In Stahlgewittern, aus dem Tagebuch eines Stoßtruppführers

Part 14

Chapter 143,297 wordsPublic domain

Da zurückkommende Verwundete unklare und übertriebene Angaben über einen englischen Angriff machten, wurde ich mit meinen vier Mann um 11 Uhr nach vorn geschickt, um dort Genaueres zu erkunden. Unser Weg führte durch scharfes Feuer. Zahlreiche Verwundete begegneten uns, darunter Leutnant Spitz, Führer der zwölften Kompagnie, mit einem Kinnschuß. Schon vor K. T. K. kamen wir in gezieltes Maschinengewehrfeuer, ein Beweis, daß der Feind unsere Linien eingedrückt haben mußte. Dieser Verdacht wurde mir durch den Major Dietlein, Führer des III. Bataillons bestätigt. Ich fand den alten Herrn gerade beschäftigt, aus dem Eingange seines dreiviertel unter Wasser stehenden Betonklotzes zu kriechen, eifrig nach seiner in den Schlamm gefallenen Meerschaumspitze fischend. Wenn doch jeder Deutsche sich ohne Rücksicht auf Alter und Gesundheit so eingesetzt hätte.

Der Feind war in die vordere Linie eingedrungen und hatte einen Höhenrücken genommen, von dem er den wichtigen Paddebachgrund, in dem der K. T. K. lag, unter Feuer nehmen konnte. Nachdem ich diese Veränderung der Lage mit einigen Blaustiftstrichen in meine Karte eingetragen hatte, setzte ich mit meinen Leuten zu neuem Dauerlauf durch den Schlamm an. Wir sprangen im schnellsten Tempo über die eingesehene Fläche bis hinter die nächste Bodenwelle, von dort langsamer zum Nordhof. Rechts und links schlugen Granaten in den Sumpf und schleuderten riesige, von unzähligen kleineren umgebene Schlammberge in die Höhe. Der Nordhof lag unter nervenerschütterndem Brisanzfeuer und mußte sprungweise überwunden werden. Ein Schrapnell warf seine Kugelladung mit vielfachem Klatschen zwischen uns. Einer meiner Begleiter wurde am hinteren Stahlhelmrand getroffen und zu Boden geschleudert. Nachdem er eine Zeitlang betäubt gelegen hatte, raffte er sich hoch und lief weiter. Das Gelände um den Nordhof war von einer Menge furchtbar zugerichteter Leichen bedeckt. Nachdem wir noch glücklich den stark beschossenen Grund hinter der Straße Paschendale--Westroosebeke durchschritten hatten, konnte ich dem Regiments-Kommandeur Meldung erstatten.

Am nächsten Morgen wurde ich schon um 6 Uhr mit dem Auftrage, festzustellen, ob und wo das Regiment Anschluß hätte, nach vorn geschickt. Unterwegs traf ich den Feldwebel-Leutnant Ferchland, der der achten Kompagnie den Befehl überbringen mußte, auf Goudberg vorzugehen und, falls eine bestehen sollte, die Lücke zwischen uns und dem linken Nachbar-Regiment auszufüllen. Um meinen Auftrag so schnell wie möglich auszuführen, konnte ich nichts besseres tun, als mich anzuschließen. Wir fanden nach längerem Suchen den mir befreundeten Führer der achten Kompagnie, Leutnant Tebbe, in einem unwirtlichen Teile der Trichterlandschaft nahe dem Meldekopf. Er zeigte sich über den Auftrag, eine derartig auffällige Bewegung bei hellem Tage auszuführen, wenig erfreut. Wir steckten uns während unserer kargen, durch die unsägliche Nüchternheit des morgenbeschienenen Trichterfeldes bedrückten Konversation eine Zigarre an und warteten, bis sich die Kompagnie gesammelt hatte. Schon nach wenigen Schritten erhielten wir von den gegenüberliegenden Höhen gezieltes Infanteriefeuer und mußten einzeln von Trichter zu Trichter vorspringen. Beim Überschreiten des nächsten Hanges konzentrierte sich das Feuer so, daß Tebbe eine Trichterstellung beziehen ließ, um den Schutz der Nacht abzuwarten. Er ging, eine Zigarre rauchend, mit großer Kaltblütigkeit den ganzen Abschnitt ab, um seine Gruppen einzuteilen.

