In Dingsda

Part 5

Chapter 53,656 wordsPublic domain

Und auf einmal kam es uns zur Klarheit, daß das doch ein recht spärliches Endresultat sei. Wir waren verblüfft. Denn wir merkten - vielleicht besser als er - was dahinterstak, daß er sich nämlich in unsrer Welt nicht wohlfühlte. Nun, das ging uns ja aber eigentlich auch so. Aber, aber ... Ja! Er war schweigsam, still, gedrückt. Er hielt sich einsam.

Immerhin, das konnte ein Übergangsstadium sein. Es blieb am Ende noch abzuwarten, was dabei herauskam.

Aber, nein! Es kam nichts heraus. Nicht ein bißchen Ironie, nicht ein bißchen Zynismus der Welt gegenüber; kein »Mark«, keine »Männlichkeit«.

Wir waren nun wirklich ärgerlich, sehr ärgerlich. Er war einfach zu dumm. Wir hatten uns eben in ihm getäuscht.

Eine Zeitlang gönnten wir ihm noch ein nachsichtiges, lächelndes Mitleid, wie einem Kinde. Dann aber fing er an, uns mit seinem Schweigen seltsam zu bedrücken. Nun, und schließlich »überließen« wir ihn einfach »seinem Schicksale«. -

Später indessen lernte ich ihn verstehen, und da hatte ich im weiteren Verkehr mit ihm die Empfindung, daß er uns vollkommen verstanden und uns mit unserem Ideenkrimskrams still so in Bausch und Bogen in sich verarbeitet hatte.

Er war ganz umgewandelt, und doch der alte, dasselbe große Kind.

So war es mit ihm. Er war überhaupt nicht totzukriegen. Das Leben mochte sich alle mögliche Mühe geben, sich bei ihm in Mißkredit zu bringen: es gelang ihm nicht. Er war wie ... wie Gras war er. Man mag allen möglichen Schutt, Müll, Scherben und Steine draufschütten: es dauert nicht lange, so bricht es mit tausend fröhlichen Keimen ins Freie, wo die Schmetterlinge spielen, der Himmel lacht und die liebe Sonne scheint. Geradeso unverwüstlich war er auch ...

Immer wieder und wieder, soviel er auch erfaßte und in sich aufnahm, und was er auch kennen lernte: immer wieder brach ein vertrauendes, erschauerndes Erstaunen vor der Welt bei ihm durch, der großen, herrlichen Welt, die man nie auskennt, nie!... Das war kennzeichnend für ihn. Er war der Welt gegenüber immer wie ein Kind, mit einer unverwüstlichen Lebensfreudigkeit, einem unverwüstlichen Respekt vor dem Leben. Er maß nicht nach Gut und Böse, Schön und Häßlich. Er maß das Leben überhaupt nicht: er lebte es.

Er erfaßte alles und durchdrang alles mit einem warmen, lebendigen, starken Gefühl. Diese Gefühlskraft war wie ein frischer Lebenssaft in ihm, der ihn geistig immer wieder ausheilte ...

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Und wie ich ihn mir so recht vorstellte, da wurde es mir mit einem Mal wohler zumut. Ich merkte auf einmal: alles das, was ich heute erlebt hatte, war ja nicht bloß der eine Mißton, den ich zuerst vernahm, sondern ein wunderbares Zusammenklingen von unendlich vielen Tönen, die hinüber verlaufen ins Unendliche, in das große Unbekannte, das, wenn man es in sein Fühlen aufnimmt, Lust und Leid beruhigend zusammenrinnen läßt in ein wundersames, erschauerndes Erstaunen ...

Meine Nerven, die es möglichst bequem haben wollten und mußten, hatten sich wieder mal chokiert gefühlt, das war im Grunde alles ...

Ach du, mein lieber Junge! - Wir sind so geistreich heutzutage!... Ja, entsetzlich! - Aber mit der Galle, mit unserem dicken Blute, unseren zimperlichen Nerven.

Wir wollen das Leben unter allerlei prätentiöse, philanthropische, psychologische und was weiß ich noch alles für Maßstäbe zwängen, wir »Künstler von heute«, und wir kriegen doch nicht einen Millimeter darunter, ohne daß es nach beiden Seiten weit überragt.

