In Purpurner Finsterniß Roman-Improvisation aus dem dreißigsten Jahrhundert
Part 14
-- »Und daß ich noch dieses sage. Der Krach in Europa hat, wie die Hauptrednerin schon angedeutet, viele Ursachen gehabt. So viele, daß man sie so wenig zählen kann, wie Rattenschwänze in einem dunklen Kellerloch. Darf ich noch bei einigen verweilen? Also gut. Von den auffälligsten haben wir zwar genug gehört: Machtpolitik, die sich die ganze Welt unterthan machen wollte, weil die ganze Welt ein einziger Marktplatz geworden war, wo Alles schacherte und schwindelte, und kolossale Güter, damals werthvoll, den späteren Geschlechtern gleichgiltig, wie faules Fallobst zu Haufen lagen, trotzdem gleichzeitig überall Noth herrschte. Je mehr ein Staat hatte, desto mehr wollte er, und je mehr er räuberte, desto armseliger wurde er. Was sie an erbeuteten Reichthümern heimbrachten, schuf ihnen neue Armuth, was ihre Macht zu vermehren schien, saugte ihnen die Kräfte aus. Die Magazine starrten von kostbaren Gewändern -- und das Volk lief in Lumpen; die Speicher platzend voll von Nahrungsmitteln -- und das Volk verhungerte; die Gewölbe vermochten das Gold nicht zu fassen -- und das Volk bettelte um elende Pfennige; die Fluren wurden gepeitscht Früchte hervorzubringen, wie die Arbeiter gehetzt wurden, Waaren zu fabriziren -- und für Produkte und Fabrikate waren keine Abnehmer da, denn die Spekulanten gaben nichts her, es war ihr Besitz, von dem sie sich nur gegen hohe Gegengabe trennen wollten. Und diesen Widersinn belegten sie mit den großartigsten Rechtstiteln. Das Alles saß ihnen im Kopf so fest, daß sie erst in langwierigen Revolutionen und Kriegen sich die Köpfe zerschmeißen mußten, um ein wenig heller zu werden. Das ging so zwei, drei Jahrhunderte fort. Die sozialistischen und kommunistischen Experimente zwischen einer Militärdiktatur und der anderen führten nicht zum Ziele. Die Menschen waren zu tief herabgekommen, und vom autoritären Staat konnten sie sich nicht trennen, und der Heeresdienst und der Gottesdienst fraßen weiter, denn Alles war von der Furcht durchseucht, und in ganz Europa traute sich Niemand über die Straße. Vor allen schöpferischen Phantasiemenschen hatte man eine Heidenangst. Die freien Künstler, Dichter, Zeitungsschreiber waren verhaßt. Man verfolgte sie, und wo es anging, jagte man sie fort. Strolche und Genies fanden nur Schutz, wenn sie sich einsperren ließen, das nannte man in der Rechtssprache »Nummero Sicher«. Den Strolchen bekam das gut, den Genies weniger. Philosophen wurden dem Hungertodt preisgegeben, Poeten, Maler, Musiker bei der geringsten Veranlassung wegen »groben Unfugs« oder »Lästerung« in harte Strafe genommen. Nur wer mit todten Stoffen zu thun hatte, wie Mechaniker und Chemiker, blieb unbehelligt. Der sozialistische Staat war wie der alte Klassenstaat gezwungen, von den schlechten Gewohnheiten der Menschen zu leben. Die Kassen blieben leer, wenn die Menschen nicht in Lasterhaftigkeiten schwelgten. Die Lebensmittelsteuer warf wenig ab, weil die Mehrzahl wenig und schlecht aß. Aber das Laster des Trunkes, des Tabakrauchens, der Ausschweifung und anderer Giftgenüsse brachte Geld in die Kasse. Dabei wurde das Volk immer nervenelender, gehirntoller, überreizter, den wahnwitzigsten Revolutionsideen geneigter und allen geistigen und leiblichen Krankheitsstoffen zugänglicher. Revolution war der Dauerzustand Europa's geworden, Revolution in der erbärmlichsten, feigsten Form. Zuchthäuser, Irrenhäuser, Spitäler bedeckten ganz Europa. Nun kam noch das Schönste. Nachdem Amerika Ostasien sich unterworfen, drängte sich das Chinesenvolk in Millionen-Horden gegen Westen. Keine Grenzsperre half. Die Schlitzaugen und Schlenkerbeine überflutheten zunächst das südliche und mittlere Europa und pflanzten einen Riesenkaktus mitten in den