In Purpurner Finsterniß Roman-Improvisation aus dem dreißigsten Jahrhundert

Part 2

Chapter 23,540 wordsPublic domain

-- Sehr einfach. Wie ich aus zuverlässigen Berichten weiß, sind bei den Slavakos wieder einige neue religiöse Sekten entstanden, welche es mit den Lehren ihres Heiligen, den sie unter den größten Auserwählten ihrer Rasse vor zweitausend Jahren entdeckten, noch viel strenger nehmen. Toistoji nennen sie sich. Diese Toistoji setzen ihre Seligkeit in absolute Enthaltung von jedweder Fortpflanzung aus eigenem Samen und wählen ihre Anhänger aus den jüngsten Jahrgängen . . .

-- Beachtenswerth, rief Ao erbaut, das nächste Mal erbitten wir uns weitere Aufschlüsse, Kaspe. Die Zeit ist heute zu vorgerückt. Ich habe noch andere Fragen. Zunächst die: Wie stehen wir zu den Angelos? Hat sich unsere Abschließungszone gegen sie erweitert? Ist unsere Grenze genügend geschützt? Die Angelos verharren in der Barbarei ihrer alten Ordnung und sind Feinde unserer Ruhe. In jedem Blutstropfen lauert ihre Herrschgier. Liegt nichts Verdächtiges vor?

Als Titschi den Kopf schüttelte, räusperte sich Soundso, als wolle er wieder das Wort nehmen. Aber nun kam ihm Titschi zuvor, um nicht durch eine neue Verschnappung seines jungen Gehilfen umständliche Erörterungen und damit eine lästige Verlängerung der Sitzung herbeizuführen.

-- Nein, es liegt nichts vor. Seit Jahren ließ sich keiner von diesen Störenfrieden an der Grenze unseres Reiches blicken. Unsere Abschließungszone gegen das Meer hat sich inzwischen um weitere bedeutende Flächen vermehrt, der Wüstengürtel hat sich verbreitert. Die sanften Slavakos, obwohl sie immer weiter nach Westen drücken, sind unsere vertragsmäßigen Freunde. Die Frankos scheinen wirklich stille Leute geworden zu sein, von liebenswürdiger Gesinnung. Weitab wohnen die kleinen Völker, die ihrer turbulenten Neigungen zwar noch nicht ganz Herr geworden sind, aber zu fernen Abenteuern jeden Anlaß verloren haben. Ich kann mir kein friedlicheres Bild unserer Beziehungen zur Umwelt denken. Je tiefer der Trieb unserer Leute im Leben und Bauen geht, desto weniger Angriffspunkte bieten wir.

-- Ja, unter der Erde ist gut und sicher wohnen, zirpte Kaspe. Schade, daß wir die alten Kulturdenkmäler nicht auch unter die Erde bringen können. Das Königsschloß, das Gotteshaus, die Kaserne, das Museum, das Zuchthaus -- gäbe es wirklich kein Mittel, sie tiefer zu legen? In der Luft ist ohnehin die Verwitterung so stark, daß uns die Unterhaltungskosten mit der Zeit drückend werden können. Oder wollen wir sie wie die Fabrik mit ihren neunundneunzig Schlöten ruhig dem Verfall und dem Einsturz überlassen? Sattgesehen hat man sich in den vielen Jahrhunderten auch daran. Ich glaube nicht, daß unsern Teutaleuten das Herz an diesem Gerümpel hängt. Für diesen Ausfall erfinden sie sich reichlich neue Vergnügungen.

-- Neue Vergnügungen, lispelte Soundso mit lächelnder Lammsmiene, ja, das ist das herrliche Problem, neue Vergnügungen, Hoheiten!

-- Mein kluger Soundso vergißt, daß bei uns Alles Eintracht und Zufriedenheit athmet. Probleme sind Keime für Umwälzungen. Diejenigen, welche Revolutionen gemacht haben, dulden nicht, daß man nach ihnen welche machen wolle. Mit Recht oder Unrecht, so ist's.

-- Der Ton wird bedenklich, sagte Ao feierlich, ich hebe die Sitzung auf.

Der Oberpriester faltete die Hände, der Saal hüllte sich in purpurne Finsterniß. Der Oberpriester drückte den Daumen an den Knopf des Riemens, der um sein linkes Knie geschnallt war, sofort spielte der Mechanismus, der die Hoheiten mit sammt ihren Polstersesseln durch die sich öffnenden Wände in die Gänge schob, wo ihrer die Fahrstühle für die privaten Gemächer in der höheren Region harrten.