Ich beschloß, weiter vorzugehen, um die Größe der Lücke festzustellen und ruhte mich noch einen Augenblick in Tebbes Trichter aus. Schon begann die feindliche Artillerie zur Strafe für das kühne Vorgehen der Kompagnie sich auf den Geländestreifen einzuschießen. Ein auf den Rand unseres Zufluchtsortes wuchtendes Sprengstück, das Karte und Augen voll Lehm spritzte, mahnte mich zum Aufbruch. Ich verabschiedete mich von Tebbe und wünschte ihm viel Glück für die nächsten Stunden. Er rief hinter mir her: »Lieber Gott, laß Abend werden, Morgen wird's von selber!«

Wir schritten vorsichtig durch den eingesehenen Paddebachgrund, uns hinter den Laubmassen umgeschossener Pappeln verbergend und ihre Stämme als Brücke benutzend. Ab und zu verschwand einer bis über die Hüften im Schlamm und wäre ohne die helfend hingestreckten Gewehrkolben der Kameraden unfehlbar ertrunken. Ich wählte als Marschrichtungspunkt eine Gruppe von Leuten, die einen Betonblock umstanden. Vor uns bewegte sich eine von vier Sanitätern geschleppte Bahre in derselben Richtung. Durch die Beobachtung, daß ein Verwundeter nach vorn geschleppt wurde, stutzig gemacht, sah ich durchs Glas und erblickte eine Reihe von khakifarbenen Gestalten mit flachen Stahlhelmen. In diesem Augenblick knallten auch schon die ersten Schüsse. Da Deckungnehmen unmöglich war, rannten wir zurück, während die Geschosse rings um uns in den Schlamm spritzten. Die Hetze durch den Morast war wahnsinnig anstrengend; doch als wir, völlig ausgepumpt, uns eine Weile den Engländern als Zielscheibe hinstellten, verlieh uns eine Gruppe Brisanz-Granaten wieder die alte Frische. Sie hatte immerhin das Gute, uns durch ihren Qualm der feindlichen Sicht zu entziehen. Das unangenehmste bei diesem Lauf war das Bewußtsein, durch eine Verwundung unfehlbar zur Moorleiche verwandelt zu werden. Blutige Rinnsale aus einzelnen Trichtern verrieten, daß hier schon mancher verschwunden war.

Zu Tode erschöpft, erreichten wir den Regiments-Gefechtsstand, wo ich meine Skizzen abgab und Bericht über die Lage erstattete.

Am 28. Oktober wurden wir wieder durch das bayerische Reserve-Regiment 10 abgelöst und, zu stetem Eingreifen bereit, in den Dörfern hinter der Front untergebracht. Der Stab zog nach Most.

Am Abend saßen wir schon wieder äußerst vergnügt im Zimmer einer verlassenen Schenke beim Wein und feierten die Beförderung und Verlobung des Leutnants Zürn, der gerade vom Urlaub zurückgekommen war. Zur Strafe für diesen Leichtsinn wurden wir am folgenden Morgen durch ein Riesentrommelfeuer geweckt, das trotz der Entfernung noch meine Fensterscheiben sprengte. Gleich darauf wurde alarmiert. Es ging das Gerücht, daß der Gegner bei der immer noch bestehenden Lücke links der Regimentsstellung eingedrungen wäre. Ich verbrachte den Tag, auf Befehle wartend, beim Beobachtungsstande des A. O. K., dessen Umgebung unter schwachem Streufeuer lag. Eine leichte Granate fuhr durch das Fenster eines Häuschens, aus dem drei ziegelmehlbestäubte verwundete Artilleristen hervorstürzten. Drei andere lagen als Leichen unter den Trümmern.