Wir tun uns was zugute, wenn wir ein Stück Leben zu irgendeinem Rechenexempel sophistisch spitzfindig verzwickt haben.

Wir schreien über »blöde Nachahmung«, wenn nicht geistreich aus- und untergedeutelt wird, wenn das quellende Leben nicht mit irgendwelchen »Fragen« malträtiert wird, sondern wenn einer sich begnügt, sein lebendiges Herz hinzuhalten und die tausend und aber tausend Stimmen, die das winzigste Stück Leben redet, widertönen zu lassen ohne weitere Neunmalklugheit und sonstiges Brimborium; wenn einer der »schweren Not der Zeit« gegenüber sich einen gottlos himmlischen Leichtsinn bewahrt hat.

Und doch, wer doch so wäre wie du! Wer doch heute so sein könnte! Einfältig wie ein Kind und mitfühlend doch alles wissen, verstehen und widertönen lassen, von Herz zu Herzen reden könnte, wie du das konntest!...

Zwischen Papieren

Ein Gewitter, das sich während der Nacht um unseren Talkessel herum austobte, hat sich in einen Regen aufgelöst. Seit frühem Morgen schon raschelt er ununterbrochen in langen Fäden vom sackgrauen Himmel herunter und läßt mich nicht aus dem Zimmer.

Ich sitze an meinem Schreibtisch und höre auf die stille, behagliche Musik draußen: das Rascheln der Blätter, das Plätschern der kleinen Gießbäche an beiden Seiten des Fahrwegs die Gasse hinunter in trüben, milchkaffeefarbenen Wirbeln. Dazwischen das Geschrei der Jungens, die sich, die Hosen bis zu den Hüften hinaufgekrempelt, in den breiten Lachen und Pfützen verlustieren, auf denen Hunderte von Blasen aufhüpfen und wieder verschwinden. Der Pudel meiner Wirtin hat sich neben mir auf dem Teppich zusammengekuschelt und schnarcht leise, und von der Wand her tackt die Uhr. Ich freue mich meiner Filzsocken, meines Hausrockes und meines Nasenwärmers.

Lang reck ich die Beine unterm Tisch und gähne, weißt du, so in einer angenehmen Lässigkeit, in behaglicher Langenweile.

Was nun gleich anfangen?

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Vielleicht schreiben? Wieder einmal irgend etwas schreiben? Ich ziehe mir ein Bündel Manuskripte vor, knote das bunte Fädchen drumherum auf und fange an zu suchen.

Vielleicht dies oder jenes Angefangene weiterführen, zu Ende bringen? Aber _cui bono_? -

Der Wahlspruch eines Freundes fällt mir ein, auch so eines glückseligen Faulpelzes, wie ich jetzt einer bin.

_Cui bono?_ Daß Gewisse dann nachher wieder einmal Gelegenheit zu einer heilsamen Lungengymnastik bekommen?

Oder _mir_ etwa zulieb? - Nein! - Ich find es wirklich gedeihlicher, in dieser friedsam eingezäunten Welt runde Backen zu bekommen. Man muß doch auch für den Winter wieder etwas zuzusetzen haben!

Es macht mir aber doch Lust, so in dem papierenen Kram umherzublättern. Was liest man nicht alles zwischen den Zeilen! Aus dem Sicheren heraus einem da so zuzuschauen, wie er sich müht und abquält, mir selbst.

Schreiben! _Cui bono?_ - Ja, du prächtiger, gescheiter alter Junge, der du so ein unübertrefflicher Lebenskünstler bist: bei einem guten Essen, bei einem klugen Weibe, auf deiner Chaiselongue unterm japanischen Schirm mitten zwischen allerlei lustigem Krimskrams bei einem vernünftigen Buch oder einer träumerischen Zigarre oder in unserem vertraulichen Kreise.

_Cui bono?_ Die schöne Welt auf ein paar schändlichen Papierwischen schamlos zu verhunzen? Neunmal hast du recht! Ein Unsinn ist's, ein Fieber, ein Wahnsinn! Ich begreife mich selbst nicht ...

