Part 3
Tief im Walde drin haben die Eichen ein Stück grünen Hang frei gelassen. Im Kreise stehen sie herum, hoch und still, mit ihren breiten, wetterzerklüfteten Wipfeln. Zwischen den Stämmen das wunderliche Dämmern. Zitternde Sonnenlichter lassen hier und da ein Stück Stamm draus hervorleuchten und fallen in goldigen, magischen Tropfen auf die Haselnußblätter drunter. Alles andere verschwimmt, nach hinten, in ungewissen nebeligen Konturen. Unten an den Stämmen Haselnußgebüsch und wilde Rosen. Hohes, lichtgrünes Gras über die ganze Lichtung. Bunte Waldblumen leuchten in der Sonne draus vor. Ein fortwährendes, leises, metallisches Gesumme von Waldbienen, Hummeln und Käfern. Bald laut, bald leise. Ferner, näher. Oben über allem, als eine freie Flucht aus dieser walddämmernden, rätselhaften Beengtheit, die blaue Himmelstiefe.
Hier unter dem Haselbusch ist das Gras noch niedergedrückt. Das ist mein Plätzchen.
Ich lasse mich nieder.
Das Schrillen eines Raubvogels. Das Pochen eines Spechtes. Aus dem tiefen Grund, rieselnd, ein Waldwässerchen. Hin und wieder ein Luftzug, der ein Laubgewisper unvermutet weckt.
Ich klappe mein Buch auf und fange an zu lesen.
----
Ja, nun ist es doch wieder so ein gelbbroschierter Franzose, der heute früh unversehens auf meinem Tische lag.
_P. Bourget: Le Disciple._
Eine Einleitung. Ich überfliege sie. Eine Litanei gegen die Dekadenz. Der »_jeune homme de 1889_« wird vor zwei Zeittypen gewarnt: dem »_homme cynique et volontiers jovial_«, dessen »_religion tient dans un seul mot: jouir_«, und vor dem anderen, »_qui a toutes les aristocraties des nerfs, toutes celles de l'esprit, et qui est un épicurien intellectuel et raffiné_«.
Aber da ist auch schon die erste Störung.
Eine Eintagsfliege kribbelt mit analphabetischer Respektlosigkeit über die sauberen schwarzen Zeilen.
Jetzt macht sie Halt. Mit ihren spinnwebfeinen Füßchen trippelt sie auf einem »_nihiliste délicat_« herum.
Ich sehe ihre feinen Flügelchen mit dem zarten Perlmutterglanz. Ihr dünnes, lichtgrünes Körperchen krümmt und windet sich zierlich auf und nieder. Die Äugelchen: wie goldene Stecknadelknöpfchen. Ihre zarten, langen Fühlfädchen vibrieren hin und her, nach oben, nach unten, nach den Seiten.
Mit aufgestütztem Ellbogen lieg ich lang im Grase vor dem Buche und betrachte das Tierchen, minutenlang, und fange an zu träumen und so vor mich hinzudämmern.
Ach was, lesen!
Ich wälze mich einen Schritt von P. Bourget, dem Warner, fort, lege mich auf den Rücken, die Hände unterm Genick, und sehe geradeaus in den Himmel hinein.
----
Diese herrliche Stille!
Ich kann hören, wie mir das Blut in den Ohren rollt.
Sie wiegt mir jeden Gedanken ein.
Ein paar Schmetterlinge, sich umtaumelnd, flattern in das blendende Blau hinein. Um ihre schwarzsamtenen Flügel zieht es sich wie ein goldglühender, feiner Saum. Manchmal blitzt das tiefrote Tupfchen oben auf den Schwingen.
Ein Flügelklatschen und Sausen. Ein Flug Waldtauben in zierlichen, langen Spiralen über die Lichtung hin ins Gehölz hinein.
O Einsamkeit!
O, ich werde wieder fromm! Wie ich es damals war, als meine Mutter mich einen freundlichen alten Mann kennen lernte mit einem Gefolge von Engeln und Elfen, Königen, Rittern, Märchenprinzessinnen, weisen Frauen, Feen und Fabeltieren, welcher der »liebe Gott« hieß.
