In Purpurner Finsterniß Roman-Improvisation aus dem dreißigsten Jahrhundert
Part 4
Der Aeltere zog ein feines Elfenbeinkämmchen aus der Tasche und strich damit seinen Bart.
-- Originell ist er immerhin, dieser Typus.
-- Eine Hilfe in dieser verwünschten Irrfahrt ist er uns freilich nicht. In normaler Lage wäre er seinen Preis werth. So aber kann er uns selbst theuer zu stehen kommen.
-- Hoffentlich bringen wir ihn mit heiler Haut heim, die Rückkehr überhaupt vorausgesetzt.
-- Wenn wir nicht gezwungen werden, ihn als Ballast hinauszuwerfen. Wir gondeln bedenklich tief, da unten ist's Meer. In seinen Schlünden zwischen Eisbergen zu landen, dünkt mich kein wünschenswerther Abschluß unserer Fahrt. Schlechtes Geschäft. Verdammt kalter Wind, der da unten streicht.
Der Jüngere hatte diese Worte rauh herausgestoßen. In seinen Augen blitzte es seltsam.
-- Zweifellos sind wir verloren, wenn wir noch länger mit sausender Geschwindigkeit auf dieser schiefen Ebene abwärts gleiten. Lassen wir den Teutamenschen fliegen oder nicht, das ist jetzt die Frage. Es geht auf Tod und Leben.
-- Er schläft. Der Augenblick ist günstig. Mit einem Griff und Wurf ists gethan. Opfern wir ihn! Fort damit! Bist Du nicht entschlossen?
-- Sicher, das ist rasch zu machen. Vielleicht warten wir doch noch eine Minute, bevor wir die Beute preisgeben. Eine kleine Schwenkung der Luft und wir gewinnen neue Kraft. Ich bin nun nicht sicher, daß wir den Pol in der Nähe haben. Der Lichtschein ist noch zu schwach. Das ist kein Polarlicht von der richtigen Stärke.
-- Ebenso zweifellos ist, daß wir außerhalb des vernünftigen Kurses in der reinen Wüstenei irren. Kein einziges Fahrzeug weit und breit. Die verlassenste Gegend der Welt. Wir können uns nur über der öden Platte befinden. Für das Polarlicht ist die Jahreszeit nicht genügend vorgerückt. Das Ding funktionirt noch nicht. Ich bin für den kurzen Prozeß. Schleudern wir auf gut Glück die Last hinaus. Finden wir den Rückweg, können wir uns ein anderes Exemplar einfangen.
Grege fuhr aus einem furchtbar bösen Traume ächzend auf und richtete sich stracks empor, mit gesträubtem Haar, in bleichem Schrecken: Man hatte seine Jala erschlagen. Seine Jala erschlagen in der Irrniß, an fernem Strand! Sein Herz sprach ihm zu, es sei nicht möglich. So Grauenvolles und Sinnloses -- ganz unmöglich. Dennoch rang er in schneidendem Weh die Hände. Eher müsse die Welt, die ganze lumpige Welt in Trümmer gehen -- --
Blitzschnell faßte ihn der Jüngere von hinten, kreuzte ihm die Arme um den Leib und stieß ihn mit dem Knie hoch.
Instinktiv und in blinder Verzweiflung mit der Kraft der Todesangst schlug Grege mit den Beinen nach rückwärts so wuchtige Stöße, daß der überraschte Aeltere, vom Anprall getroffen, rücklings über den Bord stürzte, ohne die schwankende Gondel noch haschen zu können. Der Todtenkopf! Lautlos flog er in die Tiefe. Das Werk eines Wimpernzuckens, eines Augenaufschlags. Und die Luft muckste nicht, die Gondel kreischte nicht. Ein Mensch, der sich den Hals bricht, sonst nichts. Ganz zufällig.
-- Das hast Du gut gemacht, kreischte der Jüngere mit verzerrtem Gesicht, seinem Opfer nach der Gurgel fahrend mit eiserner Faust.
Grege hatte Blitze, Feuerschlangen und rothe Sterne vor, den Augen, blutigrothe.
-- Oho! Jala!! schrie er, wie ein Verrückter.
Und mit einem Stoß in die Herzgrube und einem fast gleichzeitigen Schlag von übermenschlicher Energie in die Augen streckte Grege seinen Gegner nieder.
