Part 6
Und wieder flog er auf und machte summ, summ, und der Theekessel ließ seinen Dampf aufsteigen und machte simm, simm! noch einmal so hoch als vorhin.
Das war dem Brummer doch zu toll; in seinem Aerger umkreiste er den Theekessel.
-- Komm mir um Gotteswillen nicht zu nahe, denn ich bin sehr heiß! warnte ihn der Theekessel.
Brummer aber war zu böse; er glaubte nicht anders, als daß der Theekessel aus dem kleinen Loch singe durch welches er den Dampf aufsteigen ließ, und umschwärmte dieses immer enger.
-- Bleib mir vom Leibe! rief der Theekessel. Brummer aber besaß einen entsetzlichen Künstlerneid und ließ sich nicht warnen.
-- Summ, summ, summ ... supp! Da saß er auf dem kleinen Loch, durch welches der heiße Dampf ausströmte, und im nächsten Augenblick lag er todt auf der Tischdecke.
-- Simm, simm! Ich kann nicht dafür. Jeder nach seiner Weise! sagte der Theekessel.
Brummer aber lag auf dem Rücken und streckte die Beine von sich. Da liegt er noch.
Lebenslauf der Scheere.
Eine kleine Scheere lag am Fenster einer jungen Gräfin und ließ sich von der schönen Morgensonne bescheinen. Sie war sehr hübsch und hatte ein paar Ringe vom feinsten Elfenbein.
-- Nein, wie schön ich doch bin! rief sie aus, wenn ein Sonnenstrahl recht hell auf sie schien, daß es durch die ganze Stube blitzte. Man sollte glauben, ich sei von purem Gold!... Aber was sage ich! Stahl ist ja noch viel edler als Gold, denn so wie ich blitzt kein Gold auf der ganzen Welt!... Aber ich bin auch eine sehr vornehme Scheere, und ich kann wohl sagen, daß meine Freundin, die junge Gräfin, recht viel von mir hält!
Während sie so da lag, kam die Stubenmagd herein. Sie sah die schöne Scheere, auf welche sie schon längst ein Auge geworfen hatte, blickte vorsichtig im Zimmer umher, um sich zu überzeugen, ob sie auch allein sei, nahm die Scheere und steckte sie in die Schürzentasche. Weg war sie!
-- Willst Du mich wohl wieder hinlegen! rief die Scheere. Ich werde Dir doch nichts nutzen können, denn ich bin es gar nicht gewohnt, mit so groben Händen umzugehen; ich breche sogleich entzwei, wenn mich ein andrer als meine Freundin, die Gräfin, anfaßt.
Aber die Stubenmagd hörte sie nicht und so blieb sie denn in der dunklen Schürzentasche, bis sie oben in der Bodenkammer in einen noch dunkleren Koffer eingeschlossen wurde. Da lag sie bis zum Sonntag, wo sich die Stubenmagd anputzte, die Scheere wieder in die Tasche steckte und ausging.
Eine Stunde darauf befand sie sich in einer ganz andren Gegend der Stadt und in den Händen einer jungen Stickerin.
-- Ach, das ist ja eine kleine prächtige Scheere! rief diese, sie betrachtend und fuhr mit den Fingern in die beiden schönen Elfenbeinringe.
-- Ja, das will ich meinen! sagte die Scheere; aber viel Nutzen werden Sie nicht von mir haben, denn ich bin nur gewohnt, mit sehr vornehmen Fingern umzugehen, und wenn meine Freundin, die Gräfin, wüßte -- -- --
-- O, das wollen wir doch sehen! sagte die Stickerin und benutzte sie gleich bei ihrer Arbeit. Siehst Du, fuhr sie fort, es geht ganz gut, und wir werden auch schon Freundinnen werden!
-- Das glaube ich nicht, antwortete die Scheere, denn wir haben eine zu ungleiche Erziehung; und dann ist auch das Zeug, das Sie hier sticken, lange nicht zart genug; so grobe Arbeit bin ich gar nicht gewohnt!
Aber es ging Alles doch recht gut und die Scheere fügte sich endlich in ihr Schicksal.
