In Purpurner Finsterniß Roman-Improvisation aus dem dreißigsten Jahrhundert

Part 17

Chapter 173,758 wordsPublic domain

-- Die Elster war in uralter Zeit ein Weib, welches einmal von Odin beim Teigkneten überrascht wurde. Sie erkannte aber den Gott nicht, da er wie ein armer, sterblicher Wanderer gekleidet war. Um Odins willen, gieb mir ein wenig zu essen, ich komme weit her über die Felder, redete der Gott sie an. Gertrud, so hieß das Weib, kniff ein Stückchen von dem Teige ab. Und als sie es formend im Backtroge hin- und herrollte, wuchs es zusehends und ward bald so groß, daß es den ganzen Trog füllte. Nein, rief sie, das ist zuviel für Dich. Und sie legte das so wunderbar groß gewordene Stückchen bei Seite und kniff ein noch kleineres Stückchen ab, als das erste war. Aber auch dieses wuchs und füllte den Trog. Und so ein drittes und viertes. Je mehr Stücke sie bei Seite schaffte, desto mehr wuchs ihre Habgier und ihres Herzens Härtigkeit. Im Stillen dachte sie: Wenn der Bettler erst fort ist, so theile ich meinen ganzen übrigen Teig in lauter winzige Stückchen und knete die größten Brode daraus. Ein solches Wunder kehrt nicht leicht wieder. Und laut sagte sie zu dem Wanderer: Mach' nur, daß Du fortkommst, ich kann Dir nichts geben, mein Haus ist selber arm, möge Dir Odin gnädig sein. Nun geh'! Da erzürnte der Gott und öffnete ihr die Augen. Und als sie erkannte, wem sie das Brod verweigert hatte, fiel sie auf die Kniee und flehte um Vergebung. Aber der Gott sprach: Der Ueberfluß hat Dein Herz verhärtet und ist Dir zum Unsegen geworden. Jetzt sollst Du arm werden, auf daß Dir die Armuth zur Besserung gereiche. Zwischen Baum und Borke sollst Du Deine Nahrung suchen und im Troge wird Dir kein Brod mehr wachsen. Da umklammerte das Weib die Füße des Gottes und netzte sie mit Thränen. Und der Gott sprach: Wenn Deine Reue aufrichtig ist, will ich die Strafe von Dir nehmen, sobald Dein ganzer Leib sich in Trauer kleidet. Dann wirst Du auch gelernt haben, hinfort die Gottesgabe recht zu brauchen. Gertrud floh vor dem Angesichte Gottes und ward in eine Elster verwandelt, und alsobald bedeckte sich ihr Leib mit schwarzem Gefieder, da ihre Trauer schon begonnen hatte. Nur die Federn am Bauche und an den Flügeln waren noch weiß. Wie sie aber älter wurde, wurden auch sie dunkler, bis sie von schwärzlicher Farbe waren. Wenn sie dereinst ganz schwarz sind, dann hat Gertrud genug gebüßt und ihre Strafe wird aufgehoben. Bis dahin steht der Gertrudsvogel unter dem Schutze des strafenden und verzeihenden Gottes, und Niemand thut ihm ein Leid an. Das ist die schöne Geschichte von der Erschaffung der Elster, und wer sie richtig hört, dem rührt sie das Herz und bewahrt seine Seele vor Habsucht . . . Ist Dein Herz gerührt, Grege?

Er nickte mit stummem Lächeln.

-- Nun ist die Reihe an Dir. Erzähl' uns ein Märchen. Sieh, wie sich der Himmel umschattet!

Grege blickte lauschend auf. Eine feine Röthe stieg ihm in die Stirn.

