In Stahlgewittern, aus dem Tagebuch eines Stoßtruppführers
Part 16
Wenn das Ziel nicht erreicht wurde, das die Führung sich gesteckt hatte, so war es nicht die Schuld der Offiziere und der Leute, die nach 44 Monaten schwerster Kämpfe sich dem Feinde mit einer Begeisterung entgegenwarfen, wie je im August 1914. Fürwahr, es mußte sich die ganze Welt in die Bresche stemmen, um solcher Sturmflut standzuhalten. Wenn sich im Laufe der Jahre einst die Wogen des Hasses geglättet haben, wird die Geschichte anerkennen, daß wir gekämpft haben wie nie ein Volk zuvor.
Mit Vergnügen erinnere ich mich auch jener Abendstunden, wo wir am runden Tisch zusammensaßen und uns mit heißen Köpfen über den bevorstehenden frisch-fröhlichen Bewegungskrieg unterhielten. Ging auch in der Begeisterung der letzte Taler für Wein drauf, was brauchten wir noch Geld jenseits der feindlichen Linien oder gar im besseren Jenseits?
Wer weiß, ob nicht die Welt Morgen in Schutt zerfällt, Wenn sie nur heut noch hält, Heute ist heut!
Nur durch die Vorstellung, daß die Etappe doch auch leben wollte, konnte uns der Hauptmann v. Brixen am letzten Abend davon abhalten, Gläser, Flaschen und Porzellan gegen die Wände zu feuern. Auch die Leute waren gut in Form. Hörte man sie in ihrer trockenen niedersächsischen Weise von dem bevorstehenden »Hindenburg-Flachrennen« reden, so wußte man, daß sie anpacken würden wie immer, zäh, zuverlässig und ohne unnötiges Geschrei. Wie hätte man hinten sein können, wenn sie ins Gefecht gingen, diese stillen Söhne alter, eichenumrauschter Höfe? Viel schimmernde Ideale, die über unseren Zielen hingen, hat mir der Krieg zerschlagen, eins blieb für immer: diese unerschütterliche Treue.
Am 17. März marschierten wir nach Dunkelwerden von den uns bereits liebgewordenen Quartieren nach Brunemont. Alle Straßen waren überfüllt von rastlos sich vorwälzenden Marschkolonnen, unzähligen Geschützen und endlosen Trains. Trotzdem herrschte genaue Ordnung nach einem von Generalstabsoffizieren ausgearbeiteten Mobilmachungsplan. Wehe der Truppe, die nicht peinlich Weg- und Marschzeit innehielt; sie wurde rücksichtslos in den Straßengraben gedrängt und mußte stundenlang warten, ehe sie sich in eine Lücke zwängen konnte. Einmal gerieten wir doch ins Gedränge, wobei sich das Reitpferd des Hauptmanns v. Brixen auf eine beschlagene Wagendeichsel spießte und verendete.
Die große Schlacht.
Das Bataillon wurde im Schloß von Brunemont untergebracht. Wir erfuhren, daß wir in der Nacht vom 19. zum 20. März 1918 nach vorn marschieren sollten, um in der Nähe von Cagnicourt in Stollen des Trichterfeldes bereitgestellt zu werden, und daß der große Angriff am Morgen des 21. beginnen sollte. Das Regiment hatte den Auftrag, zwischen den uns von 1915/16 her wohlbekannten Dörfern Ecoust-St. Mein und Noreuil durchzustoßen und womöglich am ersten Tage Mory zu erreichen.
Ich schickte den Leutnant Schmidt, den wir seines netten Wesen wegen gar nicht anders nennen konnten als »Schmidtchen«, voraus, um die Unterkunft der Kompagnie zu sichern.
Zur bestimmten Stunde marschierte das Bataillon aus Brunemont ab. Trotz strömenden Regens war die Stimmung gut. Einen Betrunkenen, der gröhlend zwischen den Gliedern meiner Kompagnie taumelte, übersah ich. Jetzt mußte jedes scharfe Wort schaden. Die Ausbildung war vorüber, nun kam die Sache selbst. Man mußte jedes Rädchen laufen lassen.