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Wie unschuldig sie dastehen, die perlenden, glatten Sätze in ihrer sauberen, reinlichen Schwärze! Als wäre nichts gewesen, gar nichts gewesen! Als wären sie das leichte, müßige Spiel müßiger Stunden!

Ach, ich kenne ihre Geschichte, die Geschichte jeden Satzes, jeden Wortes!

Mit welch neunmalverfluchtem, töricht vergossenem Schweiß sind diese paar lumpigen Zeilen da erkauft! Wie viel Anläufe, wie viel saueres Ringen, wie viel Verzweiflung und Entmutigung! Wie viel fiebernde, wilde Freude! Und wer dankt einem das alles? Wunderlicher Wahnsinn!...

Wie viel Wonnen! So schmerzlich in ihrer Überfülle! Wenn ich ein Stück Leben endlich gefaßt hatte, wenn ich es selbst war und schrieb und schrieb, bis ich am Abend zusammenbrach wie ein übermüdetes Lasttier. Wenn es mir nachts den Schlaf raubte, mit bunten Träumen, mit lebendigen Gesichten, bis der erste Morgen rot über den grauen Mietkasernen aufdämmerte!...

Wie viel Ermattungen! Zeiten, wo es bei vergeblichen Anläufen mich durchfuhr: du kannst nichts mehr, bist tot, abgeschmackter als der fadeste Ignorant, einfältiger als der blödeste Idiot! Zeiten, wo mich die vier Wände meines Zimmers engten wie ein Grab; wo es mich tagelang durch die Straßen trieb, daß ihr rauschender Lärm, ihr wirres, wunderliches Leben meine Verzweiflung übertäube, wo ich neidisch hinter einem jeden Philister herschlich, der im dumpfen Gewohnheitsgleis sein tägliches Pensum heruntergehaspelt hatte. Wie ich ihn achtete und mich so niedrig, so unnütz fühlte!... Bis dann wieder das andere kam! -

Und so fort und fort!

Ja ja! Die alte Geschichte! - Aber ich meine nur: keiner wird ja gescheit von uns, keiner! Von uns geistigen - Luxusmenschen ...

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Hier sind ein paar Dinger, die nach allerlei Rezepten riechen. Jetzt spür ich erst, wie? -

Wie sie einen in die Irre führen können, diese stumpfnüstrigen Stichwortfabrikanten, die ihre blöde Freude und Befriedigung ihrer Eitelkeit finden, wenn sie jeden Sprößling, wie in einem botanischen Garten, gleich mit einem Täfelchen verschimpfieren!...

Sehr lehrreich, ja! - Mit einem dumpfen Wust von Namen und Redensarten im Schädel geht man davon.

Aber wer hat so recht seine warme Herzensfreude gehabt, wie ein jeder Schoß aus der nährenden Erde hervorgekeimt ist, wie er sich zweigte, seine Rinde sich bräunte, wie er in der Sonnenwärme, genährt von Luft, Licht, Wärme und Frühjahrsregen, saftige Knospen schwellen ließ, Blättchen und Blätter entfaltete und in rosiger Blüte stand? Wen kümmerts?

Wenn sie sich nur zu Haufen scharen und ein rechtes Geschrei erheben können, hinüber und herüber.

Und wenn nur nicht Hunderte dabei in die Brüche kämen, weil sie einer Redensart zulieb sich selbst und die liebe Natur verhunzen.

Beiseite gehen und lachen! In der Einsamkeit sich selbst finden und stark werden!...

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Früher gab es eine Zeit, wo der Dichter der Seher war, Prophet, Priester.

So nannten ihn die naiven Menschen eines naiven Zeitalters, und religiöse Weihe wohnte ihm bei.

Wir lächeln darüber, wir, »_les soldats les plus convaincus du vrai_«, wir Arbeiter und Experimentatoren, Positivisten, Objektivisten und Dokumentensammler in unserer werktagstolzen Bescheidenheit.

Es ist nicht zu deuteln: die Alten meinten's, wie sie's sagten. Unser Verstand aber ist klar und unsre Einsicht reifer. Wir sind so schlicht, und jedes Pathos macht uns lachen.

Ach, ach! Ob man nicht aus seiner Not eine Tugend macht? Wie ist's mit dem Fuchs und den Trauben?

