Im Schatten der Titanen: Erinnerungen an Baronin Jenny von Gustedt
Chapter 26
Sie entsprachen in keiner Weise der damaligen Mode, die begann von den geschnitzten Säulen, Löwenköpfen und Akanthusblättern der Renaissance beherrscht zu werden. Nur ihr Speisezimmer enthielt die notwendige Ausstattung an Möbeln aus glattem, dunklem Holz, ohne Schnörkel und staubfangendes Beiwerk. "Es ist die Hauptsache," schrieb sie in einer ihrer vielen Auseinandersetzungen über Hausbauten und Wohnungseinrichtungen, "daß man bei Zimmern und Bauten gleich ihre Bestimmung, so zu sagen ihre Seele erkenne. Darum passen Holzmöbel in Eßräume, Flure usw., nur dorthin nicht, wo es einem warm, wohnlich, auf Bleiben anmutet, da sei Stoff und Polster, Ruhe für den Körper und für das Auge." Die modernen Salons erschienen ihr "wie ein Museum ohne Mittelgang, wie sechs Cabinets ohne Zwischenmauern, halb Atelier, halb Gewächshaus, halb Porzellanladen, halb Theaterdecoration; Drapirungen von türkischen Tüchern um Bilder und Möbel, zahllose Nippes, wie in den Glasschränkchen der Kinder, deren Hauptverdienst es ist, die Geduld des Stubenmädchens bis zur höchsten Vollkommenheit zu üben, Miniaturbilderchen ohne Zahl, auch verblichene, viele ohne die Namen der Dargestellten, den man auch kaum zu wissen wünschte -- nirgends Raum zum ruhigen, gefahrlosen Schritt, nirgends wohlthuende einfache Linien, die Ansicht eines Möbels meistens durch ein davorstehendes unterbrochen. Da ist kein Raum zu häuslicher Arbeit, zum Spielen der Kinder, da ist kein eigentlicher großer Familienplatz mit großem Tisch zum großen Sopha, großer Lampe, vielen Lehnstühlen, auf welchen jeder Eintretende wie auf das berechtigte Centrum des Familienlebens zugeht." Wie anders wirkte der stille grüne Salon meiner Großmutter, der überall, wo sie auch hinzog, seinen Charakter beibehielt, gewissermaßen die Heimat war, die sie überall mitnahm. Wie Moos bedeckte der Teppich den ganzen Fußboden, dunkelgrün, ruhig, klein gemustert. Grüne hellere Vorhänge mit weißen darunter hingen glatt an den Fenstern und bildeten die Portieren. Bei ihrer Antipathie gegen alle spitzen Winkel -- die in den Zimmern und an den Möbeln -- waren zwei Ecken des Salons durch hohe bis zur Erde reichende Spiegel in schmalen Goldrahmen verdeckt, zu deren Füßen meist blühende Pflanzen in schmalen vergoldeten Körben standen. In einer anderen Ecke befand sich ein kleines halbrundes Sofa, hinter ihm auf einem Postament eine Goethe-Statuette. Ein grauer Marmorkamin mit Bronzetüren und dem Bilde der Kinder um Christus geschart darüber, vor ihm zwei der weich und tief gepolsterten Lehnstühle und ein Tischchen mit der täglichen Lektüre, füllte den vierten Zimmerwinkel. Zwischen zwei Fenstern an einer breiten Wand stand ein großes bequemes Sofa, wie die Stühle mit grün in grün gemustertem Stoff bezogen, davor ein großer runder Tisch mit runder, fast bis zur Erde reichender grüner Tuchdecke. An den Wänden, die meist mit einer goldbraunen oder hellgrünen Tapete bedeckt waren, hingen nur wenige schöne Ölbilder, meist Familienporträte. Von der Mitte der Decke hing mondartig eine Lampe mit mattem Glas herab, auf dem Tische vor dem Sitzplatz stand eine kleinere von antiker Form, über der ein ganz leichter, lichter Schleier von rosa Seide hing, ganz unähnlich den Staatslampen, die man so oft, den Gästen zur Qual, nackt, grell in direkter Augenlinie auf den Tisch stellt zur Anerkennung des Verbrauchs an Lichtmaterial.