Ihm gehörte die ganze Welt. Tief, tief unten die blaudämmernden Gründe mit rauschenden Unterweltswassern, mit rotglühendem und smaragdenem Gestein, mit unermeßlichen Schätzen, die weithin durch die nächtigen Schlüfte blinken, von den Erdgeistern bewacht. Die ganze Welt konnte man mit ihnen gewinnen. Und ihm gehörte die weite, lichtfrohe Erde mit Städten und Dörfern und Burgen, Feldern und Strömen, Wäldern und rieselnden Quellen. Und auch die Wunderquellen, zu denen nur die Sonntagskinder gelangen. Unter vieler Gefahr für Leib und Seele. Aber wenn man von ihnen getrunken hat, wird man sein Lebtag nicht krank und weiß alles in der Welt. Die Sonne oben war sein Auge, und das helle, goldige Licht über die Erde, über Bäume und Bäche, Blumen und Gräser hin: so lachte er.
Wieder fromm! Wie damals; und doch anders ...
----
Und nun kommt diese unerklärliche Stimmung über mich. Ganz Lauschen bin ich, ganz Sehen, ganz Fühlen. Sonnenschein, wehende Luft, rieselnder Quell, Laubgeflüster, Bienensummen. Nichts bleibt von mir übrig als ein unaussprechliches Lust- und Kraftgefühl ...
Ich springe auf und stopfe meinen Franzosen in die Tasche. Hier durchs Gebüsch und vorwärts auf den wildesten Pfaden, immer vorwärts in die schöne, grüne, lebendige Welt hinein.
Die Zweige rascheln an mir hin, an meinen Kleidern, an meinem Gesicht, meinen Händen. Es ist mir wie eine Liebkosung.
Zwischen den alten Stämmen ruf ich mir jauchzend das Echo wach.
O eine Bitte! Eine dringende Bitte!
Man hat's doch heute überall »so herrlich weit gebracht«. Möchte nicht einer von unseren gewiß höchst ehrenwerten Grüblern, Wissenschaftlern, Lumpensammlern der Weltgeschichte und bestpatentierten Erfindern irgendeine Botanisiertrommel zusammenmathematisieren, in der man ein bißchen, ach! nur ein winziges bißchen von dieser freien, fröhlichen, schaffenskräftigen Waldstimmung einigermaßen wohlkonserviert heruntertransportieren könnte in die so gescheite und, ach! so enge, enge Welt?
Na?! Sämtlichen Humanitätsdusel und sämtliches neunmalkluge Gebildetsein wollten wir freudig dafür dreingeben, o heiliger Homunkulus!...
Ach ja, wenn man nur Zeit hätte, auf individuelle Wünsche Rücksicht zu nehmen!...
Man wird mich günstigstenfalls vertrösten und die Petition einstweilen _ad acta_ legen ...
----
Ein paar Stunden sind hin. Und nun ist es gegen Abend, und ich stehe wieder draußen auf den Hügeln.
Und da steh ich und freue mich wie ein Kind, wie schön das Abendrot da oben über dem dunkelnden Wald hinleuchtet.
Hat man nun wohl bei so widerborstigen Sympathien das Zeug zu einem »_décadent_«, zu einem »_homme fin de siècle_«?
Ich glaube, ich werde mein Lebtag beim besten Willen nicht gescheit genug dazu sein ...
Feierabend
Den ganzen Nachmittag über grub ich heute hinten im Garten, und nun hab ich gegessen, in der Laube, der vollbrachten Arbeit gegenüber, zwischen flüsterndem Weingerank, an weiß gedecktem Tisch. Milch, Eier, Landkäse, Schinken und braunes Brot. Mit einem Appetit wie ein Scheunendrescher.
Nun ist es gegen Sonnenuntergang, und vorm Schlafengehn mach ich noch meine Runde durch die Felder.
Auf der Dorfgasse schreiende Kinder. Leute vor den Häuserchen, die ihre arbeitsmüden Glieder in der Abendfrische kühlen. Auf den Höfen bellen die Hunde. Das Brüllen einer Kuh. Dumpfes Pferdegestampf und Stallgeruch.
