In Stahlgewittern, aus dem Tagebuch eines Stoßtruppführers
Part 19
Nachdem wir eine Woche in vorderer Linie gelegen hatten, mußten wir nochmals die Hauptwiderstandslinie besetzen, da unser Ablösungsbataillon durch die spanische Krankheit fast aufgelöst war. Auch von unseren Leuten meldeten sich täglich mehrere krank. Bei der Nachbardivision wütete die Grippe so stark, daß ein feindlicher Flieger Zettel abwarf, auf denen stand, daß der Engländer die Ablösung übernehmen würde, wenn die Truppe nicht bald zurückgezogen würde. Doch erfuhren wir, daß sich die Seuche auch auf der Gegenseite mehr und mehr ausbreitete. Bei uns traten noch verschärfend die schlechten Verpflegungsverhältnisse hinzu. Dabei standen wir dauernd in höchster Gefechtsbereitschaft, da das Wäldchen 125 durch fortwährende Höchstbeschießung dauernd bedroht war. Infolge der Explosionsgase war dort ein Teil der sechsten Kompagnie an Kohlenoxydvergiftung erkrankt. Wir mußten viele Leute mit Sauerstoffapparaten herausholen.
Eines Nachmittags fand ich beim Durchschreiten meines Abschnittes mehrere vergrabene Kästen voll englischer Munition und sprengte mir in meinem Leichtsinn beim Auseinandernehmen einer Gewehrgranate die Kuppe des rechten Zeigefingers ab. Am selben Abend platzte, als ich mit dem Leutnant Sprenger auf der Deckung meines Unterstandes stand, eine schwere Granate in der Nähe. Wir stritten uns über die Entfernung, die Sprenger auf 10, ich auf 30 Meter schätzte. Um zu sehen, wie weit ich meinen Angaben in dieser Beziehung trauen könnte, maß ich nach und fand den Trichter 22 Meter von unserem Standorte entfernt. Man ist leicht geneigt, die Entfernung zu unterschätzen.
Am 20. Juli lag ich mit meiner Kompagnie wieder in Puisieux. Den ganzen Nachmittag stand ich auf einem Mauerrest und beobachtete das Gefechtsbild, das einen sehr verdächtigen Eindruck machte.
Das Wäldchen 125 wurde oft durch mächtige Feuerstöße in dichten Qualm gehüllt, während grüne und rote Leuchtkugeln auf- und niederstiegen. Manchmal schwieg das Artilleriefeuer, dann hörte man das Tacken einiger Maschinengewehre und den matten Knall entfernter Handgranaten. Das Ganze sah sich von meinem Standorte fast wie ein zierliches Spiel an. Es fehlte das Gewaltige des Großkampfes, und doch spürte man das erbitterte Ringen zwischen zwei ehernen Kräften. . . . . .
Aus dem leeren, weiten Gelände starren die Augen tausend Verborgener nach dem kleinen Waldstück, aus dem in wechselndem Reigen braune Erdbrunnen die Gipfel der stürzenden Eichbäume umtanzen. In der Tiefe des Umkreises staffeln in Gräben, Trichtern, Höhlen und Ruinen Menschen und Material, des Einsatzes gegen das von zerhackten Strünken bedeckte Stück Erde harrend.
Weit hinten an zwei Gegenpolen sitzen zwei Generale an kartenverdeckten Tischen. Eine Meldung, ein kurzer Vortrag, einige Sätze an einen Ordonnanzoffizier, ein Telephongespräch. Eine Stunde später umflammen die Blitze eines neuen Feuerstoßes die alten Trichter, eine frische Menschenhekatombe verblutet in stickigem Qualm. . . . . .
