In Purpurner Finsterniß Roman-Improvisation aus dem dreißigsten Jahrhundert
Part 13
Hinter einer mächtigen Dornhecke lag die Fohlenwiese. Es waren nur einige ältliche Stuten in der Nähe, die faul am Boden lagen, während sich die Sonne in ihrem glatten, brandrothen Rücken spiegelte. Weiter drüben tummelte sich das jüngere Pferdevolk.
Maikka fand schnell den Eingang. Mit Händegeklatsch und Zuruf jagte sie die Thiere auf. Bevor ihr Grege in den umhegten Raum folgen konnte, hatte sie sich bereits auf den Rücken des ihr zunächst stehenden Pferdes geschwungen.
Sie saß rittlings, knotete sich mit der rechten Hand in die weiße Mähne und wendete sich nach Grege um.
-- Mir nach, Grege!
Und sie flog dahin, die Haare im Wind. Ihr braunes Röckchen flatterte. Ihre nackten Arme und Beine leuchteten.
Wie sollte er nun das wieder verstehen? Wollte sie ihn völlig verrückt machen? Das Schauspiel war ja an sich ganz lustig anzusehen, diese galoppirende Amazone war ihm eine nagelneue Erscheinung. Er würde sich jedoch hüten, ihr nachzumachen und den Hals zu riskiren. Die anderen Stuten betrachteten ihn sinnend, mit vorgelegten Ohren, dann trabten sie fort, Maikka nach.
Maikka ritt drüben mitten in die weidende Heerde, sprang ab und schwang sich auf ein anderes Pferd, das sie als das Leitroß erkannte. Ihr Lieblingspferd war heute nicht da, vermuthlich wegen anderweitiger Berufserfüllung. Das war nämlich der Zuchthengst, ein herrlich edler und intelligenter Kumpan, unter dessen ritterlicher Obhut die gesammte Fohlenwiese stand. In seiner Abwesenheit führte das Leitroß, gleichfalls ein tadelloses Thier, das Regiment.
-- Wohin Du mit mir willst, vorwärts! Hipphipp!
Das Thier griff aus und jagte rund um die Umzäunung, und der ganze Trupp hintendrein mit Gewieher und Gepruste, bis die Reiterin vor Grege hielt, der erschreckt zurückwich.
-- Siehst Du, Teutamann, das ist gerittene Mythologie. Magst Du Dich zu mir aufsetzen? Willst Du's griechisch oder altnordisch?
Grege mußte ihr nun doch Beifall klatschen. Sie sah prachtvoll aus. Verklärt animalisch. Wie ein höheres Thier. Und er hätte wahrhaftig etwas darum gegeben, wenn er sich fähig gefühlt hätte, sich zu ihr aufzuschwingen und mit ihr einen Ritt zu wagen.
Mit jähem Gedankensprung warf ihm Maikka die Frage zu: -- Hör', Grege, kannst Du Dir Deinen Nationalheiligen Zarathustra hoch zu Roß denken? Nein? Er war kein Reitersmann? Er hat nie vom Rücken eines edlen Rosses auf die Welt hinabgesehen, wie ich auf Dich jetzt hinabsehe? Er ist nie der aufgehenden Sonne entgegen, der untergehenden Sonne nachgeritten? Er hat nur Phantasieflüge gemacht, ohne Schluß und Schenkeldruck? Das Pferd gehörte nicht zu seinen heiligen Thieren?
-- Was Du für Einfälle hast, Maikka. Zarathustra hoch zu Roß, die Umwerthung der Werthe zu Pferd!
-- Dann werthe schleunigst seine Umwerthung um. Alle weltbewegenden Offenbarungen wurden der Menschheit vorgeritten, das Christenthum auf einem geduldigen Eselein, der Mohamedanismus auf einem feurigen Araber. Und Dein Zarathustraismus kommt zu Fuß?
Grege war gedankenvoll herangetreten und reichte ihr die Hand. Sie glitt vom Pferde in seine Arme.