Wie rother Qualm brach's durch die Luft, und eine frische Strömung hob das Fahrzeug.
-- Jala, das dank' ich Dir! Jala, Lebendige! --
* * *
Auf geheimnißvollen Pfaden flog das Fahrzeug weiter.
Nach unten war nichts zu sehen als ein riesiges Wolkengeschiebe, ein Zug von grauen Ungethümen, die die Erde verhüllten. Die Luft voll Salz.
Grege fühlte sich zum ersten Mal wieder als ganzer Mann, seit er die ihm aufgedrungene Fehde mit den Angelos so tapfer ausgefochten. Es war eine neue Kräftespannung in ihm geboren, er fühlte sich so frei und gehoben.
Hei, das war ein wirkliches Erlebniß, an dem er muthvollen, redlichen Antheil hatte. Den Einen beseitigt, den Andern zusammengehauen, das war ein Weg zur Klärung der dunklen Verhältnisse von Mann zu Mann.
Nun hieß es noch Ausdauer den unsichtbaren Mächten des Luftreiches gegenüber bewähren. Zähe auf der Hut sein! Mit der dumpfen Ergebung und wehmuthsvollen Beschaulichkeit war gebrochen.
Achtung, daß sich kein neues Unheilgespinnst um die Seele legt! Daß der Feind dich nicht mit Ränken umgarnt!
Der gezüchtigte Angelo gewann überraschend schnell seinen Gleichmuth wieder.
An den empfangenen Streichen hatte er einen Maßstab für die Leistungsfähigkeit seines Gegners gefunden.
Das war seine Erleuchtung, daß er an dem Teutamann nicht mehr einen Gefangenen, sondern einen erprobten Gegner hatte.
Mit der Vergewaltigung eines Schwächeren war's vorbei.
Grege verhehlte sich's nicht, daß die neue Seite des Lebens in ihrer Mischung von Brutalität und Bosheit, so sehr sie auch allen Lehren und Sitten der Teutaleute daheim wider den Strich ging, ein nicht zu unterschätzendes Gefühl der Frische und Behaglichkeit in ihm geweckt habe. Die Gefahr selbst, die seine Nerven unausgesetzt gestrafft hielt, empfand er als eine Bereicherung seiner Männlichkeit.
Ja, er empfand es als angenehmen Kitzel, seinem Gegner mit scharfgespitzten herausfordernden Fragen auf den Leib zu rücken.
-- Möchtest Du's noch einmal mit mir versuchen? Meinst Du, allein Fäuste und das Recht zu haben, sie gegen den Mitmenschen zu erheben? Meinst Du, daß von Dir zu mir ein anderes Gesetz gilt, als von mir zu Dir?
Und als der Angelo stirnrunzelnd schwieg, fuhr Grege beherzt fort:
-- Sag' jetzt, wie willst Du Dein Verhalten vor mir rechtfertigen?
-- Die Antwort eilt mir nicht, entgegnete der Angelo trutzig. Gieb mir von Deiner Speise, wenn Du noch Vorrath hast, der Hunger frißt mich.
Grege fand in seiner Tasche noch einige Surro-Kugeln, davon reichte er ihm eine.
-- Da, nimm und wohl bekomm's! Wir müssen den Rest eintheilen.
-- Ich hoffe, daß wir heute noch zu Speise und Trank kommen.
-- Warum hoffst Du das?
-- Sieh dort hinüber, die lichten Punkte! Wir haben guten Kurs, endlich!
In der That bemerkte jetzt Grege zu seiner freudigen Ueberraschung, daß sich auf der nämlichen Luftlinie in nicht allzu weiter Entfernung zwei andere Fahrzeuge hielten.
-- Sobald Anruf möglich, können wir uns Anknüpfung suchen. Geht's gut, werden wir uns schleppen lassen.
-- Und dann?
-- Dann kehren wir heim.
-- Wie verstehst Du das?
-- Wir haben bewohntes Land unter uns. Das Inselreich der Angelos ist nicht fern. Dort ist unser Ziel.
Grege stutzte. Also in's Land der Feinde, unentrinnbar, in die Gefangenschaft.
-- Unser Ziel? Was hast Du mit mir vor? fragte er und faßte den Mann kühn in's Auge.
-- Ich werde Dich absetzen, lautete die Antwort mit gespielter Harmlosigkeit.
