In Stahlgewittern, aus dem Tagebuch eines Stoßtruppführers

Part 11

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Nachdem wir kreuz und quer durch dichtes Unterholz geirrt waren, standen wir ratlos, von unseren Führern verlassen, auf einem schilfbewachsenen Stück Erde, von moorigen Sümpfen eingefaßt, auf deren schwarzen Spiegeln sich das Mondlicht brach. Fortwährend krachte es irgendwo auf, und hochgeschleuderter Schlamm klatschte plätschernd ins Wasser. Endlich kam der unglückliche Führer, auf den sich unsere ganze Wut verdichtete, zurück und gab an, den Weg gefunden zu haben. Er führte uns jedoch wieder irre, bis zu einem Sanitätsunterstand, über dem in regelmäßigen, ganz kurzen Abständen zwei Schrapnells explodierten, die ihre Kugeln und Hohlbläser durch das Geäst prasseln ließen. Der diensthabende Arzt gab uns einen vernünftigen Mann mit, der uns zur Mäuseburg, dem Sitze des Bereitschaftskommandeurs, geleitete.

Ich begab mich gleich weiter zu der Kompagnie des Regiments 225, die von der zweiten Kompagnie abgelöst werden sollte und fand nach langem Suchen im Trichtergelände einige zerfallene Häuser, die innen unauffällig durch Eisenbeton verstärkt waren. Das eine war am Tage vorher durch einen schweren Treffer eingedrückt und die Besatzung durch die niederkrachende Dachplatte wie in einer Mausefalle zerquetscht worden.

Den Rest der Nacht brachte ich in dem überfüllten Betonklotz des Kompagnieführers, eines biederen Frontschweins, zu, der sich mit seinen Ordonnanzen die Zeit mittels einer Schnapsflasche und einer großen Dose Schweinefleisch vertrieb und öfters diese Beschäftigung unterbrach, um kopfschüttelnd dem ständig wachsenden Artilleriefeuer zu lauschen. Dann pflegte er die schönen Zeiten in Rußland zu beseufzen und fluchte über die Auspumpung seines Regiments. Endlich fielen mir die Augen zu.

Der Schlaf war schwer und beklommen; die in der undurchdringlichen Dunkelheit rings um das Haus niederfallenden Brisanzgranaten riefen inmitten der toten Landschaft ein unbeschreibliches Gefühl der Einsamkeit und Verlassenheit hervor. Ich schmiegte mich unwillkürlich an einen Mann, der neben mir auf der Pritsche lag. Einmal wurde ich durch einen starken Stoß hochgeschreckt. Meine Leute leuchteten die Wände ab, um nach einem Loch zu suchen. Es stellte sich heraus, daß eine leichte Granate an der Außenwand geplatzt war.

Den nächsten Nachmittag verbrachte ich beim Bataillonskommandeur auf der Mäuseburg, da ich mich noch über einige wichtige Fragen informieren mußte. Andauernd schlugen neben der Befehlsstelle 15-cm-Granaten ein, während der Rittmeister mit seinem Adjutanten und dem Ordonnanzoffizier einen endlosen Skat spielte und eine Seltersflasche voll schlechten Fusels kreisen ließ. Manchmal legte er die Karten hin, um einen Melder abzufertigen oder stellte mit sorgenvoller Miene die Bombensicherheit unseres Betonklotzes zur Diskussion. Trotz seiner eifrigen Gegenreden (der Wunsch war deutlich der Vater des Gedankens) überzeugten wir ihn, daß wir einem Treffer von oben nicht gewachsen wären.

Am Abend entbrannte das allgemeine Feuer zu rasender Heftigkeit, vorn stiegen in unaufhörlicher Folge bunte Leuchtkugeln hoch. Staubbedeckte Läufer brachten die Meldung, daß der Feind angriffe. Nach wochenlangem Trommeln wurde der Infanteriekampf eingeleitet.