-- Das viele Lachen hat mich dumm gemacht, wahrhaftig. Plötzlich fühle ich meinen Kopf so leer. Laß uns den Heimweg suchen.
Sie hing sich an seinen Arm und folgte ihm schweigend im heraufziehenden Abendfrieden.
Sie war wie verwandelt.
-- Ueber Zarathustra, fing sie später leise an, aber es war doch, als klinge wieder ein verhaltenes Lachen durch, -- über Zarathustra muß ich mit Dir noch besonders reden. Es sind die letzten Mucken, die ich aus Deinem Kopf vertreiben muß. Kennst Du den vollständigen Zarathustra?
-- Die hauptsächlichsten seiner Reden, ja. Alle zu lesen wird in Teuta nicht für gut gehalten. Auch von den Kommentaren sind uns nur wenige erlaubt.
-- Daran liegt nichts. In meiner Bibliothek kannst Du Alles finden. Aber sag' mir, was weißt Du von seinem Leben?
-- Nicht mehr, als unsere Autoritäten verkündigen. Er lebte um die Wende des zweiten Jahrtausends. Er war ein Heiliger und ein Märtyrer. Erst fünfhundert Jahre nach seinem Tode wurde er anerkannt. Bei Lebzeiten mußte er sich wahnsinnig stellen, um seinen Henkern zu entgehen. Nachdem er gestorben war, hörte man noch fünfzig Jahre seine Stimme aus dem Sarge murmeln, und über seinem Grab sah man bei Tag seinen dunklen Schatten und bei Nacht seinen lichten Schein als Abbild der entschwundenen Gestalt.
-- Das glaubst Du Alles buchstäblich?
-- Es war jedenfalls ein wunderbarer Mann.
-- Welcherlei Wunder hat er verrichtet, nachweislich? Daß er Euch Teutaleuten die Köpfe verdreht hat und daß Ihr, als Gegenleistung, ihm seine Lehre, soweit sie vernünftig ist, verdreht habt, ist eigentlich so wunderbar nicht. Welcherlei andere Wunder also?
-- Er hat den damals mächtigsten Papst der Welt, einen Musikzauberer, der in Bayreuth einen Tempel errichtet hatte, als modernen Minotaurus entlarvt, in einer mit Blut und Galle geschriebenen Schrift »Der Fall Wagner«, die seitdem verschollen ist, weil die Verbündeten des Zauberers alle vorhandenen Exemplare an sich gebracht und vernichtet haben. So stark wirkte die Schrift, daß der Zauberer seinen Tempel verließ und nach Italien floh. Dort trat ihm Zarathustra persönlich entgegen und setzte ihm so stark zu, daß der in die Enge Getriebene keinen Ausweg mehr wußte, als sich aus einem Palast in Venezia in das Meer zu stürzen. Aber selbst im Meere ließ ihm Zarathustra keine Ruhe. Sein Athem trieb den Leichnam durch alle Meere, um die ganze Halbinsel Italia herum, bis er an der Sirenen-Insel angeschwemmt und neben den Gebeinen eines anderen Zauberers aus dem Alterthum, Vergilius, bestattet wurde. Später gruben ihn die Gläubigen wieder aus und bestatteten ihn heimlich in seinem Tempel in Bayreuth.
-- So lehrt Euere historische Wissenschaft in Teuta? Das läuft Dir wie Auswendiggelerntes über die Lippen. Hast Du darüber auch nachgedacht?
-- Man braucht wohl nicht Alles buchstäblich zu glauben. Aber das ist die Lehre unserer ersten Autoritäten.
-- Das läßt sich hören. Erzähl' weiter. In diesem Ton. Er sei ein Heiliger und ein Märtyrer gewesen, lehrt Ihr. Wie begründet Ihr das?
