Part 4
Gestern abend hab ich ihm drüben einen Besuch gemacht. Er wohnt in einem großen, gelben Hause neben der Kirche mitten im Grünen. Weit im Kreise überblickt man die ganze Landschaft. Er hat mir seinen Obst- und Gemüsegarten gezeigt, seine Blumenbeete und seinen Hühnerhof mit dem großen, schattigen Nußbaum in der Mitte. In einem leeren, gefegten Ziegenstall hatten sich seine drei Jüngsten eine gute Stube eingerichtet. Die Öffnung über der Halbtür war mit einem alten Gardinenfetzen verhängt. Die Puppen und zwei zahme, weiße Hühner waren die Kinder. Nachher haben wir oben in der Pfeifenkrautlaube dicht an der Mauer bei Zigarren und Kaffee um die schlimmen, gottvergessenen Zeiten und die Nuditäten auf der Schloßbrücke zu Berlin herumgeplaudert. Die Sonne glitzerte in den weißen Tassen, auf der Zinnkanne und in dem braunen Trank, und der Rauch unserer Zigarren zog sich schräg in die Landschaft hinein ... Ein schöner, stiller, sonniger Winkel!
»Heilig! Heilig! Heilig ist der Herr Gott Ze-ba-oth! Alle Lande, alle Lande, alle Lan-deee Sind seiner Ehre voll!«
Oben schreien jetzt wieder die Jungens, und die ganze Gemeinde stimmt jauchzend ein, denn nun braucht man nicht mehr zu stehen, und es kommt die Predigt.
Das Rotkehlchen hat sich wieder aufgemacht und schwirrt verzweifelt an einem der Fenster auf und nieder.
Der Herr Kantor läßt den Jubel der Heerscharen sich noch ein paar Takte hindurch ausjauchzen, so daß man hinreichend Zeit findet, sich zurechtzusetzen, zu schneuzen, die Brillen zu rücken und das Zwischenlied aufzuschlagen, und dann lenkt er mit einem gewandten Schnörkel zu der neuen Melodie über. Drei Strophen, und nun steht der Herr Pastor wieder oben auf der Kanzel.
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Stehend wird der Text angehört und nun: »Im Herrn Geliebte!« ...
Neben mir, ganz allein auf einer weißen Seitenbank unter dem Seitenchor, sitzt Kramers Knecht im bläulichen Halbschatten. Er sitzt vornübergebeugt mit seinem breiten, von der schweren Wochenarbeit niedergezwängten Rücken.
Zwischen den knorrigen, rotbraunen Fingern hält er das dicke, altfränkische Gesangbuch andächtig vor sich auf den dicken, knochigen Knien. Aus der schwarzen Halsbinde heraus sein braunes, verrunzeltes, frisch rasiertes Gesicht, blau angelaufen um das Kinn herum, ein schwarzes Stück Schwamm auf die Backe geklebt, weil der Barbier ihn geschnitten hat. Seine strohblonden, graumelierten Haare sind mit Wasser glatt an den kleinen Spitzkopf angekämmt, in die niedrige Stirn hinein und an den Seiten, hinter den abstehenden, großen, biederen Ohren vor, über die Schläfe hinweg. Aus dem breiten, runzligen Munde blinken die Zähne hervor. Seine kleinen, wasserblauen Augen starren, unter den dicken, hellblonden Brauen vor, zu dem Pastor hinauf. Jetzt blinken seine weißen Wimpern, der Kopf nickt. Die Lider werden schwerer und schwerer. Jetzt fallen sie zu. Er ist eingeschlafen.
Oben erzählt der Herr Pastor von Maria und Martha, die andachtbeflissen zu des Herrn Füßen saßen. Sein schöner, ruhiger Baß tönt in schmeichelnden Perioden über die Gemeinde hin. Warm und goldig liegt die Sonne zwischen den stillen Kirchstühlen. Meine Frau Wirtin hat ihr rundes Gesicht seitwärts geneigt und schnauft leise durch die Nase. Die Frau Amtmann, das Fräulein vom Gute: eins nach dem anderen riskiert sein Nickerchen; einen nach dem andern um mich her wiegt das gute Gotteswort in wohlverdienten Schlummer.
