In Purpurner Finsterniß Roman-Improvisation aus dem dreißigsten Jahrhundert

Part 10

Chapter 103,612 wordsPublic domain

-- Nein, mein Schüler, hör' mich ernsthaft zu Ende und bleibe bei der Sache, nicht bei der Person. Unsere erwachsenen Schüler, gleichgiltig ob männlich oder weiblich, müssen sich um die Lehrer schaaren, ebenfalls gleichgiltig, ob weiblich oder männlich, im fleißigen Verkehr mit ihnen ihr Wissen ergänzen, ihr Selbstvertrauen stärken und ihre eigene Lebensanschauung entwickeln. Denn eingepaukt wird hier nichts. Vorgeschrieben als unfehlbare Lehre auch nichts. Auch in Respekt und Heldenverehrung wird nicht gearbeitet. Jeder kann seine Muster suchen, wo er will, und sich zu ihnen stellen, wie ihm persönlich gutdünkt. Glaube mir, Grege, in Nordika kommen die richtigen Leute, mögen sie auch verschiedene Wege einschlagen, immer an dasselbe Ziel. Der Gipfel eines Berges kann von verschiedenen Seiten bestiegen werden, nicht wahr? Der Weg eines Strebenden muß sich jederzeit individuell bestimmen, nach Gemüthsart, Geisteskraft, Charakter. Ein Jeder muß sich den ihm am besten zusagenden Weg nach eigener Erkenntniß wählen, ohne damit das Recht zu erwerben, andere Wege, als den seinigen, als falsche zu verketzern. Das ist ja selbstverständlich. Die Eigenart eines jeden Einzelnen bedingt auch einen verschiedenartigen Ideenkreis.

-- Jawohl, rief Grege lebhaft, Ideenkreis! Jeder seinen Ideenkreis in voller Freiheit.

-- Die Fähigkeit, sich in den Ideenkreis Anderer hinein zu versetzen und dann erst zu beurtheilen, ob diese betreffenden Anderen den kürzeren oder den weiteren Weg zum Ziele wandeln, Grege, siehst Du, das ist wichtig.

-- Ja, sehr.

-- Und wer diese Fähigkeit hat, der ist weit entfernt von rechthaberischem Absprechen, von prahlerischem Weisheitsdünkel, von der dummen Meinung, alle echte Erkenntnis für sich allein gepachtet zu haben.

-- Wie wir Teuta-Leute! Ach, Eure Schulen, Maikka! Worauf erstrecken sich die Vorträge in Euren Volkshochschulen?

-- Vor Allem auf die Sprache, Geschichte und Kunst des eigenen Landes, dessen Verfassung und gesetzgeberische Entwicklung.

-- O, Entwicklung, verpöntes Wort in unserem heiligen Teuta.

-- Dann auf allgemeine Geschichte, Naturwissenschaften, Geographie, Mathematik, Gesang. Außerdem werden praktische Arbeiten in den Werkstätten, in Haus, Feld und Garten und so weiter geübt. In den geschlossenen Kursen werden Abends einige Theile des Vorgetragenen einer ungezwungenen allgemeinen Besprechung unterzogen. Dadurch lernen die Schüler eine Sache von mehreren Gesichtspunkten betrachten und ihre Gedanken deutlich ausdrücken. Der Unterricht ist überall für beide Geschlechter gemeinsam, auf allen Lehrstufen und in allen Schulkolonien. So bleibt der Geist natürlich, gesund und rein, die Menschen überheben sich nicht gegenseitig. Sie genießen den vollen Segen der Arbeit. Keiner betrügt den Anderen um die Früchte seines Schweißes, wie es in jenen ruchlosen Zeiten war, wo einzelnen Wenigen Alles, der Mehrzahl nur der Hungerlohn zum »Existenz-Minimum« gehörte. Jetzt schafft Einer für Alle, und Alle für Jeden, sie sehen in der Arbeit keine Last, sondern eine freudvolle Pflicht und eine Ehre. Ohne diesen Geist kein allgemeiner Wohlstand, keine blühenden Genossenschaften, kein Nordika! Verzeih, Grege, aber wir Leute hier oben beten unsere Heimath an!

Grege schritt still, gedankenvoll.