-- Zum Heiligen macht ihn nicht bloß sein beispielloser Wahrheitsmuth, sondern auch sein enthaltsames Leben. Damals schwelgte die ganze Welt in einem braunen Taumeltrank, Bayerisch-Bier genannt, und die Gelehrten und Ungelehrten vertilgten täglich und die Nächte hindurch unmenschliche Mengen dieser giftigen Flüssigkeit. Zarathustra predigte dagegen, zum allgemeinen Aergerniß. Namentlich die Leute waren wüthend auf ihn, die diesen Trank in riesigen Fabriken oder Apotheken, Brauereien genannt, herstellten und damit fabelhafte Summen gewannen, denn sie hatten besondere Bierbahnen um die ganze Erde gebaut, so daß fortwährend ein ungeheurer Bierstrom mit tausend Nebenflüssen und Kanälen den Planeten überschwemmte. Diese Leute verfolgten den bierfeindlichen Zarathustra bis auf's Blut und hetzten ihn von Land zu Land. Endlich entfloh er ihnen in's Hochgebirg, in die Eiswüsten der Alpen. Er führte stets einen Becher bei sich, aus den Quellen oder von der Milch der Gletscher zu schöpfen oder den Regen des Himmels aufzufangen. Die übrige Nahrung brachten ihm die wilden Thiere zu, Adler und Schlangen. Gehaßt und verfolgt wurde er auch von den Frauen, die nur um der physischen Wollust willen stets die Männer um sich haben und sie als Werkzeugsthiere für ihre sinnliche Befriedigung unterjochen wollten. Denn in jenen Zeiten kannte man die freie, natürliche Liebe nicht. Man kannte nur die Zwangsehe und die Prostitution. Diesen Einrichtungen trat der heilige Zarathustra entgegen, wie einem giftigen Gewürm setzte er ihren Anhängern den zermalmenden Fuß auf den Nacken. Ueber die Frauen jener Zeit hing er die Tafel auf: »Es ist besser in die Hände der Räuber, als in die Träume eines brünstigen Weibes zu fallen.« Einige alte Jungfrauen, die seine Lehre billigten, folgten ihm nach und verließen ihn nicht, so lang er in der Ebene und in den großen Städten weilte, unter den gefährlichen, ausschweifenden Bestien. Sie bildeten seine Leibgarde und Schutzwacht.
-- Auch das läßt sich hören, Grege. Du hast Deine historischen Autoritäten gut inne. Und welches war das Ende Deines heiligen Märtyrers nach der Lehre der Teutaleute? Sag' Dein Sprüchlein zu Ende!
-- Als er seinen Tod nahen fühlte, floh sein Geist in den Leib eines mystischen Mechanikers und tadellosen Gelehrten, der viele Geheimnisse der griechischen Götter ergründet hatte, und wirkte hier noch lange in schrecklichen Schriften. Die Jugend war Feuer und Flamme für ihn. Die Alten versuchten ihn Anfangs zu widerlegen. Als sie aber sahen, daß sie von den Jungen nur verlacht wurden, ließen sie's und schüttelten betrübt die Köpfe. Von Staatswegen, im Interesse von »Thron und Altar«, wie damals die Formel lautete, versuchte man ihn durch Todtschweigen umzubringen. Allein das gelang auch nicht. Körperlich konnte man seiner nicht habhaft werden, weil er die Gabe besaß, nach Belieben die Gestalt zu wechseln.
-- Wie nennt sich bei Euch jener tadellose Gelehrte?
-- Nietzischki, denn er stammte von dem inzwischen von der Erde verschwundenen Volksstamme der Polen. Und hier beginnt schon unser Mysterium. Der Name Nietzischki darf in Teuta nur einmal im Jahre öffentlich ausgesprochen werden, am Zarathustra-Feste, und zwar nur von mir . . . das heißt, wenn ich dabei bin . . . wenn ich wiedererscheine . . .
-- Ach, Grege, mir wird von alledem so dumm. Ich fürchte, ich fürchte . . .
-- Was fürchtet meine Maikka? fragte Grege zärtlich, in kindlicher Sprechweise, wie sich selbst unbewußt.