Gegen Abend wurde ich zum Bereitschaftskommandeur berufen, wo ich erfuhr, daß der Gegner am linken Flügel in unser Grabensystem eingedrungen wäre. Um uns wieder etwas Vorfeld zu schaffen, war befohlen, daß der Leutnant Petersen mit der Sturmkompagnie den Heckengraben, ich mit meinen Leuten einen ihm in einer Mulde parallel laufenden Annäherungsweg aufräumen sollte. Wir zogen im Morgengrauen los, bekamen aber schon in unserer Sturmausgangsstellung so starkes Infanteriefeuer, daß wir vorläufig auf die Ausführung verzichteten. Ich ließ den Elbinger Weg besetzen und holte in einem riesigen Höhlenstollen den versäumten Nachtschlaf nach. Um 11 Uhr vormittags weckte mich Handgranatenkrachen vom linken Flügel, wo wir eine Barrikade besetzt hielten. Ich eilte hin und fand das übliche Bild des Barrikadenkampfes. Bei der Verschanzung wirbelten weiße Handgranatenwolken, einige Schulterwehren zurück rasselte auf jeder Seite ein Maschinengewehr. Dazwischen Leute geduckt vor und zurückspringend. Der kleine Handstreich der Engländer war bereits abgeschlagen, hatte uns jedoch einen Mann gekostet, der, von Handgranatensplittern zerrissen, hinter der Barrikade lag.
Gegen Abend bekam ich Befehl, die Kompagnie nach Puisieux zurückzuführen, wo ich bei der Ankunft die Order vorfand, mich am nächsten Morgen mit zwei Gruppen an dem Aufrollen des Grabens in der Mulde zu beteiligen. Um 3.40 Uhr brachen wir, das heißt der Leutnant Voigt von der Sturmkompagnie mit einem Stoßtrupp und ich mit meinen beiden Gruppen zur Ausgangsstellung auf. Wir hatten Befehl, den Graben nach einer fünfminutigen Artillerie- und Minenvorbereitung vom Rotpunkt K bis zum Rotpunkt Z1 aufzuteilen.
Ich darf nicht verschweigen, daß wir beide die Feuervorbereitung und überhaupt das Nehmen und Besetzen des tief in der Mulde liegenden, von allen Seiten eingesehenen Grabens für unnötig und verkehrt hielten. Der entscheidende Punkt war der Heckengraben; wollte man angreifen, so mußte man ihn nehmen und war dann auch im Besitze der Mulde. Ich hegte den bestimmten Verdacht, daß der Angriff von hinten nach der Karte befohlen war, denn wer das Gelände vor Augen hatte, konnte keine derartigen Anordnungen treffen.
Nach der Vorbereitung, bei der einer unserer Leute verwundet wurde, traten wir an und rollten den Graben auf. Kurz vor Z1 stießen wir auf Widerstand, der durch Handgranaten gebrochen wurde. Da wir unser Ziel erreicht hatten und auf weiteren Kampf nicht erpicht waren, bauten wir eine Barrikade und ließen eine Gruppe mit einem Maschinengewehr dahinter zurück.
Das einzige Vergnügen an der Sache bereitete mir das Benehmen der Leute vom Sturmtrupp, die mich lebhaft an Grimmelshausens Simplizissimus erinnerten. Diese jungen Krieger mit gewaltigen Haarschöpfen und Wickelgamaschen gerieten 20 Meter vorm Feinde in einen heftigen Streit, weil einer den anderen Schlappsack geschimpft hatte und fluchten dabei wie die Landsknechte. »Mensch, alle haben doch nicht so'n Schiß wie du!«, schrie zuletzt einer und rollte allein noch 50 Meter Graben auf.
Schon am Nachmittag kam die Barrikadengruppe zurück. Sie hatte Verluste gehabt und sich nicht länger halten können. Ich hatte die Leute bereits aufgegeben und wunderte mich, daß überhaupt jemand lebend bei Licht den langen Schlauch des Muldengrabens hatte passieren können. Das sind die Folgen des Papierkrieges.
Trotz unserer Gegenstöße saß der Feind fest im linken Flügel unserer vorderen Linie und in den verbarrikadierten Verbindungswegen, die Hauptwiderstandslinie bedrohend.
