In Purpurner Finsterniß Roman-Improvisation aus dem dreißigsten Jahrhundert

Part 16

Chapter 163,429 wordsPublic domain

Grege überhörte die Anspielung. Er saß in Gedanken versunken. Vergangene Nacht lüpfte Maikka ihr Staatsgeheimniß, ohne ihm das letzte Wort zu sagen. Es genügte auch so, ihm wichtige Zusammenhänge aufzudecken und seinem Rückkehrsplan nach Teuta neue Grundlagen zu geben und stärkere Ziele seinen nächsten Unternehmungen in der Heimath. Bestimmte Persönlichkeiten tauchten jetzt aus dem Dunkel des Teutastaates auf und rückten ihm drohend in's Gesichtsfeld: Minus, Titschi, Soundso. Alle drei hatte er seither nur als Oberfläche genommen und ihre starren Wurzeln und Triebe in der Tiefe übersehen. Mit allen Dreien würde er zunächst den Kampf aufzunehmen haben. Minus ist der Gefährlichste, als der böse Geist von Teuta, unter dessen Fuchtel die Entwicklung der Jugend sich schmerzlich windet. Minus, den er für einen pessimistischen Querkopf mit allerlei verkehrten Launen gehalten, ist ein wilder Egoist, dem im Staate nichts heilig ist, als seine Herrschlust, ein ironischer Volksverächter. Titschi fischt im Trüben und hat sich den Soundso herangezogen zum Handlanger, der Alles wagt. Alle spielen nur mit dem Staate und nützen die ihnen vom verblendeten Volke eingeräumte Machtstellung für ihre Sonderzwecke. Sie spucken ganz Teuta auf den Kopf. Soundso hat überdies ein Netz von Verräthereien um sich gesponnen. Er muß mit eiserner Hand gefaßt und zerdrückt werden. Ohne Rücksicht. Alles was in Nordika und bei den Angelos über die inneren Zustände des Teutastaates ausgestreut worden ist, weist auf ihn zurück. Maikka hat ihm das geradeheraus bestätigt. Soundso unterhält mit Nachbarstaaten Nachrichtendienst. Sein Ehrgeiz ist ungemessen. Er will eine große Rolle spielen um jeden Preis. Er arbeitet mit den anfechtbarsten Mitteln auf eine erste Stellung im Staate los. Er hält's mit den Alten und mit den Jungen. Die Frauen hat er aufrührerisch gemacht. Hier gilt's den ersten Streich, um ihn aus dem öffentlichen Vertrauen heraus zu werfen . . . Bei den Angelos soll er persönlich eine Zeitlang gewesen sein, auch bei den Frankos, in geheimer Kundschaft seines Meisters Titschi . . . Maikkas Aussage klang in diesem Punkte ziemlich bestimmt . . . Und der Werthvolle Hinweis Maikkas: Dieses ganze lichtscheue politische Gesindel, das im hohen Rathe von Teuta nistet, könne durch einen einzigen eisernen Charakter von kühner Offenheit hinweggefegt werden. Das ist ein Fingerzeig des Schicksals, der jedes Programm aufwiegt. Wie eine Windsbraut hineinfahren, zur rechten Stunde. Aber welches ist die rechte Stunde? Jede Stunde, die sich die Windsbraut selbst schafft . . .

-- Grege, bist Du taub? Wie oft muß ich Dich anrufen? Unser Pferdchen Tema möchte wissen, wie's bei Euch um die Vaterschaft steht, in Teuta?

-- Wie das? fuhr Grege aus seinem Grübeln auf. Ich bitte um Entschuldigung, Maikka. Ich dachte gerade . . .

-- Das thun wir auch, Tema und ich. Drum fragen wir Dich. Auf wen lauten bei Euch die Geschlechtsregister?

-- Auf die Mutter selbstverständlich. Der Vater ist gleichgiltig.

-- Das will sagen?

-- Genau das, daß der Vater gleichgiltig ist. Kinder stehen auf Mutterecht. Zur bestimmten Zeit ziehen bestimmte Jahrgänge von Männern durch bestimmte Thore -- und kehren wieder zurück. Alles Uebrige bleibt den Müttern, wieder bis zu einer bestimmten Zeit.

