In Stahlgewittern, aus dem Tagebuch eines Stoßtruppführers

Part 13

Chapter 133,437 wordsPublic domain

Wir schoben die Teller zurück und sprachen zum hundertsten Male alle Einzelheiten durch, die uns begegnen konnten. Zwischendurch boten wir uns gegenseitig Cherry Brandies an, während v. Kienitz einige uralte Witze zum Besten gab. Zwanzig Minuten vor fünf nahmen wir die Leute zusammen und führten sie in die Bereitschaftsbunker der vorderen Linie. Es waren schon Lücken in den Draht geschnitten und lange, mit Kalkmehl gestreute Pfeile wiesen auf unsere Angriffspunkte. Wir trennten uns mit einem Händedruck und harrten der Dinge, die da kommen sollten.

Ich war vollkommen in Dreß: Vor der Brust zwei Sandsäcke mit je vier Stielhandgranaten, links mit Aufschlag-, rechts mit Brennzünder, in der rechten Rocktasche eine Pistole 08 am langen Bande, in der rechten Hosentasche eine kleine Mauserpistole, in der linken Rocktasche fünf Eier-Handgranaten, in der linken Hosentasche Leuchtkompaß und Trillerpfeife. Am Koppel Karabinerhaken zum Abreißen der Handgranaten, Dolch und Drahtschere. In der inneren Brusttasche steckte eine gefüllte Brieftasche und meine Heimatadresse, in der hinteren Rocktasche eine platte Flasche voll Cherry Brandy. Achselklappen und Gibraltarband hatten wir abgelegt, um dem Gegner keinen Aufschluß über unsere Herkunft zu geben. Als Erkennungszeichen trugen wir an jedem Arm eine weiße Binde.

Vier Minuten vor fünf setzte bei der linken Nachbardivision Ablenkungsfeuer ein. Punkt 5 Uhr brach schlagartig unser Artillerie- und Minenfeuer los. Ich stand mit dem Unteroffizier Kloppmann vorm Stolleneingang und rauchte eine letzte Zigarre; wir mußten jedoch wegen zahlreicher Kurzschüsse Deckung nehmen. Mit der Uhr in der Hand zählten wir die Minuten.

Punkt 5.05 Uhr ging es aus dem Stollen heraus und auf den vorbereiteten Wegen durchs Hindernis. Ich rannte, eine Handgranate hochhebend, voran und sah auch die rechte Patrouille in der ersten Dämmerung vorstürmen. Das feindliche Verhau war schwach; ich übersprang es in zwei Sätzen, stolperte aber über eine dahintergezogene Drahtwalze und stürzte in einen Trichter, aus dem mich die Unteroffiziere Kloppmann und Mevius hervorzogen. »Rin!« Wir sprangen in die erste Linie, ohne auf Widerstand zu stoßen, während rechts ein krachender Handgranatenkampf begann. Ohne uns darum zu kümmern, setzten wir über die den nächsten Graben absperrende Sandsackbarrikade und sprangen von Trichter zu Trichter vor, bis wir zwei Reihen Spanischer Reiter erreichten, die uns von der zweiten Linie trennten. Da diese vollkommen zerstört war und keine Hoffnung auf Gefangene gab, eilten wir, ohne uns aufzuhalten, durch einen verbarrikadierten Laufgraben weiter vor.

Bei der Einmündung in die dritte Linie fiel vor mir ein glimmendes Zigarettenende zu Boden. Ich gab meinen Leuten ein Zeichen, faßte die Handgranate fester und schlich vorsichtig durch den gut ausgebauten Graben vor, an dessen Wänden zahlreiche verlassene Gewehre lehnten. In solchen Situationen registriert das Gedächtnis unbewußt auch das Nebensächlichste. So prägte sich mir an dem Grabenkreuz das Bild eines Kochgeschirres ein, in dem ein Löffel stand. Diese Beobachtung rettete mir 20 Minuten später das Leben.

