Imaginäre Brücken: Studien und Aufsätze
Chapter 7
In Kürze: der schöpferische Mensch ersetzt das Real-Mythische durch das Fiktiv-Mythische, das um so bedeutender und großartiger ist, je größer eben sein Geist, sein Blick, seine innere Welt, sein Genie sind. Es gelingt ihm durch unermüdlichen Fleiß, durch glühendes Welt-Erraffen, selbstvergessenes Welt-Erschauen, sein Egoistisch-Persönliches gleichsam auszutilgen und dafür das Fiktiv-Persönliche zu geben. Dies ist dem Literaten versagt; also auch dem Psychologen. Wohl schöpft er ebenfalls alle Nahrung aus sich selbst, gräbt eine Welt aus seiner Brust, erlebt tief und wahrhaftig, aber da er nicht die Gabe der Verwandlung besitzt, bleibt er immer, der er war, wandelt sich nur von einem Werk in das andere, von einer Gestalt in die andere, nie in das Göttliche empor, und er ist fern von den Menschen – wie der schöpferische Mensch, und fern von Gott – wie die Menschen. Er verwandelt sich nicht in das Herrlich-Fiktive; auch seine Gestalten nicht; sie treten nicht in die ewige Region, in die Sphäre der höheren Wahrheit, des vereinfachten Lebens, sie bleiben ihm zugeschmiedet, bleiben Suchende, Irrende, Leidende, Unbefreite, und sie sollen Boten sein von ihm zur Welt, von ihm zu Gott, Boten, die er dingt, um sich selbst, seine Schmerzen, seine Scham, seinen Ehrgeiz, seine Einsamkeit (die ihm doch ein errungenes Gut, nicht ein erzwungenes Joch sein müßte) zu bezeugen, zu verraten. Die Menschen aber, in ihrer Neugierde, ihrer Eitelkeit, ihrer Lust an Spiegelbildern, an Enthüllungen, entschleierten Geheimnissen, zerstörten Vorbehalten und unter dem Druck ihrer Not gewahren in ihm nicht ein Gleichnis für Göttliches nicht eine Idee, sondern für Menschliches, eine Wirklichkeit. Das danken sie ihm, das bewundern sie an ihm, das zieht sie zu ihm. Seine Wachsamkeit hält sie wach, seine Bewegtheit zerstreut sie, seine Treffsicherheit trifft sie, seine Gespanntheit ergötzt sie, seine Einsamkeit verstehen und betrauern sie, in allem finden sie ein Gleichnis für sich selbst, und das ist etwas anderes, viel Lustigeres, Glaubhafteres und Reizenderes als beim schöpferischen Menschen, wo sie ein Gleichnis für das Göttliche finden, die Synthese.
Freilich, so wenig der schöpferische Mensch heute das Volk für sich hat, die belebte, organische Gesamtheit einer Kulturperiode, so wenig der Literat als Psycholog. Jener hat eine Gemeinde, eine geistige Polis, die an Macht zunimmt; der Psycholog hat ein Publikum. Und was ist ein Publikum? Es sind die »Getroffenen«, die Neugierigen, die Gelangweilten, eine ungeordnete Horde von Freischärlern der Bildung, die Wahllosen, Gesetzlosen, Zusammenhanglosen und völlig Gottlosen. Darin beruht der tiefste Schmerz des Psychologen, und deshalb wird ihm Erfolg, Beifall und Echo niemals zur reinen Freude. Was kann es ihm auch bedeuten, die Gottlosen für sich zu haben? Ihm, der doch daran leidet, daß er gottlos ist?
Mit der Genugtuung, die nicht frei von dem Glück des Darüberstehens ist, mag er auf den blicken, der geradeswegs für das »Publikum« erschaffen wurde und der nicht mehr daran leidet, daß er gottlos ist.
