In Purpurner Finsterniß Roman-Improvisation aus dem dreißigsten Jahrhundert
Part 12
Ein alter Herr tritt ihm entgegen, ein Herr, eine wirkliche »Hoheit« (o Teuta!), kein gewöhnlicher Durchschnittsmann. Er ist wohl achtzig- oder neunzigjährig, seine hohe Gestalt ein wenig gebeugt, sein dunkelblauer, mantelartiger Anzug sitzt lose auf ihm, langes, weißes, lockiges Haar wallt auf seine Schultern. Grege erinnerte sich nicht, je in ein würdevolleres und zugleich freundlicheres und gütigeres Greisenantlitz geblickt zu haben. Seine Wangen sind zwar gefurcht, aber von lebendiger Färbung, aus seinen blaugrauen Augen, von mächtigen weißen Brauen überbuscht, leuchtet Männlichkeit und Wohlwollen zugleich. Ein patriarchalischer Herr. Klarheit und Entschiedenheit thronen auf seiner Stirn.
Mit höflicher Handbewegung grüßt er Grege und ladet ihn zum Nähertreten ein.
Nun sitzen sie in einem dunkelgetäfelten, behaglichen Gemach auf Lederpolsterstühlen einander gegenüber. Durch die beiden mäßig großen Fenster sieht Grege auf grüne Baumwipfel, beregnet und besonnt, die Wassertropfen wie glänzende Kugelperlen an den Blatträndern.
Der Patriarch lächelt: -- Ich bin der Aelteste dieses Landschafts-Bezirks und heiße Dich willkommen. Du bist Grege?
-- Grege aus Teuta.
-- Du bist uns vom Himmel gefallen, Maikka hat mir's erzählt, unsere brave Meisterin.
-- Ja, ich danke ihr viel.
Grege fühlt sein Herz stärker klopfen. Also hat sie schon von ihm berichtet?
-- Du hast Seltsames erlebt. Du kannst Dich in Nordika vom Ungemach Deiner Reise erholen. Es ist uns interessant, einen jungen Mann aus Teuta zu sehen. Das ereignet sich nicht oft. Ich habe mir die Leute dort nicht so stattlich gedacht. Du bist der Erste aus Teuta, den ich sehe und spreche, und bin kein Jüngling mehr. Blüht Dein Land?
Grege lächelte ein wenig zweifelhaft.
-- Euer Wesen hat viel Merkwürdiges und Abgeschlossenes. Aus den Berichten habe ich Mancherlei gelesen, das mir unverständlich geblieben. Von ganz fremdartigen Ansichten und Einrichtungen.
-- Das wird wohl sein. Die großen Nöthe und Wechselfälle unserer früheren Geschichte . . .
-- Nun, wir in Nordika haben auch nicht immer Blüthenzeiten gehabt. Kannst Du mir sagen, wie Euer großes Gemeinwesen verwaltet wird?
Grege kratzte sich hinter den Ohren und fühlte, daß er jetzt ein feierlich verlegenes, fast dummes Gesicht mache.
-- Wie kann ich das wissen? Das ist eigentlich ein Geheimniß. Wie das Meiste, was unseren Staat und seine Einrichtungen betrifft.
-- Sogar für Euch Teutaleute selbst?
-- Wir haben viele und verwickelte Traditionen. Es ist ein Mechanismus, in welchem nur Diejenigen Bescheid wissen, die durch Wahl zugelassen werden und sich dann eingehend damit beschäftigen. Wir Anderen nehmen es auf Treu und Glauben.
-- Und freut Euch der Ordnung. Und seid stolz auf Euer friedliches Glück.
-- O, nicht immer. Von meinen Altersgenossen weiß ich manche unzufrieden, und ich vermuthe, daß auch unter dem älteren Volk Viele mit Vielem nicht einverstanden sind. Aber die Tradition, die Gewohnheit, der Glaube an die Nothwendigkeit, daß, wie es ist, für Teuta vernünftig und nützlich ist, läßt nichts aufkommen. Dann die Eigenthümlichkeit des Verkehrs untereinander, der eben kein Verkehr, sondern eine stetige Absonderung von Mann zu Mann, von Geschlecht zu Geschlecht, von Altersstufe zu Altersstufe ist und zur Grundlage die Späherschaft hat, so daß Keiner dem Andern so recht von Herzen traut. Wer an die Majestät des Staates rührt, ist ein verlorener Mann, er ist vollkommen isolirt und fällt aus dem Schutze der ehrbaren Meinung.
