Im schwarzen Walfisch zu Askalon: Rastlieder

Part 1

Chapter 13,396 wordsPublic domain

Anmerkungen zur Transkription

Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text ist _so markiert_. Im Original in Antiqua gesetzter Text ist ~so ausgezeichnet~.

Das tironische etc. wird so dargestellt: ⁊c.

Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des Buches.

Im schwarzen Walfisch zu Askalon

Die Zeitbücher, Band 72

Im schwarzen Walfisch zu Askalon

Rastlieder von Joseph Victor v. Scheffel

Ausgewählt von Walter Jerven

Reuß & Itta, Verlagsanstalt, Konstanz a. B.

Alle Rechte vorbehalten Einbandentwurf von _Kasia von Szadurska_ Copyright 1917 by Reuß & Itta, Konstanz (Baden)

Altassyrisch

Im schwarzen Walfisch zu Askalon da trank ein Mann drei Tag, bis daß er steif wie ein Besenstiel am Marmortische lag.

Im schwarzen Walfisch zu Askalon da sprach der Wirt: »Halt an! der trinkt von meinem Dattelsaft mehr als er zahlen kann.«

Im schwarzen Walfisch zu Askalon da bracht' der Kellner Schar in Keilschrift auf sechs Ziegelstein dem Gast die Rechnung dar.

Im schwarzen Walfisch zu Askalon da sprach der Gast: »O weh! mein bares Geld ging alles drauf im Lamm zu Niniveh!«

Im schwarzen Walfisch zu Askalon da schlug die Uhr halb vier, da warf der Hausknecht aus Nubierland den Fremden vor die Tür.

Im schwarzen Walfisch zu Askalon wird kein Prophet geehrt, und wer vergnügt dort leben will, zahlt bar, was er verzehrt.

Der Fünfundsechziger

In luftiger Trinkkemenaten -- den Ort gesteht man nicht ein -- da prüften drei späte Nomaden den edelsten pfälzischen Wein. Aus rötlichen Römern erblinkte des Rieslings feinperlendes Gold, des Höhensaums Rebgeländ' winkte im Mondschein den Trinkenden hold.

Der Erste, ein weitum gereister Philologus spitzte den Mund: »_Das_ kochten uns Erdfeuergeister mit Aether und Sonne im Bund. Drum flutet's und glutet im Becher geistfunkelnd, sanft rhythmisch und voll, als sängen homerische Zecher ein jonisches Kneiplied in Moll.«

Der Zweite, ein trockener Kenner und Denker des römischen Rechts: »Proficiat,« sprach er, »ihr Männer, wir läppern allhiero nichts Schlechts. Wer schaut nicht, wenn bacchisches Donum so goldklar im Kelchglase scheint, das Justum, Aequum et Bonum in diesem Römer vereint?«

Der Dritte, der putzte die Lichter, die mächtig heruntergebrannt, und sprach: »Zwar bin ich kein Dichter und kunstlos und schlicht von Verstand; doch nähert sich solch' einem Schoppen mein Herz ... dann überwallt's ... 's ist halt e verflucht feiner Troppen, ich segne die Hügel der Pfalz!«

Derweilen ging draus auf dem Damme spießtragend ein Vierter vorbei, der blies eine wundersame gewaltige Melodei: »Ihr Herren, und lasset Euch sagen, die Stadtgemeinde braucht Schlaf, die Glocke hat eilf Uhr geschlagen, wer jetzt nicht zu Bett geht, zahlt Straf'.«

Perkêo

Das war der Zwerg Perkêo im Heidelberger Schloß, an Wuchse klein und winzig, an Durste riesengroß.

Man schalt ihn einen Narren, er dachte: »Liebe Leut', wärt' Ihr wie ich doch alle feuchtfröhlich und gescheut!«

Und als das Faß, das große, mit Wein bestellet war, da ward sein künftiger Standpunkt dem Zwergen völlig klar.

»Fahr wohl,« sprach er, »o Welt, du Katzenjammertal, was sie auf dir hantieren ist wurst mir und egal!

