Part 7
In einem großen Loch der Sandbank vergraben wir ihn. In wenigen Wochen werden ihn Käfer und Ameisen gesäubert haben und seine weißen Knochenwände sauber gebleicht in der Sonne trocknen können.
Als ich den mächtigen Kadaver, aus dessen Halswunde noch immer in roten Strömen das Blut fließt, so am Uferhang liegen sehe und dahinter das dichte verwachsene Schilfgestrüpp, kommt mir der Gedanke, ihn hier als Köder für Krokodile liegen zu lassen und dahinter einen kleinen Anstand zu bauen.
Mit kräftigem Bordtauwerk binden wir ihn so fest an die Uferbäume, daß das größte Krokodil ihn nicht wegreißen kann. Etwa zwanzig Meter dahinter wird aus Laub und Gras eine Wand aufgebaut und dann das Schilf des Zugangsweges niedergeschlagen, damit ich mich abends unhörbar anschleichen kann.
Große Teile der Sandbank liegen jetzt wieder frei. Ein eingerammter Pfosten bezeichnet die Stelle, wo der vergrabene Schädel liegt. Mit einigen starken Stößen schieben wir den Einbaum ins Wasser.
»Huko mamba -- dort kommt ein Krokodil!«
Wir sind eben beim Ablegen, da schiebt sich keine fünfzig Meter von uns weg ein langer, schmutzig grüner Schädel aus dem Wasser -- gelbe Äuglein blinken. Ein Ruck -- weg ist er! --
Schon zieht die Witterung des in der Sonne liegenden Kadavers über Fluß und Ufer! Drei große Geier kreisen über der Sandbank.
Die Sonne hat mittlerweile beinahe Mittagshöhe erreicht. In glühender Hitze zittert die Luft. Rasch fließt das Wasser stromab. Bald tauchen die grauen Wände der »Königsberg« auf, und wir klettern an Bord. -- --
* * *
Mit Befriedigung fühle ich nachmittags das Umspringen des Windes -- er kommt jetzt genau von Osten -- so kann ich abends gegen den Wind meinen Anstand erreichen.
Von nur einem Schwarzen begleitet, gehe ich nach dem Dienst an Land. Die Sonne steht noch hoch am Himmel.
Wir haben den kurzen Steppenstreifen rasch durchschritten und tauchen seitwärts ins Schilf.
Es gilt den kurzen Weg zu finden, den wir heute morgen eingeschlagen haben.
Die Funkenrahen der »Königsberg«, die über dem niedern Unterholz sichtbar sind, als Orientierungsmittel hinter uns, schlängeln wir uns weiter. Da vorn kreisen in weiten Bogen einige Aasgeier, verschwinden und fliegen wieder hoch. Dort muß der Kadaver liegen!
Leiser und leiser werden unsere Schritte, denn wir können nicht mehr weit ab sein.
Ein stinkender Aasgeruch zieht in Schwaden über uns hin.
Plötzlich hält mein Führer. Er zeigt nach unten: da ist abgehauenes Schilf -- also der Zugangsweg von heute morgen. Die gespannte Büchse in der Hand, schleiche ich unhörbar vor.
Der Wind ist günstig, er kommt direkt auf mich zu. Der Verwesungsgeruch wird so durchdringend, daß ich mir das Taschentuch vor die Nase binde.
Hoffentlich sehen mich die Aasvögel nicht -- dicht vor mir flattern sie jetzt rauschend mit mächtigen Schwingen auf und nieder.
Ich drücke mich tief an den Schilfrand -- denn vor mir wird die grüne heute morgen von uns gebaute Wand sichtbar. -- Keine zwanzig Meter mehr!
Eine leichte Bö läßt das Schilf rascheln -- ich benutze sie, mit einigen Sprüngen bin ich vorn und kauere mich nieder.
Trotz des Taschentuches ist der Aasgestank kaum zu ertragen. Ich fühle einen starken Brechreiz -- der Kadaver liegt ja dicht da vorn.
