Im Schatten der Titanen: Erinnerungen an Baronin Jenny von Gustedt

Chapter 24

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Im dritten Jahr von Louis Napoleons Kaisertum -- 1855 -- als die unter dem Protektorate ihres Stiefbruders Napoleon stehende erste internationale Industrie-Ausstellung in Paris stattfand, unternahm Jenny, diesmal in Begleitung ihres ältesten Sohnes, wieder die weite Reise, um Jerome und Pauline zu besuchen. Vater und Stiefbruder waren nun anerkannte kaiserliche Prinzen; ein glänzender Hof residierte wie einst in den Tuilerien; viele der Verwandten Jennys, lauter treue Bonapartisten, fand sie im Besitz von Rang und Würden; der junge Hof und die glänzende Ausstellung lockten Scharen hervorragender Ausländer nach Paris, die Monarchen von Portugal, England und Sardinien waren unter ihnen. Mehr noch als vor sechs Jahren war es der Mittelpunkt der Welt, in den Jenny sich versetzt fühlte. Aber leider findet sich kein Brief, der ihre persönlichen Eindrücke geschildert hätte. Nur einmal erwähnte sie ihre Reise, indem sie schrieb: "Der Pariser Aufenthalt hat mich sehr erfrischt. Ich finde die Sage vom Jungbrunnen darin betätigt, daß wir, um innerlich jung zu bleiben -- was für uns und noch mehr für unsere Kinder eine Lebensnotwendigkeit ist --, in den sprudelnden Quellen geistigen Lebens von Zeit zu Zeit untertauchen müssen, auch auf die Gefahr hin, dabei zuweilen in Schlamm zu treten." Wie Schlamm erschien ihr die realistische Richtung in der Literatur, die während des zweiten Kaiserreichs die Romantik allmählich aus dem Felde schlug. "Um auf wirtschaftlichem und sittlichem Gebiet klar zu sehen und die bösen Schäden, die entstanden sind, mit richtigen Waffen zu bekämpfen, ist es notwendig, daß diese Zustände mit rücksichtsloser Wahrhaftigkeit geschildert werden," schrieb sie an ihren Stiefbruder Gersdorff, "das ist jedoch Aufgabe der Wissenschaft. In das Bereich der Kunst, die uns über uns selbst erheben, uns begeistern und erfreuen soll, gehört dergleichen nicht." Es ist wieder das Kind der Romantik, das sich hier ausspricht, dessen Geist an den märchenhaften Romanen und romanhaften Märchen der Fouqué und Tieck und Novalis sich entzückte. Ihr mußten auch die Neuromantiker Frankreichs verständlicher sein als die jungen Führer des Realismus. Alfred de Vigny zitierte sie häufig in ihren Sammelbüchern, Sainte-Beuves kulturgeschichtliche Bücher schätzte sie sehr hoch, während Mussets "Poesie der Verzweiflung nur für diejenigen zu ertragen ist, ja auch von ihnen genossen werden kann, die selbst noch nicht verzweifelten oder die Verzweiflung heroisch überwunden haben. Ich gehe, bei aller Anerkennung des großen Talents, Dichtungen wie den seinen gern aus dem Wege, weil sie mich bis zum körperlichen Schmerz martern." Sehr merkwürdig für ihre Auffassungsweise ist ihre Stellung zu Stendhal und Balzac, in denen sie die Vorkämpfer des Realismus nicht zu erkennen schien. Nach zahlreichen Auszügen aus den Werken beider, die fast immer die Charakteristik der weiblichen Natur und ihrer Schicksale zum Inhalt haben, schreibt sie: "Um ihrer Erkenntniß der weiblichen Seele willen, die nur dem Auge eines gottbegnadeten Künstlers möglich ist, verzeihe ich ihnen alle bittere Medizin, die sie zu schlucken geben und die auch der zu nehmen gezwungen ist, der ihrer gar nicht bedarf, also nichts davon hat als den widerwärtigen Geschmack. Wenn Balzac sagt: 'Fühlen, lieben, sich aufopfern, leiden wird immer der Text für das Leben der Frauen sein', und selbst seine unvergleichlichen Illustrationen dafür liefert, so hat er damit eine so starke Wahrheit ausgesprochen, daß alle Revolten einer George Sand und ihrer Gesinnungsfreunde wie Strohhalme daran zerbrechen werden. Streubt Euch, so viel Ihr wollt, fordert Rechte und erringt sie, zerstört in blindem Fanatismus das feste Gebäude der Ehe, das Euch zwar einsperrt -- und Eingesperrtsein ist oft ganz entsetzlich! -- aber auch schützt, laßt auf Euren weichen Händen die harte Haut der Arbeit erstehen: fühlen, lieben, sich aufopfern und leiden wird nicht nur immer das gleiche Schicksal bleiben für Euch, je mehr Ihr ihm vielmehr entrinnen wollt, desto fester wird es seine Krallen in Eure blutenden Herzen schlagen."