Das ist:
Der Literat als Tribun
Er stammt zumeist aus kleinen Verhältnissen und kennt die Not, die leibliche wie die geistige. Zwei Dinge haben ihn emporgehoben: sein Ehrgeiz und das Wort. Sein Ehrgeiz war anfangs nur äußerlich, er zielte auf die Verbesserung der sozialen Stellung, wurde aber später durch geistige Zuströme sowohl veredelt wie von der Richtung abgelenkt, denn der Dienst am Wort ist ein Frondienst, der jeden Lebensgenuß zerstört. So spielt dieser Ehrgeiz mit dem, der ihn hegt, wie ein Irrlicht mit dem Wanderer.
Die an die Zwecke gebundene Seele kann den Geist nicht beschwingen, aber sie gibt ihm die vehemente Stoßkraft des von eingepreßtem Dampf getriebenen Hebels.
Der Literat als Tribun ist der Psycholog des Tatsächlichen; er ist Erklärer und Propagandist; Bannerträger alles Neuen; Beobachter, der unfehlbare Schlüsse zieht; Alchimist der Überraschungen und Moralist der Nutzanwendung; Übertreiber des Absurden, Verzerrer des Trivialen, Widersacher des Selbstverständlichen; Leugner des Seltenen, wo Seltenes anerkannt, und Verkündiger des Genius bis zu der Stunde, wo der Genius sich ganz entfaltet. Er ist der Meister der Anpassung, der Aufwiegler der Stumpfen, die Polizei der Rebellen, Brandstifter und Arzt; er ist vieles in vielem, alles in allem. Er steht, auf den Augenblick angewiesen, zwischen zwei Tagen, ohne des vorhergehenden zu denken, ohne den gegenwärtigen halten zu können, ohne vom folgenden zu wissen. Er ist wie der Kapitän eines Passagierdampfers; bei jeder Fahrt sind andere Menschen um ihn, niemals gleichgestimmte, nie vorbereitete, nie solche, die sich seiner Leistung von der letzten Fahrt her erinnern; er muß alle Voraussetzungen seines Tuns und seiner Kräfte jedesmal von neuem exponieren. Der Wechsel der Passagiere vollzieht sich unter beständigem Bruch geschaffener Bündnisse und Übereinkünfte, beständiger Veränderung der Formen und Normen.
Was er mitbringt, ist seine Person; dieser erinnert man sich wohl. Im Grund ist es der Name, der Gewicht und Klang hat, der eine Luft des Schreckens, des Befehls, der Autorität, der Leidenschaft um sich trägt. Die Leistung wird dem Namen zugewogen, die Person schreitet über die Leistung hinweg.
Wer ist unglücklicher als er? Vertrauen erzwingen, Anerkennung, Billigung und Freundschaft mit Aufwand aller Mittel des Geistes erobern, um alles wieder zu verlieren, wenn der Tag sich wendet. Immer wie am Anfang muß er seine Person einsetzen und bloßstellen, immer mit dem ganzen Elan oder, was nicht minder aufreibend ist, mit der Gebärde des ganzen Elans. Hätte er nicht die Gebärde, so würde er ausgeplündert, ausgeschlürft und ausgeleert, da die Vielfältigkeit der Aufgaben, die ihm gestellt werden, und die Zerstreutheit der Interessen, die zu sammeln, zu befriedigen, zu beschäftigen seine wichtigste Mission ist, ihn nötigen, alles was er empfängt, sogleich wieder zu veräußern. Der schöpferische Mensch verarmt nicht, ihn nähren tiefe Wurzeln; seine wirkliche Persönlichkeit wird genährt von seiner mythisch-fiktiven. Auch seine Einsamkeit ist nur fiktiv, denn er hat die Gestalt, die ihm verbunden ist, auch wenn kein Ohr ihn hörte, kein Auge ihn sähe. Die Realität ist nur ein Gleichnis für ihn; er schafft ja die Welt zum zweitenmal.
