Part 20
Wir dürfen daher vermuten, daß das Tier keine Vorstellung von der Zeit besitzt. Es kennt nur die Gegenwart, aber nicht die Begriffe der Vergangenheit und Zukunft. Hieraus würde sich als weitere Folge ergeben, daß das Tier kein Ichbewußtsein hat, denn das Bewußtsein des eigenen Ich beruht darauf, daß man sich selbst in Gegensatz zur Zeitfolge stellt. Die klare Vorstellung von der Vergangenheit, die Erkenntnis der Gegenwart und die zielbewußte Berücksichtigung der Zukunft heben die eigene Person aus der Außenwelt heraus und verleihen ihr im Ichbewußtsein eine Sonderstellung. --
[Sidenote: Soziales Leben d. Schimpansen]
Den Forschungen auf der Anthropoidenstation in Teneriffa verdanken wir ferner interessante Aufklärung über das soziale Leben des Schimpansen. Da der Schimpanse im Freien stets in Familien oder Gruppen lebt, ist sein Geselligkeitstrieb sehr ausgeprägt. Dies äußert sich besonders darin, daß ein einzelnes Tier, das gewaltsam von der Gruppe abgesondert wird, unter der Trennung sehr leidet. Es schreit und jammert und macht alle Anstrengungen, wieder zu der Gruppe zu gelangen. Wesentlich anders benehmen sich aber die Tiere in der Gruppe. Sie empfinden die Trennung von ihrem Genossen nur sehr wenig und zeigen nur dann eine vorübergehende und auch nur geringe Teilnahme, wenn dieser sehr schreit. Sie unternehmen aber niemals Versuche, das getrennte Tier zu befreien und es der Gruppe wieder zuzuführen. Wir sehen hier wieder, daß es sich nur um die automatische Befriedigung eines angeborenen Triebes handelt, nämlich des Geselligkeitstriebes. Das abgesonderte Tier leidet unter der Isolierung, weil es den Geselligkeitstrieb nicht befriedigen kann, während die anderen Tiere dies Empfinden nicht haben, solange sie in der Gruppe leben. Die Befriedigung des eigenen Wohlbefindens steht also allein im Vordergrunde.
Wesentlich anders verhalten sich die Schimpansen, wenn ein Tier in der Gruppe vom Menschen angegriffen und bedroht wird. Dann stürzen sie sofort herbei, um ihrem bedrängten Kameraden zu helfen und ihn zu verteidigen. Ob es sich hier wirklich um eine zielbewußte Absicht zur Hilfe handelt, d. h. um eine edle, selbstlose Tat, muß immerhin zweifelhaft erscheinen. Der Anblick des Kampfes eines Artgenossen löst wohl bei den übrigen Tieren ebenfalls eine Wut- und Kampfesstimmung aus, die sie zum Angriff veranlaßt. Es kann sich also ebensogut um eine rein automatische Übertragung einer Gemütsstimmung handeln, und wir sind kaum berechtigt, hier etwa von ethischen oder moralischen Empfindungen zu sprechen. Gerade bei den Tieren wird noch mehr wie bei den Menschen die Gemütsstimmung ungeheuer leicht übertragen. Wenn sich z. B. zwei Hunde beißen, so stürzen alle in der Nähe befindlichen Hunde herbei und beteiligen sich an der Rauferei nur aus Lust am Beißen und Streiten, aber nicht in der Absicht, einem Kameraden zu helfen. Sie beißen dann sinnlos sowohl auf den Angreifer wie auf den Bedrängten los. --
[Sidenote: Kunst- u. Schönheitssinn d. Tiere]
Die Schimpansen haben einen gewissen Sinn für Kunst und Schönheit. Sie belustigen sich damit, einen Reigen aufzuführen. Sie gruppieren sich kreisförmig um einen Baum oder irgendeinen Gegenstand und trotten unter eigentümlichen, rhythmischen Bewegungen einer hinter dem anderen her. Bei diesem sonderbaren Tanz behängen sie sich gern mit Gegenständen, wie Lappen, bunten Fäden oder Strohhalmen, die sie sich um die Schultern, über den Hals und die Ohren legen. Auch einzelne Tiere schmücken sich in dieser Weise und stolzieren in ihrer Zierde gefallsüchtig umher. Man kann also geradezu von einem Kunst- und Schönheitssinn sprechen.