Zum Stande des Kompagnieführers zurückgekehrt, wartete ich auf das Eintreffen der zweiten Kompagnie, die um 4 Uhr morgens während eines lebhaften Feuerüberfalls erschien. Ich übernahm gleich meinen Zug und führte ihn an seinen Platz, einen von den Trümmern eines vernichteten Hauses bedeckten Betonbau, der unsäglich verlassen inmitten eines riesigen Trichterfeldes von grauenhafter Wüstheit lag.

Um 6 Uhr morgens lichtete sich der dichte flandrische Nebel und gab uns einen Ausblick auf unsere schaurige Umgebung. Gleich darauf erschien, dicht über dem Erdboden hängend, ein Schwarm feindlicher Flieger und durchforschte, Sirenensignale abgebend, das zerstampfte Gelände, während versprengt umherirrende Infanteristen sich in Granatlöchern zu verbergen suchten.

Eine halbe Stunde später setzte ein furchtbarer Feuerüberfall ein, der unsere Zufluchtsinsel einem taifungepeitschten Meere gleich umbrandete. Der Wald von Einschlägen um uns verdichtete sich zu einer wirbelnden Wand. Wir hockten zusammen und erwarteten jeden Augenblick den schmetternden Treffer, der uns samt den Betonblöcken spurlos hinwegfegen und unseren Aufenthalt der Trichterwüste gleichmachen mußte.

Unter derartigen gewaltigen Feuerstößen, auf die wir uns in längeren Pausen vorbereiten konnten, verging der ganze Tag.

Am Abend erschien eine erschöpfte Ordonnanz und übergab mir einen Befehl, aus dem ich entnahm, daß die erste, dritte und vierte Kompagnie um 10.50 Uhr zum Gegenstoß antreten, die zweite ihre Ablösung erwarten und in die vordere Linie einschwärmen sollte. Um den nächsten Stunden gekräftigt entgegensehen zu können, legte ich mich nieder, nicht ahnend, daß mein Bruder Fritz, den ich noch in Hannover wähnte, mit einer Gruppe der dritten Kompagnie durch den Feuerorkan dicht an meiner Hütte vorbei zum Sturm vorging.

Mein Schlaf wurde lange durch das Jammern eines Verwundeten gestört, den zwei im Trichterfelde verirrte Sachsen, die völlig erschöpft eingeschlafen waren, bei uns niedergelegt hatten. Als sie am nächsten Morgen erwachten, war ihr Kamerad tot. Sie trugen ihn in das nächste Granatloch, überdeckten ihn mit ein paar Schaufeln Erde und entfernten sich, eines der unzähligen einsamen und unbekannten Gräber des Krieges zurücklassend.

Ich erwachte erst um 11 Uhr aus tiefem Schlummer, wusch mich in meinem Stahlhelm und schickte nach Befehlen zum Kompagnieführer, der zu meinem Erstaunen schon abgerückt war, ohne mich und den Zug Kius überhaupt benachrichtigt zu haben.

Es zeigten sich eben die Folgen davon, daß Offiziere fremder Waffengattungen, die nicht einmal »Gewehr über!« kommandieren konnten, nur ihres Dienstalters wegen gleich an der Spitze von Kompagnien in die Infanterieschlacht geschickt wurden. Derartige Anciennitätsrücksichten mag man, wenn man nicht ohne sie auszukommen glaubt, da anwenden, wo keine Menschenleben in Frage kommen.

O, rühret, rühret nicht daran! Wir haben so manches Mal im Unterstand und hinterm Becher darüber geflucht, aber nur unter uns. Es war angenehmer, gegen das Fort Douaumont Sturm zu laufen, als gegen dieses uralte Erbübel. Den friderizianischen Geist in hohen Ehren, aber Perücken, Zöpfe und Rangordnung auf Kammer zu den Donnerbüchsen von 1806, wenn es noch einmal losgehen sollte.

Während ich noch fluchend auf meiner Pritsche saß und überlegte, was ich tun sollte, erschien eine Ordonnanz vom Bataillon und übergab mir den Befehl, sofort die achte Kompagnie zu übernehmen.

