In Purpurner Finsterniß Roman-Improvisation aus dem dreißigsten Jahrhundert
Part 8
Nach dem Bade reichen sie ihm ein neues Gewand, bestehend aus Hemd, Wams und kurzem Beinkleid. Er fragt nach seinen alten Kleidern. Sie verneinen, sie wissen von nichts.
Nachdem er mit ihrer Hilfe angekleidet, öffnet die Eine eine Thür, die Andere geht voran, und zwischen beiden Mädchen schreitet Grege, die Sinne fast umflort wie im Traume, in das hohe Speisegemach.
Die Dienerinnen laden ihn ein, mit freundlicher Handbewegung, am gedeckten Tische Platz zu nehmen, und entfernen sich wortlos.
Grege steht, wie verzaubert, in Erwartung. Aber es rührt sich nichts. In dem hallenartigen Raum, durch mildes, gleichmäßiges Oberlicht erleuchtet, die Wände mit Landschaftsbildern in zarten Farben geschmückt, athmet eine sanfte Stille. Alles umfängt hier den Menschen so weich und innig und doch so bestimmt in verborgener, lebendiger Kraft. Nichts Flaues, Zugerichtetes, Ausgelebtes, Mechanisches wie in Teuta. Eine tiefe, starke Seele durchzieht Alles. Selbst das Schweigen spricht wie Musik an.
Grege steht immer noch, von all' den überraschenden Eindrücken erfüllt -- aber es fällt kein Wort, es zeigt sich kein Gesicht, ihn aus dem Banne zu erlösen und ihn sich selbst zurückzugeben, daß er sich frei und überlegsam mit der ungewohnten Umgebung in bewegte Harmonie setze, daß er nicht nur empfange, sondern auch aus seiner Persönlichkeit Einiges spende. Er ist doch nicht bloß eine Figur, die man schiebt und richtet und hinstellt, wo ein fremder Wille, und wäre es der freundlichste, sie haben will?
Seine Stirn runzelt sich. Ist das eine Schaustellung, eine Komödie, die sich ein unsichtbares Publikum mit ihm aufgespart hat? War das der Weg, um seiner Natur Freiheit und Würde der Selbstbestimmung zu verschaffen? Mit der Gewaltthat der rohen Angelos ist er fertig geworden, will ihn jetzt die Feinheit der Gastfreundschaft überlisten, daß er selbst in ein fremdes Joch schlüpfe?
Sein Blick gleitet über den zierlich gedeckten Tisch. Zwischen den kunstvoll gearbeiteten Gefäßen prangt ein bunter Strauß -- Blumen, so schön und farbenreich, wie er in Teuta noch keine gesehen. Doch was soll ihm das? Eine Handvoll Surros genügte ihm, den Hunger zu stillen. Er selbst war chemischer Künstler genug, sobald er die Rohstoffe und einige zweckmäßige Werkzeuge hatte, sich seine Speise in winziger und doch kraftreicher Form herzustellen. Hier war das Meiste aus der Hand der Natur, ohne viel Menschenwerk: Früchte, Eier, Säfte, dazu barbarische Sachen, die den Tod von Thieren zur Voraussetzung hatten, unvereinbar mit Teutas strengen Kultursitten. Und warum sollten Teutaschwüre in Nordika nicht gelten, für ihn nicht gelten?
Sein Blick umkreist die Wände. Nirgends die Spur von jenen zahlreichen Apparaten, mit denen man in Teuta umgeben ist, um jederzeit auf dem Wege des Hörens und Sehens sich in jede beliebige Ferne mitzutheilen und von überall her Mittheilungen zu empfangen. Auch auf dem Tische und am Stuhle keinerlei Verständigungsmittel. Unvermögen in mechanischen Künsten wird dies kaum sein, wohl aber berechnete Absicht. Gewiß, auf seiner ersehnten Insel würde er sich auch einrichten ohne verwickelte Maschinerie. Aber hier? Im Lande der magnetischen Zaubermächte? Der leuchtenden Erde?
Grege schloß einen Augenblick die Augen mit der Hand.
