Im Schatten der Titanen: Erinnerungen an Baronin Jenny von Gustedt
Chapter 8
"Schiller, Herder, Wieland waren längst tot. Frau von Schiller und ihre Schwester, Frau von Wolzogen, kannte ich nur als alte Damen. Erstere ging regelmäßig im Park spazieren, den Mops an der Leine, und hatte wenig mehr von dem, womit sie als Schillers reizendes Weibchen oft erwähnt worden war. Ihre Tochter Emilie, spätere Frau von Gleichen-Rußwurm, wurde mit uns Kindern zu den Prinzessinnen eingeladen, war aber viel älter als wir alle und der Gegenstand meiner stillen Huldigung. Die Romane 'Gabriele' von Johanna Schopenhauer, 'Agnes von Lilien' von Frau von Wolzogen, 'Römhilds Stift' von Frau von Ahlefeldt, welche diese Damen bekannt gemacht hatten, wurden noch gelesen, die Autorinnen selbst waren noch geistesfrisch, aber doch auf Ausleben vorbereitet. Von Wielands Nachkommen kannte ich die kleine Enkelin Lina Wieland, die im Hause des Großvaters, unserer Wohnung gegenüber, wohnte, und Fräulein Stichling, deren Vater in zweiter Ehe die Tochter Herders heiratete, eine geistig und praktisch gebildete, still und sinnig ihrer Familie lebende Hausfrau. Auch Charlotte von Stein sah ich öfters, da ich mit ihrer Enkelin und treuen Pflegerin befreundet war. Ich wurde zum Tee zu ihr gebeten; dann saß sie alt, schweigsam, freundlich hinter einem grünen Lampenschirm, irgendein Werk Goethes vor sich.
"Noch weiter zurück in den Erinnerungen und in den Kreisen, die Goethe und Karl August mit übersprudelndem Geist und Herzen belebt hatten, führen mir die Gedanken einige Persönlichkeiten aus der Zeit der Herzogin Amalie vor. Da schreitet Einsiedel, alt, gebeugt, müde, sich schwer auf den Stock mit dem goldenen Knopf stützend, an mir vorüber. Er geht, die hohen Treppen eines Hauses am Ende des heutigen Karlsplatzes nicht scheuend, täglich um zwei Uhr zu der ebenso alten, ebenso müden Adelaide von Waldner. Beide waren am Hofe Anna Amalias jung gewesen; die große, tiefe Liebe, die sie verbunden hatte, konnte nicht zur Ehe führen, wohl aber zu lebenslänglicher, reiner Freundschaft. Das Zusammensein der Greise störte niemand, bis ihm selbst die Kräfte versagten. Er starb vor ihr, und als sie ihr Ende nahen fühlte, bat sie meine Mutter, ihre Verwandte und Freundin, ein Päckchen vergilbter Briefe, das sich in einem geheimen Schubfach fand, zu verbrennen. Es war die Korrespondenz mit Einsiedel, während er sich in Italien befunden hatte. Ein paar halb zerfallene Blumen nahm sie mit sich ins Grab. -- Frisch und jugendlich hatte sich ihr Zeitgenosse Knebel erhalten. Wenn ich nach Jena kam, wo mein Onkel Ziegesar Präsident und Kurator war, besuchte ich ihn zuweilen. Er ging nicht mehr aus, erfreute sich an seinem Garten, an der Aussicht in die Berge und lebte immer in einem stillen, drolligen Kampf mit seiner viel jüngeren Frau, deren Lebhaftigkeit mit seiner Ruhe sehr kontrastierte. Sie hatte den Turban aus der Zeit und Mode der Frau von Staël beibehalten, und es amüsierte mich sehr, wenn er bei jeder ihrer schnellen Bewegungen hin und her schwankte.
