Im Schatten der Titanen: Erinnerungen an Baronin Jenny von Gustedt

Chapter 23

Chapter 233,452 wordsPublic domain

"Ich kann auch die Kriegsantipathie von Regierenden und Volk nicht schelten -- ich sehe darin keine Feigheit und Schlechtheit, sondern ein Überwiegen der wahren Ehre im christlichen und göttlichen Sinn über die falsche Ehre des Mittelalters, die uns noch in den Junkerknochen liegt. Diese Begriffe von Ehre waren von A bis Z falsch, unvernünftig und unphilosophisch -- die einzige Ehre ist die Ehre, die das Christentum anerkennt: 'ohne Sünden bleiben'; nichts und niemand hat die Macht uns zu schänden, als wir selbst durch unsere eigene Sünde, nichts und niemand kann uns wieder zu Ehren bringen als unsere eigene Buße und Tugend."

Hier steht der schärfste Radikalismus im einzelnen -- mit ihrer Verurteilung des Ehrenkodex der Offiziere und Aristokraten stand sie sicherlich in ihren Kreisen allein -- neben einem gewissen Verständnis der Maßnahmen der Reaktion, von denen sie hoffte, daß sie im Interesse des Volksfortschritts und der Erziehung zur künftigen Freiheit gehandhabt würden. In einem Brief an Scheidler aus derselben Zeit tritt diese Auffassung der Bevormundung als eines notwendigen Erziehungsmittels noch deutlicher hervor. Sie schrieb:

"Was Ihre politische Meinung über Preßfreiheit betrifft so kann ich ihr noch nicht unbedingt beistimmen, die Sache hat zu viel für und wider sich, als daß ich mich nach so wenig reiflicher Überlegung für eine Partei erklären könnte, nur scheint mir, daß Sie die Gründe wider die Preßfreiheit nicht für gewichtig genug halten. Wäre darin nur der Verkehr zwischen Gebildeten und mehr oder weniger Gelehrten zu verstehen, so müßten Sie unbedingt Recht behalten, allein die Frage ist: kann es zum Besten des Volkes, der größeren Massen sein, oberflächliche Begriffe von Dingen zu erhalten, welche sie nur halb verstehen und nie, ihrer Lage und Beschäftigungen wegen, ganz ergründen können? Und ist es räthlich für die Oberhäupter eines Staates, einen Einfluß zu gestatten, welchem oft keine reine Absicht zu Grunde liegt und wo persönliches Interesse sich meist hinter dem Universal-Interesse verbirgt? Jedes Warum und Aber in Staatsregierungen zu begreifen, dazu gehört mehr Kenntniß und Einsicht, als der gewöhnliche Mann je erwerben kann. Sie werden mir sagen, daß gefährliche oder falsche Artikel widerlegt werden können, allein wo haben Geschäftsleute wohl die Zeit, jeden Tag zwanzig Artikel zu widerlegen? Ist bei diesem Fall die Bemerkung der Madame de Staël nicht allgemein zu brauchen: _'Que sert la justification là où le plus souvent on n'écoute pas la réponse?'_

"Die Gründe für Preßfreiheit sind freilich sehr gewichtig, und es geht mir mit meiner Meinung darüber wie mit der über Republiken: ich fände beide Staatseinrichtungen unbedingt jedem anderen Gegensatze vorzuziehen, wenn die Menschen, besonders die Massenführer und Massenaufreger, besser und redlicher wären."