Dann fiel sein Blick auf seine neue Kleidung. Ein weiches und doch starkes Gewebe von lichtbrauner Farbe, ungewöhnlich im Schnitt, jedoch nicht unbequem. Die Figur tritt männlicher hervor, in energischeren Umrissen, als in den sack- und mantelartigen Gewändern, welche Teuta's Staatsweisheit vorschreibt. Aber mit welchem Recht hat man ihm die alten Kleider vorenthalten?
Nichts rührt sich? Warum erscheint Maikka nicht?
Er blickt gegen die Thür, durch welche ihn die Mädchen eingeführt. Sie ist in die Wand eingefügt und wie diese bemalt, ohne unterscheidendes Merkmal.
Wie er sich umwendet, ist der Tisch in den Boden versunken. Der Raum ist leer.
Grege lächelt. Nun ist er um sein Frühstück gekommen.
In demselben Augenblick treten durch eine unkenntliche Thür auf der gegenüberliegenden Seite zwei Jünglinge, gekleidet wie er, und winken ihm, ihnen zu folgen.
Er gehorcht. An der Thür bleibt er noch einmal zögernd stehen und sieht zurück. Der Raum ist licht, still, leer, wie zuvor.
Die Jünglinge sind frische, prächtige Gestalten. Darum dürften sie aber doch den Mund aufthun, dachte Grege, dem das ewige Schweigen endlich unheimlich wurde.
Sogar Fox schien sich Schweigen gelobt zu haben. Was hätte Grege darum gegeben, jetzt sein fröhliches Bellen zu hören. Und wäre der Hund in der Nähe, könnte auch die Herrin nicht ferne sein. Warum kümmert sie sich heute nicht persönlich um ihren Gast?
Was sich jetzt knurrend meldete, das war Greges Magen. Das Frühstück als Licht- und Schattenspiel hatte nichts Sättigendes. Aber war's nicht Greges eigene Schuld, daß er nicht zugegriffen?
Die Jünglinge führten ihn schweigend vorwärts, in raschen, taktmäßigen Schritten, durch einen langen Laubgang, dessen grüne Wände so dicht und hoch waren, daß sich Grege keinen Begriff von der Oertlichkeit machen konnte. Weißer Sandpfad, grüne, mauerdicke Hecken, darüber ein Streifen vom sonnenwarmen blauen Himmel, geradaus, in perspektivisch verschwindender Linie.
Das Tempo des Dahinschreitens wurde immer eiliger, so daß Grege gar nicht Zeit hatte, eine Frage an seine behenden Führer zu thun. Schließlich ging's im regelrechten Dauerlauf. Wie von einer geheimnißvollen Macht getrieben, ahmte Grege Alles nach. Er wäre nicht mehr im Stande gewesen, zurückzuschauen oder zurückzubleiben. Vorwärts, vorwärts, ohne Besinnen! Links und rechts in den Hecken schien ein Vogel laut zu werden, bald flog auch einer herüber oder hinüber. Vorwärts, vorwärts!
Grege hielt den Mund offen, um voller zu athmen. Seine Brust arbeitete, seine Haut wurde schweißwarm.
Plötzlich hielten die Jünglinge an und ordneten sich mit Grege zu einer Reihe.
Der Eine hob die Hand hoch, wie zum Kommando. Grege begriff nicht gleich. Nun zählte der Andere: eins, zwei -- drei!
»Ein schlechter Mann, der nicht der Erste sein will!«
Wurde das Wort wirklich gesprochen oder sauste es ihm nur in der Erinnerung an die letzte Nacht durch den Kopf?
Bei drei sprang Grege mit seinen Wettläufern a tempo ab, in kurzen, hüpfenden Schritten, wie sie -- wer aber nicht als der Erste am Ziele erschien, war der junge Mann aus Teutaland.
Das Ziel war ein natürliches, die Ausmündung des Laubganges in eine weite, lustige Halle von leichter Holzarchitektur mit reicher Schnitzerei im Gebälke. Es war ein eleganter Bau, bestimmt zu Spielen und allerlei Leibesübungen, mit, und ohne Geräthschaften.
Es gab keinen Ausweg. Grege mußte eintreten.
Er war erstaunt, eine große Gesellschaft von Jünglingen und Jungfrauen in dem Raume zu finden, der ihm beim ersten Blicke von ganz unübersehbarer Ausdehnung dünkte. Noch erstaunter aber war er, als aus den Reihen der Jungfrauen ihm plötzlich Maikka entgegentrat.