-- Habt Ihr viele Gesetze?
-- O, o, ein ganzes Netzwerk von Gesetzen, darein wir uns seit Jahrhunderten verstrickt haben. Da ist gar nicht mehr herauszukommen. Alles ist bei uns Gesetz und Regel. Unser Volk weiß gar nicht anders. Es steckt blind darin, wie in einer zweiten Natur. Und unsere Obersten sind die Hüter, daß an dieser zweiten Natur ja sich nichts verändere, daß sie wie eine Kruste uns umkleide, ohne Ritzen und Sprünge.
-- Seltsames Volk seid Ihr. Daß Ihr so weiterlebt in dieser Haft, ist erstaunlich, bloß naturgeschichtlich angesehen. In der Wissenschaft von der Regierung galt seit alten Zeiten, seit den Römern der Satz: »Das Verderben des Staates sind die Gesetze.« Besonders jene Gesetze, welche neben einem ausgesprochenen Zwecke noch unausgesprochene Absichten verfolgen. Aber da muß jedes Volk selbst zusehen. Selbst ist das Volk.
-- Wie ist das hier in Nordika geschehen, daß es sich so frei und schön entwickelte?
-- Unsere Vorfahren der letzten Jahrhunderte haben fleißig probirt, in jeder Landschaft anders. Bis sie das Zweckmäßige gefunden. Als Fertiges ist ihnen nichts in den Schooß gefallen. Da will ich Dir ein Beispiel erzählen. Nicht von dieser Landschaft, sondern einer weiter nach Norden gelegenen. Da hat vor ungefähr hundert Jahren ein gewisser Holger die Gegend gesellschaftlich organisirt, als der Anarchismus anfing, den Leuten alle Freude zu nehmen. Grundsatz war sittsames Leben, warme Herzlichkeit, einfache Kost, schlichte Gewandung. Wer sich dazu verpflichten wollte, konnte mitarbeiten, wer nicht, mochte sehen, wie er sich weiter brächte. Es war eine winzig kleine, bald verschwindende Zahl, die nicht mitthun mochte. Aller Besitz war selbstverständlich gemeinsam. Jeder mußte seine individuellen Wünsche dem Gemeinwohle unterordnen. Das war nicht schwierig, unter Gemeinwohl verstand man nichts Hinterlistiges. Um ihre Geisteskräfte zu stärken, gaben die Volksgenossen das Eheleben auch in der bescheidensten Form auf. Alles war gemeinsam, aber mit Ausschluß jeden Zwangs auf die Gefühle, kein Mann konnte ein Weib, kein Weib einen Mann zu seiner Lust zwingen. Die gemeinsame Verwaltung der Bedürfnisse wurde mit Klugheit und Sparsamkeit geordnet. Die gemeinsame Regierung trat nur in außerordentlichen Fällen in Gestalt einer allgemeinen Versammlung zusammen, der Aelteste war der Vorstand, jedes Mitglied der Versammlung hatte Stimme, die besten Köpfe gaben den Ton, die Dummen wurden niedergelacht. Als die Genossenschaft in ihrer Blüthezeit stand, machte Einer, vielleicht ein Witzbold, den Vorschlag, dem Volke vorzuschreiben, was ein Jeder essen, anziehen, wann er zu Bett gehen und aufstehen, wie er grüßen sollte und dergleichen Kindereien. Es mögen wohl kleine Unzweckmäßigkeiten vorgekommen sein, aber dieser Vorschlag war doch nicht gut. Er wurde jedoch nicht niedergelacht, wie sich's geziemt hätte, sondern angenommen. Und von da ab war die Freude nur noch von kurzer Dauer. Man brauchte Aufpasser, die feststellten, ob Einer Schlag neun Uhr zu Bett gegangen und Schlag sechs aufgestanden, ob in der Nacht die Thüren vorschriftsmäßig geschlossen, ob keiner bei der Arbeit ein Werkzeug muthwillig verdorben. Kurz, in Holgersland war die Freude weg. Es gab Vorhalte, Strafpredigten, Verstimmungen, Feindschaften. Da kam einmal harte Wintersnoth in's Land, die Schutz- und Nährmittel reichten nicht. Die Leute mußten bei den südlichen Nachbarn Hilfe ansprechen. Unter denen war ein starker Mann, der sagte nein, wir geben ihnen nichts, bis sie ihre Dummheit abthun. Was geschah nun? Die Nachbar-Genossenschaften tauschten erst ihre Meinungen und dann erst dauernde Hilfe aus, und so entstand schließlich ein Bund zwischen ihnen mit einem verbesserten Verwaltungs- und Regierungssystem. So ging's weiter. Eine Landschaft borgte von der andern und lernte von der andern, sie verbündeten sich und bekamen immer zweckmäßigere Ordnung. In dem Maaße wie sie gesicherter und stärker wurden, wuchs ihre Freiheit und Freude. Was die Einen probirten und ihnen einschlug, nahmen die Andern an, was fehlschlug, ließen auch die Andern bleiben. Auf diesem Wege sind wir zu unserm heutigen Nordika mit den guten Zuständen gekommen.
