In Purpurner Finsterniß Roman-Improvisation aus dem dreißigsten Jahrhundert
Part 9
-- Ja, Du bist sehr schön und sehr klug, Maikka. Und wenn ich Dich als Symbol von Nordika nehmen darf, so muß ich sagen: Beneidenswerthes Land!
-- Ach, wie pathetisch! Nun, so nimm mich halt -- als Symbol. Nimm mich! Nordika hat nichts dagegen.
Er starrte sie entzückt an, mit offenem Munde.
Sie drehte sich rasch und eilte aus dem Hain.
-- Mir nach! Hier ist Nordika!
-- Ach so, ja! stotterte Grege und ging ihr gemessenen Schrittes nach. -- Humor hat das Weib, dachte er, und so was, wie diesen Weibshumor, hat man in Teuta auch nicht. Armes Teuta!
In dem nämlichen Augenblick hatte aber auch Maikka gedacht: Humor hat der schöne Teutamann nicht und Schneidigkeit des Gefühls offenbar noch weniger. Armer Grege, mit dem Vererbungsgesetz magst Du für Dich und Deine Teutaleute recht haben. Ihr habt den Chinesen noch im Blut. Am frühen Morgen nach einem reichlichen Frühstück und blutwärmender Bewegung schon so schlaff -- --
Eine reiche Landschaft dehnte sich vor Greges Blicken in der hellen Sonne. Breit und friedlich zog ein Fluß aus dem See; so weit man sehen konnte, reihte sich Hügel an Hügel in grünem Glanze, ohne große Höhen und Tiefen, von einem eigenartigen sanften Charakter, der Grege ergreifend zum Herzen sprach. Und Haine, kleinere Baumgruppen und einzelne Baumriesen über das Ganze verstreut. Daraus hervorlugend, roth und braun, eine Unzahl von Häusern, fast alle von gleicher Höhe, aber ungemein malerisch und anheimelnd in dem steten Wechsel mit Wiesen, Feldern und Baumwuchs. Und Vögelschwärme in der sonnigen, seidenweichen Luft hin und her.
-- Im Winter ist das Alles weiß, schneeweiß! erklärte Maikka mit einem Anflug von Spott. -- Aber auch das ist schön, weil sich dann der Frühling um so bunter ausnimmt. Abwechslung belebt das Vergnügen, nicht wahr, Grege?
-- Ich habe Dergleichen nie gesehen. Nur in meiner Phantasie, gewiß, da versetzte ich mich oft in ähnliche Landschaften, und Jala erzählte mir von ihrer Insel -- --
-- Ach so, Jala. In Teuta selbst habt Ihr nichts von alledem, nichtwahr?
Grege verneinte mit Kopfschütteln.
-- Das ist der Unterschied, Grege. Ihr hockt in einer einzigen Riesenstadt, wenn man das so nennen darf, beisammen. Wir kennen keine Stadt, oder vielmehr bei uns ist die Stadt über das weite Land zerstreut, die Häuser sind hineingesät zwischen Wiesen und Flußufer und Wälder -- was weiß ich! Schau hin, da liegt ja Alles vor Deinen Augen, und wo der Horizont abschließt und Du nichts mehr siehst, da geht's noch weit fort, nach allen Himmelsgegenden, bis ans Meer mit seinen Fjorden und Inseln. Alles Nordika, immer Nordika.
-- Wie ein einziger Körper!
-- Jawohl, mein Gast, sehr richtig, wie ein einziger Körper.
Und nun wandelte sie wieder die Lust des Spottens und Irreführens an. Sie zog den Mund ein wenig schief und die Mundwinkel zuckten schalkhaft.
-- Wie ein Körper, Du hast's verrathen. Und verräthst Du auch wie wir's machen, damit wir uns auf diesem weitflächigen Körper auskennen? daß wir uns in diesem Gewimmel von Häusern in der Landschaft nicht verlaufen? Erräthst Du's?
-- Ihr macht's wie wir. Ihr verseht Alles mit Nummern und Ueberschriften, denk' ich.