-- Ja wir verehren unseren Boden, wir haben Ehrfurcht vor unserer Natur. Wenn ein Bauer einen jungen Wildling veredelt, entblößt er das Haupt, wenn er einen alten Baum niederschlägt, entblößt er wieder das Haupt. Der Landbau ist eine heilige Kunst. Wer den Pflug gut zu führen und eine schöne Furche zu ziehen weiß, ist so gut ein Künstler wie der, der ein Bild malt oder einen Spruch dichtet. Wer die Sense schwingt und eine Mahd gefällig hinlegt, oder einen Erntewagen mit Garben symmetrisch vollschichtet, ist so bedeutend in der Kunst, wie der Tänzer oder wie der Sänger oder wie der Architekt. Die Kunst, das ist die Seele des Volks. Und ein Volk kann nie genug Seele haben und nicht genug Freude, sich darüber zu freuen. Siehst Du, Grege, drum freu' ich mich allweil so unbändig.

-- Ah, dieses Feuerherz! murmelte Grege bebend in sich hinein.

Er fühlte die zehrende Glut, die dieses Wesen auf ihn überstrahlte. Es war wie ein lohender Brand, und er stand dabei, unentrinnbar, mitten in der Flammenzone.

Rasch führte er seine Hand zum Gesicht und betrachtete die Stelle, wo Jala's Blutstern war. Verblaßt, verschwunden. Nein, nicht verschwunden, in die Haut hineingekrochen, in sein eigenes Blut versunken. In seiner Blutbahn kreiste jetzt Jalas Stern, wie ein Licht, das im Dunkel seinen Gefühlen leuchtet, damit sie nicht in Irrniß gerathen.

Und Grege küßte heimlich die kleine Stelle an seiner Hand, zwischen Daumen und Zeigefinger.

Dann blickte er froh beglückt in Maikkas leuchtendes Angesicht.

-- Warum sprichst Du nicht, Grege? Schläfst Du -- oder bist Du hungrig?

-- Nein, nein! Es ist Alles in Ordnung. Wunderschön ist, was ich sehe, wunderschön ist, was ich höre. Es ist herrlich hier. Ich weiß nicht, wie ich Dir genug danken soll, Maikka, unvergleichliche Meisterin.

Der Lobspruch klang wohl männlich und echt. Und am dankbaren Gemüthe des schönen, stattlichen Teutamannes zweifelte Maikka auch nicht. Aber sie hatte doch etwas Anderes erwartet. Viel mehr Kraft und Ueberschwang der Empfindung. Freilich, wo soll das herkommen, wenn man aus dem vertrackten Teuta stammt! Und immer Meisterin, Meisterin! Mußte er denn das schülerhafte Achtungsgefühl in Alles hineintragen?

Sie waren jetzt in einer Gegend von entzückender Abgeschlossenheit. Hohe, breitwipfelige Bäume drängten sich zu beiden Seiten des Weges und überschatteten ihn so vollständig, daß Grege ein Frösteln über seine nackten Glieder laufen fühlte. War's wirklich nur die Schattenkühle, was ihn erschauern machte?

In schweigender Betrachtung eilte er vorwärts.

-- Wahrhaftig, er hat Hunger und wittert die Meierei da oben! dachte Maikka und beschleunigte die Schritte. Dabei blickte sie auf seine nackten Beine und Füße und fand, daß sie schön gewachsen und für einen körperlich wenig geübten Teutamann erstaunlich muskulös waren. Gute Rasse verrieth sein Leib in jedem Glied und in der ganzen Struktur und Haltung. Im Wuchs konnte er neben dem gelungensten Nordikamenschen mit Ehren bestehen. Er war ein edler Recke in seiner Art, das war zweifellos. Und der jugendlich sprossende Blondbart stand ihm ausgezeichnet. Maikka hatte mit ihrem Gast keinen schlechten Fund gemacht. Sie betrachtete ihn mit heftigem Wohlgefallen; denn wie er im Schatten dahinschritt, sich straffend und reckend, um das Frostgefühl nicht merken zu lassen, bot er wirklich das Bild eines Helden aus der Wiege des reinen Germanenthums. Maikka konnte sich nicht verhehlen, daß sie jetzt nicht unaufgelegt wäre, mit ihm in das romantische Traumland der skandinavischen Mythologie zurückzuschwärmen, mit ihm Held und Heldin in göttlicher Leidenschaftlichkeit zu spielen, mit ihm zu ringen und -- sich von ihm überwältigen zu lassen. Jawohl, auch dies -- vollkommen überwältigen. Ihn dann aber für seinen Sieg mit einem Sturm von Zärtlichkeiten zu züchtigen, daß ihm das heiße Blut dampfend aus den Poren spritzte.

