Part 5
Der König der Däumlinge aber empfing sie sehr freundlich, sie mußte vor ihm niederknien, damit sie ihn recht hören könne, denn sie war wohl an zehnmal größer als er sammt seinem Diamanten- und Rubinen-Thron. Er aber sagte ihr: die Stiefmutter sei ganz plötzlich aus dem Dorfe verschwunden, und wenn das auch nicht der Fall wäre, so hätte sie doch nicht wieder zu ihr gehen können, da sie bei ihr des Lebens nicht mehr sicher sein würde; Meta sei so unvorsichtig gewesen, ihr das Geheimniß des Däumlings zu verrathen, der nun dafür büßen müsse, indem die Alte ihn eingeschlossen halte und sorgfältig bewache, um ihn zur Sättigung ihrer Habsucht zu mißbrauchen. Gehe sie aber wieder zu der alten Stiefmutter, so werde ihr diese doch das Leben wieder nehmen, und _einmal_ könnten die Zwerge sie nur vom Tode erretten.
Meta weinte nun bitterlich darüber, daß sie ihre schönen rothen Wangen verloren habe.
-- Ja, sagte der König der Däumlinge achselzuckend, das kommt daher, daß Du all Dein Blut verloren hast; Du wirst Dein ganzes Leben hindurch bleich sein, aber da Du ein so gutes Kind bist, wollen wir dafür sorgen, daß Du glücklich werdest. Einstweilen mußt Du nun bei uns bleiben.
So tröstete sich Meta denn und lebte sechs Jahre lang glücklich bei den Däumlingen unter dem Brunnen; sie wurde auch größer und schöner, aber bleich blieb sie doch.
Wollt Ihr nun wissen, was inzwischen aus der bösen Stiefmutter geworden ist?
Die fuhr mit ihrem Gaul und ihren Kartoffelsäcken immer und immer fort, bis sie in eine fremde Stadt kam. Dort fuhr sie vor ein großes Gasthaus und sagte zu dem Wirth: sie sei eine sehr vornehme Dame, da sie aber viele Schätze bei sich führe, so habe sie diese schlechten Kleider angezogen und sich diesen unscheinbaren Wagen gekauft, um unterweges nicht von Räubern angefallen und geplündert zu werden.
Als der Wirth ihre Säcke von Gold sah, glaubte er ihr aufs Wort, denn wenn die Leute nur Geld sehen, so glauben sie ja Alles.
Die Alte aber kaufte sich seidene und sammetne Kleider, Diamantenschmuck, schöne Ketten und Armspangen, eine mit Gold ausgeschlagene Equipage mit vier Schimmeln, miethete sich stattliche Lakaien, die einen dreieckigen Tressenhut auf hatten und so viel Goldschnüre auf dem Leibe trugen, daß man die Farbe ihrer Röcke nicht unterscheiden konnte, und so fuhr sie dann in eine große Hauptstadt, in welcher der König lebte und sehr viele vornehme Leute wohnten.
Hier gab sie sich für eine Gräfin von altem Adel aus, kaufte sich eins der prächtigsten Häuser, gab glänzende Bälle und Feste und sah Barone, Grafen und Fürsten bei sich, die ihr das viele Geld verzehren halfen.
So ging das Alles gut; aber natürlich kam sie bei diesem Leben ihren Geldsäcken bald auf den Boden. Der Reichthum jedoch hatte schon ihr Herz so schlecht gemacht, daß sie sich vor gar keiner Missethat mehr scheute. Um wieder frisches Geld zu heben, lockte sie sich Abends fremde Kinder ins Haus, denen zeigte sie alle ihre schönen Sachen und gab ihnen Confect, das mit einem Schlaftrunk gefüllt war. Wenn nun diese Kinder einschliefen, so schnitt sie dieselben in den Finger, setzte ihnen einen Augenblick den Däumling auf, den sie dann sorgfältig wieder verschloß, und das Blut der Kinder wurde zu lauter Goldstücken. Viele arme Kinder hatte sie nun schon ums Leben gebracht wie die kleine Meta.