Am Morgen darauf bekam ich von dem bayerischen Kommandeur folgenden Gefechtsauftrag: »Durch abermaligen Vorstoß des Gegners ist die Stellung des linken Nachbarregiments noch mehr zurückgedrängt und die Lücke zwischen beiden Regimentern sehr vergrößert. Da Gefahr bestand, daß die Stellung des Regiments von links umgangen wurde, trat gestern abend das I. Bataillon des Füsilier-Regiments Nr. 73 zum Gegenstoß an, wurde aber anscheinend vom Sperrfeuer zerfledert und kam nicht an den Feind. Heute morgen wurde das II. Bataillon gegen die Lücke vorgeschickt. Nachricht ist bislang nicht eingetroffen. Es ist die Stellung des I. und II. Bataillons zu erkunden.«

Ich machte mich auf den Weg und begegnete schon beim Nordhof dem Hauptmann von Brixen, Kommandeur des II. Bataillons, der die Aufstellungsskizze bereits in der Tasche hatte. Ich zeichnete sie ab und hatte meinen Auftrag damit eigentlich erledigt, begab mich jedoch noch zum Betonblock des K. T. K. um einen persönlichen Überblick zu gewinnen. Auf dem Wege lag eine Menge frischer Leichen, deren blasse Gesichter aus wassergefüllten Trichtern starrten oder bereits so von Schlamm überzogen waren, daß man die menschliche Gestalt kaum erkennen konnte. Leider leuchtete von den Ärmeln der meisten das blaue Gibraltarband. Kampftruppen-Kommandeur war der bayerische Hauptmann Rademeyer. Dieser äußerst energische Offizier teilte mir ausführlich mit, was mir der Hauptmann von Brixen bereits hastig erzählt hatte. Unser II. Bataillon hatte große Verluste erlitten, u. a. waren der Bataillons-Adjutant und der Führer der braven siebenten Kompagnie gefallen. Das Schicksal des Adjutanten, Leutnants Lemière, war besonders tragisch, da sein Bruder erst im April dieses Jahres bei Fresnoy als Führer der achten Kompagnie den Tod gefunden hatte. Die beiden Brüder waren Liechtensteinsche Staatsangehörige, trotzdem aus Begeisterung für die deutsche Sache in die Armee eingetreten. Es ist nicht gut, zwei Söhne im selben Regiment in den Krieg zu schicken. Wir hatten im Offizierkorps vier Brüderpaare. Von diesen acht jungen Leuten fielen fünf, und zwei, darunter mein Bruder, brachten schwere Schäden mit nach Hause. Ich bin der einzige, der einigermaßen heil herausgekommen ist. Dies kleine Beispiel illustriert die Verluste des Füsilier-Regiments.

Der Hauptmann zeigte auf einen Betonblock 200 Meter vor dem unsrigen, der gestern besonders heldenhaft verteidigt war. Kurz nach dem Angriff sah der Kommandant der kleinen Feste, ein Feldwebel, einen Engländer, der drei Deutsche abtransportierte. Er schoß den Engländer heraus und verstärkte mit den drei Leuten seine Besatzung. Helden schien er dem Vaterlande freilich nicht erhalten zu haben. Als sie ihre Munition verschossen hatten, setzten sie einen gut verbundenen Engländer als friedliches Aushängeschild vor die Tür, konnten sich jedoch nach Einbruch der Dunkelheit noch unbemerkt zurückziehen.

Ein anderer Betonklotz, den ein Leutnant kommandierte, wurde durch einen englischen Offizier zur Ergebung aufgefordert; statt einer Antwort sprang der Deutsche heraus, packte den Engländer und zog ihn vor den Augen seiner verdutzten Leute hinein.