schon arg verwilderten Garten der abendländischen Kultur . . . In Rom war es dem getauften Judenthum gelungen, in Nathaniel Rothschild I. einen Papst seiner Rasse auf den Stuhl Petri zu bringen. Dem klugen Pontifex glückte es, auch das Chinesenthum zur Taufe zu bewegen, und plötzlich schien der vatikanische Katholizismus eine neue Heilsmacht zu begründen, die sänftigend auf die wahnsinnig aufgeregten Geister zu wirken vermochte, wie Oel auf stürmische Wogen. Um die Gelehrten und Denker, die trotzig bei Seite standen in dem großen Zersetzungsschauspiel des europäischen Geistes, für die kirchliche Propaganda zu gewinnen, widerrief der judenchristliche Papst kraft seiner Unfehlbarkeit alle die aufrührerischen Dogmen seiner Vorgänger in der Statthalterei Christi und zuletzt seine eigene Unfehlbarkeit. Um das Maaß seines vizegöttlichen Edelmuthes gerüttelt voll zu machen, bekleidete er die berühmtesten Abkömmlinge der einst wegen arger Ketzerei verfolgten Familien mit dem Purpur, ernannte die Führer der Freigeisterei zu Ehrenkardinälen, machte einen Panizza zu seinem Geheimkämmerer und versetzte die einst berüchtigsten Häuptlinge des Antisemitismus unter die Heiligen. Doch auch das brachte keine Dauerwirkung mehr hervor. Die zwölf Judenchristenpäpste, die noch folgten, boten ihr übermenschliches Beherrschungstalent umsonst auf, der Kirche zu neuem Leben zu verhelfen und ihr einen durchgreifenden Einfluß auf das zerrüttete Europa zu verschaffen. Sie hatte ihre Rolle ausgespielt. Die Theilung der Macht mit Nebenpäpsten schwächte sie in ihrem Mittelpunkt bis zur Bewußtlosigkeit. Es gab keinerlei Halt mehr für die europäischen Völker. Der ideologische Verzweiflungstraum des letzten Fürsten des größten europäischen Mittelreichs gab das Signal zum großen Vernichtungskampf, der die neue Weltwende einleitete. Fürst Willibald XXXIII. zerbrach sein Schwert und erklärte in seinen Staaten Militärgewalt und Heeresdienst für abgeschafft und den Gottesfrieden aufgerichtet mit allen Völkern, die an den Grenzen wohnten. Ganze Stämme, die das große Verderben witterten, wanderten schleunig aus und suchten neue Wohnsitze in fernen Welttheilen, so die Bavaren, die Alemannen, die Franken vom Main und Rhein bis zur Elbe. Wie Meeresfluth in rasendem Sturm brachen von Ost und West zugleich die Völker in das Mittelreich ein, und es entspann sich ein Kampf wie die Menschheitsgeschichte keinen je gesehen hat und hoffentlich keinen mehr sehen wird . . . Schließlich waren sämmtliche Völkerschaften Europas in diesen ungeheuren Kampf verwickelt. Es war kein Kampf von Riesen, es war ein Kampf von bestialischen Zwergen, bewaffnet mit den furchtbarsten Zerstörungs-Werkzeugen des Maschinen-Weltalters. Die religiöse Drillung der Kirche, welche durch lange Jahrhunderte den Geist der Völker sich unterworfen wähnte, erwies sich nach der ethischen Seite vollständig wirkungslos. Sie hatte die Raubthier-Instinkte der Menschen nicht hinausgetrieben, sondern nur krank gemacht. Nirgends tauchte ein großer Feldherr auf, der die Massen, ineinander verbissen wie wüthende Thiere, gebändigt und zu einem festen Ziel geleitet hätte. Es folgten Schlachten ohne Entscheid, ohne Ende, bis Neunzehntel aller Kämpfenden aufgerieben waren und unter den Uebriggebliebenen das große Sterben, die »chinesische Pest« begann. Das war Europas Untergang als einer geordneten Kulturstaatengruppe. Während inzwischen Angelland und Amerika in listiger Weise die übrigen Erdtheile unseres Planeten ihrer Herrschaft unterwarfen, verendete die herrschaftstolle alte Welt, und der grauenhafte, durch Generationen und Generationen sich hinziehende Selbstmord der europäischen Zivilisation hatte mit dem letzten Todesröcheln der Völker sein Ende erreicht. Die große Tragödie, die größte der Weltgeschichte, war ausgespielt. Mit