Am 24. Juli begab ich mich zur Orientierung in den neuen Abschnitt C der Hauptwiderstandslinie, den ich am nächsten Tage übernehmen sollte. Ich ließ mir von dem Kompagnieführer, Leutnant Gipkens, die Barrikade am Heckengraben zeigen und setzte mich neben ihn auf einen Postenstand. Plötzlich packte mich Gipkens und riß mich zur Seite. Im nächsten Augenblick spritzte ein Geschoß auf dem Sand meines Sitzplatzes auseinander. Durch einen glücklichen Zufall hatte er beobachtet, wie ein Gewehr langsam aus einer Schießscharte der 40 Meter entfernten feindlichen Barrikade geschoben wurde und mir so durch seine scharfen Künstleraugen das Leben gerettet. Wie mir nachher erzählt wurde, waren an dieser so harmlos aussehenden Stelle schon drei Mann der neunten Kompagnie durch Kopfschuß gefallen. Am Nachmittag wurde ich durch eine nicht sonderlich starke Schießerei aus meinem Bunker gelockt, in dem ich gerade gemütlich lesend am Kaffeetische saß. Vorn stiegen beständig Sperrfeuerzeichen hoch. Zurückhumpelnde Verwundete erzählten, daß die Engländer in den Abschnitten B und C in die Hauptwiderstandslinie, in A ins Vorfeld eingedrungen wären. Gleich darauf kam die Unglücksbotschaft, daß die Leutnants Vorbeck und Grieshaber bei der Verteidigung ihrer Abschnitte gefallen, Leutnant Kastner schwer verwundet wäre. Um 8 Uhr kam auch der Leutnant Sprenger, der stellvertretend die fünfte Kompagnie geführt hatte, mit einem Splitter im Rücken in meinen Unterstand, kräftigte sich durch einen »Blick in die Röhre« und begab sich mit dem Zitat: »Rückwärts, rückwärts, Don Rodrigo« zum Verbandplatze. Ihm folgte sein Freund, Leutnant Domeyer, mit blutender Hand.
Am nächsten Morgen lösten wir die Besatzung des Abschnittes C ab, der inzwischen wieder vom Feinde geräumt war. Ich fand dort Pioniere Boje und Kius mit einem Teile der zweiten, Gipkens mit den Resten der neunten Kompagnie vor. Im Graben lagen acht tote Deutsche und zwei Engländer (Mützenschild: South-Africa, Otago-Rifles). Alle waren durch Handgranatentreffer übel zugerichtet. Ihre angstverzerrten Gesichter wiesen furchtbare Verletzungen auf. Zweien waren beide Augen ausgeschossen.
Als ich mich mit Boje und Kius in unserem gewöhnlichen pessimistisch-ironischen Ton begrüßte, fühlte ich die entsetzten Augen eines meiner Rekruten, eines Seminaristen, auf mir ruhen. Ich durchschaute seinen Gedankengang und erschrak zum erstenmale über die abstumpfende Wirkung des Krieges. Man kam dazu, den Menschen nur noch als Sache zu betrachten.
Ich ließ die Barrikade besetzen und den Graben aufräumen. Um 11.45 Uhr eröffnete, ohne daß wir zuvor benachrichtigt wurden, die eigene Artillerie ein wildes Feuer auf die vor uns liegende Stellung, bei dem wir jedoch mehr Treffer bekamen als die Engländer. Das Unglück ließ nicht lange auf sich warten. Der Ruf »Sanitäter!« flog von links durch den Graben. Hineilend, fand ich vor der Barrikade im Heckengraben eine unförmliche Leichenmasse, die Überreste meines besten Zugführers. Er hatte den Volltreffer einer eignen Granate mitten ins Kreuz bekommen. Uniform- und Wäschefetzen, die ihm der Druck der Explosion vom Leibe gerissen hatte, hingen über ihm im zerhackten Gezweig einer Weißdornhecke. Ich ließ eine Zeltbahn über ihn werfen, um den Leuten den Anblick zu ersparen. Gleich darauf wurden an derselben Stelle noch drei Mann verwundet, einem von ihnen beide Hände am Gelenk durchschlagen. Er taumelte mit totbleichem Gesicht, die Arme auf die Schultern einen Krankenträgers gelegt, blutüberspritzt zurück. Der Gefreite Ehlers wand sich, vom Luftdruck betäubt, auf der Erde.