Etwas Ähnliches finden wir auch in der Vogelwelt. In Australien lebt ein den Staren nahverwandter Vogel, der Laubenvogel (~Ptilonorhynchus violaceus~), der sich für sein Liebesleben überdachte Lauben baut. Diese werden aus Reisern und Laub auf dem Erdboden hergestellt. Sie haben eine längliche Gestalt und zwei Eingänge. Den Innenraum schmücken die Vögel mit bunten Vogelfedern und farbigen Gegenständen aus und legen auch außen vor die Eingänge Muscheln und bunte Steinchen. Diesen Vögeln ist also ein gewisser Schönheitssinn eigen, der sich in der Freude an bunten Gegenständen ausdrückt.
Die Liebeslauben sind der Ort, an dem die Geschlechter vor der eigentlichen Brutzeit miteinander tändeln und sozusagen die Flitterwochen verleben. Sie dienen aber nicht als Nistplatz, sondern die Vögel errichten später ein Nest in Bäumen, in dem sie die Eier erbrüten und die Jungen erziehen.
Die Freude des Schimpansen und der Laubenvögel an Schmuck und bunten Gegenständen dürfen wir wohl als den Anfang eines Kunstsinnes ansehen, der sich später beim Menschen zur höchsten Vollkommenheit entwickelt hat. So finden wir auch hier wieder unverkennbare nahe Beziehungen zwischen Mensch und Tier. --
[4] Friedrich von Lucanus, Das Leben der Vögel, Verlag Scherl 1925.
Schutzfarben und Nutztrachten
Ein schöner Sommertag ladet uns zu einem Besuch des Zoologischen Gartens in Berlin ein. Wir durchwandern die herrlichen, parkartigen Anlagen und erfreuen uns an dem reichen Tierbestand, der dank der eifrigen Fürsorge des langjährigen, verdienstvollen Direktors, Geheimrats +Heck+, die schweren Gefahren der Inflationszeit glücklich überwunden hat und wieder auf einer Höhe steht, die dem alten Ruhm dieses Instituts volle Ehre macht. Zum Schluß betreten wir das Aquarium, um die reichhaltige Sammlung an Reptilien, Amphibien und Fischen, die alle Weltteile und Weltmeere umfaßt, kennenzulernen. Im obersten Stockwerk befindet sich das Insektarium. Wir stehen vor einem großen Glasbehälter, der mit frischen Zweigen ausgeschmückt ist und einem kleinen Wald gleicht. Die Aufschrift des Namensschildes lautet: „Indische Stabheuschrecken“.
Wir sehen zunächst kein Tier. Erst bei näherer Betrachtung fällt uns plötzlich die Bewegung eines Gegenstandes auf, den wir bisher für einen Zweig hielten. Langsam lösen sich lange, spinnenartige Füße aus dem Blätterwerk, die einen langgestreckten, dünnen Körper tragen, der einem Pflanzenstengel gleicht. Jetzt erblicken wir in dem dichten Blättergewirr überall solche eigenartigen Tiergestalten, deren Körper so sehr einem Zweig gleicht, daß er in der Umgebung völlig verschwindet. Die Wirkung wird noch durch die braungrüne Farbe der Tiere erhöht.
[Sidenote: Mimikry]
Diese eigenartige Anpassung von Tieren an Gegenstände ihrer Umgebung, die sie unsichtbar macht, heißt wissenschaftlich „Mimikry“ (Nachahmung). Der große Nutzen der Mimikry besteht darin, daß das Tier hierdurch vor den Nachstellungen seiner Feinde geschützt ist. Es wird in der Ruhe nicht erkannt und infolgedessen übersehen.