Von einer Straßenkreuzung, an der uns unsere Führerkommandos erwarteten, marschierten die Kompagnien selbständig nach vorn. Als wir in der Höhe der zweiten Linie waren, in der wir untergebracht werden sollten, stellte sich heraus, daß sich unsere Führer verlaufen hatten. Es begann ein Umherirren in dem schwach beleuchteten, aufgeweichten Trichtergelände und ein Fragen bei unzähligen, ebensowenig orientierten Trupps. Um meine Leute nicht völlig zu erschöpfen, ließ ich halten und schickte die Führer in verschiedenen Richtungen aus.
Die Gruppen setzten die Gewehre zusammen und drängten sich in einen gewaltigen Trichter, während ich mit dem Leutnant Sprenger auf dem Rande eines kleineren saß. Schon seit einiger Zeit waren ungefähr 100 Meter vor uns einzelne Einschläge aufgeflammt. Ein neues Projektil schlug in geringerer Entfernung ein; Splitter klatschten in die Lehmwände des Trichters. Ein Mann schrie auf und behauptete, am Fuße getroffen zu sein. Ich rief den Leuten zu, sich in die umliegenden Löcher zu verteilen, während ich mit den Händen den schlammigen Stiefel des Getroffenen nach einem Einschuß untersuchte.
Da pfiff es wieder hoch in der Luft; jeder hatte das zusammenschnürende Gefühl: die kommt hierher! Dann schmetterte ein betäubender, ungeheurer Krach; -- die Granate war mitten zwischen uns geschlagen. . . .
Halb ohnmächtig richtete ich mich auf. Aus dem großen Trichter strahlte unsere in Brand gesetzte Maschinengewehrmunition ein intensives rosa Licht. Es beleuchtete den schwelenden Qualm des Einschlages, in dem sich schwarze Körper wälzten und die Schatten der nach allen Seiten auseinanderstiebenden Überlebenden. Gleichzeitig ertönte ein vielfaches, grauenhaftes Gebrüll und Hilfegeschrei.
Ich will nicht verheimlichen, daß ich zunächst, wie alle anderen, nach einem Augenblick starren Entsetzens aufsprang und planlos in die Nacht rannte. Erst in einem kleinen Granatloch, in das ich kopfüber gestürzt war, wurde mir der Vorgang klar. Nichts mehr hören und sehen! Fort, weit weg, verkriechen! Und doch meldete sich sofort die andere Stimme: »Mensch, du bist doch der Kompagnieführer!« Genau so. Ich sage es nicht, um mich zu rühmen; ich möchte eher sagen: wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch den Verstand dazu. Ich habe an mir und anderen oft erfahren, daß das Verantwortlichkeitsgefühl des Führers die persönliche Angst übertäubte. Man hatte einen Halt, etwas, an das man denken mußte. Ich zwang mich also an den schrecklichen Ort zurück; unterwegs stieß ich auf den Füsilier Haller, der während meiner November-Patrouille das Maschinengewehr erbeutet hatte, und nahm ihn mit.
Die Verwundeten stießen noch immer ihre furchtbaren Schreie aus. Einige kamen auf mich zugekrochen und winselten, meine Stimme erkennend: »Herr Leutnant! Herr Leutnant!« Einer meiner liebsten Rekruten, dem ein Splitter den Schenkel zerknickt hatte, klammerte sich an meinen Beinen fest. Meinem Unvermögen zu helfen, fluchend, klopfte ich ihm ratlos auf die Schulter. Solche Augenblicke vergißt man nie.
Ich mußte die Unglücklichen dem einzig überlebenden Krankenträger überlassen, um das Häuflein Getreuer, das sich um mich gesammelt hatte, aus dem gefährdeten Bereich zu führen. Vor einer halben Stunde noch an der Spitze einer kriegsstarken, ausgezeichneten Kompagnie, irrte ich nun mit wenigen, seelisch vollkommen deprimierten Leuten durch das Grabengewirre. Ein blutjunges Milchgesicht, das vor einigen Tagen noch, von seinen Kameraden verspottet, beim Exerzieren der schweren Munitionskästen wegen geweint hatte, schleppte nun diese Last, die es aus der furchtbaren Szene gerettet hatte, getreulich auf unserem mühsamen Wege mit. Diese Beobachtung gab mir den Rest. Ich warf mich zu Boden und brach in ein krampfhaftes Schluchzen aus, während die Leute düster um mich herumstanden.
