillerie ausgeschlossen.
Auch die Stellung der Engländer war uns völlig unklar, obwohl wir oft, ohne es zu wissen, nur wenige Meter auseinander lagen. Manchmal lief ein Tommy, der sich durch die Trichter tastete, wie eine Ameise durch einen Sandweg, direkt in ein von uns besetztes Granatloch und umgekehrt, da unsere vordere Linie nur aus einzelnen, verbindungslosen Stücken bestand, die man leicht verfehlen konnte.
Das Landschaftsbild ist dem, der es geschaut, unvergeßlich. Vor kurzem hatte diese Gegend doch noch aus Dörfern, Wiesen, Wäldern und Feldern bestanden, und nun war buchstäblich kein Strauch, kein winziges Hälmchen mehr zu sehen. Jede Handbreit Bodens war umgewühlt und immer wieder umgewühlt, die Bäume entwurzelt, zerfetzt und zu Mulm zermahlen, die Häuser weggeblasen und zu Pulver zerstäubt, Berge abgetragen und das Ackerland zur Wüste verwandelt.
In dieser Wüstenei, umgeben von Toten und halbverdurstet, kämpften Männer tage- und wochenlang mit dem Bewußtsein, im Falle einer Verwundung rettungslos dem Tode des Verschmachtens preisgegeben zu sein.
An den im Verhältnis zur Breite der Angriffsfront ungeheuren Verlusten trug die mit altpreußischer Zähigkeit durchgeführte starre Lineartaktik die Hauptschuld. Ein Bataillon nach dem andern wurde in die überfüllte vordere Linie geworfen und in wenigen Stunden zusammengetrommelt.
Erst recht spät sah man ein, daß es so nicht weiter gehen konnte und hörte auf, um wertlose Geländestreifen zu kämpfen, um sich einer beweglicheren Verteidigung, deren Höhepunkt die elastische Zonentaktik wurde, zuzuwenden.
Daher wurde nie wieder mit solch verbissener Erbitterung gekämpft wie damals, wo man wochenlang um zerschossene Waldstücke oder unkenntliche Ruinen rang. Der Name auch des kleinsten pikardischen Nestes erinnert an unerhörte Heldenkämpfe, die wahrhaft einzig in der Weltgeschichte dastehen. Erst dort sank die Blüte unserer disziplinierten Jugend in den Staub. Erhabene Werte, die das deutsche Volk groß gemacht hatten, leuchteten dort noch einmal in blendendem Glanze auf, um langsam in einem Meere von Schlamm und Blut zu erlöschen.
Am St. Pierre-Vaast.
Nachdem ich 14 Tage im Lazarett und ebensoviele auf Urlaub verbracht hatte, begab ich mich wieder zum Regiment, das in Stellung bei Deuxnouds, ganz nahe der wohlbekannten Grande Tranchée, lag. Es blieb nach meiner Ankunft nur zwei Tage dort und die gleiche Zeit in dem idyllischen, altertümlichen Bergneste Hattonchâtel. Dann dampften wir vom Bahnhof Mars-la-Tour wieder in der Richtung auf das Sommegebiet ab.
Wir wurden in Bohain ausgeladen und in dem naheliegenden Dorf Brancourt untergebracht. Diese Gegend, die wir später noch oft berührten, ist von Ackerbauern bewohnt, doch steht in fast jedem Hause ein Webstuhl. Die Bevölkerung schien mir unsympathisch, schmutzig und auf geringer Kultur- und Moralstufe stehend. Ich war in einem Häuschen einquartiert, das durch ein Ehepaar und seine Tochter bewohnt wurde. Man muß den Leuten lassen, daß sie mir für mein gutes Geld vorzügliche Eierspeisen zubereiteten. Die Tochter erzählte mir gleich beim Antrittskaffee, daß sie mit Poincaré nach seiner Rückkehr einen guten Kaffee trinken, das heißt ihm ordentlich die Meinung sagen würde. Niemals habe ich jemand mit so großer Zungengeläufigkeit schimpfen hören wie diese filia hospitalis auf die Anschuldigung einer Nachbarin hin, in einer gewissen Straße von St. Quentin gewohnt zu haben. »Ah, cette plure, cette pomme de terre pourrie, jetée sur un fumier, c'est la crème de la crème«, sprudelte sie hervor, während sie mit krallenartig vorgestreckten Händen durch das Zimmer raste, ohne ein Objekt für ihre Wut finden zu können.