[Sidenote: Stabheuschrecke, Wandelndes Blatt]
Die Mimikry ist besonders verbreitet unter den Insekten. Ein Seitenstück zur Stabheuschrecke ist das Wandelnde Blatt (~Phyllium siccifolium~), das in seinem Aussehen völlig einem grünen Blatt gleicht. Die Flügeldecken zeigen sogar die Rippen und Verästelung der Struktur eines Blattes. Infolgedessen herrscht bei den Eingeborenen Indiens, der Heimat dieses merkwürdigen Tiers, der Glaube, dies entstehe aus einem Blatt, das durch Wunder und Zauber Füße erhalte.
Auf Madagaskar gibt es einen kleinen Käfer, der einer Baumflechte täuschend ähnlich ist und auf mit Flechten bedeckten Zweigen lebt, wo er dann völlig unsichtbar ist.
[Sidenote: Schmetterlinge]
Viele Schmetterlinge gleichen in der Ruhe mit aufgerichteten, zusammengelegten Flügeln einem welken Blatt. In vollendetster Weise tritt dies bei den in Afrika und Asien verbreiteten Arten der Gattung Callima hervor. Bei einer indischen Art (~Callima inachis~) ist die Unterseite der Flügel rötlichgelb gefärbt. Die Ähnlichkeit mit einem welken Blatt wird noch durch schwarze Tupfen, wie sie absterbende Blätter haben, und durch dunkle Linien, die den Blattadern gleichen, erhöht. Der hintere Rand der Hinterflügel läuft in einen langgezogenen Fortsatz aus, der sich auf den Ast, auf dem der Schmetterling ruht, anlegt und den Stiel des durch die zusammengelegten Flügel gebildeten, welken Blattes vortäuscht. --
Die Mimikry besteht nicht nur in einer Nachahmung der Umgebung, sondern bisweilen auch in der Ähnlichkeit mit einem anderen Tier, das gefürchtet ist und von den Feinden des harmlosen Verstellungskünstlers gemieden wird. Unter der abschreckenden Maske ist dann das Tier vor den Nachstellungen seiner Feinde geschützt. Der in Europa und Asien verbreitete Hornissenschwärmer (~Aegeria apiformis~) hat, wie der Name sagt, das Aussehen einer Hornisse. Der gelb und braun gestreifte Körper trägt glasartige durchsichtige Flügel. Beim Fliegen läßt dieser kleine, harmlose Schmetterling, der im Kleide der gefürchteten Hornisse die Mitwelt irreführt, ebenso wie sein Vorbild einen surrenden Ton hören, wodurch der Betrug noch vervollständigt wird. Die Flügel des jungen, aus der Puppe schlüpfenden Schmetterlings sind noch nicht durchsichtig, sondern mit braunen Schuppen bekleidet, die aber sehr lose sitzen und gleich beim ersten Flug durch den Luftzug abgestreift werden. Der Hornissenschwärmer ist ein sehr schädliches Insekt, da die Raupe sich in den Stamm der Bäume einfrißt und hier einen fast ¼ ~m~ langen Gang aushöhlt, um sich zu verpuppen. Die Arbeit beansprucht sehr viel Zeit. Es dauert über ein Jahr, bis die mühsame Bohrarbeit vollbracht ist. Erst im Herbst des zweiten Lebensjahres spinnt sich die Raupe aus zernagtem Holz ihr Puppengehäuse, aus dem im darauffolgenden Frühjahr der fertige Schmetterling ausschlüpft. Der Larven- und Entwicklungszustand währt also fast 2 Jahre. In neuerer Zeit macht sich der Hornissenschwärmer auch in Südamerika bemerkbar, wohin er wahrscheinlich durch den Holzhandel verschleppt ist.
[Sidenote: Teufelsblume]
Als Wolf im Schafpelz tritt die Teufelsblume (~Idolum diabolicum~) auf, die unsere ehemalige Kolonie Deutsch-Ostafrika bewohnt. Sie gehört zu den Fangschrecken oder Gottesanbeterinnen. Das grün gefärbte Insekt besitzt vorn zwei lange Fangarme, die am Grunde blattartig erweitert und weiß und lila gefärbt sind. Mit hoch emporgestreckten Armen, die einer prächtigen Blüte gleichen, sitzt das raubgierige Tier an einer Pflanze und lauert auf Fliegen und Schmetterlinge, die der verführerischen Blume einen Besuch abstatten wollen. In dem Augenblick, wo das Tier sich auf den „Blütenkelch“ niederläßt, wird es von dem trügerischen Insekt ergriffen und erbarmungslos verspeist.