* * * * *

"Meinen Koffer mit Geistesnahrung für Jahre, mein Herz mit Abschiedsqualen und Dankbarkeitsfreuden gefüllt" -- so kehrte Jenny von Paris und vom Elsaß, wo sie noch ihre Verwandten besucht hatte, nach Hause zurück. Doch nicht auf lange sollte sie sich der ländlichen Ruhe erfreuen. Werner Gustedt hatte sich in den preußischen Landtag wählen lassen, und wenn auch seine Frau nicht daran denken konnte, alljährlich auf Monate Haus und Kinder zu verlassen und mit ihm nach Berlin zu gehen, und es noch weniger für rätlich hielt, Tochter und Söhne wiederholt der ländlichen Ruhe und der Stetigkeit des Lernens zu entreißen, so wollte sie doch wenigstens einmal versuchen, den Winter mit der Familie in Berlin zuzubringen.

Welch ein Unterschied: das Paris, das sie eben verlassen hatte, wo das Leben kraftvoll pulsierte und das Kaisertum der Bonapartes, wie einst, aus den Flammen der Revolution siegreich emporzusteigen schien -- jenes Kaisertum, von dem Gerlach in seinen Briefen an Bismarck schrieb, es sei die inkarnierte Revolution --, und das Berlin, in das sie eintrat, wo jede Lebensregung niedergeknüttelt wurde, und Hinkeldey, der allmächtige Polizeipräsident, seine Rute über eine Gesellschaft von Duckmäusern schwang -- jenes Berlin, die inkarnierte Reaktion!