Um lederne Ideen rauft man manch heißen Kampf, es ist im Grund doch alles nur Nebel, Rauch und Dampf.

Die Wahrheit liegt im Weine. Beim Weinschlurf sonder End erklär' ich alter Narre fortan mich permanent.«

Perkêo stieg zum Keller; er kam nicht mehr herfür und sog bei fünfzehn Jahre am rheinischen Malvasier.

War's drunten auch stichdunkel, ihm strahlte inneres Licht, und wankten auch die Beine, er trank und murrte nicht.

Als er zum Faß gestiegen, stand's wohlgefüllt und schwer, doch als er kam zu sterben, klang's ausgesaugt und leer.

Da sprach er fromm: »Nun preiset, ihr Leute, des Herren Macht, die in mir schwachem Knirpse so Starkes hat vollbracht:

Wie es dem kleinen David gen Goliath einst gelang, also ich arm' Gezwerge den Riesen Durst bezwang.

Nun singt ein De Profundis, daß das Gewölb' erdröhnt, das Faß steht auf der Neige, ich falle sieggekrönt.«

... Perkêo ward begraben. -- Um seine Kellergruft beim leeren Riesenfasse weht heut noch feuchte Luft.

Und wer als frommer Pilger frühmorgens ihr genaht: Weh' ihm! Als Weinvertilger durchtobt er Nachts die Stadt.

Die Herberge am See

Dich feiern die freudigsten Lieder, Taberne zum lachenden Hecht, sind auch deine Hallen nur nieder, uns Fahrenden sind sie gerecht.

Hier trink' ich bekümmersnisledig Lenzlüfte und sonnigen Schein, und wär' ich der Fürst von Venedig, mir könnt' nicht wohliger sein.

Eine enge Dachkemenate herbergt mich als Dogenpalast, und eine bretterne Lade mein Hab' und Besitztum umfaßt.

Ein Bänklein im Schatten der Linde ist mein heiliger Markusplatz, dort spielen die Fischerkinde mit der scheckigen Klosterkatz'.

Mir lagert als Kreuzzugsgaleere ein Einbaum im Arsenal, den steur' ich in friedliche Meere als mein eigner Admiral.

Ein Schaumtrunk braunrötlichen Bieres erquickt mich statt kyprischem Wein ... Wen lustet des Malvasieres, wo Malz und Hopfen noch rein?

So horst' ich, von Frühlingsgnaden ein glücklicher Meermann, allhier; hoch weht ob den weißen Gestaden der fahrenden Schüler Panier.

Nicht neid' ich der Welt ihre Wonnen, noch allen neunfarbigen Dunst: Still liegen und einsam sich sonnen, ist auch eine tapfere Kunst.

Dem aufgehenden Mond

Heute schwirren Schelmenlieder, niemand bleibt verschont: Ja, woher denn du schon wieder, bleicher Pilgram Mond?

Kaum ist uns die Sonn' entschwunden im verschilften Rohr, reckst du schon am Bergwald drunten dein Gesicht empor.

Willst du deinen Treuen helfen? Heia, strahl nur zu! Schwärmern, Minnern, Füchsen, Wölfen, giltst als Sonne du!

Und wir brauchen Kraft zum Trinken und noch viel -- viel Wein ... Laß dem Wirt als Zahlung blinken deinen Silberschein.

Füll der Nönnlein Zellen drüben mit sehnsücht'gem Glanz ... Melde: bei den Linden hüben tost der Ringeltanz!

Strebst du aber, uns zu tauchen in geheimes Weh, Mond, dann bist du nicht zu brauchen, lösch dein Licht und geh.

Geh mit deinem zarten Flittern nach der Seufzer Land ... Schwermutbleich im Knie zu zittern, sind wir nicht imstand.

In den Alpen

Heia, das Schneegebirg ha'n wir erklommen, schau'n in der Täler vielfurchig Gewind ... Schweben wie Adler, von Aether umschwommen, über den Wolken und über dem Wind.