-- Was Sie für ein niedliches Wesen sind! sagte eines Tages der Stickpfriem, der neben ihr auf dem Tische lag und auch ganz hübsch war, denn er war von ganz blitzblankem Stahl und hatte einen Kopf von rothen Corallen, in welchen ein Gesicht geschnitten war. Auch hatte er Augen, in denen ein paar vergißmeinnichtblaue Perlen saßen.
-- Ja, man findet meines Gleichen auch so leicht nicht! antwortete die Scheere stolz.
-- _Ich_ bin aber auch nicht übel, fuhr der Stickpfriem fort; sehen Sie nur, wie schlank und blank ich bin, und dann betrachten Sie nur mein Gesicht; es hat recht aristokratische Züge, nicht wahr!
-- Es ist mir nur zu roth, antwortete die Scheere; im Uebrigen sind Sie ganz passabel.
-- Meinen Sie nicht, daß wir ein recht hübsches Paar geben würden? fragte der Stickpfriem.
-- Ein Paar? Wohin denken Sie? rief die Scheere. Nein, wenn ich mich hätte verändern wollen, so hätte ich es schon längst thun können.
-- Ei, sind Sie denn so spröde, meine Gnädige? fragte der Stickpfriem.
-- Nein, das nicht; aber ich will mich nicht übereilen, denn verheirathen kann ich mich jederzeit; es fehlt mir, Gott sei Dank, nicht an Anträgen!
-- Wenn das nur gewiß ist! sagte der Stickpfriem zweifelnd.
-- Was Sie sich denken! rief die Scheere sehr vornehm. Ich habe schon so viel Anträge gehabt, daß ich sie gar nicht zählen kann; noch ganz zuletzt bei meiner Freundin, der Gräfin, mußte ich einen solchen ablehnen. Der Vater der Gräfin hatte nämlich sieben ganz feine und noble Rasirmesser, die wohnten alle in _einem_ Hause, das inwendig ganz mit rothem Sammet austapezirt und mit einem großen Trumeau versehen war. Es waren sieben Brüder, alle von sehr guter Herkunft; der Eine hieß Lundi, der Andre Mardi, der Dritte Mecredi u. s. w. Alle wollten sie mich gern haben, und namentlich ist der Jüngste, er heißt Samedi, recht unglücklich um meinetwillen geworden; aber ich wollte keinen Unfrieden zwischen den Brüdern anstiften, sonst hätte ich ihn wohl genommen, denn Platz hätte der junge Samedi in seinem hübschen Häuschen wohl noch für eine Frau gehabt. Der Arme ist nun aus Gram ganz rostig geworden, zu gar nichts mehr zu gebrauchen und wird es wohl nicht mehr lange machen.
Dem armen Stickpfriem that dieser Korb recht weh. Er wiederholte noch einmal seinen Antrag, bekam aber wieder eine abschlägliche Antwort. Das schmerzte ihn so, daß er klare Thränen vergoß und sich seine beiden blauen Vergißmeinnichtsaugen aus dem Kopfe weinte. Jetzt war er also blind, und da sie sehr herzlos war, konnte er nicht einmal erwarten, daß die Scheere ihn jetzt aus Mitleid nehmen werde.
Vierzehn Tage hindurch verschloß er den Gram in seiner Brust, dann aber konnte er es nicht länger aushalten.
-- Ich muß meinem Leben ein Ende machen, wenn Sie sich meiner nicht erbarmen wollen, klagte er der Scheere. Blind bin ich nun schon um Ihretwillen geworden, das Leben hat also gar keinen Reiz mehr für mich!
-- Das bedaure ich sehr! antwortete die Scheere recht herzlos. Aber wer kann für seine Gefühle!
Der Stickpfriem faßte innerlich den Entschluß, nunmehr vom Leben zu scheiden, und da er gerade am offnen Fenster lag, so sprang er hinaus, um entweder auf dem Steinpflaster das Genick zu brechen oder in den Wellen des Rinnsteins seinen Tod zu finden.