-- Willkommen, Gast! Damit reichte sie ihm die Hand.
Endlich der erste gesprochene Gruß an diesem seltsamen Morgen. Nach der merkwürdigen Wettlauferei mit nüchternem Magen fühlte Grege, wie sein Gesicht eines gewissen grimmigen Ausdrucks sich nicht erwehren konnte, auch fand er keine freundliche Erwiderung auf Maikka's Willkomm. Er begnügte sich mit einer stummen Verneigung.
Maikka musterte ihren Gast von Kopf zu Fuß und schien sehr befriedigt.
Grege aber blickte sie an, als wollte er fragen: Wie komm' ich daher, was thue ich in diesem Haufen fremder Menschen? Was treibst du selbst hier, außerordentliche Frau? Ist das hier deine Schule, dein Lehramt?
Die kluge Frau las ihm die Fragen von den Augen ab.
-- Ich kann Dir nicht jede einzelne Person vorstellen, aber jede ist würdig, von Dir gekannt und geschätzt zu werden.
Grege nickte höflich.
Maikka fuhr fort: -- Wir üben uns hier im Ring- und Reigenspiel, im Springen und Schlagen. Nimm theil, Grege!
Das war wieder mit der bezwingend lieben Stimme gesagt und mit dem süßen Sprühen der dunklen Augen begleitet.
Bevor Grege überlegte und zu irgend etwas entschlossen war, hatte er schon einen langen Stab in der Hand und stand in Reih und Glied und machte, so gut es gehen wollte, die kommandirten Sprünge mit. Dergleichen hatte er noch nie erlebt. Nicht einmal zur Empörung und zum Widerspruche wurde ihm in diesem »freien Lande« Zeit gelassen. Ohne Besinnen wurde er mit fortgerissen.
Eine Pause. Lachend und plaudernd standen Alle, so zwanglos wie möglich, jedoch ohne die Reihe aufzulösen.
Maikka trat, mit lieblich geröthetem Antlitz, denn sie hatte alle Sprünge mit ausgeführt, auf Grege zu: -- Wie gefällt es Dir?
Grege: -- In Teuta hätte mich's verrückt gemacht.
-- Und hier beglückt es Dich, das ist der Unterschied! fiel ihm Maikka in's Wort.
Mit zweimaligem Aufsetzen der Sprungstange flog sie wieder an ihren Platz vor der ersten Reihe. Sie kommandirte einen Sing-Reigen, der von der Hälfte der Jünglinge und Jungfrauen, paarweise am Stabe verschlungen, ausgeführt wurde.
Der Gast aus Teuta konnte nicht genug schauen, so anmuthig und heldenhaft schön waren die Bewegungen und Stellungen dieser blühenden Menschen, und so jubelnd und innig ihr Gesang. Er glaubte die Verse zu vernehmen:
Frisch, frei und froh, mein Kind! Dein Sinn sei leicht wie der Wind, Dein Muth bewährt wie Gold, so bleibt das Glück dir hold -- Trala, Dir hold, trala, Dir hold.
Fest in Treue stets geschlossen Sind wir stolzen Volkes Sprossen Dir in Liebe zugewandt, Nordika, heiliges Vaterland -- Heil, Vaterland! Heil, Vaterland!
Die ferneren Strophen des langen Sing-Reigenspiels überhörte Grege, nur der feurige Klang und der stürmische Rhythmus nahmen seine Aufmerksamkeit gefangen, wie das herrliche Schauspiel der kunstvollen, aber wie selbstverständliche Natur wirkenden Verschlingungen und Figuren sein Auge entzückte.
Am Schlusse dröhnte es förmlich wie Wetterbrausen mit elektrischen Schlägen:
Nordika, heiliges Vaterland!
Denn auch die nicht mittanzende Hälfte fiel jetzt aus voller Kehle in den Gesang mit ein -- aber Maikkas Stimme glaubte Grege wie Trompeten-Ton über dem harmonischen Gewoge schweben zu hören. Das war ihm ein unerhörter Ohrenschmaus. Und das berauschend aufsteigende, machtvoll ausklingende
Heil, Vaterland! Heil, Vaterland!
ging ihm durch Mark und Bein. Thränen traten ihm in die Augen. Von dieser alles bezwingenden Gewalt des Gesanges und der Vaterlandsliebe hatte er seither keine Ahnung gehabt.