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»Amen!«
Der Herr Pastor schneuzt sich vernehmbar. Dreimal hintereinander.
Über die Kirchstühle hin geht ein Rauschen. Und nun: »Es hat dem Herrn über Leben und Tod gefallen, die Frau Rosine, Marie, Susanne Küntzel im 56. Jahre ihres Alters hinwegzurufen aus diesem Jammertal« usw. Ein stummes Gebet. Der Segen über die stehende Gemeinde hin: »Der Herr segne euch und behüte euch! Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über euch und gebe euch seinen Frieden! Amen!« - Amen! Amen! Amen!... Das Kirchengebet. Der letzte Vers. Und nun strömt es hinaus in den warmen, sonnigen Mittag ...
Zu Hause gibt es ein Süppchen »Hören Sie?«, den pp. Sonntagsbraten, ein deliziöses Kompott von frischen Kirschen, und zu allem ein goldiges, sanftmütiges Moselweinchen ...
Helle Nacht
Ich lieg und liege und kann keinen Schlaf finden und mag keinen finden.
Weit steht vor mir das Fenster offen, und die klare Nacht duftet herein.
Das ganze Zimmer: so hell, so hell! Ein übernatürlich helles Zwielicht. Es hält mir die Lider weit auseinander. Ich liege ganz still. Kaum hab ich ein Gefühl von meinem Körper.
Mir ist, als säh ich alles tief, tief in mich hinein; als säh ich in alles, alles tief hinein.
Wie hingenommen bin ich in eine Offenbarung und wüßte doch nichts zu sagen, nichts zu nennen. Aber es quält mich nicht. Mir ist, als ob ich alles wüßte.
Immer bin ich doch noch der alte Träumer. Wie ein Nachtwandler zwischen Schlaf und Wachen, den es zu den Höhen zieht, zu den Gestirnen. Mir ist, als verliefe mein Empfinden mit tausend Fäden in unerkennbaren Zusammenhängen, ein seliges Verwebtsein mit allem.
Die Welt so vor sich hinzuträumen ...
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Wie eigen mir nur ist! -
Der viele, viele Sonnenschein den ganzen Tag über; das Tollen, Lachen und Jauchzen, die weiten, hellen Wiesen und kühlen Schatten; die weißen Wölkchen am blauen Himmel hingeflockt; am Abend der Mond hoch oben am weiten Himmel, der seine weißen Lichter auf die stillen Wege legte; der endlose Abschied am Gartentor, bis sie dann aus meinen Armen war und weiß in den dunklen Hausflur hinein; und dann der Heimweg: ihre Wärme noch an meiner Brust, an meinem Halse, an meinem Gesicht, all die selbstvergessene Lust: ich muß es wohl noch im Blute haben ...
Das muß es wohl sein.
Weit drüben, dort über der schwarzen Linde, die den mondhellen Dachfirst überragt, im silbergrünen Nachthimmel flimmert ein Sternchen.
Ihr Haus ...
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_Vanitas! Vanitatum vanitas!_
Leise, leise klingt es in mein Ohr, anklagend, der Schmerzensruf vieler Tausende, meiner selbst. Aber fernher, ganz von fern. Verzitternd in dem milden, lichten Frieden. Ich muß lächeln in meinem großen Glück, daß mir diese Tage beschieden sind und diese Nächte.
_Vanitas! Vanitatum vanitas!_
Ich muß lächeln, daß ich es so gar nicht verstehe, daß es mir ist wie ein fremder, leerer Klang; und wie lange ist's her, da rief ich's selbst in meiner Bedrängnis!
Alles hin. Alles vergessen.
Vergessen? Könnt ich dann staunen in diesem ernsten Glück, staunen wie über etwas Unermeßliches, Unbegreifliches? Nein, auch der Akkord mischt sich hinein in mein Träumen.
Nicht vergessen: überwunden ...
Das ganze Leben ein quälendes Suchen und seliges Finden solcher Augenblicke. Die Welt ist so groß und weit und tief, so unergründbar tief, und doch darf der Tag sie einem verdunkeln ...
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Das schlummernde Dorf da draußen.