Soundso flüsterte seinem Meister ins Ohr:

-- Der Alte wird schwach.

-- Ein Idiot.

* * *

Minus, der Oberlehrer, zog die winzigen Hörröhrchen aus der Ohrmuschel und schlenkerte sie nervös spielerisch an dem rothen Seidenfaden. Sein Blick war seltsam unruhig.

-- Na? fragte Bim, der Oberphysikus, und verzog sein längliches Gesicht zu einem neugierigen Lächeln.

-- Eine Mittheilung von Ao. Soundso hat ihn gekränkt. In der Wochensitzung. Heillose Worte sind gefallen. Ich soll prüfen.

-- Heillose Worte? Von Seite Aos?

-- Nein. Soundso versündigte sich am heiligen Wortschatz.

-- Schon wieder? Ich werde seinen Geisteszustand beobachten lassen. Mir ist er längst verdächtig. Also Frevelworte ausgestoßen?

-- Hm.

Minus spitzte den Mund und blies in die hohle Hand.

-- Na, Hoheit?

-- Vor bald zweitausend Jahren sprach Einer das Sprüchlein: »Worte sind Schall und Rauch.« Das wirkt fort, Bim. Man nimmt die Worte zu leicht. Viel zu leicht . . . Eine schleichende Gefahr. Auch bei uns. Gehörtes verführt . . .

Bim nickte. Sein längliches Gesicht zeigte düstere Nachdenklichkeit.

-- Wie hat der vor bald zweitausend Jahren gesagt?

-- »Worte sind Schall und Rauch.«

-- Hab' ich nie gehört. Ich verneige mich vor Deiner Gelehrsamkeit. Worte nicht bloß Schall? Worte auch Rauch? Also haben damals Worte geraucht, in jener primitiven Zeit? Einfach kanibalisch: Worte, die rauchen. Worte die nicht nur die Ohren, sondern auch die Augen belästigen. Die brändeln und stänkeln. Puh, Minus, kehren solche Zeiten wieder? Glaubst Du, großer Wissender?

-- Wenn eine Jugend, wie dieser Soundso, in die Staatsgeschäfte hineinwächst, Bim. Gehörtes verführt, sei überzeugt.

-- Jawohl, Hoheit. Wort, Aetherschwingung, Seele, Alles in eins. Furchtbare Gewalt. Wenn nun Worte auch noch schallen und rauchen! Aufruhr, Umwälzung, Umsturz, ja wahrhaftig, Umsturz! Und was -- --

Bim bekam plötzlich seinen Hustenanfall und drehte seinen langen dünnen Hals verzweiflungsvoll, daß die Wirbel knackten.

-- Hm, machte Minus, indem er wieder die winzigen Hörröhrchen in die Ohrmuschel steckte.

-- Na? fragte Bim, nachdem er sich von seinem Anfall erholt hatte.

-- Eine Mittheilung von Kaspe. Soundso scheint ihm verdächtig. Seit der Wochensitzung. Worte, Worte, Worte.

-- Schon wieder? Was hab' ich vorhin gesagt? Darf ich nun erfahren?

-- Der Gehilfe unseres Oberdiplomaten erregt Aergerniß auf allen Seiten.

-- Ich bitte um die Worte, zum Thatbestand.

-- Aber vorläufig ganz unter uns, Oberphysikus. Amtsgeheimniß.

-- Vertrauliche Mittheilung, versteht sich. Schätzbares Material unter dem Siegel der Verschwiegenheit.

Aug' in Aug', daß sich ihre Nasenspitzen fast berührten, dann den Mund am Ohr: Vernimm, Bim -- Natur -- angenehmere Pflichten im Sexualen, hörst Du? -- Probleme, herrliche Probleme sogar.

Dann blickten sie sich starr an.

-- Soundso?

-- Soundso. Und dieser Mensch, Minus, sollte er nicht des Schlimmsten fähig sein? Ist das nicht ein keimender Entartungstypus in unserem normalen Gemeinwesen? Ist das nicht ein stetig sich aufbauender Seuchenheerd in unserem musterhaft gesunden Land?

-- Ich ahne, Bim.

