Part 11
Alle Vögel, die auf der Suche nach einer geeigneten Winterherberge eine unzweckmäßige Richtung einschlugen, gingen zugrunde, während diejenigen Individuen, die in Gegenden gelangten, die von der Vereisung unberührt geblieben waren, den Winter überstanden und im Sommer zum Brüten in die Heimat zurückkehren konnten. So wurde im Laufe der Zeit durch natürliche Zuchtwahl ein Vogelstamm herangezüchtet, bei dem der Zug, und zwar der Zug in eine bestimmte Richtung, eine regelmäßige Lebenserscheinung wurde, die sich allmählich zu einer erblichen Anlage verankerte. Somit wäre der Vogelzug ein Beweis für die Erblichkeit erworbener Eigenschaften, die bekanntlich von manchen Forschern in Abrede gestellt wird. Daß die Zugbewegung heute bei vielen Vögeln eine erbliche Veranlagung ist, läßt sich mit Sicherheit nachweisen. Storch, Kuckuck, Wiedehopf, Pirol, Segler und andere Vögel verlassen uns bereits im Hochsommer, im August, also zu einer Zeit, wo von einer Temperaturabnahme oder Nahrungsmangel noch keine Rede ist. Es kann also nur ein innerer, periodisch erwachender Trieb sein, der den Fortzug veranlaßt. Ferner zeigen Nachtigall, Grasmücke, Würger und viele andere Zugvögel in der Gefangenschaft sowohl im Frühjahr wie im Herbst eine starke Unruhe, die den Vogel rastlos im Käfig umherflattern läßt. Es ist der angeborene Zugtrieb, der in ihnen erwacht, und den sie durch ihre Unruhe befriedigen müssen.
Bei anderen Vögeln, wie z. B. den nordischen Enten und Tauchern, kommt der Zugtrieb weniger zur Geltung. Sie verlassen ihre Heimat erst dann, wenn die Vereisung im Winter ihre Lebensbedingungen unterbindet. Ihre Wanderungen sind also nur ein Ausweichen nach eisfreien Gebieten und werden nicht durch einen inneren, angeborenen Trieb, sondern durch äußere klimatische Einflüsse hervorgerufen.
[Sidenote: Tag- und Nachtwanderer]
Die Zugvögel wandern teils des Nachts, teils am Tage, viele Arten sowohl in der Nacht wie am Tage. Ausgesprochene Tagwanderer sind die meisten Raubvögel, die Raben und Störche, während Singvögel, schnepfenartige Vögel und Regenpfeifer fast ausschließlich oder vorwiegend die Nacht zu ihren Reisen wählen. In finsteren Nächten werden die Vögel bei ihrem Fluge über die See durch den Lichtschein der Leuchttürme angelockt. Mit rasender Gewalt fliegen sie gegen die hellen Fenster des Leuchtfeuers und stoßen sich den Kopf ein. Hunderte von Vogelleichen bedecken dann am folgenden Morgen den Erdboden in der Umgebung der Leuchttürme. Leider ist es bisher noch nicht gelungen, wirksame Abwehrmaßnahmen gegen diesen traurigen Vogelmord zu treffen. Alle Versuche, die man gemacht hat, blieben erfolglos.
[Sidenote: Geselliger und einsamer Zug]
Viele Raubvögel, der Kuckuck, der Wiedehopf und andere Arten ziehen einsam nach dem fernen Süden, andere Vögel vereinigen sich zu größeren oder kleineren Scharen. Kraniche und Störche versammeln sich vor dem Fortzug zu Hunderten und Tausenden an bestimmten Plätzen.