"Zwei eigentümliche Erscheinungen aus meiner Kinderzeit waren Herr und Frau von Schardt, die neben uns wohnten und meinem Bruder und mir sehr freundlich waren. Sie war innig befreundet mit Zacharias Werner, der das 'Kreuz an der Ostsee' geschrieben hatte. Dieses ganz geistige Verhältnis bekundete sich doch auch in kleinen Liebesgaben. Sie stickte einst eine damals sehr beliebte seidene Weste mit der ausgesprochenen Absicht: 'Wenn sie hübsch wird, bekommt sie Werner, wenn sie nicht hübsch wird, bekommt sie der gute Schardt.'
"Selten nur sah ich Frau von Heygendorf und dann meistens auf irgendeinem ihrer Armenwege. Sie war unendlich wohltätig, sanft und gut, so daß ich sie niemals häßlicher Intrigen für fähig gehalten habe. Die Liebe zu Karl August war eine sie so vollständig erfüllende, daß man bei seinem Tode für ihren Verstand fürchtete. Das Theater, dessen Zierde sie gewesen war, besuchte sie nicht einmal mehr. Auch Goethe ging nur selten hinein, blieb dann gern unbemerkt im Hintergrunde, und nur bei der ersten Aufführung des ersten Teils vom Faust sah man ihn einen Augenblick sich vorbeugen. Ein Flüstern 'Goethe ist auch da' verkündete seine Anwesenheit und erhöhte unsere Andacht.
"Auch die Großherzogin Luise lebte immer zurückgezogener. Sie liebte die großen Feste nicht mehr und war bei kleinen Empfängen stiller denn je; um so wertvoller war mir ein Kuß, ein freundliches Lächeln, da sie wenig sprach. Unserem jugendlich übermütigen Leben und Treiben stand sie fremd und vielfach mißbilligend gegenüber, war sie doch selbst niemals so recht von Herzen jung gewesen. So hatte sie sich auch früher nie von dem genialischen Treiben in der Musenstadt hinreißen lassen; aber es ist durchaus falsch, wenn man daraus beweisen will, daß sie überhaupt kein Verständnis dafür hatte. Sie sah es nur nicht, wie so manches unechte Genie, als notwendigen Beweis geistiger Größe an. Sie bewunderte, sie verstand Goethe wie wenige, aber nicht den Menschen, sondern den Dichter, den Gelehrten; sie fühlte sich dem Geiste ihres Gemahls aufs innigste verbunden, ihre unendliche Liebe hatte für seine Schwächen immer wieder Vergebung, aber kein Vergessen und kein Verstehen. Sie war, so schien es, schon auf einer höheren seelischen Stufe geboren, zu der sich andere erst mühsam emporarbeiten müssen. Selbst ihr Schmerz hatte etwas Heiliges an sich. Als Karl August gestorben war, verschloß sie sich lange vor jedem Blick. Niemand sah ihr furchtbares Leid, denn als sie vor uns erschien, war sie ruhig und gefaßt und dachte sofort daran, andere zu trösten, Goethe vor allem, der aber schon abgereist war. Sie soll ihm, wie Julie Egloffstein mir sagte, einen langen Brief geschrieben haben, den aber niemand zu sehen bekam. Gleich nach Goethes Heimkehr ging sie allein zu ihm. Kurz nachher traf ihn Ottilie im Lehnstuhl sitzend, während er immer vor sich hin murmelte: 'Welch eine Frau, welch eine Frau.' Zu Julie Egloffstein sagte die Großherzoginmutter: 'Goethe und ich verstehen uns nun vollkommen, nur daß er noch den Mut hat, zu leben, und ich nicht.'
"Sie schien auch keine Lebenskraft mehr zu haben und zeigte sich nur noch im engsten Familienkreise. Nicht lange darauf, am 14. Februar 1830, folgte sie dem geliebten Gatten zur ewigen Ruhe. Es ist sehr schmerzlich, daß wir immer erst nach dem Verlust voll empfinden, was wir besessen haben. So auch hier; wir alle, das Land, das Volk fühlten uns verwaist. Goethes Sohn war so ergriffen, wie ich ihn nie vorher gesehen hatte, und Goethe sagte mit trübem Blick: 'Ich komme mir selber mythisch vor, da ich so allein übrig bleibe.'