Der Patriarch bat um Entschuldigung, daß er so lange gesprochen, das Alter mache nun einmal redselig.
Grege dankte für das Gehörte. In Teuta sei die Sache freilich nicht so gegangen. Und jetzt sei sie wohl auch nicht mehr so zu machen. Grund und Boden sei von anderer Art und die Menschen auch. Ein Unglück geradezu sei es, daß sie in so dichten Massen beisammen hockten und sich nicht von einander loszulösen und sich weit herum im Lande auszubreiten wagten. Alles Land weit um Teuta herum sei Wüstenei, die Wälder verschwunden, die Flüsse versumpft, von Garten- und Feldbau nicht im Traum zu reden. Die Teutaleute hätten keinen Muth und keine Fähigkeit dazu, obwohl sie von den vor tausend Jahren stärksten deutschen Völkerschaften stammten, die im einstigen Reich, das von der Nordsee bis an die Alpen ging, die oberste Führung hatten in allen Dingen. Die Teutaleute hätten aus dem Zusammenbruche der sogenannten europäischen Kulturstaaten nur Trümmer gerettet und diese allerdings zu einer eigenartigen Kultur ausgebaut, aber seines Lebens werde man dabei nicht froh.
-- In welchen Künsten und Wissenschaften liegt Eure Stärke jetzt?
Grege antwortete mit Ueberzeugung:
-- In der Feinmechanik und in der Chemie. Wir haben die winzigsten und feinsten Werkzeuge und unsere Handwerker haben Finger wie einst die geschicktesten Chinesen. Wir können Alles nachmachen auf künstlichem Wege. Wir sind selbst schon fast Automaten geworden. In der Chemie der Nahrungsmittel sind wir gleichfalls kaum zu übertreffen.
Der Patriarch nickte mit einem Lächeln, das Grege erschreckte und demüthigte.
-- Ich hörte Wunderbares. Man sagt, Ihr könntet die Menschen, zumal die Kinder, hundertweis verschwinden lassen und die Leichname der ältesten Leute chemisch verflüchtigen.
Grege senkte den Kopf und murmelte: -- Ja, das können wir auch.
Er mußte an die zornige Rede Maikkas über den Tauschhandel mit den Slavakos denken, und wie er jetzt von unten herauf durch's Fenster schielte, vermeinte er ihr strafendes Gesicht durch die Scheiben zu sehen. Nichtswürdig war dieser Zustand in Teutaland, mit so bohrendem Schmerz und so ehrlicher Scham hatte er's nie gefühlt. Wenn ihm Jala ein Kind in Teuta geboren, er, Grege selbst, wäre nicht vermögend gewesen, zu verhindern, wenn es das Loos slovakischer Tauschwaare getroffen, daß man es von der Brust der Mutter weg den Fremden zugeworfen. Im barbarischsten Alterthum hätte man nichts Naturwidrigeres ersinnen können.
Mit flammendrothem Gesicht hob Grege den Kopf und sah den Blick des hoheitsvollen Aeltesten streng auf sich gerichtet.