Hier blitzt ein Städtlein und dort ein Gefilde, dort eines Stromes sich schlängelnder Lauf, dort auch ein See, wie ein Menschenaug' milde, aus der vernebelten Ferne herauf.

Flüchtig nur winkt es und flüchtig versinkt es in das umflorende Dunstmeer zurück ... So ist das Leben -- sternschnuppig, kaum blinkt es ... So ist die Minne, die Hoffnung, das Glück.

Wir aber lagern am prasselnden Herde, wärmen den Leichnam und strecken ihn aus ... Fragen nicht mehr nach der Erde Beschwerde, füllen mit Jubel das winzige Haus.

Hochlandluft zehret, doch Rebensaft nähret, heia, wer reicht mir das Trinkhorn geschwind? ... Dreifacher Durst ist dem Sänger bescheret über den Wolken und über dem Wind.

Die Maulbronner Fuge

Im Winterrefektorium zu Maulbronn in dem Kloster da geht 'was um den Tisch herum, klingt nicht wie Paternoster: Die Martinsgans hat wohlgetan, Eilfinger blinkt im Kruge, nun hebt die nasse Andacht an und alles singt die Fuge: All Voll, Keiner Leer, Wein Her! ~Complete pocula!~

Der Abt Johannes Entenfuß kam unwirsch hergewatschelt: »Was wird so spät als Festtagsschluß beim Geigenschall gefratschelt? Laßt ab, Ihr stört den Doktor Faust im Gartenturm dahinten; wenn solch ein Singsang zu ihm braust, kann er kein Gold nicht finden: All Voll, Keiner Leer, Wein Her! ~Cavete scandala!~«

Derweilen bracht der Zellerar, Herr Godefrit von Niefern, den Sankt Martinuszuspitz dar vom Keller mit den Küfern. Der rief: »Herr Abbas, was Ihr sagt, soll man in Züchten ehren, doch wenn kein andrer Schmerz Euch plagt, so mögt Ihr uns nicht wehren: All Voll, Keiner Leer, Wein Her! Der Faust sitzt selbst schon da!«

Der Faust saß rückwärts an der Wand und trank vergnügt im Dunkeln, nun ließ der blasse Nekromant sein Glas am Licht karfunkeln und sprach: »Ich brüt schon Tag und Jahr am schwarzen Zauberbuche und merk' erst heut, ich bin ein Narr, daß ich das Gold dort suche; All Voll, Keiner Leer, Wein Her! Das echte Gold ist da!«

»Mit Hermes Trismegistos List wird keins erlaborieret, die Sonne ist der Alchymist, der's flüssig destillieret: Wenn's durch die Adern glüht und rollt mit des Eilfingers Wonnen, dann habt Ihr Gold, habt echtes Gold, und ehrlich selbst gewonnen. All Voll, Keiner Leer, Wein Her! ~Haec vera practica!~«

Da lacht der Abt: »Mit solcher Lehr zwingt Ihr auch mich zum Kruge, denn: All Voll, Keiner Leer, Wein Her ist eine feuchte Fuge. Als Fausti Goldspruch laß ich sie jetzt in den Kreuzgang malen, man kennt die ganze Melodie schon an den Initialen: ~A. V. K. L. W. H. Sit vino gloria!~«

-- -- Wem das Kloster Maulbronn bekandt, der hat's können mit seinen Augen sehen, wie in dem Vorhoff selbiger schönen erbauten Kirchen oben im Schwibbogen unter anderen Gemälden auch eine Gans abgemahlt steht, an welcher eine Fläsch, Bratwürst, Bratspiß und dergleichen hangen, neben einer zur nassen Andacht gar wohl komponirten Fuga folgenden Tenors mit ihrem unterlegten Text gleichwohl nur den ~initialibus literis A. V. K. L. W. H. = All Voll, Keiner Leer, Wein Her~, welches vielleicht dieser durstigen Münch und Religiosen Comentarius gewest über das Hohelied Salomonis: ~Comedite amici et bibite et inebriamini charisimi &c. &c.~

_Tob. Wagner_, Evangel. Censur der Besoldischen Motiven etc. Tübingen 1640, p. 652.