So ärmlich, niedrig, gemein alles, wenn es der Tag ins Helle bringt. Die staubigen Wege, die rissigen, wetterverwaschenen Lehmmauern der Katen und Ställe; die Menschen: häßlich, schmutzig in ihrem groben Arbeitskleid, niedergedrückt von der Last ihrer Arbeit; die hundert Laute emsigen Lebens; aufdringlich, wirr, verwirrend alles in seiner dürftigen Enge. Und nun weitet sich's in großen, ruhigen Linien so wunderlich in die atmende Nacht hinein ...
Wie es rauscht durch die lichte Stille und rauscht und rauscht!
Als hörte man die goldenen Welten da oben auf ihren einsamen Bahnen durch die eisige Unendlichkeit des Raumes mit der Pracht und dem Grauen ungeahnter Tage und Nächte, mit den unerhörten Wundern all ihres Lebens, mit der grausigen Öde ihres Todes.
Und hier, unter mir, mit ihnen die Erde mit all ihren geschauten und doch ebenso unergründlichen Wundern.
Und dort, unter den niedrigen, mondhellen Dächern, spinnt sich das Leben weiter. Da ringt es, Raum gebend, mit Todesschauern; da müht es sich mit seinen großen und kleinen Sorgen; da schlummern die, die sich gerecht und ungerecht, gut und böse, gemein und edel, arm und reich, schön und häßlich nennen und alle doch unter dem Zwange unerforschter Gesetze stehen, da schlummern sie, die Schönheit des gleichen Friedens auf ihren Gesichtern. Da wächst es aus heimlichen Umarmungen auf zu unbekannten Schicksalen ...
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Weiter! Hin über das mondlichte Feld.
Die weiten Ährenwogen nicken und knistern unter der Last ihrer Reife und verschwimmen in den Lichtglast hinein. Aus der braunen Erde falten sich Pflanzen und Kräuter mit stiller, wohliger Kraft hinauf, hinauf in das Licht, in die Luft. Nächtliches Getier geht auf seinen verborgenen Pfaden in Furchen und Feldern, über Wiesen, durch wispernde Sträucher, über dämmernde Wege, oder ruht im Frieden schwarzer Schlüfte. Und die einsamen Hügel draußen im Land: nur der lichte Himmel weit drüber hin, und der Nachtwind frisch über die Gräserchen und Blümchen, und aus dem Tal herauf rastlos das Rauschen der Mühlen. Die Wiesen, mit wallenden weißen Nebeln drüber und flinkerndem Tau. Die glitzernden Wässerchen rieseln hindurch zu den Bächen, zu den Flüssen, den Strömen, weiter, weiter in ferne, endlose, monddämmernde Meere. - Durch die Nacht der Wälder das Brausen unzähliger Wipfel und hundert heimliche Laute. Oben auf den ragenden Kronen der weiße Glanz, zwischen Ästen und Zweigen, am bebenden Laub, an den alten Stämmen hinspielend, nieder auf Gräser und taufunkelnde Blumen.
Hin über Länder und Meere, über Gefilde, Weiler und Dörfer, Städte, Seen und Berge. Hin über die weite Erde bis zu all den Tiefen und Höhen, die noch kein Mensch erreichte, die viel zu gewaltig sind für unser armes Gehirn, vor denen selbst unsere Träume zurückschrecken ...
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Flaches Land im Monddunst.
Soweit man blicken kann, am Horizont hin mächtige Häusermassen in bläulichem Dämmer, wie ein Gebirge breit in den Himmel hinein. Häuser, Häuser und Häuser. Und es wächst und wächst und dehnt sich weiter und immer weiter, beängstigend weit in das Land hinein. Oben drüberhin ein roter Lichtdunst, der sich im breiten Halbkreis schmutzig und trüb in die sternfunkelnde Klarheit dehnt.
Hier gibt es keine Nacht. Nimmermüde rauscht hier das Leben durch die breiten, hellen Straßen. Millionen und aber Millionen rastloser Kräfte: hier kreuzen sie sich in tausend und aber tausend Verfeinerungen.