-- Nein, gefehlt, mein Gast! Wir machen's nicht wir Ihr. Das wäre uns zu mechanisch, zu langweilig. Wir sind geistreicher. Oder anschaulicher, wenn Du willst. Wir sehen den Körper des Landes als wirklichen Körper vor uns, als menschlichen Körper, und benennen die einzelnen Landestheile mit den menschenkörperlichen Namen. Unsere Landestheile oder Kreise sind also wie Körpertheile benamst und zwar genau nach dem echten anatomischen Zusammenhang des Leibes, von unten nach oben, von Süden nach Norden. Jeder, der seinen Körper kennt, findet sich auch im Lande zurecht, und wenn er weiß, wo er sich befindet, findet er überall hin, ohne viel zu fragen oder Nummern und Ueberschriften zu studieren. Wenn Jemand zum Beispiel im großen Zehen des linken Fußes ist und will nach dem rechten Knie oder nach der Nase oder dem Wirbel, so wird ihm das Suchen der Richtung keine Schwierigkeiten machen. Verstehst Du?
Grege fand das wirklich praktisch, aber so spaßhaft zugleich, daß er nun auch lachen mußte.
-- Siehst Du jetzt, daß wir ein durchaus fröhliches und vernünftiges Land sind? Der gestrenge Teutamensch lernt bei uns das Lachen.
Ein Flug wilder Tauben rauschte ihnen über die Köpfe hinweg. Grege blickte und horchte auf.
-- Aber nun, mein Gast, wo glaubst Du, an welchem Körpertheil wir uns jetzt befinden?
Der hungrige Grege strich sich mit der Hand über den Magen.
Sein Mund jedoch sprach: -- Auf dem Herzen.
Er sagte das so kindlich weich, mit so unschuldigem Blick seiner schönen Augen, daß es Maikka durchbebte.
Und sie betrachtete ihn eine Weile schweigend, mit innigem Wohlgefallen.
Sollte sie ihm sagen, daß sie ihn gefoppt habe?
Nein, noch nicht.
-- Wüßtest Du eine poetischere Eintheilung und Benennung unseres Landes?
Grege blickte ihr tief in's Auge, besann sich ein wenig, dann antwortete er im vorigen Tone, nur wärmer und herzlicher: -- Ich wüßte nicht, aber -- vielleicht doch.
-- Sprich! sagte sie und ergriff seine Hand.
-- Nach Sternbildern.
-- O Du Poet! Und in welchem Sternbild befänden wir uns jetzt?
-- Im Morgenstern, Maikka.
-- Das ist wunderlieb gesagt. Wenn's nur nicht falsch wäre, Grege!
-- Wieso?
-- Weil der Morgenstern nur ein Stern ist, kein Sternbild!
Er erröthete ein wenig über seinen astronomischen Schnitzer, fügte jedoch lachend und schlagfertig hinzu: -- Nun denn, so erheben wir den einzigen Morgenstern zum Range eines Sternbildes. Erblicken wir doch auch in dem einzigen Augenpaar eines lieben Menschen den ganzen Himmel!
Maikka drückte ihm mit warmem Drucke die Hand und schwieg still entzückt über die schöne Deutung.
Grege machte sich sanft von ihr los, seiner Jala gedenkend, die ihm mit ihren armen erblindeten Augen mehr war als alle Himmel und alle Sternbilder.
Schweigend wandelten Maikka und Grege am leise rauschenden Flusse hin.
-- Wo ist Fox? fragte Grege plötzlich.
-- Auf der Jagd.
-- Auf der Jagd?
-- Ja.
Neues Schweigen.
-- Sind das Bauern, die Leute drüben im Feld? begann Grege wieder, im Gehen zögernd.
Maikka, aus ihren Gedanken heraus, ohne den Kopf zu erheben: -- Wir sind alle Bauern in Nordika. Bauern und Kulturstädter im älteren Sinne zugleich -- und das ist unser neuer Sinn.
-- Neuer Sinn? sprach ihr Grege nachdenklich die letzten Worte nach.
-- Neuer Sinn, ja, Grege: Mitten in der Natur arbeitsam zu leben und der Kultur froh zu werden. Alle Bauern und Arbeiter und Geistmenschen zugleich, da kommt kein Gefühl zu kurz. Keins.