Demgegenüber ist der Literat als Tribun der einsamste von allen Menschen, ganz an sich geschmiedet, ganz gelöst von der Welt. Was ihn schützt und tröstet, ihn unermüdlich, gewissermaßen verblendet macht, was seinen Ehrgeiz in Glut erhält, ist das Wort. Er hat eine angeborene Liebe zum Wort, und es wäre verwunderlich, wenn er sich bisweilen nicht für einen Dichter hielte. Das Wort ist sein Gefährte, er geht mit ihm um wie mit einem Freund, er tändelt mit ihm wie mit einem Kind, er betreut es wie eine Geliebte und ist von der Macht des Wortes bis ins Innerste durchdrungen. Ist er von Natur feige, so wird er durch das Wort tapfer, ja tollkühn; hinter dem Wort verschanzt er sich, verbirgt er seine Armut, seine Zweifel, seinen Neid, seine Unsicherheit. Das Wort gibt ihm Charakter, steigert seinen Willen, korrigiert und verdeckt seine Irrtümer und verleiht ihm genau die Gestalt, die er vorzustellen wünscht. So wird er undurchdringlich mit Hilfe des Worts, als ob das Wort ein Panzer wäre; unsichtbar und unauffindbar hinter dem Wort, ein wunderliches Widerspiel zum schöpferischen Menschen, der unsichtbar ist hinter der Gestalt. Aber Worte schaffen nicht die Gestalt, nur Handlungen, Bewegungen (des Körpers oder der Seele). Dann sind Worte von ganz anderem Valeur, ja, ganz andere Organismen, Gedeutetes, nicht Gesagtes. Das Wort als solches verhüllt die Gestalt und macht sie unsichtbar.
In einer Zeit wie der gegenwärtigen, in der ungeheuren Fülle der Dinge, der Gesichte, der Vorgänge, der Meinungen, des Wissenswürdigen, des Neuen, des schnellen Austausches der Werte, der enormen Vergrößerung geistigen Bestandes bei erschreckender Haltlosigkeit des Besitzes ist der Literat als Tribun unentbehrlich. Er ist es, der wägt, der urteilt, der vermittelt, der die Großmünze der geistigen Regierungen in die Kleinmünze des Verkehrs umsetzt, der Bildung verbreitet, Kenntnisse weckt, Einsichten fördert und in allen Angelegenheiten des öffentlichen Lebens höchste und letzte Instanz ist.
Das wäre nun eine sehr segensreiche Tätigkeit mit heilsamen Wirkungen, müßte man glauben. Man müßte glauben, daß eine so stetige und heftige Teilnahme am allgemeinen Wohl, an Kunst und Kultur, an seelischem Wachstum und geistigem Fortschritt ohne Selbstlosigkeit, ohne Opfersinn und ohne wahre Sachlichkeit nicht denkbar sei. Sehen wir näher zu.
Kann von Opfersinn die Rede sein, wo ein Lohn, auch nur der allergeringste Lohn in Aussicht steht? Kann von Selbstlosigkeit die Rede sein, wo eine Handlung dazu dient, den Glanz eines Namens zu erhöhen? Es mag einer mit wahrer Leidenschaft eine Sache führen, und er besitzt doch nicht die wahre Sachlichkeit, sobald es unter dem Schutz seiner Person und unter dem Schild seines Namens geschieht. Opfersinn und Selbstlosigkeit, das wäre Auflösung der Anonymität, – rein betrachtet, meine ich, denn ich will ja keine Kompromisse mit den Begriffen und mit den Erscheinungen schließen. Daß die Anonymität des Tribuns ja zuweilen sogar seiner Ehre schaden kann und muß, gehört auf ein anderes Feld; es ist dies ein bedeutsames Kulturzeichen, welches die Kultur, nicht _das_ anklagt, was ich unter Anonymität verstehe.