[Sidenote: Fluganordnungen auf dem Zuge]
Kraniche, Gänse, Enten, Schwäne, Regenpfeifer und andere Vögel bilden auf dem Zuge einen Winkel oder Keil. Sie gruppieren sich in zwei Linien, die sich vorn in einem spitzen oder stumpfen Winkel schneiden. Die Vögel fliegen hierbei nicht hintereinander, sondern jeder Vogel überragt seinen Vordermann nach außen. Es findet also eine seitliche Staffelung statt. Man meint, daß die Keilform des Wanderfluges den Vögeln die Überwindung des Luftwiderstandes erleichtert, indem der von den Vögeln gebildete Keil, als aeromechanisch untrennbares Ganzes aufgefaßt, wie ein Luftschiff die Luft durchschneidet. Austernfischer, Brachvögel und Ibisse bilden auf dem Zuge keinen Keil, sondern eine breite Front, indem die Vögel in einer breiten Linie nebeneinander fliegen. Im Gegensatz zur Winkelform ist diese breite Linie, als einheitliches Ganzes aufgefaßt, für die Überwindung des Luftwiderstandes gerade ungünstig, denn ein breiter Körper überwindet den Luftwiderstand schwerer als ein spitzer. Hier versagt also die für den Winkelflug gegebene Erklärung. Infolgedessen sind andere Forscher der Ansicht, daß man diese Fluganordnungen der Zugvögel nicht als ein einheitliches Ganzes ansehen darf, sondern daß die Flugleistungen der einzelnen Vögel in Betracht gezogen werden müssen. Jeder Vogel erzeugt beim Fliegen einen aufwärtssteigenden Luftstrom, der dem Nebenmann zugute kommen soll, da er sich der Fluggeschwindigkeit überlagert, eine Abnahme des Fortbewegungswiderstandes hervorruft und somit eine Verminderung der Flugarbeit zur Folge hat.
Dieser Vorteil des durch den Nebenvogel erzeugten aufwärtssteigenden Luftstroms, der sich auf Grund der Prandtlschen Aeroplantheorie nachweisen läßt, kommt in erster Linie bei der einreihigen Flugordnung der Austernfischer, die dicht nebeneinander fliegen, zur Geltung. Dagegen erscheint es recht zweifelhaft, ob dies auch für den Winkelflug Gültigkeit hat. Hier sind die Vögel, die in den beiden benachbarten Linien nebeneinander fliegen, so weit getrennt, daß die Wirkung der Luftströme kaum noch zur Geltung kommen kann. Es ist daher recht zweifelhaft, ob diese Erklärungen für die Flugordnungen der Zugvögel das Richtige treffen.
Bei dem Winkelflug folgen sich die Vögel, die auf derselben Seite fliegen, nicht auf Vordermann, sondern sie sind seitlich gestaffelt. Hierdurch hat jeder Vogel die Front frei und ist infolgedessen davor geschützt, auf seinen Vordermann aufzuprellen, wenn dieser die Fluggeschwindigkeit verkürzt. Dasselbe ist in noch größerem Maße der Fall beim Zuge in einer geraden Linie, wo jeder Vogel ein völlig freies Gesichtsfeld hat. Wenn man also für die Erklärung der Flugformationen von der aerodynamischen Wirkung absieht, so kann vielleicht diese rein äußerliche Ursache für die Bildung der Flugformen von Bedeutung sein, die die Vögel vor dem Zusammenstoß schützt.
Junge Enten folgen im Schwimmen auf dem Wasser ihrer Mutter meist ebenfalls in Winkelform, oder sie bilden eine schräge Linie, wobei ebenfalls eine Stafflung nach außen stattfindet. Die Stafflung hat hier zweifellos den Zweck, das Gesichtsfeld der Vögel frei zu machen. Diese suchen ihre Nahrung, die in Mückenlarven und Wasserinsekten besteht, während des Schwimmens auf der Oberfläche des Wassers. Würden nun die jungen Enten hintereinander schwimmen, so würde der vorderste Vogel alle Nahrung fortschnappen, während die nachfolgenden Enten das Nachsehen hätten. Hier ist also der Zweck der Winkelform oder der schrägen Linie mit einer Stafflung nach außen völlig ersichtlich. Die Formationen dienen hier lediglich dem freien Gesichtsfeld.