Leise schiebe ich einige Blätter zurück -- die linke Hand auf die Nase gepreßt, sehe ich hindurch und -- -- pralle zurück! -- Das Flußpferd lebt. -- Sein Leib geht auf und nieder -- es wälzt sich -- scheuert sich auf dem Boden. Die kurzen Walzenbeine wackeln!
Drei -- vier Aasgeier sitzen auf dem Bauch und hacken an der Haut herum.
Da sehe ich plötzlich, wie sich aus dem abgeschnittenen Hals ein Schuppenschwanz herausschiebt -- -- er bewegt sich langsam nach außen. Jetzt noch einer und -- -- noch einer!
Ein leises Grauen überläuft mich, wie ich dieses furchtbare Vernichtungsdrama keine zwanzig Meter vor mir in dem bestialischen Gestank sich abspielen sehe.
Der ganze Leib des Flußpferdes ist voll von Krokodilen, die sich durch die Halsöffnung hindurch in das Innere gefressen haben, weil die Haut, noch frisch und fest, allen Angriffen widerstanden hat.
Ab und zu geht ein Zucken und Rütteln durch den gewaltigen Körper -- einer der aus dem Hals ragenden Schwänze peitscht den Sand -- wieder hat eines der grauenhaften Tiere ein Stück aus dem Innern des Wanstes losgerissen.
Wie einen Sack höhlen sie von innen den Kadaver aus -- wälzen sich im Aas, während die Geier, wütend und vergeblich, immer noch auf die zähe Haut einhacken.
Ein furchtbares Bild des Daseinskampfes. Ich bin so benommen von der Wucht dieses Bildes, daß ich an ein Schießen gar nicht denke, das Gewehr hingelegt habe und mit offenen Augen nach vorn starre.
Da geht plötzlich ein mächtiger Ruck durch den verwesenden Körper und ein riesiges Krokodil schnellt aus der Halsöffnung hervor, über und über braunrot mit Blut, Aas und Kot besudelt, grell von den leuchtenden Strahlen der eben untergehenden Sonne beschienen, im Rachen einen halb menschengroßen Fetzen Knochen, Gedärme und Fleisch.
Ein bestialisch greulicher Gestank weht mir ins Gesicht!
Im selben Augenblick springt die Brise um -- gedämpft, wie unwirklich -- von unendlich weit her -- erklingen verwehte Fetzen der Königshymne: -- -- -- die Abendmusik an Bord der »Königsberg«!
Stutzend halten einen Augenblick Krokodile und Geier im Fraß inne, dem ungewöhnten Geräusch lauschend, nur der rotbraunbesudelte Bursche schleppt langsam rückwärts kriechend seine Beute über die Sandbank dem Flusse zu, einen breiten Blut- und Kotstreifen hinter sich lassend.
Da flaut der Wind plötzlich ab, die Sonne ist weg! -- -- Nur noch das Knacken und Krachen von zermalmten Knochen, das Reißen von Haut- und Fleischfetzen -- lautes Schnalzen, Schmatzen, Mahlen von Kiefern ist zu hören.
Die vier kurzen Stummelbeine wackeln, als ob sie sich sträuben wollten und heben sich phantastisch vom dunkelnden Himmel ab. Die Geier, denen jetzt einige aus dem Halse hängende Fleischfetzen zur Beute gefallen sind, hacken darauf herum, reißen sie in Stücke und flattern, im beschmierten Schnabel den stinkenden Fraß, auf und davon.
Schnell wird es dunkel! Ein Schuß hätte keinen Sinn mehr, auch habe ich keine Lust dazu. Warum dies seltsam schauerliche Naturbild stören!
Kampf, überall Kampf um Sein und Nichtsein! Hier wühlen Krokodile im stinkenden Flußpferdaas, hacken flatternde Geier, dort in verworrenster, afrikanischer Flußwildnis ein Kreuzer mit dreihundert Menschenleben, die tagtäglich kämpfen müssen -- gegen andere Geschöpfe gleicher Rasse, die nach ihrer Vernichtung lechzen.
Es scheint, als hätte alles Leben nur Sinn eben durch Vernichtung des Lebens! --
Ein langsames Rascheln, Reiben und Gleiten kommt von der Sandbank her -- ich sehe zwei dunkle Striche sich näher schieben -- -- zwei neue, fraßgierige Krokodile.