Ich sandte einen Protest nach dem andern an die Befehlsstellen und forderte dringend Einstellung des Feuers oder die Anwesenheit von Artillerieoffizieren im Graben. Statt aller Antwort setzte noch ein schwerer Minenwerfer ein und machte mir den Graben vollends zur Fleischbank. Überall lagen Blut, Hirn und Fleischfetzen, auf denen sich Schwärme von Fliegen sammelten.
Um 7.15 Uhr (!) bekam ich einen Befehl, demzufolge 7.30 Uhr starkes Artilleriefeuer einsetzen und um 8 Uhr zwei Gruppen der Sturmkompagnie unter Leutnant Voigt über die Barrikade des Heckengrabens vorbrechen sollten, um bis zum Rotpunkt A aufzurollen und nach rechts Verbindung mit einer parallel vorgehenden Stoßtruppe herzustellen. Zwei Gruppen meiner Kompagnie sollten zur Besetzung des eroberten Grabenstückes folgen.
Ich traf in aller Eile, während schon das Artilleriefeuer einsetzte, die nötigen Anordnungen, bestimmte zwei Gruppen und sprach kurz mit dem Leutnant Voigt, der einige Minuten später befehlsgemäß vorging. Ich hielt die Sache mehr für einen Abendspaziergang und schlenderte in Mütze, eine Stielhandgranate unterm Arm, hinter meinen beiden Gruppen her. Im Augenblick des Angriffs richteten sich die Gewehre der ganzen Gegend auf den Heckengraben. Wir sprangen gebückt von Schulterwehr zu Schulterwehr. Es ging sehr schön vorwärts, die Engländer flüchteten unter Zurücklassung eines Toten in eine rückwärtige Linie.
Ich hatte als Letzter gerade die Einmündung eines links abzweigenden Grabens passiert, als mein Vordermann, ein Unteroffizier, einen Schrei höchster Erregung ausstieß und mir am Kopf vorbei nach links schoß. Da ich mir sein Benehmen nicht erklären konnte, ging ich einige Schritt zurück und stand plötzlich einem athletisch gebauten Engländer in dem Augenblick, als er dem fliehenden Unteroffizier eine Handgranate nachschleuderte, gegenüber. Gleichzeitig ertönte von allen Seiten das Angriffsgeschrei anderer, die über Deckung heranstürmten, um uns abzuschneiden. Ich zog die Handgranate, meine einzige Waffe, ab und schleuderte sie in kurzem Zirkel dem Tommy vor die Füße. Dann gab ich, von Handgranaten umkracht, Fersengeld in der Richtung auf unseren Graben. Ein einziger, der kleine Wilzek von meiner Kompagnie, hatte die Besonnenheit, hinter mir herzulaufen. Ein uns nachgeworfenes Eisenei zerriß ihm Koppel und Hosenboden, ohne ihn weiter zu verletzen.
Voigt und die anderen Leute, die nach vorn ausgewichen waren, schienen umringt und verloren. Kampfgeschrei und zahlreiche Explosionen kündeten, daß sie ihr Leben teuer verkauften.
Um ihnen zu Hilfe zu kommen, führte ich die Gruppe des Fahnenjunker-Unteroffiziers Mohrmann durch den Heckengraben vor. Wir mußten indes vor einer Sperre hageldicht einschlagender Flaschenminen Halt machen. Ein Splitter flog mir gegen die Brust und wurde von der Hosenträgerschnalle abgefangen. Außerdem brach schlagartig ein Artilleriefeuer von gewaltiger Stärke los.
Rings spritzten Erdstrahlen aus farbigen Dämpfen, metallisches Geschmetter durchschrie das dumpfe Dröhnen schwerer Schläge, Eisenblöcke brausten in unheimlicher Kürze heran, dazwischen sangen und schwirrten Wolken von Splittern. Da ein Angriff zu befürchten stand, setzte ich mir einen herumliegenden Stahlhelm auf und eilte mit einigen Begleitern in den Kampfgraben zurück.
Drüben tauchten Gestalten auf. Wir legten uns auf die zerwalzte Grabenwand und schossen. Neben mir fingerte ein ganz junger Krieger mit fiebernden Händen am Ladehebel seines Maschinengewehres, ohne einen Schuß aus dem Lauf zu bekommen. Einige Engländer klappten um, die andern verschwanden im Graben, während das Feuer immer toller wurde. Die eigene Artillerie schien keine Parteien mehr zu kennen.