gebrochenem Auge und zerfetzten Gliedern und ausgerissenen Eingeweiden und verschüttetem Blute starrte der Riesenleichnam zum mitleidlosen Himmel empor . . . Was auf dem europäischen Festlande an Kulturvolk noch übrig blieb, war winzig an Zahl, sammelte sich in den nächsten Jahrhunderten an den Küsten, an den Flußläufen, an den Abhängen der Gebirge und hob sich allmählich wieder unter dem Sammelnamen der Slavakos, der Frankos, der Teutaleute und so weiter aus Verwesung, Schutt und Trümmer der alten Kulturwelt zu neuem, bescheidenem Genossenschaftsdasein. Am glücklichsten war bei dieser furchtbaren Auslese im europäischen Zusammenbruch das Nordland weggekommen. Es wurde nur an den Grenzen gegen Süden von der Verheerung gestreift, und im Innern blieb es friedlich auf seine ruhige Kraft gestellt . . .«
Das war, was Grege im Verlaufe des Vortrags zu verstehen glaubte. In Teutaland hatte er die Geschichte anders gehört. Aber diese Darstellung des jungen Nordika-Sprechers ergriff ihn mächtig. Er folgte auch den übrigen Rednern, die noch das Wort nahmen, um einige Punkte in abweichender Auffassung und Beleuchtung zu zeigen. Besonders reizvoll war es ihm, wie eine frische, rothwangige Frau von niedlicher Gestalt als scharfe Kritikerin auftrat und dem Schilderer des Zusammenbruchs der europäischen Staatenwelt einige Verstöße gegen die »historisch festgelegte Wahrheit« nachzuweisen versuchte. Doch wollte sie sich nicht weiter in jene »schauerliche Jammer-Ecke« verkriechen, sondern aufzeigen, wie aus dem Meere von Herzeleid, in welchem die alten Völker versunken waren, gleich begrünten Inseln der neue Lebensmuth emporwuchs und die kleinen überlebenden Völker zu zweckmäßiger Ordnung ihres Daseins trieb. Gewiß, sie waren welthellsichtig geworden. Sie hatten aus der grauenvollen Katastrophe, die so ungeheuerliche Elendswurzeln wie Kapitalismus, Geldwirthschaft, Weltmarktspekulation, Konkurrenztollheit, Herrscherwahn glücklicherweise mitvernichtete, verfeinerte Organisations-Instinkte gerettet. Mit dem Verschwinden der erdrückenden Uebervölkerung war in der großen europäischen Wüste den winzigen Völkern der ruhigen Jahrhunderte der Kampf um's Dasein zwar nicht erspart, doch hatte er viel erträglichere Formen angenommen. Und die besten Kultur-Errungenschaften lebten in vergeistigter Art als stille Erbschaft weiter. Von nun an konnten die kleinen, gesonderten Völker ihre angestammten Wesenszüge ungestört pflegen und in fester Gemeinarbeit aus dem eigenen Boden ihren Unterhalt ziehen. Aus der Bedürfnißlosigkeit erwuchs ihnen immer stärker die innere Unabhängigkeit. Sie hatten scharf Acht geben gelernt, daß die Menschenvernunft keine Sprünge wider die Natur mache. Die Herrschaftslosigkeit ließ sie selbst die wohlthätigen Regeln finden, unter welchen die Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Gesundheit und Schönheit am besten gedeihen und das Wohlbefinden des Einzelnen mit dem Wohlbefinden der Gesammtheit sich vereinige. Alle die alten sozialistischen, kommunistischen, anarchistischen Utopien, aus der hartköpfigen Prinzipienreiterei oder der phantastischen Schwärmerei des zweiten Jahrtausends geboren, waren für die Menschen des dritten Jahrtausends nur noch belächelte Erinnerungen, wie der reife Mensch in der Fülle seiner Lebenserfahrungen die bald heiteren, bald schlimmen Verirrungen seiner brausenden Jugendzeit belächelt. Ein stilles Hausglück ist über Europa gekommen, und auf dem Festlande hat kein Nachbar den andern zu fürchten und kein Volk sich des anderen zu schämen. Man unterhält keinen aufdringlichen, belästigenden Verkehr von Volk zu Volk, man ist sich selbst genug und wohnt doppelt vergnügt auf seinem Boden, weil man fühlt, wie von allen Seiten gesunde Lüfte hereinwehen und keine böse Gewohnheit an der Grenze siedelt.