Drüben das letzte Gehöft. Mit einem langen, windschiefen Staket streckt es sich spitz in das freie Land hinein, das sanft ansteigt. Eine Gänseschar, weiß, an der äußersten Spitze des Gartens, kreischt in die tiefe, milde Abendruhe.
Bis Mittag war heute eine drückende Hitze gewesen, dann war ein kleines Gewitter vorübergerauscht und hatte Kühlung geschaffen. Davon ist der Himmel jetzt noch mit einem dünnen, gleichmäßigen Dunst überzogen. Am Horizont über den Feldern hin verdichtet er sich zu einer breiten, blaugrauen Schicht. Dazwischen hängt die Sonne, ein mächtiger, dunkelroter Nebelball. Nach rechts und links ist eine breite, schmutzige Röte über den Himmel hingewischt.
Ein ungewisses Licht. Ein Abendsonnenschein, mehr zu fühlen als zu sehen. Nirgends ein Schatten. Und doch liegt es über dem Wegstaub wie ein zartes, lila Lichtdämmern, und in den Lüften webt es wie ein feiner Lichtdunst.
Ferner, immer ferner verklingt hinter mir das Kreischen der Gänse, das Gekläff der Hunde. Lauter und immer vernehmlicher jetzt das Schrillen der Heimchen im Weggras und überall zwischen den leise knisternden, überreifen, bronzefarbenen Getreidehalmen das Schnarren der Rebhühner aus dem weiten Dämmern. Die mild schmeichelnde Abendkühle; das scharfe, würzige Duften von den Kartoffelfeldern her, und dieses geahnte Sonnenlicht in der ganzen abendlichen Landschaft.
Die dicken Ähren nicken und beugen sich, und leise wühlt es in matten, rotgoldigen Lichtern über eine Haferbreite hin. Drüben rutscht die Sonnenscheibe zwischen den Dunstschichten hinunter. Jetzt nur noch die Hälfte, jetzt nur noch ein rotes Tupfchen - und nun ist auch das weg. Nun ganz das heimische, trauliche Dämmern über den weiten, weiten Feldern, und im Westen, schräg über den Himmel hin, die matte Röte ...
----
Allein. Mitten zwischen den Feldern. Ganz allein.
Ein so eigenes Gefühl, immer vorwärts, vorwärts, ziellos in das zunehmende Dämmern hineinzuschlendern mit seinen hundert geheimen Lauten.
Ab und zu zuckt es mir in den Armmuskeln von der getanen Arbeit. Über den ganzen Körper eine süße, wohlige Müdigkeit. Frei und ruhig geht mein Atem.
Allmählich nimmt es den Horizont weg, und die Nähe wird lebendig. Eine Feldmaus, raschelnd in eine Furche hinein. Das leise, flüsternde Rauschen in den schwarzen Wipfeln der Kirschbäume zu beiden Seiten des Weges.
Ein leises, metallisches Surren vor meinem Ohr, und an meine Backe weht ein feiner, leichter, ganz leichter Lufthauch.
Ich bleibe stehen. Fast erschrocken, was es ist. - Ein Mückenschwarm. Gegen das verblassende Abendrot kann ich ihn noch erkennen, wie er durcheinanderwirbelt in regelmäßigen, zuckenden Spiralen.
Und dunkler wird die Welt, und dunkler, und verschwimmt in Dämmerungen. Und weiter und weiter zieht es einen ins Einsame. Jeder Wille ist umsponnen, süß gelähmt von einem heimischen Grauen.
Fern, weit von allen Menschen!
Nur die dunkelnden Felder in der Runde.
----
Dort schiebt es sich über den Horizont in die Höhe, ein roter Kreisabschnitt. Breit, riesig, daß es einen erschreckt. Und immer höher und immer runder wächst es herauf und wird ein mächtiger Halbkreis. Und nun steht eine ungeheure Scheibe rot auf dem Horizont. Wie ein nie gesehenes, rätselhaftes, plötzlich an das Firmament gezaubertes neues Gestirn.
Der volle Mond.
Zwischen zergehendem Dunst hebt er sich und steigt langsam empor in das freiere Blau, und sein Licht fängt an, mit silbrigem Glast sich hinzuweben über die weiten, stillen Felder.
