In Stahlgewittern, aus dem Tagebuch eines Stoßtruppführers

Part 4

Chapter 43,497 wordsPublic domain

21. 11. Ich führte eine Abteilung Schanzer von der »Feste Altenburg« in den Abschnitt C, von denen der Landsturmmann Diener auf einen Vorsprung der Grabenwand stieg, um Erde über Deckung zu schaufeln. Kaum war er oben, als ein aus der Sappe abgefeuertes Geschoß quer durch seinen Schädel schlug und ihn tot auf die Grabensohle warf. Er war verheiratet und Vater von vier Kindern. Seine Kameraden lauerten noch lange Zeit hinter den Schießscharten, um Blutrache zu nehmen. Sie weinten vor Wut. Es ist merkwürdig, wie wenig objektiv sie den Krieg auffassen. Sie schienen in dem Engländer, der das tödliche Geschoß abgefeuert, einen ganz persönlichen Feind zu sehen. Ich kann es ihnen nachfühlen.

24. 11. Ein Mann der M. G. K. bekam in unserem Abschnitt einen schweren Kopfschuß. Einem anderen von unserer Kompagnie wurde eine halbe Stunde später durch Infanteriegeschoß die Backe aufgerissen.

Am 29. 11. rückte unser Bataillon für 14 Tage nach dem in der Etappe der Division gelegenen Städtchen Q., das später eine so blutige Berühmtheit erlangen sollte, um dort zu exerzieren und sich der Segnungen des Hinterlandes zu erfreuen. Während unseres Aufenthaltes dort erfuhr ich meine Beförderung zum Leutnant und wurde in die zweite Kompagnie versetzt, in der ich viele heitere und ernste Tage verleben sollte.

Wir wurden in Q. und den Nachbarorten öfters von dem Ortskommandanten zu schwerem Umtrunk geladen und bekamen einen kleinen Einblick in die fast unumschränkte Gewalt, mit der diese Dorffürsten ihre Untergebenen und die Einwohner beherrschten. Unser Rittmeister nannte sich König von Q. und erschien jeden Abend, durch Erheben der rechten Hände und ein donnerndes: »Es lebe der König« begrüßt, an der Tischrunde, wo er als launige Majestät à la Shakespeare bis in den grauenden Morgen regierte, jeden Verstoß gegen die Etikette und seinen äußerst komplizierten Komment mit einer Bierrunde bestrafend. Wir Frontleute kamen als Neulinge natürlich sehr schlecht dabei weg. Am nächsten Tage sah man ihn dann nach dem Mittagessen meist leicht verschleiert im Dogcart durch seine Ländereien fahren, um den Nachbarkönigen bei kräftigem Bacchusopfer seine Visite abzustatten und sich so würdig für den Abend vorzubereiten. Einmal geriet er in einen Zwist mit dem Könige von I. und ließ durch einen berittenen Feldgendarmen Fehde ansagen. Nach mehreren Kampfhandlungen, während deren sich sogar zwei Abteilungen von Pferdeknechten aus kleinen, drahtbefestigten Gräben mit Erdklumpen bewarfen, war der König von I. so unvorsichtig, sich in der Kantine von Q. an bayrischem Biere gütlich zu tun und wurde beim Besuche eines einsamen Ortes überrascht und gefangengenommen. Er mußte sich mit einer gewaltigen Tonne Bieres loskaufen. So endete der Orlog der beiden Gewaltigen.

Die Einwohner standen unter strenger Disziplin, Übertretungen und Vergehen wurden vom Ortskommandanten in schneller Justiz mit empfindlichen Geld- und Freiheitsstrafen geahndet. So sehr ich Anhänger der logischen Durchführung des Machtgedankens bin, so zuwider und peinlich waren mir schon damals seine Auswüchse, wie die Grußpflicht jedes Einwohners, auch der Frauen, den Offizieren gegenüber. Derartige Anordnungen sind zwecklos, entwürdigend und schädlich. So wirtschafteten wir aber im ganzen Kriege: schneidig in Kleinigkeiten, unentschlossen gegenüber schweren inneren Schäden.