-- Schon damals. Meine unglaubliche Entdeckung des Urstoffs, alle Geister hat sie erschüttert, ihn hat sie kalt gelassen. Mehr noch: er hat sie still verhöhnt. Und er wagt Worte, wie Natur, Probleme, angenehmere Pflichten vor dem Oberpriester auszusprechen.

-- Und vor dem Oberpriester!

-- Und vor dem Oberpriester. Gerade vor dem, der meine unglaubliche Entdeckung mit dem höchsten Lob auszeichnete. Weißt Du noch?

-- Das Lob ja. Sehr ergreifend. Wie lautete doch gleich Deine herrliche Entdeckung? Die Worte sind mir nicht gegenwärtig.

-- O Minus, Hoheit: Urstoff! Die Materie, aus welcher die Atome bestehen, ist nicht qualitativ verschieden, sondern die verschiedenen Atome sind nur verschiedene Qualitäten derselben Materie, und diese Materie ist der Urstoff.

Minus zog die Augenbrauen hoch, daß sie wie ein schwarzes Runzel-Dreieck über den erstaunten Augen standen. In seinem Sinne dachte er: O du blöder, aufgeblasener Frosch, mit deinem dummen Gequake -- aber seinem Munde entschlüpften klügere Worte.

-- Herrliche Entdeckung, herrliche Definition. Ja, das sind Ideen, nicht Schall und Rauch. Davon wird eine neue Entwicklung ausgehen. Neue Probleme werden hervorsprießen, neue --

Bim spreizte erschreckt die fünf Finger der linken Hand in die Höhe und legte die rechte dem Sprecher auf den Mund.

-- Oh! Oh! Wenn uns ein sterbliches Wesen gehört hätte, Minus, Hoheit! Oh! Entwi-- Entwicklung, gehört das nicht auch zu den verpönten Worten unseres staatlichen Sprachschatzes, so gut wie neue Probleme? Stehen wir nicht auf dem Gipfel? Wohin mit Entwi-- Entwicklung? Wäre das nicht Schwindel eines Schwarmgeistes? Wir bauen aus, wir vertiefen, wir fügen hinzu, aber entwickeln? Nein. Wir haben einen Standpunkt, unser erreichtes Ziel, da ist nicht Raum für etwas Zielloses, Unübersehbares. Entwicklung -- wem schauderte da nicht? Sturz in's Bodenlose -- wem -- -- --

Bim bekam schon wieder seinen Hustenanfall, daß die Halswirbel knackten.

Minus hatte sich bei Bim's emphatischer Strafpredigt langsam umgewendet. Jetzt drehte er ihm das Gesicht wieder zu, mit unerschütterter Ruhe:

-- Bim, ich bitte, wem sagst Du das? Mein Amt gestattet mir, mich auch einmal über meinen Standpunkt zu stellen, um -- Andere zu prüfen. Du hast die Prüfung bestanden. Glänzend. Wie vorauszusehen. Der Mann des Geistes beglückwünscht den Mann der Körperlichkeit.

-- Der Ebenbürtige verneigt sich, Hoheit.

Sein längliches Gesicht versuchte durch ein säuerliches Lächeln den aufsteigenden Aerger zu dämpfen.

Nein, es ist mehr als Fopperei von diesem obersten Gelehrsamkeitsverwalter, es ist ein Stich in's Boshafte, fast in's Größenwahnsinnige dabei, dem nichtsahnenden Oberphysikus mit solchen Scherzen zu kommen. Man könnte sich ordentlich fürchten, wenn unter Kollegen solche Neigungen herrschend werden. Das ist kein glücklicher Ton im hohen Rath des glücklichsten Volkes. Einem meuchlings mit Prüfungen zu kommen, mit hinterlistigen Gesinnungs-Erforschungen! Und gerade ihm, dem tadellosen Bim, dem unersetzlichen Physikus, der die Wissenschaften mit Fünden und Entdeckungen weitreichender Art beglückt und dabei über die Gesundheit der Teutaleute mit solchem Eifer wacht!

Was weht denn jetzt für ein Wind in den auserlesensten Köpfen, wenn ein Mann von der Gelehrsamkeit und Würde eines Minus Schabernack treibt? Kommt damit nicht eine gefährliche Unsicherheit in alle Beziehungen derer, die der Wille des Volkes auf die wichtigsten Posten gestellt?