Der Enderle von Ketsch

Chorus:

Jetzt weicht, jetzt flieht! Jetzt weicht, jetzt flieht mit Zittern und Zähnegefletsch: Jetzt weicht, jetzt flieht! Wir singen das Lied Vom Enderle von Ketsch!

Solo:

Ott' Heinrich, der Pfalzgraf bei Rheine, der sprach eines Morgens: »Rem blemm! Ich pfeif' auf die saueren Weine, ich geh' nach Jerusalem!

Viel schöner und lilienweißer schau'n dort die Jungfrauen drein: O Kanzler, o Mückenhäuser, fünftausend Dukaten pack ein!«

Und als sie lagen vor Joppen, da faltet der Kanzler die Händ: »Jetzt langt's noch zu _einem_ Schoppen, dann sind die Dukaten zu End!«

Ott' Heinrich, der Pfalzgraf, sprach munter: »Rem blemm! Was ficht uns das an? Wir fahren nach Cyprus hinunter und pumpen die Königin an.«

... Schon tanzte die alte Galeere vor Cyprus in funkelnder Nacht, da hub sich ein Sturm auf dem Meere und rollender Donner erkracht.

Umzuckt von gespenstigem Glaste ein schwarzes Schiff braust vorbei, hemdärmlich ein Geist steht am Maste und furchtbar gellet sein Schrei:

Chorus:

»Jetzt weicht, jetzt flieht! Jetzt weicht, jetzt flieht mit Zittern und Zähnegefletsch: Jetzt weicht, jetzt flieht! im Sturm herzieht der Enderle von Ketsch!«

Solo:

Der Donner klang leise und leiser und glatt wie Oel lag die See, dem tapferen Mückenhäuser, dem Kanzler, war's wind und weh.

Der Pfalzgraf stund an dem Steuer und schaut' in die Wogen hinaus: »Rem blemm! 's ist nimmer geheuer, o Cyprus, wir müssen nach Haus!

Gott sei meiner Seele gnädig, ich bin ein gewitzigter Mann: Zurück, zurück nach Venedig! Wir pumpen niemand mehr an.

Und wer bei den Türken und Heiden sein Geld wie ich verschlampampt, der verzieh sich geräuschlos beizeiten, es klingt doch höllenverdammt:

Chorus:

Jetzt weicht, jetzt flieht! Jetzt weicht, jetzt flieht mit Zittern und Zähnegefletsch: Jetzt weicht, jetzt flieht! im Sturm herzieht der Enderle von Ketsch!«

In der Beschreibung der Pfalz von Merian (1645) wird bei Erwähnung des Dorfes Ketsch erzählt:

»Pfaltzgraf Oth Heinrich, nachmals Churfürst, fuhr vmb das Jahr 1530 ins gelobte Land, nach Jerusalem. In seiner zurück Reyse kam er vber die Offenbahre See herauß, da jhme dann ein Schiff, nach Nordwegen zu, begegnete, darinn diß Geschrey gehört wurde:

»Weichet, weichet, der dick Enderlein von Ketsch kompt.«

»Der Pfaltzgraf vnd sein Cammermeister Mückenhäuser kennten den gottlosen Schuldtheiß allhie zu Ketsch vnnd auch den Orth wol; daher als sie heimbkamen, sie nach dem dicken Enderle, vnnd vmb die Zeit seines todts gefragt vnd vermerckt haben, daß es mit der Zeit vberein gestimmt, da sie das Geschrey auff dem Meer gehört hatten; wie Weyland ein Professor zu Heydelberg in seinen Schriften auffgezeichneten hinderlassen hat.«