Am 11. 12. begab ich mich über Deckung in die vordere Linie, um mich beim Leutnant d. R. Wetje, dem Führer der zweiten Kompagnie, die auch den Abschnitt C besetzte, zu melden. Als ich in den Graben springen wollte, erschrak ich über die Veränderung, die die Stellung während unserer vierzehntägigen Abwesenheit erlitten hatte. Sie war zu einer riesigen, mit meterhohem Schlamm gefüllten Mulde zusammengesackt, in der die Besatzung ein traurig plätscherndes Amphibiendasein führte. Mit Wehmut dachte ich, schon bis zur Hüfte versunken, an den runden Tisch des Königs von Q. zurück. Wir armen Frontschweine! Fast alle Unterstände waren eingestürzt und die Stollen versoffen. Wir mußten in den nächsten Wochen unausgesetzt arbeiten, um uns nur etwas festen Boden unter die Füße zu bringen. Vorläufig hauste ich mit den Leutnants Wetje und Boje zusammen in einem Stollen, dessen Decke trotz der darunter gehängten Zeltbahn wie eine Gießkanne tropfte, und aus dem die Burschen alle halbe Stunden das Wasser mit Eimern nach oben schaffen mußten.

Als ich am anderen Morgen völlig durchnäßt den Stollen verließ, glaubte ich meinen Augen nicht trauen zu dürfen. Das Gelände, dem bisher die Einsamkeit des Todes ihren Stempel aufgedrückt, hatte das Aussehen eines Jahrmarktes angenommen. Die Besatzung beider Gräben war von dem furchtbaren Schlamm auf die Brustwehren getrieben, und schon hatte sich vor den Drahtverhauen ein lebhafter Verkehr und Austausch von Schnaps, Zigaretten, Uniformknöpfen usw. entwickelt. Die Menge khakifarbener Gestalten, die den bisher so öden englischen Gräben entquoll, wirkte direkt verblüffend.

Plötzlich fiel drüben ein Schuß, der einen unserer Leute tot im Schlamm versinken ließ, worauf beide Parteien maulwurfartig in den Gräben verschwanden. Ich begab mich zu dem Teil unserer Stellung, der der englischen Sappe gegenüberlag und rief hinüber, daß ich einen Offizier sprechen möchte. Wirklich begaben sich einige Engländer zurück und brachten nach kurzer Zeit einen jungen Mann mit, der sich, wie ich durchs Glas beobachten konnte, von ihnen durch eine zierlichere Mütze unterschied. Wir verhandelten zunächst in englischer, dann etwas fließender in französischer Sprache, während die Leute ringsumher zuhörten. Ich hielt ihm vor, daß einer unserer Leute durch einen hinterlistigen Schuß getötet wäre, worauf er antwortete, daß das nicht seine, sondern die Nachbarkompagnie getan hätte. »Il y a des cochons aussi chez vous!« meinte er, als einige aus unseren Nebenabschnitt abgefeuerte Geschosse in der Nähe seines Kopfes einschlugen, worauf ich mich vorbereitete, sofort volle Deckung zu nehmen. Wir erzählten uns indes noch viel in einer Weise, die, ich möchte fast sagen, eine sportsmännische Achtung ausdrückte, und hätten am Schluß zum Andenken gern ein Geschenk ausgetauscht.

Es ist im Kriege immer mein Ideal gewesen, den Gegner unter Ausschaltung jedes Haßgefühls nur im Kampfe als solchen zu betrachten und ihn als Mann seinem Mute entsprechend zu werten. Ich habe gerade in diesem Punkte unter den englischen Offizieren viele verwandte Naturen kennengelernt.

Um wieder klare Verhältnisse zu bekommen, erklärten wir uns feierlich den Krieg binnen drei Minuten nach Abbruch der Verhandlungen, und nach einem »Guten Abend« seinerseits und einem »Au revoir!« meinerseits gab ich trotz des Bedauerns meiner Leute einen Schuß gegen sein Schutzschild ab, von dem drüben sofort einer folgte, der mir fast das Gewehr aus der Hand geschlagen hätte.