-- Ja, ich beglückwünsche Dich, Bim! begann plötzlich der Oberlehrer wieder. Du bist ein Mann von hohen Gaben. Wie viele Jahre giebst Du mir noch? Damit ich dem würdigen Teutavolke mich nützlich erweise, der Weisheit meiner hohen Kollegen immer näher komme?

-- Wieso das?

-- Wir wissen, oder auch nicht, je nachdem, Bim, daß die Erde nichts ist als ein erstarrter winziger Sonnenabfall, ein kleiner Dreckspritzer, ein Sandkorn in der unendlichen Wüste der Welten. Wir wissen, welche Gase an der Fläche der fernsten Sterne glühen. Macht das Dein Herz größer? Dein Leben fröhlicher? Wir wissen, daß man vor tausend Jahren, bevor die Chinesenherrschaft in Europa triumphirte, Welträthsel zu lösen im Begriffe war, von denen wir heute keine Ahnung haben. Daß man damals fast das Problem gelöst hatte, aus dem Dunstkreis der Erde hinaus und in die Sphäre des Mondes hineinzufahren. Hat dieser Aufschwung gehindert, daß dennoch ganz Europa in die Brüche gegangen? Daß all' die großen Reiche des Kontinents verschwunden und wir nur armselige Reste sind? Wie viele Jahre noch?

-- O, Hoheit.

-- Wie viele Jahre giebst Du mir und Dir noch?

-- Wie kommst Du auf solche Gedanken, Minus? Wir sind beide in guter Verfassung.

-- Wir sind zwar die ältesten Mitglieder noch nicht im hohen Rath, Bim. Bei der nächsten Musterung, wer weiß? Dem Volke schmecken mit einem Male die Alten nicht mehr, stell' Dir das vor! Es geht wie ein Traum der Verjüngung durch die Herzen der kleinen Teutawelt. Meine Späher und Zeichendeuter wollen sich nicht geirrt haben. Hast Du noch nichts bemerkt?

-- Keinen Schimmer, hauchte der Oberphysikus ermüdet.

-- Fehlt Dir etwas, Oberphysikus? Deine Lippen zittern. Hast Du Zahnweh?

-- Aber, ich bitte.

-- Wie viele Zähne hast Du noch? Hast Du überhaupt noch Zähne?

-- Die sitzen noch ganz solide.

-- Sind Deine Kiefer noch stark genug, das Gebiß zu tragen?

-- Ich begreife nicht, Hoheit.

-- Richtig, ich vergesse, daß man in Deinen Jahren wohl auf diesen Zierat verzichtet.

-- Zierat, Minus? Zähne sind ein Instrument der Gesundheit. Erinnere Dich, daß ich einst ein vielgepriesenes Mittel erfunden, dieses Instrument zu schärfen.

-- Hast Du das, Bim? Ich erinnere mich nicht. Nach Dir kam aber einer, der Speiseformen erfand, wodurch die Arbeit dieses Instruments überhaupt überflüssig wurde. Haben die Teutaleute Deiner Erfindung Ehre erwiesen, wirklich, Bim?

Der Oberphysikus biß die Zähne zusammen -- es war keine vollständige Garnitur, und griff sich mit der Hand an die Stirn. Dann warf er einen hilflosen Blick auf den unbegreiflichen Frager.

Der aber fuhr unerbittlich in seiner starren Weise fort:

-- Wie ein Traum der Verjüngung. Meine Späher und Zeichendeuter sind zuverlässig. Hast Du nie einen ähnlichen Traum geträumt?

-- Nie, Minus.

-- Hättest Du's doch. Vielleicht hätte Dein Scharfsinn einen Sporn mehr erhalten. Du hättest uns ein durchgreifendes Verjüngungsmittel erfunden, Bim. Warum läßt Du uns sterben?

-- Sterben wir? Hoheit, noch leben wir.

-- Nein, wir sterben. Du irrst, Oberphysikus. Wir sterben -- wir sterben an der Jugend der Anderen. Grausame Todesart. Sie macht lächerlich.

-- Du quälst Dich und mich, Minus. Warum quälen wir uns mit solchen Fragen?

-- Weil sie zeitgemäß sind.

-- Aber sie stehen heute nicht auf der Tagesordnung, Minus, Hoheit.

-- Das ist nicht ihr Fehler. Das ist unser Fehler.