In Teuta kannte man das Gefühl der Vaterlandsliebe überhaupt nicht. Dort galt nur der Begriff vom »Staat« und »Reich« als eines künstlich aufgebauten Gesellschafts-Körpers, an dem nur der Verstand, aber niemals das Gefühl betheiligt war, auch gab es dort keinen natürlich quellenden Enthusiasmus für irgend etwas, sondern nur eine eingelernte Ruhmredigkeit, die sich in erhitzten Phrasen ergoß, ohne echtes Feuer, ohne natürliche Wärme. Und wo fiele es den Teutaleuten, Jünglingen und Jungfrauen, Männern und Frauen, jemals ein, ein Lied anzustimmen, einen gemeinschaftlichen Gesang steigen zu lassen, die Seele losbrechen zu lassen in einer Fluth von Tönen und wuchtigen Harmonien? Wenn sie singen jemals gelernt hatten, heute hatten sie's sicher verlernt, seit Menschengedenken hat man im Teutareich keinen Volksgesang gehört. Warum fehlt das dort? Weil die Seele fehlt. Weil Alles in seelenlose Mechanik umgewandelt ist. Drum kennt man auch nur mechanisches Musikmachen, ohne Sinn und Gefühl, wie man nur verstandesmäßige Staatsbegriffe kennt, ohne Vaterlands-Empfindung.
Und Grege liefen die Thränen über die Wangen, er stand betäubt, selig erschüttert und todtbetrübt zugleich.
-- Nun? fragte Maikka, mit glänzenden Augen und hochklopfender Brust auf ihn zutretend. -- Was sagt Teuta dazu?
Grege wischte sich die Augen und schüttelte den Kopf: -- Nie hätte ich das geglaubt, nie habe ich das gehört, kein Mensch hat mit daheim davon gesagt.
Maikka gab ihm einen leichten Schlag auf die Wange: -- Du bist ein guter Mensch, aber Deine Landsleute daheim sind arme Murmelthiere. Das haben sie von ihrer größenwahnsinnigen Abgeschlossenheit und Verbohrtheit.
-- Woher weißt Du das, Maikka? Woher kommt Dir all' die Kenntniß? Bist Du je bei uns gewesen?
Sie ließ ihre Augen und Zähne blitzen und lachte mit dem ganzen Gesicht: -- Nein, danach hat mich nicht gelüstet. Aber wir haben einen guten Kundschafter. Wir sind von Allem unterrichtet, Du närrischer Königssproß von Teutaland.
Plötzlich wurde sie sehr ernst, und als Grege, verblüfft von ihrem letzten Wort, mit Fragen auf sie eindringen wollte, legte sie den Finger an ihre Lippen.
-- Und nun, mein Gast, hab' ich eine halbe Stunde Zeit, ich bin schon seit fünf Uhr an der Arbeit, lass' uns einen Gang in die Sonne machen.
Sie gab einem Jüngling einen Wink, flüsterte ihm ein paar Worte zu und entfernte sich mit Grege durch einen schmalen Heckenpfad hinter der Halle, hinaus in's Freie.
* * *
Scheu betrachtete Grege die neben ihm schreitende Frau von der Seite.
Sie errieth seinen Blick und beantwortete ihn mit einem anderen, der sagte: -- Verbeiß nur Deine Frage, Grege. Darauf bekommst Du keine Antwort. Das ist Staatsgeheimniß. Vorläufig wenigstens.
Und Grege verstand den Blick und biß sich auf die Zunge.
Maikkas beweglicher Geist ließ ihm keine Zeit zum Grübeln und Tüfteln.
-- Sprich, Grege, bist Du beschlagen in europäischer Geschichte?
-- Ich glaubte es, bis gestern. In Nordika zweifle ich daran.
-- Lass' hören: Was hinterließ uns der Mensch der Steinzeit?
-- Eine Erinnerung.
Maikka lachte hellauf: -- Das ist Poeten-Ausrede für sachliches Nichtwissen.
-- Teuta kennt und duldet keine Poeten. Du thust mir Unrecht, Maikka.