-- Genug, Grege. Tema schüttelt die Ohren und wehrt mit dem Schwanze ab, mag nichts weiter hören. Schau' Dir die Gegend an. Ehemaliges Sumpfland. Und jetzt! Die blühenden Gärten sind uns nicht über die Grenze geflogen. Schau' Dir auch die Leute an. Siehst Du einen einzigen häßlichen Menschen?

-- Keinen.

-- Alles ist, wie's gemacht wird, Land und Leute. Ich gestatte Dir die Nutzanwendung dieses Satzes. Hott, Tema!

Dann fuhr Maikka fort: -- Deine Bemerkung neulich über die schwebende Bevölkerungszahl war zutreffend und gut formulirt. Jedes gesunde Volk muß sein Wachsthum in der Hand behalten. Seine Vermehrung an Ort und Stelle darf über die bestimmte Zahl nicht hinaus. Die Tollheit der verkrachten Staaten des Maschinen-Weltalters war, daß sie sich in's Blaue hinein vermehrten. Daß sie sich eine Uebervölkerung schufen. Als ob sich mit den überschüssigen Massen auf dem heimischen Boden etwas anderes erzeugen ließe, als Bedrängniß, Elend, Unsinn, Katastrophen. Und dann kamen ihre verdrehten Sozialpolitiker mit ihren einseitigen Systemen und wollten da das rabiat gewordene Leben hineinpressen. Wie diese durch die militärische Drillwuth verdummten Menschen durch ihre ewig fehlgeschlagenen Experimente sich nicht belehren ließen, daß man mit Massen wohl Kriege führen, aber keine sozialen Probleme lösen könne, ist zum Lachen. Was die unglücklichen Volksmassen, die Vielzuvielen, noch mehr durcheinander brachte, war die sogenannte Presse oder die Zeitungen, von denen täglich ungeheure Ballen verschluckt wurden. Der Aermste las täglich seine Zeitung, sie gehörte zu seiner Mahlzeit, und den Allerärmsten ersetzte sie oft die Mahlzeit. Das war eine ungeheure Verirrung, ein Unsegen, der nicht wenig den Krach der europäischen Zivilisation beschleunigen half. Die Presse nannte sich selbst eine Großmacht, auch wenn nichts groß an ihr war, als ihr Format und ihr gemeiner Unsinn und ihre Lügenhaftigkeit. Sie wirkte wie ein schleichendes Gift. Die wahnbethörten Massen glaubten an die Zeitungen wie an eine Gottheit, obwohl sie sich alle untereinander widersprachen, sich stets in den Haaren lagen und sich der schimpflichsten Dinge bezichtigten. Von diesen Zuständen können wir uns heute kaum eine Vorstellung machen. Die politische Presse ist auch in Europa in dem großen Massengrab der Kulturkadaver mitverscharrt worden. Aber so lange sie da war, sorgte sie dafür, daß sie den Massen unentbehrlich blieb. Die Massen, die Volksmassen! Es ist unheimlich daran zu denken. Millionenweise hockten sie auf dem engsten Raum beieinander . . . Fünf bis zehn Millionen oft in einer einzigen Stadt. Gräßlich. Dazu hatten sie noch die zwei Grundthorheiten: Humanität und Internationalismus. Ihre Humanität bestand darin, daß sie alles Unsinnige, Kranke, Verdorbene, Gefährliche mit ausgesuchter Schonung und einem fabelhaften Aufwand von Mitteln behandelten, während sie den ehrlichen, gesunden Leuten Luft und Licht und Freiheit nahmen. Und was hatten sie von ihrem Internationalismus? Daß sie sich gegenseitig in die Töpfe guckten, gegenseitig beargwöhnten, gegenseitig belogen, betrogen, bekriegten, sich gegenseitig neue Bedürfnisse und Verlegenheiten anzüchteten, statt daß sie sich in Ruhe ließen, in vornehmer Entfernung blieben und jedes Volk für sich daheim auf eigenem Grund sich begnügte und sein Leben nach seiner eigenen Art organisirte. Durch den Internationalismus ist das örtlich Dumme und Verfehlte über die ganze Erde verbreitet worden, und was als örtlicher Seuchenheerd hätte isolirt bleiben sollen, ist als Weltgift zu allen Völkern geflossen. So mußte aus der Menschheit, die nur in einzelnen reingehaltenen Völkern und Völkergruppen mit genau regulirtem Wachsthum gedeihen kann, ein wüster Mischmasch werden, ein wühlender Krater -- der dann in der bekannten Weise eruptiren und Alles zum Bersten bringen mußte. Ist das Alles richtig betont worden in dem neulichen Probevortrag meiner Mitarbeiterin?