Grege eilte, eilte --

Sie blieb stehn, folgte ihm mit funkelnden Augen, riß den Mund auf, daß ihr Gebiß schimmerte, wie eines edlen Raubthiers Rachen, dann schrie sie ihm mit bebenden Nüstern zu: -- Halt! Gelehriger Schüler! Weißt Du, wo Du wandelst? Weißt Du, wie ich Dich sehen möchte? Als reißigen Nordlandssohn, in Brünne, Bärenfell und Flügelhelm! Du -- Dich!

Stracks hatte er sich gewendet, wie angedonnert. Als gälte es, sich zu plötzlichem Kampfe zu rüsten, mit einem Feind, der aus dem Boden gewachsen, zehn Schritte vor sich. Grege stützte die Fäuste in die geschmeidige Hüfte, stemmte einen Fuß vor den andern, hoch hob er den Kopf auf dem starken Nacken: -- Halloh, Maikka!

Sie streckte den linken Arm und wies durch die dunklen Stämme in die Lichtung gen Westen, wo das ungeheure Meer heute ruhig wie an Ketten in den Fjorden lag:

-- Von dort, Teutamann Grege, flog der kraftstrotzende nordische Aar sieghaft über die Welt, über Fluth und Flur, sein Name schon erfüllte die abgelebten Völker mit Angst und Schrecken, daß sie bebten bis in die vermorschten Knochen, bis in's Mark! Wiking, halloh, auf's Drachenschiff! Wiking, los!

Und ihr Schrei endigte in einem gellenden konvulsivischen Lachen.

Grege stand wie eine Tanne, deren Wurzeln den Fels umklammern, und die ohne Schwanken im Sturmestoben den Blitz erwartet.

* * *

Am nächsten Nachmittage, als die Sonne schräge Feuerpfeile durch die dunklen Stämme schoß, fanden sich Grege und Maikka wieder an der nämlichen Stelle ein, um ihre Wanderung fortzusetzen.

Er hatte noch keine Zeit gefunden, ihr den Bericht seines Lebens zu Ende zu erstatten. Was er ihr gestern Abend erzählte, auch von Jala -- daß sie blind geworden, verschwieg er ihr -- schien wenig Eindruck auf sie zu machen. Sie verlangte auch nicht Weiteres zu hören.

Seine Kindheitsgeschichte interessirte sie nicht.

Seine Liebesgeschichte entlockte ihr kaum ein spöttisch-mitleidiges Lächeln.

Seine königliche Abstammungs-Fabel von einem gefangenen Friska-Fürsten fand sie geschmacklos. Alles Dekadente berühmt sich seiner Abstammung und pocht auf Ahnenreihen. Sie warf an dieser Stelle seiner Erzählung nur die Bemerkung hin: -- Was liegt an Vorfahren? Daß man Vorfahr werde und Nachkommen habe, die die Welt mit Glanz erfüllen, daran liegt etwas. Vielleicht liegt auch an den Nachkommen nichts, wer weiß!

Seine Stellung als Zarathustra-Protagonist dünkte ihr barok, um kein verletzenderes Eigenschaftswort zu gebrauchen. Uebrigens behielt sie sich vor, hinsichtlich Zarathustras ihm, auf den Zahn zu fühlen. Seine geschichtlichen Kenntnisse erschienen ihr lückenhaft. Er gab seine Urtheile mit einem Wortprunk, der ihr als afterpoetisch und unwissenschaftlich zuwider war.

Den Hinweis auf seine nächsten Zukunftspläne nahm sie mit ironischem Kopfnicken auf: -- Du willst auf die Insel? Was willst Du dort? Frei sein? Wovon, wozu? Ein Herr sein, wem? Schöpfer, wessen? Welchen Inhalt soll Deine Kraft, Deine Jugend auf der einsamen Insel haben? Ist ein Weib ein Inhalt?

Kurz, sie ließ kein gutes Haar an ihm.

Und nun hatte sie ihn hierher bestellt, und sie standen, wo sie gestern gestanden.