Nachdem wir einige Stunden lang erfolglos, oft von einschlagenden Granaten bedroht, durch Gräben gehastet waren, in denen Schlamm und Wasser fußhoch standen, verkrochen wir uns, zu Tode erschöpft, in einige in die Wände eingebaute Munitionsnischen. Mein Bursche breitete seine Decke über mich; trotzdem konnte ich infolge der furchtbaren Nervenerregung kein Auge schließen und erwartete, Zigarren rauchend, die Dämmerung.
Das erste Tageslicht entschleierte ein ganz unglaubliches Leben im Trichterfelde. Zahllose Trupps Infanterie suchten noch ihre Deckungen zu erreichen. Artilleristen schleppten Munition, Minenwerfer zogen ihre Fahrzeuge; Fernsprecher und Lichtsignalisten bauten Leitungen. Es war der reinste Jahrmarktstrubel tausend Meter vorm Feinde, der unbegreiflicherweise nichts zu merken schien.
Zum Glück stieß ich auf den Führer der zweiten Maschinengewehrkompagnie, Leutnant Fallenstein, einen alten Frontoffizier, der mir unsere Unterkunft zeigen konnte. Sein erstes Wort war: »Mensch, wie sehen Sie denn aus?« Ich führte meine Leute in einen großen Stollen, an dem wir in der Nacht wohl ein dutzendmal vorbeigelaufen waren, und in dem ich Schmidtchen vorfand, der von unserem Unglück noch nichts wußte. Auch die Führer fand ich hier wieder. Seit diesem Tage habe ich, wenn wir eine neue Stellung bezogen, die Auswahl der Führer stets selbst und mit der größten Sorgfalt getroffen. Im Kriege lernt man gründlich, aber das Lehrgeld ist teuer.
Nachdem ich meine Begleiter untergebracht hatte, machte ich mich auf den Weg nach der Schreckensstelle der vergangenen Nacht. Der Platz sah schaurig aus. Rings um die verbrannte Einschlagsstelle lagen über 20 geschwärzte Leichen, fast alle bis zur Unkenntlichkeit zerfetzt. Einige der Gefallenen mußten wir später als vermißt führen, da nichts von ihnen vorzufinden war.
Einige Soldaten fremder Truppenteile fand ich beschäftigt, aus dem gräßlichen Gewirr die blutbesudelten Sachen der Toten hervorzuziehen und nach Beute zu durchsuchen. Angeekelt jagte ich das Hyänengelichter fort und gab meiner Ordonnanz den Auftrag, soweit möglich, die Brieftaschen und Wertsachen an sich zu nehmen, um sie für die Hinterbliebenen zu retten. Wir mußten sie allerdings am folgenden Tage beim Sturm zurücklassen.
Zu meiner Freude kann aus einem nahen Stollen der Leutnant Sprenger mit einer Schar von Leuten, die dort die Nacht verbracht hatten. Ich ließ die Gruppenführer melden und stellte fest, daß mir noch 63 Mann zur Verfügung standen. Mit über 150 war ich am Abend zuvor in bester Stimmung ausgezogen! Es gelang mir, über 20 Tote und über 60 Verwundete, von denen später noch viele ihren Verletzungen erlagen, zu ermitteln.
Der einzige schwache Trost war, daß es noch schlimmer hätte kommen können. So stand z. B. der Füsilier Rust so dicht neben dem Einschlag, daß die Tragegurte seiner Munitionskästen anfingen zu brennen. Der Unteroffizier Peggau, der allerdings am nächsten Tage sein Leben lassen mußte, stand zwischen zwei Leuten, die vollkommen zerrissen wurden, ohne auch nur geritzt zu werden.