Da drin aber in dem Flußpferdleib wühlt und wogt es noch, die Haut schwankt und schlappt, ekelhaftes Schmatzen und Knacken tönt hervor. --
Die Brise ist jetzt vollkommen eingeschlafen. Der Aasgestank bleibt über dem dichten Schilfe hängen, er wird so stark, daß ich mich, die Hände vors Gesicht gepreßt, wegschleiche. -- --
Im hohen Schilfe raschelnd gehen wir nach Westen, um die freie Steppe zu erreichen, dann nach unserm Liegeplatz abzubiegen.
Tief aufatmend saugen wir die reine Luft in unsere Lungen! --
Schilf und Gestrüpp weichen zurück, dunkel liegt vor uns die weite Steppe, an ihrem Westrand noch von einem schmalen hellen Streifen abgegrenzt.
Das Schweigen der Nacht liegt über der einsamen Landschaft.
Dicht aufbleibend folge ich meinem Führer, der mit seinem rasch fördernden Schritt durch die Nacht eilt, schwarz in der schwarzen Dunkelheit kaum zu erkennen.
Da dröhnt von fern her Getrappel -- -- wie von galoppierenden Pferdehufen!
Wir stutzen einen Augenblick -- da sausen zwei abenteuerlich dicke, mächtige Körper hopsend an uns vorüber.
»Viboko -- Flußpferde!«
Wie Spukgestalten sind sie erschienen und verschwunden, schon wieder weit weg verklingt das Dröhnen ihres Galopps. --
Der schmale Schimmer im Westen ist verschwunden, tiefe Nacht liegt über der Steppe.
Gleichmäßig klappert Gewehr und Wasserflasche auf dem Rücken meines Führers, der sicher mit seinen nackten Beinen dem schmalen Negerpfad folgt.
Moskiten summen, Glühwürmchen gaukeln, ferne Tierlaute erschallen -- -- das Nachtleben der Steppe erwacht!
Kingwangwanda
Monate sind vergangen.
Es ist August 1915! Die Sonne läuft auf ihrer Bahn jetzt weit im Norden. In Deutschland -- in Europa schreibt man Sommer!
So weit nördlich zieht das Tagesgestirn, daß seine Strahlen auf der südlichen Halbkugel stark an Kraft verloren haben, selbst hier in der Nähe des Äquators, und schon abends nach Sonnenuntergang erfrischende Kühle über das Land zieht.
Es ist Nacht.
Schlaflos starre ich auf die weißlichen Falten des Moskitonetzes trotz des Morphiums, schlaflos vor Schmerzen im abgerissenen, entzündeten Fuß. Eine englische Granate hat ihn zerschmettert -- sie hatte erst die Back und das Zwischendeck durchschlagen.
Neben mir schläft mein Kommandant -- ruhig, gleichmäßig geht sein Atem. Er ist schwer verwundet!
Durch den Schleier des Moskitonetzes sehe ich seinen weißen Verband.
Es ist ein altes hölzernes Pflanzerhaus, in dem wir liegen. Fünf Zimmer und zwei Veranden -- alle voll von Verwundeten. -- Alle haben den ehrenvollen Untergang der »Königsberg« in aussichtslosem Kampf gegen zwanzigfache Überlegenheit mit ihrem Blute bezahlt.
Ein Stöhnen flattert auf -- ein Seufzen, ab und zu leises Wimmern! --
Leuchtend spannt sich der klare Tropenhimmel über der weiten Steppe -- einsam träumt das alte Pflanzerhaus, nur armselige, kleine Negerhütten liegen zu einem Klumpen geballt daneben -- das Dorf Kingwangwanda. Nach Norden und Westen zu dehnen sich Kulturen von Kautschuk und Sisal. Alle sind verlassen, verwildert. Nach Süden und Osten erstreckt sich die weite Steppe. Raschelnd haucht der Nachtwind über sie hin.