-- Was heißt das, mich absetzen? Heraus mit Deinem letzten Gedanken!
-- Du wirst unser Gast sein.
-- Grege schüttelte den Kopf. Alles bäumte sich in ihm auf.
-- Und wenn mir das nicht behagt?
-- Es wird Dir behagen. Man wird Dich mit offenen Armen empfangen.
-- Wenn ich aber nicht empfangen sein will?
-- Man wird Dir die Ehre anthun, Dich als ein seltsames Kulturwunder zu feiern. Ist Dir das zu wenig?
Grege sann nach, wie er mit einem schlagenden Wort wie mit einem Hieb die unsichtbare Fessel zu durchhauen vermöchte, an der dieser freche Mensch ihn noch in Unterthänigkeit zu halten wähnte. Aber er fand es nicht. Innerlich stand ihm nur dies fest: keine Ueberrumpelung durfte mehr glücken, keine weitere Entziehung der Freiheit mehr möglich sein, um keinen Preis. Das Entsetzliche durfte sich nicht vollenden.
Endlich sagte er entschlossen: Wenn wir am Lande sind, werde ich frei meiner Wege geh'n, als Niemandes Knecht.
-- Vergiß nicht, daß vor Allem noch eine Rechnung zu begleichen ist.
-- Was für eine Rechnung?
-- Mit einem Kameraden zog ich aus, ohne ihn kehr' ich heim. Durch Deine Schuld. Du hast Ersatz zu bieten. Die Rechnung ist einfach.
-- Die Rechnung ist falsch! Ich erkenne sie nicht an, der Schuldige bist Du!
-- Das wird sich zeigen, ereifere Dich nicht.
Heiß stieg's in Grege auf. War das nicht empörend, so allen Thatbestand und Sachverhalt zu verkehren und gegen ihn zu wenden? Er der Schuldige, weil er als der Angegriffene in verzweifelter Nothwehr gehandelt?
Aber er fühlte sofort, daß da mit Gründen und Erklärungen nichts mehr zu richten sei. Nur eine That konnte aus dieser ruchlosen Verstrickung retten. Die That des Stärkeren. Nur Gewalt konnte ihm Recht bringen.
Also mußte er der Gewaltthätige sein, wollte er nicht dem Unrecht unterliegen. Das war das Gesetz, das außerhalb der Bannmeile von Teuta galt: Schaffe Dein Recht aus eigener persönlicher Macht, wende Gewalt an!
Nun erst wurde ihm der tiefe Sinn und die unbewußte Verantwortung seiner Flucht aus Teuta klar.
Was hatte ihn gegen die Gemeinschaft der Teutaleute empört, was hatte ihn aus ihrer Gesellschaft in die Flucht gejagt? Ein Gefühl und ein geheimer Bund mit dem Weibe. Jetzt setzte sich ihm in lichte Erkenntniß und Pflichtbewußtsein um, was bisher nur dunkler Drang in ihm gewesen. Jetzt galt's die Probe auf die Berechtigung seiner Selbstbestimmung.
Seine Flucht vor denen, die hinter ihm sind, verwandelte sich in Kampf gegen die, die vor ihm sind.
Die stille That wird zum hellen Aufruhr, zum lauten Kampf. Nicht mit den Beinen ist die Freiheit zu erlaufen, nicht als Geschenk des Zufalls wird sie eingeheimst. Als Siegespreis will sie erstritten sein.
Grege's Augen leuchten. Er strich sich die Haare aus der heißen Stirn. Er drückte die Hand auf die pochende Brust.
Er brauchte nur den Arm auszustrecken, so stieß er auf den Feind. Er brauchte nur unbedacht den Rücken zu wenden, so war seine eigene Niederlage besiegelt. Das ganze Luftreich stille, starre, theilnahmslose Natur. Und setzte er den Fuß auf die Erde, so wuchsen ihm zu dem einen Feind eine Legion aus dem Boden.
Sogar daheim fahnden sie nach ihm als Einen, der das Staats-Gesetz gebrochen und den Gesellschafts-Vertrag verletzt.
Das war jetzt sein Weltbild: Feindschaft ringsum. Seine Welterkenntniß: Teuta, aller Weltwirklichkeit entfremdet, vegetirte im Irrwahn. Die Teutaleute spielten eine traurige Rolle in der Weltgeschichte. Sie zehrten vom Gnadenbrot ihrer Nachbarn. Der nächste Sturm konnte das Kartenhaus ihres eingebildeten Glücks über den Haufen blasen.