Plötzlich verschwanden vor uns schattenhafte Gestalten. Wir rannten hinter ihnen her und gerieten in eine Sackgasse, in deren Wand ein Stolleneingang gebohrt war. Ich stellte mich davor und schrie: »Montez!« Eine herausgeschleuderte Handgranate war die Antwort. Sie explodierte in Höhe meines Kopfes an der gegenüberliegenden Wand, zerfetzte meine seidene Mütze, verwundete meine linke Hand mehrfach und schlug mir die Kuppe des kleinen Fingers weg. Dem neben mir stehenden Pionier-Unteroffizier wurde die Nase durchbohrt. Wir zogen uns einige Schritte zurück und bombardierten den gefährlichen Platz mit Handgranaten. Ein übereifriger schleuderte eine Brandröhre in den Eingang und machte dadurch jeden weiteren Angriff unmöglich. Wir machten kehrt und verfolgten die dritte Linie in entgegengesetzter Richtung, um endlich einen Gegner zu fassen. Überall lagen fortgeworfene Waffen und Ausrüstungsstücke. Die Frage: »Wo mögen nur die Leute zu diesen vielen Gewehren sein?« stieg immer unheimlicher in uns empor, doch hasteten wir entschlossen mit fertiger Handgranate und vorgehaltener Pistole weiter durch die öden, pulverdampfverhangenen Gräben.

Unser Weg von da an ist mir erst bei späterem Nachdenken klar geworden. Ohne es zu bemerken, bogen wir in einen dritten Laufgraben ein und näherten uns, bereits mitten im eigenen Absperrungsfeuer, der vierten Linie. Ab und zu rissen wir einen der in die Wände eingebauten Kästen auf und steckten uns zum Andenken eine Handgranate in die Tasche.

Nachdem wir einige Male durch Kreuz- und Quergräben gelaufen waren, wußte niemand mehr, wo wir uns befanden und in welcher Richtung die deutschen Stellungen lagen. Allmählich wurden alle aufgeregt. Die Nadeln der Leuchtkompasse tanzten in den fliegenden Händen, und beim Suchen des Polarsternes ließ uns in der Erregung unsere ganze Schulweisheit im Stich. Stimmengewirr in nahen Gräben verriet, daß der Gegner sich von der ersten Überraschung erholt hatte. Er mußte unsere Lage bald erraten.

Nachdem wir wieder einmal kehrt gemacht hatten, ging ich als Letzter und sah plötzlich vor mir über einer Sandsackschulterwehr die Mündung eines Maschinengewehres hin- und herpendeln. Ich sprang, über eine französische Leiche stolpernd, darauf zu und erblickte den Unteroffizier Kloppmann und den Fähnrich v. Zglinitzky, die sich mit dem Gewehre beschäftigten, während der Füsilier Haller mit blutbeschmutzten Händen einen zerfetzten Körper nach Papieren durchwühlte. Wir hantierten, ohne uns um die Umgebung zu kümmern, in fieberhafter Eile an der Waffe herum, um wenigstens eine Beute mitzubringen. Ich versuchte, die Halteschrauben zu lösen; ein anderer kniff mit der Drahtschere den Ladestreifen ab; endlich packten wir das auf einem Dreifuß stehende Ding, um es unzerlegt mitzunehmen. In diesem Augenblick ertönte aus einem Parallelgraben in der Richtung, in der wir unseren Graben vermuteten, eine Stimme: »Qu'est ce qu'il y a« und ein schwarzer Ball flog, sich undeutlich vom dämmernden Himmel abhebend, auf uns zu. »Achtung!« Zwischen Mevius und mir blitzte es auf; ein Splitter fuhr Mevius in die Hand. Wir stoben nach allen Seiten auseinander, uns immer tiefer in das Grabengewirre verstrickend. Bei mir befand sich nur noch der Pionier-Unteroffizier und Mevius. Unser Glück war nur die Angst der Franzosen, die sich immer noch nicht aus ihren Löchern herauswagten. Es konnte sich indes nur noch um Minuten handeln, bis wir auf eine stärkere Abteilung stoßen mußten, die uns mit Vergnügen den Garaus gemacht hätte. Pardonstimmung lag nicht in der Luft.