-- Ich fürchte, daß auch etwas von einem fremden Geiste, der sein Ende nahen fühlt, in mich gefahren. Wenn ich ihn beherberge, werde ich gleichfalls Schrecken wirken müssen. Sag' mir noch eins: Welche Zarathustra-Lehre stellt Ihr an die Spitze des mysteriösen Systems?
-- Die geheimnißvollen Gegensätze: »Man soll die lieben, die Gewalt haben.« »Man soll alles überwinden, was Gewalt hat . . .«
-- Nun wohl, Teutamann, schaff' Dir Gewalt an, und ich werde Dich lieben. Versuche Gewalt über mich zu haben, und ich werde Dich überwinden. Gut Nacht.
Und sie riß sich von ihm los und eilte davon, wie von Gespenstern gejagt.
Und Grege stand allein im Felde, und vor ihm senkte sich die Finsterniß des Himmels herab auf die purpurne Erde. Er stand wie in einem Traum, mit schmerzlichem, allmählichem Erwachen, als wäre der Leib von der Seele verlassen gewesen und müßte sich erst Alles wieder ineinander finden. Was hatte er vorhin erzählt? . . . War das Erträumtes, Erdachtes, Erinnerung an einst Erlebtes, mit späteren Lehren und Phantasien und zugeflogenen Irrthümern Vermischtes?
Noch eine Minute, und Nordika begann zu leuchten.
Grege wußte lange nicht, wohin sich wenden. Es war ihm, als hörte er ein gellendes Lachen in den leuchtenden Lüften, wie an jenem Abend, da ihn Maikka auf das Drachenschiff beschied.
* * *
Der Wind hat sich gedreht und setzt den Laubkronen im Schulhain lebhaft zu. Er bringt den Duft von den Bergen am großen Fjord und weht die Haare um Grege's Ohren und jagt manchmal eine Locke über die Nase hinweg -- und mit den Gedanken im Hirn macht er's noch schlimmer, die jagt er bald wie Spreu, bald wie eine Schaar ängstlicher Vögel vor sich her, und Grege greift nach der Locke und streicht sie hinter's Ohr, wo sie nicht halten will, und er drückt die flache Hand über die Augen und an die Stirn, aber es nützt nichts, die Gedanken bleiben nicht fest und nicht einmal die Sinne halten Stand.
Was soll denn all' die Unruhe? Wer schafft denn all' den Unbestand? Ist's nur der Wind? Oder die Frau, die da droben steht, im verschleierten Licht, und vom Schlagschatten eines vorspringenden Balkens in eine schwarze und eine weiße Hälfte getheilt wird? Es ist nicht Maikka. Maikka hütet das Haus. Es ist ihr nicht just. Die da droben steht, Grege weiß nicht einmal ihren Namen, giebt ihr an Beredtsamkeit nichts nach, und ihre Gedanken lassen an Schärfe nichts zu wünschen übrig. Ihre Stimme hat nicht Maikka's Klang und Glanz; ihre Bewegungen sind nicht so eindringlich, ihre ganze seelisch-körperliche Art erinnert an eine Andere. An wen denn? Warum findet er's nicht? Warum formt sich überhaupt kein Bild in seinem Kopf? Warum dieses Gewirr von Linien und Lichtern?
Sind's die Zuhörer, die ihm all' die Unruhe und den Unbestand schaffen?
Es sind dieselben Leute, die er schon oft an dieser Stelle gesehen, und wenn es nicht dieselben sind, so sind es ähnliche. Einfache, schlichte, aufmerksam lauschende Gesichter, reinliche Seelen in reinen Gewändern, geweihte Gefäße ehrlicher Wissenschaft. Dieselbe Gruppirung wie sonst, nur die Reihen dichter, und mehr Jünglinge und Männer als Mädchen und Frauen. Das ist's nicht, was Grege so zerstreut macht.
Der Wind bringt den Duft von den Bergen und von den fernen Wassern . . . Das flüsternde, raschelnde Birkenlaub . . . Warum warst Du noch nicht am Fjord? Warum schwingst Du Dich nicht über's Meer, die Gestade abzusuchen? . . . Was sprechen die in Teuta von Dir, von ihr? Wie feiern sie das große Fest? Was für Possen verüben sie da? Wer trägt diesmal Krone und Mantel und gaukelt mit dem Szepter? . . . Wie lange noch? . . . Wie . . .