Endlich war wieder einmal ihr Geld erschöpft. Mehre Tage schaute sie aus, ob sie nicht einige Kinder in der Nähe sehen könne; aber es ließ sich kein solches blicken, denn in der Stadt ging das Gespräch, man habe schon mehrmals kleine Kinder in dieses Haus gehen, aber nie wieder herauskommen sehen, deshalb hüteten alle Eltern ihre Kinder vor der Nähe dieses Hauses. Allerdings sagten die Leute dies einander nicht laut, denn behüte, wer konnte es wohl wagen, einer so reichen und mächtigen Dame so etwas laut nachzusagen; aber was sich die Leute nicht laut erzählten, das erzählten sie sich doch leise und auch die Eltern der armen, umgebrachten Kinder wagten es nicht, eine so hohe Dame öffentlich zu beschuldigen.
Genug: es kam kein Kind mehr in die Nähe der Alten. In ihrer Verzweiflung machte sie daher eines Nachts kurzen Proceß, schnitt sich selbst in den Finger, setzte den Däumling auf, nahm ihn wieder ab und hörte zu ihrer Freude alsbald die doppelten Goldstücke klappern.
Als sie nun glaubte, es seien ihrer vorläufig genug, setzte sie den Däumling wieder auf. Da aber bekam sie einen erschrecklichen Schmerz in die Hand; es brannte ihr in allen Fingern, als sitze lebendiges Feuer darin und dieser Schmerz zuckte ihr durch alle Glieder. Eilig lief sie zum Waschbecken und steckte die Hand hinein, um den Schmerz zu kühlen; aber Alles half nichts; der Schmerz wurde ärger und ärger.
Sie warf den Däumling wüthend in die Ecke, der aber fing an zu lachen und rief: Etsch! Siehst Du, Alte, jetzt hast Du Dich selbst angeführt; du mußt sterben!
Da erinnerte sich die Alte der Worte, welche ihr Meta gesagt hatte, nämlich: daß die Wunde nie wieder heile, wenn man den Däumling einmal vom Finger genommen.
Eine entsetzliche Angst überfiel sie; alle ihre Diener mußten zusammen kommen und noch in der Nacht zu den Aerzten laufen. Diese kamen auch, wohl zwanzig an der Zahl. Einer von ihnen war immer klüger als der andre, und wollte noch ein besseres Mittel wissen; indeß die Wunde ward immer schlimmer, der Schmerz immer ärger, trotz all den Aerzten, Professoren und Medicinalräthen der Welt, die sie zusammen holen ließ, und ehe der zehnte Tag verstrichen, war der kalte Brand dazu gekommen; die Hand wurde ihr abgenommen, aber da schlug der Brand in ihren Arm und als der zwölfte Tag gekommen war, starb sie unter den schrecklichsten Schmerzen.
Kaum war sie nun todt, da stellten sich wohl ein Dutzend vornehmer Personen ein, mit denen sie näheren Umgang gehabt und die sie bei ihren Lebzeiten für ihre Verwandten ausgegeben hatte. Diese erklärten, sie seien die Erben der seligen Gräfin und wollten sich in ihren schönen Palast, in die glänzenden Möbeln, Equipagen, Pferde etc. theilen.
Als nun aber diese Theilung gerichtlich vor sich gehen sollte und die Richter und die Erben in dem großen Saale versammelt waren, saß der kleine Däumling, der nun wieder seine Freiheit hatte, in einem Blumentopf versteckt auf dem Fenster und rief immer: »Sie war ja gar keine Gräfin, und Ihr seid auch gar nicht ihre Erben; aber ich weiß Eine, die ihre rechte Erbin ist, und die kann jeden Tag hier sein!«
Die Richter und die falschen Erben horchten hoch auf, wußten jedoch nicht, woher die Stimme kam, und setzten ihr Geschäft ruhig fort; der Däumling aber saß immer in seinem Versteck und wiederholte seine Worte alle Tage. Am letzten Tage nun, als die Theilung zu Ende gehen sollte, rief er: »Ihr seid Alle falsche Erben; die einzige rechte Erbin ist eben vor das Haus gefahren und kann jeden Augenblick hier sein!«
Und wieder horchten die Richter und die Erben hoch auf. Da öffnete sich die Thür und ein wunderschönes Mädchen in einem von Gold und Silber gewirkten Kleide trat ein; sie war so überaus schön, daß es sich gar nicht beschreiben läßt, aber bleich war sie, sehr bleich, und wir wissen auch, warum sie so bleich, denn sie war ja die schöne Meta, die von den Däumlingen hergeschickt worden, um die Erbschaft ihrer Stiefmutter in Empfang zu nehmen.