Als ich schon jede Hoffnung aufgegeben hatte, wieder heil aus diesem Kessel herauszukommen, entfuhr mir plötzlich ein Freudenschrei. Mein Blick war auf das Kochgeschirr mit dem Löffel gefallen; nun war ich orientiert. Da es schon ganz hell geworden war, hatten wir keine Sekunde zu verlieren. Wir sprangen über freies Gelände, von den ersten Gewehrkugeln umpfiffen, den eigenen Linien zu. Im vorderen französischen Graben stießen wir auf die Patrouille des Leutnants v. Kienitz. Als uns der Ruf »Lüttje Lage!« entgegentönte, wußten wir, daß wir das Gröbste hinter uns hatten. Ich fiel von oben leider gerade auf einen schwer Blessierten, den sie zwischen sich liegen hatten. Kienitz erzählte mir hastig, daß er französische Schanzer im ersten Graben durch Handgranaten vertrieben und beim weiteren Vorgehen gleich zu Anfang durch eigene Artillerie Tote und Verwundete gehabt hätte.

Nach längerem Warten erschienen noch zwei meiner Leute, der Unteroffizier Dujesiefken und der Füsilier Haller, der mir wenigstens einen kleinen Trost mitbrachte. Er war beim Umherirren allein in einen kleinen Stichgraben geraten und hatte dort drei verlassene MG. entdeckt, von denen er eins vom Gestell geschraubt und mitgenommen hatte. Da es immer heller wurde, hasteten wir über das Niemandsland in unsere vordere Linie.

Von den vierzehn Mann, die mit mir ausgezogen waren, kamen nur vier zurück, und auch die Patrouille Kienitz hatte schwere Verluste. Meine Niedergeschlagenheit wurde etwas erhellt durch die Worte des biederen Oldenburgers Dujesiefken, der, als ich mir im Stollen die Hand verbinden ließ, vorm Eingang seinen Kameraden die Ereignisse berichtete und mit dem Satze schloß: »Vor Leutnant Jünger habe ich jetzt aber Respekt; Junge, Junge, der flitzte dich man so über die Barrikaden!«

Anschließend marschierten wir durch den Wald zum Regiments-Gefechtsstand. Der Oberst von Oppen begrüßte uns und ließ uns Kaffee einschenken. Er war zwar sehr betrübt über unseren Mißerfolg, sprach uns jedoch seine ganze Anerkennung über das Geleistete aus. Dann wurde ich in ein Auto gepackt und fuhr zur Division, die genauen Bericht haben wollte. Vor wenigen Stunden noch im wüsten Handgranatenkampf durch zerschossene Gräben stürmend, genoß ich in vollen Zügen die Wohltat, zurückgelehnt in schnellem Fluge über die Landstraße zu brausen.

Der Generalstabsoffizier empfing mich in seinem Arbeitszimmer und versuchte vergeblich, mir zu beweisen, daß ich durch übereiltes Vorgehen den Verlust meiner Leute verschuldet hätte. Ich dachte: »Du kannst mir hier, zwanzig Kilometer hinter dem vorderen Graben, viel erzählen,« und gab zu verstehen, daß ich in der feindlichen Linie weder einen grünen Tisch, noch die Stöße von Karten darauf gehabt hätte. Außerdem hatte ich nur die Ehre des Kampfes gehabt, der Plan, an dem ich manches auszusetzen gefunden, war mir fertig in die Hand gedrückt worden. Ich hatte vorher gebeten, den Angriffspunkt an die markante Linie der Chaussee zu verlegen oder wenigstens farbige Leuchtkugeln aus dem eigenen Graben hochzuschießen, um den Verirrten den Weg zu weisen. Man hatte mir bedeutet, daß dadurch das feindliche Feuer angezogen würde. Zum Teufel, was schiert mich das feindliche Feuer? Das bin ich gewohnt. Aber ich bin keine Eule, die ihren Weg im Dunkeln findet!