Wir verbrachten den Tag in gedrückter Stimmung, meist schlafend. Ich mußte häufig zum Bataillonskommandeur, da immer wieder etwas über den Angriff zu besprechen war. Sonst führte ich mit meinen beiden Offizieren, auf einer Pritsche liegend, eine Unterhaltung über die nebensächlichsten Dinge, um den marternden Gedanken zu entgehen. Der stete Refrain war: »Mehr als totgeschossen können wir Gott sei Dank nicht werden!« Eine kleine Ansprache, mit der ich die Leute zu ermuntern suchte, die wortlos auf der Stollentreppe zusammenkauerten, schien wenig Wirkung zu haben. Ich war auch zum Ermutigen nicht disponiert.
Um 10 Uhr abends brachte eine Ordonnanz den Befehl zum Abmarsch in vordere Linie. Wenn ein Tier der Wildnis aus seiner Höhle hervorgezerrt wird, oder ein Seemann die rettende Planke unter seinen Füßen sinken sieht, mögen sie ähnliche Gefühle haben wie wir, als wir uns von dem sicheren, warmen Stollen trennen mußten. Jedoch kam nicht einem meiner Leute der Gedanke, unbemerkt zurückzubleiben.
Wir eilten in scharfem Schrapnellfeuer durch den Felixgraben und kamen ohne Verluste vorn an. Dem Bataillon war ein ganz schmaler Abschnitt zugewiesen. Sämtliche Stollen waren im Nu gestopft voll Menschen. Die übrigen gruben sich Löcher in die Grabenwände, um während des dem Angriff vorausgehenden Artilleriefeuers wenigstens etwas Schutz zu haben. Nach vielem Hin und Her hatte jeder sein Plätzlein gefunden. Noch einmal versammelte der Hauptmann von Brixen die Kompagnieführer zur Besprechung. Nachdem zum letzten Mal die Uhren verglichen waren, trennten wir uns mit einem Händedruck.
Ich setzte mich neben meine beiden Offiziere auf eine Stollentreppe, um den Zeitpunkt 5.05 Uhr zu erwarten, mit dem die Feuervorbereitung beginnen sollte. Die Stimmung hatte sich etwas aufgeheitert, da der Regen aufgehört hatte und die sternklare Nacht einen trockenen Morgen versprach. Wir verbrachten die Zeit mit Erzählen und Essen; es wurde stark geraucht, und die gefüllte Feldflasche machte stetig die Runde. In den ersten Morgenstunden war die feindliche Artillerie so lebhaft, daß wir fürchteten, der Engländer hätte Lunte gerochen.
Kurz vor Beginn wurde folgender Funkspruch bekanntgegeben: »S. M. der Kaiser und Hindenburg haben sich an den Schauplatz der Operationen begeben.« Er wurde mit Beifall begrüßt.
Immer weiter rückte der Zeiger; wir zählten die letzten Minuten mit. Endlich stand er auf 5.05 Uhr. Der Orkan brach los. Ein rasender Donner, der auch die schwersten Abschüsse in seinem gewaltigen Rollen verschlang, ließ die Erde erzittern. Das gigantische Vernichtungsgebrüll der unzähligen Geschütze hinter uns war so furchtbar, daß auch die größten der überstandenen Schlachten dagegen ein Kinderspiel schienen. Was wir nicht gewagt hatten zu hoffen, geschah: Die feindliche Artillerie blieb stumm; sie war mit einem einzigen Riesenschlage niedergeschmettert. Wir hielten es im Stollen nicht länger aus. Auf Deckung stehend, bewunderten wir die über den englischen Gräben flammende Feuerwand, die sich hinter wallenden, blutroten Wolken verschleierte.