Das Elend der Vorstädte. Lange, endlos lange Straßen mit schnurgeraden, öden Fassaden, wie Mauern glatt und grau. Unzählige Fensterlöcher, viele rot die ganze Nacht hindurch. Wie viel Jammer, Verzweiflung, Elend, Müdigkeit, Erniedrigung dahinter! Wie viel Zukunft! Rächende Zukunft, großgezogen in Träumen und Hoffnungen, bis der Tag kommen wird, an dem aus unsäglichen Greueln eine neue Welt sich erhebt. Eine neue Welt!...
Immer sicherer gestaltet sie sich heraus aus unseren Wünschen, aus unseren Visionen, aus unseren unabweislichen Bedürfnissen.
Und wir? Wir sind die Verkündiger und Hindeuter. Das ist unser unausweichbares Schicksal! Verkündiger und Hindeuter, wenn wir den Todeskampf absterbender Generationen in uns erleben; deren Schuld ihre Schwäche ist, ihre Müdigkeit, ihre tausend Raffinements; Verkündiger und Hindeuter, wenn es in uns lebendig wird von Ahnungen der Zukunft ...
Müde, leidend, hoffend, ahnend und besitzend arbeiten wir alle an der Zukunft und - sind Zukunft ...
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Du schöne, freudige Welt der Zukunft! Daß ich an dir nicht zu verzweifeln brauche! Daß meine Seele kräftig und gesund ist, dich zu hoffen, dich zu ahnen, durch die Greuel hindurch, aus denen du erstehen wirst!
Du schöne, freudige Welt! Ein neues, adliges und selbstsicheres Geschlecht, das sich verwandt fühlt über die Erde hin, soweit Menschen leben! Das keine Kaste, kein Rassenhaß, keine Religion trennt! Das Taten, Erkenntnisse, Empfindungen kennt, nie geahnt!... Und dann?... Und dann?... Wieder neue Taten, Erkenntnisse, Empfindungen?... Und so fort bis zu unerforschlichen Vollendungen?...
Sterben und Werden! Ewig! - Das ist alles! - Mehr ergründet kein Verstand. Doch unser Empfinden durchbebt es mit wunderbaren Schauern vor den unergründlichen Mächten ...
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Ich liege und liege und kann keinen Schlaf finden und mag keinen finden. Eine Stunde nach der anderen geht vorbei, vorbei.
Ein frischer Luftzug rührt das Laub draußen und bebt in den Gardinen. Allmählich, leise wechselt das Licht. Und nun liegt es wie ein verlorenes Frühdämmern drüben über den Bäumen, auf dem Tisch vorm Fenster, an den Wänden hin. Oben verbleichen die Sterne am klaren Himmel. Von den Höfen her krähen die Hähne, und unten im Garten zwitschern die Stare ins Morgengrauen.
Ich hör alles wie in einem schwindenden Traum. Und nun deutlicher, bestimmter, wie es rings um mich her erwacht in den hellen, aufsteigenden Morgen hinein. Und die frohe, kräftige Sicherheit des Tages kommt über mich. Eine süße Müdigkeit drückt mir die Augenlider. Noch ein paar Stunden Schlaf; dann wird mir mein Frühstück schmecken, und dann werd ich mich draußen der lieben Sonne freuen, offen den Freuden und Leiden des Tages, geschickt beide zu ertragen; und Stunden werden kommen, Stunden, da sie mir beide gering sind ...
Dämmerstunde
Dieses Nest und immer wieder nur dieses Nest! Jawohl!... Denn dieses Nest ist die Welt, ist alles in allem; ebensogut wie euer Berlin da oder sonst ein Erdenfleck!
Herrgott! War ich denn wirklich so naiv? Glaubte ich, es gäbe hier nur Blumen, Berge, Getreidefelder und Wiesenwässerchen? Ich könnt es mir hier im Grün und in der Sonne wohl sein lassen? Mich »erholen« und - nur erholen?
Da lag ich und wußte besser Bescheid.
Aber es gab mich doch endlich ein wenig frei, das Entsetzliche, Abscheuliche, das ich heute erleben mußte. Endlich! - Bis hierher hatte es mich verfolgt, in diese stille Dämmerstunde.
Wie wohltuend, wie beruhigend alles um mich her.
Die Abendschatten wachsen. Dunkler und dunkler. An den Wänden schieben sie sich in die Höhe, oben über die Zimmerdecke und unten über die weißen Dielen. Verstohlene Lichter spielen wunderlich hinein.