Nur wenige Vögel bilden auf dem Zuge derartige Flugordnungen. Die meisten ziehen in großen, wolkenartigen Schwärmen, und trotzdem herrscht hier eine bewundernswerte Disziplin. Da fliegt eine große Schar nordischer Leinzeisige in dichtgedrängter Masse dahin. Wie auf Kommando schwenken die Vögel plötzlich ab und führen die schärfsten Wendungen aus, ohne daß ein Zusammenprallen erfolgt. Trotz der rasenden Geschwindigkeit, die einem Eilzuge gleichkommt, macht jeder Vogel genau in demselben Augenblick die gleiche Wendung, ohne daß unter den nach Hunderten und Tausenden zählenden Vögeln eine Verwirrung entsteht, ohne daß der Schwarm sich lockert oder auflöst. Da steht man vor einem Rätsel, dessen Lösung noch völlig in Dunkel gehüllt ist. --
[Sidenote: Zugrichtungen]
Die Vogelberingung hat die Richtigkeit der schon von älteren Ornithologen ausgesprochenen Vermutung, daß in Europa der Herbstzug weniger nach Süden als nach Westen und Südwesten gerichtet ist, vollauf bestätigt. Diese westliche Zugrichtung können wir als eine nach dem milden Klima des Atlantischen Ozeans verlaufende Zugbewegung ansehen. An der Festlandsküste verhindert dann das Weltmeer die Fortsetzung des westlichen Fluges. Die Vögel biegen nach Süden ab, um über Gibraltar Afrika zu erreichen. Die Vögel des nördlichen Europa folgen auf ihrem westlichen Zuge mit Vorliebe den Küsten der Ost- und Nordsee. Außer dieser „Westlichen Küstenstraße“, wie ich dies Zuggebiet in meinen „Rätseln des Vogelzuges“ genannt habe[2], lassen sich nach den Ergebnissen der Vogelberingung noch zwei andere Zuggebiete in Europa erkennen, die von zahlreichen Vogelarten, Land- wie Wasservögeln, auf ihrem Zuge durchflogen werden. Das eine Gebiet, die „Italienisch-Spanische Zugstraße“, führt aus Osteuropa über Oberitalien, den Löwengolf nach Spanien und Afrika, das zweite Gebiet, die „Adriatisch-Tunesische Zugstraße“, bringt die beschwingten Wanderer über die Adria, Sizilien nach Tunis. --
[Sidenote: Höhe des Zuges]
Um für die Beurteilung der sehr umstrittenen Frage nach der Höhe des Vogelzuges zuverlässige Angaben zu erhalten, stellte ich im Jahre 1901 die Luftfahrt in den Dienst der Vogelzugforschung. In der mehr als zwanzigjährigen Beobachtungszeit bestätigten die Angaben der Luftfahrer immer wieder, daß die Zugvögel sich im allgemeinen nicht sehr hoch über die Erdoberfläche erheben. Die Flughöhe übersteigt selten 400 ~m~ relativer Höhe. In nur wenigen Fällen, die als große Ausnahme gelten, wurden Vögel in Höhen über 1000 ~m~ von den Luftfahrern beobachtet. Die größte bisher festgestellte relative Flughöhe beträgt 2300 ~m~. Hier traf ein Flieger eine Schar Schwalben an, die sich auf dem Zuge befanden. Nach dem heutigen Stande der Wissenschaft müssen wir also annehmen, daß die Vögel auf ihren Wanderungen keine sehr großen Höhen aufsuchen. Die frühere Annahme, daß die Zugvögel in gewaltigen Höhen, von 10000-12000 ~m~, wo sie der Wahrnehmung von der Erde aus völlig entzogen sind, ihre Luftreisen ausführen, läßt sich nicht aufrechterhalten. Sie ist um so weniger glaubwürdig, als wir heute wissen, daß in diesen Höhen der Luftdruck so niedrig und die Kälte so groß ist, daß ein längerer Aufenthalt der Vögel hier ganz unmöglich ist.