Und richtig geschah das erstere. Er brach den Hals und der schöne Corallenkopf sprang mitten auseinander.
-- Da sieht man wieder, wohin eine unglückliche Liebe führen kann! sagte die Scheere, ihm nachblickend. Wer hat ihn auch geheißen, sich in mich zu verlieben! Weiß Gott, _ich_ konnte ihm doch nicht helfen!
Darauf schaute sie in den kleinen Spiegel, der neben dem Nadelkissen angebracht war, und fand sich sehr schön.
-- Es ist kein Wunder, wenn sich Alles in mich verliebt! sagte sie; aber umsonst bin ich auch nicht so schön!
Inzwischen ward es Abend. Der Nähtisch wurde zugeklappt, und die Scheere meinte: Nun, da es dunkel ist, kannst Du schlafen! -- -- -- Und sie schlief und dachte mit keinem Gedanken an den unglücklichen Stickpfriem.
Am Morgen aber wartete sie vergebens, daß der Nähtisch geöffnet werden solle. Tage vergingen, der Tisch aber blieb verschlossen, so daß der armen Scheere endlich schon ganz bange wurde. Sie wußte ja nicht, daß ihre Herrin, die Stickerin, in der Nacht gestorben war, daß Leute gekommen, die das Zimmer versiegelten, und acht Tage lang kein Mensch hereinkam.
Endlich am neunten Tage ward der Nähtisch geöffnet. Die Scheere sah zu ihrer Verwunderung wohl zwanzig Menschen im Zimmer und Einer war unter ihnen, der einen Hammer in der Hand hielt; es war der Auctionator, der den kleinen Nachlaß der Stickerin versteigerte.
Alles wurde nun zu Spottpreisen verkauft, und die schöne Scheere fiel -- man denke sich! -- für zwei Groschen einer armen Nähterin zu.
-- Fassen Sie mich nicht an! rief ihr die Scheere zu; ich passe gar nicht für Sie; es war auch schon unter meiner Würde, als ich mich bei einer Stickerin aufhielt. Sie wissen gar nicht, wer ich bin, sonst hätten Sie viel mehr für mich gegeben. Wenn meine Freundin, die Gräfin, hier gewesen wäre, sie hätte hundert Thaler für mich bezahlt!
Um den Händen der Nähterin zu entgehen, machte die Scheere einen Sprung vom Tisch, und -- o weh! -- sie brach einen von ihren Elfenbeinringen!
-- Wie Schade! rief die Nähterin. Aber das läßt sich noch flicken!
Sie nahm die Scheere und das Stück, welches aus dem Ring gebrochen war und ging zu einem Drechsler, der mußte einen andern Ring einsetzen.
So kam die Scheere zu der Nähterin. Schön war sie noch immer, obgleich sie schon geflickt war.
Bei der Nähterin machte sie nun die Bekanntschaft eines Federmessers, das eine recht niedliche Perlemutterschale und auf derselben ein Vergißmeinnicht von Neusilber hatte.
Das Unglück wollte, daß auch das Federmesser sich in die Scheere verliebte und sie fragte, ob sie nicht ein Paar werden wollten.
-- Ach, dann hätte ich wohl auf Sie zu warten brauchen! rief die Scheere hochmüthig. Aber ich will Ihnen doch einen guten Rath geben: es sind schon Viele um meinetwillen an gebrochenem Herzen gestorben; sehen Sie sich nur vor, daß es Ihnen nicht auch so geht, es sollte mir Leid um Sie thun!
-- So? Na, da wäre ich doch neugierig! rief das Federmesser. Erzählen Sie mir doch!
Und nun erzählte die Scheere von dem jungen Samedi, der um ihretwillen ganz rostig geworden und wenn er noch lebe, es gewiß nicht lange mehr machen werde, und von dem Stickpfriem, der sich um ihretwillen die beiden Vergißmeinnichtaugen ausgeweint und sich endlich aus unglücklicher Liebe zum Fenster hinausgestürzt habe.