Ich erfuhr, daß der Gegenangriff des I. Bataillons in der vorigen Nacht unter starken Verlusten zusammengebrochen war, und daß die Reste in einem vor uns liegenden Wäldchen, dem sogenannten Dobschützwald, und rechts und links davon eine Verteidigungsstellung bezogen hätten. Die achte Kompagnie hatte den Auftrag gehabt, zur Verstärkung in das Wäldchen einzuschwärmen, war jedoch im Zwischengelände unter starken Verlusten im Sperrfeuer zerstoben. Da auch der Kompagnieführer, Oberleutnant Büdingen, gefallen war, sollte ich die Kompagnie erneut vorführen.

Nachdem ich mich von meinem verwaisten Zuge verabschiedet hatte, machte ich mich mit der Ordonnanz auf den Weg quer durch die schrapnellbestreute Einöde. Eine verzweifelnde Stimme hielt unseren gebückten Lauf für einen Augenblick an. In der Ferne winkte eine halb aus einem Trichter ragende Gestalt mit blutendem Armstumpfe. Wir wiesen auf unsere eben verlassene Hütte und hasteten weiter.

Ich fand die achte Kompagnie als ein entmutigtes, hinter einer Reihe von Betonklötzen hockendes Häuflein vor, das ein nochmaliges Vorgehen gegen die uns vom Dobschützwald trennende Wand schwerer Einschläge für unmöglich erklärte. Sieben Mann meldeten sich krank.

Dagegen blieb mir nur der Beweis ad oculos übrig. Ich befahl, mir zu folgen, und sprang mitten ins Feuer hinein. Schon nach ein paar Sätzen überschüttete mich eine Granate, die ihren Kegel zum Glück ganz steil hochwarf, mit Erde und schleuderte mich in den nächsten Trichter. Ich merkte jedoch bald, daß die Wut des Feuers weiter vorn geringer wurde. Nachdem ich mich 200 Meter weit vorgearbeitet hatte, sah ich mich um. Das Gelände war menschenleer.

Endlich tauchten zwei Mann aus Rauch- und Staubwolken auf, dann noch einer, dann wieder zwei. Mit diesen fünf Leuten erreichte ich glücklich mein Ziel.

In einem halb zerschmetterten Betonklotz saßen Leutnant Sandvoß, Führer der dritten Kompagnie, und der kleine Schultz mit drei schweren Maschinengewehren. Ich wurde mit lautem Hallo und einem Schluck Kognak empfangen, dann erklärten sie mir die Lage, die sehr wenig angenehm war. Dicht vor uns saß der Engländer, rechts und links war kein Anschluß.

Ganz unvermittelt fragte mich Sandvoß, ob ich etwas von meinem Bruder gehört hätte. Man wird sich meine Gefühle vorstellen können, als ich erfuhr, daß er den gestrigen Sturm mitgemacht habe und vermißt sei.

Gleich darauf kam ein Mann und teilte mir mit, daß mein Bruder verwundet in einem nahen Unterstand läge und zeigte dabei auf ein wüstes, von entwurzelten Bäumen bedecktes Blockhaus. Ich eilte über eine Lichtung, die unter gezieltem Gewehrfeuer lag und trat ein. Welch ein Wiedersehen! Mein Bruder lag in einem von Leichengeruch erfüllten Raum inmitten einer Menge ächzender Schwerverwundeter. Er war in einer traurigen Verfassung. Beim Sturm hatten ihn zwei Schrapnellkugeln getroffen, die eine hatte die Lunge durchschlagen, die andere das rechte Oberarmgelenk zerschmettert. Das Fieber glänzte ihm aus den Augen; er konnte nur mit Mühe sich bewegen, sprechen und atmen. Wir drückten uns die Hand und erzählten.

Es war mir klar, daß er nicht an diesem Orte bleiben durfte, denn jeden Augenblick konnte der Engländer stürmen, oder eine Granate dem schwerbeschädigten Betonklotz den Rest geben. Der beste Bruderdienst war, ihn sofort zurückzuschaffen. Trotzdem Sandvoß sich gegen jede Schwächung unserer Kampfkraft sträubte, gab ich den fünf mit mir gekommenen Leuten den Auftrag, meinen Bruder zum Sanitätsunterstand »Kolumbusei« zu schaffen und von dort Leute zur Bergung der anderen Verwundeten mitzubringen. Wir knüpften ihn in eine Zeltbahn und steckten eine lange Stange hindurch, dann nahmen ihn zwei Mann auf die Schultern. Noch ein Händedruck, dann setzte sich der traurige Zug in Bewegung.