----
Hier, auf kühler Höhe, schwarz mit seinen dunkelroten Fensterlöchern, mitten im einsamen Land, ein Schachthaus. Drinnen, dumpf, das Stöhnen und Keuchen einer Maschine. Hier oben der freie Nachtfrieden, und da unten, tief unter meinen Füßen, mühen sich Menschen in enger, dunstiger Finsternis.
Ein paar hundert Schritt weiter ein Tagesschacht. Steil, mit schwarzen, riesigen Wandflächen senkt er sich in die dunkle Tiefe. Fern aus dem stillen Grunde kommt es herauf wie ein Rieseln und Kluckern von verborgenen Gewässern. Dies und das ewige Schrillen der Heimchen sind hier die einzigen Laute. Drüben, auf der anderen Seite, mir gegenüber, ein Stück Staket, das sich schwarz gegen den Himmel abzeichnet, und ein paar kümmerliche Bäumchen, und hintereinander drei niedrige Wagen, mit denen am Tage allerlei Schutt aus dem Schachte heraufgefördert wird.
Überall dick schwarzbrauner, von unzähligen Radspuren durchfurchter Kohlenstaub. Drüberhin wird es jetzt lebendig von einem feinen Glanz, und neugierige Lichter dringen mit breiten Streifen hinein in die schwarze Tiefe.
Am Tage ist hier oben und da unten ein lautes Leben von hundert fleißigen Menschen, Peitschen knallen, die schwergeladenen Wagen knarren in ihren Achsen, die Fuhrknechte brüllen und fluchen. Die Kohlenwagen rollen und klirren über die Schienenstränge.
Und jetzt das öde, lastende Schweigen.
----
Der Dunst hoch oben am Himmel ist zergangen vor dem aufsteigenden Mond her, der nun goldig leuchtend über den hellen Feldern steht. Es ballt sich da oben zu weißen Wölkchen und dehnt sich hin zu milchigen, dünnen Streifen, zwischen denen Sterne flimmern.
Dort ein umgekippter Kohlenkarren, die eisernen Räder schief nach oben; das Mondlicht drauf mit stilleuchtenden Reflexen. Ich schreite hin und setze mich und blicke von hier über das mondlichte Land hin.
Und alles, was ich dachte und je gedacht habe, und alles, was ich litt und was mich freute: es wird ein einziges Empfinden, es verdichtet sich zu einem unaussprechlichen Gefühl, zu einer unsagbaren, stillheiteren, wonnigen Sehnsucht: einer wollüstigen Sehnsucht zu sterben ...
Ich kenne sie. Ich kenne sie ganz genau. Willenlos nimmt sie mich hin.
Ein wunderbares Träumen und Sehnen, wer weiß wohin? Mir ist, als ob es mich hinnähme in rätselhafte Weiten.
Was ist es? Rausch? Lebendigstes Leben?
Glück! Glück! - Zuviel Glück! Ein böses, gefährliches Glück!...
Zuviel Glück: denn das Unsagbare benennen, es festzuhalten, es auskosten in flüchtigen Symbolen, ist allein erträgliches Glück und erträgliches Leid. Darin leben wir alle, wie wir sind, was wir sind ...
Stimmen. Dunkle Gestalten gegen den hellen Himmel hin. Eine Schar Bergleute vom Schachthause her. Es ist mir wie eine Befreiung. Talabwärts geh ich ihnen nach zum Dorf hinunter.
Vor den ersten Häuserchen unten singen sie zu einer Ziehharmonika. Die dünnen Klänge verklingen über die Felder, über die nun weit, weit der Mond leuchtet.
Ah! Ich bin müde zum Umfallen!
Werd ich schlafen!...
Siesta
Ein Nichtstun ist mein Leben hier. So recht ein göttliches Nichtstun ohne Reue über verlorene, tote Stunden. Ich träume so hin, in innerster, stiller, unbewußter Fülle. So fühl ich, wie ich gedeihe; gedeihe wie der Baum in freier Luft, in der heiteren Sonne. Und nichts mag ich kennen, nichts außer diesem Gefühl.