Was aber dem harmonischen Raum erst das rechte Leben gab, waren die Blumen. Keine Treibhausgewächse, keine steifen Topfpflanzen, sondern blühende Blumen aus Wald und Wiese, zierliche Gräser, buntes Laub, dunkle Tannenzweige -- was immer die Jahreszeit bot und von der Bewohnerin selbst auf ihren langen Morgenspaziergängen gepflückt oder eingekauft und zuhause mit täglich neuer Freude in schlanke Kelchgläser geordnet wurde. An den Salon stieß ein intimerer Raum, nur durch Portieren von ihm getrennt, das Boudoir. Es entstand fast in allen Wohnungen durch eine Teilung des Schlafzimmers; alle Wände waren mit leicht gezogener grauer Kretonne bedeckt, auf der Schilfblätter mit Schlingrosen sich rankten. Unter dem großen einscheibigen Fenster stand eine Couchette und auf dem Fensterbrett ein langer Korb aus Golddraht, mit blühenden Pflanzen gefüllt; die eine Wand nahm der Schreibtisch ein, aus glattem Holz, ohne jede Schnitzerei; seine breite Tischplatte hatte ihrer ganzen Länge nach ein Postament zur Aufnahme lieber Freundes- und Familienbilder, in der Mitte eine höhere Konsole mit dem weißen Marmorkreuz darauf. An der Wand darüber hing das schöne Bild ihrer Mutter. Kleine Büchergestelle, ein paar niedrige Lehnstühle nahmen den übrigen Raum ein, dessen Fußboden mit demselben Teppich wie der Salon bedeckt war.
Die Erscheinung der Bewohnerin entsprach vollkommen den Räumen, denen sie die Seele gegeben hatte. Ihr schmales, bleiches Gesicht -- eine griechische Kamee in vollkommenster Vollendung -- das bis zu ihrem hohen Alter kaum eine Falte aufwies und das die Augen erleuchteten wie von einem inneren Feuer, war von schwarzen Spitzen umgeben, die zu beiden Seiten schleierartig herabfielen, ein dunkles einfarbiges seidenes Kleid, dessen Falten weich zu Boden fielen, ein großer runder Kragen vom gleichen Stoff mit breiten Spitzen besetzt, umgaben und umhüllten die Gestalt, entsprechend ihrer Ansicht: "Es ist der Würde des Alters angemessen, daß Matronen und Greisinnen sich verhüllen. Eine junge, hübsche Frau verschönert eine hübsche Toilette und wird von ihr verschönert, später ist eine hübsche Toilette noch ein Schmuck, welcher von der nicht mehr ganz jungen und noch hübschen Frau nicht verunziert wird, dann kommt aber die Periode, wo die nicht mehr junge, nicht mehr hübsche Frau die Toilette verunstaltet, wo es sich nicht mehr um Toilette, sondern um Anzug für sie handeln sollte, und diese Periode wird bei Weltfrauen meistens übersehen, dann wird die Toilette Aushängeschild ihres Kummers und ihrer Illusionen, und sie selbst verlieren die köstlichen Gaben des Alters: Bequemlichkeit, Einfachheit, Würde." Sie machte der Mode nie eine Konzession, und doch wirkte ihre Erscheinung als etwas so Natürliches und Selbstverständliches, daß man nicht nur keinen Anstoß daran nahm, sondern die Blicke auch des Fremdesten ihr wohlgefällig folgten. Als nach dem Deutsch-Französischen Krieg der Versuch auftauchte, unter Anlehnung an die Gretchentracht eine "deutsche" Mode zu schaffen, schrieb sie: "Um in diesem Kostüm, das für die Menschen unserer Zeit so paßt wie die schrecklichen Renaissancemöbel für unsere Zimmer, anmutig zu erscheinen, muß man sehr hübsch sein, und eine Mode, die Schönheit voraussetzt, ist schon verfehlt. Mode ist der Begriff eines allgemeinen Anzugs, und ihr höchstes Ziel sollte nicht sein, die paar schönen Menschen, die in der Welt herumlaufen, schöner zu machen, sondern die Millionen unschönen dem Auge nicht verletzend erscheinen zu lassen. Bedenkt man, daß kaum der zehnte Mensch hübsch, daß auch dieser zehnte nur höchstens dreißig Jahre lang hübsch ist, daß ihn auch während dieser Zeit Ausschläge, Bleichsucht, Schnupfen und Zahnschmerzen so und so oft entstellen, so schreit die Majorität zum Himmel und bittet um Moden für die Unschönen und für die Alten. Heut setzt sich eine Vogelscheuche denselben verwegenen Hut auf, der eine junge Schönheit entzückend kleidet, fordert die Blicke mit denselben Falbeln, Spitzen, Blumen und Schleifen heraus, die eine reizende Koketterie der hübschen, jungen Frau sein können ... Wo bis jetzt der Versuch gemacht wurde, die Mode zu reformieren, blieb der Erfolg aus, weil die, welche das Scepter in Händen haben, nicht reformieren, und die, welche reformieren wollen, das Scepter nicht in Händen haben ..."