-- Ich glaube wohl, Maikka. Doch hättest Du die Sache noch besser gemacht.

-- Nun setze ich den Fall, Ihr würdet in Teuta den bekannten Skandal abstellen und Eure Menschenproduktion, die mir jetzt schon zu üppig scheint, ließe sich nicht gleich in der wünschenswerthen Weise eindämmen, was würdest Du thun, um den Ueberschuß an Nachwuchs zweckmäßig zu verwenden?

-- Ich würde eine Auswanderung nach Jahrgängen vorschlagen und die verödeten Theile des alten Deutschreiches besiedeln. Wo einst die Alamanen und Bavaren wohnten, gäbe es gewiß große Stücke Landes zu kolonisiren.

-- Und wie würdest Du diese Jahrgänge Deines verhockten Höhlenvolkes fortbringen? Wenn sie nicht freiwillig gingen?

-- Ich würde eine Bundesgenossin erwarten, die sie hinaustriebe.

-- Die wäre?

-- Die Noth, die bittere, unbezwingliche Noth, Maikka, die leibliche und vielleicht noch mehr die geistige Noth.

Windschnell flog Tema mit dem leichten Gefährt auf der musterhaft gepflegten Fahrstraße dahin. Links und rechts Gehöfte mit thätigen Menschen. Keinerlei Neugier schien sie zu plagen. Kaum, daß einmal ein älteres Weib auf die Straße trat, dem Gefährt nachzublicken.

Die Luft war leicht bewegt, der Himmel verschleiert.

Nun ging es eine längere Strecke sanft bergan. Tema wählte sich die gemächlichste Gangart.

-- Es fällt mir auf, Maikka, daß die Hausthüren nicht gegen die Straße gehen, alle gegen den Hof- oder Gartenraum.

Sie antwortete mit ihrer alten Munterkeit: -- Weil die Menschen sonst zu viel schwatzen, und die Weisheit liegt nicht auf der Straße.

-- Aber sie kutschirt zuweilen vorüber, versuchte Grege mit Spott.

Maikka drückte ihm rasch die Zügel in die Hand: -- Flink, kutschire Du, dann stimmt's.

Grege stellte sich ungeschickt, Tema merkte sofort den Regierungswechsel und machte keinen Schritt mehr.

Maikka lachte über seine Unbeholfenheit: -- Wo hast Du seither Deine Augen gehabt? Solche Dinge sieht man sich doch im Nu ab. Achtung, so, zwischen dem vierten und kleinen Finger den Riemen durchziehen -- der kleine ist zu schwach? -- also zwischen dem dritten und vierten, und den Daumen so legen, so. Und nun die Ellbogen einwärts an den Leib, die Beine nicht auseinander, Alles in Fühlung, Alles in festem Schluß, ein einziger Kraftkomplex, keine Zerstreuung. Arme ruhig, im Handgelenk sitzt der Witz . . . Und das will ein Staatenlenker sein, ein geborener. Halt, halt, mach' mir das Thier nicht kopfscheu, Zügel jetzt ganz locker, Du greifst ja zu, als hättest Du eine abgetriebene Schindmähre vorgespannt, nicht ein edles Roß, das eine edle Leitung gewohnt ist. Hör' mal, Grege, Tema verbittet sich dergleichen robuste Eingriffe in ihre eigene Intelligenz. Sie ist nur willfährig in der Illusion, daß der Mensch auf dem Bock in seinen Fähigkeiten wenigstens nicht unter ihr stehe. Raubst Du ihr diese Illusion, dann macht sie in ihrem Jugendfeuer mit dem Fuhrwerk und seinem Beherrscher kurzen Prozeß.

