In Stahlgewittern, aus dem Tagebuch eines Stoßtruppführers
Part 18
Gerade im Grabenkampf, wo am brutalsten gefochten wird, sind solche Rückschläge am häufigsten. Die Mutigsten stürzen, schießend und werfend, an der Spitze vor. Die Masse folgt als willenlose Herde auf den Fersen. Beim Aufeinanderprall springen die Kämpfer hin und her, um den vernichtenden Würfen auszuweichen und stoßen dabei auf die Nachdrängenden. Nur die vordersten übersehen die Lage; weiter hinten bricht unter der im engen Graben zusammengekeilten Menge wilde Panik aus. Erkennt der Gegner den Augenblick, ist alles verloren; jetzt muß der Führer zeigen, ob er die Achselstücke zu Recht trägt, obgleich ihn selbst das bekannte »mulmige« Gefühl beschleicht.
Es gelang mir, eine Handvoll Leute zusammenzuraffen, mit denen ich hinter einer breiten Schulterwehr ein Widerstandsnest bildete. Auf wenige Meter tauschten wir mit einem unsichtbaren Gegner Geschosse. Es gehörte Mut dazu, bei den knallenden Aufschlägen den Kopf hochzuhalten, während der Sand der Schulterwehr aufgepeitscht wurde. Ein 76er neben mir schoß mit wildem Gesichtsausdruck, ohne an Deckung zu denken, eine Patrone nach der anderen ab, bis er blutüberströmt zusammenbrach. Ein Geschoß hatte ihm mit dem Knall eines aufschlagenden Brettes die Stirn durchbohrt. Er knickte in seiner Grabenecke zusammen und blieb, den Kopf gegen die Wand gelehnt, in kauernder Stellung stehen. Sein Blut floß, wie aus einem Eimer gegossen, auf die Grabensohle. Sein schnarchendes Röcheln ertönte in immer längeren Abständen und hörte endlich ganz auf. Ich ergriff sein Gewehr und feuerte weiter. Endlich trat eine kleine Pause ein. Zwei Mann, die noch vor uns gelegen hatten, machten den Versuch, über Deckung zurückzuspringen. Einer fiel mit einem Kopfschuß in den Graben, der andere konnte ihn eines Bauchschusses wegen nur mehr kriechend erreichen.
Wir setzten uns abwartend auf die Grabensohle und rauchten englische Zigaretten. Ab und zu pfeilten sich gut gezielte Gewehrgranaten herüber. Der Verwundete mit dem Bauchschuß, ein blutjunger Mensch, lag zwischen uns und dehnte sich fast wohlig wie eine Katze in den warmen Strahlen der untergehenden Sonne. Er schlief mit einem kindlichen Lächeln in den Tod hinüber. Es war ein Anblick, bei dem nichts Trübes und Unangenehmes, sondern nur ein klares Gefühl der Zuneigung zu dem Sterbenden mich berührte. Auch das Stöhnen seines Kameraden verstummte allmählich.
Mehrere Male versuchten wir, tief geduckt an den tracierten Stellen über die Leichen der Hochländer vorkriechend, uns weiter vorzuarbeiten, wurden aber immer wieder durch Maschinengewehrfeuer und Gewehrgranaten zurückgetrieben. Jeder Treffer, den ich sah, war tödlich. So füllte sich der vordere Teil des Grabens allmählich mit Leichen; dafür bekamen wir von hinten dauernd Verstärkung. Bald stand hinter jeder Schulterwehr ein leichtes oder schweres Maschinengewehr. Ich stellte mich hinter eine dieser Kugelspritzen und schoß, bis der Zeigefinger von Rauch geschwärzt war. Wenn das Kühlwasser verdunstet war, wurden die Kästen herumgereicht und unter wenig feinen Scherzen durch ein sehr einfaches Verfahren wieder gefüllt.