Am Morgen, wenn diese Rose von Brancourt mit der Zubereitung der Butter und anderen häuslichen Arbeiten beschäftigt war, sah sie unglaublich wenig einladend aus, doch nachmittags, wenn es galt, die Dorfstraße auf und ab zu stolzieren oder Freundinnen zu besuchen, hatte sich die garstige Puppe in einen prächtigen Schmetterling verwandelt. Mit einem gewissen Mißtrauen betrachtete ich immer eine große Schachtel voll Reispuder, die dauernd auf dem Tische stand und Wasser und Seife völlig zu ersetzen schien.
Ihr Vater bat mich eines Tages, ihm eine Anklageschrift an den Ortskommandanten aufzusetzen, da ihn ein Nachbar an der Kehle gepackt, geprügelt und unter dem Rufe: »Demande pardon!« mit dem Tode bedroht hätte.
Derartige kleine Beobachtungen gaben mir die tröstliche Versicherung, daß Nationalstolz auch in Frankreich keine Eigenschaft der Allgemeinheit ist. Diese Erkenntnis half mir zwei Jahre später über den merkwürdigen Empfang hinweg, den uns manche Volksgenossen nach vier Jahren ehrenvoller härtester Kämpfe in der Heimat zuteil werden ließen. Il y a des cochons partout.
Die zweite Kompagnie wurde nun durch den Leutnant Boje geführt. Wir verlebten hier eine Reihe durch gute Kameradschaft verschönter Tage. Ich muß gestehen, daß wir oft bei schwerem Umtrunk zusammensaßen, bis wir die ganze Welt nur noch als ein lächerliches Phantom, das um unseren Tisch kreiste, betrachteten. Auch aus dem Zimmer der Burschen drang meist ein gewaltiger Lärm. Wer sich noch nie in der kurzen Zeitspanne zwischen zwei mörderischen Schlachten befunden hat, mag darüber absprechend urteilen, wir gönnten jedenfalls uns und unseren Leuten aus vollem Herzen jede Stunde des Rausches, die wir dem Leben abringen konnten, solange es uns noch in seinem Kreise hielt.
Für den kommenden Einsatz war ich als Spähoffizier bestimmt und stand mit einem Spähtrupp und zwei Unteroffizieren und vier Mann der Division zur Verfügung.
Am 8. November fuhr das Bataillon bei strömendem Regen nach dem von der Zivilbevölkerung verlassenen Dorfe Gonnelieu. Von dort wurde der Spähtrupp nach Liéramont abkommandiert und dem Leiter des Divisionsnachrichtendienstes, Rittmeister Böckelmann, unterstellt. Der Rittmeister bewohnte mit uns vier Spähoffizieren, zwei Beobachtungsoffizieren und seinem Adjutanten das geräumige Pfarrhaus, in dessen gemütlich eingerichteten Zimmern ein kameradschaftliches Zusammenleben geführt wurde.
Unsere Vorgänger machten uns mit der Stellung der Division vertraut. Wir mußten uns jede zweite Nacht nach vorn begeben. Unsere Aufgabe war, die Stellung genau festzulegen, die Anschlüsse zu prüfen und uns überall zu orientieren, um im Notfalle Truppen einweisen und eventuelle Aufträge ausführen zu können. Der mir als Arbeitsgebiet zugewiesene Abschnitt lag links vom St. Pierre-Vaast-Walde, unmittelbar vor dem sogenannten »Namenlosen Walde«. In der ersten Nacht geriet ich, nachdem ich beim Durchstreifen eines vom Tortille-Bach durchflossenen Sumpfes fast ertrunken wäre, in eine dichte Geschoßwolke von Phosgengas, die mich tränenden Auges zum Vaux-Walde zurückscheuchte, wobei ich, durch die beschlagene Gasmaske geblendet, von einem Trichter in den anderen stürzte.
Am 12. November trat ich, auf besseres Glück hoffend, mit dem Auftrage, die Anschlüsse in der Trichterstellung festzustellen, meinen zweiten Gang nach vorn an. An einer in Erdlöchern verborgenen Kette von Relaisposten strebte ich meinem Ziele zu.