-- Die Noth lehrt kutschiren, Maikka.

-- Umgekehrt ist auch gefahren, Grege. Die Noth zwingt das Thier, sich einen Kutscher gefallen zu lassen, der das Kutschiren nicht gelernt hat. Bis es über die Noth Herr wird und den Kutscher mitsammt seiner Kutsche über den Haufen wirft. Die Geschichte hat schon Manchem nicht bloß den Kutscherthron, sondern das Leben gekostet.

-- Ist's so recht, Maikka?

-- Betrachte Temas Verhalten, und Du wirst die Antwort wissen. Das gute, vernünftige Thier! Es nimmt einen Teutamann an, in der Hoffnung noch einen erträglichen Kutscher aus ihm zu machen, damit er ein besseres Fortkommen in der Welt finde! Alles wendet sich zu Deinem Heil!

-- Die Noth, die Noth, wie ich vorhin sagte, Maikka. Der die Noth erleidet und der sie beobachtet und dem sie zu Herzen geht, Alle ziehen schließlich am gleichen Strang und müssen sich verständigen.

-- Das ist sehr staatsmännisch gesprochen. In der alten Zeit nannte man das, weißt Du wie? Opportunitäts-Politik. Der Karren gerieth trotzdem immer tiefer in den Dreck.

Grege runzelte die Stirn. Sein Blick hatte etwas eigenthümlich Starres, Fanatisches.

-- Dreck freilich, wo der überlegene Geist fehlt, den nur das Schicksal sendet oder vorenthält. Die Noth zwingt auch das Schicksal, Maikka.

-- Das ist mir zu mystisch, Grege. Es giebt eine Form der Noth, da lacht sich auch das Schicksal in's Fäustchen. Hunger! Gemeiner Hunger! Das Schicksal hat unter der alten Weltordnung jährlich Millionen Menschen verhungern lassen, kein Geist hat die armen Hungertodes-Kandidaten errettet. Freilich, damals kannte man Deine Surros noch nicht, das Surrogat aller Surrogate.

-- Dein Hohn, Maikka, ist schlechte Kost. Ich fürchte, er bleibt mir im Magen liegen.

-- Laß ihn liegen und schaff' Dir einen neuen Magen an.

-- Ich will mir's merken, Maikka.

-- Und merk' Dir gleich noch dies dazu: Ihr Teutaleute habt Euch an Surrogaten verdorben. In Allem. Nehmt wieder natürliche, starke Kost, so wächst Euch ein natürlicher, starker Geist. Schafft Euch eine neue Küche und neue Köche an. Dann habt Ihr das Schicksal in Eurer Gewalt. Braucht keine slovakische Surrogat-Politik mehr. Das Geheimniß aller Umwälzungen und Neuordnungen liegt in der Küche. Nun, ich würde Euch Surrogat-Menschen einen Küchenzettel schreiben, der sich gewaschen hat: Rohes essen, Quellwasser trinken, und an den hohen Festtagen Blut! . . . Gieb mir die Zügel, Grege, die arme Tema dauert mich . . .

Die Landschaft jenseits der Höhe wurde einförmiger. Der Pflanzenwuchs kümmerlicher. Von Bäumen waren nur noch Birken, Eschen, Erlen und Ebereschen zu sehen. Die Straße führte über moorigen Grund. Selten war ein Gehöft zu entdecken. Hie und da ein Mensch in eigenthümlich langem, grauem Gewand, das den Leib sackartig umhüllte, kaum zu unterscheiden, ob Mann oder Weib.

-- Du fragst nicht, Grege?

-- Was soll ich fragen? Frage Du für mich. Du hast mich verwöhnt . . . oder verdorben. Du nimmst mir Alles ab. Teufelsweib!