-- Wohlan, an jenem unvergeßlichen Tage war's. Das jüngste Gericht war vorüber. Ein schweres Stück Arbeit. Es hatte vom ersten Hahnenschrei in der Frühe bis zum Abend und tief in die Nacht gedauert. Mit starren Sternen stand die Mitternacht über dem Thal Josaphat, und der Weltenrichter saß noch auf seinem Stuhle, unbeweglich, mit den schweren Händen auf den Knieen, den Blick geradeaus in die Unendlichkeit. Von unten kam kein Laut, die Erde war wie ausgestorben. Alles war vollbracht. Die Seligen im Himmel und die Verdammten in der Hölle. Außer ihnen nirgends mehr eine lebendige Menschenseele. Der Weltenrichter erwog, ob er wirklich Alles recht gemacht, ob er kein Versehen begangen und Alles nun in Ewigkeit so bleiben solle, wie er's entschieden. Er lauschte seinen eigenen Gedanken und spähte, ob sie kein Echo weckten. So scharf er auch seine Ohren spannte, er vernahm nichts als den verhallenden Jubel im Himmel, denn die Seligen schliefen nach Mitternacht allmählich ein, ermüdet von dem übergroßen Glück, und mit dem verhallenden Jubel vernahm er zugleich das Jammergeheul aus der Hölle, das von Stunde zu Stunde markerschütternder und gräßlicher anschwoll und den Himmel umbrüllte und den ganzen Weltraum erfüllte, denn die Verdammten konnten sich in ihr entsetzliches Schicksal nicht finden und nie mehr ein Auge schließen. Der Weltenrichter vermochte sich von seinem Stuhl nicht zu erheben, aus Angst, durch seine Bewegung die Einen in ihrem Schlafe zu stören, die Anderen in ihrem wachenden Elend noch rasender zu machen. Und er sehnte den Morgen herbei und den ersten Hahnenschrei und dachte nicht daran, daß es hinfort keinen Morgen und keinen Hahnenschrei mehr geben könne und die Mitternacht mit starren Sternen stillstehen müsse über dem Thal Josaphat. Denn das Ende war ja da und Alles entschieden, unwiderruflich, von Ewigkeit zu Ewigkeit. Da der Himmel mit seinem Glück, dort die Hölle mit ihrem Unglück -- und dazwischen das leere Nichts, unabänderlich. Wie also kein Morgen dämmerte und kein Hahnenschrei das Frühroth ankündigte, so lange der Weltenrichter auch wartete, erkannte er plötzlich, daß er selbst sich um jeden Wechsel gebracht und ihm nichts mehr zu schauen und zu hören bliebe, als das Himmelreich mit seinem Jubelschwall und das Höllenreich mit seinem Jammergeheul; Engelsreigen und Teufelstänze. Und er seufzte und beklagte seinen Eifer, der diese strenge Ordnung geschaffen und alle Ueberraschungen und alle Phantasie auf ewig vernichtet hatte. Und wenn er's nun recht bedachte, so war er ein einsamer Gott geworden, dem nichts Neues mehr passiren konnte, und mit dem Gefühl des Ewignämlichen, Phantasielosen kam ihm das Bewußtsein, daß seine eigene Jugend verschwunden sei und er sich nun auf ein stilles thatenloses Alter einrichten müsse. Und da schauderte der Gott vor sich als seinem eigenen Weltenrichter, sein pedantisch peinliches Gesetz hatte ihm diesen Streich gespielt. Dieser Stuhl mußte nun sein Thron bleiben immerdar. Und in schwere Trauer versank der Gott und seine alte Erdensehnsucht ergriff ihn immer brünstiger, also daß seine Wimpern zuckten und Thränen seinem Auge entquollen. Unbeweglich stand über ihm die Mitternacht mit starren Sternen und unter ihm die entvölkerte Erde mit dem Thale Josaphat, wie Vorwurf und Gewissensbiß . . . Siehe da, in freier Luft, nicht vom entschlummerten Himmel und nicht von der ruhelos tobenden Hölle her, nahte sich sanft schwebend eine Gondel aus weiter Ferne, näher und näher, bis sie fast sein Angesicht berührte, und sie ließ sich zu seinen Füßen nieder. Zwei Menschen entstiegen dem lustigen Fahrzeug: ein lichtes, lachend süßes Weib und ein Mann . . . Sprachlos war der Gott bei ihrem Anblick, er mußte sich erst fassen, so überraschend war das Ereigniß. In frohem Erstaunen rief er: Wie seid Ihr denn entkommen? Wißt Ihr nicht, das schreckliche jüngste Gericht, sagt doch, sagt doch! . . . Wir haben uns auf einer Lustfahrt verspätet, vergieb uns! lautete ihre Antwort. Ja, Menschen, Menschen! rief er glückselig, und immer wieder: Menschen, Menschen! . . . Wahrhaftig, keine Engel und keine Teufel, keine Heiligen und keine Verdammten, nur Menschen! Und Entzücken erfaßte den Ewigen und er rief: Ach, Menschen, wie lebte der Gott ohne Euch! Schafft mir mein Menschenreich auf Erden wieder! . . . Und er fand kein Wort zu sagen, wie ergriffen er war und wie sehr ihm das lichte, lachend süße Weib gefiel. Da erschien an der Seite des Mannes plötzlich ein zweites Weib, wie ein Schemen, geisterhaft düster, daß selbst der Gott erschrak. Mit geschlossenen Augen stand es da, die Lippen dünn und farblos, gramvoll die Züge . . . Was willst Du? fragte der Gott. Da blieb es stumm und auch die Augen öffneten sich nicht . . . Mann, welches von den Zweien ist Dein Weib? fragte der Gott. Da blickte der Mann mit Augen, ganz Seele und verzehrende Kraft der Sehnsucht, auf das lichte, lachend süße Weib -- und reichte der stummen, bleichen Gestalt die Hand, erst zögernd, dann fest, daß es wie erwachendes Leben sie durchströmte und ihre Augen weit sich öffneten wie Sterne, die aus dem Dunkel tauchen, und er schritt mit ihr aus der Mitternacht dem neuen Erdenmorgen entgegen. Das andere Weib aber zog der Gott zu sich empor und nahm es an seine Brust: Du sollst bei mir bleiben und mit Deinem süßen Lachen, Deinem wundervollen Menschenlachen Alles übertönen, den feierlichen Jubel des Himmels und den Jammerlärm der Hölle, daß ich mich doppelt der Erde erfreue, ich, Dein seliger Gott, und Heil erblühe dem neuen Geschlecht . . . Und also entschwand lachend der Gott mit dem lachend süßen Weib in die purpurne Finsterniß der Unendlichkeit. Wie Rosenzauber wob sich das Frühroth über die Erde.