In einem späteren längeren Brief an Professor Scheidler zeigte sich dagegen mit um so größerer Klarheit der Standpunkt, den sie dauernd als festen Boden unter den Füßen behielt: daß der Staat für das menschenwürdige Dasein seiner Bürger verantwortlich sei. "Mir blieb eine Lücke in den von Ihnen angeführten Gleichheitsansprüchen," schrieb sie, "ich möchte nämlich, Sie führten dabei noch die Gleichheit der menschlichen Naturbedürfnisse, Nahrung, Wärme etc. an, woraus die Gleichheit ihrer Ansprüche zu deren Befriedigung auf die einfachste Weise, als Verpflichtung der Staaten, deducirt werden müßte. Dahin gehört auch die Verpflichtung, frühzeitige Ehen, ohne Unvernunft, möglich zu machen. Diese Hauptfragen treten immer wieder viel zu sehr in den Hintergrund, anstatt gerade vorn und obenan zu stehen, und in einer Weise obenan, daß gar nichts Anderes vorgenommen werden müßte, ehe diese große Aufgabe gelöst wäre, die ohne allen Zweifel nach der materiellen Beschaffenheit der Erde gelöst werden kann. Wenn alle Regierungen, auch nur die von Europa, unablässig dahin strebten, Einrichtungen zu treffen, daß ohne übermäßige Arbeit jeder Mensch seine Lebensbedürfnisse auf die einfachste Weise befriedigen könnte, daß bei selbstverschuldetem Elend der Eltern die Kinder gerettet würden, so würden sie es erreichen. Deshalb habe ich mich im Jahre 1848 zu dem ersten Erscheinen der Socialisten und Communisten so hingezogen gefühlt, weil sie sich dem näherten, was ich für das Wichtigste hielt.

"Keine Nation sein, keinen Kaiser haben, als Volk gedemütigt und gekränkt sein, das sind zwar gerechte Schmerzen und verbittern das Leben Vieler; aber kein Brot und keine Wärme haben, vor Sorgen und Arbeit nicht zum menschlichen Dasein gelangen, als Eltern entweder täglich bittere Kummerthränen weinen oder einer thierischen Gleichgültigkeit anheimfallen, das sind ganz andere Schmerzen, ganz andere Ungerechtigkeiten, das verbittert in unendlich höherem Maße das Leben von unendlich mehr Mitbürgern, die dieselben Ansprüche an Beseitigung ihres Elends haben als die, welche mit ihren Klagen die Sturmglocke läuten, weil sie den Strang in der Hand halten, während die Elendesten stumm bleiben. Die oben genannten politischen Leiden sind _des douleurs de luxe_ neben den Leiden des wahrhaft armen Mannes."

* * * * *

Inzwischen hatte Jennys persönliches Leben eine tiefgreifende Wandlung erfahren: im Jahre 1850 war ihr Mann Landrat des Riesenburger Kreises geworden, hatte zu gleicher Zeit Garden verpachtet und sich in Rosenberg, einem Gute in der Nähe der Kreisstadt, neu angekauft. Der Abschied war Jenny nicht leicht geworden: das mit so viel Liebe eingerichtete und alljährlich vervollkommnete Haus, der schöne Garten, in dem jeder Baum und jeder Strauch ihr etwas Lebendiges war, der stundenlang sich hinstreckende Wald, der kaum zwanzig Schritt vor der Haustür anfing, der blaue spiegelnde See, im Sommer und Winter der Kinder beliebtester Tummelplatz -- das alles wurde ihr zu verlassen doppelt schwer, als der Weg sie wieder in eine fremde Umgebung und nicht nach Weimar führte, was sie so sehr gewünscht hatte.

"Für meine Kinder," so schrieb sie damals, "wäre ich gern wurzelfest geblieben, denn ich glaube, es liegt ein großer Segen darin, eine Heimat im engsten Sinn des Wortes zu haben, aber ich sehe ein, daß das immer seltener wird, und hoffe, daß andere Werte an Stelle des verloren gegangenen treten werden ... Doch bin ich sehr froh, daß Werner bei seiner gemeinnützigen Tätigkeit, die seinen Geschäften sehr hinderlich ist, endlich zum Entschluß kommt, zu Johanni zu verpachten; lieber wär mir der Verkauf, er schien sich aber dazu nicht entschließen zu können. -- Die Sparkassen des Kreises sind im Gang, die Chaussee naht ihrer Vollendung, und nach einer 4 monatlichen mühsamen Verwaltung der freiwilligen Unterstützungen der zurückgebliebenen Landwehrfamilien des Kreises hat er einen Gesetzentwurf ausgearbeitet, der die Gemeinden zu deren Unterhalt verpflichten will und den er dem Oberpräsidenten eingesandt hat. Es sind drei Werke, auf die er mit Befriedigung hinblicken wird, wenn sie vollendet sind; sie waren notwendig und werden Segen bringen, und in unserer Zeit ist es doppelt wichtig, daß es auch Männer gebe, die im Schatten Fundamente bauen."