Nachmittag ists. Ich sitze am Fenster und rauche meine Pfeife zu einer Tasse Kaffee. Beim Umrühren wirbelt sich das flinkernde Braun zusammen in unzähligen, perlmutterfarbenen Perlchen.
Der Goldrand der Tasse glitzert in der Sonne. Ein zarter Brodem zieht sich gegen das Fenster hin, an dem eine Fliege summt. Der Tabaksrauch verliert sich hinten in dem lichtdunstigen Zimmer. Vorm Fenster rankt sich das helle Weinlaub.
Zwei Kinder. Im blauen und roten Kleidchen, in safrangelben Strümpfen kommen sie die Gasse herab. Hand in Hand stolpern sie über das Pflaster. Sie haben die Stumpfnäschen in die Höhe gereckt und schwatzen laut ihren süßen Unsinn so vor sich hin in das goldige Mittagslicht hinein. Allmählich wiegt es mich ein. Ich dämmere so hinüber ...
Kirchgang
Sonntag. Die liebe helle Sonne spielt hinten im Garten. Alles ist so blank. Der Hof unten sauber gefegt. Nirgends auch nur ein Strohhälmchen. Auf den blankgescheuerten Steinplatten vor der Hoftür ist weißer Sand gestreut. Die Hühner gackeln still auf dem hellen Pflaster umher.
Aus dem Dorfe kein Laut. Nur das zweite Kirchläuten tönt durch die blaue, klare Luft herüber.
Ich habe mich in meinen schwarzen Gehrock geworfen und in jeder Beziehung _grande toilette_ gemacht. Denn ich muß heute schon mal mit zur Kirche. Schon um mich freizuhalten gegen alle möglichen temperamentvollen Katechisationen über Gott den Vater, Gott den Sohn und Gott den Heiligen Geist. Dergleichen kann einem sehr peinlich sein, wenn man seinen Katechismus nicht mehr so recht am Schnürchen hat. Recht qualifizierbar bin ich in dieser Beziehung meiner Umgebung hier sowieso nicht, und es ist gut, dem Mißtrauen keine weitere Nahrung zu geben. Denn warum in guten Menschen inquisitorische Instinkte wecken? Warum? - Überdies: Gott! Wie lange bin ich in keine Kirche gekommen!...
»Sind Sie parat?!«
Hinter mir hat die Tür geknarrt. Die Frau Wirtin. Ihr adrettes, rundes Figürchen glänzt von schwarzer Seide. In der Hand hält sie über dem schneeweißen, gezackten Taschentuch das Gesangbuch, mit Goldschnitt und einem goldenen Abendmahlkelch auf dem schwarzledernen Deckel. Unter der breiten Strohhutkrempe vor fragend die grauen Augen. Ich glaube, ein wenig mißtrauisch, ob ich innerlich auch so recht auf den Kirchgang vorbereitet bin und ob es mich auch ja nicht so etwas wie eine sehr zu mißbilligende Überwindung kostet, mitzukommen.
Nein! Ich bin ganz frei und unbefangen.
Hinter ihr, auf dem Flur, rosig das Töchterchen im Sonntagsstaat, sauber wie ein Teeröschen. Ich mache den Damen ein Kompliment über ihre Toiletten, das wohlwollend entgegengenommen wird.
Ob ich auch einen Zweier habe für den Klingelbeutel?
Alles in Ordnung, und nun können wir gehen.
----
Die Gasse hinauf ist's still und sauber. Überall ist gefegt und vor den Häuserchen weißer Sand gestreut. Hier und da blitzt eine blankgeputzte Messingklinke in der Sonne, und vor den gescheuerten Fensterkreuzen glühen die Geranien und Fuchsienblüten. Ein Mann steht breitbeinig, in dunklen Sonntagskleidern, mit blendend weißen Hemdsärmeln vor einer offenen Haustür und hat die Fingerspitzen in den Hosentaschen. Kinder, bereits im Sonntagsstaat, die Haare noch straff und starr von Wasser, sitzen in der Sonne und mühen sich behaglich mit ihren Frühstücksstullen.
Die liebe, schmutznäsige Unschuld, die noch in keine Kirche zu gehen braucht!