Grege, in einer anderen Gedankenrichtung: -- Also herrscht auch in Nordika die wirthschaftliche Gleichheit? Es giebt nicht Obere und Untere im Besitz, nicht Satte und Hungrige -- --
-- Nicht Herren und Sklaven, Grege. Unser Land ist Freiland, unser Volk ist eine einzige große Familie: Gemeineigenthum aller Grund und Boden, Austausch der Fähigkeiten und Dienst unter Gleichgestellten.
-- Aber wer Fähigkeiten nicht oder nicht genügend einzusetzen hat, oder wer die Gleichstellung mit bösem Willen lohnt?
-- Da haben wir seit Jahrhunderten eine feste Praxis, Grege: Absolute Dummköpfe und Thunichtgute verladen wir auf eine entlegene Insel hoch im Norden. Da belästigen sie uns weiter nicht mehr. Also nimm Dich zusammen und halte Dich brav! schloß sie lachend.
-- -- --
Inzwischen lenkte Maikka ihren Gast vom Flusse ab auf einen Hain zu, aus dem ein freundliches Haus schimmerte.
-- Meine Zeit ist um, Grege. Ich muß wieder an die Arbeit. Aber Du kannst mich begleiten und dem Unterrichte beiwohnen. Der Unterricht ist im Garten. Es ist keine Kleinkinderschule. Es ist Volksschule. Für Alt und Jung. Du zögerst?
Grege machte ein melancholisch lächelndes Gesicht.
-- Warum blickst Du so sonderbar tiefsinnig, Grege?
-- Ich habe furchtbar Hunger, Maikka.
-- Du hast doch gefrühstückt?
-- Mit den Augen, Maikka. Mein Magen ist noch nüchtern.
* * *
Er kam beflügelten Schritts gerade rechtzeitig, um auch heute noch einem Theil des Unterrichts beizuwohnen, den die bewundernswürdige Maikka im Freien gab.
Ueber den grünen Rasen bewegten sich noch andere Leute dem Versammlungsplatze zu, lichte, leichtfüßige Mädchengestalten, reifere Frauen und Männer.
Die Schule ist öffentlich. Außer denen, die ungezwungen ihre Ehre dareinsetzen, einen ganzen Kursus regelmäßig mitzumachen, fühlen Andere das Bedürfniß, je nach Zeit und Gelegenheit soviel mitzunehmen, als sie erhaschen können.
Grege merkte an ihrem ernsten Wesen, daß ihnen die Wissenschaft etwas Heiliges sein müsse, von dem sie sich im tiefsten Innern berührt fühlen. Mitten in die Alltagsgedanken ein paar seltene Anregungen gestreut zu erhalten und im Vorübergehen eine feinere Kenntniß mitzunehmen, wie man auf einem Gang über die Wiese den Duft einer Blume mitnimmt, schien ihnen ein gewohnter Genuß zu sein. Keines kümmerte sich um's Andere. So gab's auch keine Störung der Aufmerksamkeit, wenn ein Hörer sich entfernte, ein Anderer schweigend und gesammelt herankam.
Alles griff hier ineinander: Natur, Fähigkeit, Arbeit, Lernbegier, Idealität der freien Persönlichkeit, edles Gemeinschaftsgefühl eines starken Volksgeistes. Nirgends etwas künstlich Gemachtes, äußerlich Erzwungenes. Kein dogmatisches System. Keine Verkürzung irgend einer persönlichen oder menschheitlichen Gerechtsame zu Gunsten einer mechanischen Ordnung. Es mußte, das fühlte Grege mit wachsender Bewunderung, eine ungeheuer glückliche Veranlagung mit einer unausgesetzten Kulturarbeit durch lange Zeiträume zusammengewirkt haben, um einen solchen Volkszustand wie etwas Selbstgewachsenes herzustellen. Alles athmet hier Geist, Gesundheit, Schönheit, Zufriedenheit. Nirgends merkt man etwas von jener Tüftelei und Aengstlichkeit, von jener schlaffen und entnervenden Vielregiererei und Klugschwatzerei, von all' jenen maskeradehaften Würdespielereien, die ihm sein Teutaland so widerlich gemacht hatten.