-- Du verschwendest Deinen Geist, Minus.

-- Verschwende ich ihn?

-- O, sicher an keinen Unwürdigen. Aber immerhin -- --

-- Bist Du so sicher, Bim? Ich habe oft zu Thoren geredet, wenn ich vermeinte, zu Weisen zu sprechen. Man nimmt die Worte zu leicht. Viel zu leicht. Daher die schleichende Gefahr. Aber vorläufig ganz unter uns. Oberphysikus, Amtsgeheimniß!

Bim wußte nicht mehr, was er denken sollte. Irgendwo und bei irgendwem stand's nicht richtig.

Er starrte seinen hohen Kollegen vom hohen Rathe an.

Nein, da war wirklich guter Rath theuer. Aus diesen Mienen war keine Erklärung für die sonderbaren Worte zu schöpfen.

-- Sollen wir uns die grausame Todesart gefallen lassen, Bim? Weißt Du? Die den Sterbenden lächerlich macht, weil er sein Gestorbenwerden nicht merkt? Die Anderen aber, an denen er stirbt, die merken's, Bim! und lachen und weinen, die Unerbittlichen.

-- Niemand stirbt so im Lande der Teutaleute. Ich fasse Deine Besorgniß nicht, Minus.

-- Sie lachen und weinen, die Unerbittlichen. Mit ihren Thränen verhöhnen sie den Unglücklichen. Ihre Thränen sind Salz in offene Wunden.

-- Minus, nie habe ich Jemand von unserem Volke weinen sehen. Im edlen Lande der Teutaleute kennt man keine Thränen. Man kennt sie nicht. In alten Zeiten, ja, wo es noch Fürsten gab und Soldaten, Tyrannen und Knechte. Da kam's zu blutigen Thränen. Im Staat des Kapitalismus, der folgte, noch schlimmer. Dann der Zusammenbruch, dann die sozialistischen Quälereien. Das besserte wenig. Die Menschen verlernten das Weinen nicht. Aber in unserem Weltalter der gemeinsamen Güte! Thränen, Minus! Das ist vorbei. Das ist die Auszeichnung der Teutaleute, ihr besonderes Wesen. Ihr Gleichmuth, denke doch, ihre Sittsamkeit, ich bitte Dich, ihre Geduld. Wir können ruhig sterben, Minus.

-- Warum thun wir's nicht? So stirb doch, Bim! Schaffe Platz der Jugend! Was zögerst Du? Ich will sehen, ob Du ein Ende machst. Bestelle Dir wenigstens einen Gehilfen, wie Titschi sich einen Gehilfen bestellt hat. Nimm Dir einen Soundso. Die einzige Form, die unser Gesetz gestattet, in Staatsgeschäften unser Leben zu dehnen. Aber Alles das thust Du nicht, Du wartest ab. Du greifst nicht vor. Du läßt's drauf ankommen. Du willst gestorben werden. Deine Feigheit wählt die grausamste Todesart.

-- Minus!

-- Ja, so sind wir. So seid ihr. Ich nicht. Ich mache ein Ende. Heute noch. Ich habe Sehnsucht, loszukommen, ohne Hohn.

Diese Wendung überraschte Bim mehr, als Alles Uebrige. Also darauf spielten die krausen Wendungen und Worte. Aus sich selbst heraus kam dem edlen Minus der Ueberdruß, der Unmuth.

-- Bedenke doch, Minus, wer uns auf den Posten gestellt. Und da sollen wir flüchten, ohne Noth, aus trauriger Laune? Des Volkes Wohl ist uns anvertraut -- --

-- Des Volkes Wohl! Ich mache ihm meine Reverenz -- --

-- Gut denn. So sagen wir (und kost' es mir den Kragen, wenn's ein Späher hört), die Beherrschung des Volkes, was dasselbe ist, befriedigt Dich das nicht?

-- Beherrschung? Fühlst Du das Zeug zu einem Herrscher, zu einem Gott in Dir, Bim? Ich hänge an meiner Schwäche. Ich rühme mich meiner Unvollkommenheit. Nicht die kleinste Herrgöttlichkeit reizt mich.

-- Des Volkes Wohl liegt in seiner Beherrschung, Minus.

-- Aber nicht mein Wohl. Und warum können wir das Volk beherrschen? Weil wir ihm die Flügel gestutzt und den Sinn verwirrt haben. Ein geistvolles Geschäft, über ein solches Volk zu herrschen!