Maikka lachte: -- So nimm doch wieder Alles zurück! Du bist die Macht, die durch Herkommen herrschende Macht, mußt mich also bekämpfen. Als Opposition bin ich von Haus aus der schwächere Theil, ich will die Herrschaft erst erringen. Wo hast Du jemals eine Macht gesehen, die sich schwach macht, sich selbst schwach macht . . . hü, Tema! . . . um die Opposition mit gleichen Waffen zu bekämpfen? Du mußt mit Deiner altererbten Gewalt die Opposition aufreiben! . . . Hübsch auf dem gebahnten Wege bleiben, Tema, sonst führst Du die Opposition in den Morast! Frage, Grege, frag'!

Greges Stirnfalte grub sich tiefer. Der fanatische Zug verstärkte sich.

-- In Teufelsnamen, Weib, in welche schlimme Gegend führst Du mich?

-- Recht so, Grege, die Frage hat wenigstens Lokalfarbe. Das ist die christliche Gegend. Und die wollte ich Dir mit Absicht zeigen. Sie ist interessant genug. Hier haust die letzte christliche Sekte von Nordika, vielleicht von Europa. Und daß wir hier überhaupt fahren und athmen können, ohne Gefahr für unsere Gesundheit, ist ihr Verdienst. Bevor sich die Christen hier niederließen, war das ein tödtliches Fiebersumpfland. Ihre Aufopferung, ihr Fleiß brachten es auf den heutigen Stand. In hundert Jahren werden wohl hier auch Gärten blühen und Kornfelder wogen und Fruchthaine die Landschaft beleben. Diese Christen nehmen ihren Beruf mit jenem himmlischen Ernst, der an jeden Buchstaben des Evangeliums glaubt. Sie glauben an das Jenseits und bereiten sich darauf vor, wie auf ihre wahre Heimath. Von der Erde und den Menschen begehren sie nichts, als Duldung und die Erlaubniß, sich ihnen nützlich zu erweisen. Sie pflegen die kranke Erde und die kranken Menschen und trösten die Mühseligen und Beladenen, die hilfesuchend zu ihnen kommen. Sie selbst drängen sich Niemand auf.

-- Die Mühseligen und Beladenen in Nordika? fragte Grege erstaunt, mit warmer Antheilnahme.

-- Du vergißt doch nicht das Ziel unserer Reise, Grege? Gerade die Mühseligen und Beladenen sind es, zu denen wir wollen, nicht wahr? Zu den armen Blinden, Taubstummen, Blöden, draußen im Asyl am Fjord. Nun ja, das Asyl ist Christenwerk. Sie haben es erbaut und bestreiten seine Unterhaltung. Das ist die einzige öffentliche Thätigkeit dieser letzten christlichen Sekte in unserer Volksgemeinschaft. In ganz Europa giebt es meines Wissens kein offizielles, kirchlich organisirtes Christenthum mehr. Diese letzten Christen leben unter uns vollkommen frei, ohne jede andere Organisation als ihre unermüdliche Arbeit. Außer durch ihr Leben der Nächstenliebe versuchen sie keinerlei Propaganda. Nur den Mühseligen und Beladenen verkündigen sie das Evangelium, nur den ohne Verschulden Armen. Und wenn diese das Evangelium annehmen und wieder zur Gesundheit kommen, so setzen sie das christliche Leben und die Arbeit der Barmherzigkeit an Anderen fort -- oder auch nicht, ganz wie es ihnen das Herz eingiebt.

Grege fragte nachdenklich: -- Sind das nun geborene Unglückliche oder erst unglücklich Gewordene, die wir im Asyle finden werden?

Maikka erklärte sich die seltsame Frage aus dem überraschenden Eindruck, den die christianisirte Gegend auf Grege's Gemüth machte, und antwortete treuherzig: -- Nein, das sind keine geborenen Unglücklichen. Nordika ist so wenig grausam wie irgend ein anderes zivilisirtes freies Land. Wem die Natur gleich bei der Geburt das Unglück angethan hat, dem wird die traurige Last des Weiterlebens nicht auferlegt. Sobald die Unabwendbarkeit des Unglücks feststeht, wird Vorsorge getroffen, daß die Natur ihr mißglücktes Geschöpf wieder zurücknimmt. Kein Mensch kann wollen, daß einem anderen Menschen die Erde ein Jammerthal sei, von der Geburt an, ein langes Leben hindurch. Wenn sich die Starken mit den Schwachen, die Gesunden mit den Kranken, die Vollsinnigen mit den Blödsinnigen, die Sehenden mit den Blinden ihr Leben lang herumschleppen wollten, würde da nicht jeder höhere Zweck der Menschheit vereitelt?