Eine andere Fangschrecke (~Empusa egena~), die im Gebiete des Orangeflusses lebt, besitzt weiße, rosa geränderte Flügel, die von dem beutelauernden Tier nach oben entfaltet werden und wie eine zarte Windenblüte aussehen. Nähert sich ein Insekt, so wiegt die Fangschrecke ihren Leib leise hin und her und schaukelt die Blütenflügel wie eine vom Winde bewegte Blume, um das Opfer vollends zu täuschen und anzulocken.
[Sidenote: Gottesanbeterin]
Eine nahe Verwandte dieser eigenartigen Fangschrecken, die im harmlosen Kleide der lieblich duftenden Blüten auftreten, aber innerlich wie „reißende Wölfe“ sind, ist die europäische Gottesanbeterin (~Mantis religiosa~). Sie entbehrt zwar der trügerischen Anlockungsmittel ihrer Verwandten, wird aber durch ihre grüne Farbe im Busch so unkenntlich gemacht, daß sie von den Beutetieren, denen sie auflauert, nicht bemerkt wird. Sie ist besonders raubgierig und mordlustig und stellt nicht nur anderen Insekten, sondern sogar kleinen Wirbeltieren nach, die sie sehr vorsichtig beschleicht.
Die Wildheit der Gottesanbeterin zeigt sich in abstoßender und sadistischer Weise in der Liebe. Nach vollzogener Paarung ergreift das Weibchen das kleinere und schwächere Männchen mit den Fangarmen, aber nicht im Gefühl der Liebe und Wollust, sondern -- um es zu erwürgen und zu verspeisen. So ist es Sitte bei den Gottesanbeterinnen, diesen raubgierigen und blutdürstigen Insekten, bei denen nicht einmal die Liebe zarte Empfindungen und Gefühle auslöst.
Der Name „Gottesanbeterin“ erklärt sich aus der Gewohnheit dieser Tiere, bei der Lauer auf Raub die Fangarme wie „ein betender Priester“ zum Himmel emporzustrecken. --
In den Meeren Australiens lebt ein wundersamer Gesell, dessen bizarre Körperformen ohnegleichen sind. Es ist der den Seepferdchen nah verwandte Fetzenfisch (~Phyllopteryx eques~). Der Körper dieses Knochenfisches ist mit langen, stachel- und bandartigen Fortsätzen bedeckt, die nach allen Richtungen wirr abstehen. Der Fisch hält sich im Tang und Seegras auf und verschwindet hier durch seinen zerfetzten Körper völlig. Die Fetzenfische sind zum Teil sehr lebhaft gefärbt. Sie tragen auf rotem Grunde blaue, gelbe und weiße Abzeichen, die als Streifen und Flecke auftreten. Die bunte Farbe ist aber durchaus nicht unvorteilhaft, sondern erhöht noch die täuschende Wirkung der zerfetzten Gestalt in dem bunten Pflanzengewirr.
[Sidenote: Schutzfärbungen]
Viele Tiere sind ohne Rücksicht auf die Körperform nur durch ihre Farbe der Umgebung vortrefflich angepaßt, so daß sie in der Ruhe völlig verschwinden. Zweifellos liegt hierin ein guter Schutz gegen die Nachstellungen ihrer Feinde. Das bekannteste Beispiel ist der grüne Laubfrosch auf dem grünen Blatt. Die Wüstenbewohner, wie Wüstenfuchs, Springmaus, Wüstenlerche, Steinschmätzer und Echsen tragen ein rötlichgelbes Haar-, Feder- oder Schuppenkleid, das der Farbe des Wüstensandes gleicht. Im hohen Norden tritt weiße Farbe auf. Schneehuhn und Wiesel legen im Winter ein weißes Kleid an, das zu der Schneedecke vorzüglich paßt. Der Eisbär, der die Region des ewigen Winters bewohnt, ist dauernd in Weiß gekleidet. Unter den Vögeln sind vor allem die Bodenbrüter durch eine Schutzfarbe ausgezeichnet, und zwar sind es vornehmlich die Weibchen, die diesen Vorteil genießen, um während des Brütens möglichst wenig aufzufallen.