An diesem Tage sah ich das einzige Mal im Kriege kleine Trupps von Krankenträgern mit erhobenen Roten-Kreuzflaggen sich offen in der Zone des Infanteriefeuers bewegen, ohne daß ein Schuß gegen sie fiel. Solche Bilder zeigten sich dem Frontkämpfer in diesem unterirdischen Kriege nur, wenn die Not bis zur Unerträglichkeit gestiegen war. Trotzdem erfuhr ich später, daß verborgene englische Schützen einige unserer Krankenträger niedergeschossen hatten.

Viele Leser werden diese Tat für den Gipfel der Vertierung halten, und doch kann ich mir erklären, daß schwache Naturen dem atavistischen Triebe, zu vernichten, erliegen, der den einödgewohnten Grabenkämpfer packt, wenn drüben Menschen erscheinen. Ich habe ihn selbst nur zu oft empfunden.

Mein Rückweg wurde durch unangenehmes, nach faulen Äpfeln riechendes Reizgas englischer Granaten, das sich im Boden festgesogen hatte und die Augen tränen machte, erschwert. Gleich darauf sollte ich einen schmerzlicheren Grund zum Vergießen von Tränen bekommen. Nachdem ich im Gefechtsstande meine Meldung erstattet hatte, begegnete ich kurz vorm Verbandsplatze Kalve den Bahren zweier befreundeter, schwer verwundeter Offiziere. Der eine war Leutnant Zürn, den wir zwei Abende zuvor in fröhlichem Kreise gefeiert hatten. Jetzt lag er, halb entkleidet, mit jener wachsgelben Gesichtsfarbe, die ein sicheres Vorzeichen des Todes ist, auf einer losgerissenen Tür und sah mich mit stieren Augen an, als ich herantrat, um ihm die Hand zu drücken. Dem anderen, Leutnant Haverkamp, waren Arm- und Beinknochen durch Granatsplitter so zerschmettert, daß eine Amputation sehr wahrscheinlich war. Er lag totenblaß mit in Fatalismus versteinerten Zügen auf seiner Bahre und rauchte eine Zigarette.

Wir hatten in diesen Tagen wieder erschreckende Verluste an jungen Offizieren aufzuweisen. Jedesmal, wenn ich heute das abfällige Urteil der Masse über den Kriegsleutnant höre, muß ich an diese Männer denken, die den alten Preußengeist von Pflicht und Ehre, den Geist von Kolin, hinaustrugen in Blut und Schlamm, aufrecht bis zum bitteren Ende.

Am 3. November wurden wir in dem uns von den ersten Flanderntagen her wohlbekannten Bahnhof Gits verladen. Wir konstatierten, daß die beiden Fläminnen nicht mehr die alte Frische zeigten. Auch sie schienen inzwischen manchen Groß-Kampftag erlebt zu haben.

Wir kamen für einige Tage nach Tourcoing, einer ansehnlichen Schwesterstadt von Lille, in Ruhe. Das erste und letzte Mal im Kriege schlief hier jeder Mann der siebenten Kompagnie in einem Federbett. Ich bewohnte ein prachtvoll eingerichtetes Zimmer im Hause eines Industriebarons in der Rue de Lille. Mit unsäglichem Behagen genoß ich den ersten Abend in einem Klubsessel vorm Feuer des unvermeidlichen Marmorkamins.

Die wenigen Tage wurden von allen benutzt, sich des hart errungenen Daseins zu freuen. Noch konnte man es kaum fassen, daß man dem Tode entronnen war. Man fühlte den Zwang, sich des Lebens zu vergewissern, es in all' seinen Formen zu genießen.

Die Cambraischlacht.