Die Sonne stand tief am Horizonte. Der zweite Kampftag schien vorüber. Ich sah mir zum erstenmale genau die Umgebung an und schickte Meldung und Skizze nach hinten. Unser Graben schnitt in 500 Meter Entfernung die Straße Vraucourt--Mory, die durch an den Bäumen befestigte Stoffblenden verschleiert war. Auf einem Hange dahinter eilten feindliche Trupps über das geschoßbestreute Gelände. Den blauen, unbewölkten Abendhimmel durchschnitt ein schwarz-weiß-rot bewimpeltes Geschwader. Die scheidenden Strahlen der Sonne tauchten es gleich einer Kette von Flamingos in zartes Rosenrot. Wir entfalteten unsere Stellungskarten und legten die weiße Rückseite aus, um zu zeigen, wie weit wir uns in den Feind hineingebohrt hatten.
Ein kühler Abendwind kündete eine scharfe Nacht an. Ich lehnte, in einen englischen Mantel gehüllt, an der Grabenwand und unterhielt mich mit dem kleinen Schultz, dem Gefährten meiner Inderpatrouille, der mit vier schweren MG. nach altem kameradschaftlichen Brauche dort erschienen war, wo die Sache am brenzlichsten stand. Auf den Postenständen saßen Leute aller Kompagnien mit jungen, scharfgeschnittenen Gesichtern unterm Stahlhelm. Ihre Führer waren gefallen; sie standen aus eigenem Antrieb am rechten Orte.
Da ertönte von rechts erneut Handgranatenkrachen und links stiegen deutsche Leuchtzeichen hoch. Von irgendwo flatterte mit dem Winde ein dünnes, vielstimmiges Hurra herüber. Das zündete. »Sie sind umgangen, sie sind umgangen!« In einem jener Augenblicke der Begeisterung, die großen Taten vorangehen, griff alles zu den Gewehren und stürmte in dem Graben vor. Nach kurzem Handgranatengefecht eilte ein Trupp Hochländer der Straße zu. Nun gab es kein Halten mehr. Trotz warnender Zurufe: »Vorsicht, das Maschinengewehr links schießt noch!« sprangen wir aus dem Graben und hatten im Nu die Straße erreicht, die von verstörten Hochländern wimmelte. Ein langes dichtes Drahtverhau verhinderte ihr Entweichen nach hinten, so daß sie unter tosendem Hurragebrüll und rasendem Schnellfeuer in einer Entfernung von 50 Metern wie eingelapptes Hochwild an uns vorüberlaufen mußten. Rasch aufgebaute Maschinengewehre machten das Gemetzel vernichtend.
Fluchend mit einer Ladehemmung beschäftigt, die mich am Schießen hinderte, wandte ich mich infolge eines Schlages auf die Schulter um, und blickte in das wutverzerrte Gesicht des kleinen Schultz: »Da schießen sie noch, die verfluchten Schweine!« Ich folgte seiner Handbewegung und sah in einem kleinen Grabengewirre, von uns durch die Straße getrennt, eine Reihe von Gestalten, teils ladend, teils das Gewehr an der Backe. Schon flogen von rechts die ersten Handgranaten, den Oberkörper eines von ihnen hoch in die Luft schleudernd.
Die Vernunft gebot, an meinem Platze zu bleiben und die Gegner in aller Ruhe mit einigen Schüssen zu erledigen. Statt dessen warf ich mein Gewehr fort und stürzte mit geballten Fäusten zwischen beide Parteien auf die Straße. Zum Unglück trug ich noch immer den englischen Mantel und meine rot berandete Feldmütze. Mitten im Hochgefühl des Sieges verspürte ich einen scharfen Schlag an der linken Brustseite; es wurde Nacht um mich. Vorbei! Ich glaubte bestimmt, ins Herz getroffen zu sein, doch empfand ich bei der Erwartung meines sofortigen Todes weder Schmerz noch Angst. Da ich indes zu meinem Erstaunen nicht zusammenbrach und auch kein Loch in der Bluse entdeckte, wandte ich mich wieder dem Feinde zu. Ein Mann meiner Kompagnie stürzte heran: »Herr Leutnant, den Mantel 'runter!« und riß mir das gefährliche Kleidungsstück von der Schulter.