-- Sie haben also alle Ursache, auf Ihrer Hut zu sein, schloß die Scheere ihre Erzählung, zumal Sie _auch_ ein Vergißmeinnicht tragen, das mich lebhaft an den armen Stickpfriem erinnert. -- Ich bin zu schön, als daß sich ein Federmesser auf mich Hoffnung machen könnte! setzte sie stolz hinzu.
-- Nun, mit Ihrer Schönheit geht es doch noch an; es giebt noch viel Schönere als Sie. Sehen Sie doch nur, Sie sind ja schon geflickt! sagte das Federmesser auf den einen Ring zeigend.
-- Das ist kein Fehler, entgegnete die Scheere; das ist so Mode, es sieht interessant aus... Vergessen Sie mich nur, denn sonst bricht Ihnen am Ende auch noch das Herz; Beispiele sind da!
-- Ich werde mich hüten! antwortete das Federmesser verletzt, denn eine zurückgewiesene Liebe ist kein Spaß, die kann die besten Freunde erzürnen; davon sind auch schon Beispiele da.
So redeten die Scheere und das Federmesser von dem Augenblick ab kein Wort mehr mit einander, und wenn die Scheere nach der Ursache dieser Feindschaft gefragt wurde, antwortete sie, das Federmesser sei verwegen genug gewesen, das Auge zu ihr zu erheben, und da sie ihm einen Korb habe geben müssen, so seien sie böse auf einander geworden. Die Scheere hätte über diesen kitzlichen Punkt auch wohl lieber schweigen können, aber sie war ja ein Frauenzimmer.
Als das Quartal zu Ende ging, konnte die Nähterin ihre Miethe nicht bezahlen, mußte über Hals und Kopf ausziehen, und der Hauswirth nahm ihre Sachen in Beschlag, unter diesen auch die kleine Scheere, die nun in die rauhen Hände einer Schlosserfrau wanderte, an welche sie verschenkt wurde. Diese Frau hatte viele Kinder, die immer mit der hübschen Scheere spielten und ihr endlich beide Ringe abbrachen. Der Schlosser wußte indeß zu helfen und machte ihr ein paar Ringe von Draht, so daß sie wenigstens noch zu gebrauchen war.
-- Das ist das Loos des Schönen! Jetzt ist mein ganzer Stolz dahin! seufzte die Scheere und weinte; ich glaube nicht, daß ich dies lange überleben werde!
Aber man stirbt doch nicht immer sogleich vom Gram. Die Scheere lebte noch weiter und _hatte_ sie keine Elfenbeinringe mehr, so prahlte sie doch damit, daß sie welche _gehabt_ hatte, und erzählte einer knöchernen Nadelbüchse alle Tage von den vielen Eroberungen, die sie gemacht, von dem unglücklichen jungen Samedi, dem Stickpfriem und dem Federmesser, von welchem letzteren sie der Nadelbüchse vorlog, es habe sich aus unglücklicher Liebe zu ihr vergiftet.
-- Man muß nicht Alles glauben, was die Leute prahlen! sagte die Nadelbüchse zum Troste für sich selbst, denn um _sie_ hatte sich noch nie Jemand ein Leid's angethan.
Eines Tages nun hatten die Kinder draußen vor der Hausthür mit der Scheere gespielt und ließen sie auf der Straße liegen. Ein Mädchen kam vorbei, nahm sie mit und brachte sie ihren Eltern. So kam die Scheere in das Haus eines Sattlers.
-- Wie ordinär es hier nach Leder riecht! sagte die Scheere, als sie in der Arbeitsstube des Sattlers neben mehren Werkzeugen lag. Diesen Geruch ertrage ich nicht, meine Nerven sind für eine solche Atmosphäre viel zu fein!
-- Nur nicht so zimperlich, Fräulein Scheere! rief eine kleine Zange neben ihr; wirst's schon gewohnt werden, und so fein siehst Du mir auch eben nicht aus, daß Du etwas Besseres wärest als wir Andern!