Das Prinzip, aus dem heraus meine Großmutter ihr Äußeres gestaltete, ihre Umgebung schuf, beruhte aber weniger auf verstandesmäßigen Reflexionen als auf ihrem Wesen selbst, das der Inbegriff einer Vornehmheit war, die sie definierte, wenn sie sagte: "Vornehmheit ist vor allem unbewußt; Absicht und Berechnung schließt sie aus, weil sie dann eine Gesellschaft bekommt, die Anmaßung heißt und die sie nicht verträgt ... Vornehmheit ist Ruhe, Ruhe in Bewegungen, Ruhe im Gemüth, Ruhe in der Umgebung, Ruhe in Worten, Ansichten und Urtheil. Freundliche Ruhe gegen Untergebene, sichere Ruhe gegen Höhergestellte. Phantasie und Lebhaftigkeit schließt diese Ruhe nicht aus, so wie die leidenschaftlichste Musik den Text nicht entbehren kann. Bei Fürsten und echten Aristokraten ist sie angeboren, und das einzige untrügliche Kennzeichen alter Kultur. Sie ist eine Folge unangefochtenen Ansehens, einer comparativen Sicherheit, von Anderen nichts zu brauchen, des leichteren Kampfes mit dem Leben; woraus weiter folgt, daß Hochmut und Dünkel nichts mit ihr zu tun haben, denn sie ist nichts von uns persönlich Erworbenes, worauf stolz zu sein allenfalls begründet wäre, sondern etwas Gegebenes, ein Glück, eine Gnade, der wir uns durch edle Gesinnung würdig erzeigen müssen. Sie ist aber auch eine Schranke, und als solche entbehrt sie nicht der inneren Tragik. Eine wahrhaft vornehme Natur leidet schmerzhaft unter der Unvornehmheit, wird aber von ihr niemals verstanden, ja ihrer Empfindlichkeit wegen bespöttelt, wenn nicht gar gehaßt werden. Sie wird infolgedessen immer eine gewisse Zurückhaltung bewahren, sich in ihr fremden Kreisen niemals heimisch fühlen, was ihr denn oft als Hochmut ausgelegt wird."