Ein neues Hurra zerriß die Luft. Von rechts, wo auch schon den ganzen Nachmittag mit Handgranaten gearbeitet worden war, sprang eine Anzahl Deutscher über die Chaussee zur Hilfe herbei, voran ein junger Offizier in braunem Manchester. Es war Kius. Die Schotten wurden in wenigen Augenblicken der Wut durch Gewehr und Handgranaten vernichtet. Die Straße war mit Leichen bedeckt, während die wenigen Überlebenden mit Feuer verfolgt wurden.
Als ich, mich mit Kius unterhaltend, in dem eroberten Grabenstück stand, verspürte ich ein feuchtes Gefühl auf der Brust. Die Bluse herunterreißend, sah ich, daß ich einen Schuß quer über dem Herzen bekommen hatte. Das Geschoß war gerade unter dem E. K. I durchgeflogen, zwei Löcher in der Bluse und zwei im Körper hinterlassend. Ohne Zweifel hatte mich einer der Unseren (ich hatte den, der mir den Mantel abriß, in starkem Verdacht) für einen Engländer gehalten und auf eine Entfernung von wenigen Schritten angeschossen.
Kius legte mir einen Verband um und konnte mich nur mit Mühe bewegen, in diesem interessanten Augenblick das Schlachtfeld zu verlassen. Wir trennten uns mit einem: »Auf Wiedersehen in Hannover!«
Ich wählte mir einen Begleiter, suchte auf der scharf beschossenen Chaussee meine Kartentasche, in der mein Tagebuch steckte und ging durch den Graben, in dem wir uns vorgekämpft hatten, zurück.
Unser Angriffsgeschrei war so gewaltig gewesen, daß die feindliche Artillerie schlagartig eingesetzt hatte. Auf dem Gelände hinter der Straße und vor allem auf dem Graben selbst lag ein Sperrfeuer von seltener Dichte. Ein heiles Durchkommen war wenig wahrscheinlich. Wir bewegten uns sprungweise von Schulterwehr zu Schultermehr zurück.
Plötzlich gab es neben mir am Grabenrande einen schmettern den Krach. Ich bekam einen Schlag auf den Hinterschädel und fiel betäubt vornüber. Als ich erwachte, hing ich mit dem Kopfe nach unten über dem Schlitten eines schweren Maschinengewehrs und starrte auf die Grabensohle in eine sich beängstigend schnell vergrößernde rote Lache. Das Blut sprudelte so unaufhaltsam hervor, daß ich ein Davonkommen für ausgeschlossen hielt. Da mein Begleiter indes behauptete, noch kein Hirn zu sehen, raffte ich mich hoch und lief weiter. Hier hatte ich die Quittung für meinen Leichtsinn, ohne Stahlhelm ins Gefecht zu gehen.
Trotz des doppelten Blutverlustes war ich gewaltig aufgeregt und beschwor jeden, der mir im Graben begegnete, wie von einer fixen Idee besessen, nach vorne zu eilen und sich am Kampfe zu beteiligen. Bald waren wir der Zone der leichten Feldgeschütze entronnen und verlangsamten unser Tempo.
Im Hohlwege von Noreuil kam ich am Brigade-Gefechtsstand vorbei, ließ mich beim Generalmajor Höbel melden, dem ich über unseren Erfolg Bericht erstattete, und bat, den Stürmern mit Reserven zu Hilfe zu kommen. Der General erzählte mir, daß ich bei den Gefechtsständen schon seit gestern tot gesagt wäre. Es war nicht das erste Mal im Kriege.
In Noreuil stand dicht am Wege ein hoher Stapel von Handgranatenkisten in hellen Flammen. Wir eilten mit sehr gemischten Gefühlen daran vorüber. Hinter dem Dorfe nahm mich ein Fahrer mit auf seinen leeren Munitionswagen. Ich geriet scharf mit dem führenden Trainoffizier zusammen, der zwei verwundete Engländer, die mich während des letzten Teiles meines Weges gestützt hatten, vom Wagen werfen lassen wollte.