-- Was hast Du heute gearbeitet? begrüßte sie ihn.

Grege schüttelte unmuthig den Kopf.

-- Du sehnst Dich von hier fort?

Er schwieg.

-- Es geht jetzt keine Post an Dein romantisches Gestade. Zu den Angelos kannst Du jedoch noch in dieser Woche gelangen.

Grege wehrte heftig ab.

-- Nächst Nordika ist Angela das einzige Land, das ich Dir empfehlen möchte. Du könntest dort viel lernen, doch schätze ich Dich noch nicht reif dafür. Willst Du nach Teuta zurück?

Grege besann sich. Sein Gesicht nahm einen seltsam entschlossenen Ausdruck an: -- Noch nicht. Noch lange nicht, Maikka.

Sie empfand den Ton, mit dem er ihren Namen aussprach, wie eine Liebkosung. Aber sie wollte jetzt keine Liebkosung aus seinem Munde.

Ein Nebenpfad zweigte ab, der in Gartenland führte.

-- Schau Dich um, Grege. Jeder Zoll ist hier bebaut. Solche Blumen, Kräuter und Früchte sieht man selten.

Grege bejahte stumm.

-- Vor hundert Jahren war's nicht so. Der Boden ist trächtiger geworden. Vielleicht das Klima sogar milder.

Maikka deutete auf niedrige Birnbäume, die sich unter der Last der Früchte bogen. Quitten hingen über einen niedrigen Zaun, der die Gartenstücke abgrenzte. Von einem Spalier lachten Pfirsiche und Pflaumen aus dem Laub. Dann kamen zwischen den Baumgeländen Beete wie besät mit Reseda und Flammenblumen. Malven und Sonnenrosen glänzten in süßen Farben über den Zaun.

-- Ihr habt wohl große Freude an den Blumen, in Nordika?

-- Wir haben auch große Freude am Kohl, Grege.

-- Und Ihr eßt von Allem?

-- Von Allem, was uns schmeckt. Euch in Teuta schmeckt ja nur das Chemische, das künstliche Präparat, nicht das natürlich Gewachsene, nicht wahr?

-- In Teuta! Geh' mir mit Teuta, Maikka. Ich bin doch nicht Teuta?

-- Nicht ganz. Aber ein großes Stück davon.

Sie schöpfte tief Athem.

Grege wollte die Pause benützen, eine Blume zu brechen.

-- Laß das. Jetzt bricht man keine Blumen. Sag' mir lieber: Was haben Deine Teutaleute eigentlich? Was für Hauptvorzüge des Geistes und Gemüths, meine ich.

Er fühlte etwas Bitteres in sich aufsteigen. Dieses ewige Examiniren!

-- Was sollen sie haben, das Andere nicht hätten? Vielleicht etwas mehr Humor, Maikka.

-- Humor? Unfreiwilligen vielleicht. Sprudelnden kaum.

-- Nenn' ihn Sinn für Ulk, wenn Du willst.

-- Wahrhaftig, Grege, das will ich. Sinn für Ulk. Du kannst davon singen und sagen. Dein Hinweis gestern Abend auf Deine öffentliche Stellung im Teutareich als -- Ulkist! Zarathustraismus -- Ulkismus!

-- Maikka, es ist wirklich schade um die duftige Sonnenluft, daß wir sie mit solchen Gesprächen erfüllen.

-- O, kümmere Du Dich um unsere Luft. Die ist reich und kann etwas abgeben. Oder ziehst Du vor, Gedichte herzusagen? Nein, gerade jetzt recht. Euer Zarathustra-Kult ist eine Hanswurstiade. Da fliegt das Wort. Fang's! Und gleich noch eins, dann ist's ein Paar: Wer die Hanswurstiade mitspielt, ist ein Hanswurst, und wer den Zarathustra mimt, ist ein Komödiant und zwar kein guter.

Grege fuhr auf: -- Respekt!

-- Ja, Respekt vor Allem, was Respekt verdient. Das ist eins unserer Staatsgrundgesetze.

Und nun prasselte das Gefecht los. Er immer verbitterter, dann herrischer, hochfahrender; sie immer schärfer, stachelnder. Auf jeden Trumpf setzte sie einen stärkeren Trumpf, an jeden Einser hängte sie eine Null, dann gab's einen Zehner.

Bis sie mit einem Mal einlenkte oder einzulenken schien.