Die Fasanenhenne, die Stockente und alle anderen weiblichen Enten haben ein düsteres, bodenfarbiges Gefieder. Die Männchen dagegen prangen in einem buntfarbigen Federkleid, das aber für die Erhaltung der Art keinen erheblichen Nachteil hat, da sie sich am Brutgeschäft und der Erziehung der Jungen nicht beteiligen. Im Gegensatz dazu sind beim Rebhuhn, dem Brachvogel und den Lerchen beide Geschlechter mit einer Schutzfarbe versehen, und dies erscheint auch notwendig, da bei diesen monogam lebenden Vögeln das Männchen ebenso wie das Weibchen für die Nachkommenschaft sorgt.
Bei den Enten weicht der Verlauf der Sommermauser insofern von anderen Vögeln ab, als die Schwungfedern nicht allmählich, sondern fast zu gleicher Zeit ausfallen, wodurch der Vogel unflugfähig wird. Nun haben wir hier die höchst sonderbare Erscheinung, daß die Erpel in dieser Zeit ein erdfarbenes Kleingefieder anlegen, das dem Federkleid der Ente gleicht, und erst später wird durch eine zweite Mauser das Prachtkleid angezogen. --
In besonders hohem Maße ist die Schutzfarbe bei den Fischen entwickelt. Alle Fische, welche im klaren Wasser leben und unweit der Oberfläche umherschwimmen, haben silberglänzend gefärbten Bauch und Seiten, dagegen einen dunklen Rücken. Die düstere Rückenfarbe schützt gegen Feinde, die sie von oben aus der Luft angreifen, da sich der Fisch von dem dunklen Untergrunde des Gewässers nicht abhebt. Die hellglänzende Unterseite dagegen ist ein gutes Schutzmittel gegen Raubfische, die auf dem Boden liegend ihrer Beute auflauern und den schwimmenden Fisch von unten sehen, denn in der von unten gesehenen, glitzernden Wasserfläche verschwindet der glitzernde Fischleib. Ferner spiegelt die silberfarbene Unterseite der Fische im Wasser, so daß sie durch den Reflex des Lichtes die jeweilige Farbe des Wassers erhält.
Der Körper des Hechtes ist dunkel quergestreift, was eine ausgezeichnete Anpassung an seinen Lebensaufenthalt ist. Der Hecht steht gern im Röhricht und lauert hier unbeweglich auf Beute. Die Querstreifung ahmt die Rohrhalme nach und entzieht dadurch den Räuber den Blicken seiner Opfer. Wir sehen hieraus, daß der Zweck einer Schutzfärbung nicht nur darin besteht, ein Tier vor den Nachstellungen seiner Feinde zu schützen, sondern daß hierin auch eine Erleichterung des Beutemachens liegt, indem die Mimikry den lauernden Räuber unsichtbar macht.
Denselben Vorteil genießt auch die Gottesanbeterin von ihrer grünen Farbe, die sie im Blätterwerk unkenntlich macht. Hier ist die Färbung ebenso wie beim Hecht weniger eine Schutztracht gegen feindliche Angriffe, als eine Tarnkappe beim Beutemachen.