Die politische Stellung Werner Gustedts bestimmte seiner und seiner Gattin gesellschaftliche Position: Offiziell schloß er sich keiner Partei an, ganz in Übereinstimmung mit den Ansichten Jennys, die an Scheidler schrieb: "Meiner Meinung nach kann ein Staatsmann, wenn er praktisch, rechtlich, vernünftig, für das Wohl des Volkes recht eifrig ist, keiner Partei angehören, weil er unter Umständen mit allen Parteien abwechselnd stimmen muß. Bei Gelehrten, die nur über Theorien wissenschaftlich streiten, ist es natürlich anders, die können sich freilich für eine Partei als die beste entscheiden, wo aber der Riegel des Möglichen vorgeschoben ist, den Sie so vollkommen anerkennen, kann man eben doch nur das Mögliche fordern, nur für das Mögliche Partei nehmen, mithin in jetziger Zeit alle drei Monate für etwas Anderes. Gerade das Unterordnen der individuellen Meinung unter die Autorität eines Parteiführers ist es, was ich nicht für recht halte und weßhalb ich gewiß nie, wenn ich Staatsmann wäre, mit einer Partei gehen würde, außer natürlich in konkreten Fragen." Als ausgesprochener Gegner des Manteuffelschen Regimes ging Werner Gustedt in den entscheidenden Fragen mit den Liberalen. Die persönliche Freundschaft Jennys mit der Prinzessin von Preußen kam hinzu, um das Gustedtsche Ehepaar vollends in die Kreise der Opposition zu führen, die durch einzelne ihrer Glieder, wie Bethmann-Hollweg -- den Führer der sogenannten Gothaer --, Usedom und Pourtalès, stets in Verbindung mit der damals in Koblenz regierenden Prinzessin standen. Mehr als je gehörte ihr in dieser Zeit der Herrschaft der Dunkelmänner die wärmste Sympathie Jennys. Sie waren beide echte Kinder Weimars, und was Bismarck nicht aufhörte, der Prinzessin von Preußen zum Vorwurf zu machen: ihr Wurzeln in den großen Traditionen ihrer Jugend -- das gereicht ihr wie ihrer Freundin zum Ruhm. Ihr Briefwechsel würde psychologisch und zeitgeschichtlich von größtem Werte sein, und nicht nur die Einheitlichkeit ihrer Anschauungen, auch der Einfluß, den sie aufeinander ausübten, würde dabei zutage treten. Gerade in der Reaktionszeit Preußens hatten die beiden Frauen viel Gemeinsames: ihre Bewunderung für England, ihre Abneigung gegen Rußland, ihr Wunsch nach Schaffung gründlicher, vor allem sozialer Reformen, ihre Versuche, mit den eigenen schwachen Kräften nach dieser Richtung tätig zu sein. "Das Jahr 1848," berichtete Jenny, "war ihr, wie sie mir schrieb, verständlich und hätte ihrer Ansicht nach zu einem guten Ende führen müssen", aber ihre Gegner -- Bismarck an erster Stelle -- hielten ihr weitherziges Verständnis auch für die Ansichten der Gegner nur zu oft für ein Einverständnis mit ihnen, so z. B. in bezug auf ihre Stellung zum Katholizismus und zum Judentum. "Sie hatte es sich zum Ziel gesetzt," schrieb Jenny, "die Wunden, die die Politik schlug und schlagen mußte, mit der weichen Hand der Frau zu heilen, und auch das ist ihr vielfach zum Vorwurf gemacht worden. Immer wieder wollte sie zeigen, daß die Politik eines Menschen uns falsch, ja sogar verderblich erscheinen kann, ohne daß der Mensch selbst deshalb verdammenswerth ist. So war ihr die Politik der katholischen Kirche widerwärtig, ohne daß sie sich deshalb von dem einzelnen Katholiken, dessen großen Charakter sie erkannt hatte, abgewandt hätte. Ebenso verachtete sie den jüdischen Geist, zog aber den einzelnen edlen Juden in ihre Nähe. Ähnlich war ihre Stellung England gegenüber; sie bewunderte rückhaltlos den freiheitlichen, großzügigen Geist seiner Politik, der seit Jahrhunderten so erzieherisch gewirkt hat, daß auch der einzelne Engländer ein Stück von ihm in sich trägt, aber sie verabscheute seine Unersättlichkeit, wenn es galt, sich fremde Länder anzueignen, und seine Grausamkeit in der Unterdrückung armer, wilder Volksstämme." Ist das nicht, als ob Jenny sich selber schildert, und liegt der Wunsch nicht nahe, zu erfahren, von welcher der Freundinnen der bestimmende Einfluß ausging? Aber die Briefe Augustas sind verabredetermaßen zum größten Teil verbrannt worden, und die Briefe Jennys, die ein lebendiges Zeitbild gewesen sein müssen, ruhen, falls sie nicht auch dem Feuertode geweiht wurden, in den unerreichbaren Schränken des kaiserlichen Hausarchivs.

Zur Zeit des Berliner Aufenthalts der Gustedts gaben sie der Prinzessin zweifellos auch den Eindruck wieder, den das dortige politische und gesellige Leben auf Jenny machte. Ein einziges Brieffragment, das sich unter ihren Papieren befindet, enthält folgende charakteristische Sätze: "Die Berliner Luft wirkt geradezu lähmend. Es ist, als ob der Geist Hinkeldeys sie so durchdringt, daß gar kein anderer daneben Platz hat. Was groß und gut und zukunftsfroh erschien, ist fort und hält sich im Hintergrund oder ist über das Alter lebendigen Wirkens hinaus, wie Bettina, wie Varnhagen, wie Alexander von Humboldt. Es kommt mir hier vor, wie in einem Kinderzimmer, wo die strenge Gouvernante Ordnung gemacht hat: alles Spielzeug ist verschlossen -- die Kinder können beim besten Willen nichts mehr entzwei machen. Aber ich fürchte, das Bild behält auch in seiner weiteren Entwicklung seine Gültigkeit: sie werden nun erst recht unzufrieden und unartig werden. Ich würde es auch, wenn ich hier zu leben verurteilt wäre."