Und dann ließ sie ihre Rede in einem munteren Loblied auf Nordika ausklingen, dem Lande des Lichts und der Lust. Damit aber Niemand sie für allzu eigenliebig halte, wolle sie die Erklärung nicht unterdrücken, daß sie auch von den ferner wohnenden Völkern, sogar vor dem Teuta-Volke, herzliche Hochachtung empfinde.
Sogar vor dem Teuta-Volke! Und mit dieser spöttischen Betonung -- sogar!
Grege zuckte auf. Er empfand den Beifall, den die Zuhörer der Schlußwendung spendeten, wie einen Schlag in's Gesicht.
»Ein schlechter Mann, der nicht der Erste sein will!«
»Ein schlechtes Volk, das nicht das Erste sein will!«
Alles was sich seit Wochen an Empörung, Verzweiflung, Sehnsucht, Hoffnung, Glücksempfinden, beleidigtem Stolz, wildem Heldentrotz in Greges Seele aufgestaut, das brach jetzt mit Ungestüm hervor und riß ihn selbst, wie von der Fluth des blutig gekränkten, übergewaltigen Ich- und Heimathsgefühles fortgewirbelt, auf die Tribüne.
Wie ein ekstatischer Seher stand er da, im heiligen Zorn erglüht, das Haupt zurückgebeugt, die Augen weit und groß, ganz Pupille, die vollen Lippen halbgeöffnet, bebend vom zurückgehaltenen Wort. Unter den zürnenden Gesten seiner nach oben ausgreifenden Arme wuchs seine Gestalt.
Es war ein Ereigniß, niemals war ein Fremder da oben gestanden, niemals hatte ein Einheimischer das Schauspiel einer solchen Erregung geboten.
Die ersten Sätze kamen stoßweise, wie aus einer stockenden Maschine, rauh und zerrissen im Ton, von einer Wucht, die sich selbst im Wege steht und über sich selbst hinaus Bahn sucht.
-- Ich muß hier mitreden, liebe Leute. Ich muß. Kein Mensch in der Welt soll sagen, daß ein Teutamann geschwiegen, wenn Teuta Ungebühr geschehen. Ich bin ein Teutamann, ganz einfach, ohne Verdienst und Würdigkeit. Ich kenne mein Land, ich weiß um sein Volk so viel, als man zu wissen braucht, um keine Verachtung zu dulden. Ich sage nicht, daß das hier geschehen, ich klage Niemand an, ich empfinde nur, daß ich selbst verächtlich wäre, wenn ich nicht laut und öffentlich für mein armes Land Zeugniß ablegte. Ja, mein armes Land, weil Niemand in der Fremde die Schmerzen kennt, die wir aus Liebe zu ihm im Herzen tragen. Aus hilfloser Liebe und stummer Sehnsucht. Seltsam ist unsere Seele, und nicht immer von uns selbst begriffen. Gedrückt kam sie aus alter Weltordnung und flüchtete sich zwischen Berge und in Höhlen, und keine Neuordnung wollte ihr gelingen, also daß sie ihre Flügel zum Schwunge öffnen könnte, rauschend und jauchzend in freier Luft, Sonnenaufgängen und Heldentagen und Heldenglück entgegen. Wer den Himmel offen gefunden, segne sein Schicksal, aber er werfe keinen kränkenden Vorwurfsblick auf den, der noch, aus eigener oder fremder Schuld, am Rücken der Erde klebt . . . Hab ich genug gesagt, oder duldet Ihr noch ein Wort? Ich weiß, ich spreche Eure liebe Sprache, o meine Brüder, nur nothdürftig, und vielleicht bereite ich Euren Ohren Qual. Aber Ihr seht, daß wir uns in Teuta bemühen, im Geiste unseren Volksverwandten nahe zu bleiben. Alle aufgeklärteren Männer lernen die germanischen Hauptsprachen. Duldet Ihr noch ein Wort? Oder ist's genug?