Unsere Freude wurde durch Augentränen und Brennen der Schleimhäute gestört, verursacht durch die vom Winde zurückgetriebenen Dünste unserer Gasgranaten. Die unangenehmen Wirkungen des Blaukreuzgases zwangen viele Leute durch Würge- und Hustenreiz, die Masken abzureißen. Ich war sehr besorgt; doch vertraute ich fest darauf, daß unsere Führung unmöglich eine Berechnung gemacht haben könnte, die unser Verderben werden mußte. Trotzdem zwang ich mit Aufbietung aller Energie den ersten Husten zurück, um den Reiz nicht zu fördern. Nach einer Stunde konnten wir die Masken absetzen. Es war Tag geworden. Hinter uns wuchs das ungeheure Getöse fortwährend. Vor uns war eine dem Blick undurchdringliche Wand von Rauch, Staub und Gas entstanden. Leute liefen durch den Graben und brüllten sich freudige Zurufe ins Ohr. Infanteristen und Artilleristen, Pioniere und Fernsprecher, Preußen und Bayern, Offiziere und Mannschaften, alle waren überwältigt, begeistert durch diese elementare Äußerung deutscher Kraft und brannten darauf, um 9.40 Uhr zum Sturm anzutreten. Um 8.25 griffen unsere schweren Minenwerfer ein, die in engen Zwischenräumen hinter dem vorderen Graben standen. Wir sahen die gewaltigen Zweizentner-Minen im hohen Bogen durch die Luft fliegen und drüben mit vulkanartigen Explosionen zu Boden fallen.
Selbst die Naturgesetze schienen ihre Gültigkeit verloren zu haben; die Luft flimmerte wie an heißen Sommertagen. Der wechselnde Brechungsexponent ließ feste Gegenstände hin und her tanzen. Schwarze Schattenstriche huschten durch das Gewölk.
Die letzte Stunde der Vorbereitung wurde gefährlicher als die vier anderen, während deren wir uns ruhig auf Deckung bewegt hatten. Der Feind brachte eine schwere Batterie ins Feuer, die Schuß um Schuß in unseren gedrängt vollen Graben warf. Um auszuweichen, begab ich mich nach links und stieß auf den Adjutanten, Leutnant Heins, der mich nach dem Leutnant Freiherrn v. Solemacher fragte: »Der muß sofort das Bataillon übernehmen, Hauptmann v. Brixen ist eben gefallen.« Erschüttert von dieser Schreckensnachricht ging ich zurück und setzte mich in ein tiefes Erdloch. Auf dem kurzen Wege hatte ich die Tatsache schon wieder vergessen. Mein Gehirn klammerte sich nur noch durch die Zahl 9.40 Uhr an die Wirklichkeit. Ich schien mich indes sehr kouragiert zu benehmen, denn alle Leute lächelten mir beifällig zu.
Vor meinem Erdloch stand der Unteroffizier Dujesiefken, mein Begleiter bei Regniéville, und bat mich, in den Graben zu kommen, da beim kleinsten Einschlage die Erdmassen über mir zusammenstürzen könnten. Eine Explosion riß ihm das Wort vom Munde: mit einem abgerissenen Bein stürzte er zu Boden. Ich sprang über ihn hinweg und hastete nach rechts, wo ich in ein Fuchsloch kroch, das bereits von zwei Pionieren besetzt war. Im engen Kreise um uns setzten die schweren Geschosse ihr Wüten fort. Man sah plötzlich schwarze Erdklumpen aus einer weißen Wolke wirbeln; die Detonation ging im allgemeinen Tosen unter. Man hörte eigentlich überhaupt nichts mehr. Im Grabenstückchen links neben uns wurden drei Leute meiner Kompagnie zerrissen. Einer der letzten Treffer, ein Blindgänger, tötete das arme Schmidtchen, das noch auf der Stollentreppe saß.
Ich stand zusammen mit Sprenger, die Uhr in der Hand, vor meinem Fuchsloch und erwartete den großen Augenblick. Um uns hatten sich die Reste der Kompagnie geschart. Es gelang uns, sie durch Scherzworte von einer Derbheit, die sich hier leider nicht wiedergeben läßt, aufzuheitern und abzulenken. Der Leutnant Meyer, der einen Augenblick um die Schulterwehr lugte, erzählte mir später, daß er uns für wahnsinnig gehalten hätte.
Um 9.10 Uhr verließen die Offizier-Patrouillen, die unsere Aufstellung sichern sollten, den Graben. Da die vorderen Linien über 800 Meter auseinanderlagen, mußten wir noch während der Vorbereitung antreten und uns im Niemandslande derart bereitlegen, daß wir um 9.40 in die erste feindliche Linie springen konnten. Auch Sprenger und ich kletterten nach einigen Minuten, gefolgt von unseren Leuten, auf Deckung.