Alte Freunde, wie Fürst Pückler und Karl von Holtei, liebe Verwandte, wie der Schwager ihres Mannes, Graf Kleist-Nollendorf, und seine Frau, verscheuchten ihr die trüben Stunden, und ein schönes Bild, das Peter Cornelius' begabter, leider jung verstorbener Schüler Strauch von ihren Kindern malte, wurde der schönste Gewinn ihres Aufenthalts. Das Motiv dazu gab sie ihm: Christi Wort "Lasset die Kindlein zu mir kommen": unter einem Palmenbaum sitzt er selbst, Diana, das Erstverstorbene, in weißem Hemdchen, weiße Rosen auf dem Kopf, ihm auf den Knien; die tote, schöne Marianne, gleich gekleidet, neben sich, während die drei anderen weiter entfernt, in den bunten Gewändern des Lebens sich ihm nähern. Zu den Köpfen der Verstorbenen hatte Jenny die Skizzen entworfen.

Kurz vor ihrer Abreise von Berlin schrieb sie einem Freunde: "Können Sie sich vorstellen, daß ich mich nach den, von Ihnen oft verhöhnten barbarischen Gefilden Westpreußens wie nach dem gelobten Lande der Freiheit sehne?! Machte der unhaltbare Zustand Preußens, der bei der merkwürdigen Geistesart des Königs, seinem Sprunghaften, Phantastischen, Unberechenbaren, nur immer unhaltbarer werden wird, mich nicht aufrichtig traurig, ich würde mich der nahen Abreise rückhaltlos freuen." Das "natürliche, gesunde, heitertätige Leben" trat wieder in seine Rechte, es stellte aber auch immer höhere Anforderungen an die Mutter wie an die Gutsherrin. "Viele Mütter atmen erleichtert auf," schrieb Jenny, "wenn die Kinder der Schule entwachsen, dann, meinen sie, sind die Sorgen vorbei. In Wirklichkeit aber wachsen sie nur mit den Kindern. Oder ist es nicht viel leichter, ein Kind zu pflegen, das die Masern hat, als eines Kindes Seele gesund zu machen, die die bösen Miasmen der Welt zu vergiften begannen? Und ist es nicht viel einfacher, ihm das Einmaleins beizubringen als die einzige Wahrheit, daß Freiheit von der Sünde die Freiheit an sich ist?"

Otto, ihr Sorgenkind, der es mit nahezu sechzehn Jahren mühsam bis Untersekunda gebracht hatte, weil nach der Mutter Wort: "seine schwankende Gesundheit und sein schlechtes Gedächtnis ihm das Lernen erschweren," sollte auf die landwirtschaftliche Schule nach Jena kommen, um alle Zeit und alle Kräfte seinem künftigen Beruf als Landwirt zu widmen. "Aber" -- so fährt Jenny in ihrem Bericht an eine Freundin fort -- "die stille Schmach, die in Preußen auf denen ruht, die nicht das Abiturientenexamen gemacht haben, hat das Gewicht nach Werners Wunsch hinsinken lassen. Seit seinem Abgang von Marienwerder, den ich nicht weiter berühre, da ich denke, Sie haben durch Emma und meine Schwester die fatale Geschichte, die uns nun seit 8 Monaten peinigt, hinreichend erfahren, ist er hier von unserem lieben herrlichen Prediger unterrichtet und eingesegnet worden. Diese Feier war, durch die, ich kann sagen, heilige Persönlichkeit des Predigers, so schön, wie ich sie nie erlebt habe."