"Noch Schwereres stand dem Greise bevor, als der Heimgang der liebsten Freunde und der Lebensgefährtin für ihn gewesen war: die ewige Trennung von dem einzigen Sohn, der in seinen sorgenden Gedanken und in seinem Herzen einen so großen Platz einnahm. Sein Tod wirkte furchtbar auf den Vater, denn ob er auch bei jedem Schmerz Stille, Arbeit, Einsamkeit als letzte Heilmittel suchte und seinen äußeren Ausbruch so sehr unterdrückte, daß man ihn neuerdings oft deshalb herzlos schilt, er empfand so tief wie wenige, darum litt er auch körperlich so sehr darunter. Nur beim Tode seiner Frau, so erzählte mir Huschke, war er weinend vor ihrem Bett in die Knie gesunken mit dem Ausruf: 'Du sollst, du kannst mich nicht verlassen!' Als die Trauerglocken den Einzug des toten Karl August uns allen wehmutsvoll in die Seele läuteten, war er still verschwunden. Den Kanzler Müller, der den Auftrag hatte, ihm des Sohnes Tod mitzuteilen, ließ er nicht zu Worte kommen, er sah ihn nur groß an und ging hinaus. Daß er die Kunde erraten hatte, wurde klar, als Ottilie den nächsten Morgen in Trauerkleidern bei ihm eintrat und er ihr die Hände mit den Worten entgegenstreckte: 'Nun wollen wir recht zusammenhalten.' Dann versuchte er zu arbeiten, verschloß sich vor jedem Besuch, wollte schließlich verreisen; ein Blutsturz warf ihn aufs Krankenlager und zeigte nur zu deutlich, wie entsetzlich er litt. Bei allen geistig bedeutenden Menschen scheint Geist und Körper besonders innig zusammengewachsen zu sein, das ist 'der Pfahl im Fleisch', die Bürde, die große, dem Überirdischen näher als dem Irdischen stehende Naturen zur Erde zurückzieht. Zu solchen gehörte Goethe, nicht nur als Dichter, sondern auch als Mensch.
"Wenn er nichts geschrieben hätte, würde er doch in die erste Reihe der größten Menschen gehören. Er war gut, neidlos, einfach, half und förderte gern, keine Hochschätzung der Welt hat ihn eitel, keine ihrer Huldigungen hat ihn anmaßend gemacht. Was vielen als Egoismus erschien, das Wegräumen äußerer Hindernisse auf dem Wege zu seinen Zielen, hat diese Ziele möglich gemacht. Er gab seinem Volke eine Sprache, den deutschen Geistern einen Mittelpunkt, er weckte schlummernde Kräfte, Gedanken, Gefühle und Bestrebungen in einem Maße, welches sich besonders darin dokumentiert, daß nach einem Jahrhundert seines Wandelns und Wirkens kaum ein deutsches Werk erscheint ohne Motto aus Goethes Schriften und ohne Zitate zur Bekräftigung ausgesprochener Ansichten. So reich und voll er das geistige Leben erfaßte und beherrschte, so bedürfnislos war er im äußeren Leben. In seinen unansehnlichen Wohnstuben leuchteten und lebten mit ihm, durch ihn und in ihm große und gute Geister, in seiner unansehnlichen Equipage, in seinen unansehnlichen grauen Mantel gehüllt, spendete er Gedanken, Lebensweisheit, menschenfreundliche Gesinnungen; in seinen einfachen Gärten war keine Blume für ihn ohne Genuß, kein Licht- und Farbeneffekt ohne Beachtung, keine Naturerscheinung ohne Gedankenanregung.