-- Ach, Du willst Dich drücken. Du gebrauchst Ausflüchte. Ernsthaft, Grege: Was hinterließ uns der Mensch der Steinzeit?
-- Kehrichthaufen, Kjökkenmöddinger.
-- Sehr gut. Und was hinterließ uns der Mensch der industriellen und kapitalistischen Metallzeit?
-- Auch Kehrichthaufen. Ruinen, Museen, Arsenale, einen traurig zusammengeschrumpften Rest Menschheit. Kehrichthaufen, wie ich sage.
Als Maikka schwieg, fügte er wie entschuldigend bei: -- Für Nordika gilt das wohl nicht.
-- Doch, doch, zum Theil auch. Wir hatten vor tausend Jahren auch an dem großen europäischen Krach mitzutragen und die Zeche mitzubezahlen. Unsere Menschheit ist der Zahl nach gleichfalls bös zurückgegangen. Aber das gab schließlich die einzige Möglichkeit, die Völker Europas, soweit sie kulturfähig waren, auf eine neue Bahn zu bringen. Es war geradezu ein Segen, ein grausamer Segen, daß über vier Fünftel der europäischen Bevölkerung in jenen Katastrophen draufgegangen sind. Was nach dieser furchtbaren Musterung übrig geblieben, war doch eine Art Auslese. Natürlich blieb auch noch schlechter Kleinkram übrig, eben weil er Kleinkram war und durch allerlei günstige Zufälle mit durchschlüpfen konnte.
-- Namentlich bei uns in Teuta. Wir haben es heute noch auf keine Million Menschen gebracht, behaupten unsere Volkszähler.
Maikka blieb eine Sekunde sinnend stehen, dann ließ sie ihre Augen auf Grege blitzen: -- Du bist ein herrlicher, natürlicher Ausnahmemensch, mit Dir kann man reden. Hör' mal, Grege, was Ihr in Teuta treibt, schreit doch zum Himmel. Das ist eine Staatskunst von Idioten und Feiglingen. Da Ihr doch einmal keine freien Naturmenschen sein wollt, meinetwegen, so fristet Euch als Staatskünstler durch. Aber wenn man nicht mit der Natur hausen kann, muß man gleich ein Verbrecher gegen die Natur sein? Hör' mal, Grege, hör' mal!
-- Ich verstehe nicht, Maikka, was meinst Du?
-- Wär's möglich, daß Du für die Schmach Deiner Teutaleute selbst so wenig Empfindung hättest?
-- Sprich deutlich, ich bitte Dich! Wie soll ich nun plötzlich hier, an Deiner Seite, an Alles denken, was je Schmachvolles daheim in Teutaland geschehen? Sprich, Maikka! Was stürmt hier nicht an unbeschreiblichen Eindrücken auf mich ein -- und da soll mir Schmachvolles gegenwärtig sein, das weit hinter mir liegt?
In düsterem Ernst fand ihre Stimme nur tiefe, rauhe Töne, als sie, die Hand auf Grege's Schulter legend, halblaut hervorstieß: -- In Teutaland verhandelt man die Leibesfrucht gegen die Brotfrucht, man frißt seine eigenen Kinder -- und spielt den Fleischverächter? Weißt Du, was das für ein Volk bedeutet? Kennst Du den Fluch, den die Natur auf solche Verbrechen setzt?
Grege zuckte zusammen.
-- Kein Volk hat Zukunft, das seine Jugend preis giebt oder verschachert. Grege, begreifst Du das nicht?
-- Ich beschwöre Dich, Maikka!
Sie hatte jetzt ganz die unheimlich visionäre Art Jalas in Ausdruck und Stimme. Jedes Wort gab Grege einen Stich in's Herz.
-- Beschönige nichts, Grege, bei Deinem Heil! rief sie. -- Oder ich muß Dich wie einen Tollen aus meiner Nähe jagen.