Eine Feier in Haus und Herzen, wie sie wenige so gut zu gestalten verstanden als Ottos gütige Mutter, war der Einsegnungstag gewesen. Alle Arbeit hatte geruht, dunkle Tannenzweige und leuchtendes Herbstlaub hatten das Haus mit Duft und Glanz erfüllt, und stolz und voll Hoffnung sahen die Augen der Mutter auf den nunmehr erwachsenen Sohn. In das Tagebuch, das sie ihm zur Eintragung seiner Gedanken und Erfahrungen schenkte, hatte sie als Richtschnur für sein Leben folgendes geschrieben:

"Am Tage, der Dich aus der Kindheit entläßt, sei das erste Wort der Mutter an Dein Herz das Wort der höchsten, reinsten Liebe, sei die Lehre Christi von der Menschenliebe; der Geist des Herrn gebe meiner Rede Licht und Kraft, daß sie in Deine innerste Seele dringe, daß sie Dich erfülle, Dein ganzes Sein durchglühe, Dich gegen Undank, Irrthum und Bosheit stähle, daß Du befähigt werdest, zu lieben und zu helfen, nur um der Liebe willen, ohne Wunsch oder Hoffnung auf Dank und Lohn, daß Du erkennen mögest, wie Alles eitel ist, was nicht aus dem reinen Quell der Liebe entspringt, daß Du es klar in Deinem Herzen lesen mögest, das einzige höchste Gesetz, das Gott mit glänzenden Buchstaben aufgezeichnet hat, das alle guten Geister in tausend Chören an seinem Throne singen: Liebe deinen Nächsten als dich selbst.

"Ich gebe Dir, mein Sohn, als einziges Studium Deines Lebens, als einzige Aufgabe vom ersten Erwachen Deiner Seele bis zu dem letzten Gedanken: die Erkenntniß und Ausübung der Liebe nach des Heilands Wort. Und Du mußt fleißig und thätig sein, wenn Du die heilige Aufgabe lösen willst, denn die Liebe verzweigt sich in allen Fähigkeiten, in alle geistige Erkenntniß, in alles Wissen, in alle Verhältnisse, in alle Thaten der Menschen. Du mußt vor Allem Dich erkennen und vergessen lernen, denn aus dem Mittelpunkte Deiner Seele, aus den Triebfedern, die Du darin entdeckst; entspringt die Erkenntniß und Nachsicht für andere Seelen, und nur im Vergessen Deiner selbst, im Aufopfern von Vergnügen, Bequemlichkeiten, weltlichen Vortheilen, sobald sie in Widerspruch mit der Menschenliebe stehen, sproßt der göttliche Keim der wahren Liebe. Ihr erstes Erforderniß ist, daß Du Dich ganz in die Lage, in die Empfindungen, in die Denkungsweise Deines Nächsten versetzen zu können lernst, darum mußt Du die Mühe der Beobachtung nicht scheuen, darum mußt Du den Standpunkt kennen lernen, aus dem die fremde Seele fühlt, denkt und handelt, darum mußt Du Dich mit dem Leben in allen seinen Formen bekannt machen, darum mußt Du jede äußere Erscheinung genau prüfen und die Sitten und Ansichten aller Stände kennen lernen; Du mußt klar sehen in den tausend verschiedenen Verhältnissen, die Zeit und Umstände, Weisheit und Irrthum so bunt gestaltet haben, um weder durch Härte noch durch falsches Mitleid Fehlgriffe in dem Werke der Menschenliebe zu thun ...

"Mußt Du auch ruhig den Contrasten der geselligen Verhältnisse zusehen, so hüte Dich, daß Du die Grenze genau erkennen mögest, wo Armuth in Mangel, und Einfachheit in Bedürftigkeit übergeht, hüte Dich vor dem Urtheil der Bequemlichkeit so vieler Reichen, welche sagen: Die Leute wissen es nicht besser, sie sind einmal daran gewöhnt. Man gewöhnt sich nicht an Frost und Hunger, an Erschöpfung und Krankheit, man gewöhnt sich nicht an die dumpfe Einförmigkeit täglicher Sorge und freudeloser Arbeit; eine Mutter gewöhnt sich niemals daran, ihr Kind Mangel leiden zu sehen, und immer bleibt die Stimme der Natur wach, welche dem Leidenden zuruft: 'So sollte es nicht sein', bis daß seine Seele von der Sorge zur Bitterkeit, von der Bitterkeit zum Unrecht, vom Unrecht zum Verbrechen übergeht, und ist es erst so weit gekommen, so tritt die strenge, unabwendbare Macht der Gesetze ein, die als Selbstschutz der Gesellschaft das Verbrechen strafen muß, ohne auf dessen Quelle zurückzugehen; aber der heilige Beruf der Liebe ist es, unermüdlich in dem ganzen Kreise, der uns zum Wirken angewiesen ist, diese Quellen zu erspähen und zu verstehen.