"Wie großartig waren die letzten Stunden seines Lebens, ruhig, mild, mit klarem Geist, noch empfänglich für anmutige Kunstleistung. Ein Maler hatte ihm das Bild[70] der schönen Gräfin Vaudreuil geschickt, er betrachtete es aufmerksam: 'Wie gut ist es doch, wenn der Künstler nicht verdirbt, was Gott so schön gemacht hat.' Noch in den letzten Stunden stand er hoch aufgerichtet in der Tür seiner Stube, so daß er ungewöhnlich groß erschien. Das bekannte Wort 'Mehr Licht' (?) mag er wohl gesagt haben, klar und deutlich aber sprach er seine letzten Worte: 'Nun kommt die Wandlung zu höheren Wandlungen.' Er starb kampflos, sagten die Anwesenden, nur Ottilie warf sich mir gleich darauf schluchzend in die Arme: 'Und das nennen die Leute leicht sterben!' Bekannte und Verwandte wollen nach seinem Tode eine unerklärliche Trauermusik gehört haben, als ob die Noten im Musikschrank lebendig geworden wären. Gräfin Vaudreuil versicherte mir, daß es so gewesen sei, auch Ulrike von Pogwisch sprach davon; ich selbst war so betäubt an dem Tage, daß ich keine Rechenschaft zu geben vermag, was Wahrheit, was Phantasie gewesen ist. Ebenso ging es mir bei dem Mittagsspuk im Parkgarten, den August und Ottilie, Walter und Wolf Goethe empfunden hatten und der nach Goethes Tod besonders auffällig gewesen sein soll. Ich war lange dort und empfand nichts von der mir betriebenen unheimlichen Stille, die ein entsetzliches Angstgefühl verursachen sollte. Goethe selbst war es, der mir bei einem Besuch im Gartenhaus den Ursprung des Spukes folgendermaßen erzählte: 'Ich habe eine unsichtbare Bedienung, die den Vorplatz immer rein gefegt hält. Es war wohl Traum, aber ganz wie Wirklichkeit, daß ich einst in meiner oberen Schlafstube, deren Tür nach der Treppe zu auf war, in der ersten Tagesfrühe eine alte Frau sah, die ein junges Mädchen unterstützte. Sie wandte sich zu mir und sagte: 'Seit fünfundzwanzig Jahren wohnen wir hier, mit der Bedingung, vor Tagesanbruch fort zu sein; nun ist sie ohnmächtig, und ich kann nicht gehen.' Als ich genauer hinsah, war sie verschwunden.'
"Etwas Unheimliches habe ich, wie gesagt, nach seinem Tode nicht bemerkt, wenn nicht das Gefühl des Verlassenseins, das sich unser Aller bemächtigte, unheimlich genannt werden kann. Täglich ging ich, wie sonst, den gewohnten Weg zu Ottilien, aber leise und langsam nur schlich ich die Stufen empor und schlüpfte wohl manchmal in die verlassenen Räume, um mich auszuweinen.
"Meine letzte Erinnerung an Goethe war der ernste, mächtige, stille Trauerzug, der ihn in weihevoller Stunde zu Karl Augusts Fürstengruft geleitete.
* * * * *
"Als ich noch ein Kind war, ging ich allsonntäglich zur Kirche, faltete allabendlich die Hände zum Gebet, jeden Morgen galt mein erster Gruß dem lieben Heiland. Da sah ich Goethe, er streichelte mir das Haar, er lächelte freundlich und schenkte mir ein Körbchen Erdbeeren, das er gerade einem armen, zerlumpten Mädchen abgekauft hatte, für mehr Geld, als es verlangte, wie ich deutlich bemerkte. Von nun an wurde jeder Tag mir zum Fest, an dem ich ihm begegnete; ich sah ihn überall: im Park, im Wald, auf der Straße, zu Haus, nur in der Kirche nicht.
"'Warum geht der Herr Geheimrat nicht in die Kirche?' frug ich.
"'Er ist kein Christ!'
"Ich erschrak tödlich. Wie konnte das sein? Wie konnte er lächeln, wie konnten die Leute ihn grüßen, wie konnte er leben und war doch kein Christ?