-- O ja, ich bin aus sehr vornehmem Hause! Gott, wenn meine Freundin, die Gräfin, wüßte, daß ich _hier_ bin! -- -- -- Uebrigens habe ich gar nicht die Ehre, Sie zu kennen, antwortete die Scheere, sich umdrehend. -- -- -- Das ist gar kein Umgang für eine gebildete Scheere, wie Du bist! sagte sie zu sich selbst; die Zangen haben immer ein so böses Maul!
Da erblickte sie auf ihrer andren Seite eine Sattlerahle, die ein ganz neues Heft hatte. Sie wollte ihren Augen nicht trauen, als sie in derselben den ehemaligen Stickpfriem erkannte.
-- Gott, wie ist der Arme heruntergekommen! sagte sie für sich -- -- -- -- Aber ist's denn möglich, sind Sie noch am Leben? Sie glauben nicht, wie mich das freut! rief sie dem ehemaligen Stickpfriem zu. So können wir ja jetzt unsere alte Bekanntschaft erneuern!
Aber der ehemalige Stickpfriem erkannte sie nicht mehr oder wollte sie nicht mehr kennen; er war nämlich seit jener unglücklichen Geschichte ganz tiefsinnig geworden und jedesmal wenn er ein Stück Leder vor sich sah, bohrte er sich tief hinein aus reinem Lebensüberdruß. So war er denn dem Leder recht gefährlich.
Die Scheere dachte nun bei sich: im Grunde sieht er doch noch ganz reputirlich aus; vielleicht könnte doch noch ein Paar aus uns werden! -- Sie ließ sich dies auch ganz gut merken, er aber haßte Alles, was ihn umgab, und von der Scheere wollte er erst recht nichts wissen. Ja, die Letztere vergaß sich in ihrer Heirathssucht, um nur an den Mann zu kommen, so weit, daß sie ihm ganz unzweideutige Anerbietungen machte, und daß die Zange sich genöthigt sah, ihren Mund aufzuthun und den übrigen Werkzeugen zu erzählen, ein solches Frauenzimmer sei ihr noch gar nicht vorgekommen, man müsse auf seinen Ruf bedacht sein und sich ja nicht mit ihr abgeben, denn sie habe dem ehemaligen Stickpfriem Heirathsanträge gemacht, vor denen jedes sittsame Frauenzimmer erröthen müsse.
So kam es denn, daß Keiner mit ihr umgehen wollte und die Scheere immer allein blieb. Einmal wurde ihr aber doch die Zeit lang, sie mischte sich unter die Andern, wurde von diesen jedoch so gedrängt und gestoßen, daß sie auf die Erde fiel und ihre eine Spitze brach.
-- Das ist mein Letztes! rief die Scheere, vor Schmerz laut aufschreiend. Schickt nur schnell nach dem Doctor, sonst bin ich gar nicht mehr zu heilen!
-- Bring' das schlechte Ding auf den Boden und wirf es zu dem alten Eisen! sagte die Sattlerfrau, ihrer Tochter die Scheere gebend. Diese trug sie auf den Boden und warf sie in einen Kasten, in welchem lauter alte verrostete eiserne Werkzeuge lagen.
-- Die müssen hier alle von recht altem Adel sein, sagte die Scheere, sich in dem großen, offenen Kasten umschauend; sie sehen alle so ehrwürdig verrostet aus!
Mit diesem Gedanken tröstete sich die Scheere und fing alsbald an, ihren Nachbarn, alten verrosteten Nägeln, Feilen und Haken, von ihren früheren Eroberungen zu erzählen. Die aber waren alle sehr mürrisch und sprachen Tage lang kein Wort. Endlich wurde auch die Scheere immer stiller, denn es regnete durch das Dach in den offenen Kasten, und als sie sich eines Morgens besah, war sie über und über voll Rostflecken.
-- Ich glaube, ich fange _auch_ schon an, alt zu werden, sagte die Scheere zu sich; es wird wohl Zeit, daß ich mich mit höheren Dingen beschäftige! --
Und da wurde denn die Scheere _fromm_ und sprach den ganzen Tag hindurch von nichts als vom ewigen Himmelreich. --
Die zehn Rosen vom Sinai.