Ich sah vom Waldrande aus der schwankenden Last nach, die sich durch einen Wald kirchturmhoher Granatfontainen wand.

Nachdem ich aus den Trichtern am vorderen Waldrande noch etwas mit den langsam vordringenden Engländern geplänkelt hatte, verbrachte ich die Nacht mit meinen Leuten und einer Maschinengewehrbedienung zwischen den Trümmern des Betonklotzes. Andauernd schlugen in der Nähe Brisanzgranaten von ganz außergewöhnlicher Wucht ein, von denen mich am Abend eine um ein Haar getötet hätte. Gegen Morgen ratterte plötzlich der Maschinengewehrschütze los, da sich dunkle Gestalten näherten. Es war eine Verbindungspatrouille des Infanterieregiments 76, von der er einen Mann niederstreckte. Derartige Irrtümer kamen in diesen Tagen häufig vor, ohne daß man sich lange darüber aufhielt.

Um 6 Uhr morgens wurden wir durch Teile der neunten Kompagnie abgelöst, die mir den Befehl überbrachten, mit meinen Leuten die Rattenburg zu besetzen. Auf dem Wege dorthin wurde mir noch ein Fahnenjunker durch Schrapnellschuß kampfunfähig gemacht.

Die Rattenburg präsentierte sich uns als ein zerschossenes, mit Betonquadern ausgemauertes Haus hart an dem sumpfigen Bette des Steenbachs, das seinen Namen wahrscheinlich wohl verdiente.

Ziemlich zermürbt hielten wir unseren Einzug und warfen uns auf die strohbedeckten Pritschen, bis uns ein reichliches Mittagessen und die ermunternde Pfeife Tabak hinterher wieder etwas auf die Beine brachten.

In den frühen Nachmittagsstunden setzte eine andauernde Beschießung mit schweren und schwersten Kalibern ein. Von 6 bis 8 Uhr jagte eine Explosion die andere; oft wurde der Bau durch die ekelhaften Stöße in der Nähe einschlagender Blindgänger erschüttert und drohte einzustürzen. Als das Feuer gegen Abend verebbte, pirschte ich mich zum Sanitätsunterstand »Kolumbusei« und erkundigte mich bei dem Arzt, der gerade das grauenhaft zugerichtete Bein eines Sterbenden untersuchte, nach meinem Bruder. Mit Freude hörte ich, daß er in verhältnismäßig guter Verfassung zurückgeschafft sei.

Zu später Stunde erschien mein Essenträgertrupp und brachte der kleinen, auf 20 Mann zusammengeschmolzenen Kompagnie warmes Essen, Büchsenfleisch, Kaffee, Brot, Tabak und Schnaps. Wir aßen kräftig und ließen ohne lästigen Standesunterschied die Flasche mit »98prozentigem« rundgehen. Dann gaben wir uns dem Schlafe hin, der durch aus dem Bachgrund aufsteigende Mückenschwärme, Granaten und zeitweilige Gasbeschießungen reichlich gestört wurde.

Infolgedessen schlief ich am nächsten Morgen so fest, daß mich meine Leute nach stundenlangem, schwerstem Feuer wecken mußten. Sie berichteten, daß von vorn dauernd Leute zurückkämen mit der Angabe, die vordere Linie sei geräumt und der Gegner im Vordringen.

Nach dem alten Soldatengrundsatz: »Gut gefrühstückt, hält Leib und Seele zusammen«, stärkte ich mich zunächst, steckte mir eine Pfeife an und sah dann zu, was draußen los war.