Und trotzdem -- es war sein Teutaland, er lernte hier ein Gefühl kennen, das ihm seither fremd geblieben war, das Gefühl der Mitverantwortlichkeit. Wenn Teuta vor Nordika zurückstehen mußte, so mußte er persönlich vor den Nordikaleuten zurückstehen. Wenn Teuta vor Nordika sich schämen mußte, so mußte er sich vor Maikka schämen. Das verfing hier nicht mehr, daß er sich erhaben dünkte über seine Volksangehörigen; das gab ihm keine rechtfertigende Größe und Sonderstellung, daß er von daheim Reißaus genommen. Womit wollte er's begründen, daß es ihn nichts angehe, was seine Blutsverwandten aus ihrer Volksgemeinschaft gemacht? Wäre es nicht unmännlich, sich auf die schaffende Gewalt der historischen Ereignisse hinauszureden, gerade hier in Nordika, wo er in jedem Blick, in jeder Miene, in der ganzen Haltung der Leute, ohne Unterschied des Geschlechts und der Jahre, lesen konnte von dem ruhig stolzen Ichgefühl, das in seiner Lebensgestaltung sich frei und selbstschöpferisch weiß und jede sklavische Unterwerfung unter eine blinde Fügung ausschließt?
Und neben diesem Gefühl der Mitverantwortlichkeit für seines Volkes Thun und Leiden, für der Heimath Größe oder Erbärmlichkeit wuchs in Grege das heiße Verlangen, seine Gastzeit in Nordika zu seiner eigenen Belehrung und Festigung auszunützen. Seine Jala blieb ihm unverloren, das war ihm heiliger Glaube, und müßten Wunder geschehen, um ihn mit dem geliebten Weibe wieder zusammen zu führen, gut, so würden eben Wunder geschehen.
War es nicht auch ein Wunder, daß er jetzt hier stand, unangefochten, in sicherer Gastfreundschaft, und den Worten einer Meisterin des Lebens und Wissens wie dieser Maikka lauschen konnte, umweht von würziger Luft, umflossen von mildem Sonnenlicht? Und stieg's nicht wie ein Schwur in seiner Seele auf, das hier Erlebte und Erfahrene dereinst mit Posaunen seinen Volksgenossen zu verkünden, damit sie erwachten aus ihrem ärmlichen Geistesdämmer und stumpfen Genußleben, daß sie sich aufrafften zu einem bedeutungsvollen, inhaltreichen Dasein? Hatte das Leben in Teutaland überhaupt einen nennenswerthen Inhalt? Schuf es eine innige starke Freude den Lebenden? Gab es dort einen öffentlichen Geist, der über so beredte Zeugen gebot wie diese geisterfüllte Maikka? Was galten seinen Teutaleuten überhaupt die Frauen, waren sie ihnen mehr als sinnliche Werkzeugsnaturen, als minderwerthige Nebengeschöpfe? Trotz der Gleichheit?
Und wie war das Alles so geworden?
Aus dem Munde Maikkas selbst konnte er's jetzt hören, was in der Kulturarbeit des Volkes des Weibes Kopf und Hand geschaffen.
Die Einrichtung dieser freien Volkshochschule selbst war Frauenwerk. Nicht dem Manne nachäffend, in Nachschriften und Abklatsch und Zerrbildern, sondern aus dem selbständigen, dem männlichen durchaus gleichgeachteten Wesen der Frauenseele heraus. Im Tüchtigen so tüchtig wie der Mann, im Ergötzlichen so viel reicher und zarter als er. Und nichts mit dem heimlichen bösen Blick und Blut des erzwungenen Wettbewerbs, des kämpferischen Schrankenbruchs. Alles frei, naiv, selbstverständlich. Eine Kraft, die geradaus geht, weil sie nie und nirgends gehemmt wird, die nichts verdirbt und nichts zerstört, weil sie kein willkürliches Hinderniß zu überwinden hat. Diese heitere Entfaltung im Nebeneinander vom Weiblichen und Männlichen gab allem Werk soviel reine, überschüssige Schönheit. Keine hämische Kritik vom Einen zum Andern, kein Mißtrauen, keine Bosheit -- daher dieses natürliche Gedeihen zu allseitiger Freude. Eins fördert das Andere, Keines wird des Anderen Nachtheil. So belebt und hebt sich Alles in dem gleichen Geiste, wie in dem gleichen Sonnenstrahl das Verschiedene zu Hochwuchs und Blüthe gelangt und mit seiner besonders gesegneten Art sich und die Anderen erquickt.