In Rosenberg stand der Gustedtschen Familie zunächst nur ein primitives Heim zur Verfügung, das gegen das wohnliche Gardener Herrenhaus sehr abstach. Auf einem hoch über dem See gelegenen, von Linden und Buchen gekrönten Hügel bauten sie sich ein neues Haus. Jenny, die oft von sich sagte, daß ein Baumeister und ein Tapezier an ihr verloren gegangen wären, entwarf die Pläne für den Bau wie für die Einrichtung selbst, eine Arbeit, die ihr große Freude bereitete und ihre Gedanken lange Zeit von allem anderen abzog. Nach einem Jahre war das Werk vollendet und zeugte von dem mit praktischem Verständnis verbundenen Schönheitssinn seiner Schöpferin.

Nachdem Jenny sich und den Ihren die wohltuende Umgebung geschaffen hatte, wandte sie sich mit frischen Kräften den öffentlichen Aufgaben zu, die sie mehr als je zum gegebenen Tätigkeitskreis der Frau hatte betrachten lernen. Auf die Unterstützung Armer und Kranker, auf die Aufnahme von verlassenen Kindern hatte sie ihr Haus von Anfang an eingerichtet: "Den Raum für Alles, sehr groß, hell, leer, weiß gestrichen, mit gut heizendem Ofen, sollte auf dem Lande jedes Guts- und Pfarrhaus haben," schrieb sie; "stelle Betten hinein, so ist es ein Lazareth, zieh Leinen durch, so ist es Wäschetrocken-und Bügelraum, mach Streu, Kopfkissen, Decken, so ist es für die Einquartirung geeignet, bei schlechtem Wetter Kinderspielplatz, bei großen Festen Speisesaal; stell ein Harmonium hinein, so wird es eine Capelle."

Aber sie verfolgte noch größere Pläne, als die bloßer privater Hilfsarbeit, und fand in dem Pfarrer des Kreisstädtchens -- Pfeil -- einen verständnisvollen Förderer ihrer Ideen. Ein Rettungshaus für uneheliche Kinder wollte sie gründen, das eine bleibende Zufluchtsstätte für diese allerärmsten sein sollte. Da sie, seit sie Kinder besaß, sich nicht mehr als unumschränkte Herrin ihres Vermögens, sondern sich ihnen gegenüber in bezug auf seine Verwendung verantwortlich fühlte, so glaubte sie das, was deren Zukunft sicherstellen sollte, nicht für ihre Interessen angreifen zu dürfen. Auch ihren Gatten wollte sie nicht in Anspruch nehmen; sie hatte sich ihre wirtschaftliche Selbständigkeit neben ihm gesichert und respektierte die seine -- ein Verhältnis, das sie einmal brieflich folgendermaßen verteidigte: "Für mich selbst halte ich fest an der Überzeugung: '_qu'il ne faut pas faire les affaires avec le sentiment;_' und ich trenne so scharf Gefühl und Geschäft, daß ich sogar mit meinem Manne, wenn wir einander Geld leihen oder dergl., Schuldschein und Interessen gebe und empfange, genau berechne und pünktlich zahle oder einziehe ... Ich habe zu viel Erfahrungen gemacht, daß dadurch ein üppiges Unkraut aus der Aussaat zum Familienglück herausgesammelt wird, und es entsteht wirklich weder Kälte noch irgend ein Nachteil daraus, denn das Schenken steht ja doch jedem frei und gehört zum Bereiche des Gefühls; so bin ich auch für Heiratscontrakte, genaue immer vorrätige Testamente, genaues Feststellen jedes Eigentums von Mobiliar u. dergl."