[Sidenote: Farbenveränderung der Fische]
Bei den Grundfischen ist die ganze Oberfläche des Körpers, also Rücken und Seiten, dunkel gefärbt und häufig durch Flecken und Streifen verziert. Hierdurch sind die Fische dem Untergrunde angepaßt, wie z. B. der Wels, der Schlammbeißer, die Schmerle, die Forelle und unter den Seefischen vor allem die Plattfische, Seezunge, Flunder und Steinbutt. Letztere haben sogar die Fähigkeit, ihre Körperfarbe dem jeweiligen Untergrunde, auf dem sie ruhen, anzupassen. Auf sandigem Boden nimmt der Flachfisch eine Sandfarbe an, auf dunklem Grunde eine dunkle Farbe. Ja die Anpassung geht so weit, daß sogar ein Muster nachgeahmt wird. Schollen, welche auf einem mit zerbrochenen Muschelschalen besäten Grunde liegen, erhalten große weiße Flecke. Die Farbenveränderung geht in der Weise vor sich, daß das helle und dunkle Pigment in den Farbzellen jeweilig verschieden angehäuft wird, so daß also bald diese, bald jene Farbe hervortritt oder auch aus beiden Farben ein Muster zusammengestellt wird. Der Reiz für diese Farbenveränderung geht von den Augen aus, denn durch Versuche wurde nachgewiesen, daß geblendete Fische ihre Farbe nicht mehr der Umgebung anpaßten. Es handelt sich also um einen optisch-physiologischen Vorgang. Außerdem spielt auch das Gefühl hierbei eine gewisse Rolle, denn wenn der Wassergrund mit einer Glasfläche abgedeckt wird, so wird die Farbenanpassung beeinträchtigt. Der Fisch unterscheidet also den hellen, sandigen Grund von dem dunklen, steinigen Grund nicht nur mit den Augen, sondern auch mit dem Gefühl. Lebt der Fisch dauernd, oder lange Zeit auf dem gleichen Untergrund, so erfolgt eine Vermehrung der hierzu passenden Pigmente, und die anderen Pigmente nehmen im gleichen Verhältnis ab, wodurch die Fähigkeit der Farbenveränderung sich verliert.
[Sidenote: Chamäleon]
Ein Tier, das seit langen Zeiten durch seinen Farbenwechsel allgemein bekannt ist und daher sprichwörtlich geworden ist, ist das Chamäleon (Abbildung 21). Der Farbenwechsel des Chamäleons ist aber durchaus nicht, wie man vielfach glaubt, eine Anpassung an die Umgebung, sondern wird von ganz anderen Faktoren hervorgerufen. Licht und Temperatur, sowie die Gemütsstimmung und jeweilige Körperbeschaffenheit rufen die Farbenveränderung hervor. Die Lederhaut des Chamäleons besitzt gelbe, rote und braune Farbzellen, die durch Kontraktion der farblosen Oberhaut genähert oder von ihr entfernt werden können. Im letzteren Falle sieht das Tier sehr hell, bisweilen fast weiß aus, im ersteren Falle treten die Farben mehr hervor. Die Farbzellen können ferner ihre Lage zueinander verändern. Sie können über- oder nebeneinander liegen, wodurch die verschiedenen Farben und Farbenschattierungen erzeugt werden. Auf diese Weise wechselt die Färbung zwischen weiß, gelb, braun, grau, blau, rostrot und grün und den dazwischenliegenden Abstufungen. Auf der Grundfarbe treten meist noch Zeichnungen hervor, wie Flecke, Tupfen und Streifen von mehr oder weniger unregelmäßiger Form. Die gewöhnliche Farbe ist ein schönes Grün oder Braungrün und paßt sehr gut zu der Umgebung der auf Bäumen lebenden Tiere. Lebhafte und dunkle Farbe ist ein Zeichen des Wohlbefindens, während helle Farbe meist mit einem krankhaften Zustand verbunden ist. Vor dem Tode wird das Chamäleon gelbweiß oder grauweiß. Wenn man das Chamäleon nur auf einer Seite belichtet oder erwärmt, so verändert nur diese Seite die Farbe, während die andere Seite nicht darauf reagiert, woraus der große Einfluß des Lichtes und der Wärme auf den Farbenwechsel hervorgeht.