[Sidenote: Orientierung]
Hiermit sind jedoch die Fragen, die sich an das fesselnde und rätselhafte Problem des Vogelzuges knüpfen, noch lange nicht erschöpft. Hierzu gehören vor allem der Zusammenhang des Zuges mit der Witterung und die Orientierung der Zugvögel. Über beide Fragen sind zahlreiche Theorien aufgestellt worden, die jedoch einer strengen Kritik nicht standzuhalten vermögen. Nach den neueren Beobachtungen scheint die Zugbewegung, die in der Hauptsache auf einem angeborenen, periodisch im Vogel selbst erwachenden Trieb beruht, wenig mit den meteorologischen Verhältnissen zusammenzuhängen, und die Orientierung der Zugvögel müssen wir wohl auf einen angeborenen Richtungssinn zurückführen, der den Vogel ganz automatisch leitet. Wir werden uns mit der Frage nach dem Orientierungsvermögen der Tiere später noch näher befassen.
Außer den regelmäßig wiederkehrenden Wanderungen der Zugvögel, die durchaus gesetzmäßig verlaufen, unternehmen bisweilen ausgesprochene Standvögel plötzlich große Wanderungen. Solche unregelmäßigen Wanderungen wurden besonders vom sibirischen Tannenhäher und dem asiatischen Steppenhuhn beobachtet.
Der sibirische Tannenhäher unterscheidet sich von dem gewöhnlichen auch bei uns als Brutvogel auftretenden Tannenhäher durch einen schlankeren, sehr viel dünneren Schnabel. Er hat daher in der modernen ternären Nomenklatur den lateinischen Namen ~Nucifraga caryocatactes macrorhynchos Brehm~ erhalten. Dank der systematischen Subtilforschung sind wir jetzt imstande, bei vielen Tieren geographische Rassen zu unterscheiden, die sich durch eine Abweichung in der Größe und Färbung oder bei den Vögeln auch durch Unterschiede in der Schnabel- und Fußbildung kennzeichnen. So hat z. B. der Kleiber in Skandinavien und Nordrußland eine hellere, fast weiße Unterseite, während der mitteleuropäische Kleiber unterwärts ockergelb gefärbt ist. In der Mitte zwischen beiden Formen steht der Kleiber aus Ostpreußen und Polen, dessen Unterseite rahmfarben gefärbt ist. Um diese Unterschiede wissenschaftlich zum Ausdruck zu bringen, hat man die ternäre Nomenklatur eingeführt. Die mitteleuropäische Form heißt ~Sitta europaea caesia Wolf.~, die nördliche, helle Rasse ~Sitta europaea europaea L.~ und die ostpreußische Mittelform ~Sitta europaea homeyeri Hart.~ Der ursprünglich von Linné gegebene Artname „~europaea~“ wird beibehalten, zu dem ein neuer, dritter Name, der die geographische Rasse bezeichnet, hinzugesetzt wird. Man spricht dann in der Wissenschaft von einem „Formenkreis“, der in diesem Falle „~Sitta europaea~“ heißt, und der die verschiedenen Unterarten oder Rassen, die mit einem weiteren Namen gekennzeichnet werden, umschließt. Durch die beiden Artnamen mit dem Gattungsnamen entstehen also im ganzen drei Namen (ternäre Nomenklatur). Linné hat in seiner von ihm eingeführten binären Nomenklatur den Kleiber „~Sitta europaea~“ genannt und hat hiermit zunächst den schwedischen Kleiber gemeint, ohne gewußt zu haben, daß die Kleiber in anderen Gegenden sich von dem schwedischen Kleiber unterscheiden. Um nun zum Ausdruck zu bringen, daß