Der Divisions-Kommandeur begrüßte mich sehr liebenswürdig und verscheuchte bald meine Mißstimmung. Beim Mittagessen saß ich im verschlissenen Feldrocke mit verbundener Hand neben ihm und bemühte mich, nach dem Worte: »Nur die Lumpe sind bescheiden!« unsere Taten vom Morgen in das richtige Licht zu stellen.

Am nächsten Tage besichtigte der Oberst von Oppen die Patrouille noch einmal, verteilte Eiserne Kreuze und gab jedem Teilnehmer vierzehn Tage Urlaub. Am Nachmittag wurden die Gefallenen, deren Zurückschaffung gelungen war, auf dem Soldatenfriedhof Thiaucourt begraben. Zwischen den Gräbern dieses Krieges ruhten dort auch Kämpfer von 1870/71. Eins dieser alten Gräber schmückte ein bemooster Stein mit der schlichten Inschrift: »Dem Auge fern, dem Herzen ewig nah!« In eine große Steintafel war gemeißelt:

»Heldentaten, Heldengräber reihen neu sich an die alten, Künden wie das Reich erstanden, künden wie das Reich erhalten.«

Abends las ich im französischen Heeresbericht: »Ein deutsches Unternehmen bei Regniéville mißglückte; wir machten Gefangene.« Daß die Gefangenen nur gemacht waren, weil unsere Leute sich bei der Suche nach dem ausgerissenen Gegner verirrt hatten, war nicht hinzugesetzt. Hätten die Franzosen ihre Gräben verteidigt, wie mutige Soldaten zu tun pflegen, so wäre es wohl anders gekommen.

Einige Monate später erhielt ich einen Brief von einem der Vermißten, dem Füsilier Meyer, der dort im Handgranatenkampfe ein Bein verloren hatte; er war mit drei Kameraden nach langem Umherirren in einen Kampf verwickelt und schwer verwundet gefangen genommen worden, nachdem die anderen, darunter auch der brave Unteroffizier Kloppmann, gefallen waren.

Ich habe im Kriege manches Abenteuer bestanden, doch keins war unheimlicher. Noch immer gerate ich in eine beklommene Stimmung, wenn ich an unseren Irrweg durch die unbekannten, vom kalten Frühlicht erhellten Gräben denke.

Einige Tage darauf sprangen die Leutnants Domeyer und Zürn mit mehreren Begleitern nach einigen Schrapnellschüssen in die erste französische Linie. Domeyer stieß auf einen französischen Landwehrmann mit mächtigem Vollbart, der seine Aufforderung: »Rendez-vous!« mit grimmigem »Ah non!« erwiderte und sich auf ihn stürzte. Im Verlauf eines erbitterten Ringkampfes schoß Domeyer ihn mit der Pistole durch den Hals und mußte wie ich ohne Gefangenen zurückkehren. Nur war bei meinem Unternehmen eine Artilleriemunition verpulvert, die 1870 für eine ganze Schlacht ausgereicht hätte.

Noch einmal Flandern.

Am gleichen Tage, als ich von meinem vierzehntägigen Urlaub zurückkehrte, wurden wir vom bayerischen Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 5 abgelöst und zunächst in dem nahegelegenen Dorfe Labry, einem der typischen Drecknester jener Gegend, untergebracht. Am meisten frappierte mich in diesen lothringischen Dörfern die vergebliche Suche nach einer verschwiegenen Örtlichkeit. Eine Badewanne schien zu den unbekannten Dingen zu gehören. In dieser Beziehung habe ich in Frankreich überhaupt eigentümliche Erfahrungen gemacht. Selbst in den prunkvollen Schlössern mußte man gewisse Schattenseiten mit diskretem Lächeln ignorieren. So sehr ich den Franzosen schätze, halte ich doch diese Seite seines Wesens für eine bezeichnende.