Hier in meiner stillen Einsamkeit kommen mir so allerlei Gedanken.

Wenn ich jetzt so in all dem Papierkram blättere, mich hier als kaltblütigen Positivisten finde und dort, wie ich ein gut Stück mit den Psychologen und Moralisten gegangen bin, merk ich erst so recht, wie ich doch getappt und getappt bin. Oft meint ich, ich hätte ein Ganzes, Rundes: und nun ist es Stückwerk.

Ach wir, die wir prompt unsre Analyse vollziehen und selbstbewußt hinzufügen: keine Hexerei!

Zwischendurch spür ich aber doch, wie ein Verborgenes, Niedergehaltenes sich regte und frei werden wollte und wohl auch hier ein Zweiglein trieb und da. Etwas, das keine Selbstzufriedenheit kennt gegenüber dem alten, wunderbaren Rätsel, das nur mit einem beseligt: mit einem frommen Staunen ...

Und ich weiß nicht: das gibt mir jetzt einen Trost, als könnte ich damit noch eine große, schöne Zufriedenheit in der Zukunft finden.

Etwas Ganzes, Rundes herausschaffen aus einem gesunden, kräftigen Empfinden, aus einer umfassenden, sicheren Stimmung herausgestalten, die einen trägt und treibt vom Beginn bis zum Ende. Die Welt wiederzugeben, wie sie Empfindung und treibendes, quellendes Leben in einem geworden, ohne zu deuteln und zu urteilen, zu verdammen und zu preisen. Kein kluges, kaltes Beobachten: mit seinem Empfinden aufgehen mitten im Leben, es selbst werden. Farbe sein, Ton, Licht, eigener und fremder Schmerz, eigene und fremde Lust, jede Leidenschaft, wie sie in schlichter, natürlicher Kraft sich äußert. Ganz selbst und doch seiner selbst entledigt sein: das ist das Pathos, mit dem einen die Welt erschüttert und sänftigt wie mit einem religiösen Schauer.

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Hier halt ich erste Versuche in den Händen, Gedichte. Wie unbehilflich die Form! Die Empfindung, die hervor will, sucht nach Halt und klammert sich an, da und dort, in ihrer rührenden Unfreiheit, wie sie noch im Leben umhertappt, ihrer selbst sicher zu werden.

Und doch eine so schöne Zeit! Wie lebendig mir das alles war!

Und da muß ich so denken, wie alles Spätere, so sachlich es sich auch gebärdete, im Grunde hier, in diesem Boden, seine stillen, tiefen Wurzeln hatte.

Alles, mögen sie's benamsen, wie sie's wollen, ist im Grunde doch ein Gedicht, Lyrik.

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Wie ein Abschließender komm ich mir vor hier über diesem vergilbten, bunt bekritzelten Papier und so oft während dieser herrlichen Tage. Freier, ruhiger seh ich in die Zukunft.

Eins weiß ich sicher. All die Stichworte und Redensarten, die mich lästig umschwirrten wie Mückenschwärme: sie sollen und werden mich nicht irremachen.

Mensch will ich sein, Mensch und vor allem Mensch! Leben will ich, leben und Leben erraffen; ganz zum Leben tüchtig werden! Nichts soll mir gelten, als mein eigener, freier Trieb! Fühlen will ich mit jeder Fiber und jedem Nerv, wie über den Tag weg und sein wirrendes Getriebe in Liebe, Haß und Leidenschaft die tausend Kräfte der Natur wunderbarlich durcheinander walten. -

Vorm Fenster fangen an die Spatzen zu zwitschern, und das Geriesel an den Scheiben verstummt.

Bündel zu! Weg mit dem papierenen Krempel!

Draußen wird die Welt hell!...

Nach einem Begräbnis

Ich kam von meinem Spaziergange zurück und bummelte noch aus lieber Langerweile über den Gottesacker. Vor dem frisch zusammengeschaufelten Grabhügel blieb ich stehen.