Ja, Nordika-Frauen haben diese Volkshochschule ersonnen und ausgeführt. Die Zurichtung des großen Gartens und die Bauwerke darin, den Unterrichtsplan und den größten Theil der Lehre -- Alles dankt man ihnen. Die tüchtigsten Maurerinnen und Schreinerinnen haben den Bau aufgeführt und die phantasievollsten Malerinnen und Schnitzerinnen haben ihn mit Bildern und Zierrath geschmückt. Die Vorhänge sind von den geschicktesten Teppichweberinnen gewoben. In die Herstellung und Unterhaltung der Parkanlagen ringsum haben sich die erfindungsreichsten und emsigsten Gärtnerinnen getheilt.
Haushaltung und Hausfleiß, Musik und Malerei, dramatische Kunst und Literatur, Natur- und Kulturgeschichte werden hier von zahlreichen Lehrkräften, die ihre Probe in der Ausübung bestanden, dem lernbegierigen Volke in freier Wahl vorgetragen. Und keine Wissenspolizei bewacht die einzelnen Lehren. Der gesunde Verstand, die emsige Forschung, die praktische Anschauung und Erfahrung, die unabhängige Kritik sind ebenso viele und bessere Wächter, als irgend ein Einzelner von Amtswegen.
In Teuta hingegen, Grege mußte lachen und zürnen zugleich! In Teuta sitzt ein leberkranker Querkopf, wie dieser Minus, als »Hoheit Oberlehrer« im »obersten Rath« und hütet den »heiligen Wortschatz« -- und nie dürfte ein Mann oder gar ein Weib sich beikommen lassen, gegen diese ruhmreiche Ordnung, die den Bestand und das Glück Teutas verbürgt, zu verstoßen, oder es wartet ihrer der »große Fluch« der Verdammung zu »ewiger Verhöhnung« beim Zarathustra-Feste!
Greges Augen schweiften über die schönen Menschengruppen, die den Park und die Halle füllten und den Worten der Meisterin Maikka lauschten. Maikka stand auf einem erhöhten Platz, vor einem großen Tisch. Sie sprach vollkommen frei, ohne Buch oder Heft, und im Eifer der Rede ging sie manchmal hin und her, bald die Hände auf dem Rücken, bald mit eindringlichen Bewegungen ihre Worte begleitend, den Kopf leis auf die Seite geneigt. Eine Bewegung gefiel Grege besonders gut. Wenn Maikka nämlich die fünf Finger der linken Hand an den Spitzen zusammendrückte und sich damit gegen die Stirn fuhr, als wollte sie sagen: Nun, liebe Leute, nehmt einmal eure fünf Sinne zusammen, damit ihr gut versteht, die Sache ist nicht so einfach. Das sah allerliebst aus. Die ersten Reihen der Zuhörer, auf losen Bänken, rückten nahe an die Sprecherin heran, die hinteren Reihen verloren sich aus der an drei Seiten offenen sechseckigen Halle in den Garten, und hier saßen die Uebrigen theils auf dem Rasen, theils auf Feldstühlen, oder sie lehnten zwanglos an den Bäumen oder sie gingen lauschend vor den dichten, grünen Bosketts auf und ab, denn die Anlage war so geschickt, daß sich kein Wort der Sprecherin verlor. Und wenn zuweilen ein Vögelein im Busch dazu zwitscherte, oder eine Zikade von der Wiese herüber dazu zirpte, so wirkte das gesprochene Wort um so inniger und ergreifender in dieser großen, fein abgetönten Harmonie der Natur. Mag der Wind in den Wipfeln lauschen oder sausen, mag ein Wolkenschatten über die Köpfe ziehen, was macht das der in sich gefesteten Ruhe und Heiterkeit des Geistes? Kommt aber gar ein wildes Wetter und rauscht der Regen nieder, so rückt man in der Halle zusammen oder flüchtet in die Nebenräume oder unter die Zelte. Im schlimmsten Falle wird der Vortrag abgebrochen und jeder rettet sich wie er mag.