Ich hatte nur einen bescheidenen Überblick, da die ganze Umgebung in dichten Qualm gehüllt war. Das Artilleriefeuer wurde von Minute zu Minute gewaltiger und erreichte bald jenen Höhepunkt, auf dem die Nervenerregung, keiner weiteren Steigerung fähig, in eine beinahe lustige Gleichgültigkeit umschlägt. Andauernd prasselten Schauer von Erdklumpen auf unser Dach, zweimal wurde das Haus selbst getroffen. Brandgranaten warfen schwere, milchweiße Wolken hoch, aus denen feurige Tropfen zur Erde rieselten. Ein Stück dieser brennenden Masse klatschte auf einen Stein vor meinen Füßen und brannte noch minutenlang weiter. Verzögerungsgeschosse wühlten sich dröhnend in den Boden, flache Erdglocken hochstoßend. Gas- und Nebelschwaden krochen schwerfällig über das Schlachtfeld. Kurz vor uns ertönte Gewehr- und Maschinengewehrfeuer, ein Zeichen, daß der Feind schon nahe herangekommen sein mußte.

Unten im Steenbachgrunde schritt eine Gruppe von Leuten durch den wechselnden Wald hochspritzender Schlammgeiser. Ich erkannte den Bataillonskommandeur, Hauptmann von Brixen, der sich mit verbundenem Arm auf zwei Sanitäter stützte, und eilte nach ihm hin. Er rief mir hastig zu, daß der Feind im Vordringen sei und warnte mich vor längerem Verweilen ohne Deckung.

Bald klatschten die ersten Infanteriegeschosse in die umliegenden Trichter oder zerschellten an den Mauerresten. Immer mehr flüchtige Gestalten verschwanden hinter uns im Dunst, während rasendes Gewehrfeuer für die erbitterte Verteidigung der vorn Festhaltenden zeugte.

Es galt zu handeln. Ich beschloß, die Rattenburg zu verteidigen und machte den Leuten, von denen einige bedenkliche Gesichter zogen, klar, daß ich an Rückzug nicht im entferntesten dächte. Die Mannschaft wurde hinter Schießscharten verteilt, und unser einziges Maschinengewehr in eine Fensteröffnung gestellt. Ein Trichter wurde zum Verbandplatz bestimmt, und ein Sanitäter, der gleich reichliche Arbeit fand, hineingesetzt. Auch ich nahm ein herumliegendes Gewehr auf und hing einen Gurt Patronen um den Hals.

Da mein Häuflein sehr klein war, versuchte ich, es durch die zahlreichen führungslos umherirrenden Leute zu verstärken. Die meisten folgten willig unseren Zurufen, froh, sich anschließen zu können, während andere, von ihren Nerven verlassen, weiter eilten, nachdem sie einen Augenblick gestutzt hatten. In solchen Fällen hört jede zarte Rücksicht auf.

»Anschlagen!« rief ich meinen Leuten zu, die vor mir im Schutze des Hauses standen, und schon fielen ein paar Schüsse. Von den Mündungen der Gewehre magnetisch angezogen, kamen diese in jeder Schlacht unvermeidlichen Drückeberger langsam näher, obgleich man ihren Mienen ansah, wie ungern sie uns Gesellschaft leisteten. Eine mir wohlbekannte Kasinoordonnanz versuchte, sich durch allerlei Ausflüchte loszuwinden, ich ließ jedoch nicht locker. »Aber ich habe ja gar kein Gewehr!« »Dann warten Sie, bis einer totgeschossen wird!«

Während einer letzten gigantischen Feuersteigerung, bei der die Trümmer des Hauses mehrere Male getroffen wurden und die Ziegelbrocken hoch aus der Luft auf unsere Stahlhelme klirrten, wurde ich im Blitze eines furchtbaren Schlages zu Boden geworfen. Zum Erstaunen der Leute raffte ich mich unverletzt wieder hoch.

Nach diesem mächtigen Schlußwirbel wurde es ruhiger. Das Feuer sprang über uns hinweg und blieb an der Straße Langemarck--Bixschoote stehen. Uns war nicht wohl dabei zumute. Bislang hatten wir den Wald vor Bäumen nicht gesehen, die Gefahr war so gewaltig und vielgestalt auf uns eingedrungen, daß wir uns nicht mit ihr beschäftigen konnten. Nachdem der Sturm über uns hinweggebraust war, fand jeder Zeit, sich für das zu rüsten, was unvermeidlich kommen mußte.