Wollte sie also ihren Lieblingsplan zur Wirklichkeit werden lassen, so galt es auf andere Weise die Mittel dafür zu beschaffen, denn wenn auch Stadt und Kreis Unterstützungen bewilligten, so mußte sie den Grundstock des Ganzen liefern. Sie entschloß sich, einen großen Teil ihres Schmuckes, der durch Geschenke Jeromes sehr bereichert worden war, zu verkaufen, und fuhr deswegen selbst nach Berlin. Ein breites schweres Kettenarmband der Herzogin von Orleans, Perlengehänge der Großfürstin Maria Paulowna, Ringe der Prinzessin Augusta von Preußen, vor allem aber die Rubinen und Brillanten, die als Rahmen ein in ein Armband eingelassenes Miniaturbild Jeromes umgaben, verwandelten sich auf diese Weise in schützende Mauern für die von der Gesellschaft Ausgestoßenen. Nur ihre Kinder erfuhren später, was sie getan hatte, da sie sich verpflichtet fühlte, ihnen auch darüber Rechenschaft abzulegen. Das Rettungshaus aber steht heute noch. Ob es in dem halben Jahrhundert im Sinne seiner Schöpferin wirkte, oder ob es vor lauter Mühe, Seelen zu retten, die Menschen zu retten vergaß?

All dem eifrigen Wirken und fröhlichen Gedeihen sollte plötzlich ein Ende gemacht werden. Marianne und Jenny erkrankten an jenem seltsamen Landesübel, dem Weichselzopf. Die Ärzte nehmen noch heute an, daß diese Verwirrung der Haare zu einem dicken unauflöslichen Ballen und die damit zusammenhängende körperliche Schwäche auf Schmutz und Vernachlässigung zurückzuführen ist. Nun gab es ringsum keine schöneren, gepflegteren Kinder als die der Gustedts; die Mägde des Hauses sprachen angesichts ihrer Erkrankung von Hexerei; man wollte, wie im Märchen von Schneewittchen, von einer Landstreicherin wissen, die den Kindern eine vergiftete Frucht gereicht habe, aus Rache dafür, weil man ihr Kind im Rettungshaus untergebracht und ihr zwangsweise genommen hatte. Der Arzt ordnete bei Mariannen, bei der das Übel am stärksten auftrat, das Abschneiden der Haare an. Trotz der Warnungen einiger Bauernfrauen, die bei der einheimischen Bevölkerung in weit höherem Ansehen standen als der Doktor und behaupteten, daß gerade die Haare die Krankheitsstoffe aus dem Körper zögen, griff Jenny kurz entschlossen selbst zur Schere. Nach drei Tagen lag ihr holdseliges Töchterlein zum ewigen Schlaf auf der Bahre.

Es scheint, als ob die Türe nur einmal vom Unglück geöffnet zu werden braucht, um auch sein ganzes großes Gefolge hereinzulassen. Der schwergeprüften Mutter, die ihr blühend schönes, fast erwachsenes Kind, das begabteste von allen, sich von der Seite gerissen sah, blieb keine Zeit, ihrem Schmerz sich hinzugeben.