-- Grege, Grege! rief Maikka in tiefer Bewegung.

Unaussprechliches klang aus diesem Ruf. Und mehr als der Ruf, sagten ihre Thränen, die ihr in großen Tropfen über die Wange rollten.

Der Erzähler saß starr und stark, wie Einer, dem die schwerste Ueberwindung gelungen, ohne Siegerfreude. Das schied den Menschen vom Gott.

Maikka streckte ihm ihre Hand hin: -- Bitte Deinen Gott, daß er zuvor mein Herz von Dir wende. Sonst könnte er meines Lachens niemals froh werden, in alle Ewigkeit nicht. Sein jüngster Tag wäre nicht sein letzter Irrthum gewesen . . . Bitte ihn . . . warne ihn . . .

* * *

Runaug, die liebliche Tochter des Wirths am Fjord, hatte in aller Frühe Grege geweckt, wie er gewünscht. Harmlos, wie ein kleines Kind, stand sie an seinem Lager und tippte nach seiner Hand. Aber als Grege sie lange und tief ansah und sie überschüttete mit stummen Seelenfragen, da kam es wie ehrfurchtsvolle Scheu über sie vor dem fremden Manne. Wo hatte er diese lichte, liebliche Gestalt schon gesehen? In welchen Gefilden, in welchen Weltzeiten war er schon Hand in Hand mit ihr gewandelt und hat mit ihr die süßen Blüthenträume der ersten Liebe geträumt? Wo hatte er diese knospenden Muttergottesbrüstchen schon geküßt? . . . Angstvoll zitterte ihre Stimme, als sie im Zurückweichen ihm mittheilte, daß Alles bereit und geordnet sei, seine Reisesachen und Kleidungsstücke, und der Bootsmann ihn in einer Stunde erwarte . . .