Er wünschte, das ganz Teuta bei ihm in der Gondel säße und sein Geschick seit dreimal vierundzwanzig Stunden theilte. Diese Lektion könnte genügen. Sogar für die Weisesten im hohen Rath.
-- Wie war das mit dem Weibe, Grege? Zogst Du wirklich hinter einem Weibe her, als wir Dich einluden, in unser Fahrzeug zu steigen? fragte der Angelo mit boshaftem Lächeln.
-- Habe ich je nach Deinem Weibe gefragt? entgegnete Grege kurz.
-- Warum hast Du nicht gefragt? Deiner Wißbegierde sind keine Schranken gesetzt, junger Mann. Willst Du meine Leibspeise wissen? Willst Du den Stand meiner Sippe kennen? Willst Du wissen, woraus ich mein bestes Vergnügen ziehe? Oder interessirt Dich meine Hausnummer? Frage frisch drauf los. Spute Dich. Ich verhehle Dir nichts. Nicht einmal meinen Namen.
-- Dein Name ist Schurke! Wie ihn auch Deine Zunge aussprechen möge, Schurke immer und ewig.
-- Tobe Dich aus, bevor's zu Ende geht mit unserer Luftfahrt und Du unter gesittete Menschen kommst, Grege. Wonach gelüstet Dich? Versage Dir nichts, ich bitte Dich.
Grege's Blicke irrten unstät. Der maßlos kalte Hohn preßte ihm das Herz zusammen. Eine rettende Eingebung, Jala!
Merkte er, wie die Erde näher stieg? Wie auf wenige Hundert Meter eine weite Wiesenlandschaft sich dehnte? Wie ein anderer Geruch die Luft durchdrang, deren Salzgehalt ihm so lange fremdartig die Nase gekitzelt?
Er achtete nicht der halb gierigen, halb befriedigten Späherblicke seines Feindes. In einem einzigen Gedanken konzentrirte sich ihm Alles.
Ohne den Kopf auffällig zu wenden, hielt der Angelo scharf Auslug und berechnete bereits die Minute und den Platz, wo sich die Landung ermöglichen ließ. Uebermäßig günstig schätzte er zwar den Ort nicht, aber er war geübt genug, alle Vortheile rasch zusammen zu fassen -- jedenfalls würde er auch hier Mittel finden, seine Beute auf den Boden und in Sicherheit zu bringen.
Und im feurigen Ueberschlag der Ergebnisse war's ihm jetzt ein geschäftlich verdammt angenehmer Gedanke, daß er ohne Theilhaber von dem abenteuerlichen Beutezug heimkehrte. So floß der Gewinn ganz in seine eigene Tasche. Die ethnographische Menschengarten-Gesellschaft für vergleichende Rassen- und Sittenforschung mußte ihm sogar noch ein Uebriges zulegen für dieses lang gesuchte vollkommene Teuta-Original in Anbetracht der überwundenen Gefahren. Vielleicht ließe sich auch sonst noch Erkleckliches aus dem Kerl schlagen. Zum Beispiel im aristokratischen Damen-Klub für sexuelle Experimentir-Physiologie und Hypnose. Auch der Sportverein für Züchtung reiner Menschenrassen, dem sämmtliche königliche Prinzen angehörten, könnte für diesen rasseechten Versuchs-Mann interessirt werden. Kurz und gut -- Kalkulation und kein Ende.
Da -- alle Wetter!
Grege, wie von unsichtbaren Händen hinausgeschleudert, baumelt am Anker.
Eins, zwei, drei liegt er in der geringen Tiefe. Eilig sinkt mit ihm die Erde.
Das Fahrzeug nimmt einen neuen, überraschend schnellen Aufstieg. Jede gesunde Möglichkeit ist vorbei, dem Flüchtling wieder nahe zu kommen. Ihm nachstürzen, wär' sicherer Todessprung.
-- Alle Wetter! Verdammt, verdammt! So als Angelo überlistet und betrogen!
* * *
Nein, dieser Bim. Teuta hatte noch keinen aufdringlicheren Oberphysikus erlebt. Was ihm nur plötzlich durch's Gehirn gestiegen sein mochte, daß er jetzt Projekt auf Projekt thürmte? Das ist ja unheimlich. Dieser Narrentanz senilen Ehrgeizes und Erfinder-Wahnsinns. Teuta, ruhig und glücklich, so zu behelligen!