-- Die Sehenden mit den Blinden ihr Leben lang . . . gewiß, Maikka. Aber das Christenwerk, wahrhaftig, da muß man Ehrfurcht haben. Es liegt wie ein unverlöschlicher Himmelsglanz . . .

-- Ich verstehe Dich, Grege. Wie späte Abendröthe liegt's auf dieser jahrtausendalten christlichen Tradition. Wie wehmüthige Poesie. Man kann es manchmal nachfühlen in gewissen seltenen Stimmungen. Dann begreift man auch die einstigen Massenwirkungen der Gläubigkeit, wie ganze Völker sich mit der Poesie des Verscheidens gesättigt, wie sie die evangelische Tradition, selbst in dogmatischer Verunstaltung, in das innerste Mark eingesogen, wie sie mit weltfremder Sehnsucht ihre Nerven, mit Jenseits-Visionen ihre Träume erfüllt haben. Es war erhaben und schauerlich zugleich, wie jede Massenwirkung. Aber wäre die Welt jemals licht, froh und sinnvoll geworden, wenn der kirchliche Bann nicht von ihr gewichen wäre? Grabes-Poesie, Jenseits-Poesie, Menschenopfer ohne Zahl wurden ihr gebracht, daß sie gespenstisch blühe. Und siehe, die Gespenster sind doch überwunden.

-- Poesie, ja . . . Poesie, lallte Grege, wie mit schwerem Kopf.

-- Brr! rief Maikka. Nein, nichts mehr davon. Das Leben selbst Poesie, das volle, heiße, gegenwärtige Leben! Grege, Grege, was sinnst Du? . . . Es giebt keinen Gespenster-Gott und Grege ist sein Prophet! Hü, Tema!

-- Du spottest schon wieder, unverwüstlicher Spottvogel!

-- Sprich, Grege, geht Dir in Nordika an lebendig gelebter Poesie etwas ab? Ist Nordika nicht ein Idyll zwischen Erd' und Himmel?

-- Ja, ja, wie man's nimmt . . . ein Idyll . . .

-- Nun ja, bei uns ist das Leben ein Idyll, bei den Angelos ein Epos, bei den Teutaleuten, na, Grege?

-- Ein Drama.

-- Richtig, Teutamann, ein düsteres Drama mit Satyrspiel wie bei den klassischen Alten. Sieh nur zu, daß das Satyrspiel nicht am Anfang kommt . . . Tema, hü! Nun werden wir's ja bald haben, jenseits des Hügels ist die Gäodrom-Station. Dann hinein in alle Lüfte!

Grege hob den Kopf hoch mit suchendem, erinnerungsvollem Blick.

-- Sing mir ein Lied! Ein lustig Lied, Mann! Tema hört das Singen gern, es trabt sich leichter beim Singen. Im Namen Tema's bitt' ich Dich. Tirilire uns eine fidele Teuta-Weise! Pfeife!

Ein finsteres Seitwärtsblicken war die Antwort.

-- Verzeih', Grege, ich hab Dich überschätzt. So juble wenigstens. Schrei Hojoho! Wir sind aus dem christlichen Armesünderland heraus, aus der Niederung der evangelischen Barmherzigkeit. Bergan, Höhenluft, Höhenlicht, die Herzen auf, die Welt ist so schön!

Grege jubelte nicht und schrie nicht. Starr und kalt saß er da.