-- Den Komödianten brauchst Du mir nicht übel zu nehmen, Grege. Gesetzt, Deine Vorfahren waren Könige, oder wenigstens kleine regierende deutsche Fürsten, wie sie vor tausend oder anderthalb tausend Jahren -- ich will einmal ein historischer Stegreifrechner sein, nach Teuta-Art, mit weitem Spielraum und elastischer Grenze -- also wie sie damals an den Kanten des großen Preußenreichs noch herumblühten, ja, blühten, um kein anderes botanisches Wort zu wählen. Diese Deine Vorfahren machten einen Hof und hielten sich neben anderen Hofbeamten, die vielleicht auch nur Hofkomödianten waren, noch besondere Hofschauspieler. O, Deine Vorfahren, die Fürsten, zeichneten sie nicht wenig aus, ihre berufsmäßigen Hofschauspieler. Sie machten Hofschauspieler, wenn sie hübsche, anstellige Damen waren, zu ihren Maitressen, oder gar zu ihren Frauen, oder traten persönlich an die Spitze ihrer Hofschauspieler-Truppe als Leiter, als Führer, und machten mit ihnen Gastreisen im Reiche umher und bedeckten sich als Musageten mit Ruhm, der für sie auf andere Weise nicht mehr zu gewinnen war. Glaubst Du, daß ich darin etwas Verletzendes sehe? Hier in Nordika, wo man die Kunst am höchsten stellt? Glaubst Du, daß es in jenen Zeiten am Ende nicht besser gewesen, die Fürsten hätten sich mit dem Kunstruhm begnügt und die Kunst des Regierens Anderen überlassen? Und nun, Grege, hör' mich ohne Zorn an: Achtest Du's für ausgeschlossen, daß Du der Abkömmling -- eines Abkömmlings eines jener Schauspieler-Fürsten sein könntest und daß Du gerade darum berechtigt wärst, auf die doppelte Erbschaft zu pochen? Ist das nicht verständig geredet, Grege? Hättest Du Grund in dem kleinen Teuta von heute einen Theil der Erbschaft als Schmach zu empfinden, da er doch in jenem großen Reich von damals als unbezweifelte Ehre galt? Man muß nur Alles aus dem richtigen Gesichtswinkel nehmen.

Grege hatte sich über den Zaun gebeugt und streifte mit der Nase schnuppernd an einer hochstengeligen Tulpe.

-- Duftlos, lächelte er.

Maikka lächelte gleichfalls, indem sie auf seine Bemerkung einging: -- Vorsichtiger ausgedrückt, Deine Nase findet keinen Duft daran. Wollen wir künftig beide vorsichtiger im Ausdruck sein? Der Tulpe verschlägt's ja nichts, aber unserer Nase und was als empfindlicher Mensch noch dranhängt, kann's zu statten kommen.

Mit freundlichem Ernst, der nahe an wiedergewonnene sanfte Liebenswürdigkeit grenzte, fuhr Grege im Weitergehen fort: -- Ich möchte wissen, Maikka, giebt's auch Blödsinnige in Nordika?

Maikka fand die Frage überraschend. Sie erwog sie einen Augenblick. Dann betrachtete sie forschend Grege's Gesicht. Nein, der Ausdruck so wenig wie der Frageton ließ einen beabsichtigten Doppelsinn vermuthen.

-- Blödsinnige, Grege? Ja, leider, aber nur wenige.

-- Taubstumme?

-- Ich vermuthe.

-- Blinde?

-- Blinde? Blindgeborene oder Blindgewordene?

-- Einerlei. Ich unterscheide jetzt nicht.

-- Ja, Grege.

-- Wo sind diese Bedauernswerthen?

-- In einer besonderen Anstalt. Draußen, in der Nähe des großen Fjords.

-- Warst Du einmal dort, Maikka, sie zu besuchen?

-- Vor Jahren einmal. Es ist lange her. Ich hatte einen erblindeten Freund draußen.

-- O, einen erblindeten Freund! Der Arme! Ist er nimmer sehend geworden?

-- Doch, ich hörte davon. Er hat das Augenlicht wieder erhalten, zum Theil wenigstens.

Eine große Bewegung erfaßte Grege.

-- Maikka, liebe Maikka, das ist ja wunderbar. Der glückliche Unglückliche, nein, nein, wahrhaftig, er wurde wieder sehend?