In Potsdam sammelte sich rasch ein großer Kreis von Verwandten, von alten und neuen Freunden um Jenny Gustedt. Es waren durch die Beziehungen ihrer Kinder viele junge Leute darunter, die sich bei ihr ebenso wohl fühlten wie die alten, weil sie das Verständnis für die Jugend nie verlor. Besonders in der Zeit nach dem Karneval, wo -- wie sie sagte -- "Leidenschaft, Langeweile, Eitelkeit, Hochmut, Toilettenunsinn dem Teufel einen Kranz geflochten hatten, über den viele gute Engel weinten", war ihr abendlicher Teetisch der Mittelpunkt einer Geselligkeit, die um so anregender war, je weiter sie sich von jener "philisterhaften und egoistischen Art" entfernte, die sich "in späten, vielschüsseligen Abendessen, prahlend, Verpflichtungen abmachend, dokumentiert." Jenny Gustedt besaß noch das Talent der Frauen des _ancien régime_, die Konversation unmerklich zu beherrschen, jeden einzelnen Gast zur Geltung kommen zu lassen. "Weniger was Du giebst, als was Du aus Anderen hervorlockst, macht Dich liebenswürdig," sagte sie, und dies Hervorlocken verstand sie meisterlich. Der jüngste bescheidenste Leutnant ging in gehobener Stimmung von ihr fort und fühlte, daß er "nicht nur eine Uniform war mit obligaten Tanzbeinen," sondern ein Mensch, der auch etwas zu sagen gehabt hatte. Nur wenn die Königin sich anmeldete, was gewöhnlich einmal in der Woche geschah, blieb die Tür zum grünen Salon für alle anderen Gäste verschlossen, und niemand konnte belauschen, was die Freundinnen miteinander besprachen. In einem einzigen Brief aus dem Jahre 1867 findet sich eine Andeutung darüber: "Gestern war meine liebe Königin bei mir," heißt es darin. "Wir vergaßen über der Not und der Angst der Zeit unsere traute gemeinsame Vergangenheit. Sie war schön, im besten Sinne königlich wie immer, aber ernst und angegriffen. Der drohende Krieg, nachdem wir kaum ein entsetzliches Blutvergießen hinter uns haben, lastet schwer auf ihr, und es bedarf aller ihrer Festigkeit und Pflichttreue, um gegenüber dem Einfluß Bismarcks auf den König an ihrem Grundsatz festzuhalten, sich nicht in politische Angelegenheiten zu mischen." In demselben Jahre hatte meine Großmutter auch die Freude, den Prinzen Napoleon bei sich zu sehen. Bei ihrer Liebe für ihn und ihrem natürlicherweise zwischen Preußen und Frankreich geteilten Herzen -- hatte sie doch überall Verwandte, deren Schicksale ihr nicht gleichgültig sein konnten -- war die Aussicht auf einen Krieg für sie doppelt furchtbar. An Wilhelmine Froriep schrieb sie damals:
"Mein Alter hat viel Segen, und ich danke Gott dafür, bin aber doch oft müde, und da ist es ein so beruhigender Gedanke, daß jetzt meine irdische Aufgabe beendet erscheint, meine Kinder versorgt, meine Geschäfte geordnet und daß ich in Frieden scheiden könnte; da ich aber auch in innigster Liebe mit meinen Kindern lebe, so kann ich alles erwarten und weiß, daß ich ihre Lebensfreude erhöhe und ihnen keine Last bin. Wovor mir graut, daß ich es gar nicht erleben möchte, das ist der Krieg, der mir wie ein Hohngelächter Satans immer in den Ohren klingt -- warum die Völker das Verbrechen begehen wollen, ist dies Mal unfaßlicher wie je, und doch zweifeln gerade die nicht daran, die es am besten wissen können."
Aber es war nicht nur die Kriegsfurcht, die das Gleichgewicht ihrer Seele störte. "Meine wichtigen Gedanken und Gefühle werden nur dann zu Sorgen, wenn meiner Kinder Sünden damit verwickelt sind," schrieb sie, und die Sünden ihrer Kinder waren es, die ihr am Herzen zehrten. Schweigsam, Hypochonder, im stillen und lauten Kampf mit seinen Vorgesetzten, die oft, infolge Ottos langer Unterbrechung der Dienstzeit, jünger waren als er, lebte ihr geliebter Ältester neben ihr. "Mit stillem Entsetzen sehe ich, wie er zuhause wahllos Bücher um Bücher verschlingt," schrieb sie, "ohne den geringsten Nutzen, denn bei seinem schlechten Gedächtniß kann er unmöglich etwas davon behalten, auch findet er niemals Anregung zu irgend einer Unterhaltung darin. Obwohl er wissen muß, daß Niemand soviel Theilnahme und Verständniß für ihn haben kann als ich, bleibt er auch mir gegenüber stumm und ich weiß von seinem Innenleben so wenig, als wäre er ein Fremder." Ganz anderer Art waren ihre Sorgen um ihren