Was aber verlangst du? hält man mir dawider. Ist der Opfersinn, die Selbstlosigkeit, die Sachlichkeit unzureichend, die der Literat als Tribun in seinem edelsten Typus darstellt, was wäre dann zureichend? Was geschähe ohne ihn? Wer würde seine Arbeit verrichten, die, wie gesagt, unentbehrlich ist, schon weil sie der Gewohnheit und den eingefleischten Neigungen entspricht? Vielleicht diejenigen, die der Auflösung und der Anonymität fähig sind? Die wirken durch die Tat, durch die Gestalt, nicht durch das Wort. Ist jedoch der schöpferische Mensch anonym? Er erreicht einen gleichwertigen Zustand durch den Mythos, in dem er entschwindet wie Zeus in der Wolke. Wo läge aber der Mythos für den Literaten als Tribun? Er kann ihn nicht haben, denn das Wort ist das dem Mythos schlankweg Entgegengesetzte.
Dafür wäre also abermals die Zeit zu beschuldigen, die eine Kultur geschaffen hat aus einer Summe von Einzelkulturen, die auf den Individualismus schwört und in ihren subtilsten Regungen, in ihren ahnungsvollsten Stunden noch, sie weiß kaum wie sehr, der Materie huldigt. Die Person, das ist eben die Materie in nuce. Man fragt, was ohne die segensreiche Tätigkeit geschehen würde, die der Literat als Tribun entfaltet. Die Wege der Bildung würden veröden; gewiß. Aber ist es nicht schon genug der Bildung, die nur auf eine Vervollkommnung des Persönlichen, persönlicher Macht, persönlicher Ausdrucksmöglichkeit, persönlicher Steigerung zielt? Sollten nicht alle Federn einmal ruhen, um eine wohltuende Geistesdämmerung eintreten zu lassen, in der die Seelen einander finden würden, der Streit der Meinungen, die Schlacht der Worte zum Austrag gelangen könnte? Ich behaupte nicht, daß diese Bildung nur ein Äußeres sei, sie kann auch ein Inneres sein, Kräftigerin des Gemüts, Reinigerin des Herzens; aber ein Religiöses ist sie nicht, niemals wird sie den Menschen zum Mythos führen, ihm die große Fülle, die große Stille, die große Bescheidung, den großen Zusammenhang schenken und sein Herz der Trägheit entledigen, die eine Folge der individuellen Isolierung ist; immer wird sie ihn verpersönlichen, zum Knecht des Wortes machen, zum Wörtlichen, zum Einzelnen.
Dafür eben ist _das Wort_ ein Merkmal, das Merkmal geradezu. Es hat alle Gebiete des Denkens und des Gefühls, die Geisteswelt und die Sinnenwelt erobert. Es ist der nützliche Kolonisator jeder Wildnis und der voreilige Zerstörer des Geheimnisvollen. Es hat nur kurzen Atem, eine flüchtige Existenz, aber es hat die Kraft, sich immer wieder aus sich selbst zu erneuen. Was es berührt, bezeichnet hat, tritt unveräußerlich in den Bezirk des Gewußten und Bewußten, in den Bannkreis der Meinungen und Urteile, wird studiert und klassifiziert, ist da und ist fertig wie Raritäten in einem Museum, wie Naturalien in einer Sammlung, wo sie aufhören, ein freies, organisches und anonymes Dasein zu führen. Was gestern noch Ahnung war, heute ist es Gewißheit, morgen ist es ein Schall. Der Weg vom lebendigen Wort zum Schlagwort entscheidet die Kürze des Wegs vom Glauben zur Entgötterung, von der Gebundenheit zur Anarchie. In der Mitte des Wegs schwebt ein Scheinbild von Glauben und Gesetz; es ist nicht Glauben, es ist Angst, Fatalismus; es ist nicht Gesetz, es ist Trägheit, Rationalismus – Schranken vor dem Chaos.