Und es kam. Die Gewehre vor uns verstummten. Die Verteidiger waren erledigt. Aus dem Qualm tauchte eine dichte Schützenlinie. Meine Leute schossen, hinter den Trümmern kauernd, das Maschinengewehr tackte. Wie weggewischt verschwanden die Angreifer in den Trichtern und fesselten uns durch ihr Feuer. Rechts und links gingen starke Abteilungen vor. Bald waren wir von einem Kranze von Schützen umgeben.

Die Lage war aussichtslos; es hatte keinen Zweck, die Mannschaft hinzuopfern. Ich gab Befehl zum Rückzuge. Es war schwierig, die im Kampfe verbissenen Leute hochzubekommen.

Eine im Grunde lagernde Rauchwolke ausnutzend, entkamen wir, ohne bemerkt zu werden. Ich verließ die kleine Feste als Letzter, den Leutnant Höhlemann unterstützend, der aus einer schweren Kopfwunde blutete und sich mit einigen Witzen über seine Unbeholfenheit hinwegsetzte.

Beim Überschreiten der Straße stießen wir auf die zweite Kompagnie, die zur Verstärkung vorgeschickt war. Nach kurzer Beratung beschlossen wir, stehen zu bleiben und den Gegner zu erwarten. Auch hier mußten wir Leute anderer Truppenteile, die den Rückzug eigenmächtig fortsetzen wollten, zwingen, zu bleiben. Besonders Artilleristen, Lichtsignalisten, Fernsprecher usw. waren nur durch Gewalt zu der Einsicht zu bringen, daß unter diesen Umständen auch sie sich mit einem Gewehr in die Schützenlinie zu legen hätten. Mit Bitten, Befehlen und Kolbenstößen schaffte ich mit Hilfe von Kius und einigen ruhigen Leuten bald Ordnung.

Dann setzten wir uns in einen angedeuteten Graben und frühstückten. Kius zog seinen unvermeidlichen Apparat hervor und photographierte. Links vor uns am Ausgang von Langemarck entstand Bewegung. Unsere Leute schossen auf umherlaufende Gestalten. Bald darauf erschien ein Unteroffizier und meldete, daß sich eine Kompagnie der Gardefüsiliere an der Straße eingenistet und durch unser Feuer Verluste erlitten hätte.

Ich ließ daraufhin unter starkem Gewehrfeuer bis in ihre Höhe vorgehen. Einige Leute fielen, der Leutnant Bartmer von der zweiten Kompagnie wurde schwer verwundet. Kius blieb an meiner Seite, im Vorgehen sein Butterbrot zu Ende essend. Als wir die Straße besetzt hatten, von der das Gelände zum Steenbach abfiel, bemerkten wir, daß die Engländer im Begriff gewesen waren, dasselbe zu tun. Bis auf 20 Meter waren die ersten khakifarbenen Gestalten schon heran. Soweit das Auge blicken konnte, war das Vorgelände von Schützenlinien und Reihenkolonnen erfüllt. Auch um die Rattenburg wimmelten sie schon herum.

Wir nutzten unser überraschendes Erscheinen energisch aus und knallten gleich ordentlich dazwischen. Am Steenbach brach eine ganze Reihe zusammen. Einer von ihnen hatte eine Rolle Draht auf dem Rücken, von der er eine Leitung abwickelte. Andere sprangen wie die Hasen hin und her, während neben ihnen die Staubwölkchen unserer Geschosse aufwirbelten. Ein strammer Gefreiter der achten Kompagnie legte mit der größten Ruhe sein Gewehr auf einen zersplitterten Baumstumpf und schoß nacheinander vier Gegner ab. Der Rest verkroch sich in Granattrichter, um sich dort bis zur Dunkelheit verborgen zu halten. Wir hatten gut aufgeräumt.

Gegen 11 Uhr schraubten sich kokardengeschmückte Flugzeuge auf uns herunter und wurden durch lebhaftes, von oben erwidertes Feuer vertrieben.