jüngsten Sohn, der sich in fröhlichem Lebensgenuß keinerlei Zwang auferlegte und es für selbstverständlich zu halten schien, daß die Mutter, wenn er mit seinem eigenen Einkommen nicht reichte, immer wieder für ihn einsprang. Eine Empfindung, die ihr sonst fremd war -- Bitterkeit -- drückt sich oft in ihren Briefen aus, wenn sie dieser Erfahrungen gedenkt. Sie gehörte nicht zu jenen Müttern, die ihre eigene Jugend vergessen haben und darum die Fehler ihrer Kinder mit dem strengen Maßstab des Alters messen; wo sie konnte und wo es ihrer Auffassung von Ehre und Anstand entsprach, verschaffte sie ihnen sogar gern alle erreichbaren Lebensfreuden. Was sie nicht verstand, war jenes lustige Indentaghineinleben, jenes Sichgenügenlassen nur an den materiellen Freuden des Daseins. Dabei vergaß sie wohl auch zuweilen, daß ihr Sohn ein blutjunger, hübscher Gardeleutnant war, nicht besser, aber auch nicht schlechter als seine Kameraden, und hinzu kam, daß sie ihn bei sich wohnen ließ, also aus nächster Nähe zu ihrer täglichen Qual beobachten konnte, wovon sie sonst vielleicht gar nichts erfahren hätte. Seine Offenherzigkeit blieb dabei ihr Trost und versöhnte sie immer wieder. Aber auch die Herzensgeheimnisse, die er ihr rückhaltlos anvertraute, riefen ernste Sorgen in ihr hervor. Sie, die frühe Heiraten noch vor zehn Jahren eifrig propagiert hatte, schrak jetzt, nachdem sie bei Nahen und Fernen so viel Tragödien der Ehe miterlebte, davor zurück. "Ich glaube, daß seine Liebe ein Strohfeuer ist, aber auch ein Strohfeuer steckt ein Gehöft an, wenn der Moment günstig ergriffen wird. Und wenn ich wieder erleben müßte, ein von der zu frühen Fessel wundes und blutiges Herz zu sehen und zu wissen, daß, wie sehr sie auch drückt, ihr Entfernen noch schwerer sein würde -- es wäre zu traurig," schrieb sie an die Vertraute ihrer Mutterschmerzen, ihre Tochter.
Nur zwei Jahre hatte sie die Freude gehabt, auch diese in ihrer Nähe zu haben; eine Freude, die ihr um so schattenloser war, als ihre Ehe ungetrübt und ihre Zukunft in jeder Beziehung gesichert erschien. Eine größere Erbschaft, die ihrem Schwiegersohn zugefallen war, verscheuchte die einzige Sorge, die sie hatte: "Wenn ich auch weiß, daß Hans nie arm zu sein verstünde, so weiß ich doch auch, daß er vom Reichtum nur den edelsten Gebrauch machen wird." Und das Enkelkind, mit dem Sohn Ottos in fast gleichem Alter, war ihr vollends ans Herz gewachsen, so daß sie die abermalige Versetzung ihrer Kinder im Jahre 1869 sehr schmerzlich empfand. Ihr Briefwechsel mit der Tochter, der einzige, der aus jenem Jahr vollständig erhalten blieb, war ein sehr reger. Familienerlebnisse und Erfahrungen, Bücherempfehlungen und Erziehungsratschläge spielten eine große Rolle darin, aber die größte: die Sehnsucht nach den Abwesenden. "Heute habe ich meinen Stuben die letzte Nuance von Seele: Blumen, gegeben, habe sie allein, ohne mein Lilychen, die so gern nebenher trippelte, gepflückt, und mir wäre sehr wohl, wenn ich meine ruhigen, grünen Mauern um mich habe, nur müßten alle Kinder und Enkel darin sein ..." heißt es in einem Brief. In einem anderen: "Ich gehe nicht gern in das Haus, wo mir mein Lilychen nicht mehr entgegenjauchzt, meine Tochter nicht mehr entgegenlächelt ... mich übergießt dabei eine so schmerzliche Wehmut, daß ich sogar die Straße vermeide." In einem ihrer Erziehungsbriefe schrieb sie: "Regt mein Lilychen nicht durch viele Erzählungen und sogenannte freudige Überraschungen auf, das Kindchen muß _terre à terre_ gehalten werden, kochen, Sandkuchen backen, laufen, mehr vegetieren, als mit Bewußtsein leben ... Wie mein das Kind ist, könnt Ihr nicht glauben, darum weiß ich auch, was ihm schadet und nützt ... So müßt Ihr Euch Beide die kleinen strengen Beschäftigungen mit den Nebenmenschen abgewöhnen, ehe sie das Kind versteht und ihr Herzchen erkältet. Du, mein Jennchen, mußt in Ton und Ausdruck weniger streng und hart sein, das tut so zarten Seelchen weh ..." Es war der Seherblick der Liebe, der sie von dem vierjährigen Kind so sprechen ließ, jener Liebe, durch die ich vom ersten erwachenden Bewußtsein an in dieser Frau alles fand, was ein Kind bedarf: Verständnis, Anregung, Leitung, Freundschaft und Mütterlichkeit.