Eine Lehne glänzt aus dem Dunkel auf. Goldig schimmert ein Stück Bilderrahmen. Die Gardinenkanten werden wunderliche Gesichter, die sich dehnen und zusammenziehen. Aus Licht und Schatten wird um Schrank, Tisch und Stühle, überall um mich her, ein stillgeheimes Leben wach.
In zarten, opalfarbenen Ringen windet sich der Rauch meiner Zigarette hier vom Sofa durch die stille Dämmerung gegen das offene Fenster hin. Auf dem Tisch davor knistert und wispert es in den Papieren.
Müd verebbt das Leben um mich her in die stille Nacht hinein.
Ein fernes Hundegebell. Ein paar verzitternde Glockenklänge. Ein Ruf. Eine Fledermaus, die schwarz am Fenster vorüberhuscht mit zittrigem, weichem Flug. Ein Nachtschmetterling, der gegen die Scheibe purrt. Ein Vogelruf. Das leise, leise Rauschen unten vom Garten her. Ein verloren hergewehter Blumenduft. Zwei Sternchen, silbern aufflimmernd in dem zartlila Stück Himmel, stet und still, oben zwischen den Gardinen.
Und die köstliche, atmende Kühle ...
Und die Schatten wachsen und wachsen. Und der Mond und die Sterne leuchten herein mit dem stillen Abglanz unbekannter Welten ...
»O Trost der Welt, du stille Nacht!«
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Jetzt konnt ich's auch ertragen, wieder daran zu denken. Es war mir nun wie traumhaft.
Gegen vier Uhr am Nachmittag war es gewesen, als es draußen Lärm gab. Wie ich hinaussehe, wälzt sich schreiend und gestikulierend ein Knäuel Menschen die Gasse herab. Vorweg wackelt neben dem Schulzen, der ein sehr verlegenes und ärgerliches Gesicht aufgesteckt hat, der alte Walleyser, der Dorfpolizist, in seiner verschossenen grünen Uniform, das Gewehr über die Schulter gehängt, mit seiner großen Schirmmütze und seinem gemütlichen dicken Bauch. Die hohe Obrigkeit sollte wohl wieder mal Rat schaffen ...
Schnaufend stolpert er vorwärts mit seinen kurzen Beinchen, umdrängt von der aufgeregten Menschenmasse, ganz verwirrt von den vielen Armen, die vor seiner friedlichen Schnapsnase umherfuchteln.
Und so quetschte sich der ganze Knäuel, bunt und wirr, nebenan zwischen den grellweiß gestrichenen Türpfosten durch in den Hof des Kossäten. Der Schweif Kinder hinterher, barfüßig und strubbelköpfig, blieb draußen und umlungerte die Tür.
Ich warf schnell meine Feder zwischen die Papiere, griff nach meinem Hut und machte mich hinüber ... Nun! Auch aus Neugier ...
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Wie ich auf dem Hof ankam, drängte sich alles mit vorgerecktem Hals, dicht neben der Tür zum Wohnhaus, im Halbkreis um etwas herum. Bunte Weiberröcke; schmutzige, erdfarbene Mannskleider; Hemdärmel, blendend weiß in der Sonne; zerfurchte, bronzebraun gebrannte, knochige, breite Gesichter; geballte Fäuste und ausgereckte braune Arme; Geschrei, Heulen, Fluchen, Drohen, Schimpfen und Zetern.
Ich zwängte mich durch bis in die vorderste Reihe, halb betäubt von dem Lärm, wie sie erklärend auf mich einschrien und losgestikulierten, halb erstickt von dem Schweißgeruch so vieler Menschen in der glühend heißen, drückenden Prallsonne.
Und da sah ich's denn, das Furchtbare, Scheußliche, über alle Beschreibung Entsetzliche ...