Grege hatte die ganze Nacht nicht geschlafen. War's der ungewohnte Meergeruch? Einmal war er aufgestanden, hatte den Holzriegel zurückgestoßen und durch die Luke auf das Wasser geblickt. Das Meer hatte vorher gestürmt und seine Wogen an den klippenreichen Strand geworfen, donnernd, in verzweifelter Brandung . . . Jetzt lag es ruhiger, die hellgrünen Wellen schienen nur noch ein lustiges Spiel zu treiben, die Morgenlichter spiegelten sich in den feuchten Stellen der Felsen, und weiter hinaus leuchtete der Aether in tiefem Blau über die beruhigte Welt. Das blitzschnelle Unterwasserboot würde leichte Arbeit haben . . .

Er streckte sich wieder auf das Lager, aus Fellen bereitet. Bild um Bild, in wilder Jagd, zogen die letzten Erlebnisse vor seinem in Ruhelosigkeit fiebernden Geiste vorüber. Die heiße Thalsonne über der mittagsmüden Atmosphäre der Bergschlucht, darein das Asyl gebettet war. Eine Sammlung von niedrigen, schlichten Häuschen zwischen steinigen Landstücken in der verbreiterten Schluchtmündung. Und Alles so weiß und reinlich und himmelsstill. Fern darüber die Gletscher, die mit gigantischen Armen diese menschenentrückte Welt zu umfassen und gegen das Meer zu schützen und dem Himmel entgegenzutragen schienen.

Aber er selbst, Grege, auf einem Felsblock vor dem Häuschen der Blinden, den Blick auf die offene Thür, auf deren Schwelle eine singende Frau saß, die Hände im Schooß gefaltet, den Kopf mit den geschlossenen Augen zurückgelehnt, an den Thürpfosten, Alles übergossen von dem zarten Licht, das durch eine alte, wetterzerzauste Föhrenkrone sich den Weg bahnte. Dann aus dem Häuschen Choralmusik wie von einem orgelartigen Instrument, gedämpft, zaghaft, bis die Akkorde sich zu einer breiten, ruhigen Melodie fanden. Die singende Frau, wie von dieser Melodie körperlich berührt, um die Hüfte gefaßt und aufgehoben, setzt einen Fuß vor den andern und beginnt zu wandeln, voll Zuversicht in ihrer Blindheit, von einer Seite des Gärtchens zur andern, die gefalteten Hände lösend, so oft sie an der alten Föhre vorüberkam, um deren Stamm mit welker Hand zu streicheln. Ein Ameisen-Wanderzug kreuzte den Weg in demüthiger Eile, und jedesmal, wenn die Blinde darüber schritt, schwer, täppisch schlurfend, zertrat ihre breite Sohle was von dieser stillen Karawane gerade darunter kam. Ihr Gesicht hatte einen verklärt stupiden Ausdruck . . . Ein uraltes Lied, eine uralte Weise, und immer voll seliger Inbrunst die nämliche Strophe wiederholend, also daß sie Wort für Wort Grege's Gedächtniß sich einprägte, sang die wandernde und ameisenmordende Blinde zu der begleitenden Musik:

Befiehl Du Deine Wege Und was Dein Herze kränkt, Der allertreusten Pflege Dess', der den Himmel lenkt. Der Wolken, Luft und Winden Giebt Wege, Lauf und Bahn, Der wird auch Wege finden, Da Dein Fuß gehen kann.

-- Und keine Hoffnung auf Heilung? fragte Grege die mütterliche Christin, die als Aufseherin waltete.

-- Mein Pflegling ist zu alt und begehrt sie kaum mehr. Sie ist vor zehn Jahren erblindet, an einer Krankheit im Wochenbett. Ihre Kinder sind todt. Sie steht allein in der Welt. Sie ist nicht unglücklich, glaube das ja nicht, sie ist wahrhaftig nicht unglücklich.

-- Hat man keine Fälle wunderbarer Heilung?

-- Doch, man hat solche Fälle beobachtet. Einmal eine junge Frau, durch eine große Gemüthserschütterung erblindet, ist ebenso durch eine andere Gemüthserschütterung wieder zum Licht gekommen.

-- Gemüthserschütterung? Wie verstehst Du das, christliche Frau?

-- Ein plötzliches großes Glück zum Beispiel . . .

-- Es giebt auch Aerzte! warf er leicht hin, nur um noch etwas zu sagen.

-- Liebe ist der beste Arzt, antwortete die Christin. Die Wunder der Liebe und des Glaubens. Hast Du das Lied gehört? Es hat in zweitausend Jahren seine Kraft nicht verloren . . .