Meta faßte sich ein Herz und erklärte den Richtern und den falschen Erben, daß _sie_ die rechte Erbin, nämlich die Stieftochter der Verstorbenen sei; dieser Reichthum gehöre _ihr_, da er aus _ihrem_ Herzblut gekommen sei, und ihn in Empfang zu nehmen, sei sie erschienen. Gleichzeitig erzählte sie ihnen auch, wer die Todte eigentlich gewesen und wie sich Alles zugetragen habe.
Aber die Richter schüttelten ungläubig den Kopf, und die falschen Erben erklärten sie für eine Lügnerin und Betrügerin und verlangten sogar von den Richtern, sie solle als eine solche eingesperrt werden.
Die Richter hingegen erklärten, das könnten sie nicht verantworten, wenn aber Meta wirklich die Stieftochter der Verstorbenen sei, so solle sie dies durch Zeugen beweisen.
Die Erben bestanden jedoch auf ihrem Willen und da sie lauter vornehme Leute waren, so gaben die Richter ihnen endlich nach, und die arme Meta wurde in ein Gefängniß geführt, wo man ihr sagte: sie habe nun vier Wochen Frist, ihre Rechte durch glaubwürdige Zeugen zu beweisen, wenn sie das aber nicht könne, so werde sie als eine Betrügerin zu schwerer Strafe verurtheilt werden. Damit schlossen sie die Gefängnißthür und Meta war allein.
Da hatte sich nun die gute Meta eine schöne Suppe eingebrockt! Sie fühlte sich so unglücklich, so verlassen, und wie sollte sie wohl der Strafe entgehen, da sie ja keine Zeugen aufbringen konnte!
Plötzlich hörte sie leise an's Fenster klopfen; sie öffnete und siehe da: die sechs Däumlinge, welche sie in einem stattlichen Wagen bis zu dieser Stadt geführt hatten, stiegen durch das Fenster herein.
-- Ich wußte ja, daß Ihr mich nicht verlassen würdet! rief Meta erfreut und trocknete ihre Thränen.
Die Däumlinge aber meinten, das sei eine böse Geschichte, aus der sie Meta mit allen Ehren herausziehen müßten, denn eine solche Wendung der Dinge hätten sie nicht erwartet.
Nun hielten sie einen Rath und noch an demselben Tage wurde ein Bote nach dem Dorfe geschickt, in welchem Meta früher gelebt hatte. Dieses Dorf aber war so weit, daß der Bote erst in drei Wochen frühestens wieder zurück sein konnte. Meta mußte sich daher in Geduld fassen; die Däumlinge thaten alles Mögliche, ihr die Gefangenschaft zu erleichtern, und die Richter gestatteten ihr, alle Tage zwei Stunden in dem Hofe des Gefängnisses spazieren zu gehen.
Bei solchen Gelegenheiten wurde sie nun von Manchen gesehen und alsbald verbreitete sich der Ruf von ihrer wunderbaren Schönheit in der ganzen Hauptstadt.
Auch der einzige Sohn des Königs, der Kronprinz, hörte davon und war neugierig, die seltene Schönheit zu sehen. Er ließ sich daher eines Tages in das Gefängniß und an ein Fenster führen, von welchem aus er Meta im Hofe sehen konnte. Lange schaute er sie an; dann aber wandte er sich plötzlich vom Fenster, trat mit seinem Begleiter vor die Thür, stieg in den Wagen und fuhr davon. Wahrscheinlich mochte ihm Meta doch nicht so schön erschienen sein, wie er sie dem Gerüchte nach erwartet hatte.