Will der Literat als Tribun über das Wort hinaus, so gelangt er in die Sphäre des Dilettanten oder in die des Psychologen, wobei er Schatten beschwört, die er für Gestalten nimmt. Aber innerhalb seines Bereichs ist er unnachahmlich und wird seine Gaben zur Vollendung entwickeln. Da er in der Luft der Worte lebt, atmet er alle Worte ein, die über den Dingen schweben, über den Menschen, über der Kunst und über der Natur. Er vermag sie so zu binden, so zu schleifen, daß sie unter allen Umständen seinen Charakter und die Farbe seiner Persönlichkeit annehmen. Dies ist noch nicht Stil; zum Stil gehört Distanz und Ruhe, Bild und Rhythmus; es ist das Wort in seiner Sinnlichkeit und Nähe, seiner Einschichtigkeit und Einzelligkeit, das naive, parteinehmende, werbende und symbollose. Damit es an seinem Platze sei, fehlt ihm die Rede. Dies enthüllt sein Zwittertum wie auch den Zwiespalt des Literaten als Tribun. Die Rede fordert Hörende, nicht Neugierige, Wißbegierige, nicht Gelangweilte, die flüchtig aufhorchen und wieder vergessen, wenn der Tag sich wendet, deren Teilnahme für Gelesenes nur eine Maske der Müdigkeit und der Überfütterung, deren Enthusiasmus sogar, weil sie sich dadurch von einer Verpflichtung loskaufen, nur eine künstliche Form von Gleichgültigkeit oder sagen wir Objektivität ist; sondern die Rede fordert eine von gemeinsamem Band vitaler Interessen umschlungene Gemeinde. Der Literat als Tribun sitzt also, trivial gesagt, zwischen zwei Stühlen. Zur Rede mangelt ihm die soziale Grundlage, eine einheitlich beteiligte Gesellschaft; das geschriebene Wort hat ganz andere Resonnanzen und Ansprüche; an die Stelle des Willens zur Tat tritt der Ehrgeiz am Wort; er ist zum Schriftsteller geworden, ohne zu spüren oder zuzugeben, daß dies nur ein Surrogat ist, und über die Unmöglichkeit einer allgemeinen, politischen, besser: verwandelnden Wirkung tröstet er sich mit der Anerkennung der Einzelnen, mit dem Enthusiasmus der Gleichgültigen, mit der Zustimmung der Fachgenossen und einem Ruhm, der aus Papier besteht.
Eine unausbleibliche Folge des Mangels an Hörenden ist die zunehmende Zahl derer, die selbst etwas sagen wollen. Es beruht dies auf dem seltsamen Irrtum der menschlichen Natur, daß sie das geben zu müssen glaubt, was sie nicht empfängt. Die fortschreitende Individualisierung wirkt auf den einzelnen verlockend, ein Phantom der Freiheit äfft ihn, und er tritt selbsttätig aus der Kette, bevor zur Reife gelangt ist, was durch die stumme Arbeit der Geschlechter vollendet werden muß. Jeder solche einzelne ist ein »Talent«. Das Talent ist ein Losgelöstes, vom Mythos Getrenntes, auf eigene Faust Wirkendes. Die Talente sind Zauberer, nicht Priester in der modernen Welt, Sektierer, nicht Apostel, und was ihnen die Zeit verdankt, Unterhaltung, Zerstreuung, Spannung, Anspannung (der die Abspannung wie eine Rache nachgeht), dafür machen sie sich bezahlt durch eine geistige Tyrannei und eine Vorherrschaft ihrer spezifischen Art, welche den innerlich Unsichern, zufällig Erhobenen nicht verleugnen. Das Talent ist wie der Mond; es zeigt immer nur eine Seite: die literarische; die menschliche ist unsichtbar, – eine Entzweiung von verhängnisvoller Beschaffenheit, die irgendwo und -wann zum Bankerott führen muß.