Die schönen Tage von Tourcoing waren bald vorüber. Wir lagen noch kurze Zeit in Villers-au-tertre, wo wir durch neuen Ersatz aufgefüllt wurden, und fuhren am 15. November 1917 nach Lécluse, dem Aufenthaltsort des jeweiligen Ruhebataillons der uns zugewiesenen Stellung. Lécluse war ein größeres, von Seen umgebenes Dorf des Artois. Die ausgedehnten Schilfflächen bargen Enten und Wasserhühner, die Gewässer wimmelten von Fischen. Obwohl das Fischen streng verboten war, hörte man nachts auf dem Wasser oft rätselhafte Geräusche. Eines Tages bekam ich von der Ortskommandantur auch ein paar Soldbücher von Leuten meiner Kompagnie, die beim Fischen mit Handgranaten erwischt waren, zugestellt. Ich verlor indes kein Wort darüber, da mir die gute Stimmung der Mannschaft bedeutend mehr am Herzen lag als die Schonung der französischen Jagd oder die Mittagsmahlzeiten des Ortsgewaltigen. Seitdem wurde fast jeden Abend von unbekannter Hand ein Riesenhecht auf meinem Tische niedergelegt. Am nächsten Mittag gab ich dann meinen beiden Kompagnie-Offizieren ein Essen mit dem Hauptgange »Hecht à la Lohengrin« (Nie sollst du mich befragen).

Am 19. besichtigte ich mit meinen Zugführern die Stellung, die wir in den nächsten Tagen besetzen sollten. Sie lag vor dem Dorfe Vis-en-Artois. Wir kamen jedoch nicht so rasch in die Gräben, wie wir gedacht hatten, da fast jede Nacht alarmiert und wir wegen eines vermuteten englischen Angriffes abwechselnd in der Wotanstellung, dem Artillerieschutzriegel oder dem Dorfe Dury bereitgestellt wurden. Erfahrenen Kriegern war klar, daß das nicht lange gut gehen konnte.

Wirklich erfuhren wir am 29. November durch unseren Bataillons-Kommandeur, Hauptmann von Brixen, daß wir an einem groß angelegten Gegenangriff auf den Stellungsbogen teilnehmen sollten, den die Tankschlacht von Cambrai in unsere Front gedrückt hatte. Obwohl wir froh waren, endlich einmal die Rolle des Ambosses mit der des Hammers vertauschen zu können, hegten wir unserer noch von Flandern her ausgepumpten Leute wegen Bedenken. Trotzdem setzte ich festes Vertrauen in den Geist meiner Kompagnie und deren eisernes Rückgrat, die erfahrenen Zugführer und vorzüglichen Unteroffiziere.

In der Nacht vom 30. November zum 1. Dezember wurden wir in Lastautomobile verladen. Dabei erlitt meine Kompagnie die ersten Verluste dadurch, daß ein Mann eine Handgranate fallen ließ, die auf rätselhafte Weise explodierte und ihn nebst einem Kameraden schwer verwundete. Ein anderer versuchte sich wahnsinnig zu stellen, um der Schlacht zu entgehen. Ich wußte nicht, ob ich lachen oder wütend werden sollte. Endlich wurde er durch den kräftigen Rippenstoß eines Unteroffiziers wieder vernünftig und wir konnten endlich einsteigen. Wir fuhren, eng zusammengepökelt, bis dicht vor Baralle, wo wir in einem Straßengraben stundenlang auf Befehle warteten. Ich legte mich trotz der Kälte auf eine Wiese und schlief bis zum Morgengrauen. Wir erfuhren mit einer gewissen Enttäuschung, daß das Regiment 225, dem wir unterstellt waren, auf unsere Mitwirkung beim Sturm verzichtet hatte. Wir sollten währenddessen im Schloßpark von Baralle in Reserve liegen.

Um 9 Uhr setzte unsere Artillerie in wuchtigen Feuerstößen ein, die sich von 11.45 Uhr bis 11.50 Uhr zum Trommelfeuer verdichteten. Der Bourlon-Wald, der wegen seiner starken Befestigungen nicht frontal angegriffen, sondern ausgespart wurde, verschwand unter gelbgrünen Gaswolken. Um 11.50 sahen wir durch unsere Gläser Schützenlinien aus dem leeren Trichterfelde tauchen, während im Hintergelände Batterien anspannten und zum Stellungswechsel vorjagten. Ein deutscher Flieger schoß einen englischen Fesselballon in Brand, dessen Beobachter mit Fallschirm absprang.