Zum ersten Mal konnte ich bei dieser Gelegenheit das Zwischenfeld vor der Sappe übersehen, da man sonst an dieser gefährlichen Stelle nicht einmal seinen Mützenrand zeigen durfte. Ich machte dabei die Beobachtung, daß dicht vor unserem Draht ein französischen Skelett lag, dessen weiße Knochen aus blauen Uniformfetzen schimmerten.

Kurz nach dieser Unterredung gab unsere Artillerie einige Schüsse auf die feindliche Stellung ab, worauf vor unseren Augen vier Bahren über das freie Feld getragen wurden, ohne daß von unserer Seite ein Schuß darauf abgegeben wurde. An den englischen Mützenschildern stellten wir an diesem Tage fest, daß uns das Regiment Hindostan-Leicestershire gegenüberlag.

Die Witterung wurde gegen Weihnachten immer trostloser; wir mußten Pumpen im Graben aufstellen, um des Wassers einigermaßen Herr zu werden. Den Christabend verbrachten wir in Stellung. Die Leute stimmten, im Schlamm stehend, Weihnachtslieder an, die jedoch von den Engländern mit M. G.'s übertönt wurden. Am Weihnachtstage verloren wir einen Mann des dritten Zuges durch Querschläger in den Kopf. Gleich darauf versuchten die Engländer eine freundschaftliche Annäherung, indem sie einen Christbaum auf ihre Brustwehr stellten, der jedoch von unseren erbitterten Leuten mit einigen Schüssen heruntergefegt wurde, was sie wiederum mit Gewehrgranaten beantworteten. So verlief unser Weihnachtsfest recht ungemütlich.

Am 28. 12. war ich Kommandant der »Feste Altenburg«. Es wurde an diesem Tage einem meiner besten Leute durch Granatsplitter ein Arm abgerissen. Ein anderer wurde von einer der vielen verirrten Kugeln, die unser in einer Senke liegendes Erdwerk umschwirrten, am Oberschenkel schwer verwundet. Auch mein getreuer August Kettler fiel auf dem Wege nach Monchy, von wo er mein Essen holen wollte, als erster meiner vielen Burschen, einem Schrapnellschuß zum Opfer, der ihn mit durchschlagener Luftröhre zu Boden streckte.

Auch der Januar war ein Monat anstrengendster Arbeit. Jede Gruppe entfernte mit Schaufeln, Eimern und Pumpen zunächst den Schlamm in der unmittelbaren Nähe ihres Unterstandes und suchte dann, nachdem sie sich festen Boden unter den Füßen geschaffen hatte, Verbindung mit den Nachbargruppen herzustellen. Im Walde von Adinfer, dem Standorte unserer Artillerie, waren Holzfäller-Kommandos beschäftigt, junge Bäume der Äste zu entkleiden und in lange Scheite zu spalten. Die Grabenwände wurden abgeschrägt und vollkommen mit diesem Material verkleidet. Auch wurden zahlreiche Wasserlöcher, Sickerschächte und Abflüsse gebaut, so daß wir allmählich wieder erträgliche Lebensverhältnisse bekamen.

Am 28. 1. 1916 wurde ein Mann meines Zuges durch Splitter eines an seinem Schutzschild zerschellenden Geschosses in den Leib getroffen. Am 30. bekam ein anderer eine Kugel in den Oberschenkel. Als wir am 1. 2. abgelöst wurden, lag gerade ein lebhaftes Feuer auf den Annäherungswegen. Ein Schrapnell fuhr direkt vor die Füße meines ehemaligen Putzers von der 6. Kompagnie, des Füsiliers Junge, explodierte aber nicht, sondern brannte aus, so daß er mit schweren Verbrennungen fortgetragen werden mußte.