Am Grenzwall

Ein Römer stand in finstrer Nacht am deutschen Grenzwall Posten, fern vom Kastell war seine Wacht, das Antlitz gegen Osten ... Da regt sich feindlich 'was am Fluß, da schleicht und hallt 'was leise ... Kein Paean von Horazius, ganz wildfremd war die Weise: »Ha' ... hamm' ... hammer dich emol, emol, emol an dei'm verrissene' Kamisol, du schlechter Kerl!«

An eine Jungfrau Chattenstamms hatt' er sein Herz vertandelt und war ihr oft im Lederwams als Kaufmann zugewandelt. Jetzt kam die Rache ... eins, zwei, drei! Jetzt war der Damm erklettert ... Jetzt kam's wie wilder Katzen Schrei und Keulenschlag geschmettert: »Ha' ... hamm' ... hammer dich ⁊c.

Er zog sein Schwert, er blies sein Horn, focht als geschulter Krieger, fruchtlos war Mut und Römerzorn, die Wilden blieben Sieger. Sie banden ihn und trugen ihn wie einen Sack von dannen; als die Kohort' am Platz erschien, scholls fern schon durch die Tannen: »Ha' ... hamm' ... hammer dich ⁊c.

Versammelt war im heiligen Hain der Chatten Landsgemeinde, ihr Odinsjulfest einzuweih'n mit Opferblut vom Feinde. Der fühlt sich schon als Bratenschmor in der Barbaren Zähnen, da sprang sein blonder Schatz hervor und rief mit heißen Tränen: »Ha' ... hamm' ... hammer dich ⁊c.

Und alles Volk sprach tiefgerührt ob solcher Wiederfindung: »Man geb' ihn frei und losgeschnürt der Freundin zur Verbindung! Nimmt sie ihn hier vom Fleck als Frau, sei alle Schuld verziehen. Und heut noch wird im ganzen Gau als Festbardit geschrien: »Ha' ... hamm' ... hammer dich ⁊c.

Numero acht

im Holländer Hof zu Heidelberg

Zwei Schatten seh ich schweben in später, später Nacht; wißt Ihr, wohin sie streben? -- -- Beide auf Numero acht!

Der Hausknecht, als es läutet, mit einem Fluch erwacht; er weiß schon, was es bedeutet: Beide auf Numero acht!

»Alt Holland steht in Nöten, weh' uns, die wilde Jagd! Weh' uns, die alten Schweden beide auf Numero acht!

Heißt das als fleißiger Schreiber ein neues Buch gemacht, ihr grausamen Ueberkneiper beide auf Numero acht?

heißt das als frommer Paster an die Gemeinde gedacht? Ihr sündenharte Laster beide auf Numero acht?!«

Der Hausknecht, ungewaschen murrt er's und ungeschlacht, da lärmt's: »He! noch zwei Flaschen, beide auf Numero acht!«

Und weiter singt es und klingt es und jubiliert und lacht, und bis zum Hausherrn dringt es: »Beide auf Numero acht!«

Der spitzt betrübt die Füße, die Bettstatt seufzt und kracht; stumm nimmt er eine Prise: »Beide auf Numero acht!!«

Die letzte Hose

Letzte Hose, die mich schmückte, fahre wohl! dein Amt ist aus, ach auch dich, die mich entzückte, schleppt ein andrer nun nach Haus.

Selten hat an solchen Paares Anblick sich ein Aug erquickt; feinster Winterbuxking war es, groß kariert -- und nie geflickt!

Mit Gesang und vollen Flaschen grüßt ich einst in dir die Welt; zum Hausschlüssel in der Taschen klang noch froh das bare Geld.

Aber längst kam das Verhängnis, die Sechsbätzner zogen fort, und das Brückentorgefängnis ist ein dunkler stiller Ort ...

Längst verschwand, was sonst versetzlich, Frack -- und Rock -- und Mantels Pracht. Nun auch du! es ist entsetzlich! ... Letzte Hose, gute Nacht!

Tag der Prüfung, o wie bänglich schlägt mein Herz und fühlt es hell: Alles Irdische ist vergänglich und das Pfandrecht schreitet schnell!