"Du hast von meinen schweren und harten Prüfungen gehört," schrieb sie im Herbst 1854 an Wilhelmine Froriep, "Du weißt, wie eine Mutter fühlt, obgleich Du nicht die trübe Nachhaltigkeit kennst, die der Verlust eines geliebten, fast erwachsenen Kindes für das Mutterherz hat; andere auch recht schmerzliche Schicksalsschläge folgten diesem Unglück, -- der verflossene Winter war eine Reihenfolge der sorgenvollsten Tage durch die langwierige Krankheit meines Jennchen, und diesem Kummer folgte die schwere Krankheit Werners -- aber Gottlob, er ist vorgestern ganz gesund von Karlsbad zurückgekehrt, und so bereue ich nicht die zweimonatliche Trennung, so schwer sie mir auch geworden ist. Jenny, ein sehr niedliches, frisches Mädchen, hat ihren Weichselzopf glücklich überstanden, und ihre lockigen Goldhaare sind in alter Fülle zurückgekehrt. Mein Wernerchen hat auch Masern, Ziegenpeter u. dergl. Kinderkrankheiten durchgemacht, und ich natürlich doppelt mit ihm, aber es sind doch mäßige Sorgen, die man auf der armen, so folgenreichen Erde noch nicht schwer ins Gewicht fallen läßt; dazu bin ich viel, sehr viel allein, zu alt, um Freundschaften zu schließen, zu austauschbedürftig, um mir selbst zu genügen -- was denn die Zeiten der Strohwittwerschaft recht grau macht." Von Otto, dem ältesten, ihrem Sorgenkind, schrieb sie im selben Brief: "Er ist ein großer, schlanker Junge, eigentlich schon Jüngling, der als Freund neben mir steht, und so wie er unter fortwährendem Kränkeln doch groß, muskelstark und blühend wird, ein Reiter, Schwimmer, Turner, ein Dominierender bei Kriegen und Prügeln der Gymnasiasten, so entwickelt sich auch sein Charakter unter allen Anfechtungen der Sünde recht erfreulich; im Lernen bleibt er allerdings durch die vielen Krankheitsversäumnisse, trotz seines tadellosen Fleißes zurück, in der Charakterbildung ist er jedoch seinem Alter sehr voraus." Die Eltern waren, des Gymnasiums wegen, genötigt gewesen, ihn in dem nahen Marienwerder in Pension zu geben. Der Vater hatte von der Trennung des Sohnes von der Mutter sehr viel gehofft, weil ihre liebevolle, nachsichtige Erziehung dem zu allen Jugendtorheiten geneigten Knaben nicht förderlich zu sein schien. Vor allem hatte er den Eindruck gewonnen, daß seine Kränklichkeit ihm vielfach nur ein willkommener Vorwand war, um sich dem Lernen zu entziehen, während Jenny von der Echtheit seiner Leiden überzeugt und immer geneigt war, ihn zu schützen und zu entschuldigen. So entwickelte sich in immer stärkerem Maße jener stille Kampf um die Erziehung des Kindes, der, mit so zarten Waffen er auch geführt wird, dem Eheleben so schwere Wunden schlägt: der Vater denkt an das Leben, für das der Sohn sich entwickeln soll, die Mutterliebe will ihn so lange wie möglich vor diesem Leben schützen.