Den Zuhörern entschlüpften Beifallsrufe. Die Aufmerksamkeit wird erregter, leidenschaftlicher.
Was spricht sie denn, die beredte Frau mit den strengen Mienen und der ernstgehaltenen Gestalt? Ihre Haare sind dunkler, als die der Meisten hier. Alles hat eine dunklere Färbung, auch ihre Gedanken, und die Weltbilder, die sie entrollt . . .
Von Katastrophen, von Umstürzen, von Zusammenbrüchen.
Grege strengte sich an, mehr zu hören und festzuhalten, als einzelne Worte und Sätze. Er will seiner Unruhe Herr werden, er will seine Nerven zäumen und zügeln mit festem Willen, er will sich selbst überwinden . . . Wie Alles überwunden werden muß, was nur Flüchtigkeit, Störniß, Wesensfremdes, damit der Kern der Persönlichkeit rein und stark wachse, keine Zerstreuung die Triebkraft mindere . . . Eine große Aufgabe schafft große Verantwortung, Selbstverantwortung . . . Hier unter fremden Leuten, fremden Dingen, fremden Gewohnheiten, fremden Anschauungen, fremden Begriffen, warum findet er sich nicht selbst geschlossener, warum fühlt er sich nicht selbst gesammelter, gerade heute, wo er dem Banne Maikkas, der Wirkung ihrer mächtigen Natur entrückt ist? Wo er wieder einmal, ganz er selbst, sich in eigenem Vollbesitz haben könnte?
Der Wind bringt den Duft von den Bergen am großen Fjord -- warum läuft er nicht dem Wind entgegen, hinaus an's Meer? Warum zögert er hier? Was fesselt ihn? Weit von hier liegt sein Ziel, warum rührt er sich nicht von der Stelle? Schöpft er hier seine volle Freude, ein Spielball wechselnder Eindrücke, fluthender Suggestionen, überraschender Beglückungen, denen das Gefühl seiner eigenen persönlichen Herabwürdigung folgt wie der Schatten dem Licht? Mit welchen Augen müßten ihn die Hörer hier, in deren Mitte er, seiner selbst nicht mächtig, den Lauschenden spielt, mit welchen Augen müßten sie ihn betrachten, wenn sie Augen für ihn hätten? Bedeutet er für sie etwas Ernsthaftes, für das man mehr haben muß, als gastliche Zuvorkommenheit und menschliche Duldung? Und an der Seite Maikkas, ist er da mehr als der Planet, der die Sonne umkreist, damit sie ihm von ihrem Ueberschwange spende, damit sie ihrer Ueberfülle ledig werde und ihres Uebergewichtes stolz bewußt, da sie ihn in ihre Bahnen reißt? Wenn ihn seine Volksgenossen von Teuta jetzt so sähen, würden sie nicht mit Fingern auf ihn zeigen und höhnen: Seht, ist dieser da der eigenwillige, stolze Grege, der große Unbefriedigte, dem Teutas Herrlichkeiten zu gering? Nun zehrt er von fremder Kost und ist des Dankes voll! Seht seine Ergebenheits-Miene! Wie er in Bewunderung kniet, wie er auf fremden Wink läuft -- und wahrhaftig, trägt er nicht auch fremde Kleider auf dem Leibe und vielleicht fremde Verpflichtungen in der Seele, er, der daheim Niemand verpflichtet sein wollte?
Und wie er dieser inneren Stimme aus der Heimath lauschte, brachen die Zuhörer rings um ihn in hellen Beifall aus, also daß er erschreckt auffuhr und beinahe laut rief: Was geht das Euch an? Und er versuchte, aus der dichten Gruppe herauszukommen und fortzueilen, da er doch nicht vermochte, dem Vortrage der Meisterin mit Nutzen zu folgen aus innerer Zerstreutheit und Flucht der Gedanken. Aber immer neue Zuhörer waren beigeströmt, und rückwärts standen sie Kopf an Kopf, weit in den Garten hinein. So konnte er nicht entweichen.