Eine Woche verstrich, zwei, drei und vier Wochen verstrichen. Da kam der lange erwartete Bote am Tage vor Ablauf der Frist zurück; aber Zeugen brachte er nicht mit, denn im Dorfe hatten ihm Alle gesagt, die kleine Meta sei schon vor sechs Jahren gestorben.
Meta weinte wieder und rang in ihrem Gefängniß verzweifelt ihre Hände; die Däumlinge aber suchten sie zu trösten und sagten ihr: sie solle sich nur ruhig von den Richtern verurtheilen lassen, denn wenn sie auch in einen Kerker von Eisen und Granit geworfen würde, so wollten sie Meta dennoch befreien, das sei für sie gar kein Kunststück.
Und der Morgen kam, an welchem Meta als eine Betrügerin vor die Richter geführt und verurtheilt werden sollte. Meta weinte wiederum bitterlich, die Däumlinge aber warfen sich ins Geheim lächelnde Blicke zu und sagten ihr, sie solle nur ganz unbesorgt sein, denn es sei nicht Alles so schlimm, wie es aussehe. Meta aber wäre so gern bei den Menschen geblieben, denn wenn es ihr bei den Däumlingen auch sehr wohl erging, so liebte sie doch die freie Natur und die Sonne und die Sterne so sehr, die sie unter der Erde sechs Jahre lang nicht hatte sehen können.
Da hörte sie einen Wagen vorfahren.
-- Jetzt holt man mich! rief sie erschreckt.
-- Ja, antworteten die Däumlinge, innerlich lachend; man holt Dich, aber es ist doch nicht Alles so schlimm, wie es aussieht.
Die Thür ging auf. Meta barg ängstlich das Gesicht in den Händen. Aber anstatt der Richter oder der Gefängnißknechte trat, von vier Hofherren mit Orden auf der Brust begleitet, der Kronprinz herein. Der ging auf Meta zu, nahm ihre Hand und sagte zu ihr: er habe sie neulich im Gefängnißhofe gesehen und seiner Mutter, der Königin, von ihr gesagt. Diese sei nun willens, sie zu ihrer Hofdame zu machen, und habe ihm den Auftrag gegeben, sie abzuholen. Sie solle also mit ihm kommen, sein Wagen stehe vor der Thür.
Gleichzeitig hängte ihr einer der Hofherren einen kostbaren Mantel von Hermelin und dunkelrothem Sammet um und der Kronprinz führte die schöne Meta hinab in den Wagen, wo er neben ihr Platz nahm.
Nach einigen Minuten hielten sie vor einem Palast, der war mit Blumen und Kränzen ausgeschmückt, zahllose Herren und Damen, alle wunderschön geputzt, hatten sich versammelt. Der Kronprinz aber führte Meta zu einem Thron, auf welchem sein Vater und seine Mutter saßen; diese umarmten und küßten Meta und nannten sie _ihre Tochter_.
Jetzt wußte die verwirrte Meta endlich, woran sie war, denn ehe sie sich dessen versah, wurde Hochzeit gehalten und sie war die Frau des schönen Kronprinzen.
So wurde die kleine Meta Kronprinzessin und nach einigen Jahren eine große und glückliche Königin. Bleich aber ist sie immer geblieben -- das kam daher, weil sie sich als Kind in den Finger geschnitten; hätte sie das nicht gethan, so wäre allerdings nicht geschehen, was ich hier erzählt, aber da dieses nicht alle Tage passirt und es überhaupt noch nicht erwiesen, ob diese Geschichte wahr ist, so nehme man lieber seine Finger in Acht, das ist das Sicherste.
Warum der Storch immer so geht.
Auf einem spitzen Felsen im Steyrischen Hochgebirge horstete ein Adler mit seiner Frau und einer einzigen Tochter, die seine größte Freude war.
Das Adlerfräulein war auch schon in dem Alter, daß sie recht gut heirathen konnte, und das hätte sie auch sicherlich gethan, wenn in der ganzen Umgegend noch eine zweite Adlerfamilie gewesen wäre. Aber die war nicht da.