Das heißt, küssen möcht ich sie deshalb doch nicht, wie weiland Werther des Amtmanns Gören ...
Eine Frau, aus einem niedrigen Fensterchen heraus oder über eine regenverwaschene Halbtür hinweg, die Kirchgänger zu mustern.
Zu drei gehen wir, mitten in der Gasse, andächtigen Schrittes hinauf.
Da ist die Frau Ortsvorsteher. Da das Fräulein vom Gute. Sie trägt sich ein wenig zu auffällig nach der neusten Mode. Sie besitzt ein sehr verwöhntes Spitzhündchen, ist sehr in der Marlitt und Werner belesen, und ihr Lieblingsbuch sind Geroks »Palmblätter«. Im übrigen ist sie hübsch und, wie man sich im Vertrauen mitteilt, vom »Herrn«, dessen Frau zurzeit in Karlsbad ist, viel zu sehr verwöhnt ...
Da ist die Frau Gutsbesitzer Soundso. Ah! Und die Frau Amtmann mit ihren beiden Töchtern und dem Herrn Sohn, der in den Ferien da ist! Man hebt die Blicke und grüßt. So geht's dem Geläute entgegen, das immer deutlicher wird. Nun den Kirchberg hinauf. Die Frau Wirtin keucht ein wenig und bleibt ab und zu stehen, uns auf die schöne Aussicht aufmerksam zu machen, die man nach beiden Seiten über die hellen Hügel und Felder hin hat. Zwischen den grünen Gräbern, zwischen denen ökonomisch Kantors Hühner nach Käferlarven und Würmern picken, drängen sich die dörflich bunten Sommertoiletten.
Die Kirchtür. Zu beiden Seiten, in Schneeballbüschen halb versunken, schief, zwei steinerne Ritter, über welche die Sonne ein Netzwerk von bläulichen Schattenflecken schaukeln läßt. Aus dem niedrigen, weißgetünchten Torgang weht es einem kühl entgegen. Oben versummt der letzte Glockenton. Drinnen setzt mit einem scharfen Ruck die Orgel ein.
Die Kirche dehnt sich in einem sonnigen Dunst. Querdurch, von den Fenstern schräg über die weißen Kirchstühle hin, legen sich drei breite, sonnige Lichtbalken.
Die Frau Pastor mit ihren sämtlichen Töchtern.
»O bitte! Nach Ihnen!«
----
»Eins ist not, ach Herr, dies ei-neee ...«
Die Schuljungen oben auf dem hellblau gestrichenen Orgelchor schreien aus vollem Halse, daß es einem mit Messerschärfe durch alle Nerven fährt, und dazwischen macht sich der Tenor des Herrn Kantor vernehmbar. Über die Kirchstühle in sanftem, schwebendem Säuseln der Diskant der Gemeinde, hier und da übertönt von einem altväterlichen Tremolo oder einem ungefügen Grundbaß. Bei den Fermaten das Fauchen und Arbeiten der Orgel.
Einen Augenblick stehen wir nebeneinander im Kirchstuhl über all den bunten Hüten und krummen Rücken. Die Damen verrichten sehr andächtig ihr Gebet. Aber ich merke, wie zwei Blicke meine Hände streifen: ein scharfer und ein erschreckter. Ich muß still in mich hineinlachen, lege die Fingerspitzen ineinander und senke den Kopf.
Ein Rauschen, Räuspern und das Blättern der Gesangbücher.
Und nun darf ich mich mit gutem Gewissen umsehen.
----
Ich habe eine Anwandlung von Ironie, über die ich mich aber sofort ärgere. Und im nächsten Augenblick überschleicht es mich mit hundert heimlichen Erinnerungen, und nun vertraut sich mir das alles mit hundert Heimlichkeiten. Viel Umstände haben sie mit ihrem Gotteshaus nicht gemacht. Ein mäßig großer, weißgetünchter Raum wie eine große Scheune.