Wieder mühte er sich, gleich den Anderen, der Rednerin ein williges Ohr zu leihen und sein Interesse an den Faden ihres Vortrags zu knüpfen. Allein es gelang ihm nicht. Was er zu hören wähnte, dünkte ihm nur ein Spiel mit geistreichen Worten, ein glänzendes Gewebe von Behauptungen, deren Richtigkeit er nicht zu prüfen vermochte. Und für oratorische Musik allein war er diesmal nicht empfänglich. Was die Anderen elektrisirte, ließ ihn unbewegt. Die Anderen? Was gingen ihn die Anderen an?
Gestern -- seine Gedanken vagabundirten schon wieder in Erinnerungs-Bildern -- gestern war er in ihrem Laboratorium gewesen. Er wurde freundlich zugelassen und erhielt was er wünschte. Es wurde ihm eingeräumt, selbst zu arbeiten und Versuche anzustellen. Als er alle Stoffe und Werkzeuge an der Hand hatte, bereitete er sich seine Surros. Längst hatte ihn danach gehungert, denn er fing an, den naturalistischen Leckerbissen Nordikas abgeneigt zu werden. Seine Surros, heimlich bereitet nach seiner eigenen Erfindung, mundeten ihm zwar nicht so köstlich wie daheim, aber sie dünkten ihm doch über alle Vergleiche gut. Er bot sie den Anderen zum Kosten an, sie lehnten dankend ab. Einige probirten zwar ein wenig davon, fanden sie aber nicht nach ihrem Geschmack. Ob das Arzeneimittel für Kranke wären? fragten sie. Maikka selbst, der er einige Kugeln überreichte, leckte mit der Zungenspitze daran, um dann lächelnd zu erwidern, sie wolle sie doch lieber »zum ewigen Andenken« aufbewahren, als sie von ihrem Magen verarbeiten lassen. Dann preßte sie schnell ihre Lippen zwischen seine Lippen und züngelte von einem Mundwinkel zum andern wie ein verliebtes Schlänglein und schwor hoch und heilig, die Natur sei doch so viel süßer und nahrhafter, als alle chemischen Künsteleien -- und je mehr man von ihr genieße, desto heftiger wecke sie die Begierde und aus schöner Sättigung wachse immer schönerer Hunger . . . Die Unersättliche! Und das Ende war, wie immer, daß ihr blühender Wille ihn bis zur Trunkenheit betäubte und unterjochte. Und mochte er sich zehnmal als männlichster Mann fühlen, Siegerin blieb das Weib in närrischer Unverwüstlichkeit, und ihr Geist frohlockte und wurde des Jubels in ihrem Blute nicht müde.
Wieder ging zustimmendes Murmeln durch die Reihen. Die Sprecherin wiederholte den vom Beifall unterbrochenen Satz, so daß auch Grege die Worte vernahm: »Krakehler und Kritiker waren sie, unbotmäßige Naturen, schöpferischer Ordnung abhold, all' ihren Gelüsten ließen sie die Zügel schießen, bis sich aus dem sozialistischen Chaos die zweite Revolution gebar, die mit einer neuen Militär-Diktatur endigte. So wurde am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts mit den letzten Trümmern einer dekadenten ideologischen Weltreformkomödie blutigster Sorte aufgeräumt«.
Zwanzigstes Jahrhundert! Die uralten Geschichten, was sollten sie ihm heute? Er konnte die Begier der Nordika-Leute nicht begreifen, mit der sie diese schimmeligen Historien verschlangen. Und dieselben Leute konnten seinen Surros keinen Geschmack abgewinnen!