-- Wer ist er? Ein Gast? Maikkas Freund? Weiter reden! Das Herz ist ihm voll, er spreche! tönten die Stimmen der Zuhörer durcheinander.
-- Herrliches hab' ich bei Euch geschaut, Leute von Nordika, und hohen Glückes die Fülle genossen, nach peinvoller Irrfahrt. Ihr habt mich Wege gelehrt, die mein Fuß allein nicht gefunden. Ihr habt mit Worte gesagt gleich Räthsellösungen, auf die mein eigener Verstand allein wohl noch lange nicht gekommen. Mit Blitzen habt Ihr mein Dunkel erleuchtet, mit Schönheit meine vergrabene Lust wie vom Tode erweckt. Es ist mir, als hättet Ihr mir eine neue Seele gegeben, als hätten mir die brausenden Winde, die hier über das Land wehen, aus geheimnißvollen Vorzeiten Grüße gehaucht . . . und der Väter Geist . . . ist über mich gekommen . . . Das soll nicht verschwendet sein von heut auf morgen, das will ich als kostbaren Schatz meinem Volke bringen, als Euer Gastgeschenk bei meiner Heimkehr. Nimmer sollt Ihr gering von meinem Lande denken, denn es hat keinen Undankbaren zu Euch geschickt. Unauslöschlich wird mein Dank sein und zum Segen wachsen wie ein guter Same, der tausendfältige Frucht bringt . . .
-- Er ist ein Dichter! Er spricht entzückend! Er ist schön, ein Sänger und Held zugleich! Daß aus Teutaland Solches kommt? riefen die Hörerinnen.
-- Nicht weiß ich, was ich Euch als Gegengabe bieten soll, denn Ihr seid reich an jeglichem Gut, und ein Mehrer Eurer Erkenntniß und Freudigkeit zu sein, das kann Keinem gelingen, der von anderen Völkern kommt, am wenigsten mir oder meinen Volksgenossen. Aber wie ich unbescheiden genug bin, hier unsere Armuth zu bezeugen, so will ich stolz genug sein, daheim Eure Ueberlegenheit zu rühmen und Eure Kraft als ein Beispiel aufrichten, daran die verborgenen Kräfte meines Volkes in's Licht wachsen sollen, damit Eure Achtung vor dem fremden Wesen den bitteren Geschmack verliere, wenn Ihr von Teuta sprecht. Wir sind verwandten Blutes, und in verwischten Zügen lebt ein alter Zusammenhang. Wir haben heute gehört, wie wunderbar die Schicksale der Völker, wie aus den verderblichsten Heimsuchungen und schaudervollsten Niedergängen die Menschheit sich auf Zukunftspfade rettet, die ihr ein geheimnißvoller Lenker weist. Wer weiß, ob nicht auch Teutaland seinen Blutsverwandten wieder näherrückt, gereinigt von Irrthümern, gewachsen in seinen Vorzügen, ein treuer Bundesgenosse in Zeiten neuer Bedrängniß, oder, noch lieber, ein fröhlicher Theilnehmer an gemeinsam bereitetem Glück. Wenn Ihr heute an Teuta denkt, freilich, da ist's als blicktet Ihr in eine große Finsterniß, aber ich sehe, von dieser Stelle aus, mit meinem inneren Auge, mit dem Auge der feurig und hoffnungsvoll erglühenden Seele, wie ein stiller, heißer Purpurglanz über die Finsterniß sich breitet gleich zeugender Liebe, und wie die Finsterniß unter dem Kusse liebenden Lichtes in göttlicher Umarmung empfangende Mutter wird und aus ihrem Schooße den Geist der Helle gebiert, der, eine Sonne der Zukunft, die trübe Teuta-Nacht in seligen Tag verwandelt. O, daß nichts uns störe, wenn die brünstige Liebe ihr himmlisches Zeugungswerk verrichtet, damit der Wonne des Empfangens die selige Frucht entsprieße. Ich grüße mein Teuta unter Nordikas Himmel, der mein Herz der Freude und Hoffnung erschlossen hat und meine Seele stark gemacht, das Kühnste zu wagen. Ich grüße die herrliche Welt!