Wie oft sehen wir, daß zugunsten des »Literarischen« das Menschliche geopfert wird. Wir müssen auf ein Antlitz verzichten, um uns an Verkleidungen zu ergötzen. Die Kunst trennt sich vom Leben. Nun gibt es Fälle, wo ein Mann so von einem Erlebnis erfüllt ist, daß er sich gedrängt fühlt, es darzustellen. Es handelnd auszulösen, ist ihm aus vielen Gründen versagt, unter welchen der Mangel eines echten gesellschaftlichen Zusammenschlusses am schwersten wiegt; er greift zur schriftlichen Mitteilung – als Beichte; zur übertragenen Form des gestalteten Bildes – als Spiegelung. Mag es Klarheit für ihn, Aufklärung, Bereicherung für die Freunde, für Gleichfühlende bringen, Werbung oder Verteidigung sein, es reinigt und entlastet ihn. Anstatt es aber dabei zu lassen, das Ungewöhnliche, Seltene, jedenfalls Einmalige als solches zu bekräftigen, indem man die Einmaligkeit nicht zerstört, anstatt dessen wird der Geist zur Krippe getrieben, und was zuerst Berufung war, wird Handwerk, dann Routine, dann ekler Absud und Selbstplagiat. Man ist Schriftsteller, denn man schreibt. Es wird immer weiter geschrieben, ein Name wird ausgenutzt, eine Tat wird verleugnet, Freunde werden zu Kostgängern, ehedem Ergriffene zu höflichen Jasagern, die Seele verarmt in der Gebärde, der Geist stellt sich im Wort bloß, Erlebnis wird sogleich als Stoff einkassiert, der Stoff hinwiederum lähmt das Erlebnis, dem Schaffenden wird die Bahn verlegt, den Genießenden die Unschuld und Freudigkeit getrübt, und es entsteht – Literatur.
Das Notwendige sinngemäß vollbringen, kennzeichnet den Menschen von Berufung. Infolge jener Entzweiung wird entweder das Notwendige nicht sinngemäß, d. h. stilgemäß, angeborener Form entsprechend zum Ausdruck gelangen, wenn das Menschliche prävaliert, oder das Sinngemäße wird nicht immer das Notwendige, ganz Legitime, ganz Triebhafte sein, wenn das Literarische prävaliert. Entweder wird also das Literarische als dem edleren Dilettantismus verwandt, oder das Menschliche, Sittliche wird nur wie ein zufälliges Anhängsel erscheinen.
Letzterem Schicksal ist der Literat als Tribun zumeist unterworfen. Von Anbeginn an ist er der geschworene Feind des Dilettanten, da er sozusagen auf Vorposten steht, niemals Zeit hat, nach vielen Seiten sich verkettet findet und, der Öffentlichkeit preisgegeben, eine öffentliche Person ist, von der man bestimmte Leistungen zu erwarten sich mehr bemüßigt als gezwungen fühlt. Schon die stete Verantwortung nötigt ihn zur Gebärde, wenn der Elan verraucht ist, um wieviel mehr erst die Gewohnheit, das Metier. Das Wort umpanzert ihn, kommandiert ihn, und wollte er sich auf sein Sittlich-Menschliches beziehen, wo das Wort gesündigt hat, so fände er die Brücken abgebrochen und den Weg zu weit. Er muß antworten, beständig antworten, als ob die Welt und das Leben voll von Fragen wären; sie sind auch voll von Fragen, nur werden sie nicht an ihn gerichtet, sondern an die Welt und das Leben, und die Antwort geschieht um der Antwort, nicht um der Fragen willen, das Wort muß ihm Maske bleiben. _Er darf sich nicht verraten_, niemals und unter keinen Umständen. Er ist nur treu, solange das Wort ihm treu ist. Er geht um die Ecke und sieht dich nicht mehr. Dein Gesicht ist ihm nur ein Wort, und Worte werden vergessen (oder auch behalten), gesehen werden sie nicht. Er kann nicht träumen, das Wort hängt mit Bleigewicht an den Flügeln des Traums; er kann nicht genießen, das Wort verpflichtet ihn, dem Genuß auszuweichen. Er fühlt nicht mit dir, außer mit seinem Ehrgeiz für deinen Beifall, mit seiner Leistung für deine Schwäche, mit seiner Virtuosität für deinen Dank. Dahinter steht ein Mensch, gleichsam kränklich, sehr argwöhnisch, oft sentimental, ohne Vertrauen, ohne Traditionen, Emporkömmling, Autodidakt, überaus einsam und in unruhvoller, ja atemloser Tätigkeit.