Dort liegt ein einsames Geviert, darin Kreuz an Kreuz, alle gleichmäßig, alle schlicht, alle mit kurzer Aufschrift:
»Beim Untergang S. M. S. Königsberg am 11. 7. 15 gefallen!«
In der Mitte ein großer Stein, daran eine Kupfertafel, gehämmert aus einem zerschossenen Dampfrohr mit dem von ungeübter Hand eingehauenen Taufspruch der »Königsberg«:
Biet’ dem Feinde Trutz, Sei dem Vaterlande Schutz, Und treu bis zum Tod -- Im Kampf und in Not, Sei stets deiner Mannschaft höchstes Gebot!
Alle, die hier liegen, haben nach ihm gehandelt! In den schlichten, vertrockneten Palmenkränzen flüstert der nächtliche Steppenwind, -- weht feinen Sand über die niederen Hügel.
Ein plumper, fester Zaun aus dicken, unbehauenen Stämmen ist jetzt um das Gräberfeld gezogen. Flußpferde hatten auf ihrer nächtlichen Steppenstreife die Kreuze umgeworfen, die aufgeschütteten Hügel zerstampft. Rings herum ist der Steppenboden von ihren Spuren durchfurcht, tiefe Löcher sind in langen Reihen getreten.
Zwischen dunklen Ufern schickt dort drüben träge ein breiter Flußarm seine schwärzlichen Wasser dem Rufiji zu -- es ist der Bumi.
Keine vier Stunden braucht ein Einbaum, gleichmäßig dahingleitend, bis zu der verschwiegenen Flußbiegung, die dem letzten der deutschen Auslandskreuzer zur Ruhestätte geworden ist. -- --
* * *
Tief auf die Seite geneigt liegt er dort in den glucksenden Wassern.
Schwer war sein Ende! Einundzwanzig gegen eins.
So hatte sie es doch gewagt, die ruhmreiche englische Flotte! Aber einundzwanzig brauchte sie, um den einen zu töten!
In langer Kiellinie liefen sie ein in die weite Mündung des Kikunja-Armes, als die Sonne im Zenit stand, mit rasendem Feuer jede Mangrove, jede Palme überschüttend.
Zwei Flieger kreisten über dem kleinen deutschen Kreuzer, der dort hinten am Steppenrand wütend um sein Leben kämpfte mit seinen fünf bellenden Breitseitgeschützen -- -- unbeweglich im engen Fahrwasser. Sie wiesen dem sausenden Eisenhagel, der heulend über die weite, dampfende Mangrovenwildnis brauste, den Weg. -- -- Und nur zu gut!
In Fetzen wurden die Geschützbedienungsmannschaften gerissen, in Fetzen Bleche und Eisenwände!
Aber weiter kämpfte er!
Das Deck troff vor Blut, nur schaufelweis gestreuter Sand machte es passierbar. Da vorne, unter der Back, lagen die Leichen zu Haufen. Zwei abgerissene Köpfe ruhten friedlich Gesicht an Gesicht unter einem Spind -- -- sie gehörten den Matrosen Prest und Stange. --
Aber weiter kämpfte er!
Nur mehr mit zwei Geschützen! Der durchsiebte, mittlere Schornstein neigte sich -- brach in sich zusammen. Beinahe erschlug er den schwerverwundeten Kommandanten, der vom Kommandostand nach achtern gebracht wurde. Da vorne gab es nichts Lebendiges mehr! Der Eisenhagel wurde zum Eisengewitter und durchpflügte die Flanken des bebenden, zitternden Kreuzers.
Aber weiter kämpfte er!
Jetzt von achtern geleitet, -- immer noch mit zwei Geschützen! Das eine bedienten Offiziere, das andere Heizer. Verkrampfte Wut wendete sich gegen die Flieger. -- Vergeblich! Sie schienen unerreichbar im Aether! Da -- -- das letzte Schrapnell verließ das Rohr -- -- da -- -- sollte es sein -- -- sollte Gott uns wenigstens diese eine Genugtuung geben -- -- da -- -- ein Flieger neigte sich, verharrte sekundenlang unbeweglich -- -- dann stürzte er pfeilschnell krachend nach unten.