Nirgends winkt uns ein Erlöser, letzte Hose! ... es muß sein! ... Elkan Levi, dunkler, böser Trödler, nimm sie! ... Sie sei dein!

Stiefelfuchs, du alter treuer, komm und stütz mein Dulderhaupt! Noch ein einziger Schoppen Neuer sei dem Trauernden erlaubt.

Dann will ich zu Bett mich legen und nicht aufstehn, wenn's auch klopft, bis ein schwerer goldner Regen unverhofft durchs Dach mir tropft.

Zeuch denn hin, die ich beweine, grüß den Rock und 's Kamisol! Weh! schon friert's mich an die Beine! ... Letzte Hose, fahre wohl!!

Das Hildebrandlied

Hildebrand und sein Sohn Hadubrand, Hadubrand, ritten selbander in Wut entbrannt, Wut entbrannt gegen die Seestadt Venedig.

Hildebrand und sein Sohn Hadubrand, Hadubrand, keiner die Seestadt Venedig fand, Venedig fand, da schimpften die beiden unflätig.

Hildebrand und sein Sohn Hadubrand, Hadubrand, ritten bis da, wo ein Wirtshaus stand, Wirtshaus stand, Wirtshaus mit kühlen Bieren.

Hildebrand und sein Sohn Hadubrand, Hadubrand, trunken sich beid' einen Riesenbrand, Riesenbrand, krochen heim auf allen Vieren.

Die Heimkehr

Der Pfarrer von Assmannshausen sprach: »Die Welt steckt tief in Sünden, doch wo der Meister Josephus steckt, weiß keiner mir zu künden.«

Und als man rüstet auf Weihnachtszeit, da war der Rhein gefroren, da stund ein Mann in Pilgramskleid wohl vor des Pfarrhofs Toren:

»Herr Pfarr', Ihr sollt mir Indulgenz und sollt mir Ablaß spenden, daß sich mein arm trübtraurig Herz zu neuer Freud' mag wenden.

Herr Pfarr', es war nicht wohlgetan, vom rheinischen Land zu scheiden, man trifft halt doch kein zweites an, so weit man auch mag reiten.

Bis hundert Stunden hinter Lyon bin ich ins Frankreich kommen, manch gutes Frühstück von Austern und Sekt hab' ich zu mir genommen.

Ich hab' zu Marseille im Café Türk unter Heiden und Mohren gesessen, ich hab' am Pyrenäengebirg Lauch und Garbanzos gegessen.

Noch saust der Kopf mir, wenn ich gedenk der Seealpenmaid Filumene: Zigeunerbraun Antlitz, kohlschwarzkraus Haar, wie Elfenbein glänzend die Zähne.

Doch verpecht und verschwefelt ist alles Land ohne Freunde und Lieder der Liebe; vom Fieber geschüttelt und abgebrannt kehr ich heim aus dem fremden Getriebe.«

Der Pfarr' von Assmannshausen sprach: »Wohlauf, bußfertige Seele, mit unserm altheiligen Purpurwein salbe Dir Lippen und Kehle.

Zu demselbigen Wein drei Tag, drei Nacht im dunkelen Keller Dich schließe und halt bei den Fässern trinkend Wacht, daß Gnade sich über Dich gieße.

In Krone und Anker ergib Dich sodann den geistlichen Uebungen fleißig, und erst bei des nächtlichen Wächters Nahn dem Chorgesange entreiß Dich.

Dann wird der Himmel ein Zeichen tun, er läßt keinen Büßer verderben: Ein lichtes Weingrün, ein dunkles Rot wird Nase und Stirn Dir färben.

Und prangt Dein Gesicht in solchem Ton, dann wird Dein Trübsinn sich hellen, dann magst Du, o lang verlorener Sohn, den alten Freunden Dich stellen.

Wir sind die Alten; noch klingen beim Wein die Lieder von damals zu Berge, vom »Spatzen« und vom »Stieglitz fein« und der »sommerverkündenden Lerche«.