der Linnésche Name „~Sitta europaea~“ sich nur auf den schwedischen Kleiber bezieht, und um das Autorenrecht zu wahren, wird dieser Artname zweimal wiederholt. Da nun in der neueren Systematik die Gattungsnamen teilweise geändert werden mußten und manchmal ein früherer Artname zum Gattungsnamen erhoben wurde, so entsteht in der ternären Nomenklatur bisweilen die zwar unschöne, aber schwer zu vermeidende Wiederholung von drei gleichen Namen. So heißt z. B. der europäische Uhu, den Linné „~Strix bubo~“ nannte, nach der ternären Nomenklatur „~Bubo bubo bubo~“, weil der ursprüngliche Artnamen „~bubo~“ ein Gattungsbegriff geworden ist. Nach dem Prioritätsgesetz, das den Artnamen des ersten Autors sichert, muß der Artname Linnés „~bubo~“ bestehen bleiben, und er muß verdoppelt werden, um den von Linné beschriebenen europäischen Uhu von andern geographischen Rassen, die in denselben Formenkreis gehören, abzutrennen. --
[Sidenote: Wanderungen des Tannenhähers]
Der dünnschnäblige Tannenhäher lebt in Sibirien und dem nördlichen Asien bis Korea und trägt ein braunes, mit großen weißen Tupfen geziertes Federkleid. Seine Nahrung besteht hauptsächlich aus den Sämereien der Nadelhölzer, besonders aus Zirbelnüssen, den Früchten der Arven. In Jahren, wo die Arven nur wenig Nüsse tragen, leiden die Tannenhäher in Sibirien unter Nahrungsmangel, sie verlassen dann in großen Scharen ihre Heimat und wandern westwärts nach Europa, wo sie in größeren oder kleineren Trupps umherschweifen. Außer in Deutschland wurden auch schon in Frankreich, England und Skandinavien derartige Einwanderungen des sibirischen Tannenhähers beobachtet. Die letzte größere Tannenhäherinvasion erfolgte im Jahre 1917. Auf der Kurischen Nehrung durch die Vogelwarte Rossitten beringte Tannenhäher setzten ihre Reise nach Südwesten in das Innere Deutschlands und nach Österreich fort.
[Sidenote: Wanderungen des Steppenhuhnes]
Ebensolche westlichen Wanderungen unternimmt zeitweise auch das Steppenhuhn, welches die dürren Steppen Asiens bewohnt. Die größten Einwanderungen fanden in den Jahren 1863 und 1888 statt, wo die Steppenhühner zu Tausenden in Europa erschienen. Meist bildeten die Vögel kleine Völker von etwa 20-40 Stück, doch wurden auch große Scharen von 300-400 Vögeln angetroffen. Trotz einiger Brutversuche, die die Steppenhühner in Deutschland, Holland und Großbritannien machten, erfüllte sich die Hoffnung auf eine dauernde Einbürgerung der Vögel nicht. Alle die großen Scharen, die in Europa einwanderten, gingen hier im Laufe von 1-2 Jahren zugrunde. Den Vögeln fehlen offenbar als Steppenbewohnern die geeigneten Lebensbedingungen. Um so mehr muß man sich wundern, daß diese Wanderungen, die ebenso wie beim Tannenhäher offenbar auf Nahrungsschwierigkeiten beruhen, immer wieder nach Westen gerichtet sind, wo die Vögel in den kultivierten Ländern Europas keine Existenzmöglichkeiten finden und dann elend zugrunde gehen. Sie wissen den Rückweg in ihre Heimat anscheinend nicht wieder zu finden, denn es sind niemals Rückwanderungen der Steppenhühner und Tannenhäher beobachtet worden.