"Alles Unglück sucht die Liebe auf und tilgt es, wenn sie die Macht dazu hat. Wo Du gebietest, muß die Liebe herrschen und die Gerechtigkeit; daß Du aber die Mittel dazu behältst und Deine Liebe nicht in Schwäche ausarte, darum lerne Welt und Menschen kennen. Was Dir zunächst liegt, lerne zuerst, gehe mit Deinen Untergebenen selbst um, suche sie zu durchschauen, begegne ihnen mild, ernst, konsequent und menschenfreundlich. Nicht Deine Macht muß Dich als ihren Vorgesetzten zeigen, Deine Seele muß das Übergewicht behaupten, Du mußt ihr Herr im Geiste sein, Du mußt es sein in Christi Sinn, und Undank, Tadel und Unvernunft müssen Dich unangefochten lassen in Deinem Werke der Menschenliebe, in Deinem Glauben an das Gute.

"Darum, mein Sohn, läutere erst Deine eigene Seele. Um Gutes zu stiften, mußt Du gut sein, um zu herrschen, mußt du Dich selbst beherrschen, keine Launen dürfen Dich herabwürdigen, sie reizen die Pfiffigkeit, die Schmeichelei deiner Untergebenen, die auf Deinen Edelmuth, nicht auf Deine Schwächen bauen müssen. Wenn der Arme mehr zu tragen hat, so hat der Reiche mehr zu thun. Wem viel gegeben ist, von dem wird viel gefordert werden.

"Das, mein Sohn, ist Christenthum; keine Religion der Gefühlsseligkeit, der Schwärmerei, der Wortgefechte, sondern eine Religion der That, der lebendigen Liebe."

An eine Freundin richtete Jenny kurz nach Ottos Einsegnung folgenden Brief: ... "Ich bin mir bewußt, ihm das Beste gegeben zu haben, was ich fühle, glaube und denke, und werde und will es ihm weiter geben, wenn es sein müßte bis zur Selbstauflösung. Ich bin auch überzeugt, daß er Alles bereitwillig aufnahm, daß die beste Absicht ihn beherrscht und daß er, wenn keine zu schweren Anforderungen an seinen Körper und an seinen Geist gestellt werden, ein tüchtiger Mensch werden wird. Aber mich überfällt oft die quälende Sorge, daß er zu denen nicht gehört, die großen Schmerzen, großen Pflichten, großen Verführungen gewachsen sind, und das Räthsel der angeborenen Anlage mit all seinem Gefolge an Zweifeln und Qualen steigt dann drohend vor mir auf." Eine wehmütige Resignation klingt aus diesen Worten, jene schmerzlichste, zu der ein enttäuschtes Mutterherz sich durchdringt: daß das geliebte Kind nicht dem Bilde entspricht, das die Mutter von ihm entwarf. Alle Enttäuschungen des eigenen Lebens wiegen leicht für ein Weib, das die eigenen unerfüllten Wünsche und Hoffnungen auf ihr Kind übertragen kann. Mit ihm ist es noch einmal jung und geht mit starkem Vertrauen die alten Wege des Lebens wieder, überzeugt, daß sie nun zum Ziele führen müssen. Eine geheimnisvolle Stimme aus den unergründlichen Tiefen ihres Innern raunt ihr zu, daß die Wunden, die ihr das Leben schlug, nur darum so zahlreich waren, so schmerzten und so bluteten, weil sie die ihrem Kinde bestimmten Leiden mit auf sich nahm. Und als ein Glück empfindet sie dann ihr Unglück. Über spitze Steine mußte ich gehen und glühendes Eisen, sagt sie zu sich selbst, um mein Kind unverletzt auf meinen Schultern hinüberzutragen; von den Dornen am Weg mußte ich die Haut mir zerreißen lassen, aber auf starken, hocherhobenen Armen halte ich mein Kind, damit es ohne Schaden das Ziel erreiche.