So endete Greges Rede, die als düster zürnende Abwehr begonnen, wie eine Apotheose, in deren Strahlenglanz sich Alles an die Brust fliegt, überwältigt vom Gefühl, und der Vorhang sich senkt unter Umarmung und Kuß. In seiner dichterischen Phantasie hat sich das Zeitliche zum Ewigen erhoben, der Einzelfall zum typischen Ereigniß, das Persönlichkeits-Lustgefühl zum jauchzenden Lustschrei der lebens- und glückeshungrigen Gattung.
Jubelnd umringten ihn die Zuhörer. Allen hatte er aus der Seele gesprochen, Jungen und Alten, Männern und Weibern.
Den ganzen Abend sprach man von nichts Anderem. Die Improvisation des Teutamannes galt Allen für wichtiger, als der historische Probe-Vortrag der neuen Meisterin.
Maikka bedauerte, Grege nicht gehört zu haben.
In jener Mischung von Herzlichkeit und Spott, von Sympathie und Hohn, wie sie ihr in den letzten Tagen gegen ihren Gastfreund meist über die Lippe floß, sagte sie zu ihm: -- Du sprichst wie ein Gott, das weiß ich. Aber um in Teuta gründliche Politik zu machen, braucht man einen Teufel.
-- Einen . . .?
-- Ja, Grege. Einen Teufel. Etwa in der Art Eures wackeren . . . nein, das ist Staatsgeheimniß. Mach' Dich gefaßt. Jetzt aber dies: Geh' in die Bibliothek und studire den ganzen Zarathustra. Sein Kapitel vom Staate wollen wir zusammen lesen, wenn Du Geduld hast. Dann wollen wir auch den blöden Legendenkram, den Ihr Euch in Teuta um Zarathustra-Nietzischki habt wachsen lassen, in alle Winde jagen. Dergleichen Fabeleien sind wahrhaftig für eine Kinderstube zu dumm. Ein Volk mit solcher göttlich kritiklosen Leichtgläubigkeit ist übrigens für jeden Umsturz reif -- wenn der rechte Umstürzer kommt.
-- Der rechte Teufel, in Deiner Lesart.
-- Jawohl, Grege. Oder der rechte Zarathustra. Das ist das Nämliche.
-- Zarathustras Wiedergeburt also, oder Wiederkehr.
Grege meinte das doppelsinnig. Unwillkürlich, ohne Ueberlegung. Und ein Schauder flackerte heiß über sein Gehirn. Und vor seinen Augen brannte eine jähe Röthe.
-- Zarathustras Wiederkehr! kam es noch einmal wie lallend von seinen Lippen.
Plötzlich schrie er Maikka an: -- Dein Staatsgeheimniß, ich will Dein Staatsgeheimniß wissen! Wie lange foppst Du mich noch, Weib?
Maikka, nach einem langen, bohrenden Blick, vor dem Grege schier erblaßte und das Feuer seiner Augen zurückwich, wie vor dem Druck einer stärkeren Flamme: -- Frag' mir's ab, Teufel! Kannst Du nur Blinde bannen? Zwinge die Sehenden! Thu' mir Gewalt an!
* * *
Inzwischen hatten in Teuta die Vorbereitungen zum großen Nationalfeste und was damit zusammenhing -- und was hing bei den herrschenden Einrichtungen nicht damit zusammen? -- ihren Fortgang genommen.
Ihren Fortgang!