Der Literat als Schöngeist
Er ist ein Kind des Reichtums, oder wenn nicht dies, so versteht er es doch, sich die gemeinen Sorgen vom Leibe zu halten. Nicht als ob er ein bequemer Herr wäre; er ist im Gegenteil gar nicht bequem, er hat nur einen leidenschaftlichen Hang zur Bequemlichkeit, der ihm oft das Leben so unbequem wie möglich macht. Schon das bloße Nachdenken, geschweige denn die Beflissenheit, Bedürfnisse und Ansprüche zu befriedigen, die einem gewöhnlichen Menschen keinerlei Kopfzerbrechen verursachen, stürzt ihn in Qualen und aufreibende Arbeit. Bis er dazukommt, den eigentlichen Zwecken zu dienen, ist die Hälfte seiner Seelenkraft schon aufgebraucht.
Seine Neigungen sind luxuriös in jedem Sinn. Er liebt die Fülle, die Seltenheit, die Kostbarkeit; er liebt die Dinge dinglich, mit wahrer Freude am Gegenstand, doch nur seltene und kostbare Dinge, oder solche, die schon gleichsam eine Metapher bilden oder enthalten. Am Häufigen und Niedrigen das Charakteristische zu schätzen, dazu fehlt ihm die Lust, ja die Möglichkeit, weil er sich zu weit nach der andern Seite entfernt hat. Da aber das Leben mehr aus Häufigem und Niedrigem besteht als aus Seltenem und Kostbarem, so ist er kein Beobachter des Lebens, sondern ein Beschauer. Trotzdem hat er keine Beschaulichkeit, denn er hat keine Naivität.
Man muß seine Bildung als profund bezeichnen und seinen Geschmack als über jeden Zweifel erhaben. Dies läßt auf große Ausdauer schließen, auf einen sicheren Blick und ein präzis abwägendes Urteil. Eine derartige Vereinigung von Bildung und Geschmack kann ferner nicht ohne ernsthafte Selbstzucht erreicht werden; ist sie noch dazu einem Temperament abgerungen, das zu Exzessen veranlagt ist, so entsteht eine geistige Kultur edelster Kategorie, in welcher der Begriff Vornehmheit zu tiefer Bedeutung gelangt.
Warum ist aber der schöpferische Mensch nicht in derselben Bedeutung vornehm? Weil er mit dem Niedrigen und Häufigen des Lebens ebenso verbunden ist wie mit dem Seltenen und Kostbaren; weil sein Wesen nicht darauf gerichtet ist, sich zu distanzieren, sondern sich zu identifizieren; weil er nicht Beschauer ist, sondern Mitlebender, nein, im Innern der Dinge und der Kreaturen Lebender.
Wenn der schöpferische Mensch in sich selbst sein Werk objektiviert, so distanziert es der Literat als Schöngeist. Das Mittel zur Distanz verleiht ihm die Form, der Stil. So ausnahmshaft seine Person ist, so ausnahmshaft ist sein Stil, durchaus das Niedrige und Häufige meidend, durchaus das Unterscheidende suchend und unterschieden bis zum Gesuchten. Keine Figur, keine Bewegung, keine Schilderung, kein Gefühl besteht durch sich selbst, schmucklos, sachlich, eigenkräftig, sondern sie werden durch den Stil hervorgebracht, anscheinend geläutert, in Wirklichkeit getrübt. Denn dieser »Stil« ist nicht von der Hand und vom Willen gelöst; er zwingt immer zur Aufnahme und Betrachtung eines persönlichen Elements und verhindert, daß man sich hingibt und daß man glaubt. Man glaubt nicht an den Schauspieler, der verstehen läßt, daß er eine exquisite Rolle spielt, und der Literat als Schöngeist ist ein solcher Schauspieler, ein Schauspieler, der sich nicht opfern und vergessen kann, weil er vor dem Spiegel spielt statt vor Gott, der Schauspieler seiner selbst.