Und als Grege sie streng fixirte, mit bebenden Lippen, als suche er vergeblich nach dem rechten Wort, fuhr sie mit wachsender Leidenschaftlichkeit fort: -- Das geht durch Eure ganze Geschichte, seit Jahrtausenden. Nie hattet Ihr Respekt vor der Jugend, vor dem eigenen Nachwuchs. Ihr habt sie geistig und körperlich gemartert, wo ihr konntet. Ihr habt sie in den Zeiten des Mittelalters durch Eure blödsinnigen Gelehrten in Schule und Kirche den Alterthümlern überliefert, den Römern und Griechen und Juden und ihrem blutigen Aberwitz, ihre Köpfe entnervt und ihre Seelen belastet und ihre Gemüther verdüstert. Ihr habt sie dann in Kasernen, Zuchthäuser, Fabriken gesperrt, jede heilige Individualität mit Füßen getreten, Jahrhunderte lang sie ausgeschunden um elender Idole willen. Ihr habt sie dem Moloch des Militarismus, des Industrialismus, des Mammonismus zu Hunderttausenden hingeworfen, wie man einem Geier Aas hinwirft -- --
-- Halt ein, Maikka!
-- Ihr habt sie gepeinigt mit jeder denkbaren Pein, mit Verfolgung, Hunger, Noth und Elend in tausend Gestalten, Ihr habt sie als Dünger über alle Erdtheile gestreut, und die armen Mädchen als Weihrauch auf alle Lasterpfannen gelegt in der Ehe, in der Prostitution, in den -- -- der Millionenstädte -- --
-- Bis der große europäische Krach kam und die große Schicksalswende, Maikka. Ich bitte Dich, halte Maaß. Das that man in jenen unseligen Zeiten nicht bei uns allein, das geschah, stärker oder schwächer, fast in allen Ländern Europas. Und wenn die Todten, die die Vergangenheit nicht alle begraben konnte, an die Ufer der neuen Zeit geworfen wurden -- sprich, Maikka, welches Völkerhaus hat heute nicht noch seinen Leichnam?
-- Du fabelst wieder in Bildern wie ein Poet, trotzdem Ihr in Teutaland keine Poeten duldet. Aber gut, Du sollst Recht haben. Den giftigsten und stinkendsten Leichnam jedoch beherbergt Euer Haus, Teutaland.
-- Bei meinem Leben, Maikka! Er soll hinausgeschafft werden!
Sie griff mit beiden Händen nach seinen Schultern, schüttelte sie, bohrte ihren Blick hinauf in sein flammendes Auge: -- Das soll ein Held gesprochen haben, Grege. Und nun schnell weiter, weiter, weiter, mich fröstelt im Schatten. Sonne, Sonne, himmlische Sonne! Freie Luft im freien Licht!
Sie waren in einen Hain mit weißschimmernden Birken und jungen Blutbuchen eingetreten, in deren flüsterndem Laub die goldenen Strahlen spielten. Maikka mußte Grege mit sich fortreißen. Denn nun waren in seinem Lockenkopfe die Gedanken rebellisch geworden und in seiner Brust war ein seltsamer Rumor.
Er zwang Maikka zum Stillestehn.
-- Bist Du nicht von Deinem ursprünglichen Gedankengang abgewichen, Maikka?
-- Nein, nein. Oder gleichviel. Komm' nur, wir haben schon den rechten Faden gesponnen. Soll ich's sagen? Dein grimmiges Teuta-Gesicht zuerst und dann Deine Thränen -- weiß ich's? Das hat mich eben erregt und außer mich gebracht. Grege, merk' Dir's, mit mir ist nicht zu spaßen!
-- Mit mir wohl auch nicht.
-- Das will ich hoffen, Grege. Du mußt ein ganzer Mann sein.
Nun hatte sie ihren lieben Herzenston wieder, ihre klare Güte.
-- Aber nun will ich Dir auch mit einer Frage kommen, Maikka. Anknüpfend an den Kehrichthaufen. Was glaubst Du, daß unsere Zeit hinterläßt?
-- O, ich kann nur für Nordika gut stehen, Grege: Freude wird sie hinterlassen. Freude, die aus dem Lebensmuthe quillt. Freude, die neuen Muth schafft. Mach' doch nicht wieder jenes Gesicht!
-- Der Muth muß aber nicht bloß eine Quelle, er muß auch einen Gegenstand haben, Maikka!
-- Freilich. Den größten und höchsten, den's giebt: Immer mehr Freude und Schönheit. Aber das ist schließlich dasselbe: Freude, Schönheit. Die Mittelalterlichen nannten es das Göttliche und verdarben sich das Menschliche damit und verekelten sich mit ihrem Himmel die Erde. Sieh' mal den lustigen Käfer, wie er behende über die Rinde läuft. Schön und drollig, nicht? Weiß er, woher und wohin? Kümmert er sich um den letzten Grund der Dinge?