Diesen Umstand benutzten nun der junge Storch, der unten im Bauernhofe ein eignes Nest hatte, und der Sohn einer Eulenfamilie, welche in dem alten verfallenen Kloster ganz in der Nähe wohnte. Beide suchten sich dem Adlerfräulein angenehm zu machen und wollten sie gern heirathen.
Eines Tages also putzte sich der Storch die Federn sehr fein, polirte sich den Schnabel und die Beine, daß sie glänzten wie Karfunkelstein, und flog dann zum Adler hinauf. Der saß gerade mit seiner Tochter und speiste einen Rehbraten zu Abend. Storch mußte an der Mahlzeit Theil nehmen, und als sie gegessen und sich die Schnäbel mit der Serviette gewischt hatten, da meinte der Storch, daß es nun wohl die beste Zeit sei, die Werbung anzubringen. Er faßte sich also ein Herz und hielt bei dem Adlervater um die Hand seiner Tochter an.
Der Vater rollte seine großen Augen sehr und sagte, das komme ihm ganz unerwartet und wie schmeichelhaft ihm auch diese Werbung sei, so müsse er doch den Storch auf Verschiedenes aufmerksam machen, womit seine Tochter gewiß ganz einverstanden sei.
Erstens, meinte er, werde es dem jungen Herrn Storch wohl bekannt sein, daß die Familie der Adler, wie schon der Name andeute, vom ältesten und reinsten Adel sei; die Adler seien alle _adlich_ und ihr Urvater sei bekanntlich noch mehre Tage vor Adam erschaffen worden, wohingegen die Störche nur bürgerlicher Herkunft seien und ja auch stets bei den Bauern wohnten. Indeß, sagte er weiter, er sei nicht stolz und wolle also von diesem Punkte ganz absehen. Aber ein Vater müsse immer auf Anstand halten und deshalb könne er es nicht zugeben, daß seine Tochter einen Mann mit so langen nackten Beinen heirathe, mit denen er sich ja in keiner Gesellschaft von gutem Ton sehen lassen dürfe. Er als Vater müsse sich also gegen diese Heirath erklären und sei überzeugt, daß seine Tochter ihm hierin beipflichte, denn er habe sie stets nach den Grundsätzen des feinsten Anstandes erzogen.
Dabei warf der Vater einen Blick auf seine Tochter; diese machte ein sehr sprödes, zimperliches Gesicht und sagte: »ja, lieber Vater, Du hast ganz Recht!«
Man kann sich denken, wie dem armen Storch zu Muthe war, als er diesen Korb bekam.
Aber der Vater fuhr fort:
-- Da hat sich auch schon der Sohn der Frau Eule hier in der Nachbarschaft gemeldet und ich muß sagen, daß mir der junge Herr Eule recht sehr gefällt, denn er hat Geschmack und trägt namentlich seine Beinkleider nach der neuesten Mode bis über die Füße. Aber wie sehr erwünscht es mir auch wäre, meine Tochter mit einem geistlichen Herrn zu vermählen (denn seine Familie wohnt schon seit Menschengedenken in der Abtei hier nebenan) so hat er doch einen großen Fehler: er ist nicht solide genug, er hat zu viel noble Passionen, verschläft den ganzen Tag und schwärmt die ganze Nacht umher. Aus diesem Grunde kann ich auch ihm meine einzige Tochter nicht geben!
Während der Vater noch sprach, kam gerade der junge Herr Eule aus seiner Wohnung, setzte sich auf das Dach des Klosters, gähnte und schaute umher, ob denn die langweilige Sonne _noch_ nicht untergegangen sei. Man sah es dem Nachtschwärmer an, daß er soeben erst aufgestanden war.
Storch musterte prüfend von weitem den Anzug des Herrn Eule, dem die Federn so hübsch bis tief auf die Fußspitzen gewachsen waren, betrachtete dann seine eigenen dünnen Beine und mußte gestehen, daß ihm jener Anzug wohl gefalle. Wenn _der_ also nobel und in der Mode sei, meinte er, so wäre es ihm ein Leichtes, sich auch Beinkleider anzuschaffen.