Nach dem Genuß dieses Schlachtenpanoramas, das wir von der Höhe des Schloßparkes betrachtet hatten, leerten wir ein Kochgeschirr Nudeln, legten uns trotz der Kälte zu einem Nachmittagsschlaf auf den Boden und bekamen um 3 Uhr den Befehl, bis zum Regiments-Gefechtsstand vorzurücken, der in der Schleusenkammer eines ausgetrockneten Kanalbeckens versteckt war. Wir legten diesen Weg zugweise unter schwachem Streufeuer zurück. Von dort wurde die siebente und achte Kompagnie zum Bereitschaftskommandeur vorgeschickt, um zwei Kompagnien von 225 abzulösen. Die 500 Meter, die im Kanalbett zu überwinden waren, lagen unter dichtem Feuerriegel. Wir rannten ohne Verluste, in einem Klumpen zusammengeballt, zum Ziel. Zahlreiche Tote verrieten, daß hier schon manche Kompagnie blutigen Zoll gezahlt hatte. Reserven lagen dicht an die Böschungen gepreßt und waren beschäftigt, in fieberhafter Hast Deckungslöcher in die ausgemauerten Wände zu schlagen. Da alle Plätze besetzt waren und der Ort als Geländemarke das Feuer auf sich zog, führte ich die Kompagnie in ein Trichterfeld rechts daneben und überließ jedem einzelnen, sich dort einzurichten. Ein Splitter flog klirrend gegen mein Seitengewehr. Ich suchte mir mit dem Leutnant Tebbe, der mit seiner achten Kompagnie unserem Beispiel gefolgt war, einen passenden Trichter aus, den wir mit einer Zeltbahn überspannten. Wir steckten eine Kerze an, aßen zu Abend, rauchten unsere Pfeifen und unterhielten uns fröstelnd. Um 11 Uhr bekam ich Befehl, in die ehemalige vordere Linie einzurücken und mich bei dem K. T. K. zu melden, dem die siebente Kompagnie unterstellt war. Ich ließ sammeln und führte die Leute vor. Es schlugen nur noch vereinzelte, mächtige Granaten ein, von denen eine gleich einem Gruß der Hölle vor uns zerschellte, das ganze Kanalbett mit finsterem Qualm füllend. Die Mannschaft verstummte wie von einer eisigen Faust in den Nacken gepackt und stolperte hastig über Stacheldraht und Steintrümmer hinter mir her. Ein unbeschreiblich unangenehmes Gefühl beschleicht die Nerven beim Durchschreiten einer unbekannten Stellung zur Nachtzeit, auch wenn das Feuer nicht sonderlich stark ist. Auge und Ohr des Kriegers werden durch die sonderbarsten Täuschungen gereizt; er fühlt sich zwischen den drohenden Wänden des Grabens einsam wie ein Kind, das sich in dunkler Heide verirrt hat.

Endlich fanden wir die enge Mündung der vorderen Linie in den Kanal und wanden uns durch menschenüberfüllte Gräben zum Bataillons-Gefechtsstand. Ich trat ein und fand einen Haufen von Offizieren und Ordonnanzen inmitten einer pantagruelschen Atmosphäre vor. Ich erfuhr, daß der Angriff an dieser Stelle nicht viel erreicht hätte und am nächsten Morgen weiter vorgetrieben werden sollte. Die Stimmung im Raum hatte wenig Zuversichtliches. Zwei Bataillonskommandeure begannen eine lange Verhandlung mit ihren Adjutanten. Ab und zu warfen Offiziere der Spezialwaffen einige Brocken von der Höhe ihrer Pritschen, die wie Hühnerkörbe bevölkert waren, in die Debatte. Der Zigarrenqualm wurde erstickend. Burschen versuchten in dem Gedränge für ihre Herren Brote zu schneiden. Ein hereinstürzender Verwundeter rief durch die Meldung eines feindlichen Handgranatenangriffes vorübergehenden Alarm hervor.