-- Ja, Grege, das wurde er, wie ich bestimmt hörte.

Er mußte an sich halten, um im Uebergefühl der Ahnung einer gleichen seligen Möglichkeit für seine Jala Maikka sich nicht an den Hals zu werfen und zu weinen wie ein himmlisch beschenktes Kind. Er kämpfte die Wallung tapfer nieder.

-- Und die näheren Umstände seiner Genesung? Maikka, sag' doch!

-- Weiß ich nicht. Er verließ bald die Anstalt und siedelte in einer fernen Gegend sich an, mit andern Freunden. Und so verloren wir uns aus den Augen.

-- Sonderbar, sonderbar.

-- Daß man sich, kaum sehend geworden, wieder aus den Augen verliert, Grege? Dies findest Du sonderbar?

-- Ja, auch dies. Maikka, sprich, könntest Du mir die Anstalt draußen am großen Fjord einmal zeigen?

-- Gewiß, an meinem nächsten freien Tag. In kommender Woche.

-- Der Verkehr mit der Außenwelt, ich meine mit den Fjords und so, ist wohl schwer?

-- O, Du kannst leicht allein hinauskommen. Bist Du sehr ungeduldig?

-- Gewiß nicht, Maikka. Ich kann warten. Aber warum soll ich Dir immer zur Last fallen?

-- Du fällst mir nicht zur Last. Im Gegentheil, Grege. Und da sich nun einmal Alles so gefügt hat, möchte ich wirklich gern dabei sein. Du bist fremd, ich kann Dir in Manchem helfen. Abgesehen vom Besuch in der Anstalt, möchte ich dabei sein, wenn Du unsern großen, schauerlich-schönen Fjord zum ersten Mal siehst. O, mach' Dich auf ein ungeheures Schauspiel gefaßt, Grege.

-- Das will ich, Maikka. Es wurde ihm erstickend heiß. Er riß sein Wams auf, daß die Luft über seine nackte Brust strich.

Und er ergriff ihre Hand, treuherzig und schlicht von der Seite, im Gehen, und drückte sie innig.

Maikka erwiderte den Druck und hielt seine Hand mit der ihrigen fest.

So schritten sie eine Weile hin, schweigend, in heißen Gedanken.

Es war ein Nehmen und Geben von Herz zu Herz in Seligkeit. Und jedes hatte einen anderen Himmel, darein die Seele geflogen war, und war doch nur eine einzige Wonne, ein einziges Glück, wenn auch in verschiedener Mischung und Färbung.

Wehmuthstrunken verlor sich Greges Blick in die sonnenverschleierte Ferne, er wendete den Kopf ein wenig seitwärts, von Maikka ab. Diese aber sah gierig an seiner Gestalt hinauf, bis an seinem feinen, vom Haar beschatteten Profil ihr Auge haften blieb in zärtlicher Bewunderung: -- Er ist schön, glühend schön, mein Grege -- und ihre schwellenden Lippen feuchteten sich in dunklem Roth, als wäre süßer Thau auf sie gefallen.

Beide fuhren plötzlich erschreckt auseinander.

Fox war ihnen nachgeschlichen und mit einem Satz -- hopp! über ihre verschlungenen Hände hinüber und davon, feldeinwärts, mit Gebell.

-- Wem gehört das streunende Thier eigentlich, Maikka?

-- Dir, mir, uns Allen, hauptsächlich dem, der es am meisten lieb hat. Und das wechselt. Neulich wich er mir eine Woche lang nicht von der Seite. Jetzt scheint das anders zu sein. Und dann das Jagdvergnügen, weißt Du.

Grege's Gedanken waren schon wieder auf anderer Fährte.

-- Wie kommen wir hinaus, an den Fjord, in die Anstalt?

-- Wir kutschiren, Grege.

-- Wie ist das?

-- Wir nehmen einen kleinen, zweisitzigen Wagen und spannen ein Pferd vor, ein recht flinkes.

-- Das ist doch unglaublich schwierig und altmodisch.

-- Das Kutschiren? In unserem Falle tausendmal schöner, als das träge Hinausgleiten mit der Elektrischen oder das schläfrige Gondeln in der Luft.

-- Aber es ist gefährlicher und wir verlieren Zeit.