"Da Gott nicht überall sein kann, schuf er die Mütter," heißt es in Jennys Sammelbuch. Aber wehe der Mutter, die die Machtlosigkeit ihrer Gottesvertretung langsam begreifen lernt und sieht, daß ihr Blutopfer umsonst war. Nur die Kraft eines Glaubens, der Berge des Leids zu versetzen vermag, und der Quell der Hoffnung, der in stets gleicher Stärke sprudelt, ob er auch schon tausendmal dem Verdurstenden das Leben retten mußte, vermögen über die furchtbarste Offenbarung des Lebens hinwegzuhelfen. Jenny besaß jenen Glauben, aber ihre Hoffnung war wasserarm, sie schien nur zu oft im Sande der Sorge zu versiegen. Da war es der lebenskräftige Gatte mit seinem gesunden Optimismus, der sie immer wieder den trüben Vorstellungen entriß und sie über ihre traurige Wahrheit hinwegtäuschte, und wo es ihm nicht gelang, da war es die Arbeit, die sie davon befreite.

"Wir wissen im Augenblick nicht, wo wir zuerst Hand anlegen sollen; das Elend der uns umgebenden Menschen, Cholera, Kälte, Hunger, Teuerung lasten schwer auf uns und ihnen, und es ist doch im Ganzen nur sehr kärgliche Hilfe möglich, am meisten noch durch Suppenanstalten, und diese bemühen wir uns in den Städten des Kreises einzuführen. Daneben suche ich die Kinder in unser großes, warmes Haus zu retten und freue mich ihrer Fröhlichkeit, die besser ist als aller Dank ... Ich schreibe im Angesichte einer Rechenstunde von sechs kleinen Knaben, die eine Art Schule bei mir bilden und neben meiner Jenn, die eine französische Übersetzung macht, -- wenn ich also einen uneleganten Brief in Styl und Ausstattung schreibe, so halte es mir zu Gute," schrieb sie im Jahre 1856 an Emma Froriep, und äußerte ungefähr zu gleicher Zeit ihrer Schwester Cecile Beust gegenüber: "Es ist mir jetzt erschreckend deutlich geworden, welch großen Vorzugs wir uns in unserer Arbeit erfreuen: Wir müssen alle Gedanken auf sie verwenden, und werden daher gezwungen, sie von unseren Kümmernissen abzulenken. Sieh dagegen einen Tagelöhner oder einen Scheerenschleifer: der eine mäht die Wiese und der andere schleift die Messer, ohne daß ihm diese Wohltat wird, seine Gedanken können sich nach wie vor um die kranke Frau, um die hungrigen Kinder, um den kommenden Winter, um den leeren Beutel drehen ..." -- --

Eine lange Periode der Schweigsamkeit beginnt mit dem Jahre 1859, nicht nur, weil die etwa geschriebenen Briefe unerreichbar blieben, sondern wohl auch, weil unter der Folge von Ereignissen ihrer nicht viele geschrieben wurden. Die befreiende Gabe, sich auch im tiefsten Leid aussprechen zu können, kommt vor allem der Jugend zu, die noch an den Trost und die Hilfe der Freunde glaubt und glauben kann. Je älter man wird, um so einsamer wird man; die persönliche Atmosphäre der eigenen Lebenserfahrungen entfernt den einen von dem anderen, je dichter sie uns umschließt. Ein jeder wird eine Welt für sich mit ihren eignen Gesetzen.

Jenny Gustedts ältester Sohn war inzwischen, nachdem er zur Empörung seines Vaters das Abiturientenexamen nicht gemacht hatte, auf die landwirtschaftliche Schule gekommen.