»Was schadet's, wenn die Senkgrube hinten rinnt und stinkt, Wenn nur der Türknopf vorn blitzt und blinkt.«

Am 17. Oktober 1917 wurden wir verladen und betraten nach anderthalb Tagen wieder den Boden Flanderns, den wir erst vor zwei Monaten verlassen hatten. Wir übernachteten in dem Städtchen Iseghem und marschierten am nächsten Morgen nach Roulers oder, wie es flämisch heißt: Roselaire. Die Stadt befand sich im ersten Stadium der Zerstörung. Noch wurden in den Läden Waren feilgehalten, doch hauste die Bevölkerung schon in den Kellern, und die Bande des bürgerlichen Lebens waren durch häufige Beschießungen zerrissen. Ein Schaufenster mit Damenhüten gegenüber meinem Quartier machte auf mich in dem Kriegsgewühl einen merkwürdig deplacierten Eindruck. Nachts versuchten Plünderer, in die verlassenen Wohnungen einzubrechen.

In meinem in der Oststraat gelegenen Quartier war ich der einzige Bewohner der überirdischen Räume. Das Haus gehörte einem Tuchhändler, der zu Beginn des Krieges geflohen war und eine alte Wirtschafterin mit ihrer Tochter zur Bewachung zurückgelassen hatte. Die beiden sorgten für ein kleines, verwaistes Mädchen, das sie während unseres Vormarsches, von seinen Eltern verlassen, in den Straßen umherirrend aufgefunden hatten. Sie kannten nicht einmal Alter und Namen des Kindes. Sie hatten eine fabelhafte Angst vor Bomben und beschworen mich fast auf den Knien, oben kein Licht zu machen, um die bösen Flieger nicht anzulocken. Mir verging das Lachen allerdings auch, als, während ich neben Leutnant Reinhardt am Fenster stand und einen im Lichte der Scheinwerfer dicht über die Dächer fliegenden Engländer betrachtete, eine Riesenbombe in der Nähe des Hauses aufschlug und der Luftdruck uns die Splitter der Fensterscheiben um die Ohren warf.

Ich war für die bevorstehende Aktion zum Spähoffizier bestimmt und dem Regimentsstabe zugeteilt. Um mich zu orientieren, begab ich mich schon vor unserem Einsatz zum Gefechtsstand des bayerischen Reserve-Regiments 10, das wir ablösen sollten. Ich fand in dem Kommandeur einen sehr freundlichen Herrn vor, obgleich er zuerst beim Empfang etwas über mein »rotes Mützenbandl« brummte. Ich legte damals schon längst keinen Wert mehr auf einen sortiert feldmäßigen Anzug. Am Fexentum erkennt man überall den Neuling.

Zwei Ordonnanzen führten mich zu dem sogenannten Meldekopf, der einen sehr guten Überblick bieten sollte. Wir hatten kaum den Gefechtsstand verlassen, als eine Granate bei uns einschlug. »Da bin ich schon, des Chaos vielgeliebter Sohn!« Meine Führer wußten indes dem Feuer, das gegen Mittag in unaufhörliches Rollen überging, in dem durch zahlreiche kleine Pappelgehölze maskierten Gelände sehr geschickt auszuweichen.

Auf der Schwelle eines einsamen Gehöftes, das die Spuren frischer Einschläge aufwies, erblickten wir einen auf dem Bauch liegenden Toten. »Den hat's a derwischt!« äußerte der biedere Bayer. »Dicke Luft«, meinte der andere mit witterndem Umblick und schritt rasch weiter. Der Meldekopf lag jenseits der stark beschossenen Straße Paschendale--Westroosebeke und erwies sich als eine Meldesammelstelle, ähnlich der, die ich in Fresnoy geführt hatte. Er lag neben einem zum Schutthaufen zusammengeschossenen Hause und hatte so wenig Deckung, daß ihn der erste derbere Treffer vernichten mußte. Ich ließ mich von drei Offizieren, die dort ein geselliges Höhlendasein führten und über die baldige Ablösung sehr erfreut waren, über Feind, Stellung und Annäherung orientieren und ging dann über Roodkruis--Oostnieukerke nach Roulers zurück, wo ich dem Oberst Bericht erstattete.