-- Das Volk ist mündig und frei in seinen Entschlüssen, Minus.

-- Ist's das? Bestellt sich der Mündige einen Vormund? Duldet der Freie Obere, die sich mit »Hoheit« anreden lassen? Ein mündiges freies Volk jagte Dich und mich und alle Hoheiten zum Kuckuck, kröche aus der Erde heraus und liefe frei in die Sonne und allen Winden nach, wie die Thiere des Waldes, wie die Vögel des Himmels.

-- Darauf sage ich, der Oberphysikus, Dir dieses: Deine Gelehrsamkeit ist Dir zu Kopf gestiegen. Das sind Alles transszendentale Theorien, die Du aus alten Poeten, Philosophen und anderen Narren aufgelesen. Ich weiß mich frei davon, drum kann ich ruhig reden.

Minus lächelte wie Einer, dem wirklich vielerlei im Kopfe durcheinander geht. Wiederholt setzte er sein Hörröhrchen ein. Alles blieb stumm. Von keiner Seite eine neue Meldung. Ist die Welt todt?

Bim hüstelte aufgeregt. Er fühlte sich der Erschöpfung nahe. Solchen unerfreulichen Sachen war er nicht gewachsen. Das Herumräthseln an unentwirrbaren Dingen ging allen seinen Fähigkeiten wider den Strich. Dieser Minus, nein, niemals hatte er ihn in einem solchen Zustande gesehen. Ein Knäuel von Widersprüchen. Eine Windsbraut von tollen Stimmungen.

-- Ja, ja, Bim. Die Sonne, der Wald, der Himmel, die Thiere.

-- Erlaube, das ist Alles furchtbar ungesund. Teuta aber ist gesund geblieben, weil es der Sonne, dem Himmel ausgewichen ist bei Zeiten, weil es die Wälder vertilgt, die überflüssigen Thiere beseitigt hat. Diesen vergangenen Dingen können nur zwei Menschensorten nachschwärmen: Poeten und Verliebte. Und mit ihnen haben wir seit Annodazumal in Teuta aufgeräumt, gründlich.

-- Haben wir das, alter Bim?

-- Eine weite, ruhige, gradlinige Fläche ist die Erde im Teutaland. Alles ist klar und bestimmt nach Maß und Gewicht. Dieser Zustand soll erhalten bleiben, er ist der denkbar glücklichste für unsere Menschen. Das empfand ich in meiner Jugend, das bestätigt mein Alter. Eine Wissenschaft, die anders lehrt, ist falsch. Sie zerstört den Frieden, unser höchstes Gut.

Minus hörte nicht mehr, in müden, schmerzlichen Gedanken versunken. Nie hätte er überhaupt den klugen, beschränkten Schwätzer so lange angehört, außer der Gewohnheit des Amtes, oder es sei denn, er spielte Komödie mit ihm, oder sich im Witz zu üben, oder in der Geduld. Aber heute! --

Die Hörröhrchen brannten förmlich im Ohr. Der Fernsprecher wußte ihm so wenig zu melden, wie der Fernseher. So oft er sich an den Spiegel wandte, es kam kein Bild. Und der Fernsprecher narrte ihn mit der Wiederholung altbekannter Dinge.

Endlich eine Nachricht, die wie ein Blitz auf seine Erwartung schlug.

-- Spurlos verschwunden, stöhnte er nach einer Weile. Ao weiß nichts. Kein Mensch weiß was. Jala, Unglückliche!

-- Jala, wie? Die schöne Blinde? Ich hatte sie in meiner Irren-Abtheilung zur Beobachtung. Dann entwich sie -- --

-- Das sagst Du mir jetzt erst?

-- Fragtest Du?

-- Nein, das wußte ich. Was weißt Du, daß ich nicht weiß? Berichte!

-- Nichts von Belang. Ganz dem Gegenstande entsprechend. Sie entwich. Sie wird ein Ende gemacht haben. Sie war unheilbar. Unheilbar, aber still und unschädlich. Damit ist die Sache wohl erledigt. Teuta ist ruhig.

-- Ich danke. Fahr' ab, Bim, und hüte Deine Zunge.

-- Eine Närrin weniger, das regt in unserem Lande keinen Menschen auf. Eine Närrin weniger, ich bitte Dich. Das stürzt keine Rechnung um.