Hoch oben auf dem Berge Sinai da wächst seit Jahrtausenden ein großer, unendlicher Rosenstock, der breitet seine Zweige hoch über das ganze Weltall; die Gerechten und Frommen erkennen den Himmelsschimmer seiner Blüthen an dem Glanze des Morgen- und dem Purpurscheine des Abendlichtes und beten unter dem Blüthendom, ja selbst die schwarzen Stämme des Aequators kennen schon den Rosenstock und beugen sich unter seinen heiligen Blüthenschauer.
Dieser Rosenstock lebt ewig -- ewig und unzählich wachsen seine Blumen, und jedesmal wenn ein Kind geboren wird, dann fallen aus einer der zehn Rosen des Sinai zehn Samenkörner herab in des Kindes Brust. Dort keimen sie, wenn die Mutter an der Wiege sitzt, sie schlagen ihre Wurzeln, wenn der Säugling in süßem Schlummer lächelt, und der Engel zu Häupten des Kindes pflegt ihre ersten Keime.
Das Kind aber wächst und in seiner Brust entwickeln sich langsam die Knospen und gießen ihren sanften Schimmer über des Kindes Wangen. Gute Eltern wachen über die Rosen in seiner Brust, gute Lehren befruchten sie, daß sie gedeihen und zur vollen Blüthe kommen.
An jenem Tage aber, wo das Kind zum ersten Male an den Tisch des Herrn tritt, da bethauen sich die zehn Knospen mit den Freudenthränen der Eltern, unter dem fruchtbringenden Hauch eines göttlichen Evangeliums schwellen sie zu vollen üppigen Rosen, und Christi Blut, das über des Kindes Lippen fließt, färbt die Rosen mit dem wunderschönsten Purpurglanz.
So werden die Rosen bis zur Blüthe gepflegt; mit ihnen tritt der Knabe in die Welt, die ihm nicht immer nur Sonnenschein bietet und wohl Demjenigen, der ihren Keim unversehrt erhält, wenn unter den Stürmen des Lebens die eine oder die andere der Rosen traurig das Haupt senkt und ihm klagend zuruft: »willst Du mich denn sterben lassen?«
In der Brust des _bösen_ Kindes hingegen wollen die Rosen keine Wurzeln fassen; der Engel, der an seinem Bette sitzt, sie zu pflegen, wendet trauernd sein Antlitz ab und kehrt endlich zu _Dem_ zurück, der ihn als Gärtner gesandt. Und an der Stelle der Rosen beginnt nun das Unkraut zu wuchern, aus diesem wächst mit dem Kinde selbst ein Dorn empor, der immer größer wird, und um seinen Stamm windet sich eine Schlange, die auch die letzte Rosenblüthe erstickt. -- Also folgen auch die Rosen dem Engel in seine Heimath zurück und auf dem Grabe des Kindes wächst dereinst nur der Dorn, und an dem großen Rosenbaum _droben_ welkt jene Blüthe, aus der einst die zehn Körner in seine Brust gefallen, denn sie trauert um eine verlorene Seele.
Am Sarge des _guten_ Kindes jedoch flicht der Engel zehn weiße Rosen um die bleiche Stirn desselben zu einem Kranze; die Rosen folgen ihm in das Grab, schlagen dort neue Wurzeln, wachsen aus dem Hügel und sagen der Welt: »hier ruht ein gutes Kind!« -- Und das Abendroth leuchtet doppelt schön über dem Grabe, der große Rosenbaum droben rauscht mit seinen Blättern, in seinen Zweigen sitzen Millionen von Engeln, die empfangen mit lieblichem Gesang den Bruder, der ihnen die Seele des guten Kindes, einen neuen Gespielen hinauf bringt.
Die zehn Rosen aber sind die Rosen vom Sinai, _die zehn Gebote Gottes_.
Das Sperlingsnest.