-- Wie ist's im Winter? fragte Grege, als ihm Maikka auf einem Gang über die Felder die schulischen Einrichtungen Nordikas des Weiteren erklärte.
-- Der Winter ist womöglich noch köstlicher als Studierzeit. Da beziehen wir in Abtheilungen besondere Räume. Jeder Bezirk -- nein, ich habe Dich doch ein wenig genarrt mit meiner Landeseintheilung in Herz, Magen, Nieren, Mund, Schlund -- hast Du Hunger, sprich? -- jeder Bezirk hat seine Schulkolonie und seine Volkshochschule. Im Winter wohnen wir Alle, die mit der Schule als Lehrende und Lernende zu thun haben, möglichst dicht beisammen. Also ein großes, behagliches, wissenschaftliches Familienleben. Die Mahlzeiten und Unterhaltungen sind gemeinschaftlich. Das Hauptgebäude jeder Schulkolonie enthält außer den Vortragssälen, der Turnhalle, den Bibliothek- und Lesezimmern u. s. w. auch ausreichende Wohnräume für die ständigen Schüler.
-- Auch Werkstätten, Spielräume?
-- Aber selbstverständlich. Sogar Schwimmbäder für die Reinigung wie zu lustigen Wasserfesten, während draußen die Welt in Eis starrt und kracht, sogar Theater und Alles, was Geist und Herz erfreut.
-- Ach, Maikka, das sind für mich so neue Ideen- und Lebenskreise, daß ich meinem Kopf ordentlich zureden muß, das Alles aufzunehmen und in Ordnung zu behalten.
-- Das wundert mich nicht, mein Gast. Nur Zeit nehmen und Zeit lassen, das ist das ganze Geheimniß, um mit Allem fertig zu werden. Das ist für uns in Nordika unsere beste Kunst. Wir haben immer und zu Allem Zeit. Uns plagt nie das Gefühl, daß wir Etwas versäumen. Drum leben wir auch so furchtbar lang, das heißt, das Leben kommt uns nicht kurz und zeitbeschränkt oder überladen vor.
-- Eine Zwischenfrage! Du gestattest schon, Meisterin, daß ich als beflissener Schüler Alles durcheinander frage. Warum sieht man bei Euch all' die tausend Apparate nicht, in den Häusern, an den Wänden, an den Wegen, die bei uns in Teuta auf Schritt und Tritt geräuschlos den Verkehr vermitteln und so viel Zeit sparen helfen?
-- O, weil wir ohnehin Zeit genug haben. Weil wir kein Gespensterleben führen mögen, sondern überall persönlich dabei sein wollen. Weil tausend Dinge, die Euch wichtig scheinen, uns nicht im geringsten kümmern. Und so noch ein Dutzend Weilweil. Siehst Du, die Menschheit hat nie weniger Zeit gehabt, also auch nie weniger gelebt, als im großen Maschinen-Weltalter. Sie sahen Alles, hörten Alles, beschwatzten Alles, bekrittelten Alles, wußten Alles -- nur Eines nicht, daß das wahnsinnige Narrethei und kein Menschenleben ist. Ist auch nichts dabei herausgekommen, kein Glück, keine Schönheit, kein Friede, keine Freude. Das Maschinen-Weltalter! Wir in Nordika haben es auch damals nicht so toll getrieben, wie die Anderen, die weiter unten wohnen in der Geographie und sich als die Spitzenreiter der Zivilisation bejubelten, bis sie in den Graben purzelten, wie blinde Eseltreiber. Nein, wir haben bei Zeiten damit aufgeräumt. Alles überflüssige Maschinenwerk ist bei uns abgethan. Schon lange.