Als ich, von einer Gefechtsordonnanz gefolgt, zu meinem Bunker schritt, schlug irgend etwas zwischen uns in die Wand, riß mir mit enormer Wucht den Stahlhelm vom Kopf und schleuderte ihn weit weg. Ich glaubte, eine ganze Schrapnell-Ladung erhalten zu haben, und legte mich halb betäubt in mein Fuchsloch, auf dessen Rand einige Sekunden später eine Granate schlug, den kleinen Raum mit dichtem Qualen füllend. Ein langer Splitter zerschmetterte eine Büchse voll Gurken, die neben meinen Füßen lag. Um nicht verschüttet zu werden, kroch ich wieder in den Graben und spornte die beiden Gefechtsordonnanzen und meinen Burschen zur Wachsamkeit an.
Es war eine wirklich unangenehme halbe Stunde, während deren die Kompagnie viele Verluste hatte. Nachdem die Feuerwelle verebbt war, ging ich durch den Graben, besah den Schaden und stellte fest, wieviel Leute mir noch zur Verfügung standen. Da die Kopfzahl von 15 Mann zur Linearverteidigung zu gering war, übertrug ich dem Fahnenjunker Mohrmann und drei Leuten die Verteidigung der Barrikade, zog die Trümmer zu einem Schützenigel in einem Riesentrichter hinter der eigenen Linie zusammen und ließ alle Handgranaten dort anhäufen. Mein Plan war, den angreifenden Gegner ruhig in den Graben kommen zu lassen, um ihn dann auf einen Pfiff von oben her zusammenzuknallen. Jedoch beschränkte sich die Kampftätigkeit auf ein fortwährendes Geplänkel mit leichten Minen, Gewehr- und Handgranaten.
Am 27. Juli wurden wir durch eine Kompagnie des Infanterie-Regiments 164 abgelöst. Wir waren auch restlos ausgepumpt. Der Führer dieser Kompagnie wurde schon beim Anmarsch schwer verwundet; einige Tage später wurde mein Bunker eingeschossen und begrub seinen Nachfolger. Wir atmeten alle erleichtert auf, als wir das vom heraufziehenden Gewitter der großen Endoffensive umgrollte Puisieux im Rücken hatten.
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111. Inf. Division.
Div. Gef. Stand, 12. 8. 18.
_Divisionstagesbefehl._
Das Füsilier-Regt. 73 hat seinen hohen Ruf als tapfere, kampferprobte Truppe in den harten Kämpfen am 25. 7. gegen einen an Zahl weit überlegenen Gegner erneut aufs glänzendste in Verteidigung und Gegenstößen bewiesen. Ich erkenne das um so lieber an, als ich wohl weiß, welch hohe Anforderungen an die Truppen der Division bei dem langen Einsatz an schwieriger Front an Ausdauer und Pflichttreue gestellt werden müssen für unser geliebtes Vaterland.
Insbesondere verdient Leutnant Jünger, schon sechsmal verwundet und diesmal wie immer ein leuchtendes Vorbild für Offiziere und Mannschaften, erneute Anerkennung.
_v. Busse_, Generalmajor und Divisions-Kommandeur.
Mein letzter Sturm.
Am 30. Juli 1918 bezogen wir Ruhequartiere in Sauchy-Léstrée, einer wasserumglänzten Perle des Artois. Nach einigen Tagen marschierten wir noch weiter zurück nach Escaudoeuvres, einem kleinen, nüchternen Arbeitervorstädtchen von Cambrai.