Aber Grege achtete nicht mehr auf die Lobpreisungen der Christin. Er eilte davon, und wie Nachhall der Orgelmusik tönte es in seiner Brust: Ein plötzliches großes Glück, ein Wunder der Liebe . . .

Am Abend. In der Sennhütte, halbwegs zwischen dem Asyl und dem Fjord, war ein wandernder Spielmann eingekehrt. Der große Raum für Käsbereitung verwandelte sich in einen Tanzplatz. Die Sennen und Bauern entledigten sich ihrer Oberkleider. Erst sanfte Reigen mit Gesang, gleich wehmüthigen Nachtigallenliedern, dann immer wildere Spielmannsweisen und ausgelassenere Tänze. Alle Anwesenden schwangen die Beine in dem zum Ersticken heißen Raum. Und wer Allen voran, im leidenschaftlichen Wirbel des Augenblicks jedes Glück mit gierigen Sinnen an sich saugend, wer? Ja, schön war sie, dämonisch, und ihre Blicke und Bewegungen schleuderten Feuerbrände in die Herzen der Männer, der »Zottelbären« . . .

Unbemerkt im Trubel der Lust entkam Grege.

In der Herberge am Strand erfuhr er, daß sich das Blitzboot für den Morgen nach Angela rüste und noch Raum für einen Fahrgast sei. Zwei Nordika-Männer fuhren mit, die Grege an jenem Probevortrag-Abend mit Dank und Händedruck begegnet waren und ihm starke Freundschaft bewahrten. Sie hatten auch Greges Vertrauen gewonnen und waren erfreut über das Wiedersehen am Meer. Ein Auftrag vom Aeltesten trieb sie zu eiliger Fahrt nach Angela. Raschen Entschlusses schloß sich ihnen Grege an. Sie versprachen ihm jede erwünschte Fürsorge, da sie aller Verhältnisse kundig waren.

Nun trat Runaug zum zweiten Mal an Greges Lager mit der Meldung, daß es höchste Zeit sei, sich in die Bootshalle zu begeben, sein Mantelsack sei bereits fortgeschafft.

-- Sofort! rief er und sprang auf. Noch eine Frage: Ist die . . . Frau, Du weißt, mit der ich angekommen, zurückgekehrt vom Berge?

-- Nein. Niemand hat sie wieder gesehen. Sie wird wohl auf dem Berge genächtigt haben.

Jetzt erschien auch Runaugs Vater unter der Thür und spornte zur Eile.

-- Lebt Alle wohl und nehmt meinen besten Dank. Grüßt mir Euer gastliches Land . . . und die Frau, wenn sie vom Berge wiederkehrt.

-- Das soll geschehen, sagte der Wirth und reichte dem Scheidenden die Hand. Und nimm, nach alter Schiffersitte, noch einen Räthselspruch zum Geleite mit, der Deine Gedanken im Unwetter festhält: Was wir gefangen, warfen wir weg; was wir nicht gefangen, tragen wir bei uns!

Runaug lächelte dem Fremdling nach, mit leisem Herzklopfen.

So verließ Grege Nordika, um nach glücklicher Fahrt in Angela zu landen.

* * *

Die Reisegenossen aus Nordika bewährten sich Grege als treue Freunde. Mit klugem Rathe wiesen sie ihm die Wege im fremden Lande.

Am ersten Tage blieben sie noch bei ihm und unterrichteten ihn in allen wissenswerthen Dingen, damit er das Wichtigste sehen und seine Rückkehr an den Strand oder vielleicht gleich bis hart an die Grenze des Teutastaates bewirken könne.

Auf einer elektrischen Schwingbahn merkwürdiger Bauart geleiteten sie ihn in einen Vorort der Hauptstadt und brachten ihn in eine Herberge, genannt »Zum tollen Junker Heinz«. Grege, der sentimentalen Auffassung der irdischen Dinge entwöhnt, nahm das Neue mit ruhigem Gleichmuthe hin. Das Ueberraschendste traf ihn nur als eine Sehenswürdigkeit, die man als objektive Erkenntniß aufspeichert, in der Erwartung, sie dereinst in wirkende Kraft umzusetzen, im Zentrum des eigenen schöpferischen Wesens, das berufen ist, sich seine Welt zu gestalten.