Ao war entschlossen, seine Hand nicht dazu zu bieten. Diese wissenschaftlich-technischen Neuerungen sind gefährlicher Unsinn.
Der Oberpriester warf noch einen Blick auf Bim's Blätter und Tafeln, dann schob er sie ärgerlich bei Seite.
-- Ewig diese sogenannte Wissenschaft! Wird man nie Ruhe vor ihr haben? Hypothetisches Helium, Linie D 3 Sonnenspektrum, Wellenlänge 587,74. Zweimal diese Galgenziffer neben einander. Wo er das nur wieder gestohlen hat! Eine neue Beleuchtung -- nein, ich mag nicht mehr. Teuta ist hell genug. Was meinst Du, Minus?
-- Zumal jetzt, Ao, wo uns diese Flucht-Geschichte auf den Nägeln brennt. Mir ist wahrhaftig Amt und Leben verleidet. Der ganze Kram ist mir zuwider. Ich kann nicht mehr. Alles bricht mir zusammen.
Ao kniff die wässerigen Augen ein und seufzte:
-- Mir auch, mir auch, Minus. Ach, ach, Theuerster!
-- Jala ist aus Deiner Sippe. Mit allem schuldigen Respekt, Oberpriester, Herrlicheres habt ihr nie hervorgebracht.
-- Sag' Unglückseligeres. Könnten wir einen Schleier darüber breiten! Wir haben schon so Vieles vertuscht, zum gemeinen Wohl, ließe sich nicht auch dieses vertuschen? Denk' nach, Minus!
-- Wenn uns nicht zugleich dieser Grege abginge. Das Volk ist erregt. Er war sein Liebling. Soundso nährt die Gährung. Er läßt durchblicken, wir hätten diesen letzten königlichen Sproß beseitigt. Und es giebt kein Fest, wenn das Volk nicht dem Grege in's Antlitz sehen kann.
Ao machte ein bekümmertes Gesicht.
-- Können wir für ihn nicht einen Anderen unterschieben? Sag', Minus, ginge das nicht? Es kommt doch nur auf die Illusion an. Nur auf die Illusion. Auf das Bild, das sich die Leute machen, suggestiv.
-- Es giebt nicht seines Gleichen im Lande. Keiner ist so schön gewachsen wie er. Oder weißt Du Einen? Sein still gefaßter Geist ist so harmonisch entwickelt, wie seine Muskulatur. Mag hier ein Wunder der Vererbung vorliegen oder nicht, es ist so. Er überragt. Mag's zum Grundgesetz unserer Weltgleichheit stimmen oder nicht, die Thatsache ist unfehlbar. Sag' ich zuviel? Keiner hat seine heldische Würde, seinen Liebreiz, seinen Zauber, Ao. Er und Jala! Ist es nicht wie ein Symbol, daß Beide gleichzeitig verschwunden?
-- Laß jetzt Jala aus dem Spiel. Die war keine öffentliche Person, keine Staatseinrichtung, sozusagen, aber Grege, freilich, der war Schauspiel von Staatswegen und Augenweide für Alle.
-- Das Volk hatte seinen Narren an ihm gefressen.
-- Ja, ja, Minus, das Volk! Es frißt auch wieder an einem Andern seinen Narren. Es will seine Komödie haben, das ist Alles.
-- Und eben die spielte ihm Grege mit seinen ausgezeichneten körperlichen Gaben zum Entzücken vor. Die Leute waren aufgelöst in Wonne. Ihr Zwerchfell war erschüttert wie ihr Herz, wenn er in seinem königlichen Komödiantenpomp hervortrat und die höfischen Zeremonien aus der alten Zeit vorspielte. Er war ihr Gott und Fürst und Hanswurst in diesem Augenblick in einer Person. Eine Art künstlerischer Dreieinigkeit zum Gaudium der Massen. Das war sein großer Erfolg. Ich glaube nicht einmal, daß ihm die Sache persönlich Spaß machte. Aber daran liegt nichts. Die schaulustige Menge amüsirte er königlich.
Ao stimmte bei und wackelte mit seinem glänzenden Fettkopfe. Dann flüsterte er mit speckiger Stimme:
-- Minus, unter uns: das entscheidet in der Welt, wer der größte Komödiant ist. Der größte Komödiant wird immer das Herz des Volkes für sich haben.