Ich bewohnte in der Rue-des-Bouchers das typische Staatszimmer eines nordfranzösischen Arbeiterhäuschens. Das übliche Riesenbett als ominöses Hauptmöbel, ein Kamin mit scheußlichen roten und blauen Glasvasen auf dem Sims, ein runder Tisch, Stühle; an den Wänden einige der furchtbaren Farbendrucke des Familistère, Vive la classe, souvenir de première communion, Postkarten und anderer Plunder. Alles zusammen der Gipfel von Talmi, verlogener Sentimentalität und Ungemütlichkeit. Ich fühlte mich inmitten dieser selbstgefälligen Geschmacklosigkeit unbehaglicher als im nässesten Stollen und versuchte, wenigstens durch einen auf dem Tisch gestapelten Kartenstoß und die auf das Familienbett geschleuderten Reitstiefel meine Anwesenheit etwas zu motivieren.
Die hellen Vollmondnächte begünstigten den häufigen Besuch feindlicher Flieger, der uns einen Begriff von der erdrückenden Materialüberlegenheit auf der Gegenseite gab. Nacht für Nacht schwebten mehrere Geschwader heran und ließen Bomben von unheimlicher Brisanz auf Cambrai und die Vorstädte fallen. Ich wurde weniger durch das feine, moskitoartige Summen der Motore und die Gruppen lang widerhallender Detonationen als durch das ängstliche In-den-Keller-Stürzen meiner Wirtsleute gestört. Einen Tag vor meiner Ankunft war allerdings eine Bombe vor dem Fenster aufgeschlagen, hatte den in meinem Bette schlafenden Hausherrn betäubt ins Zimmer geschleudert und die Mauern von Splittern durchlöchert. Gerade dieser Zufall gab mir indes die Beruhigung, daß eine Wiederholung ziemlich unwahrscheinlich sein würde.
Nach einem Ruhetage setzte die verhaßte, aber unentbehrliche Ausbildungsleier wieder ein. Exerzieren, Unterricht, Appells, Besprechungen und Besichtigungen füllten einen großen Teil des Tages. Einen ganzen Vormittag verbrachten wir sogar damit, einen ehrengerichtlichen Spruch zu fällen. Die Verpflegung war wieder einmal miserabel. Eine Zeitlang gab es als Abendportion nur Gurken, denen der trockene Humor der Leute den trefflichen Namen »Gärtnerwurst« beilegte.
Es war nicht leicht, meine dezimierte Kompagnie wieder zu einer Einheit zusammenzuschmelzen. Trotzdem mir die Notwendigkeit klar war, empfand ich es oft peinlich, immer wieder mit den Kleinigkeiten des Exerzierens an die Leute herantreten zu müssen. Der Drill wird als Mittel zum Zweck bei keinem Heere zu entbehren sein, er läßt sich weder durch individuelle noch durch sportliche Erziehung ganz ersetzen. Ein Mann, dessen innerer Wert nicht über jeden Zweifel erhaben ist, muß bis zum Stumpfsinn gehorchen lernen, damit seine Triebe auch in den schrecklichsten Momenten durch den geistigen Zwang des Führers gezügelt werden können.
Vor allem widmete ich mich der Ausbildung einer Stoßtruppe, da mir im Verlaufe des Krieges immer klarer geworden war, daß aller Erfolg der Tat des einzelnen entspringt, während die Masse der Mitläufer nur Stoß- und Feuerkraft darstellt. Lieber Führer einer entschlossenen Gruppe als einer zaghaften Kompagnie.
Meine Freizeit verbrachte ich mit Lesen, Baden, Schießen und Reiten. Auf den Spazierritten fand ich massenhaft herabgeworfene Flugblätter, die den Prozeß der moralischen Zersetzung unserer Armee beschleunigen sollten. Es war sogar ein Gedicht Schillers vom freien Britannien dabei. Ich fand es recht klug vom Engländer, das deutsche Gemüt mit Gedichten zu bombardieren, und auch recht schmeichelhaft für uns. Ein Krieg, in dem man sich durch Verse bekämpft, wäre eine recht segensreiche Erfindung. Die Fundprämie von 30 Pf. pro Exemplar verriet, daß die Heeresleitung die Gefährlichkeit dieser vergifteten Waffen nicht gering schätzte. Die Unkosten wurden allerdings der Bevölkerung des besetzten Gebietes zur Last gelegt. Wir schienen also doch nicht mehr das ganz reine Verständnis für Poesie zu besitzen.