Es rührte ihn wenig, daß hinter seinem Rücken eine ungeheuere Stadt mit Millionen Menschen gährte und brodelte. Sobald sich das Wetter aufgehellt, wird er sich in die Metropole der Angelos begeben, mit der stillen Sicherheit des Forschers, den keine feindliche Macht erschreckt.

Jetzt stürmt es draußen und sintfluthartige Regengüsse stürzen auf das Dach, so daß sich sein kleines Gemach mit trommelndem und plätscherndem Geräusch erfüllt. Das würde nicht lange anhalten, hatte man ihm gesagt, hierzuland sei schroffer Wechsel. Die Dunkelheit nimmt zu, Grege sorgt mit einem Fingerdruck auf den Lichtträger für künstliche Helle.

Er ist just in der Stimmung, das Zarathustra-Fragment zu entrollen. Auf dem Bauche liegend -- das Lager ist raffiniert elastisch gebaut -- und den Kopf auf den aufgestützten Armen, mit den gespreitzten Fingern die vornüber wallenden Haare zurückhaltend, beginnt er laut in das Geräusch des Unwetters die lapidaren Sätze Zarathustras hineinzusprechen, als handle sich's um den Genuß einer Dichtung, zu welcher die Elemente selbst die Begleitmusik machen.

Seine Stimme hebt und senkt sich, psalmodirend, den Sinn übertragend in Klang und Rhythmik:

»Irgendwo giebt es noch Völker und Heerden, doch nicht bei uns, meine Brüder: da giebt es Staaten.

Staat? Was ist das? Wohlan! Jetzt thut mir die Ohren auf, denn jetzt sage ich Euch mein Wort vom Tode der Völker.

Staat heißt das kälteste aller kalten Ungeheuer. Kalt lügt es auch; und diese Lüge kriecht aus seinem Munde: Ich, der Staat, bin das Volk.

Lüge ist's! Schaffende waren es, die schufen die Völker und hängten einen Glauben und eine Liebe über sie hin: also dienten sie dem Leben.

Vernichter sind es, die stellen Fallen auf für Viele und heißen sie Staat: sie hängen ein Schwert und hundert Begierden über sie hin.

Wo es noch Volk giebt, da versteht es den Staat nicht und haßt ihn als bösen Blick und Sünde an Sitten und Rechten.

Dieses Zeichen gebe ich Euch: jedes Volk spricht seine Zunge des Guten und Bösen: die versteht der Nachbar nicht. Seine Sprache erfand es sich in Sitten und Rechten.

Aber der Staat lügt in allen Zungen des Guten und Bösen; und was er auch redet, er lügt -- und was er auch hat, gestohlen hat er's.

Falsch ist Alles an ihm; mit gestohlenen Zähnen beißt er, der Bissige. Falsch sind selbst seine Eingeweide.

Sprachverwirrung des Guten und Bösen: dieses Zeichen gebe ich Euch als Zeichen des Staates. Wahrlich, den Willen zum Tode deutet dieses Zeichen! Wahrlich, es winkt den Predigern des Todes!

Viel zu Viele werden geboren: für die Ueberflüssigen ward der Staat erfunden!

Seht mir doch, wie er sie an sich lockt, die Vielzuvielen! Wie er sie schlingt und kaut und wiederkäut!

Auf der Erde ist nichts Größeres als ich: der ordnende Finger bin ich Gottes -- also brüllt das Unthier. Und nicht nur Langgeohrte und Kurzgeäugte sinken auf die Kniee!

Ach, auch in Euch, Ihr großen Seelen, raunt er seine düsteren Lügen! Ach, er erräth die reichen Herzen, die gerne sich verschwenden!

Ja, auch Euch erräth er, Ihr Besieger des alten Gottes! Müde werdet Ihr vom Kampfe, und nun dient Eure Müdigkeit noch dem neuen Götzen!

Helden und Ehrenhafte möchte er um sich aufstellen, der neue Götze! Gerne sonnt er sich im Sonnenschein guter Gewissen, -- das kalte Unthier!