Im Sommer 1869 besuchte sie uns. Sie war voller Sorgen um ihre Söhne, um Otto, dessen Kränklichkeit den Dienst fast unmöglich machte, um Werner, der weniger denn je das Seinige zusammenhielt. Wie immer, so wirkte der Kummer auch auf ihren körperlichen Zustand, das alte Leberleiden machte sich mehr als früher geltend, und eine Müdigkeit beherrschte sie, die ihr wie eine Vorahnung des Todes erschien. "Ich möchte den ganzen Tag schlafen," hatte sie kurz vorher ihrer Tochter geschrieben, "auch das Hinüberschlafen denke ich mir süß -- mir wird all das Harte, Grausame, Gewalttätige, die Verirrungen, Sünden, Leidenschaften, Wehen in der Welt so entsetzlich schwer mit anzusehen und anzuhören -- -- mir ist, als hätte ich hier nicht mehr viel zu lernen, ich weiß immer alles, was ich höre und lese, und kann doch nicht verhindern, daß Ihr, meine geliebten Kinder, vom Leben noch gelehrt werdet, was Euch Eure treue Mutter lieber lehrte und ersparte ..."
Meine Mutter, in ernster Sorge um sie, befürwortete, daß Mutter und Söhne sich trennen möchten, um die Last täglicher Leiden von ihr zu nehmen, und hätte der drohende Krieg sie nicht noch fester an ihre Kinder gefesselt, so wäre sie dem guten Rat vielleicht gefolgt. So entschloß sie sich nur zu einer Karlsbader Kur im Frühling 1870. "Unbeschreiblich schön ist es in diesem gesegneten Ort," schrieb sie von dort aus, "ich fühle mich jetzt schon wie neugeboren, genieße auf stundenlangen einsamen Morgenspaziergängen Wald und Berge und begreife nicht, wie es Menschen geben kann, die sich freiwillig in die Steinwüsten der Städte begeben. Auf stillen Bänken lese ich alte und neue Bücher: Humboldts Kosmos zum zweiten oder gar dritten Mal, und mit wahrer Leidenschaft: Ut mine Stromtid von Fritz Reuter; es ist ein eminentes Meisterstück und die Atmosphäre einfachen Lebens und redlicher Menschen tut so wohl ... Verkehr habe ich so gut wie keinen, bin aber neulich gegen meinen Willen in eine ganz interessante Unterhaltung gezogen worden. Nicht Hände, nein Kiepen voll Schmutz wurden auf Lassalle geworfen. Sein Auftreten, besonders seine eitle, großspurige Manier, sein wüstes Hetzen, das so viel persönliche Eitelkeit und Ehrgeiz durchblicken ließ, waren mir auch stets antipathisch. Aber sein starkes Gerechtigkeitsgefühl erhebt ihn doch so sehr, daß man, nach seinem Tode besonders, das Andere leichter vergessen sollte. In seinem Eintreten für die Sicherung des Lebens der Armen bin ich unbedingt auf seiner Seite. Ich gehe sogar noch weiter: denn da ohne die friedliche Gewaltthat des Strikes auch die gerechteren Ansprüche der Handwerker nicht erfüllt werden, kann man sie ihnen nicht verargen, und sie sind doch besser als Barrikaden. So bin ich aus einem politischen Gespräch zu einem politischen Brief an mein sehr konservatives liebstes Töchterchen gelangt, das sicher dabei krebsrot wird ..."