Der Adlervater sagte, wenn er _das_ könne, so lasse sich über die Sache weiter sprechen, und Storch erklärte, er werde morgen früh pünktlich um 10 Uhr unten auf der Wiese in seinem neuen Anzuge spazieren gehen, der Adler und seine Tochter sollten nur von ihrem Horst aus hinabsehen, so würden sie ihn bemerken.
So weit war man einig und der Storch empfahl sich mit einem tiefen Bückling, wie er ihn gewöhnlich macht.
Noch an demselben Abend traf der Storch den Bauern, als er vom Felde kam. Er ging auf ihn zu und fragte ihn, ob er ihm nicht ein paar Beinkleider borgen könne.
-- Hoho!? Was willst _Du_ denn mit Beinkleidern? rief der Bauer und erklärte ihm, für so dünne Beine habe er keine Beinkleider. Indeß ließ er sich doch überreden, ging in das Haus, brachte dem Storch eine weite Pluderhose und sagte ihm, er solle mit derselben ja nicht nach seiner Gewohnheit in den Sumpf gehen, damit sie nicht schmutzig werde, denn sie gehöre seinem Sohn.
Storch flog mit dem Beinkleid in sein Nest, probirte das Ding hier an und meinte, es werde schon gehen, man müsse sich ja an Alles erst gewöhnen.
Am andern Morgen saßen der Adler und seine Tochter auf dem Rande des Felsens und schauten neugierig aus, ob der Storch noch nicht auf der Wiese zu sehen sei. Und richtig, da kam er angewackelt!
Aber, meines Lebens, wie sah der Storch aus! Er hatte so weite Hosen an, als hätte er einen ganzen Sack mit Aepfeln darin stecken, und hob dabei die Beine so hoch und machte so lange Schritte, daß der Adler und seine Tochter sich vor Lachen nicht zu bergen wußten.
Der Storch war aber auch in einer jämmerlichen Lage! Er hatte es sich so schön gedacht, Hosen zu tragen, und was geschah? Kaum kam er auf der Wiese daher spaziert, als sämmtliche Frösche und Kröten laut zu lachen anfingen. Sie hüpften ihm nach und damit er sie nicht kriegen könne, sprangen sie ihm von unten in seine weiten Pluderhosen und in die Taschen hinein, machten sich da über ihn lustig und riefen:
»Etsch, etsch, Klappermann, Quak, quak, hat Hosen an!«
So ging es immerfort und um ihn her stimmten alle Frösche auf der Wiese mit ein, daß dem armen Storch ganz übel und schlimm dabei wurde. Aber er sah, daß der Adler und seine Tochter oben saßen, und dachte: »blamiren darfst Du Dich nicht; Du mußt wenigstens Deine Ehre retten!«
Deshalb machte er immer höhere Schritte, um die garstigen Frösche herauszuschütteln. Die aber tanzten um seine nackten Beine und riefen immerfort: »quak, quak, hat Hosen an!« Daher war er denn nur froh, daß er bald die Ecke des Felsens erreichte, hinter welcher ihn der Adler nicht sehen konnte.
Aber ehe er diese noch erreicht hatte, hörte er den Adler und seine Tochter laut auflachen, und als hätte sie sich mit den Fröschen verabredet, rief ihm die Tochter zu:
»Klappermann hat Hosen an!«
Das war nun allerdings sehr unartig von ihr, aber warum hatte der Storch auch Hosen angezogen!
Dies war dem Storch denn doch zu schimpflich; er ließ alle Liebesgedanken fahren, und kaum war er um die Ecke, als er das Beinkleid den Fröschen preisgab und hinter dem Felsen herumflog, so daß ihn niemand bemerken konnte.
An demselben Abend noch hatte der Storch sein Nest verlassen und war nach dem Süden gezogen, und die Bauern meinten, nun werde es wohl bald Winter werden, denn jetzt habe sich auch der letzte Storch auf die Reise begeben.