-- Wir verlieren Zeit, Grege, wenn wir bei einander sind? Ich bitte Dich! Gefährlich, was heißt gefährlich? Das ist schließlich Alles . . . für den Aengstlichen.

-- Aber anstrengend muß das Kutschiren sein, nicht?

-- Das ist ja das Schöne am Altmodischen, wie Du sagst, daß es anstrengend ist. Sieh' mal hinüber, dort hinter der Allee rutscht die Elektrische dahin, und wir gehen doch auch hier zu Fuß und schlendern und wählen uns Pfade nach Belieben. O, das Kutschiren! Das wirkt stärkend auf Geist und Gemüth, das giebt Witz und Widerstandskraft, das stählt die Nerven. Du wirst hüpfen vor Freude, glaub' mir, Grege.

-- Ihr nehmt doch Alles anders in Nordika. Diese Art der Weiterbeförderung bin ich gar nicht gewohnt.

-- Eben darum, Grege! Ist nicht das Ungewohnte das Belebende? Fühlst Du das nicht? Frag' einmal Deine Beine! Haben sie nicht Freude am Marschiren? Sind sie nicht vergnügt, daß sie sich an Allem kräftig betheiligen dürfen, was wir unternehmen?

Grege lachte.

-- Frag' sie doch, Du eigensinniger Mensch! Und Maikka lachte mit.

Links und rechts auf der Flur tauchten arbeitende Menschen auf. Von einem eingefriedigten Weideplatz schallte Muhen und Blöken herüber. Man hörte Sensen dengeln, Leute sich zurufen, Vögel singen.

Wieder wechselte Maikka den Weg. Sie wählte einen, der, ganz mit jungen Birken umbuscht, gar still und heimlich war.

-- Du, Maikka, ich habe meine Beine gefragt.

-- Nun?

-- Sie sind müde und hungern nach Ruhe.

-- O, ihr ewigen Hungerleider! Gleich jetzt sollt ihr gefüttert werden. Die armen hungrigen Beine. Wartet, ich weiß ein Mittel.

Und sie kniete sich vor Grege nieder und bearbeitete ihm die Waden, eine nach der andern, mit beiden Händen, energisch, durch Streichen, Kneten, Drücken, Klopfen, dann preßte sie ein Knie um's andere und schlug lachend mit der Handschneide in die Kniekehle, daß Grege einknickte.

Dergleichen hatte noch kein Weib an ihm probirt.

-- Hör' auf, Maikka, das schmerzt ja. Gräßlich schmerzt's.

-- Nachher wird's Dir wohl thun. Gieb mir die Hände, heb' mich auf. Und nun vorwärts!

Grege riß sie so stramm auf, daß sie an seinen Leib flog und einen Augenblick an seiner Brust lag.

-- Maikka, was müssen die Leute denken!

-- Daß Du ein Narr bist! Und sie eilte lachend voraus: -- Hier giebt's übrigens gar keine Leute. Nur Blumen, Bäume und liebes Vieh.

Als Grege nicht gleich folgte, sondern seine schmerzenden Waden rieb, duckte sich Maikka auf den Boden und machte sich klein, ganz klein, zu einem Häufchen.

Wie ein spielendes Mädchen rief sie neckisch: -- Allahopp, Fox, über mich hinüber! Eins, zwei -- drei!

Und wahrhaftig, die zwingende Gewalt ihres Auges, ihrer Stimme und Stellung war so groß, daß Grege einen Anlauf nahm und über das kauernde Weib hinwegsetzte. Seine Fußfohlen streiften ein wenig ihre elektrischen Haare.

Sie sprang auf, klatschte in die Hände: -- Himmlisch! Aber jetzt müssen wir ernsthafte Leute sein und wieder vernünftig reden. Hast Du mich lieb, Grege?

-- Ist das vernünftig geredet?

-- Enorm, wenn Du ja sagst.

Da eilte mit hochgeschwungenem Schwanze ein rothes Kätzchen über den Weg, eine piepsende Maus im Mäulchen.

-- Ah, siehst Du, Grege, die war auch an der Arbeit.

-- Und wir schlagen die Zeit mit Spielereien todt.

-- Sie verdient's nicht besser. Ich habe Freistunde. Und Du lernst doch was unterwegs, Du dummer Mensch, nicht? Mach' die Augen auf, jetzt wird's interessant.