Auf dem Wege durch die Straßen der Stadt las ich mit Vergnügen die gemütlichen Namen der zahlreichen kleinen Schenken, die so recht die flämische Behäbigkeit ausdrückten. Wer fühlt sich nicht angezogen durch ein Wirtschaftsschild, das den Titel »De Zalm« (Salm), »De Reeper« (Reiher), »De Nieuwe Trompette«, »De drie Koningen« oder »Den Olifant« führt? Klingt das nicht nach Teniers und De Coster? Schon der Empfang in der kräftigen unverwelschten Sprache mit dem traulichen Du versetzt in behagliche Stimmung. Gott gebe, daß dieses prächtige Land in seinem alten Wesen von den furchtbaren Wunden des Krieges wieder auferstehe.

Am Abend wurde die Stadt wieder mit Bomben beworfen. Ich stieg in den Keller, in dem sich die Frauen zitternd in eine Ecke gedrückt hatten und knipste meine Taschenlampe an, um das kleine Mädchen zu beruhigen, das im Dunkeln vor Angst schrie, da eine Explosion das Licht verlöscht hatte. Hier zeigte sich wieder, wie fest der Mensch mit seiner Heimat verwachsen ist. Trotz der gewaltigen Furcht, die diese Frauen vor der Gefahr hatten, klammerten sie sich fest an die Scholle, die jeden Augenblick zum Grabe werden konnte.

Am Morgen des 22. Oktober brach ich mit meinem Spähtrupp von vier Mann nach Kalve auf, wo der Regimentsstab im Laufe des Vormittags ablösen sollte. An der Front tobte ein gewaltiges Feuer, dessen Blitze dem Frühmorgennebel das Aussehen eines brodelnden, blutigroten Dampfes gaben. Am Eingange von Oostnieukerke stürzte neben uns ein Haus, von einer schweren Granate getroffen, krachend zusammen. Steintrümmer rollten über die Straße. Wir versuchten, den Ort zu umgehen, mußten aber doch hindurch, da wir die Richtung Roodkruis--Kalve nicht kannten. Im Vorbeieilen fragte ich einen bayerischen Unteroffizier, der im Eingange eines Kellers stand, nach dem Wege. Statt zu antworten, vergrub er seine Hände in die Taschen und zuckte die Achseln. Da ich infolge der dauernd einschlagenden Geschosse keine Zeit zu verlieren hatte, sprang ich auf dieses Produkt einer verfehlten militärischen Ausbildung zu und erzwang mir durch die ihm unter die Nase gehaltene Pistole Auskunft. Wenn der Mann inzwischen nicht gefallen oder desertiert ist, wird er sicher die Spartakusgruppe um ein würdiges Mitglied bereichert haben.

Bei Roodkruis, einem kleinen Gehöft an einer Straßengabel, wurde die Sache bedenklich. Protzen rasten über die beschossene Straße, Infanterietrupps schlängelten sich zu beiden Seiten durchs Gelände, und zahllose Verwundete schleppten sich von vorne zurück. Einem jungen Artilleristen, der uns begegnete, ragte ein langer, zackiger Splitter aus der Schulter. Wir bogen rechts von der Straße ab zum Regimentsgefechtsstand, der von einem starken Feuerkranze umgeben war. In der Nähe legten zwei Telephonisten Leitung über ein Kohlfeld. Unmittelbar neben dem einen schlug eine Granate ein; wir sahen ihn stürzen und hielten ihn für erledigt. Er erhob sich jedoch gleich wieder und zog seinen Draht mit anerkennenswerter Kaltblütigkeit weiter. Da der Gefechtsstand nur aus einem winzigen Betonblock bestand, der kaum für den Kommandeur mit Adjutanten und Ordonnanzoffizier Platz bot, mußte ich in der Nähe Unterkunft suchen. Ich zog mit dem Nachrichten-, Gasschutz- und Minenwerferoffizier in eine leichte Holzbaracke, die nicht gerade das Ideal einer bombensicheren Unterkunft darstellte.