Endlich konnte ich meinen Angriffsbefehl niederschreiben. Ich sollte mit der Kompagnie um 6 Uhr morgens den Drachenweg und von dort so weit als möglich die Siegfried-Linie aufrollen. Die beiden Bataillone des Stellungs-Regiments sollten um 7 Uhr rechts von uns angreifen. Diese Zeitdifferenz erweckte in mir sofort einen ganz bestimmten Verdacht. Ich erhob entschiedenen Einspruch gegen den zersplitterten Angriff und erreichte, daß auch wir erst um 7 Uhr antreten sollten. Der nächste Morgen zeigte, daß diese Änderung von großer Bedeutung war. Der kriegserfahrene Führer kann in solchen Fällen seiner Truppe viel unnützes Blut sparen.

Eine aus ihrem Verbande gerissene Kompagnie wird unter fremdem Befehle nicht verwöhnt. Da mir die Lage des Drachenweges äußerst schleierhaft war, bat ich beim Abschied um eine Karte, die aber angeblich nicht entbehrt werden konnte. Ich dachte mir mein Teil und ging.

Nachdem ich mit den schwerbepackten Leuten lange Zeit in der Stellung umhergeirrt war, entdeckte ein Mann an einem kleinen, nach vorn abzweigenden Graben, der durch spanische Reiter gesperrt war, ein Schild mit der halbverwischten Aufschrift »Drachenweg«. Als ich hineinging, hörte ich schon nach wenigen Schritten fremdartiges Stimmengewirr. Ich war äußerst überrascht, den Gegner so nahe, beinahe in der eigenen Stellung zu finden, ohne daß Sicherungsmaßregeln getroffen waren, und sperrte den Graben sofort durch eine Gruppe ab.

Dicht neben dem Drachenweg lag ein riesiges Erdloch, anscheinend eine Tankfalle, in der ich die ganze Kompagnie zusammenzog, um den Gefechtsauftrag zu erklären und die Züge zum Angriff einzuteilen. Meine Ansprache wurde mehrere Male durch leichte Granaten unterbrochen. Einmal sauste sogar ein Blindgänger in die rückwärtige Wand der Grube. Ich stand oben auf dem Rande und sah bei jedem Einschlag eine tiefe, gleichmäßige Verneigung der mondbeglänzten Stahlhelme unter mir.

Aus Sorge vor einem großen Unglückstreffer schickte ich den ersten und zweiten Zug in die Stellung zurück und blieb mit dem dritten in der Grube. Mannschaften einer Abteilung, die am vorigen Mittag im Drachenweg abgeschmiert war, machten meine Leute kopfscheu, indem sie erzählten, daß nach 50 Metern ein englisches Maschinengewehr den Graben als unüberwindliches Hindernis sperrte. Ich kam daraufhin mit den Zugführern überein, beim ersten Widerstand rechts und links auf Deckung zu springen und konzentrisch mit Handgranaten anzugreifen. Inmitten des fremden Verbandes galt es besonders, die Waffenehre des Regiments hochzuhalten. Die endlos langen Stunden verbrachte ich, eng an den Leutnant Hopf gekauert, in einem Erdloch. Um 6 Uhr erhob ich mich und traf in der eigentümlichen Stimmung, die jedem Angriff vorausgeht, die letzten Anordnungen. Man hat ein seltsames, flaues Gefühl im Magen, redet mit den Gruppenführern, versucht Scherze zu machen, läuft hin und her wie vor einer Parade vor dem kommandierenden General; kurz, man sucht sich möglichst zu beschäftigen, um den bohrenden Gedanken zu entgehen. Ein Mann bot mir eine auf Hartspiritus erwärmte Tasse Kaffee an, die Wärme und Zuversicht ins Mark zauberte.