Eine weitere Eigentümlichkeit des Chamäleons ist die unabhängige Bewegung der beiden Augen. Während das eine Auge nach oben gedreht wird, kann zu gleicher Zeit das andere nach unten oder nach der Seite gestellt werden. Zu der Beweglichkeit der Augen gesellt sich noch als dritte Eigentümlichkeit die Art der Ernährung. Das Chamäleon lebt von Insekten, hauptsächlich von Fliegen. Seine sehr langsamen und unbeholfenen Bewegungen würden ihm den Fang der beweglichen Kerbtiere sehr erschweren, ja fast unmöglich machen, wenn es nicht eine besondere Vorrichtung hierfür hätte in Gestalt der Zunge, die etwa 15 cm weit vorgeschnellt werden kann, die erspähte Beute anleimt und in den Rachen führt. Die Zunge wird also als Pfeil gebraucht, mit dem das Opfer aus der Ferne gewissermaßen geschossen wird. Die Mechanik der beweglichen Zunge ist folgende: die kurze, dicke und kolbenförmige Zunge ist vermittels einer Scheide mit dem Zungenbein verbunden. Die Scheide steckt wie eine Röhre auf dem Zungenbein und ist in der Ruhe harmonikaartig gefaltet. Durch Vorstrecken des Zungenbeines wird die kolbenartige Zunge wie eine Kugel im Blasrohr nach vorn geschleudert. Sie zieht dabei die bewegliche Scheide mit sich, deren zusammengelegte Falten sich zu einem langen Rohr ausdehnen. Infolge großer Muskelkraft wird die ganze Bewegung blitzartig schnell ausgeführt. Das Insekt wird durch den Klebstoff, der vorn an der Zunge sitzt, angeleimt (Abbildung 21).
[Sidenote: Laubfrosch]
Ein gewisser Farbenwechsel läßt sich auch beim Laubfrosch wahrnehmen. Die Farbe kann zwischen dem bekannten Blattgrün und einem schmutzigen Braungrün wechseln. Die Veränderung der Farbe wird durch den Tastreiz hervorgerufen. Befinden sich Bauch und Saugscheiben der Zehen auf glattem Grunde, so tritt die rein grüne Farbe hervor, während eine Berührung mit rauher Fläche die dunkle Färbung hervorruft. Der Lichtreiz spielt dabei keine Rolle, da der Farbenwechsel bei geblendeten Fröschen in derselben Weise erfolgt. So erklärt es sich, daß Laubfrösche, die auf rauher Rinde sitzen, dunkel sind, während der Frosch auf einem glatten Blatt grün ist. Durch diese seltsame Einrichtung wird also automatisch eine Anpassung hervorgerufen, die dem Tier einen vorteilhaften Schutz verleiht.
[Sidenote: Reptilien]
Einen lebhaften Farbenwechsel zeigen auch die Anolis, welche die Wälder und Gärten Südamerikas beleben und sehr gewandt und hurtig in den Zweigen umherklettern. Die sehr bunt gefärbten Tiere verändern ihre Farbe noch auffallender und schneller als das Chamäleon, wobei es sich jedoch weniger um eine Anpassung an die Umgebung zu handeln scheint, sondern mehr die jeweilige Gemütsstimmung die Ursache ist. Die Tiere sind außerordentlich erregbar und führen erbitterte Kämpfe untereinander aus (Abbildung 24).
Eine andere Echse, der australische Moloch (~Moloch horridus~), besitzt dagegen ähnlich wie das Chamäleon die Fähigkeit, sich in der Farbe bis zu einem gewissen Grade der Umgebung anzupassen. Der auf rotbraunem Grunde gelbgestreifte Körper nimmt auf grauem Gestein eine düstere rauchgraue Färbung an.
Der Moloch besitzt aber noch eine andere vortreffliche Nutztracht, die ihn vor Nachstellungen schützt. Sein ganzer Körper ist bis auf die Unterseite mit dornartigen Stacheln bedeckt, die dem Tier ein wahrhaft fürchterliches Aussehen geben und durch ihre Gefährlichkeit den lüsternen Feinden den Appetit vertreiben.
Ein stacheliges Schuppenkleid trägt auch der südafrikanische Riesengürtelschweif, eine Echse von fast ½ ~m~ Körperlänge. Der mit wehrhaften Stacheln besetzte Schwanz, mit dem das Tier empfindliche Schläge austeilt, ist eine vorzügliche Verteidigungswaffe des sonst harmlosen Kriechtieres (Abbildung 22).