Seit jener Zeit aber kann der Storch gar nicht anders als so gehen.
Jeder nach seiner Weise.
Draußen in der Abendluft schwärmte ein großer Brummer, der kam an das offene Fenster eines reichen Mannes, flog in das Zimmer und machte hier einen Mordspectakel, wie es die Brummer zu thun pflegen. Bald summte er in der einen, bald in der andern Ecke, bald an dieser, bald an jener Seite und bald wieder stieß er sich den Kopf an den Fensterscheiben, der dumme Brummer, der keine Ahnung davon hatte, daß es Glaser in der Welt gebe.
-- Summ, summ, summ! ging es im Zimmer; summ, summ! an den Fenstern; summ, summ! in allen Ecken. Ihm war das Zimmer viel zu eng und hätt' er es sich recht überlegt, so wäre er lieber draußen geblieben.
Plötzlich fing der Theekessel auf dem Tisch an zu singen, denn das Kohlenbecken unter ihm machte ihm das Leben recht heiß, und der Theekessel meinte, der wilde Brummer sei doch ein recht glückliches Thier, der habe Flügel und könne fliegen, wohin er wolle.
-- Simm, simm, simm! klagte der arme Theekessel, als die Abendkühle ins Fenster drang, denn er stand wirklich auf Kohlen.
Brummer hörte den Theekessel; er setzte sich oben auf den Rand des Ofens, von wo aus er das Zimmer übersehen konnte, und horchte, wer hier außer ihm im Zimmer noch singen möge.
Da erblickte er den Theekessel und machte sich wieder auf den Weg.
-- Summ, summ, summ ... supp! Da saß er auf der Tischdecke und glotzte den Theekessel groß an.
-- Was machst Du denn da für eine dumme Musik? sagte er zu dem Theekessel, nachdem er sich einige Male unwillig mit den Vorderfüßen über den dicken Kopf gefahren war.
-- Simm, simm, simm! sang der Theekessel, denn ihm war ja so heiß.
-- Das ist gar nichts gesagt! fuhr der Brummer fort; wenn Du Dir einbildest, Du könntest singen, so thust Du mir wirklich sehr leid.
-- Ich _muß_ ja singen, wenn ich heiß werde, antwortete der Theekessel; das ist so meine Gewohnheit... Simm, simm! sang der Theekessel.
-- Du _mußt_ singen? Wo liegt denn die Nothwendigkeit, wenn _ich_ hier schon singe? Ich gehöre zu den Singvögeln, sagte der Brummer und spazierte näher, als wäre er ein ganzer Polizeimeister.
-- Laß mich in Ruhe! rief der Theekessel.
-- Willst Du zugeben, daß ich besser singen kann als Du? fragte der Brummer.
-- Jeder nach seiner Weise! antwortete der Theekessel; wenn es darauf ankommt, singe ich doch höher als Du.
-- Das ist nicht wahr, Du einfältiger Theekessel! Gieb nur Acht, ich will es Dir beweisen!
Damit flog der Brummer auf, wirthschaftete im Zimmer hin und her und sang so hoch er konnte; aber es war doch immer nur die alte Tonart.
-- Nun, was sagst Du jetzt? fragte er, sich wieder auf den Tisch setzend.
-- Ich will nicht mit Dir streiten, aber ich kann doch höher singen; das ist so meine Natur... Simm, simm, simm! rief der Theekessel und sang die höchsten Töne, denn je heißer ihm ward, desto höher mußte er singen.
-- Oho! So hoch kann ich auch! Was ist wohl die Natur gegen die Kunst! rief der Brummer.
Und abermals flog er auf, aber es ging doch immer nur summ, summ! Der gute Brummer sang einen erschrecklichen Baß. Der Theekessel jedoch stimmte noch höher mit ein und ließ dabei aus dem kleinen Loch in seinem Deckel den Dampf in die Höhe steigen.
Brummer sah wohl ein, daß er nicht so hoch kommen könne, aber er wollte es doch nicht zugestehen.
-- Laß uns noch einmal von vorn anfangen, sagte er; ich werde anstimmen!