»Nun wollen wir mal zeigen, was die siebte Kompagnie kann!« »Jetzt ist mir alles ejal!« »Rache für die siebte Kompagnie!« »Rache für Hauptmann von Brixen!« Wir zogen die Pistolen und überschritten unseren Draht, durch den sich schon die ersten Verwundeten zurückschleppten.
Ich blickte nach rechts und links. Die Völkerscheide bot ein seltsames Bild. In den Trichtern vor dem feindlichen Graben, der in höchster Feuersteigerung wieder und wieder umgewühlt wurde, harrten in unübersehbar breiter Front, kompagnieweise zusammengeklumpt, die Angriffsbataillone. Beim Anblick dieser aufgestauten gewaltigen Massen schien mir der Durchbruch gewiß. Ob aber auch die Kraft in uns steckte, die feindlichen Reserven zu zersplittern und vernichtend auseinanderzureißen? Ich erwartete es mit Bestimmtheit. Der Endkampf, der letzte Anlauf schien gekommen. Die Stimmung war sonderbar, geladen von höchster Spannung. Offiziere standen aufrecht und riefen sich nervöse Scherzworte zu. Oft ging eine schwere Mine zu kurz, warf eine kirchturmhohe Fontäne hoch und überschüttete uns mit Erde, ohne daß einer auch nur den Kopf beugte. Der Schlachtendonner war so fürchterlich geworden, daß keiner mehr bei klarem Verstande war. Die Nerven konnten keine Angst mehr empfinden.
Drei Minuten vor dem Angriff winkte mir mein Bursche, der treue Vinke, mit einer gefüllten Feldflasche. Sein einfacher Horizont erkannte das Gebot der Stunde. Ich tat einen tiefen Zug. Es war, als ob ich Wasser tränke. Nun fehlte noch die Offensiv-Zigarre. Dreimal löschte der Luftdruck mein Streichholz aus.
Der große Augenblick war gekommen. Die Feuerwalze rollte über die ersten Gräben hinweg. Wir traten an.
In einer Mischung von Gefühlen, hervorgerufen durch Blutdurst, Wut und Alkoholgenuß gingen wir im Schritt auf die feindlichen Linien los. Ich war weit vor der Kompagnie, gefolgt von meinem Burschen und einem Einjährigen. Die rechte Hand umklammerte den Pistolenschaft, die linke einen Reitstock aus Bambusrohr. Ich kochte vor einem mir jetzt unbegreiflichen Grimm. Der übermächtige Wunsch zu töten, beflügelte meine Schritte. Die Wut entpreßte mir bittere Tränen.
Der ungeheure Vernichtungswille, der über der Walstatt lastete, konzentrierte sich in den Gehirnen. So mögen die Männer der Renaissance von ihren Leidenschaften gepackt sein, so mag ein Cellini gerast haben, Werwölfe, die heulend durch die Nacht hetzen, um Blut zu trinken.
Ohne Schwierigkeiten durchschritten wir ein zerfetztes Drahtgewirre und setzten in einem Sprunge über den ersten Graben. Die Sturmwelle tanzte wie eine Reihe von Gespenstern durch weiße, wallende Dämpfe.
Wider Erwarten knatterte uns aus der zweiten Linie Maschinengewehrfeuer entgegen. Ich sprang mit meinen Begleitern in einen Trichter. Eine Sekunde später gab es einen furchtbaren Krach und ich sackte vorn über. Vinke packte mich am Kragen und drehte mich auf den Rücken: »Sind Herr Leutnant verwundet?« Es war nichts zu finden. Der Einjährige hatte ein Loch im Oberarme und versicherte stöhnend, daß ihm eine Kugel in den Rücken geschlagen wäre. Wir rissen ihm die Uniform vom Leibe und verbanden ihn. Die aufgewühlte Erde zeigte, daß ein Schrapnell in Höhe unserer Gesichter auf den Trichterrand geschlagen war. Ein Wunder, daß wir noch lebten.