Gleich nach der Besetzung der Straße hatte ich dem Regiment gemeldet und um Unterstützung gebeten. Am Nachmittag kamen Infanteriezüge, Pioniere und Maschinengewehre zur Verstärkung. Nach der Taktik des Alten Fritzen wurde alles in die überfüllte vordere Linie gesteckt. Ab und zu streckte der Engländer einige unvorsichtig über die Straße gehende Leute nieder.

Gegen 4 Uhr begann eine sehr unangenehme Schrapnellschießerei. Die Ladungen wurden haarscharf auf die Chaussee geschleudert. Mir war klar, daß die Flieger unsere neue Widerstandslinie festgestellt hatten und uns noch schwere Stunden bevorstehen mußten.

Wirklich setzte bald eine gewaltige Beschießung mit leichten und schweren Granaten ein. Wir lagen dicht nebeneinander in dem überfüllten, schnurgeraden Straßengraben. Das Feuer tanzte uns vor den Augen, Zweige und Lehmklumpen pfiffen auf uns herab. Links neben mir flammte ein Feuerblitz auf, weißen, stickigen Dampf zurücklassend. Ich kroch auf allen Vieren zu meinem Nebenmann. Er regte sich nicht mehr. Das Blut sickerte ihm aus vielen, von schmalen, zackigen Splittern geschlagenen Wunden. Auch weiter rechts traten schwere Verluste ein.

Nach einer halben Stunde wurde es still. Wir gruben emsig tiefe Löcher in die flache Mulde des Grabens, um bei einem zweiten Überfall wenigstens Schutz gegen Splitter zu haben. Unsere Spaten stießen dabei auf Gewehre, Koppelzeug und Patronenhülsen aus dem Jahre 1914, ein Zeichen, daß dieser Boden nicht zum ersten Male Blut trank. Während der Dämmerung wurden wir noch einmal gründlich bedacht. Ich hockte neben dem Leutnant Kius in einem Sitzloch, das uns manche Schwiele gekostet hatte. Der Boden rollte wie eine Schiffsplanke unter fortwährenden nächsten Einschlägen. Wir waren auf das Ende gefaßt.

Den Stahlhelm in die Stirn gedrückt, zerkaute ich meine Pfeife und starrte auf die Chaussee, deren Steine unter aufspringenden Eisenbrocken Funken sprühten. Die merkwürdigsten Gedanken schossen mir durch den Kopf. So beschäftigte ich mich lebhaft mit einem französischen Schundroman »le vautour de la Sierra«, der mir in Cambrai in die Hände gefallen war. Mehrere Male murmelte ich ein Wort Ariost's: »Ein großes Herz fühlt vor dem Tod kein Grauen, wann er auch kommt, wenn er nur rühmlich, ist.« Heute schmeckt es mir etwas nach Theater, damals half es mir, Haltung vor mir selbst zu bewahren. Wenn die Granaten dem Ohr etwas Ruhe ließen, hörte ich Bruchstücke des schönen Liedes vom schwarzen Walfisch zu Askalon neben mir ertönen und hielt meinen Freund Kius für übergeschnappt. Jeder hat eben sein eigenes Nervenberuhigungsmittel.

Am Ende der Beschießung flog mir ein großer Splitter gegen die Hand. Kius leuchtete mit seiner Taschenlaterne. Wir stellten einen oberflächlichen Riß fest.

Stunden wie die eben erlebte waren ohne Zweifel die schrecklichsten des ganzen Krieges.

Du kauerst zusammengezogen einsam in deinem Erdloch und fühlst dich einem unbarmherzigen, blinden Vernichtungswillen preisgegeben. Mit Entsetzen ahnst du, daß deine ganze Intelligenz, deine Fähigkeiten, deine geistigen und körperlichen Vorzüge zur unbedeutenden, lächerlichen Sache geworden sind. Schon kann, während du dies denkst, der Eisenklotz seine sausende Fahrt angetreten haben, der dich zu einem formlosen Nichts zerschmettern wird. Dein Unbehagen konzentriert sich auf das Gehör, das das Heranflattern des Todbringers aus der Menge der Geräusche zu unterscheiden sucht.