Der Greis lächelte wieder: -- Euere Chemiker sollten das Ueberlebte nicht erst verflüchtigen, wenn es zum stinkenden Leichnam geworden. Bei Euch sollten einmal die Jungen statt der Alten am Räderwerke des Staates sitzen.
-- Wenn das ginge, sagte Grege tonlos.
-- Wenn's nicht geht, freilich, dann geht's nicht. Das müßt Ihr wissen.
Der Greis erhob sich, rückte den Stuhl, ließ sich aber nach einem Blick durch's Fenster wieder auf dem Sitze nieder.
-- Wir versäumen nichts, Grege. Der Regen setzt frisch ein. Ich mag jetzt nicht gehen. Vielleicht magst Du noch Eins mit mir plaudern. Zum Beispiel von dem äußeren Bilde Teutas. Davon kann ich mir keine rechte Vorstellung machen. Wie sieht das aus? Ganz verschieden von unserem Land natürlich. Keine Wiesen, Gärten, Felder, rothe Häuser, Weideplätze mit Thieren, Fluten mit Ackerleuten -- das Alles nicht. Aber was denn und wie denn? Euere Straßen sind Gänge und Schläuche in der Erde, Euere Seen liegen tausend Klafter tief unter dem Boden, nicht ganz so tief Euere Versammlungssäle, Euere Spielplätze, Euere Werkstätten und Wohnungen -- und Alles von unten herauf beleuchtet, von oben herunter schweigend belebt. Ist das so? Hat Euch Euere Gemüthsart so nach unten gewöhnt? So eine Art Nibelheim, ja?
-- Ja, so eine Art Nibelheim.
Grege stützte die Arme auf die Knie, legte das Gesicht in beide Hände und murmelte: Nibelheim, Nibelheim.
-- Nicht sehr heiter und so weiter, he? Aber es ist Deine Heimath. Sie ist Dir so heilig, wie uns die unserige. Ihre Seele ist Deine Seele. Du trägst sie in Deinem Blut mit Dir. Sie ist in Deinen Träumen bei Nacht . . . Hab' ich recht, Grege? Es giebt kein natürlicheres Gefühl als Heimathgefühl. Meine Väter wohnten schon vor fünfhundert Jahren auf diesem Boden.
Grege nickte traurig.
-- Und aus sich heraus formen sich die Menschen ihre Heimath wieder, aus dem Gesunden und Jugendlichen stammen die Veränderungen und Verbesserungen. Mit unserem Wissen wächst unser Wesen, und wir gestalten es weiter in's Breite und Große, in unserer Umgebung. Maikka . . .
Grege hob den Kopf, seine Augen leuchteten in blauem Feuer.
-- Maikka sagte mir, daß Du noch länger bei uns bleiben und lernen willst. Es ist so schön, jung zu sein und zu lernen und zu leben, nicht wahr? Man soll die Augen nicht verschließen vor dem Fremden, denn es lehrt uns das Eigene tiefer erkennen. Und man soll sich selbst seine Zweifel sagen und sich nicht autoritätsfürchtig vor sich selber ducken, so wenig wie vor den Anderen. Hast Du strebsame Freunde daheim, die treu zu Dir stehen?
-- Die muß ich mir noch schaffen.
-- Schaffe sie Dir.
Grege hätte dem Patriarchen mit dem weißen Lockenhaar und den gütigen Augen und dem beredten Munde um den Hals fallen -- und Vater! rufen mögen. Vater! Wem hätte er in Teuta diesen Namen geben können, geben mögen? Das ganze junge Volk dort, war's nicht eine vaterlose Waisenbrut, im Dunkel erzeugt, im Dunkel verloren, trotz aller künstlichen Helle und Hilfe?
-- Ich hoffe Dich wieder zu sehen, Grege. Du bist mir stets willkommen. Heute Abend machen unsere jungen Leute Musik im großen Versammlungssaal und führen Tänze auf. Du bist eingeladen.
Grege sagte zu.
Er wußte nicht, daß Maikka bereits über seinen Abend verfügt hatte.
Und er war ihr zu Willen und verbrachte die Nacht in Ingeborgs Gartenhaus und »grüßte das Glück«.