"Ich wuchs heran. Da hörte ich, daß einer armen, fleißigen Familie das Haus abgebrannt war; ich ging hin, um ihr mit meinen schwachen Kräften beizustehen, und fand sie glücklich und zufrieden in einem neuen Heim: "Der Herr Geheimrat hat uns schon geholfen." -- Wie konnte er barmherzig sein, wie konnte Segen auf seiner Gabe ruhen? Er war ja kein Christ!
"Und die Jahre vergingen. Ich machte die Bekanntschaft eines frommen Mannes und freute mich dessen. Er gab mit vollen Händen, er sprach so schön von Gott und Christentum; keine Kirche in seiner Gegend gab es, die nicht von ihm unterstützt worden wäre, kein Sonntag verging, ohne daß er vor dem Altar des Herrn gekniet hätte. Eines Tages aß ich bei ihm, ein Diener zerbrach eine Schüssel, und sein Herr schlug ihn dafür. Dann hörte ich von seinem Bruder sprechen; man sagte, er sei sehr arm. 'Er ist ein Ketzer und Gottesleugner und trägt gerechte Strafe,' sagte mein Wirt. Ich erschrak, denn er war ja ein Christ!
"Ich wurde ein Weib, ich sah das Elend in der Welt, die bitterste Armut in den Hütten, und Kirchen von Gold strotzend, und Priester in Seide und Spitzen -- da dachte ich an ein schlichtes Zimmer mit niedrigen Fenstern und hölzernen Stühlen, an einen Mann darin im langen, grauen Rock mit einer milden Hand, leuchtenden Augen, herrlichen Gedanken -- war er nicht doch ein Christ?!
"Nun bin ich alt. Ich erschrecke nicht mehr, wenn ein geliebter Mensch die Kirche meidet, aber ich bin verzweifelt, wenn er an den Hütten der Armut vorübergeht. Ich bewundere nicht mehr den frommen Mann, dessen Name in allen Kirchenkollekten zu finden ist, aber ich verachte den, der es versäumt hat, ihn in die Herzen der Menschen zu schreiben."
Freundschaft und Liebe
Die Zeit, in die Jennys Jugend fiel, pflegt heute als die des Biedermeiertums bezeichnet zu werden, und der moderne Gebildete, dessen prätentiöser Geisteshochmut jeden Zweifel an seiner tiefgründigen Kenntnis aller Dinge für verdammenswerte Majestätsbeleidigung erklärt, stellt sich darunter eine Periode geruhigen, geistesarmen Philistertums vor, eine ereignislose Pause inmitten der beiden Akte der Welttragödie: Napoleon und 1848. Redselige Gefühlsergüsse, die Pfeife und die geblümte Kaffeetasse sind, so meint er, ihre Symbole. Wer aber unter dem Einfluß dieser allgemein verbreiteten Auffassung in der Geschichte der Menschheitsentwicklung nach dieser Pause sucht -- sehnsüchtig sucht vielleicht, wie der vom Lärm der Großstadt Umtoste nach einem stillen, grünen Winkel -- der mag die Jahresblätter noch so oft hin und her wenden, er findet sie nicht. Und vor dem, was er findet, löst sich das Bild der guten alten Zeit auf wie ein Traum am Morgen.
Nationale Kämpfe erschütterten Europa. Der Freiheitskampf der Griechen begeisterte die Jugend, der der Polen stempelte sie wieder zu bewunderten Märtyrern; die Magyaren und die Italiener rangen um ihr Volkstum. Unterirdisch und doch für alle schon fühlbar grollte der durch die Metternichsche Zuchthauspolitik erregte Zorn des Bürgertums. Politische Attentate in ungewöhnlich großer Zahl wurden zu Verkündern der Revolution der Zukunft. Und die trotz aller Beschränkung der Preßfreiheit sich rasch ausbreitende Tagespresse begann in das stille Heim des Bürgers den Strom des öffentlichen Lebens zu leiten und wurde zum Sprachrohr nicht nur der Unterdrücker, sondern auch der langsam zur Manneskraft reifenden liberalen Ideen. Daneben aber entwickelte sich mit der zunehmenden Zahl der zum Himmel ragenden Fabrikschlote, mit der wachsenden Herrschaft der Maschinen etwas Neues, nie Dagewesenes: das Selbstbewußtsein der in den Höllen der Industriemagnaten zusammengezwängten Massen. In England und Frankreich griffen sie zum erstenmal zur Selbsthilfe der Arbeitseinstellung, und gegenüber dem allgemeinen Elend fingen soziale Ideale an, Hirn und Herz der Denker und Dichter zu erobern. St. Simons Sozialismus ward vielen zur neuen Religion, von der sie die Erlösung der Welt erwarteten.