Wir sind die Alten, wir haben Dich gern; laß das Herz nicht von Kummer umnachten: Und hätt'st Du noch ärger geschwärmt in der Fern', ein Kalb auch würden wir schlachten.«

Da seufzte der Pilgram mit Tränen im Aug': »O Pfarr' von Assmannshausen, wie Ihr, gottwohlgefälliger Mann, sprach keiner mit mir da draußen.

Nun stoß' ich meinen dürren Stab in diese geweihte Erde, daß er in neuem Blatt und Laub ein Schattendach mir werde.

Nun ströme, du rheinisch Traubenblut, du Hort unsäglicher Gnaden; in deiner verjüngenden Feuerflut will ich gesund mich baden.«

Asphalt

Bestreuet die Häupter mit Asche, verhaltet die Nasen Euch bang, heut gibt's bei trübfließender Flasche einen bituminösen Gesang.

-- Schwül strahlet die Sonne der Wüste, am toten Meere macht's warm; ein Derwisch spaziert an der Küste, eine Maid aus Engeddi am Arm.

Nicht Luftzug noch Wellenschlag kräuselt den zähen, bleifarbenen See, nur Naphthageruch kommt gesäuselt und dunstig umflort sich die Höh'.

's ist eine versalzene Gegend und niemand ringsum ist gerecht. Zu Loths Zeit hat's Schwefel geregnet und heut noch ist alles verpecht.

Keine Wäscherin naht mit dem Kübel, kein Durstiger naht mit dem Krug und dem Durstigsten selber wird übel, wagt er aus der Flut einen Zug.

Zwei schwarzbraune Klumpen lagen am Ufer faulbrenzlich und schwer; drauf setzte mit stillem Behagen das Paar sich und liebte sich sehr.

Doch wehe! sie saßen auf Naphtha, und das läßt keinen mehr weg, wer harmlos sich dreinsetzt, der haft't da und steckt im gediegensten Pech.

Sie konnten sich nimmer erheben, sie jammerten: »Allah ist groß! Wir kleben -- wir kleben -- wir kleben! Wir kleben und kommen nicht los!«

Umsonst hat ihr Klagen und Weinen die schweigende Wüste durchhallt, sie mußten zu Mumien versteinen und wurden, ach! selbst zu Asphalt.

Ein Vögelein wollte um Hilfe hinüber zum Städtlein Zoar, betäubt fiel's herab ins Geschilfe, es stank, daß zu fliegen nicht war.

Und blaß, mit erschaudernden Seelen sah man einen Walfahrtzug fliehn -- den Pilgern sowie den Kamelen war's benzoësauer zu Sinn.

So geht's, wenn ein Derwisch will minnen und hat das Terrain nicht erkannt ... O Jüngling, fleuch eiligst von hinnen, wo Erdpech entquillet dem Land.

Das Megatherium

Was hangt denn dort bewegungslos zum Knaul zusammengeballt, so riesenfaul und riesengroß im Ururururwald? Dreifach so wuchtig als ein Stier, dreifach so schwer und dumm -- ein Klettertier, ein Krallentier: Das Megatherium!

Träg glotzt es in die Welt hinein und gähnt, als wie im Traum, und krallt die scharfen Krallen ein am Embahubabaum. Die Früchte und das saftige Blatt verzehrt es und sagt: »_Ai!_« Und wenns ihn leergefressen hat sagts auch zuweilen: »_Wai!_«

Dann aber steigt es nicht herab, es kennt den kürzern Weg: Gleich einem Kürbis fällt es ab und rührt sich nicht vom Fleck. Mit rundem Eulenangesicht nickts sanft und lächelt brav: Denn nach gelungener Fütterung kommt als Hauptarbeit der Schlaf.

... O Mensch, dem solch ein Riesentier nicht glaublich scheinen will, geh nach Madrid! dort zeigt man dir sein ganz Skelett fossil. Doch bist du staunend ihm genaht, Verliere nicht den Mut: So ungeheure Faulheit tat nur _vor_ der Sündflut gut.