-- Das ist das Furchtbare in der Welt, daß sie im Grunde schrecklich und doch ohne Ernst ist. Drum hat auch das lächerliche Wort Uebermensch so viel Glück gemacht. Und das Zarathustra-Fest alle Feste besiegt.
Und Grege alle andern Volksbelustiger in den Schatten gestellt.
-- Das Zarathustra-Fest gipfelte in diesem Uebermenschen. Weiß denn Bim nicht Rath?
-- Geh' mir mit Bim!
-- Immer quält er uns mit seinen Entdeckungen und Erfindungen. Kann er denn da nichts machen?
-- Das ist ja lauter dummes Zeug, was er macht. Du hast's vorhin selbst gesagt. Linie D 3, Sonnenspektrum, Wellenlinie -- läßt sich daraus ein Grege fabriziren, Ao? Oder eine Jala?
-- Sprich mir nicht von Jala. Sie gehört nicht hierher. Das ist Deine persönliche Kümmerniß, Minus. Leider. Ein Mann in Deinen Jahren und Würden sollte darüber hinaus sein, erlaube das harte Wort. Ein Weib geht uns, als Gefühlsgegenstand, so wenig an wie das hypothetische Helium.
-- Du thust Dich leicht, Ao.
Der Oberpriester blies die Backen auf und machte die Augen rund wie Glaskugeln:
-- Das Gesetz ist da. Teutas unverbrüchliches Gesetz: Hänge Dein Herz an kein Weib!
-- Soll ich's an Bims Helium hängen? Das Herz ist eben auch da.
Ao machte sich kleiner und senkte den Kopf zwischen die fetten Schultern.
-- Für das Gemeinsame, Minus, nur für das Gemeinsame. Ach, muß ich die Rebellion an den Besten erleben! Zerbrich Dein Herz, Mann vom hohen Rath, fügt sich's nicht in's Gesetz!
-- Ich bitte Dich, Oberpriester, was redest Du!
-- So lange ich das erste Wort im Lande habe, weiß ich kein anderes, darf ich kein anderes wissen. Drücke mich nicht mit Deinem unrechtmäßigen Begehr. Ich kann nicht mehr. In Teuta ist kein Raum für leidenschaftliche Ueberschwänglichkeiten. Darum reinliche Scheidung zwischen Mann und Weib und strengste Regelung des Verkehrs. Keinen Mischmasch der Gefühle. Ich erliege der Last des Regiments, wenn sich solche Dinge häufen. Wie ruhig und glatt ging Alles die vielen schönen Jahre her, und nun auf einmal steigt mir ein Wirrsal um's andere auf den Nacken. Ach, ach . . . .
-- Gut, ich werde ein Ende machen.
-- Ja, thue das. Nimm Vernunft an, Du mein Bester. Entsage dem thörichten Weiblichen. Mach' ein Ende. Du bist zu alt zum Tanzen. Mach' ein Ende.
-- Noch vor dem Zarathustra-Fest.
-- Recht so. Noch vor dem Zarathustra-Fest. So bist Du Deiner würdig. Teutaland wird Dir's danken. Und wegen Greges will ich die Aeltesten vom Festbund vernehmen. Es sind kluge Leute. Die werden uns heraushelfen. Um Jala wollen wir jetzt nicht weiter jammern. Mach' ein Ende. Mach' Frieden mit Deinem Herzen.
-- Gewiß, das will ich.
-- Gut, Minus, ich habe Dein Wort. Nun sollst Du auch wissen, daß Du damit dem hohen Rath einen Stein des Aergernisses aus dem Wege räumst. Kaspe und Titschi hatten Wind von Deiner Sache und nahmen Anstoß daran. Allerlei Schwierigkeiten, Du verstehst mich.
-- Ja, ich verstehe Dich, guter Ao.
-- Und nun verlaß' mich. Morgen wirst Du dem hohen Rath eine Erklärung geben. Ich bin todtmüde. Mich verlangt nach Ruhe. Ganz Teuta peinigt die Sehnsucht nach Ruhe. Dich nicht auch?
-- Mich auch. Leb' wohl, Ao, leb' wohl.
Minus kämpfte schwer.