Doch das wachsende Interesse für politische und soziale Fragen nahm den geistig belebten und empfänglichen Teil der Bevölkerung nicht in dem Maße in Anspruch, daß Kunst und Wissenschaft darüber zu kurz gekommen wären. Die Tatsache, daß deutsche Gelehrte -- Vertreter jenes Typus weltfremder Stubenweisheit -- ihre stille Studierstube verließen und auf die große Bühne des politischen Kampfes traten, trug mit dazu bei, daß auch die Ergebnisse ihrer Forschungen über den engen Kreis der Fachgelehrsamkeit hinaus mehr und mehr in die Köpfe der Laien drangen. Aber von noch größerer Bedeutung als sie war die Kunst für das geistige Leben der Gesellschaft. Je älter der letzte der Klassiker wurde, desto lebendiger wurden er und seine Zeitgenossen, die Schiller, Herder, Wieland, für das gebildete Deutschland. Und die Romantiker mit dem Zauber ihrer weltentrückenden Phantasie, dem funkelnden Glanz ihrer Sprache machten ihnen den Rang vielfach streitig. Mit ihnen wetteiferten um Ruhm und Gunst die glänzenden Sterne am Dichterhimmel des Auslandes -- Scott, Dickens, Shelley, Lamartine, George Sand, Balzac, Hugo -- während die Vertreter des jungen Deutschlands schon anfingen, der Romantik den Krieg zu erklären.
Da das Berufsleben den Bürger noch nicht in jenes Prokrustesbett fesselte, das ihn heute nur zu oft zu geistiger Verkrüppelung zwingt, und seine Frauen und Töchter die Befreiung aus innerer oder äußerer Not noch nicht in der Lohnarbeit zu suchen brauchten, so gab es in ihrem Familienkreise die schöne Ruhe, die geistiges Genießen ermöglicht. Eine andere Voraussetzung mußte allerdings noch hinzukommen, damit dieser kostbare Besitz nicht in gedankenlosem Zeitvertreib verschwendet werde: der Seelenhunger nach intellektueller Speise, die Sehnsucht nach Nahrung für das Gemüt. Hatten die Kämpfe der Zeit die Männer mehr und mehr aus dem lethargischen Schlaf geweckt, in dem ein behaglich-einförmiges Leben so leicht zu versinken vermag, so hatten die Ideen des St. Simonismus, die geistige Vorkämpferschaft einer Staël und einer George Sand in Verbindung mit dem Einfluß der das weibliche Geschlecht auf das Piedestal geistiger Ebenbürtigkeit erhebenden Romantiker, die alte Überzeugung von der Minderwertigkeit der Frauen in ihren Grundfesten erschüttert und ihnen die Augen geöffnet für die Bedürfnisse ihres eigenen Wesens. Es war nur natürlich, daß ihre plötzliche Befreiung aus den Fesseln alter Sitten und Vorurteile sie auf der einen Seite zu einem Mißbrauch der noch unverstandenen Freiheit, einem kecken Hinwegsetzen über alle Hindernisse führen mußte, und auf der anderen, nach der bisherigen gewaltsamen Unterdrückung, ein überschäumender Ausbruch der Gefühle sich geltend machte. Nachdem die sturmbewegten Wogen sich aber geglättet hatten, blieb als nicht zu überschätzender Gewinn die lebendige Anteilnahme der Frauen am geistigen Leben, die freie Entfaltung ihrer Empfindung und ihrer Fähigkeiten zurück. Der geistige Einfluß einer Rahel, die soziale Wirksamkeit einer Bettina, der erste deutsche Frauenrechtskampf einer Luise Otto-Peters sind demselben Boden entsprungen wie der phantastische Selbstmord einer Charlotte Stieglitz, die Liebesrasereien einer Hahn-Hahn.