In diesen Tagen wurde auch ein Unteroffizier der 6. Kompagnie, den ich gut kannte, und dessen Bruder vor einigen Tagen gefallen war, durch eine Kugelmine, die er gefunden hatte, tödlich verletzt. Er hatte den Zünder abgeschraubt und steckte, da er bemerkt hatte, daß das Pulver glatt abbrannte, eine glimmende Zigarette in die Öffnung. Die Mine explodierte natürlich und brachte ihm über 50 Wunden bei. Auf diese und ähnliche Weise hatten wir alle Augenblicke Verluste durch den Leichtsinn, den der ständige Umgang mit Sprengstoffen mit sich brachte. Ein unbehaglicher Nachbar in dieser Beziehung war der Leutnant Pook, der einen einsamen Unterstand im verwickelten Grabengewirre hinter dem linken Flügel bewohnte. Er hatte dort eine Anzahl riesiger Blindgänger zusammengeschleppt und beschäftigte sich damit, die Zünder abzuschrauben und zu untersuchen. Ich schlug jedesmal einen großen Kreis um diese unheimliche Behausung, wenn mich mein Weg daran vorüberführte.

In der Nacht vom 3. 2. waren wir nach einer anstrengenden Stellungsperiode wieder in Douchy angekommen. Ich saß am nächsten Morgen so recht in der Stimmung des ersten Ruhetages in meinem Quartier am Emmichs-Platz und trank behaglich Kaffee, als plötzlich ein Ungetüm von Granate, der Auftakt zu einer schweren Ortsbeschießung, dicht vor meiner Tür krepierte und mir die Fenster ins Zimmer warf. In drei Sätzen war ich im Keller, den auch die anderen Hausbewohner schon mit erstaunlicher Geschwindigkeit aufgesucht hatten, um dort das Bild einer kläglichen Gruppe zu bieten. Da der Keller halb über dem Boden gebaut und nur durch eine dünne Mauer vom Garten getrennt war, drängte sich alles in einem kurzen, engen Stollenhals zusammen. Zwischen den zusammengepreßten Körpern zwängte sich winselnd mein Schäferhund mit dem Instinkt des Tieres in die finsterste Ecke. Weit in der Ferne hörte man in regelmäßigen Abständen eine Reihe matter Abschüsse, denen nach einigen Sekunden das pfeifende Heranheulen der schweren Eisenklötze folgte, das rings um unser Häuschen in krachenden Explosionen endete. Jedesmal fuhr ein unangenehmer Luftdruck durch die Kellerfenster, Erdklumpen und Splitter prasselten auf das Ziegeldach, während in den Ställen die aufgeregten Pferde schnaubten und bäumten. Dazu winselte der Hund, und ein dicker Musiker schrie bei jedem Heranpfeifen laut auf, als ob ihm ein Zahn gezogen werden sollte.

Endlich war das Unwetter vorüber, und wir konnten uns wieder in die frische Luft begeben. Die verwüstete Dorfstraße war belebt wie ein beunruhigter Ameisenhaufen. Mein Quartier sah böse aus. Dicht neben der Mauer des Kellers war die Erde an verschiedenen Stellen aufgerissen, Obstbäume waren umgeknickt, und mitten im Torweg lag höhnisch ein langer Blindgänger. Das Dach war arg durchlöchert. Ein großer Splitter hatte den halben Schornstein mitgenommen. In der nebenan liegenden Kompagnie-Schreibstube hatten einige handliche Splitter die Wände und den großen Kleiderschrank durchbohrt und fast sämtliche dort verwahrten Offiziersuniformen zerfetzt, zum großen Ärger der Betroffenen, zu denen ich übrigens nicht gehörte.