Vorhin, als ich in die Felder hinausging, hatt ich den Zug gesehen. Vorweg gingen die Kurrendejungen, mit schwarzen Radmänteln und runden, groben schwarzen Filzhüten. Über ihren Köpfen schwankte in der Sonne das vergoldete Kruzifix auf seiner langen schwarzen Stange langsam dem Zuge vorauf. Sie sangen »Jesus, meine Zuversicht«, und dazwischen läuteten von oben die Glocken. Es war eine »ganze Leiche« gewesen. Man unterscheidet hier bei Begräbnissen »ganze Leichen« und »halbe« und solche, die gar nicht zählen. Bei den »ganzen« gehen alle Kurrendejungen mit, und jeder kriegt zehn Pfennig; außerdem wird geläutet. Bei den »halben« geht nur die Hälfte der Jungen voran. Nun, und die, welche gar nicht zählen, haben den Vorteil, daß sie in einem soliden Eilmarschtempo ohne weiteren Sang und Klang dem lieben Himmelreiche überliefert werden.

Im übrigen: man sollte doch wirklich allgemein die Leichenverbrennung einführen. Denn der Gedanke, daß das da unten, der alte, gute, dicke Meister Loebe, dem ich vor vier Tagen noch bei beiderseitig bestem Befinden ein Stück Sülzwurst abgekauft habe, in ein paar Wochen ein würmerwimmelnder, grünlicher Klumpen Dreck sein wird, ist wirklich ein wenig fatal. Ich hoffe, ein vielfach bewährter Fortschritt wird auch bei dieser Kleinigkeit das Seinige tun und sorgen, daß man künftig beim Lied vom Ende von derlei unappetitlichen Vorstellungen nicht mehr peinlich berührt werde. Immerhin wäre das eine nicht zu unterschätzende Konsequenz. -

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Der alte, gute, dicke Meister!

Wie mag sich seine unsterbliche Seele, die ihm der Herr Pastor vorhin imputiert hat, gefreut haben, als sie das Ehrengeleit seiner Mitbürger sah! Denn sicher ist es ihr nicht gleichgültig gewesen. Sie war eine reputierliche Ratsherrnseele und hielt etwas auf Repräsentation.

Vier Trauermarschälle, mit langem Flor hinten an den Zylindern herunter, Zitronen in den Händen und lange schwarzumflorte Stäbe. Zwölf Sargträger, ein braun polierter, solid gefügter Bohlensarg mit Kränzen, Blumenkronen und langen Palmzweigen. Und hinterher _tout le monde_ ...

Der alte, gute, dicke Meister!

Ich will nicht davon reden, mit welch liebevoller Sorgfalt sein Phlegma geräucherte Schweinsköpfe zu überzuckern wußte und wie durchaus korrekt seine Leberwürste waren: nur, daß ich die angenehme Gewohnheit entbehren soll, ihn Morgen für Morgen zu begrüßen, wenn er mit seiner gewaltigen weißen Schürze und seinem roten Gesicht vor der Ladentür mitten zwischen den beiden blitzblanken Messinghaken in der Frühsonne strahlte: was für eine Lücke in meinem Tagesprogramm! -

Der Selige! -

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Ich riß mich los und ging weiter.

Von der Kirche her klang die Orgel.

Aus der Kirchtür quoll eine Staubwolke in die Nachmittagssonne heraus. Es war Sonnabend und wurde gefegt.

Ich blieb stehen und lauschte.

Der Kantor entschlüpft zuweilen nachmittags dem Spektakel seiner sechs Rangen und spielt ein Stündchen zu seinem Privatvergnügen auf der Orgel. Wenn's mir paßt, schleich ich mich wohl mal hinein, drücke mich in irgendeinen Kirchstuhl so, daß ich ihn beobachten kann, und hör ihm zu.

Nämlich sein Spiel ... Es liegt etwas in seinem Spiel, etwas, etwas ... Hm! - Etwas, das einem ein so eigenes Gefühl in der Herzgegend schafft, das mich förmlich in meine verschwiegene Kirchstuhlecke drückt.

Ob er sich seiner Gabe bewußt ist? Ich habe ihm nie angemerkt, daß er viel Wesens davon macht. Er meinte nur einmal, daß er »für sein Leben gern Musik studiert hätte«. -

Es sind so merkwürdige Augenblicke!