Ein Leuchten ging über die pulver- und blutgeschwärzten Gesichter der Geschützbedienung. Die von ohnmächtiger Manneswut geschnürte Brust weitete sich.
Nur ein Augenblick! Verschwunden waren sie, die eben triumphierten, in Fetzen klebte ihr Fleisch an der Bordwand und den zerspellten Decksplanken. -- -- Eine Granate schlug zwischen sie.
Aber weiter kämpfte er!
Nur noch mit einem Geschütz! Zwischen all dem Rauch und Feuer war sein Blitz nicht mehr zu sehen, seine Stimme verhallte im Tosen der Explosionen. Feuerfontänen auf Feuerfontänen zischten gen Himmel, breiter und breiter wurden die Glutmassen, sie durchrasten, vom Wind gepeitscht, die Decks. Da war Menschenwille und -kraft zu Ende! Das letzte Geschütz verstummte!
Nochmals schwer getroffen gab der Kommandant den Befehl zum Verlassen des Schiffes. Als der letzte Mann von Bord war, zerriß eine furchtbare Detonation die Luft -- -- turmhoch stieg eine Feuersäule himmelwärts, der brennende, aus tausend Wunden blutende Kreuzer barst entzwei und versank langsam in den braunen Lehmfluten des Rufiji.
Da hörte er auf zu kämpfen! -- -- --
Dort hinten aber, am Rande der Steppe, hinter der sich der Glutball der Sonne zum Untergang neigte, umstand ein kleines Häuflein, besudelt mit Pulver, Blut und Lehmwasser, den auf dem Boden gebetteten Kommandanten, und erst zaghaft, dann anschwellend lauter und lauter hallte das deutsche Flaggenlied im leisen Abendwind über die weite afrikanische Steppe und durch den leise rauschenden Buschwald. -- -- --
* * *
Die Stunden vergehen, es muß längst Mitternacht sein, meine Augen brennen im hohen Fieber! Hundertstimmig pfeifen, zwitschern und krabbeln über mir die Fledermäuse, sie nisten im Dach zwischen Wellblech und Holz, dicht über meinem Bett. Ihr Gestank zieht ab und zu wie eine dicke Wolke über die Veranda.
Punkt sechs Uhr abends verlassen sie zu Tausenden in stinkenden schwarzen Massen ihren Schlupfwinkel, um durch die Nacht flatternd Nahrung zu suchen, nur Weibchen und Junge zurücklassend, die ungeduldig zirpend und scharrend auf ihre Ernährer warten.
Da schlürft und schmatzt es dicht neben meinem Kopfe. Fast bewegungslos eingebunden, kann ich mich kaum rühren. Ich drehe langsam den Kopf: eine dicke Ratte sitzt auf dem Rande meines Feldstuhls, hat den Kopf tief in meine Tasse gesteckt und trinkt schnalzend meine Milch. Mit Mühe verscheuche ich sie. Plumpsend springt sie auf den Boden, schleift ihren Bauch über die sandigen Bretter, rast eine Wand empor und springt auf mein Moskitonetz. Dicht über mir piepst sie einige Male und läßt sich dann mit einem Platsch zur Erde fallen. --
Ein irrer Schrei tönt herüber -- aus dem dritten oder vierten Zimmer -- dort muß ein sehr schwer Verwundeter liegen. Auch mein Beinstumpf brennt in der Blechschiene. Schon über einen Monat liege ich hier bewegungslos auf dem Rücken, den Fuß in die Höhe gebunden!
Mit Mühe richte ich mich auf, starre durch das Moskitonetz in die Nacht. Da vorn liegen schweigend die niederen Grashäuser der beiden Ärzte und der zwei Schwestern vom Roten Kreuz, die von Daressalam geschickt wurden. Gespenstisch heben sich ihre Giebel vom sternenübersäten Nachthimmel ab, gespenstisch in der unendlichen Ruhe und Schweigsamkeit der afrikanischen Steppe, über die hinweg Millionen von Zikaden ihr gleichmäßiges Lied ertönen lassen. Der Nachtwind haucht raschelnd durch die metallenen Moskitogitter der Veranda, fröstelnd sinke ich auf mein Kissen zurück und wickle mich fester in meine Decke.