Auf der Straße Noreuil--Quéant herrschte ein unglaublicher Verkehr. Wer es nicht gesehen hat, kann sich kein Bild von den endlosen Kolonnen machen, die zu einer großen Offensive gehören. Hinter Quéant steigerte sich das Gewühl ins Fabelhafte. Ich wandte mich an einen der durch weiße Binden kenntlichen Verkehrsoffiziere, der mir einen Platz in einem Personenauto zum Feldlazarett Sauchy-Cauchy anwies. Wir mußten oft halbe Stunden warten, wenn ineinandergeschachtelte Wagen und Automobile den Weg sperrten. Die Ärzte im Operationsraum des Feldlazaretts waren fieberhaft beschäftigt; trotzdem wunderte sich der Chirurg über die glückliche Art meiner Verletzungen. Auch die Kopfwunde hatte Ein- und Ausschuß, ohne daß die Schädeldecke beschädigt war.
Nachdem ich während der Nacht vorzüglich geschlafen hatte, wurde ich am nächsten Morgen zur Kranken-Sammelstelle Cantin transportiert, wo ich zu meiner Freude den Leutnant Sprenger antraf, den ich seit Beginn des Sturmes nicht mehr gesehen hatte. Er war durch Infanteriegeschoß am Oberschenkel verwundet.
Nach einem kurzen Aufenthalt im bayrischen Feldlazarett 14 (Montigny) wurden wir in Douai in einen Lazarettzug geladen und fuhren bis Berlin. Dort heilte diese sechste Doppelverwundung bei vierzehntägiger Pflege ebenso gut wie alle vorhergehenden.
Leider erfuhr ich in Hannover, daß unter vielen anderen Bekannten während des Handgemenges auch der kleine Schultz gefallen war. Kius war mit einer harmlosen Bauchwunde abgekommen. Wer unsere Wiedersehensfeier in einer kleinen hannoverschen Bar beobachtete, kam wohl schwerlich auf den Gedanken, daß wir uns erst vor vierzehn Tagen bei einer anderen Musik als dem friedlichen Knalle von Pfropfen getrennt hatten.
Englische Vorstöße.
Am 4. Juni 1918 kam ich wieder beim Regiment an, das ganz in der Nähe des jetzt weit hinter der Front befindlichen Dorfes Vraucourt in Ruhe lag. Der neue Kommandeur, Major von Lüttichau, übergab mir die Führung meiner alten siebenten Kompagnie.
Als ich mich den Quartieren näherte, liefen mir die Leute entgegen, nahmen mir meine Sachen ab und empfingen mich im Triumph. Es war, als ob ich in den Kreis einer Familie zurückkehrte.
Wir bewohnten ein Häuflein von Wellblechbaracken inmitten einer verwilderten Wiesenlandschaft, aus deren Grün unzählige gelbe Blümchen schimmerten. Das wüste Gelände, das wir »Die Wallachei« getauft hatten, war durch Herden weidender Pferde bevölkert. Trat man vor die Tür der Hütten, so empfand man jenes beängstigende Gefühl der Leere, von dem der Cowboy, der Beduine und jeder andere Einödbewohner zuweilen gepackt wird. Des Abends machten wir lange Spaziergänge im Umkreise der Baracken und suchten Rebhuhngelege oder im Rasen verborgenes Kriegsmaterial. Eines Nachmittags ritt ich nach dem vor zwei Monaten so hart umkämpften Hohlweg bei Vraucourt, dessen Ränder mit Grabkreuzen besät waren. Ich fand manchen bekannten Namen.
Bald bekam das Regiment Befehl, die vordere Linie der vorm Dorfe Puisieux-au-Mont liegenden Stellung zu besetzen. Wir machten auf Lastautomobilen eine Nachtfahrt bis Achiet-le-Grand. Oft mußten wir halten, wenn die Strahlenkegel der Fallschirm-Leuchtkugeln nächtlicher Bombenflieger das weiße Band der Straße aus dem Dunkel hoben. Nah oder fern wurde das vielfache Pfeifen der schweren Sprengpfeile von den rollenden Stößen der Einschläge verschlungen. Dann tasteten die unsicheren Arme der Scheinwerfer den dunklen Himmel nach den tückischen Nachtvögeln ab, Schrapnells zersprühten wie zierliches Spielzeug, und Leuchtgeschosse jagten in langer Kette gleich feurigen Wölfen hintereinander her.