Zunächst schien die Mutter recht behalten zu sollen; der an Freiheit und Selbständigkeit, an Liebe und Nachsicht gewöhnte Knabe empörte sich gegen die strenge Zucht der Pension und des Gymnasiums, die damals noch weit mehr als heute in der Individualität des Schülers nichts als eine verdammenswürdige Verletzung der vorgeschriebenen Ordnung sahen, und deren Ziel daher nicht ihre Entwicklung, sondern ihre Unterdrückung war. Otto Gustedt wurde relegiert. Daheim kam es zu bösen Auftritten, unter denen die Mutter weit nachhaltiger litt als das Kind. Hochmut und Faulheit warf der Vater ihm vor, wo Jenny die Berechtigung beleidigten Selbstgefühls und körperliche Schwäche zu sehen glaubte. Ihre Zärtlichkeit und Sorgfalt ihm gegenüber wuchs um so mehr, je härter ihn der Vater behandelte. "Das Spannen auf das Bett des Prokrustes, das man Erziehung nennt, war mir immer widerwärtig," schrieb sie; "man soll der jungen Menschenpflanze eine Stütze geben, wie dem jungen Bäumchen, aber man soll sie nicht je nach Laune und Wunsch, wie die Gartenkünstler des 18. Jahrhunderts, zu allerlei künstlichen Gestalten beschneiden und zurecht stutzen." Bei dieser an sich zweifellos richtigen Auffassung vergaß sie nur, was heute, wo sie zu allgemeinerer Geltung gelangte, fast stets vergessen wird: daß, wie der unbeschnittene Buchsbaum doch nicht zur hochragenden Buche wird, es auch Menschenpflänzchen gibt, die durch alle Freiheit und Entwicklung doch keine starken Individualitäten zu werden vermögen, die wie Lehm und Wachs erst durch die Hand des künstlerischen Erziehers Wesen und Form erhalten. Jennys Hand aber war weich: sie streichelte die Falten von der Stirn, sie zeigte ihren Kindern die großen und schönen Ziele und die Wege, die zu ihnen führen, wenn sie jedoch abseits gingen, so fehlte ihr zum Zurückziehen die Kraft. "Ich weiß, wie oft meine Augen und der Ton meiner Stimme um Verzeihung gebeten haben, wenn ich schalt, und dadurch wurde das Schelten fast wirkungslos," schrieb sie später einmal. "Sie erzog ihre Kinder, wie man Genies erziehen müßte," sagte eine alte Freundin von ihr, und wer damals den schönen, schlanken, fünfzehnjährigen Otto sah, aus dessen klassisch geschnittenen Zügen zwei Augen hervorstrahlten, die jeden gefangen nahmen, der mochte die Nachsicht der Mutter verstehen. War er ihr doch von allen ihren Kindern noch am meisten wesensverwandt: seine Güte, seine himmelstürmende Phantasie, die ihn auf immer neuen Wegen immer neuen Zukunftsträumen nachjagen ließ, verband sie nicht nur zu genau, sie wußte auch aus eigener bitterer Lebenserfahrung, zu welch inneren Konflikten und harten Enttäuschungen sie ihn im Leben führen würden. Und Zukunfts- und Gegenwartsleiden vereint steigerten nur noch ihre sorgende Mutterliebe.

So glücklich ihre Ehe war, es fehlte nun nicht mehr an Bitternissen: wie sie zu schweigen gelernt hatte, wenn ihre politischen Anschauungen auseinandergingen, so schwieg sie angesichts der Angriffe des Gatten auf ihre Erziehungsprinzipien. Als trennendes Element, nicht als verbindendes, standen die Kinder zwischen ihnen. Gerade das glücklichste Eheleben wird selten von dieser Liebesprüfung verschont: die Zeit, da die Kinder sich zu Menschen entwickeln, ist immer die gefährlichste, und die harmonischste die, die ihr vorangeht und ihr folgt.

Da Werner Gustedt infolge seines Berufs viel abwesend sein mußte, war der Anlaß zu Differenzen zwischen den Gatten kein häufiger. Abends, wenn über dem runden Tisch die Lampe brannte und die Familie sich um ihn sammelte, plaudernd, lesend, mit Handarbeit beschäftigt, war immer Feierstunde; mit der Arbeit war das Arbeitskleid und die Arbeitsstimmung abgelegt, und der blitzende, summende Teekessel sah zufriedene Gesichter um sich und sang seine leise Melodie nur zur Begleitung frischer, froher Stimmen. "Wer keinen Sonntag hat und keinen Feierabend, der hat keine Familie." Diese Worte aus Pücklers Briefen eines Verstorbenen finden sich in Jennys Abschriften doppelt unterstrichen. Oft, wenn der graue Alltag die Harmonie des Lebens zu zerstören drohte, stellte der Sonntag und der Abend sie wieder her. Dann wurden Bücher gemeinsam gelesen und besprochen, und Gedanken, die sie anregten, wohl auch schriftlich fixiert, um Stoff zu neuer Unterhaltung zu geben. Carlyles "Helden und Heldenverehrung" -- "diese Offenbarung von Wahrheit, Mut und Glauben der Menschenseele" --, Feuchterslebens "Diätetik der Seele" -- "eines der klarsten, menschenfreundlichsten und überzeugendsten Bücher, die ich kenne" --, Moritz Arndts "Wandlungen mit dem Freiherrn von Stein", Schleidens naturhistorische Vorträge, Moses Mendelssohns "Phädon" und eine Reihe kleinerer historischer und naturwissenschaftlicher Werke wurden bei der abendlichen Lektüre durchgenommen. Aus dem eben erschienenen Leben Goethes von Lewes las Jenny manche Teile vor; "diese höchst interessante Biographie," schrieb sie in ihre Bücherliste, "ist leider voller falscher Thatsachen über Weimar, dabei mit wenig poetischer Befähigung geschrieben, aber durch tiefe, neue Auffassungen, viel philosophischen Sinn und viel Wahrheit in den geistigen Darstellungen und Urtheilen werth, von jedem Deutschen gelesen zu werden."