Eines Nachmittags setzte ich mich aufs Rad und fuhr nach Cambrai. Das liebe, alte Städtchen war wüst und öde geworden. Läden und Kaffees waren geschlossen; die Straßen schienen tot trotz der feldgrauen Woge, die sie durchflutete. Ich fand Herrn und Frau Plancot, die mir das Jahr zuvor ein so schönes Quartier geboten hatten, herzlich erfreut über meinen Besuch. Sie erzählten mir, daß sich die Verhältnisse in Cambrai in jeder Beziehung verschlechtert hätten. Besondere beklagten sie sich über die häufigen Fliegerbesuche, die sie zwängen, des Nachts oft mehrere Male die Treppen auf und nieder zu rennen, über das Problem streitend, ob es ratsamer sei, im ersten Keller durch die Bombe selbst oder im zweiten durch Verschüttung umzukommen. Die alten Herrschaften mit den sorgenvollen Mienen taten mir herzlich leid. Einige Wochen später mußten sie Hals über Kopf infolge der Beschießung das Haus verlassen, in dem sie ihr Leben verbracht hatten.
Am 23. August gegen 11 Uhr wurde ich durch heftiges Pochen gegen meine Tür hochgeschreckt, als ich gerade sanft eingeschlafen war. Eine Ordonnanz brachte Marschbefehl. Schon tags vorher war von der Front das eintönige Rollen und Stampfen eines ungewöhnlich heftigen Artilleriefeuers herübergebrandet und hatte uns beim Dienst, beim Essen und beim Kartenspiel gemahnt, uns keinen Illusionen in bezug auf eine längere Dauer unserer Ruhezeit hinzugeben. Für dieses Brodeln entfernten Kanonendonners hatten wir den klangvollen Frontausdruck »es wummert« geprägt.
Rasch packten wir und traten während eines wolkenbruchartigen Gewitters auf der Straße nach Cambrai an. Unser Marschziel war Marquion, wo wir gegen 5 Uhr morgens eintrafen. Der Kompagnie wurde ein großer, von einer Reihe demolierter Stallgebäude eingeschlossener Hof zugewiesen, indem sich jeder so gut wie möglich unterbrachte. Ich kroch mit meinem einzigen Kompagnieoffizier, dem Leutnant Schrader, in ein kleines Backsteinverließ, das zu friedlicheren Zeiten anscheinend als Ziegenstall fungiert hatte, jetzt allerdings nur noch von einigen großen Ratten bewohnt war.
Am Nachmittag war eine Offiziersbesprechung, bei der wir erfuhren, daß wir in der Nacht rechts der großen Straße Cambrai--Bapaume unweit Beugny bereitgestellt werden sollten. Wir wurden vor einem wahrscheinlichen Angriff der neuen, schnellen und wendigen Tanks gewarnt.
Ich teilte meine Kompagnie in einem kleinen Obstgarten zum Gefecht ein. Unter einem Apfelbaume stehend, sprach ich ein paar Worte zu den Leuten, die mich im Hufeisen umschlossen. Ihre Gesichter sahen ernst und männlich aus. Es war wenig zu sagen. Jeder wußte, daß wir nicht mehr siegen konnten. Aber der Gegner sollte sehen, daß er gegen Männer von Ehre kämpfte.
Bei solchen Gelegenheiten vermied ich, mich vom Draufgängertum fortreißen zu lassen. Es wäre wenig taktvoll gewesen, den Leuten, die zum Teil mit der Angst um Frau und Kind zur Vernichtung zogen, zu zeigen, daß man der Schlacht mit einer gewissen Lust entgegensah. Auch war es mein Grundsatz, nicht durch große Worte zum Mute anzuspornen oder den Feigling zu bedrohen. Ich suggerierte: Ich weiß genau, daß mich niemand im Stiche läßt. Wir haben alle Angst, aber wir müssen dagegen kämpfen. Es ist menschlich, wenn jemand von seiner Schwäche übermannt wird. Er muß dann auf seinen Führer und die Kameraden sehen. Schon beim Sprechen fühlte ich, daß solche Worte den Leuten verständlich waren. Die Erfolge rechtfertigten diese psychologische Vorbereitung in glänzender Weise.