Maikka hingegen schrie und jubelte und sang und pfiff durcheinander und fand dabei noch Zeit zu dem Gedanken, daß der Mann an ihrer Seite doch eigentlich ein unheilbar pessimistisch durchseuchtes Individuum, ein waschechtes Teuta-Subjekt sei. Ein Mondkalb. Ein unausgetragener Stier. Ein Wasserkopf. Ein dreifacher Uhu. Am besten, man sperrte ihn in den Asyl-Käfig am Fjord. Zur Erheiterung der Unglücklichen. Hü! Den Glücklichen bereitet er doch nur Mißbehagen. Dieser schwarze Teutaklex in der goldenen Nordika-Sonne . . . Diese moderige Mumie im Garten der Lust . . .

Und sie lachte und sang in den höchsten Tönen und stieß den Takt mit dem Ellbogen in Grege's Seite . . . Und um ihn recht empfindlich zu treffen, improvisirte sie ein Spottlied auf den Hunger.

Eben wollte ihr Grege den Mund zuhalten, und wenn das zu ihrer Beschwichtigung nicht genügte, sie vom Sitze herunterwerfen, als der Wagen um die Ecke eines jungen Wäldchens bog und vor dem Stationshause hielt. Das ist ja kein Weib, das ist ein Berserker . . .

-- Angekommen! rief sie, warf dem Pferde die Zügel auf den Rücken und sprang herab. Sie reckte und dehnte sich und sah plötzlich wieder ganz manierlich aus.

Ein hübsch gewachsener Jüngling kam ihr grüßend entgegen.

-- Mein Sohn Ole, Gast Grege . . . Wie lebst Du hier? . . . Ist ein Gäodrom bereit? . . . In einer halben Stunde? . . . Das paßt uns. Packe unseren Reisekram ein, ich will mein Pferd versorgen . . . Du kommst nicht mit, Ole? . . . Schade. Uebermorgen sind wir wieder hier . . . Du giebst uns wenigstens einen verlässigen Fahrer mit? . . . Abgemacht . . . Das Wetter ist nicht sonderlich, ich weiß, Ole . . . Aber warum ist mein Gast nicht einen Monat früher gekommen, zu den »weißen Nächten«? . . . Ach, Ole, Du glaubst nicht, diese Teutaleute kommen überall zu spät . . . Es ist mir eine große Freude, daß Du so stramm geworden bist, ich bin stolz auf Dich, Ole . . . Der Alte läßt Dich auch grüßen. Auf Wiedersehen! . . . Großmutter Ingeborg? . . . Natürlich, sie ist lustig wie immer. Auf Wiedersehen! Gefällt Dir mein Gast? Er ist ein drollig lieber Mensch . . . Wiedersehen!

Die Fahrt begann mit einem kräftigen Imbiß. Maikka hieb mit blitzenden Zähnen in ihre Fladbrote ein, die sie mit duftigen Konserven belegt hatte. Grege fand gleichfalls Geschmack an diesen Broten. Die Luftgondel strich nicht hoch. Zu sehen war vorerst nichts sonderlich Bemerkenswerthes. Die fernen Berge waren wolkenverhüllt. In der nächsten Landschaft reihten sich Gehöfte, Blockhäuser und Sommerbauten zu niedlichen Ortschaften. Viehherden mit glänzenden Kugeln an den Hörnerspitzen, gleich Leuchtkäferchen im dunklen Grün, sandten ab und zu einen Laut von der Erde herauf. Die Luft hielt sich feierlich still.

Der Imbiß war zu Ende. Maikka schüttelte die Brotkrumen auf die Erde hinab. Einem Flug Elstern, der in der Nähe des Gäodroms unten vorübersauste, warf sie Reste von gedörrtem Fleische zu.

-- Kennst Du diese Vögel, Grege? Man heißt sie hier Gertrudsvögel. In einigen Gegenden stehen sie in hoher Verehrung. Magst Du die Geschichte hören, die man sich von ihrer Erschaffung erzählt?

Gern mochte er sie hören. Die Erzählung wird ihm wie Musik die Ohren schließen, daß seine Gedanken desto ungestörter in die eigene Seele tauchen können wie in einen Ozean wildwogendender Empfindungen und dann wieder ordnend darüber schweben wie der Schöpfergeist über dem Chaos.

Und es beliebte Maikka, recht wie eine Märchentante zu erzählen, während die Gondel ruhigen Kurs hielt.