Dicht neben der Tür auf einer sauber gescheuerten Wassereimerbank lehnte ein Wesen gegen die gelbgestrichene Hauswand, ein Wesen ... O Herr mein Gott! Dieses mit fahlgelber, dreckstarrender Haut und stinkenden Lumpen umschlotterte Scheusal war nun ein Mensch, ein menschliches Wesen! - Im Schädel - ein mit Haut überzogener Totenschädel - tief in den dunklen, runzligen Höhlen ein Paar rote, triefende, gegen die Hundstagssonne zwinkernde Augenritzen. Ein tief eingesunkenes, zahnloses Maul. Auf dem halbkahlen Kopfe, der über und über von dickem Schmutz und schuppigem, blutigem Schorf starrt, ein paar weiße Haarsträhnen in die Stirn mit den tief eingesunkenen Schläfen. In den Kleidfetzen dicker Stallmist und fauliges Stroh. Der eine Ärmel ist ganz herausgerissen, so daß der runzlige, stockdürre Arm bloßliegt. Unten vor, kraftlos baumelnd, ein Paar entsetzlich abgemagerte, nackte, verkrüppelte Füße. Und das alles hell und grell in der erbarmungslosen Sonne, so daß sich jede Einzelheit aufdrängt ...
Ich erfuhr: Das arme Wesen war die Mutter des Kossäten. Es war bekannt, daß es die arme Frau schlecht hatte. Sie war zu zäh und war doch, kindisch und blöde in ihrem hohen Alter, zu nichts mehr zu gebrauchen, überall im Wege. Sie wollte nicht früh genug sterben. Und sie hatte sich doch ihr ganzes mühseliges Leben hindurch gehörig abplagen müssen und Ruhe reichlich verdient, ein bißchen Ausruhen in ihrem Alter ...
Seit langem hatte sie niemand mehr zu sehen bekommen. Das war weiter nicht aufgefallen, denn die paar Leute, die hier ein und aus gingen, hatten keine Zeit, sich nach ihr zu erkundigen, und auch kein Interesse.
Da hatten aber vor kurzem eine Magd und ein Knecht im Nachbargarten, wo sie sich gegen die Nacht hin Stelldichein gaben, plötzlich ein merkwürdiges, unerklärliches Winseln und Wimmern gehört. Immer wieder und wieder. Mehrere Abende hintereinander.
Zuerst hatten welche gemeint, es »spuke«, weil es mit dem alten Gehöft sowieso nicht »seine Richtigkeit« hatte. Aber schließlich waren doch Nachforschungen angestellt worden, und da hatten sie das arme Wesen in seinem dumpfen Kellerloch entdeckt.
Und nun lag es da in der hellen Sonne ...
Ich beobachtete den Kossäten und seine Frau. Er, leichenblaß bis unter die schwarzen Haare, mit breiten zuckenden Kinnladen und trotzigen kleinen Augen, die unstet hin und wider gingen; die wulstigen Lippen fest zusammengepreßt. Ab und zu zuckte er mit dem Kopf zurück, wenn ihm eine Faust zu nah gegen das Gesicht fuhr. - Sie, eine große, knochige Person, breitschultrig und breithüftig, ein wahres Arbeitstier, strotzend von Gesundheit und Kraft. Sie stierte mit vor Angst dummen quellenden Augen hin und her, bewegte lautlos die Lippen und zitterte über den ganzen Körper. Hin und wieder machte sie eine schützende Bewegung gegen ihren Mann hin, wenn die Leute zu nahe gegen ihn andrängten.
In der Haustür die Kinder. Ein halberwachsener Junge und ein Mädchen in stummer, erstarrter Angst, und auf der sonnigen Türschwelle saß mit ausgespreizten, nackten Beinchen im roten Röckchen ein pausbackiges Krausköpfchen, ein Dreijähriger, der aus vollem Halse in den Lärm hineinschrie. Hinten, aus der Hoftorecke her, zu all dem Aufruhr das wütende, heisere Gekläff des Hofköters, der wie rasend an seiner Kette hin und her sprang.
Es überlief mich. Zwischen den Kindern durch flüchtete ich mich über die stille, heiße Gasse hierher in mein Stübchen.
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Ja, und da lag ich nun: betäubt, verwirrt, wieder einmal ratlos erschauernd vor den »dunklen Abgründen menschlichen Leidens und Lebens« ... Wieder einmal lastete es auf mir, bleischwer mit Mißmut, Ekel und Verzweiflung, und zwischen meinen hämmernden Schläfen brannte die alte, böse Frage »Wozu?« Wie heißt es doch? »Ein Narr wartet auf Antwort« ...