Am 8. 2. bekam der Abschnitt C starkes Feuer. Schon am frühen Morgen schoß die eigene Artillerie einen Blindgänger in den Unterstand meiner rechten Flügelgruppe, der zur unangenehmen Überraschung der Insassen die Tür eindrückte und den Ofen umwarf. Ein Witzbold zeichnete später eine Karikatur, auf der sich acht Mann zugleich über den qualmenden Ofen durch die zerschmetterte Tür pressen, während der Blindgänger aus einer Ecke bösartig blinzelt. Ferner wurden uns am Nachmittag noch drei Unterstände zusammengeschossen, glücklicherweise dabei aber nur ein Mann leicht am Knie verwundet, da sich alles bis auf die Posten in die Stollen zurückgezogen hatte. Am folgenden Tage wurde ein Mann meines Zuges durch die Flankierungsbatterie tödlich in die Seite getroffen. Am 25. 2. wurden wir durch einen Todesfall, der uns einen vortrefflichen Menschen und beliebten Kameraden entriß, besonders ergriffen. Kurz vor der Ablösung bekam ich in meinem Unterstand die Meldung, daß soeben der Kriegsfreiwillige K. im Stollen nebenan gefallen wäre. Ich begab mich dorthin und fand, wie schon so oft, eine ernste Gruppe um die regungslose Gestalt stehend, die mit verkrampften Händen auf blutgetränktem Schnee lag, mit gläsernen Augen gen Himmel starrend. Wieder ein Opfer der Flankierungsbatterie! K. war bei den ersten Schüssen im Graben gewesen und sogleich in den Stollen gesprungen. Ein großer Splitter einer auf die dem Eingang gegenüberliegende Grabenwand schlagenden Granate sauste in den Stollenhals und traf ihn am Hinterkopf, als er sich bereits in Sicherheit wähnte. Er starb einen schnellen, unvermuteten Tod.

Die Flankierungsbatterie war in diesen Tagen überhaupt sehr rege. Ungefähr stündlich gab sie eine einzige, überraschende Salve ab, deren Sprengstücke genau den Graben abfegten. In den sechs Tagen vom 3. 2. bis 8. 2. kostete sie uns 3 Tote, 3 Schwer- und 4 Leichtverwundete. Trotzdem sie höchstens 1500 Meter von uns entfernt an einem Bergabhang in unserer linken Flanke stehen mußte, war es unserer Artillerie unmöglich, sie zum Schweigen zu bringen. Unser einziges Mittel, ihre Wirksamkeit zu vermindern, bestand in der Vermehrung und Erhöhung unserer Schulterwehren, um ihre Reichweite auf kleine Grabenstücke zu beschränken.

Anfang März hatten wir den gröbsten Dreck hinter uns. Das Wetter wurde trocken, und der Graben war sauber verschalt, so daß wir häufiger ein paar gemütliche Freistunden hatten. Jeden Abend saß ich im Unterstande vor meinem kleinen Schreibtisch und las oder plauderte, wenn ich Besuch bekommen hatte. Wir waren mit dem Kompagnieführer 4 Offiziere und führten ein sehr kameradschaftliches Zusammensein. Jeden Tag tranken wir im Unterstande des einen oder des anderen Kaffee oder saßen zu Abend, oft bei einer oder mehreren Flaschen, rauchten, spielten Karten und führten eine landsknechtsmäßige Unterhaltung. Diese gemütlichen Unterstandsstunden wiegen in der Erinnerung manchen Tag voll Blut, Schmutz und Arbeit auf. Sie waren auch nur in dieser langen und verhältnismäßig ruhigen Stellungsperiode möglich, wo wir uns fest ineinander eingelebt und beinahe friedensmäßige Gewohnheiten angenommen hatten. Unser Hauptstolz war unsere Bautätigkeit, in die uns von hinten sehr wenig hineinregiert wurde. In rastloser Arbeit wurde ein 30stufiger Stollen neben dem andern in den lehmigen Kreideboden getrieben und durch Quergalerien verbunden, so daß wir bequem sechs Meter unter der Erde vom rechten zum linken Flügel unserer Züge gelangen konnten. Mein Lieblingswerk war ein 60 Meter langer Stollengang von mir zum Kompagnieführer-Unterstand, der rechts und links mit Munitionskammern und Wohnräumen versehen war. Diese Anlage war während der späteren Kämpfe von hohem Wert.

Wenn wir uns nach dem Morgenkaffee (man bekam sogar fast regelmäßig die Zeitung nach oben), frisch gewaschen, mit dem Zollstock in der Hand im Graben begegneten, verglichen wir die Fortschritte unserer Abschnitte, während sich das Gespräch um Stollenrahmen, Musterunterstände, Arbeitszeiten und ähnliche Sachen drehte. Ich empfand abends, wenn ich mich auf meine Pritsche legte, immer ein angenehmes Gefühl in dem Bewußtsein, den Erwartungen der Heimat an meinem Platze entsprochen zu haben, indem ich mit aller Energie für die Verteidigung meiner 200 Meter Schützengraben und für das Wohl meiner 60 Mann gesorgt hatte.