Anfangs hör ich noch, wie die Bälge fauchen und wie das alte, stockige Gestell gar nicht parieren will; wie die Auskehrfrau vor der Tür mit einem alten Weibe einen Diskurs macht zwischen ihrer Arbeit, und ich muß an seinen kahlen Schädel, an seine sechs Gören, an seine Abcschützen und sonstigen Quark denken; aber dann kommt es über mich mit einer süßen, seligen Unruhe, und ich vergesse alles. -

Und heute hab ich sogar meinen alten, guten, dicken Meister Loebe vergessen, den gesegnetsten der Männer ...

Im Wind

Immer dunkler. Immer trüber.

Ein über das andere Mal laß ich das Buch sinken, aus dem ich zu lesen versuche.

Überall feucht und kalt die graue Stille.

Wenn in der Nachbarschaft nur ein Kind schrie, ein Huhn gackelte oder unten im Hause sich etwas regte! Ein Ruf, ein Lachen, das Klappen einer Tür. - Nichts. -

Nur der Wind im Rauchfang, der sich durch alle Halb- und Vierteltöne der Tonleiter hinauf- und hinabquält. Und draußen das Sprühen und Rieseln, das langsam den dicken Straßenstaub in eine schwarzbraune Schmutzschicht zusammenfeuchtet.

Wie mit Stecknadeln bohrt sich's mir in alle Nerven.

So gehen die Sekunden, die Minuten. Langsam. Lastend. Bleischwer.

Ewig da drüben, über den Ziegeldächern, dieser dumme, räudige Kalkbrennereischornstein! Ewig diese sanften Hügelchen mit ihren Kirschbäumchen! - Wie mir das über ist! Wie gründlich zuwider! - Wie quälend ich das alles auf einmal in seiner ganzen, stummen, stillzufriedenen Enge empfinde! -

Langeweile, ja! - Nichts als Langeweile! -

Wie Blei liegt's mir in den Adern, der Mund trocken, und die Augen brennen. Ich mußte etwas haben, das mir das Blut rollen ließ. Und so, in einer tollen Anwandlung, macht ich mich hinaus in das Wetter, auf die Berge.

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Eine graue, schaurige Einsamkeit da oben.

Die Wolken rasen über mir hin. In schweren, graublauen Ballen unter einem gelben Dunst. Tief, in schleifenden Fetzen. Fern von unten donnern die Talmühlen aus dem feuchten Nebel herauf, mitten zwischen das Winseln und Knattern des Windes; und durch die Gräserchen und das nasse Kalksteingeröll zu meinen Füßen, die Hänge hin, geht ein feines, scharfes Pfeifen.

Rings verwischt's den Horizont mit dicken Nebeln.

Gegen den stauenden Wind ring ich mich vorwärts. Meine Backen und Hände brennen von den feuchtkühlen Schauern, die mir in kurzen, scharfen Stößen entgegentreiben.

In der weiten, trüben Öde raunt's an mir vorüber wie mit hundert verborgenen Stimmen. Wie eine vieltönige dunkle Weise.

Und sie lockt mich in Gedanken hinein, unruhig, rastlos, schweifend wie der Wind, der herrast aus den grauen Nebeln.

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Es ist nichts weiter. Nur, daß es einen durchschauert, wie man nirgends seßhaft werden kann mit beruhigtem, dankbarem Herzen. Nirgends. -

Weiter nichts. Nur, daß das hier alles um mich her so stumm, so wortlos wird, mir nichts, nichts mehr mitteilen kann.

Nein! Gewiß nicht: es ist kein Wunder! So ein enges, kleines, schmutziges Nest mit seinem vorsündflutlichen Menschenvolk!

Und doch: wie viel ist es mir gewesen mit seiner tagefernen Abgeschlossenheit! Diese dumme, kränkliche Schwäche, daß es einen drückt, wenn man nicht dankbar sein kann mit fester, steter, stillwurzelnder Neigung, daß man an sich zweifelt, weil es einem nirgends rechten Frieden gönnt, weil einen heute engt, was einem gestern noch alles war. -

Ach, ich glaube, es ist immer noch dieser alte, romantische, törichte Trieb in die Ferne.