Alles will er Euch geben, wenn Ihr ihn anbetet, der neue Götze: also kauft er sich den Glanz Eurer Tugend und den Blick eurer stolzen Augen.

Ködern will er mit Euch die Vielzuvielen! Ja, sein Höllenkunststück ward da erfunden, ein Pferd des Todes, klirrend im Putz göttlicher Ehren!

Ja, ein Sterben für Viele ward da erfunden, das sich selber als Leben preist: wahrlich, ein Herzensdienst allen Predigern des Todes!

Staat nenne ich's, wo Alle Gifttrinker sind, Gute und Schlimme: Staat, wo Alle sich selber verlieren, Gute und Schlimme: Staat, wo der langsame Selbstmord Aller -- das Leben heißt.

Seht mir doch diese Ueberflüssigen! Sie stehlen sich die Werke der Erfinder und die Schätze der Weisen: Bildung nennen sie ihren Diebstahl -- und Alles wird ihnen zu Krankheit und Ungemach!

Seht mir doch diese Ueberflüssigen! Krank sind sie immer, sie erbrechen ihre Galle und nennen es Zeitung. Sie verschlingen einander und können sich nicht einmal verdauen.

Seht mir doch diese Ueberflüssigen! Reichthümer erwerben sie und werden ärmer damit. Macht wollen sie und zuerst das Brecheisen der Macht, viel Geld, -- diese Unvermögenden!

Seht sie klettern, diese geschwinden Affen! Sie klettern über einander hinweg und zerren sich also in den Schlamm und die Tiefe.

Hin zum Throne wollen sie Alle: ihr Wahnsinn ist es, -- als ob das Glück auf dem Thron säße! Oft sitzt der Schlamm auf dem Thron -- und oft auch der Thron auf dem Schlamme.

Wahnsinnige sind sie mir Alle und kletternde Affen und Ueberheiße. Uebel riecht mir ihr Götze, das kalte Unthier: übel riechen sie mir alle zusammen, diese Götzendiener.

Meine Brüder, wollt Ihr denn ersticken im Dunste ihrer Mäuler und Begierden? Lieber zerbrecht doch die Fenster und springt in's Freie!

Geht doch dem schlechten Geruche aus dem Wege! Geht fort von der Götzendienerei der Ueberflüssigen!

Geht doch dem schlechten Geruche aus dem Wege! Geht fort von dem Dampfe dieser Menschenopfer!

Frei steht großen Seelen auch jetzt noch die Erde. Leer sind noch viele Sitze für Einsame und Zweisame, um die der Geruch stiller Meere weht.

Frei steht noch großen Seelen ein freies Leben. Wahrlich, wer wenig besitzt, wird um so weniger besessen: gelobt sei die kleine Armuth!

Dort, wo der Staat aufhört, da beginnt erst der Mensch, der nicht überflüssig ist: da beginnt das Lied des Nothwendigen, die einmalige und unersetzliche Weise.

Dort, wo der Staat aufhört, -- so seht mir doch hin, meine Brüder! Seht ihr ihn nicht, den Regenbogen und die Brücken des Uebermenschen? --

Also sprach Zarathustra.« -- -- --

Mit verzücktem Gesicht starrte Grege lange auf die Blätter, visionär, wie entrückt in ferne Vergangenheit, während er im Tone Zarathustra's weiter sprach, improvisirend, wie sein Doppelgänger. Doppelgänger? War er's nicht selbst gewesen, der die nämliche Rede schon gehalten, damals . . . damals, Wort für Wort . . . als das neunzehnte Jahrhundert seinen tollen Kehraus tanzte . . . in der großen Einsamkeit zwischen den dunklen Bergen, in die er geklettert, weltmüde, aus dem Süden herauf, dessen Sonne sich in seinen Kopf gesenkt, also daß das Hirn in wildem Feuer stand . . . Eisberge unvermögend, den Brand zu löschen . . .

Unsinn, Unsinn!

Dann sprang er auf und lachte so grimmig und grell . . . wie einst jene Frau, als sie ihn auf das Drachenschiff entbot.

Jawohl, das würde er, bei allen Göttern und Uebermenschen, selbst Alles noch so gefunden haben, wie es Zarathustra vor tausend Jahren herausgearbeitet . . .