"Still und bewegt," dieses schöne, von Rahel geprägte Wort war das Motto der Biedermeierzeit: still das tägliche Leben des einzelnen, still das Heim, ruhig das Zimmer mit seinen Mullvorhängen und geradlinigen Möbeln; der Geist aber und das Herz bewegt vom eigenen Denken und Fühlen und von dem der großen Welt.
Weimar war während der zwölf Jahre, die Jenny von Pappenheim als erwachsenes Mädchen dort lebte, wie ein Brennpunkt der Zeit. Hier hatte die Klassik der Romantik in ihren besten Vertretern die Hand gereicht, hier strömte alles zusammen, was geistige Bedeutung besaß, und wer von den Führern intellektuellen und künstlerischen Schaffens nicht persönlich kam, um einmal eine Luft mit dem Größten zu atmen -- als einen Segen fürs Leben --, der wurde doch durch seine Werke den meisten vertraut. Angehörige aller Nationen kamen, brachten ihre Interessen mit und die Kunde von ihrem Heimatland. So waren denn die engeren und weiteren Kreise, die sich um Goethe zogen, in ihrer Mannigfaltigkeit bunt wie ein Regenbogen und vielfach wechselnd wie ein Wellenspiel. Je älter Goethe wurde, desto ausgedehnter wurde die Völkerwanderung. Aus England besonders, wo es damals zum guten Ton gehörte, die Sprache Goethes sprechen zu können, kamen zahlreiche Gäste.
Die jungen Mädchen Weimars sahen sie besonders gern, denn die Fremden waren meist reiche, unabhängige junge Leute, nur gekommen, um Goethe zu sehen, Deutsch zu lernen und sich zu amüsieren. Keinerlei Berufsarbeit zog sie von ihren literarischen und anderen Interessen ab, keinerlei Ermüdung durch des Tages Arbeit hinderte sie am Genuß der Geselligkeit. Zu jeder Zeit konnten sie sich den Damen widmen, der einheimischen männlichen Jugend waren sie daher stets ein Dorn im Auge. Alfred von Pappenheim, der seine Halbschwester Jenny zärtlich liebte und vor seinem Eintritt in russische Kriegsdienste in Weimar lebte, auch auf Urlaub oft dorthin zurückkehrte, konnte selbst in seinen Briefen seinen Ärger über die Engländer, die die "ersten Liebhaberrollen spielen", nicht unterdrücken, und Karl von Holtei, ein häufiger, beliebter Gast in Weimar, sekundierte ihm dabei, indem er schrieb: "Zum erstenmal in meinem Leben wünsch' ich ein Engländer zu sein, wenigstens immer so lang, als ich in Weimar bin, denn
Weimar an der Ilm ist eine Stadt, Schön, weil sie so viel Schönheiten hat, Alle Fremden sind wohlgelitten, Vorzüglich die Briten."
Der Einfluß der Engländer, unter denen sich manch einer befand, der später im künstlerischen oder politischen Leben eine Rolle spielen sollte, war unverkennbar: das Interesse für englische Literatur, das sie erregten, stieg bis zur Schwärmerei. In den verschiedenen geselligen Kreisen war die gemeinsame Lektüre interessanter Literaturerscheinungen allgemein üblich. Sie regte zu ernsten Gesprächen an und trug dazu bei, daß zu oberflächlicher Unterhaltung und seichtem Tagesklatsch wenig Neigung blieb. Englische Bücher -- Lord Byron vor allem und Walter Scott, die beide Goethes höchste Anerkennung gefunden hatten -- wurden besonders gern gelesen.