So suchen wir nach Göttern und Bestimmungen; so verwüsten wir die Welt mit Bedeutungen und Symbolen. So basteln wir am Leben herum und bauen uns Häuser in der Zukunft, in denen wir's uns mit unsern Wünschen und Wollungen wohl sein lassen!

Wind, Wind, alles Wind und eitel! -

Als ob es im Grunde jemals besser werden könnte!...

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Eine halbe Stunde durch den peitschenden Regen und knatternden Sturm, und mein Blut singt mir andere Lieder, und frei und fröhlich halt ich Widerpart.

Ja, es wird besser werden, und ob auch alles sonst beim alten bliebe! Denn ein Stamm gesunder Kerls wird emporkommen, die sich nicht durch Redensarten und Hirngespinste unterkriegen lassen, und eine Zeit, bei der sie Widerhall finden. Sie werden sein, so wahr sie gewesen sind. Und wenn wir über Triebe und Kräfte reflektieren, weil wir unser selbst ungewiß sind, so werden sie Trieb und Kraft sein. Mitten im Leben werden sie den herrlichen Leichtsinn haben, daß sie lachen können, und in ihrem Lachen wird keine Bitterkeit und versteckte Anklage sein. Mit all seinen wunderlichen Leidenschaften und seinem tollen Durcheinander wird es ihrer Kraft ein Spiel sein. Tändeln werden sie mit ihm, wie die Griechen mit ihm tändelten, und sie werden die alte Sphinxbestie singen machen und ihre tausend wirren Töne zusammenzwingen in eine Harmonie. Dann wird es mit dem Geschwätz von Sittlichkeit und Wahrheit, von Optimismus und Pessimismus endlich mal eine Zeitlang ein Ende haben. Ihr Lachen wird es übertönen. Kein Suchen mehr, denn sie werden gefunden haben, was einzig je zu finden ist: sich selbst. Sie werden sich erlösen vom Leben in Werken, um die es webt von ihrem weltbezwingenden Leichtsinn wie Sonnenschein und rosiges Leuchten.

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Der Sturm saust mir um die Ohren, und sein Tosen wandle ich in ungefüge Rhythmen und laß ihn pfeifen nach meiner Weise, wie ich allein gegen ihn ringe in der rauhen, öden Einsamkeit hier oben. Und er singt mir mehr, als zu sagen und festzuhalten ist. -

Als ich nach Hause kam, hatt ich nasse Stiefel und vielleicht einen tüchtigen Schnupfen im Leibe, aber Courage für lange Tage.

Abschied

So sind denn meine Siebensachen gepackt. Wieder einmal. Morgen, in aller Frühe, geht's fort.

Hier, von der Bodenluke aus, zwischen allerlei altem, wunderlichem Kram, kann ich noch einmal alles so recht überschauen.

Weit dehnt sich der klare, mattblaue Himmel, und über die feierabendstille Gegend breiten sich lange, ruhige Schatten. Aus der Ferne, durch die reine Luft, Rufe und Peitschenknallen und das träge Rattern schwergeladener Erntewagen. Hier und da, in Reihen über die Felder hin, Getreidehocken, goldbronzen im Abendlicht. Schwalben vorüber mit langgezogenem Gezwitscher, in den kühlen Abend hinein. Vom Kirchberg herüber, silberhell, das Abendläuten.

Hier wohnen! Dort, in dem kleinen Haus unter der Linde. Beschaulich seine Beete graben und runde, rote Backen bekommen ...

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Nein!

Den ganzen Tag war ich von Visionen geplagt.

Ich sah mich, wie ich die Stufen vom Bahnhof hinunterschritt. Ich sah die hohen, strahlenden Häuser, die vielen hundert Lichter über dem Platz, das sinnverwirrende Durcheinander der Fahrzeuge, den unaufhörlichen Strom der Fußgänger; und dann die lange Straße mit ihrer wunderbaren Pracht eines orientalischen Märchens. Ich sah mich ... Still! -

Noch einmal beide Lungen voll, voll von dem köstlichen Abend! Noch einmal ist das alles schön! - Schön, weil es mich hinzieht, unwiderstehlich, in die alte, verfluchte, herrliche Unruhe.