Am 14. 3. schlug der Volltreffer einer 15-Zentimeter-Granate in unseren rechten Nachbarabschnitt, tötete drei Mann und verwundete drei andere schwer. -- Am 18. erhielt der Posten vor meinem Unterstande einen Granatsplitter, der ihm die Backe aufriß und einen Ohrzipfel abschlug. -- Am 19. wurde ein Mann am linken Flügel durch Kopfschuß schwer verwundet. -- Am 23. fiel rechts neben meinem Unterstande der Füsilier L. durch Kopfschuß. Am selben Abend meldete mir ein Posten, daß eine feindliche Patrouille im Drahtverhau steckte. Ich verließ mit einigen Leuten den Graben, konnte jedoch nichts feststellen.

Am 7. 4. Wurde am rechten Flügel ein Mann durch Gewehrgeschoßsplitter am Kopfe verwundet. Diese Art von Verwundungen war bei uns infolge der beim geringsten Aufprall zerschellenden englischen Munition sehr häufig. Am Nachmittag wurde die Umgebung meines Unterstandes stundenlang mit schweren Granaten beworfen. Mein Lichtschachtfenster wurde zum x-ten Male zersplittert, und bei jeder Detonation flog ein Hagel von hartem Lehm durch die Öffnung, ohne uns indes beim Kaffeetrinken stören zu können.

Nachher hatten wir ein förmliches Duell mit einem tollkühnen Engländer, dessen Kopf über den Rand eines höchstens 100 Meter entfernten Grabens schaute, und der eine Reihe haarscharf gezielter Schüsse auf unsere Schießscharten abgab. Ich erwiderte das Feuer mit einigen Leuten, doch schlug sofort eine famos gezielte Kugel auf den Rand unserer Scharte, die uns die Augen voll Sand spritzte und mich durch einen kleinen Splitter unbedeutend am Hals verwundete. Wir ließen jedoch nicht locker, indem wir auftauchten, kurz zielten und wieder verschwanden. Gleich darauf platzte ein Geschoß am Gewehre des Füsiliers Storch, dessen Gesicht durch mindestens zehn Splitter getroffen, an allen Stellen blutete. Der nächste Schuß riß ein Stück aus dem Rand unserer Schießscharte; ein weiterer zerschmetterte den Spiegel, mit dem wir beobachteten, doch hatten wir die Genugtuung, daß unser Gegner nach einigen genau auf der Lehmbank vor seinem Gesicht aufgeschlagenen Geschossen spurlos verschwand. Gleich darauf schoß ich mit drei Schuß K-Munition das Schutzschild, hinter dem dieser rabiate Bursche immer wieder aufgetaucht war, über den Haufen.

Am 9. 4. flogen zwei englische Flieger wiederholt dicht über unsere Stellung. Die ganze Grabenbesatzung stürzte aus den Unterständen und eröffnete ein rasendes Feuer. Ich sagte gerade zu dem neben mir stehenden Leutnant Sievers: »Wenn nur die Flankierungsbatterie nicht aufmerksam wird!« als uns auch schon die eisernen Fetzen um die Ohren flogen, und wir in den nächsten Stollen sprangen. Sievers stand vorm Eingange, ich riet ihm, weiter hineinzukommen und klatsch! saß ein handbreiter, noch dampfender Splitter vor seinen Füßen. Gleich darauf bekamen wir noch etliche Schrapnellminen, die über unseren Köpfen krepierten. Ein Mann wurde durch einen nadelkopfgroßen Splitter auf die Achsel getroffen, der trotz seiner Kleinheit ziemlich schmerzhaft war. Ich antwortete mit einigen Wurfminen, denn es war stillschweigende Übereinkunft der Infanterie, sich auf das Gewehr zu beschränken. Die Anwendung von Sprengstoffen wurde unter allen Umständen im Verhältnis von mindestens 2:1 erwidert. Leider hatte der Gegner meist so reichliche Munition, daß uns zuerst der Atem ausging.