Aber Sonne! Sonne! - Von allen Seiten Sonne, Licht und Luft, und über wippendem Laub draußen der blaue Himmel. Von der blättrigen Decke herab hängt an einer langen, gegliederten Eisenstange ein schwarzverstaubter Kronleuchter mitten über den Köpfen der Gemeinde. Unter den Holzbrüstungen der Chöre mit ihrem plumpen Schnitzwerk in Glaskästen vertrocknete Totenkränze mit weißen, moirierten Schleifen; und mit starren, staubigen Falten ein paar vergilbte, gänzlich zerfetzte Fahnen. Hinten, wo der Raum in einen lichtdunstigen Spitzbogen zusammenläuft, steht in ärmlicher Pracht der kleine Altar. Zwischen den beiden Kerzen das schwarze Kruzifix mit dem vergoldeten Christus dran. Ihre stillen Flammen verbleichen in dem grellen Sonnenlicht. Davor die mächtige Bibel, aufgeschlagen, mit leuchtendem Goldschnitt, und dahinter ein gänzlich verdunkeltes Gemälde, das die Kreuzigung darstellt. Nur ein paar Gewänder leuchten noch grellbunt aus dem Dunkel vor, und schwefelgelb in der Mitte die beiden Schächer mit immensem Muskelwerk, und zwischen ihnen der dürre, verrenkte Leib des Erlösers. Ein schwarzes Altartuch reicht mit schmalen Silberfransen bis auf die rissigen, verwaschenen Steinfliesen herab. Oben, in der Nähe des Altars, die hölzerne, graublau gestrichene, ganz schmucklose Kanzel, zu der von beiden Seiten Treppen mit grobgeschnitzten Geländern hinaufführen. Dahinter an den kahlen, weißen Wänden lange, dunkle Gemälde. Verdiente Pfarrherren aus früheren Zeiten. Aus all dem Schwarz leuchten nur ihre roten Gesichter, die Hände, die goldenen Schnallen ihrer Bibeln hervor und vor allem die weißen Beffchen.
Ach! Mir ist zumute wie nach sämtlichen drei großen Festtagen des Jahres auf einmal! Zwischendurch aber ist es mir, als hört ich Rauschgold knittern und als röch ich angebrannte Wachskerzen, Fichtennadeln und buntlackiertes Spielzeug. Als ständ ich zur Christmette mit frostroter Nase oben auf dem Chor, vor mir, auf der Brüstung, in blecherner Tülle das brennende Wachsstöckchen, und jauchzte mit den anderen in den jubelnden Trompetenschall hinein, über all die roten, in einem Lichtglanz von tausend Kerzen strahlenden Gesichter, und als hört ich die Stimme des Pastors: »Freuet euch mit mir, denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr in der Stadt Davids!«
Wie zutraulich nah einem das alles ist!
Was man für eine wunderliche Wegstrecke zurückgelegt hat von da bis hierher!...
----
Die Orgel lärmt ein frohlockendes Nachspiel herunter. Ein allgemeines Räuspern, Rauschen, Husten und Scharren. Die letzten Strophen hindurch hatte sich der Gesang eben noch so hingeschleppt, unter allerlei Püffen oben vom Orgelchor her.
Man erhebt sich.
Vorn steht schon der Herr Pastor mitten vor dem Altar, und über dem Goldschnitt seiner Bibel wölbt sich seine breite Brust. Schön von der Sonne beleuchtet sein rotwangiger Lutherkopf, die sauberen weißen Beffchen unter dem runden Unterkinn. Mit altgewohntem, zuverlässigem Pathos verliest er die Liturgie. Die Gemeinde und oben die Jungens antworten prompt nach jedem Satze, wenn sich seine runden, weißen Hände mit dem Buche senken und seine kleinen Augen mit dem unerschütterlichen Blick des Gottesmannes sich zum Chor erheben.
Ein Zwitschern. Hell und fein geben es die Wände wieder. Ein Rotkehlchen, das sich hinten durch die offene Tür hereinverirrt hat und nun ängstlich an den sonnigen Fenstern hinflattert: erschreckt von dem Gesang und dem Orgellärm. In langen, ängstlichen Kreisen zirpt es jetzt um den Altar, und nun setzt es sich ermattet auf die vergoldete, blitzende Dornenkrone des Heilandes, mitten über dem ernsten, gesunden Antlitz des Herrn Pastor.