-- Ja, das war gut. Ich erinnere mich, in Teuta hat man immer etwas Mechanisches unter den Füßen, unter dem Gesäß, zwischen den Fingern, in den Ohren, vor den Augen und --
-- Nichts im Kopf! wollte Maikka herausplatzen, aber sie fand es eben so erleichternd, wenn sie bloß kräftig lachte.
-- Wenn wir Eure Schulen hätten! rief Grege nach einigen Sekunden, nachdem er sinnend stehen geblieben.
Maikka entschlug sich auch jeder übermüthigen Glosse zu diesem Teuta-Seufzer. Als ob ein Volk von Pedanten, Worthütern, Silbenstechern, Buchstaben- und Paragraphenfuchsern durch die Schulvermehrung nicht noch schlimmer und dümmer würde! dachte sie für sich. Gar keine Schule einige Menschenalter hindurch, eine radikale Hungerkur fünfzig Jahre lang für diese Wortfresser! Das brächte sie vielleicht zum eignen Nachdenken und zu thatenfroher Anstrengung. Aber nein, sie wollte ihm willig Auskunft geben ohne Harm und ohne Falsch.
Sie entwickelte ihm also die Grundsätze, denen Nordikas Bevölkerung die sogenannte Bildung verdankt. Sie wies ihn darauf hin, daß das im jungen Menschen sehr zart und allmählich erwachende Seelenleben weder durch eine große Menge von Eindrücken, noch durch Unverständliches verwirrt und in seiner Entwicklung belastet werden dürfe. Das Kind solle vor seinem achten Jahre überhaupt keinerlei systematische Anleitung in irgend etwas, das wie ein Unterrichtsfach aussehe, erhalten. In der ersten Schule, zu der kein Kind vor seinem zehnten Jahre zwangsweise verpflichtet werden dürfe, sei nur in den Grundelementen der Anschauung und des Wissens, also im Lesen, Schreiben, Zeichnen, Rechnen, sowie in der vaterländischen Geschichte zu unterweisen, ja nicht abzurichten oder anzuquälen. Erst im jugendlichen Alter, und hiezu rechnete Maikka wie alle ihre unterrichteten Landsleute die Zeit vom achtzehnten bis dreißigsten Lebensjahr, sei der gesunde Mensch im Stande, das geistig Aufgenommene ohne Gefährdung seines körperlichen und seelischen Wohlbefindens zu erfassen, durch eigene Gedankenthätigkeit zu verarbeiten und in Wirklichkeit zu verwerthen. Da bleibe der Mensch in natürlichem Wachsthum, ohne zu künstlicher Blüthe und raschem Verwelken gepeinigt oder zu allerlei Krüppelhaftigkeit im Geistigen und Leiblichen herangezüchtet zu werden. Wie alt an Jahren Grege zum Beispiel sie schätze?
Er stutzte. Denn nach seiner Schätzung mußte hier ein Widerspruch mit ihren Worten vorliegen. Wie konnte sie schon Meisterin in so jugendlichem Alter sein? Er ließ den Blick wiederholt über ihre blühende, kernige Gestalt hin- und hergehen, er prüfte die Linie ihres so schön geschnittenen Mundes mit den jauchzend rothen Lippen, er prüfte die Winkel ihrer großen, blaublitzenden Augen mit den langen, dunklen Wimpern und den hohen Bogen der dichten, fast schwarzen Brauen -- nirgends ein Fältchen oder Runzelchen oder sonst ein verrätherisches Zeichen, das über die Jugend hinauswies. Gewiß, sie war älter als Jala, mindestens vier bis fünf Jahre älter, vielleicht gleichalterig mit ihm selbst, aber das Reifejahr, das er soeben erst aus ihrem eigenen Munde mit dreißig festsetzen hörte, konnte er ihr unmöglich geben.
-- Lach' mich nicht aus, Maikka, aber so Ende der Zwanzig, nein, wär's möglich?
-- Doch, doch, mein scharfsinniger Herr. Daran liegt uns Nordika-Frauen nichts. Ich fragte nur Deiner Menschenkenntniß wegen. Bei uns giebt's keine alten Menschen, verstehst Du, nur langlebige giebt's. Ich bin schon drei Jahre im Amt. Jawohl, volle drei Jahre.
Grege wollte in Verwunderung ausbrechen.