Auf diesen Schrecken tranken wir in Sievers' Unterstande einige Flaschen Rotwein, die mich unversehens so in Stimmung brachten, daß ich trotz hellen Mondscheins über Deckung zu meinem Domizil zurückspazierte. Bald verlor ich die Richtung, geriet in einen riesigen Minentrichter und hörte im nahen feindlichen Graben die Engländer arbeiten. Nachdem ich durch zwei Handgranaten sehr ruhestörend gewirkt hatte, zog ich mich eiligst in unseren Graben zurück, wobei ich noch in den aufgerichteten Stachel einer unserer schönen, aus vier geschärften Eisenspitzen bestehenden Fußangeln stürzte. Es herrschte in diesen Tagen überhaupt lebhafte Tätigkeit vorm Draht, die zuweilen eines gewissen blutigen Humors nicht entbehrte. So wurde einer unserer Patrouillengänger von eigenen Leuten angeschossen, weil er stotterte und den Paroleruf nicht schnell genug herausbringen konnte. Ein anderes Mal stieg einer, der in Monchy bei der Küche die Mitternacht gefeiert hatte, über das Hindernis und eröffnete ein selbständiges Schützenfeuer gegen den eigenen Graben. Er wurde, nachdem er sich verschossen hatte, hereingezogen und gehörig verprügelt.

Der Auftakt zur Somme-Offensive.

Mitte April 1916 wurde ich nach Croisilles, einem Städtchen hinter der Divisionsfront, zu einem Offizier-Ausbildungskursus kommandiert, der unter persönlicher Leitung des Divisions-Kommandeurs, Generalmajor Sontag, stand. Es wurde theoretischer und praktischer Unterricht in einer ganzen Reihe von militärischen Fächern erteilt. Besonders fesselnd waren die taktischen Ausritte unter dem Major von Jarotzky. Häufige Ausflüge und Besichtigungen der meist aus dem Boden gestampften Einrichtungen des Hinterlandes gaben uns, die wir gewohnt waren, alles über die Achsel anzusehen, was sich hinter dem ersten Graben befand, einen Begriff von der unermeßlichen Arbeit, die im Rücken der kämpfenden Truppe geleistet wurde. So besuchten wir die Schlachterei, das Proviantdepot und die Geschützreparaturstelle in Boyelles, die Sägemühle und den Pionierpark im Walde von Bourlon, die Molkerei, die Schweinezüchterei und die Kadaververwertungsstelle in Inchy, den Flugpark und die Bäckerei in Quéant. Sonntags fuhren wir in die naheliegenden Städte Cambrai, Douai und Valenciennes, »um wieder mal Frauen mit Hüten zu sehen«. -- Am 16. 6. wurden wir vom General wieder zur Truppe entlassen mit einer kleinen Ansprache, aus der wir entnahmen, daß sich eine große feindliche Offensive an der Westfront vorbereitete, deren linker Flügel ungefähr unserer Stellung gegenüberliegen sollte.

Daß etwas in der Luft liegen mußte, wurde uns auch nach der Rückkehr zum Regiment klar, denn die Kameraden erzählten von der zunehmenden Unruhe des Gegners. Die Engländer hatten zweimal, allerdings ohne Erfolg, eine Gewaltpatrouille gegen den Abschnitt C unternommen. Wir hatten uns durch einen schwer vorbereiteten Angriff von drei Offizierspatrouillen auf das sogen. Grabendreieck gerächt und dabei eine ganze Anzahl von Gefangenen gemacht. Während meiner Abwesenheit war Leutnant Wetje durch eine Schrapnellkugel am Arme verwundet, übernahm jedoch bald nach meiner Ankunft wieder die Führung der Kompagnie. Mein Unterstand hatte sich inzwischen auch verändert, er war durch einen Treffer um die Hälfte kleiner geworden.