Seit der nahen Verbindung mit Frankreich fehlte es natürlich auch nicht an französischer Lektüre. Memoiren, Briefwechsel und historische Werke über Napoleon und seine Zeit spielten darin eine Hauptrolle. Neben den _"Dictées de Ste. Hélène"_ findet sich die Bemerkung: "Welch ein Aufwand von Genie, Kraft, Fleiß, Urteil und Regierungskunst, um in St. Helena zu enden! Aber tragischer noch als das persönliche Ende ist das Ende des Werks -- es stürzte zusammen wie ein Koloß ohne Fundament. Die alte Welt unter sich zu begraben, muß wohl schließlich Napoleons gottgewollte Aufgabe gewesen sein." Louis Napoleons Thronbesteigung im Jahre 1852 erregte ihr Interesse für seine Person. Sie las seine "Napoleonischen Ideen," nicht ohne bei ihnen die sarkastische Randbemerkung zu machen: "Ideen -- ja, Napoleon -- nein!" Wie manche der alten Bonapartisten, vermochte sie ein gewisses Mißtrauen, ja direkte Antipathie gegen ihn nicht zu überwinden, obwohl sie sich der neueinsetzenden napoleonischen Ära freute und auch, im Gegensatz zur allgemein herrschenden Meinung in Preußen, das Mittel des Staatsstreichs billigte, das sie eingeleitet hatte.

"Über den Staatsstreich von Louis Napoleon," heißt es in einem Brief an Scheidler, "stimmen wir nicht überein: ich billige ihn, ohne mich jedoch für die Zukunft zu verbürgen. Durch den Stall des Augias mußte ein Strom geführt werden, während eine holländische Milchwirthschaft durch blanke Wassereimer gereinigt werden kann. Seit zwei Jahren steigerte sich in Frankreich eine nach und nach in alle Parteien übergegangene Sehnsucht nach dieser Ausmistung, mit anderen Worten nach einem Herrn ... Frankreich kennt seine eigenen Zustände, deshalb die Riesenmajorität von sieben Millionen bei geheimer Abstimmung; ich dächte, dies schlüge alle Einwendungen, da der liberalste aller Grundsätze doch ist, daß ein Volk am besten selbst wissen muß, wo es der Schuh drückt. Ich kann Louis Napoleon auch nicht des Meineids schuldig finden, denn ein Eid hat nicht nur Worte, sondern auch einen Sinn. Wenn er überzeugt war, daß er es nicht mit den Vertretern des Volkes, sondern mit Parteimännern zu thun hatte, so war die Auflösung der Nationalversammlung gerechtfertigt. Dabei betone ich noch meine alte Ansicht, daß, streng genommen, alle Menschen meineidig sind, weil Keiner je gehalten hat und halten kann, was man in verkehrter Weise bei Einsegnungen, Trauungen, Taufen u. dgl. versprechen läßt. Die wahre, letzte Instanz des Menschenwerthes liegt doch nur in seinem Charakter, in seinem ganzen Sein. Man müßte nie einen Eid auf die Zukunft ablegen, nur für den auf die Vergangenheit kann ein Mensch bürgen."