Am Nachmittag ging ich in Stellung, da die Meldung eingelaufen war, daß der Feind am Morgen unsere fünfte Kompagnie angegriffen hätte. Mein Weg führte über den Meldekopf zum Nordhof, einem zur Unkenntlichkeit zerschossenen Gehöft, unter dessen Trümmern der Kommandeur des Bereitschaftsbataillons hauste. Von dort lief ein allerdings nur noch angedeuteter Pfad zum Kampftruppen-Kommandeur. Durch die starken Regenfälle der letzten Tage war das unübersehbare Trichterfeld in ein Meer von Schlamm verwandelt, das besonders im Paddebachgrunde eine lebensgefährliche Tiefe aufwies. Auf meinen Irrfahrten kam ich an manchem einsam oder vergessen liegenden Toten vorbei; oft ragte nur noch der Kopf oder eine Hand über den schmutzigen Spiegel der Trichter. Tausende schlummern so, ohne daß ein von Freundeshand errichtetes Kreuz die unbekannte Grabstätte schmückt.

Nach dem äußerst anstrengenden Überschreiten des Paddebaches, das nur durch einige von Granaten darübergeschleuderte Pappeln ermöglicht wurde, entdeckte ich in einem Riesentrichter den Führer der fünften Kompagnie, Leutnant Heins, inmitten eines Häufleins von Getreuen. Die Trichterstellung lag an einem Hange und konnte, da sie nicht völlig versoffen war, von anspruchslosen Frontsoldaten als bewohnbar bezeichnet werden. Heins erzählte mir, daß am Morgen eine englische Schützenlinie erschienen und auf Beschießung verschwunden wäre. Diese hatte wiederum einige verirrte 164er, die bei ihrer Annäherung fortgelaufen waren, erschossen. Sonst war alles in Ordnung; ich begab mich daher zum Gefechtsstand zurück, wo ich dem Oberst Bericht erstattete.

Am Tage darauf wurde unser Mittagessen in gröbster Weise durch einige uns vor die Tür gesetzte Granaten unterbrochen, deren Dreckfontänen in langsamem Wirbel auf unser Teerpappdach trommelten. Alles stürzte aus der Tür; ich flüchtete in ein nahes Gehöft, in das ich des Regens wegen hineinging. Am Abend wiederholte sich der Vorgang, nur blieb ich diesmal vor dem Hause stehen, da es trockenes Wetter war. Die nächste Granate schlug mitten in das zusammenbrechende Gebäude. So spielt der Zufall im Kriege. Mehr als anderswo gilt hier: »Kleine Ursachen, große Wirkungen.« Sekunden und Millimeter entscheiden.

Am 25. wurden wir schon um 8 Uhr aus den Baracken getrieben, von denen die uns gegenüberliegende beim zweiten Schuß einen Volltreffer erhielt. Durch die Erfahrungen des vorigen Tages gewitzigt, suchte ich mir in dem großen Kohlfelde hinter dem Regimentsgefechtsstand einen einsamen, vertrauenerweckenden Granattrichter aus, von dem ich mich jedesmal erst nach einer angemessenen Sicherheitspause wieder trennte. Während dieses Tages bekam ich die mir sehr nahegehende Nachricht vom Tode des Leutnants Brecht, der als Spähoffizier der Division in dem Trichterfeld rechts vom Nordhof den Heldentod gefunden hatte. Ich hatte Brecht stets als Vorbild und lebenden Beweis des Spruches: »Fortes fortuna adjuvat« bewundert. Er war einer der wenigen, die infolge ihres unermüdlichen Draufgängertums sogar in diesem prosaischsten aller Kriege von einem romantischen Nimbus umgeben waren.

Die Morgenstunden des 26. wurden durch ein Trommelfeuer von außergewöhnlicher Heftigkeit ausgefüllt. Auch unsere Artillerie verdoppelte auf die von vorn hochsteigenden Sperrfeuersignale hin ihre Wut. Jedes kleine Waldstück und jede Hecke war mit Geschützen gespickt, hinter denen halbtaube Kanoniere ihres Amtes walteten.