-- Wir nennen's in Teuta das Mystische.
-- Schweig' mir von Teuta jetzt. Das Mystische!
-- Du glaubst nicht daran? An das unerforschliche Wesen, das uns hegt und trägt?
-- Fällt mir nicht ein. Kümmert uns Nordika-Menschen nicht. Das Mystische! Nicht im Mindesten kümmert's uns. Wir hegen und tragen uns selber. Ja, wir erlauben uns das, Grege.
Und nun lachte sie wieder.
-- Warum leben wir eigentlich, Maikka?
-- Weil wir da sind und weil uns das Leben gefällt. Sehr einfach.
-- Und wenn Dir das Leben einmal nicht gefällt?
-- Dann warte ich, bis es mir wieder gefällt. Ich ertrag's in der Hoffnung, daß es mir wieder gefällt. Interessant ist's ja immer, mit und ohne.
-- Mit und ohne, was heißt das?
-- Mit und ohne Gefallen. Aber hör' mal, Grege! Stell' dich nicht dumm!
-- Ich glaube, Maikka, Deine Vernunft ist so stark, daß sie mich in die schönsten Kinderträume zurückführen könnte.
-- Muß man Dich erst dahin zurückführen? Mit Vernunft? Ich bin mit Vernunft mittendrin, in jedem Märchen, Du Märchenprinz. Mittendrin!
Sie lachte, so übermüthig und ansteckend, daß Grege mitlachen mußte, ob er wollte oder nicht.
-- Du solltest mir Deine Geschichte erzählen, Grege. Aber siehst Du, sonderbar, ich erzähle mir sie selbst. Ich weiß Alles. Hörst Du? Alles!
-- Ich erkläre, daß Du dann mehr weißt, als ich selbst. Vieles in meinem Leben ist mir wie verriegelt und versiegelt, ich kann nicht dahinter kommen. Wieder Anderes, weite Strecken meiner Jugend -- ach, was rede ich!
-- Nun?
-- Ist so verschattet, daß ich's nicht mehr entziffern kann, es ist wie eine alte verblichene Handschrift.
Sie setzte wieder mit ihrem hellen Lachen ein: -- Poeten-Flausen! Was man nicht weiß, zählt nicht. Das mag so oder anders gewesen sein, was liegt daran? Nur das Bewußte ist das Wirkliche. Das Andere ist einfach nicht da, für uns nicht da. Was soll's uns also?
-- Das ist leicht gesagt. Hinweglachen läßt sich's auch nicht, was in unserem Leben dagewesen ist. Das bleibt unserem Schicksal einverwoben. Denk' nur an das Gesetz der Vererbung, das uns so Vieles mitschleppen läßt, wovon wir kaum eine Ahnung haben. Aber hat es uns nicht doch am Kragen, ob wir's wissen und wollen, oder nicht?
-- Vererbung! Wenn das so schrecklich buchstäblich zu nehmen wäre, dann hätten wir die Ehre, heute sammt und sonders stumpfsinnige, schmutzige Chinesen zu sein, wir Europäer. Schau' mich an, Grege: Bin ich stumpfsinnig? Bin ich schmutzig? Bin ich chinesisch?
Und sie stand vor ihm, die verkörperte Fröhlichkeit. Alles an ihr strahlte von Gesundheit und heiterem Geist. Sie ballte die Hände und streckte die Arme straff aus und mit ihren kräftigen Füßen stampfte sie den Boden.
Grege legte den Arm über den Rücken und besah sich das schöne Menschenbild lächelnd. Etwas Gegensätzlicheres zu seiner Jala hätte, er sich nicht vorstellen können. Weiter kam er in seinem Vergleiche nicht. Er konstatirte, daß er ein Wunder erlebe, darin sich die Schöpfung von einer neuen Seite offenbare. Tiefer vermochte er jetzt mit seinem Denken nicht einzudringen. Denn erstens gefiel Maikka seinen Sinnen über alle Maßen gut, zweitens wünschte er, weniger Hunger zu haben, als er in der That hatte.