Ein widriger Geruch nach Leichen lagerte über der eroberten Gegend, bald mehr, bald weniger intensiv, immer aber die Nerven erregend und in eine Stimmung phantastischer und ahnungsvoller Unheimlichkeit hüllend.
»Offensiv-Parfüm« erscholl neben mir die Stimme eines cynischen alten Kriegers, als wir einige Minuten lang eine Allee von Massengräbern zu passieren schienen.
Von Achiet-le-Grand schritten wir an dem nach Bapaume führenden Bahndamm entlang und dann querbeet auf die Stellung zu. Der Feuerbetrieb war lebhaft. Als wir einen Augenblick rasteten, schlugen zwei mittlere Granaten neben uns ein. Die Erinnerung an die unvergeßliche Schreckensnacht des 19. März trieb uns vorwärts. Dicht hinter der vorderen Linie stand eine abgelöste, lärmende Kompagnie, an der uns das Fatum gerade vorüberführte, als ihr der Mund durch einige Dutzend Schrapnells gestopft wurde. Mit einem Hagel von Schimpfworten stürzten sich meine Leute kopfüber in den nächsten Laufgraben. Drei mußten blutend zum Sanitätsunterstand zurückkehren.
Um 3 Uhr kam ich völlig erschöpft in meinem Unterstande an, dessen drangsalsvolle Enge mir eine Reihe wenig genußreicher Tage in Aussicht stellte.
Das rötliche Licht einer Kerze glühte inmitten einer unbeschreiblichen Dunstwolke. Ich stolperte über ein Gewirr von Beinen und brachte durch die Zauberformel »Ablösung!« Leben in die Bude. Einem backofenförmigen Loch entstieg eine Kette von Flüchen, dann erschienen nach und nach ein unrasiertes Gesicht, ein Paar ramponierte Achselstücke, eine verwitterte Uniform und zwei Lehmklötze, in denen wahrscheinlich die Stiefel steckten. Wir setzten uns zusammen an den sogenannten Tisch und erledigten das Geschäft der Übergabe, bei dem jeder versuchte, den anderen um ein Dutzend eiserne Portionen und einige Leuchtpistolen zu prellen. Dann würgte sich mein Vorgänger durch den engen Stollenhals ins Freie mit der Prophezeiung, daß das Dreckloch keine drei Tage mehr stehen würde. Ich blieb zurück als neuer Kapitän des Abschnitts A.
Die Stellung, die ich am nächsten Morgen besichtigte, bot wenig Erfreuliches. Gleich vorm Unterstande kamen mir zwei blutende Kaffeeholer entgegen, die im Annäherungswege durch eine Schrapnellladung getroffen waren. Einige Schritte weiter meldete sich der Füsilier A. mit einem Prellschuß ab.
Wir hatten das Dorf Bucquoy vor uns und Puisieux-au-Mont im Rücken. Die Kompagnie lag ungestaffelt in der flachen, schmalen, vorderen Linie und war rechts vom Infanterie-Regiment 76 durch eine große, unbesetzte Lücke getrennt. Der linke Flügel des Regiments-Abschnitts schloß ein zerhacktes Gehölz, das Wäldchen 125, ein. Befehlsgemäß waren keine Stollen ausgeschachtet. Je zwei Mann hausten in kleinen Erdlöchern, die durch sogenannte Siegfriedbleche gestützt waren.