Während der Strom der großen Geschichtsrede an seinen Ohren weiterrauschte, gedachte er seines zweiten Besuchs bei dem Landschaftsältesten. In seiner Bewunderung des gütigen und klugen Patriarchen war ihm bei der Begrüßung die Anrede »Hoheit« entschlüpft, wie sie in Teuta vor den Staatspersonen üblich. Und wie Abendwetterleuchten zuckte es aus des Patriarchen Augen, während sein Mund geschlossen blieb. Dann sprach er: »Hoheit! Soll das ein auszeichnender Titel sein, so merk Dir dieses, Grege: In Nordika darf sich Jeder jeden beliebigen Titel beilegen. Nun, was meinst Du, was geschieht? Keiner betitelt sich, selbstverständlich. Also erspare mir die Scham, Dir für den Titel danken zu müssen. Steck ihn wieder ein. Du bist unter den Menschen von Nordika. Uns in's Auge zu sehen und den Mund aufzuthun, genügt. Wir kennen uns von einander und zu einander. Mehr bedarf's nicht. Sei gegrüßt, Grege!«
Wahrhaftig, er möchte jetzt aus seiner Haut fahren. Alles rappelt und zappelt in ihm. Wie ihn die Leute umdrängen, ihm auf den Leib rücken mit ihrem heißen Dunst. Sie schwitzen vor Aufmerksamkeit. Kein Wort, keinen Ton, keinen Schnaufer wollen sie sich entwischen lassen. Sie hören mit dem Munde, mit den Augen, mit dem ganzen Leibe. Sie sind so bei der Sache, als wären sie selbst nur Theile von der Rednerin, mit ihr verwachsen, ein Herz und eine Seele, ein einziger Geist mit ihr, als sprächen sie Alle aus ihrem Munde, als hörten sie sich selbst und genössen sich selbst. Er allein ein Abgesonderter. Einer, der seine eigene Atmosphäre mit sich trug, undurchdringlich. Und sie drückten auf ihn, sie preßten ihn. Sie schnürten ihn in seine Atmosphäre ein, daß ihm die Knochen krachten, die Seele erstickte . . . Es wurde ihm schwarz vor den Augen . . . Er sank in den Boden, er war verschwunden . . . Die Seele verflogen . . .
Wohin? Wie lange?
Ein Anfall wie tiefe Ohnmacht.
Als er wieder zu sich kam, saß er in einer bequemen Ecke, auf einem niedrigen Stuhl, und er gewahrte, daß einige Frauen in seiner Nähe sich um ihn bemüht haben mußten. Sie betrachteten ihn mit mütterlich zufriedenen Augen. Und er fand Lust und Sicherheit in diesem Blick. Er athmete breit auf, wie aus einem guten Schlaf. Gesammelt und gekräftigt. Und wie er sich umsah, war Alles so bestimmt und wie er lauschte, war Alles so deutlich.
Die Schaar der Zuhörer stand noch wie vorhin, nur die Spannung war gewichen. Frei und fröhlich leuchteten die Gesichter. Und eine andere Stimme klang von der Rednertribüne. Eine helle, jugendstarke Stimme. Eines Mannes Stimme. Wie eine Glocke, die hoch hängt und doch wie aus froher Brust tönt und Widerklang in allen Seelen weckt.
Grege erhob sich, um besser zu sehen. Richtig, ein prächtiges Bild von einem Mann. Grege staunte, freudig überrascht.
-- Die Besprechungen haben begonnen, belehrte ihn sein Nachbar. Es würden sich heute noch Viele zum Worte melden. Das Thema sei auch fesselnd wie kein anderes, und Jeder habe da etwas Besonderes aus eigener Auffassung beizutragen.
Und Grege folgte dem Sprecher mit wachsendem Genuß. Kein Satz entging ihm. Er glaubte niemals eine öffentliche Rede so leicht verstanden zu haben.
Manches kam drollig heraus in urwüchsiger Derbheit und wurde belacht wie ein guter Witz.
Jetzt wieder, und Grege lachte mit.
Das beirrte den Sprecher nicht, daß er in so ernster Sache Heiterkeit entfesselte. Die Heiterkeit befruchtete ihn. Sie jagte ihm die verstecktesten Gedanken heraus.