Schön! Aber vor allem: Was nun?
Soll ich mich abwenden - so stellt sich für mich als Künstler die Frage - mich abwenden und mich in irgendein Idyllchen flüchten, das ich dem Leben abdestilliere aus Mondschein, Fliederduft und Gelbveigeleinliebe, und zeigen, wie »schön trotz alledem« die Welt ist und wieviel des »Erhebenden« sie »immerhin so nebenbei« noch biete? Daß auch _das_ Wirklichkeit ist?
Soll ich mir mühsam zu eigener und fremder »Beruhigung« eine superkluge Erklärung zurechtspintisieren aus rätselhafter Verkettung von »Schuld« und »Sühne« und an eine »wohlweise Weltordnung« verweisen?
Soll ich mit Schwarz und Blut ein »soziales Nachtstück« zusammenbrauen, eine »moralische Forderung« draufetikettieren und einen pathetisch optimistischen Appell an die besser zu unterrichtende Menschheit erheben?
Ach ja!
Vor allen Dingen indessen eine frische Zigarette.
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Ja! Und da fiel mir auf einmal in meiner stummen Not ein alter Freund ein, der mir immer sehr merkwürdig gewesen war.
Er war ein sehr sonderbares Menschenkind in Anbetracht dieser Zeitläufte.
Er gehörte mit zu unserem Kreis.
Warum hatten wir ihn eigentlich in unsere Bekanntschaft hineingezogen? Ja, warum? Es war uns allen später eine Zeitlang ein psychologisches Problem gewesen.
Wir unsrerseits nämlich waren damals sehr, sehr klug. Wir hatten die Welt erkannt. Wir hatten einen Zukunftsstaat erbaut, gründlich überall aufgeräumt, sogar die Frauenfrage gelöst, na usw. Man weiß ja!
Ja! Und die schönen Exempel waren alle glatt und ohne Rest aufgegangen. Wunderbar hatte alles geklappt ...
Später kamen wir allerdings dahinter, daß es mit alledem doch noch so seine eigene Bewandtnis hatte, und nun staken wir, wie sich das heutzutage gehört, gründlich in allen möglichen Sackgassen und suchten uns mit Stoizismus, Ironie, Zynismus und anderen schönen Dingen leidlich durchzuschlagen ...
Und er nun: er war so wunderbar - wie soll ich nur sagen? - dumm?
Aber nein; dazu besaß er zuviel Mutterwitz. Nein! Nur ein bißchen »zurückgeblieben«, ein bißchen »altmodisch«. Aber im ganzen ein so prächtiger Kerl, urteilten wir. Bestimmt ließe sich aus dem was machen. Zwar, es würde ein Stück Arbeit kosten, denn von den heutigen Zeitläuften hatte er kaum eine dunkle Ahnung, und von unserem dekadenzierten Stadium war er nun gar noch himmelweit entfernt.
Nein! Er war uns wirklich ein Rätsel! Wie kam es nur, daß er uns - anzog? Daß er uns so interessierte? Am Ende war es sein unverwüstlicher, leichter Sinn, seine überschäumende Fröhlichkeit oft? Eine Fröhlichkeit, so recht aus einem freien Herzen heraus?
Ja, das vielleicht. Denn diese Fröhlichkeit war uns allen ein Rätsel.
Und nun zertrümmerten wir ihm seine Ideale. Mit einer wahren Wollust. Es zog uns förmlich dazu. Wer weiß, was?... Keine Ruhe ließen wir ihm. Wir wollten ihn »aufrütteln«, zum »Bewußtsein seiner Lage« bringen, ihn zu einem »lebendigen Menschen« machen; lebendig: so nach unsrer Fasson.
Und er schloß sich uns an. Mit einer innigen Wißbegier. Er las unsere Lektüre. Er nahm auf, rastlos. Er war einer der unseren, gab uns recht. Er hatte eine ungeheure Hochachtung vor uns und unsrer Klugheit ...
Ja, und das war eigentlich das Endresultat unsrer Bemühungen, diese Hochachtung ...