* * *
Da war nichts zu machen: Maikka hatte heute wieder ihren lachhaften Tag. Nichts Ernsthaftes verfing bei ihr, Grege mochte sich anstellen, wie er wollte. Auf seine tiefsinnigsten Fragen nach den letzten Dingen im Leben und Denken, im Schaffen und Schalten hatte sie nur die eine Antwort: Du bist ein Narr -- Alles kommt von den Sinnen, und der letzte Grund aller Dinge ist die Freude an sich selber. Was aus der Freudlosigkeit gewalzt wird, ist Blech. Grege, noch einmal, wenn Du mich anmoralisirst und anphilosophirst, so nehme ich all' meinen Muth zusammen und verachte Dich, Amen.
Und dann brach das Lachen los. Eine ganze Symphonie, ein ganzes Konzert, eine ganze Oper, ein ganzes Musikdrama, eine ganze Weltdichtung in lauter Lachtönen. Und wie sie ein anderes Register zog, da klang's bald wie ein Choral, bald wie ein Schelmenlied, bald wie Lerchentriller, bald wie Amselruf, bald wie Nachtigallenschluchzen. Und immer neu und immer schön bei aller Tollheit.
Gestern, allerdings, da hatte auch sie mit des Lebens harter Pflicht wacker gekämpft. Zunächst in aller Frühe geschwommen und geturnt mit einigen Schulschützlingen unterschiedlicher Art, die sie erst zugewiesen erhalten, dann einer Konferenz mit Berufsgenossinnen beigewohnt zur Festsetzung des Arbeitsplanes für die nächste Woche, in der sie sich zum Ausflug an den Fjord mit Grege etwas mehr Freizeit herausschlagen mußte, dann am Nachmittag in der Volkshochschule ihren großen Vortrag über die Betheiligung der Pflanzenwelt an der Gesteinsbildung gehalten mit darauffolgender Demonstration und Besprechung, dann noch Dieses und Jenes, wobei sie ihren ganzen Kopf einzusetzen hatte.
Aber heute blieb ihr der volle Nachmittag und Abend frei. Und für sie gab's nichts Inhaltsreicheres als das Nichtsthun in der Freiheit. Gast Grege wußte davon zu sagen.
-- Du bist jetzt meine Welt- und Selbstschau, rief sie und schleppte ihn auf den Thurm und auf die Fohlenwiese und in den Todtenhain (genannt »Liebesgarten der Abgeschiedenen«, wo die Asche der Abgeschiedenen auf die Beete gestreut wird und ein herrlicher Rosenflor weithin seine Düfte sendet, gleich letzten süßen Liebesgrüßen) und in die unterirdischen Werkstätten (denn alle Hantirungen, die mit störendem Lärm, Gepoche und Gehämmer verbunden waren, mußten abseits von den Häusern in kellerartigen Räumen verrichtet werden, in ganz Nordika) und auf das Rathhaus und in eine Haushaltungsschule, wo es nur so von weißbeschürzten, rothwangigen Mädchen schwirrte.
-- Hast Du die Mädchen gern, Grege? Lieber als die Buben? Wie viele könntest Du einmal lieben von ganzer Seele, sag'? Wie groß ist Euer Herz in Teuta?
Oft fand er auch ein schalkhaftes Wort zur Entgegnung, oft wußte er dem Ansturm des Kobolds gar nicht Stand zu halten.
Merkwürdig war es für ihn, zu beobachten, mit welcher Gewandtheit dieser Neckgeist die Uebergänge in die verschiedensten Gefühls- und Aeußerungsweisen fand, je nach der Umgebung und dem zufällig mehr oder weniger freiwilligen Zuhörerkreis. Ohne Komödie oder erzwungene Heuchelei, völlig aus einem überreichen Anpassungsvermögen heraus und aus lebendigster Schulung. Alles Schroffe und Verletzende war überwunden wie alle lähmende Absichtlichkeit. Diese Nordika-Leute unter sich waren wie ein reingestimmtes Instrument, wo sich Alles zu Akkorden fügt, je nach dem angeschlagenen Grundton, je nach der durchklingenden Tonart. Und wo ja einmal ein Mißton aufzitterte, da antwortete eine kluge Pause, bis es wieder stimmte.