Da mein Unterstand hinter einem ganz anderen Abschnitt lag, suchte ich mir zunächst eine neue Behausung. Ein hüttenartiges Gebilde in einem verfallenen Grabenstück schien mir ganz geeignet, nachdem ich es durch zusammengeschleppte Mordinstrumente in einen verteidigungsfähigen Zustand versetzt hatte. Ich führte dort mit meinem Burschen zusammen ein Leben wie ein Einsiedler im Grünen, das nur zuweilen durch Meldegänger und Ordonnanzen gestört wurde, die den umständlichen Papierkrieg selbst in diese entlegene Höhle trugen. Kopfschüttelnd konnte man dann zwischen den Einschlägen zweier Granaten neben anderen wichtigen Sachen die Neuigkeit lesen, daß dem Ortskommandanten von X. ein schwarzgefleckter Terrier, auf den Namen Zippi hörend, entlaufen wäre; wenn man sich nicht gerade mit grimmigem Humor in die Alimentationsklage der Dienstmagd Makeben gegen den Gefreiten Meyer vertieft hatte. Auch sorgten Zeichnungen und häufige Terminmeldungen für die nötige Abwechslung. Stets hatte man soviel mit der inneren Organisation zu tun, daß man sich um die taktischen Kleinigkeiten kaum noch kümmern konnte. Man wurde auch wenig danach gefragt. Oft schien die fortgeworfene Patronenhülse weit wichtiger. Ich lief jedesmal, wenn mir ein revidierender Vorgesetzter angemeldet wurde, durch den Graben, las Papier und Hülsen auf und instruierte die Posten, wie sie zu melden und die Hacken zusammenzuklappen hätten. Auch daß sie nicht etwa das Verbrechen begingen, dabei das Gesicht vom feindlichen Graben abzuwenden, aus dem sich schon seit drei Monaten kein Nasenzipfel mehr gezeigt hatte, oder gar das Gewehr aus der Hand zu stellen. Dafür waren drei Tage Mittelarrest unbedingte Taxe.
Diese für uns typischen Dinge haben sehr geschadet. Die Form erstickte den Geist. Der Krieg wurde bürokratisiert. Indes hatte der Frontleutnant viel zu viel Disziplin in den Knochen, um das, worüber in jedem Zugführerunterstande vor und nach dem Besuchsschnaps in allen Tonarten geflucht wurde, zur Sprache zu bringen. Trotzdem war er der Berufene, den altpreußischen Geist mit den Formen des neuen Krieges zu verschmelzen.
Doch zurück zu meinem Unterstand, dem ich den schönen Namen »Haus Wahnfried« verliehen hatte. Den einzigen Kummer machte mir die Deckung, die nur als relativ bombensicher anzusprechen war, das heißt nur solange, wie kein Schuß daraufging. Jedoch tröstete ich mich mit dem Gedanken, in keiner besseren Lage als meine Leute zu sein. Jeden Mittag legte mein Bursche mir eine Decke in einen Riesentrichter, zu dem wir einen Gang gewühlt hatten, um ihn als Sonnenbad einzurichten. Öfters wurde meine Siesta allerdings durch in der Nähe einschlagende Granaten oder die herabsurrenden Sprengstücke von Fliegerbeschießungen gestört.
Die vordere Linie hatte unter feindlichem Feuer verhältnismäßig wenig zu leiden, sie wäre sonst auch bald unhaltbar geworden. Hauptsächlich lagen Puisieux und die benachbarten Mulden unter dauernder Beschießung, die sich in den Abendstunden zu Überfällen von außerordentlicher Dichte steigerte. Essenholen und Ablösung wurden dadurch sehr gefährdet.
Am 14. Juni wurde ich um 2 Uhr morgens von Kius, der auch zurückgekehrt war und die zweite Kompagnie führte, abgelöst. Wir verbrachten unsere Ruhezeit am Bahndamm bei Achiet-le-Grand, unter dessen Schutze unsere Baracken und Unterstände lagen. Der Engländer belegte uns häufig mit schwerem Flachbahnfeuer, dem unter anderen der etatsmäßige Feldwebel der dritten Kompagnie, Rackebrand, zum Opfer fiel. Einige Tage zuvor hatte sich bereits ein furchtbares Unglück ereignet. Ein Flieger hatte seine Bombe mitten in die von einem Zuhörerkranze umringte Kapelle des Infanterie-Regiments 76 geworfen. Unter den Getroffenen befanden sich auch viele 73er.