Ihren Fortgang so, wie seit Generationen und mit besonderem Glanze unter dem glorreichen Regimente Aos und seiner Hoheits-Genossen alle Staatsangelegenheiten ihn zu nehmen pflegten. Hinten herum. In Schlangenlinien. Im Zickzack. Im plötzlichen Schuß mit plötzlichem Zurückweichen und Stehenbleiben: Was war's -- was nun? In Auf- und Abschwüngen. Im Taumelgang. Rechter Hand, linker Hand, Alles vertauscht. Im Arabeskenstil. Kurz: urteutahaft.
Der kleine, geschmeidige, zähe Soundso nannte das boshaft »Die Politik des altneuen Kurses.«
Das Gaukelspiel mit dem todten und wieder lebendig gewordenen Minus hat ihn übrigens im hohen Rath zum berühmtesten, einflußreichsten und gefürchtetsten Mann gemacht. Es war sein gelungenster Meisterstreich.
Sein eigener Meister Titschi ist darüber vor Neid todtkrank geworden.
Bim war nahe daran, seinen Verstand zu verlieren, für den genialen Entdecker ein starkes Stück.
Ao entschloß sich im ersten Schreck zu einer Entfettungskur, und zwar zu einer radikalen, mit heimlicher Auslandsreise, nach dem damals in der bewohnten Welt berühmtesten Entfettungskurort Isaria auf den Ruinen und zwischen den Scherbenbergen einer uralten Kunst- und Wunderstadt im Süden. Die Ruinen stammten von dreihundertfünfundsechzig Tempeln und einem Nothtempel für den dreihundertsechsundsechzigsten Tag in den Schaltjahren, und die hohen und weitläufigen, von amerikanischen Alterthumsforschern bereits labyrinthartig durchschnittenen Scherbenberge entstammten den unzerstörbaren Resten von Milliarden von litergroßen Gefäßen, in welchen in der deutsch-christlichen Vorzeit die Trankopfer dargebracht wurden. Dargebracht einer Gottheit, die seit der Zerstörung ihrer Heiligthümer nur noch ein sagenhaftes Dasein in einigen wenig beachteten Literatur-Fragmenten, genannt das »Kommersbuch«, Abtheilung »Kneiplieder«, fristete. Die Hüter des heiligen Wortschatzes in Teuta ließen jedoch diese Literatur-Fragmente um ihrer aufrührerischen Tendenz willen niemals in die Hände der Jugend gelangen. Hoheit Minus las in seinen schlaflosen Nächten manchmal in diesen bedenklichen Blättern und mußte diesen gelehrten Genuß regelmäßig mit einem argen Kopfweh am nächsten Morgen büßen. Auch wenn ihn unerwiderte Liebe gepeinigt, flüchtete er, um Schlimmes mit Schlimmerem zu kuriren, gern zu seinem »Kommersbuch«. Einige sprachliche Formen, die keine Philologie mehr zu erklären vermochte, wie »Krambambuli«, »Jupeidi, jupeida«, und die wohl vor anderthalbtausend Jahren der heiligen Tempel-Liturgie der Oberpriester angehörten, fesselten ihn oft dermaßen, daß er Herz- und Hüftweh darüber vergaß.
Der große Minus! Nun war er wirklich todt, und nur dem außerordentlichen Diplomaten-Geist des Soundso war's gelungen, ihn als sprechende Spukgestalt im hohen Rath vorzuführen und damit das ganze Kollegium zu revolutioniren.
Die große Noth der Regierenden in ihrer unzulänglichen Weisheit und der dämonische Ehrgeiz des Strebers hatten Soundso auf einen Gedanken gebracht, der zuvor von keinem regierenden Teuta-Gehirn gedacht worden war. Und wie jeder geniale Gedanke, war er so naheliegend und so verblüffend einfach: Man ersetzt die abgängigen Kapazitäten durch elektromagnetische Automaten -- und der Staat ist gerettet.
Und in einem Staate, wo die Feinmechanik und alle technischen Täuschungs-Fertigkeiten auf der höchsten Blüthenstufe angelangt sind, ist es doch fürwahr keine Hexerei, einen Automaten zu hexen, der zu Allem zu gebrauchen ist, zum Staatsmann wie zum Komödianten?