Die Wanderungen der europäischen und auch der asiatischen Zugvögel sind vorwiegend nach Westen und Südwesten gerichtet, und auch die unregelmäßigen Auswanderungen der Steppenhühner und Tannenhäher erfolgen auffallenderweise nach Westen, obwohl in diesem Falle, wie wir sahen, die westliche Richtung recht unzweckmäßig ist, da sie den Vögeln, die der Nahrungssorge entgehen wollen, die Lage nicht verbessert, sondern sie in den sicheren Tod führt. Auch die großen Völkerwanderungen im Mittelalter waren stets nach Westen gerichtet, und die Ausbreitung der Städte erfolgt bei uns meist auch nach Westen. Der Drang nach dem Westen scheint bei Mensch und Tier stark ausgeprägt zu sein. Sollte hier vielleicht ein innerer Zusammenhang bestehen, dessen Ursachen uns noch unbekannt sind! Auffallend ist es, daß die westliche Richtung aller dieser Wanderungen der Drehung der Erde, die von West nach Ost erfolgt, entgegengerichtet ist. Vielleicht ist ein unwillkürliches Empfinden, die Rotationsbewegung der Erde zu kompensieren, die Veranlassung zu einer bevorzugten Bewegung in entgegengesetzter Richtung nach Westen? --
Der Leser, der weniger mit der ornithologischen Systematik vertraut ist, könnte durch den Namen „Steppenhuhn“ leicht in den Glauben versetzt werden, daß es sich um einen hühnerartigen Vogel handelt. Dies ist aber nicht der Fall. Das Steppenhuhn (~Syrrhaptes paradoxus~) gehört zu den sogenannten Flughühnern, die mit den Scharrvögeln, also den Hühnern, nichts zu tun haben. Die Flughühner bilden eine Ordnung für sich, die sich den Tauben eng anschließt. Sie sind wie die Tauben vorzügliche Flieger und haben im Gegensatz zu den Hühnern, die kurze und runde Flügel besitzen, sehr spitze und lange Flügel. Die sehr kleinen, meist nur dreizehigen Füße sind bis zu den Zehen dicht befiedert. Die Zehen sind bis zur Spitze mit einer Haut verbunden, so daß eine einheitliche Fußsohle entsteht, die das Einsinken im losen Steppensand verhindert. Die Flughühner sind ausgezeichnete Flieger, die auf der Nahrungssuche weite Strecken in der Steppe sehr schnell durchmessen. Ihr Federkleid ist dem Erdboden des dürren Steppengebietes vortrefflich angepaßt und auf sandfarbenem Grunde mehr oder weniger dunkel gewellt und gefleckt. --
Der Einfall der Steppenhühner zu vielen Tausenden in Europa, die Vereinigung von Kranichen, Störchen, Staren und vieler anderer Vögel zu Hunderten und Tausenden auf dem Zuge, dies alles wurde weit übertroffen durch die Massenwanderungen der Wandertaube, die noch bis zum Ende des vorigen Jahrhunderts in Nordamerika lebte und eine der interessantesten aller Vogelarten war. Sie ist wie so viele Tiere durch den Unverstand des Menschen und durch seine blinde Vernichtungswut ausgerottet worden. Die Wandertaube, eine große, blaugraue, langgeschwänzte Taube, durchzog in gewaltigen Massen, deren Kopfzahl nicht nach Tausenden, sondern nach Millionen und Milliarden zählte, das Land auf der Suche nach Nahrung. Nach Angabe des amerikanischen Forschers Audubon erschienen die Wandertauben bisweilen in solchen Mengen, daß die ganze Luft von ihnen erfüllt war, die Sonne verdunkelt wurde und der Kot der Vögel wie Schneeflocken herabrieselte. In den Wäldern, die die Tauben zur Nachtruhe aufsuchten, brachen die Äste der Bäume unter der Last der auf ihnen ruhenden Tiere, und der Waldboden wurde meilenweit mit dem Kot der Vögel bedeckt. Die Fluggeschwindigkeit der Wandertauben wurde von den Amerikanern auf eine englische Meile in einer Minute geschätzt, also auf fast 100 ~km~ in der Stunde, was freilich für einen länger anhaltenden Dauerflug eine gewaltige Leistung ist, falls diese Angabe als zuverlässig betrachtet werden kann. Auf kürzere Strecken entwickeln freilich manche Vögel erstaunliche Flugleistungen. Die besten Flieger, Albatros und Stachelschwanzsegler, sollen imstande sein, eine Fluggeschwindigkeit von 40-44 ~m~/~sek.~ zu entfalten, also zwei englische Meilen in 36-42 Sekunden zurückzulegen. Diese Fluggeschwindigkeit, die die Vögel freilich nur auf kurze Strecken und nicht auf der Wanderung ausführen, würde also die Fluggeschwindigkeit der Brieftaube um mehr als das Doppelte übertreffen.