Währenddessen waren die anderen an uns vorbeigeschritten. Wir stürzten ihnen nach, den Verwundeten seinem Schicksal überlassend. Halb links vor uns tauchte der mächtige Eisenbahndamm Ecoust-Croisilles, den wir überschreiten mußten, aus dem Dunst. Aus eingebauten Schießscharten und Stollenfenstern prasselte Gewehr- und Maschinengewehrfeuer.
Auch Vinke war abhanden gekommen. Ich folgte einem Hohlweg, aus dessen Böschung eingedrückte Unterstände gähnten. Wütend schritt ich voran, über den schwarzen, aufgerissenen Boden, dem noch die stickigen Gase unserer Granaten entschwelten.
Da erblickte ich den ersten Feind. Eine Gestalt kauerte etwa drei Meter vor mir, anscheinend verwundet, in der Mitte der zertrommelten Mulde. Ich sah sie bei meinem Erscheinen zusammenfahren und mich mit weit geöffneten Augen anstarren, als ich ganz langsam, die Pistole vorstreckend, auf sie zuschritt. Zähneknirschend setzte ich die Mündung an die Schläfe des vor Angst Gelähmten; mit einem Klagelaut griff er in seine Tasche und hielt mir eine Karte vor Augen. Es war das Bild von ihm, umgeben von einer zahlreichen Familie . . .
Nach sekundenlangem inneren Kampfe hatte ich mich in der Hand. Ich schritt vorüber.
Von oben sprangen Leute meiner Kompagnie in den Hohlweg. Mir war glühend heiß. Ich riß den Mantel herunter und schleuderte ihn fort. Ich weiß noch, daß ich einigemale sehr energisch rief: »Jetzt zieht Leutnant Jünger seinen Mantel aus«, und die Füsiliere dazu lachten, als ob ich den köstlichsten Witz gemacht hätte. Oben lief alles über Deckung, ohne der höchstens 400 Meter entfernten Maschinengewehre zu achten. Auch mich zwang der Vernichtungstrieb in die Feuergarben. Ich rannte den feuerspeienden Bahndamm frontal an. In irgend einem Trichter sprang ich auf eine pistolenschießende Gestalt in braunem Manchester. Es war Kius, der sich in ähnlicher Stimmung befand und mir zur Begrüßung eine Hand voll Munition zusteckte.
Wir müssen nun eine ganze Zeit lang kreuz und quer durch die Trichter gerannt sein und auf verschiedene Ziele geschossen haben. Jedenfalls befand ich mich auf einmal am Fuße des Bahndammes und merkte, daß aus einem mit Sackleinewand verhüllten Stollenfenster dicht neben mir gefeuert wurde. Ich schoß durch das Tuch; ein Mann neben mir riß es fort und warf eine Handgranate in die Öffnung. Ein Stoß und eine entquellende weißliche Wolke verrieten die Wirkung. Das Mittel war rauh, doch probat. Wir beiden rannten an der Böschung entlang und bearbeiteten die nächsten Luken in ähnlicher Weise. Ich hob die Hand, um unsere Leute, deren Geschosse uns aus nächster Entfernung um die Ohren schellten, zu verständigen. Sie winkten freudig zurück. Danach erklommen wir mit hundert anderen zugleich den Damm. Zum ersten Male im Kriege sah ich Massen aufeinanderprallen. Die Engländer hielten auf der hinteren Böschung zwei terrassenartig eingehauene Gräben besetzt. Geschosse wurden auf wenige Meter gewechselt, Handgranaten flogen im Bogen hinunter.
Ich sprang in den ersten Graben; um die nächste Schulterwehr stürzend, stieß ich mit einem englischen Offizier in offener Jacke und herabhängender Halsbinde zusammen. Auf den Gebrauch der Pistole verzichtend, packte ich ihn an der Gurgel und schleuderte ihn gegen eine Sandsackpackung, vor der er zusammenbrach. Hinter mir tauchte der Kopf eines alten Majors auf, der mir zuschrie: »Schlagen Sie den Hund tot!«