-- Fahr' ab, Bim. Jala ist keine Närrin und -- mehr als Eine. Schluß. Fahr' ab.

Der Mechanismus spielte, der Oberphysikus saß vor der Thür.

* * *

Schwarze Nächte folgten den dunklen Tagen. Niedrig, wolkenschwer lastete das Firmament auf der naß erkalteten Erde, ohne Sonne, ohne Mond, ohne Sterne.

Aus den Nebeln, die das Meer verhüllten, klang gedämpft der schwermüthige Gesang der Wellen am Strande.

Aus der tiefen Stille der Ferne über den Wassern kam es zuweilen wie hartes Grollen und Stoßen und Stürzen, als machte sich weit dahinten, verborgen in dichter Finsterniß, der Sturm fertig, um mit wuchtigen Schlägen bald über die Fluth hinweg in's Land zu fallen in wüthender Heerfahrt.

Zwischen den letzten hohen Dünen, die in weitem Bogen den Strand umgürteten, lag, tief eingebettet, eine Siedlung von Schifferhütten: Eine Weltfremde in den düsteren Zeiten des verlorenen Himmels, bewohnt von wenigen Familien uralter Eingeborener, zu denen sich ab und zu von Wind und Wetter verschlagenen Insulanern oder Flüchtlingen aus den platten Hinterländern einige Neulinge gesellten, um unter dem Schutze des Gastrechts die Härte des Lebens zu überwinden. Etliche zogen wieder ab bei günstiger Wetterwende, Etliche, die sich anzufreunden und innigeres gegenseitiges Gefallen zu erwecken vermochten, blieben dauernd, Andere verschwanden spurlos, nachdem sie kurze Rast und Labung genossen.

Die Bleibenden erfrischten und vermehrten mit ihrer neuen Kunde aus entlegener Welt den Geist und mit ihrem Blute die Körperlichkeit der einsam hausenden Siedler und hüteten sie vor Erstarrung in der Einförmigkeit des Daseins zwischen den Dünen.

Dennoch blieb die Zahl der Bewohner der Schifferhütten beschränkt. Das Meer forderte beständig seine Opfer, und das Gesetz der Auslese übte seine Gewalt am schwächeren Nachwuchs.

So gab's keine Bedrängniß an neuen Menschen, und das Blut und die Sitten der Eingeborenen aus alter Zeit behielten die Oberhand. Wie bei den Ahnen, die einst mit Bären gerauft und in den Wäldern, die in längst verschwundenen Epochen bis an's Meer stießen, den Ur gejagt, war das Geschlecht blondmähnig und von seltener, aus blauen Augen und ruhig rauhen Manieren blitzender Kraft, in seinen besten Exemplaren.

Das große Wort aber führten einige schwarze Rundköpfe in den länger werdenden Abenden der Sommerflucht, über die endlosen Nächte des Winters hinweg, bis zur Sonne Wiederkehr in triumphirendem Glanz.

Diese Rundköpfe waren weit unten von den wälschen Küsten heraufgekommen, die in weißen Felsen und Klippen starren. Sie wußten viel zu erzählen von waghalsigen Fahrten und blutigen Abenteuern, und aus der ältesten Geschichte ihrer Voreltern berichteten sie von Kriegszügen, Revolutionen und Umstürzen, mit solcher Fabulirkunst, als wären diese bunten, unglaublichen Dinge gestern erst geschehen, leibhaft, unter aller Augen, und lagen doch weit zurück um Jahrtausende, als die Menschheit noch lärmte und tobte, und in streitbaren Wanderungen die Völker gegeneinander losgingen und noch nicht so stille und bedachtsam geworden waren wie heute.

Besonders aber floß den schwarzen Rundköpfen der Mund über von ihrem kriegerischen Nationalgott Polium. Zweimal sei dieser Schlachtengott Polium erschienen, denn ohne ihn geschehe nichts Gewaltiges in Europa, und in hundert Jahren werde er wieder erscheinen und den Angelos und Amerikanos den Garaus machen. Alle Nachbarvölker habe er bei seinem zweiten Erscheinen mit feurigen Schlangen gepeitscht und das Antlitz Europas mit Blut gewaschen und Schaaren Gewappneter durch die halbe Welt geschoben, daß unter ihren Fußtritten die Erde gebebt.