Nur im Umgang mit ihm, dem ausgearteten Teutamann, in welchem so viel Dogmatisches, Verbohrtes, Pathetisches verschlüpft steckte, das nicht auszutreiben war, griff Maikka zuweilen fehl und traf nicht den gesuchten Ton. Da konnte sie dann herrisch aufbrausen und zu Gewaltsamkeiten des Ausdrucks sich fortreißen lassen, daß Grege verblüfft war.
Dankbar fühlte er, wie unendlich viel er von dieser urwüchsigen und doch so verfeinerten Frauennatur lernte. Neue Horizonte eröffnete sie ihm, neue Erkenntnißquellen, davon er in seiner Teuta-Beschränktheit seither keine Ahnung hatte. Es war ihm ein Geistes- und Herzensfrühling, und wenn er über sich und seine frischaufgeschossenen Pläne und Zukunftshoffnungen nachdachte, stieg er in sich selbst herum wie in einem blühenden Wunder. Jetzt erst glaubte er an sich, an seinen besonderen Beruf, in der Fülle der Klarheit, die in Nordika über ihn gekommen war. In seinen Gedanken fügte sich Lichtpunkt an Lichtpunkt, bis sie sich zu einem hellen Ganzen verbanden, nicht mehr zerrissen, nicht mehr verschwimmend, sondern zusammengehalten wie von einem festen Kern, dessen innere Kraft durchgriff bis zum äußersten Kreis.
Aber lachen, lachen wie Maikka -- nein, das würde ihm und seinen Teutaleuten wohl nimmer gelingen. Das setzte Siege über so wesentliche Teuta-Thorheiten voraus, daß noch Generationen daran sich die Zähne ausbeißen mußten. Nur das stand ihm unverrückbar fest, daß der Kampf jetzt begonnen werden mußte, mit einem wuchtigen Schlag. Noch wirbelte Alles gährend durcheinander in seinem Gefühle, wenn er sich all' die Widerstände und Verwicklungen ohne Ende ausmalte. Doch auch hier wird Rath werden, je näher die Zeit der That rückt. Erst im Angesicht der Ereignisse selbst fallen die besten Entscheidungen. Hinein -- und durch!
-- Sag' mir, Maikka, wer sitzt in Nordika über Euch zu Gericht, ich meine, wer entscheidet zum Beispiel über die Bedeutung eines Lehrers oder einer Lehrerin?
-- Nun aber die Frage! Darüber kann doch vernünftigerweise nur ein Gericht und kein anderes entscheiden, und das sind die Schüler. Wo in aller Welt könnte es anders sein? Wer entscheidet denn bei Euch über die Befähigung eines Schneiders? Doch nicht ein Kollegium von Schneidern? Doch nur Diejenigen, welche sich das Maaß nehmen lassen und das Schneiderwerk an ihrem Leibe tragen? Ein Jeder kann doch nur von Denjenigen gerichtet werden, an denen er sein Werk ausübt, nicht von Denjenigen, die mit ihm das gleiche Werk ausüben, denn die möchten aus irgend einem begreiflichen Hintergedanken heraus an dem Werke ihres Mitbewerbers immer Etwas zu mäkeln haben. Hast Du noch mehr solche Fragen? Geht meine Antwort Euern Teuta-Idealen und Staatsweisthümern wider den Strich? Wer entscheidet in Teuta über die Lehrer?
-- Der hohe Oberlehrer, der Hüter des heiligen Wortschatzes.
-- Da kommt ein Graben, gieb Acht, daß Du nicht auf den Bauch fällst und Dir dabei das Genick brichst.
Und sie lachte über diese »Teuta-Möglichkeit«, daß sich ihre Hüften bogen. Es war auf dem Wege zur Fohlenwiese.
-- Schau' dort das Mädel, Grege, roth wie eine Rose. Wer sitzt über die Rose zu Gericht? Eine andere Rose?
Grege, komisch angeregt, antwortete im parodirenden gelehrigen Schülerton: -- Die Nase, die daran riecht, das Auge, das sich an der Farbe entzückt, die Finger, die schmeichelnd daran tasten . . .