Das Morphium gaukelt mir bunte Bilder vor, ich denke an die ferne Heimat, an den letzten Kampf der »Königsberg«, unsern Kreuzer, den wir alle so sehr geliebt, der jetzt zerschossen und zerfetzt wenige Stunden weit, dort drüben in der Einsamkeit liegt. --
Von fern hallt das Dröhnen einer Flußpferdherde herüber. Angestrengt lausche ich ihm.
Minutenlang hält es an -- minutenlang tritt wieder Stille ein. Plötzlich zerreißt ein dumpfes Brüllen aus nächster Nähe das lastende Schweigen. Ich halte den Atem an: ein Löwe! Da ertönt es wieder und wieder, unheimlich rauh -- noch einmal und noch einmal.
Unwillkürlich richte ich mich wieder auf: Zwei Stimmen sind zu unterscheiden -- eine tiefe knurrende und eine hellere. Anscheinend ein Löwenpärchen.
Sie umstreifen in weitem Kreis unser altes morsches Holzhaus. Kommen näher und näher, verstummen und ziehen dann kurz brüllend langsam in westlicher Richtung weiter.
Fast Nacht für Nacht kommen sie -- es müssen immer dieselben sein -- sie ziehen denselben Weg, brüllen zu gleicher Stunde.
Stärker lärmt der Luftzug in dem verrosteten Moskitogitter, die Netze der Betten bewegen sich leise. Es muß gegen Morgen zu gehen. --
Langsam wirken Morphium und Müdigkeit -- ich sinke in unruhigen Fieberschlaf. -- -- --
* * *
Ein Vierteljahr später! Die kalte Zeit ist vorüber -- glühend brennt die Sonne auf das dampfende Land. Es ist Dezember.
Das einsame Pflanzerhaus von Kingwangwanda hat sich geleert, die Verwundeten sind teils nach dem fünf Tagemärsche entfernten Daressalam ins Hospital, teils auf den verlassenen Steppenfriedhof zwischen der rohen, mächtigen Umzäunung getragen worden.
In langer Tragbahre werde ich zum Fluß gebracht und an Deck des kleinen Einraddampfers »Tomondo« gelegt, der mich rufijiabwärts nach der Karawanenstraße Kilwa-Daressalam bringen soll. Die kleinen Grashäuser um das Pflanzerhaus, die Herberge so vieler Schwarzer, die armseligen kegelförmigen Hütten von Kingwangwanda verschwinden am Horizont der Steppe, schnell entführt uns der schweigend dahinfließende Strom.
Die waldigen Ufer ziehen vorüber, Krokodile platschen ins Wasser, weiße, langgefiederte Reiher flattern auf.
Eine Lichtung fliegt vorbei, zwei Wasserböcke äugen scheu herüber und verschwinden in langen Fluchten. Träge trottet dort ein Warzenschweinkeiler. --
Stark hat sich die Sonne schon nach Westen geneigt, da biegen wir knarrend und rauschend aus dem Bumi in den Hauptstrom des Rufiji.
Hier kenne ich jede Biegung, fast jeden Baum und Strauch. Dutzende Male bin ich hier mit meiner Kuttermannschaft vorübergepullt.
Bekannte Sandbänke tauchen auf: Hier habe ich einen Flußpferdkadaver festgebunden, dort mein größtes Krokodil geschossen.
Bald müssen wir die verschwiegene Biegung ansteuern, die dem zerfetzten Wrack der »Königsberg« zum letzten Liegeplatz geworden ist.
Die Sonne ist hinter den grellgrünen Mangrovenwänden, deren Schatten sich weithin auf den Fluß legen, zur Neige gegangen, und Purpurlichter überfluten unsern kleinen, jetzt stark qualmenden Dampfer. Wir drehen nach Backbord -- -- mein Herz klopft höher!
Da taucht vorn über den Mangroven der schrägstehende Stumpf eines Mastes auf!