[Sidenote: Wandertaube]
Überall, wo die Wandertauben erschienen, wurden sie rücksichtslos von den Menschen verfolgt. Man schoß und fing sie zur eigenen Nahrung, man metzelte sie schonungslos nieder, um die Schweine damit zu mästen, die von allen Seiten zu Hunderten herbeigetrieben wurden. Gegen Ende der sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts nahmen die Wandertauben ab, und seit den neunziger Jahren fehlt jede Kunde von diesen eigenartigen Vögeln, die der Vernichtungswut des Menschen zum Opfer gefallen sind. Falls sich nicht im Innern Nordamerikas noch einzelne Überreste erhalten haben, die den Bestand allmählich wieder vergrößern, muß diese Vogelart leider als ausgestorben betrachtet werden.
[Sidenote: Karolinasittich]
Eine andere Vogelart Nordamerikas, der Karolinasittich, der einzige in den Vereinigten Staaten vorkommende Papagei, ist ebenfalls in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts durch den Menschen ausgerottet worden. Die gelb und rot gefärbten Köpfe dieses schönen Sittichs wurden ein begehrter Hutschmuck der Damenwelt. Die Mode schlachtete die Sittiche zu Tausenden und aber Tausenden hin, bis sie schließlich ausgerottet wurden, womit Nordamerika eine weitere Vogelart verlor, die dem Lande ein so besonderes, charakteristisches Gepräge gab.
[Sidenote: Wanderungen des Bisons]
Zu Wandertaube und Karolinasittich gesellt sich noch ein drittes Tier Amerikas, das, wenn auch nicht völlig, so doch zum größten Teil der Gewinnsucht und Habgier des Menschen zum Opfer gefallen ist. Es ist der amerikanische Bison (Abbildung 11), der einst in unzählbaren Herden, zu vielen Millionen den nördlichen Teil der Neuen Welt bewohnte. Mit der fortschreitenden Kultivierung Amerikas wurde der Bison allmählich in die im Innern liegenden Steppengebiete zurückgedrängt.
Die Union-Pazifik-Bahn teilte das Verbreitungsgebiet der Bisons in zwei Teile, einen nördlichen und einen südlichen. Da dank der Eisenbahn die Bisongebiete so leicht und bequem zu erreichen waren, bildeten sich zahlreiche Jagdgesellschaften, um den Abschuß im großen Maßstabe ins Werk zu setzen und aus der Verwertung des Fleisches und der Felle Gewinn zu ziehen. Der Abschuß oder, richtiger gesagt, die Schlächterei der harmlosen und schwerfälligen Tiere war keine Kunst und erforderte keine hohe weidmännische Begabung. Einzelne Schießer, den Ausdruck „Jäger“ für diese empörenden Massenschlächter zu gebrauchen, widerstrebt unserem weidmännischen Empfinden, brachten auf einem Jagdausfluge nicht weniger als 1000, ja bis 3000 Bisons zur Strecke. Ein gewisser A. Andrews soll nach amerikanischer Mitteilung innerhalb einer Stunde 63 Bisons niedergeschossen haben. Seine unrühmliche Handlungsweise wird aber nach einer Mitteilung des Amerikaners Dodge noch von einem anderen Schützen übertroffen, der es fertigbrachte, in ¾ Stunden in einem Umkreis von nur 400 ~m~ 112 Bisons abzuschlachten. Nur mit Ekel und Verachtung kann man sich von einem solchen Treiben abwenden!