Sein Wille wurde, soweit er zurückdenken mochte, seiner Neigungen nicht Herr. Seine Nerven ließen sich nicht an die Ordnung binden. Sein Blut wollte sich keinem Zuspruch fügen. Alles war Widerstreit in ihm, Alles lag sich in den Haaren. Sein Befinden hatte sich dabei bis zur Unerträglichkeit verschlechtert.
Ewig sich selber Feind und Kriegsschauplatz sein und vor der Welt den sanften Meister der geistigen Zucht spielen? Den lächelnden Herrscher, der nur auf Siege blickt und auf Ruhmesbahnen schreitet, während er thatsächlich von Niederlage zu Niederlage taumelt und voll ist bis zum Halse von bitterem Ekel über sich und seine Mitwelt?
Fürwahr, eine plumpe Lügenpeterei war dieses ganze Leben, zu dem er sich als Angehöriger des Teutavolkes verdammt sah. Ein Genist von Ungeheuerlichkeiten der ganze Verkehr von Mensch zu Mensch. Nirgends Zug und Schwung, ein ewiges Hinkriechen und Beiseiteschleichen. Die Dümmsten die Verhätscheltsten, die Aberwitzigsten die Belobtesten.
Und diesen müffigen Lebensbrei auslöffeln, mit zugehaltener Nase, Tag für Tag, bis endlich die Sickerquelle des Bewußtseins und Begehrens im elenden Hinsiechen sich von selbst verstopft?
Da war noch ein bleicher Schimmer von Glück in einer ungewöhnlichen Holdseligkeit des Weibes. Er ist erloschen. Da war noch eine schwache Betäubung im Verkehr mit den Ausnahmegeistern der Vergangenheit. Gespensterspiel, nichts weiter. Was blieb? Nichts, was die Persönlichkeit über den Verdruß mit sich selbst hinaushebt. Nichts, was zu einer äußersten Kraftprobe befeuert. Nichts, was die verpönten Laster Verachtung, Zorn, Haß, Rache zu geheiligten Tugenden umwandelt. Eine einzige Nichtigkeit Alles. Und nun schleicht das Alter heran, die Verstumpfung der letzten kümmerlichen Daseinsreize, die Verzweiflung, die nicht einmal sich selbst mehr ernst nehmen kann.
-- Minus, verkadavere Dich, endgiltig, bevor es zu spät ist. Sogar der hohe Rath, der lächerliche hohe Rath, hat Wind . . .
Sein Auge glühte, sein Gesicht bedeckte tiefe Blässe.
Sein Fahrstuhl hielt vor der Thür seines Gemaches. Wie ein Schatten war er durch die lange Kreisbahn gehuscht, die aus der Tiefe der Beamten-Region zur oberen Schicht führte. Hier lag die Wohnung im neunundneunzigsten Bezirk, dicht an der Grenze der Männerhauptstadt.
Eine Mauer mit vielen Thoren, die mystische Inschriften trugen -- wie: Wille zur Macht, Selbstverneinung, Bejahung des Lebens, Nullpunkt der Gefühle, Schwelle des Unbewußten -- trennte die Männerhauptstadt vom Jenseits der Frauenhauptstadt. Denn das war der Triumph der moralischen Entwickelung in Teuta: Anerkennung der Gleichheit in der Trennung, Freiheit in der Bethätigung des Sonderwesens als Gattung, Mechanisirung der Empfindung bis zur Vernichtung der persönlichen Wahltriebe.
Vom Diesseits der Männer zum Jenseits der Frauen waren die Verkehrswege streng geregelt. Es gab offene Zeiten und geschlossene Zeiten.
Jetzt war geschlossene Zeit. Drum fiel es Minus auf, daß eine vermummte, zierliche Gestalt, aus dem Jenseits kommend, in später Nacht, ohne Fahrzeug sich herübertastete, mit kleinen, unsicheren Schritten, im Schein des verminderten Lichts.
-- Wer da? rief Minus und öffnete seinen Mantel, um durch seinen purpurnen Talar als Mann vom hohen Rat sich auszuweisen und in Respekt zu setzen.
Die zierliche Gestalt schlug die Kapuze zurück und erwiderte lächelnd:
-- Soundso grüßt Minus, Hoheit.
-- Ach, Soundso, Du, auf Schleichwegen?
-- Auf Schleichwegen, ja, wenn Du willst. Im Späherdienst.