Es war ein wunderschöner Sommermorgen. Die Sonne spiegelte sich in dem großen Teiche, der mitten im Dorfe lag und auf dem wohl zehn alte Enten mit ihren Familien umherschwammen, die Dorfjugend spielte auf dem freien Platze vor dem Herrenhause, die Bäume streckten ihre mit süßen Früchten beladenen Zweige über den alten von Brombeerranken durchwachsenen Zaun, vor dem Bauernhause las ein alter Mann mit schneeweißem Haar und einer großen Brille auf der Nase in der Bibel und vor des Pfarrers Hause spielten seine Kinder mit einem weißen Zicklein, das die tollsten Kapriolen machte, obwohl es Kirchzeit war, in der man sich hübsch sittsam und still verhalten soll.
Der Pfarrer war nicht zu Hause, denn er stand in der Kirche auf der Kanzel und predigte der Dorfgemeinde, man solle nur _Gutes_ thun; ja der ehrwürdige Mann hielt eine so wunderschöne Predigt, daß die Gemeinde nach dem Schluß derselben ganz gerührt nach Hause ging.
Draußen an dem großen Kirchfenster, dicht an einer der kleinen, zerbrochenen Scheiben hing ein Sperlingsnest, darin saß die Mutter mit ihren Jungen, die nun bald flügge waren. Die Sperlingsmutter horchte sehr andächtig auf die Predigt, denn sie war ausnahmsweise sehr fromm, und das war kein Wunder, denn wenn man in einer Kirche wohnt, kann selbst ein Sperling wohl fromm werden.
-- Was ist _das Gute_, von dem der Pfarrer sagte? so fragten die Jungen die Sperlingsmutter, als die Predigt zu Ende war.
-- Das werde ich Euch später sagen, denn jetzt seid Ihr noch zu dumm, es zu begreifen, sagte die Sperlingsmutter, ganz gerührt von der Predigt.
Am Abend fragten die Jungen wieder, was das Gute sei, und die Sperlingsmutter gab ihnen dieselbe Antwort.
Den nächsten Morgen flogen die Jungen aus dem Nest und kratzten dem armen Büdner seine Wintersaat aus.
-- War das gut? fragten sie die Mutter, als sie nach Hause kamen.
-- Nein, antwortete diese, das war _nicht_ gut.
Am zweiten Morgen flogen die Jungen aus dem Nest und bissen die zarten Schwalben, die sich auf einer Dachröhre im Fliegen übten.
-- War das gut? fragten sie die Mutter, als sie nach Hause kamen.
-- Nein, antwortete diese, das war _nicht_ gut.
-- Aber was ist _denn_ gut? fragten sie wieder.
-- Das werde ich euch sagen, wenn ihr das Gelbe an den Schnäbeln abgelegt habt, denn jetzt seid ihr noch zu dumm, antwortete die Sperlingsmutter.
Am dritten Morgen flogen die Jungen aus dem Nest und fraßen dem Küster alle seine schönen Melonen an.
-- War das gut? fragten sie die Mutter, als sie wieder nach Hause kamen.
-- Nein, das war _nicht_ gut.
Am vierten Morgen erwachten die Jungen in ihrem Nest, als die Mutter schon ausgeflogen war, um Frühstück für sie zu besorgen. Zu ihrem Schrecken sahen sie ein Netz über ihr Nest ausgebreitet und vor ihnen stand ein rothköpfiger Knabe auf der Leiter, der das ganze Nest aushob.
Die Sperlingsmutter kam gerade nach Hause, umflog den bösen Knaben und rief ängstlich: piep, piep! als sie das Unglück sah.
Da aber kam der Küster des Weges, er nahm dem rothköpfigen Knaben das Nest ab, stieg die Leiter hinauf und setzte es wieder an seinen Platz.
-- Ach, das ist gut, das ist gut! riefen die Jungen, noch zitternd vor Schreck.
-- Seht ihr! sprach die Sperlingsmutter. Jetzt wißt Ihr mit einem Male, was _gut_ ist. Ihr habt gestern dem Küster alle seine schönen Melonen angefressen, und doch hat er euch Gutes gethan. Macht's künftig ebenso! -- Kinder wissen überhaupt immer, was gut ist, sie _wollen_ es oft nur nicht wissen.
Christ ist geboren!