Die Ufer treten zurück -- -- -- vor uns liegt geisterhaft schweigend der zerschossene Rumpf der »Königsberg« -- ein Wirrwarr von verbogenen Eisenteilen und aufgeplatztem Blech -- schräg nach Steuerbord überliegend.
Die ablaufenden Wasser spülen über sein aufgerissenes, verbranntes Deck und gurgeln durch die wie leere Augenhöhlen starrenden Bullaugen der Back. In sich zusammengesunken, wie von kräftiger Faust zusammengeballtes Papier, liegt der mittlere Schornstein auf der eingedrückten Laufbrücke -- einsam, von hunderten von Sprengstücken durchsiebt, ragen die beiden andern, wie warnende Denkmäler der Vergänglichkeit alles Irdischen, in den dunkelnden, jetzt von unzählig aufblitzenden Sternen übersäten Abendhimmel.
Die Aufbauten sind eingestürzt, ihr Eisenblech wie Pergament aufgerollt.
Von dem geknickten Fockmast pendelt in der Abendbrise ein einsamer Stahlständer, dessen Block ab und zu melancholisch gegen das dumpfklingende Metall des Eisenmastes schlägt. -- --
Wir haben gestoppt und treiben langsam vorbei. Kein Laut unterbricht die drückende Urwaldstille -- nur ganz fern flötet einsam ein Tippu-tipp.
Wie ein Steppenbrand glühend, leuchtet ein schmaler Purpurstreifen am Horizont durch die verrosteten, zerschossenen Eisenteile. --
Schweigend, in den sich senkenden Schleiern der beginnenden Nacht, voll erdrückender Wucht liegt gespensterhaft vor uns das Wrack unseres einst so stolzen Schiffes!
Einsam und verlassen! Selten kommt eines Menschen Fuß hierher, selten wird ein Einbaum hier vorbeitreiben, denn der abgelegene Rufijiarm wird fast nicht befahren. Selten nur mögen staunende Eingeborene mit ihren schwarzen Augen in abergläubischer Furcht auf diese gefallene gewaltige Boma ihrer einstigen weißen Herren blicken. -- --
Jahrhunderte lang wird die Sage in den Rufijiländern von dem Kämpfen und Sterben des riesigen deutschen Kriegsschiffes gehen, von Mund zu Mund, von Geschlecht zu Geschlecht weitervererbt.
Bei dem Schein der flackernden abendlichen Lagerfeuer wird ein zitternder, weißwolliger Greis erzählen, wie er selbst vor vielen, vielen Jahren, so viel -- er weiß die Zahl nicht mehr -- als junger Bursch auf einer Dhau Holz an Bord des Kreuzers getragen, wie die Maschinen dröhnten, die Schornsteine dunklen Rauch ausspien, die Ventilatoren rauschten und eilige, frische Schritte kräftiger, junger, weißer Männer über Deck sprangen.
Er wird erzählen, wie eines Tages eine lange Reihe von Kriegsschiffen in die verschwiegenen Rufijimündungen einsteuerte, wie zwei riesige Vögel ankamen, die unter Surren und Brummen über dem deutschen Kreuzer in weiten Kreisen hin und her schwirrten, -- von langanhaltendem Donner, der über die Mangrovengebiete dröhnte, und weißen, aufschäumenden Riesenfontänen.
Wie nach stundenlangem Gebrüll der Geschütze plötzlich ein ungeheurer Krach die Luft zerriß, der von den Pemba- und Matumbibergen bis zur Küste widerhallte, und der deutsche Kreuzer, der zuletzt nur noch mit einem Geschütz geschossen, sich rauchend, brennend, sterbend auf die Seite legte.
Und sollten die Länder dort am ruhig strömenden Rufiji auch in alle Zukunft englisch bleiben und die Erinnerung an alles Deutsche dort mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden: nie wird bei den schwarzen Bewohnern dieser weiten Niederungen die Erinnerung an den Todeskampf des großen, vielbewunderten deutschen Kriegsschiffes schwinden, dessen Taten im Laufe der Jahrzehnte ins Ungemessene steigen und die Zahl der Fabelgeschichten des abergläubischen Rufijivolkes um eine vermehren werden. -- --