-- Und sich am Dorn stechen, vollendete Maikka im gleichen Ton, und sie fand den Spaß sehr gut. So viel Laune hätte sie heute dem ernsten Staatsdenker Grege wahrhaftig nicht zugetraut.
Die Fragen in bunter Reihe, sprunghaft über die verschiedensten Gebiete, freuten Grege. Und wie die Mückenschwärme in der sonnigen Luft, so tanzten die Gedanken in seinem Kopf.
-- Du, Maikka, wie ist's in Nordika mit dem Kinderzeugen?
-- Frage die Mütter auf der Fohlenwiese. Wir werden gleich dort sein.
-- Halten's die Menschen hier wirklich auch so? Wer hat, der giebt, und wer empfängt, der richtet sich darauf ein?
Grege nahm einen Anlauf, immer lustiger zu werden. Maikka hingegen zog es vor, jetzt ernst zu bleiben. Das heißt, sie zog es eigentlich nicht vor, es kam ihr so.
-- Bei einem natürlich gebildeten Volk, das auf sich hält, besteht die freie Wahl-Liebe, nicht wahr? Das Kinderhaben und die Ehe, die sich auf längere oder kürzere Zeit oder auf Lebensdauer daranknüpfen mag, ist Sache des Gefühls und der wirthschaftlichen Erwägungen. Leuchtet Dir das ein, Grege?
Grege eilte, mit einer neuen Frage zu kommen, denn plötzlich fühlte er, als Teutamann, bei dem verhaßten Zustand in seinem Lande, brüchigen Boden unter den Füßen. Er wollte die Szene von neulich nicht noch einmal heraufbeschwören.
-- Geschichtlich ist die Ehe doch ein widerspruchsvolles Gewächs.
-- Sicherlich, Grege.
-- Bei unseren germanischen Vorfahren, so vor ein und zwei tausend Jahren, wie es die Geschichte ausweist, ging's ein wenig kraus zu.
Maikka brauste auf:
-- Ein wenig kraus nur? Unsinnig ging's zu, unsinnig bis zum Ekelhaften. Mit der damaligen Auffassung von Liebe und Ehe waren doch alle Naturbegriffe gefälscht und alle Moralbegriffe obendrein. Sie hatten's auch dafür. Wenn man an ihre Ehe-Dramen denkt, fragt man sich, in welchem Tollhaus die Vernünftigen und in welchem Schweinestall die Sittlichen gelebt haben. Und darauf hatten sie noch ein kirchliches und ein staatliches Patent. Neunzehntel aller Sorgen, Quälereien und Lumpereien einerseits, aller Poetastereien und Gefühlsquaseleien andererseits drehten sich um ihr »Ewigweibliches«, was in ihrer Lebenspraxis doch nur ein Ewigabgeschmacktes war. Dazu hatten sie ihre »Frauenfragen« jahrhundertelang, und nichts vom Standpunkt der Natur aus in direkter Frage, sondern immer aus der verdrehten Kampfperspektive und aus dem Gegensatz der Geschlechter und ihrer Dekadenz. Sich gegenseitig die Kette abzunehmen und der Natur ihren Lauf zu lassen, auf diese Lösung kamen sie nicht.
-- Konnten sie nicht kommen, Maikka, eben weil sie ihre Natur verloren hatten. In Nordika habt Ihr gut reden. Ihr wißt nicht, wie schwer man sich mit der Natur zusammenfindet, wenn man seit Jahrhunderten in allen Stücken mit ihr auseinander ist.
Plumps! Und diesmal lag Grege richtig auf der Nase. Er strauchelte über einen ersten und fiel über einen zweiten Draht, der am Boden gezogen war.
Maikka wußte nicht, wo hinaus vor Vergnügen.
-- Siehst Du, wie schnell man die Natur findet, wenn man die Kultur übersieht!
-- Wie man nur so über Alles lachen kann, Maikka! Ich habe mir wirklich am Schienbein weh gethan.
-- Kränkt sich das Schienbein, wackelt die Wade vor Schadenfreude. Warum soll ich nicht lachen? Lacht nicht auch der Himmel über uns?
-- Er hat auch schon über uns geweint, fürchte ich.
-- Und wird's hoffentlich noch öfter thun, auch wenn wir ihm keine Veranlassung bieten, aus freien Stücken.