In der näheren Umgebung des Bahndammes lag eine Reihe zerschossener Tanks, die ich auf meinen Spaziergängen mit Interesse besichtigte. Sie trugen zum Teil spöttische, drohende oder glückbringende Namen und Kriegsbemalungen, waren aber alle übel zugerichtet. Der enge, von Geschossen zerschmetterte Panzerraum mit seinem Gewirr von Rohren, Stangen und Drähten mußte beim Sturm ein äußerst ungemütlicher Aufenthaltsort sein, wenn die Kolosse, um den Flammenschlägen der Artillerie zu entgehen, gleich unbeholfenen Riesenkäfern sich in Bogenlinien über die Walstatt wälzten. Ich dachte lebhaft an die Männer im feurigen Ofen.
Am Morgen des 18. Juni mußte die siebente Kompagnie der unsicheren Lage wegen schon wieder nach Puisieux, um dort dem K. T. K. zum Materialtragen und taktischer Verwendung zur Verfügung zu stehen. Wir bezogen am Ausgang nach Bucquoy liegende Keller und Stollen. Gerade als wir ankamen, hieb eine Gruppe schwerer Granaten in die umliegenden Gärten. Trotzdem ließ ich mich nicht abhalten, in einer kleinen Laube vorm Eingang meines Stollens zu frühstücken. Nach einer Weile brauste es wieder heran. Ich warf mich hin. Neben mir flammte es auf. Ein in der Nähe stehender Sanitäter meiner Kompagnie, der mit einigen Kochgeschirren voll Wasser vorbeikam, brach durch den Unterleib getroffen, zusammen. Wir verbanden ihn, während große Schweißtropfen auf seine Stirne traten. Als ich versuchte, ihn zu trösten, stöhnte er hervor: »Der Schuß ist tödlich, ich fühle es ganz genau.« Trotz dieser Prophezeiung konnte ich ihm nach einem halben Jahre beim Einzuge in Hannover die Hand schütteln.
Am Nachmittage machte ich einen einsamen Spaziergang durch das völlig zerstörte Puisieux. Das Dorf war schon während der Sommeschlachten zu einem Trümmerhaufen zusammengehämmert. Trichter und Mauerreste waren mit dichtem Grün überzogen, aus dem überall die weißen Scheiben des ruinenfreundlichen Hollunders leuchteten. Zahlreiche frische Geschoßeinschläge hatten das hüllende Gewebe zerrissen und die schon so oft umgewühlte Erde der Gärten von neuem bloßgelegt.
Die Dorfstraße war mit dem Kriegsschutt des zum Stillstand gekommenen Vormarsches besäumt. Zerschossene Wagen, weggeworfene Munition, Nahkampfmittel und die Umrisse halbverwester Pferde, von blitzenden Fliegenwolken umbraust, verkündeten die Nichtigkeit aller Dinge im Kampfe ums Leben. Die auf dem höchsten Punkt ragende Kirche bestand nur noch aus einem wüsten Steinhaufen. Während ich einen Strauß wundervoller verwilderter Rosen pflückte, mahnten mich einschlagende Granaten zur Vorsicht auf diesem Tanzplatz des Todes.
Nach einigen Tagen lösten wir die neunte Kompagnie in der Hauptwiderstandslinie, die ungefähr 500 Meter hinter der vorderen lag, ab. Dabei wurden drei Leute meiner Kompagnie verwundet. Am folgenden Morgen wurde in der Nähe meines Unterstandes der Hauptmann von Ledebour durch eine Schrapnellkugel am Fuß verletzt. Obwohl schwer lungenkrank, fühlte er doch im Kampfe seine Bestimmung. So mußte er der geringen Wunde erliegen. Er starb kurze Zeit darauf im Lazarett. Am 28. wurde der Führer meiner Essenholer durch einen Granatsplitter getroffen. Dies war der neunte Verlust in der Kompagnie binnen kurzer Zeit.