Im Schatten der Titanen: Erinnerungen an Baronin Jenny von Gustedt
Chapter 21
"Ich sah auch Walther, der bald nach seiner Mutter kam; er sieht so schwächlich und gedrückt und lebensuntauglich aus, -- verzeihen Sie den Ausdruck, -- daß es einen schmerzt, wenn man ihn sieht. Man kann sagen, daß ein großer Name, wenn er nicht Ruhm und Auszeichnung bedeutet, zur Last wird. Unter den Freunden, die wir im Laufe des Winters hier sahen, befand sich auch ein gewisser Herr von Schober, ein Mann von Geist und Talent, dessen schöne Gedichte ihm in Deutschland einen Namen gemacht haben. Ich erfreute mich des Verkehrs mit ihm ... Eine Reise nach Holland, die ich jetzt während dieses Januarwetters unternehmen muß, kommt mir recht ungelegen. Es ist die Zeit, in der ich mich am liebsten vollkommen in meine Studien vergraben und von nichts stören lassen möchte. Vermuthlich theilen Sie meinen Geschmack, darum verzeihen Sie, daß ich Ihre Zeit so ungebührlich lange in Anspruch genommen habe. Mit vielen Empfehlungen von meiner Frau und den herzlichsten Grüßen von mir
Ihr treuster Freund
Carl Alexander."
* * * * *
Als im Herbst 1845 dem Gardener Ehepaar ein Töchterchen geboren wurde, das den Namen der toten Großmutter erhielt, sah Jenny ihre Tätigkeit nach außen für eine Zeitlang unterbrochen und auf die Kinderstube beschränkt. Ihrer vergessenen Künste erinnerte sie sich nun wieder und zauberte in zarten Aquarellfarben die reizenden Köpfe ihrer vier Kinder aufs Papier. Otto, einen schlanken, feinen Jungen mit dem klassischen Profil der Bonapartes, "der," wie sie schrieb, "für mein Mutterauge das vollkommenste Idealchen ist," malte sie am liebsten keck auf seinem Pony sitzend; Mariannen, mit den großen Märchenaugen, gab sie blasse Rosen in die Hand; während Jenny, "der kleine blondgelockte Engel, bei dessen Anblick mir Thränen der Liebe und Dankbarkeit in die Augen steigen," mit ernstem Gesichtchen auf der Gartenfußbank Sandkuchen backt oder das kleine Dianchen, den Liebling aller, auf dem Schoße hält. Die zwei älteren Kinder gingen schon in die Dorfschule -- eine Maßnahme, die Freunde und Verwandte entsetzte -- während daheim eine junge Schweizerin, die Jenny aus der einfachen Bonne ihrer Kinder allmählich zur lieben Freundin wurde, sie im Französischen unterrichtete. In Religion und Geschichte unterrichtete Jenny selbst und nach einer Methode, die damals noch eine ganz neue war: mit der Geschichte der engsten Heimat begann sie. Beim eigenen Vorstudium hatte sie sich dabei für die Geschichte der preußischen Ordensritter so begeistert, daß sie einzelne Gestalten daraus, wie z. B. die Winrichs von Kniprode, zum Vorbild aller Rittertugenden erwählte. Als noch größerer Held jedoch erschien ihr der große Friedrich, dessen Lebensgeschichte sie in schlichten Reimen zusammenfaßte, um sie den Kindern recht genau einzuprägen. Auch die Enkel lernten sie, als sie noch nicht lesen konnten, und keine historische Persönlichkeit ist mir infolgedessen so lebendig geblieben wie der "alte Fritz".
Noch mehr als ihr historischer wich ihr religiöser Unterricht vom Gewohnten ab. Die Kinder lernten weder Bibelsprüche noch Gesangbuchverse, von der biblischen Geschichte erfuhren sie wie von schönen Märchen, an die zu glauben, im Sinne des Fürwahrhaltens, sie nie gezwungen wurden. Nur ein Gesetz gab es für sie als das unbedingte, dem zu folgen Tugend sei und selig mache, das zu verletzen, den Weg zu moralischem Zusammenbruch, zu Unglück und Elend betreten heiße: Du sollst deinen Nächsten lieben als dich selbst. Wie Jenny ihren Kindern dies Gesetz verständlich zu machen suchte, wie sie ihnen an Beispielen aus dem täglichen Leben die Folgen des Gehorsams und des Ungehorsams ihm gegenüber auseinandersetzte, das hat sie in einem kleinen Büchlein zusammengefaßt, dessen vergilbte Seiten mich wehmütig anschauen, und hinter denen die Köpfe all der Kinder, die daraus lernten, aufzutauchen scheinen. Auf dem weißen Marmorkreuz aber, das auf ihrem Schreibtisch stand, leuchten noch immer in goldenen Lettern die Worte: Die Liebe höret nimmer auf.
Im Herbst 1846 traf Jenny der schwerste Schlag: die kleine Diana starb -- die große Diana zog sie nach ins Grab! Was Jenny empfand, kann ihr niemand nachempfinden als eine Mutter, und zum ersten Male fühlte sie sich, trotz der liebevollen Nähe des Gatten, allein mit ihrem Schmerz. Niemand begriff, daß der Tod eines so kleinen Kindes einen unausfüllbaren Lebensabgrund aufreißen kann; niemand konnte verstehen, daß für eine Mutter das Kind ein Teil ihrer Selbst ist, und sie immer verstümmelt bleibt, wenn es ihr entrissen wird -- wie sie denn eigentlich nur vollkommen wird durch ihre Kinder.
Wilhelmine Froriep gegenüber, die eine Mutter war wie sie, sprach sie sich aus: "Seitdem ich den tiefen unauslöschlichen Schmerz empfunden habe, den Dein Mutterherz doppelt gekannt hat, habe ich unzählige Male mit dem Gedanken in Deiner milden wohltuenden Nähe verweilt, mein liebes, liebes Minele, und sehnte mich, in Deinen Augen das volle Mitgefühl zu lesen, das nur Mütter empfinden können, namentlich bei dem Tode eines so jungen Kindes; -- aber Du weißt, ich war fast den ganzen Winter so krank, daß ich, statt meine Einsamkeit zu nutzen, sie als eine große Bürde fühlte; -- meine drei mir gebliebenen Kinderchen hatte ich sehr viel um mich, aber ich war zu schwach, um dies so recht freudig und dankbar zu empfinden, und hätte mein Körper das Wort führen dürfen, so hätte er sich sogar sehr darüber beklagt. Im Seebad fühlte ich mich wohl, die Luft war so herrlich, und das Meer scheint so ganz ohne Abschnitt mit der Ewigkeit zusammenzuhängen, daß die Seele ruhiger wird; doch meiner Rückkehr nach Garden folgte eine unbeschreiblich trübe Zeit. Wenn die Leiden der Phantasie sich zu denen des Herzens gesellen, werden beide unendlich vermehrt, und ist dann der Körper nicht stark genug, um den Willen zu unterstützen, kann die Thätigkeit nicht den Damm der Gedanken bilden, so wird das Leben recht schwer, ich kämpfe noch fortwährend mit dem traurigen Einfluß, den die alte Umgebung ohne das heißgeliebte Kind auf mich übt, und noch sehne ich mich stündlich von hier weg; da dies Gefühl sich aber mildert, meine Gesundheit sich stärkt, und meine Thatkraft zunimmt, so fasse ich Geduld mit mir, und wo Vernunft und Ergebung nicht ausreichen, hoffe ich auf die Zeit."
Der alte Freund -- Arbeit -- der ihr noch immer geholfen hatte, sollte auch jetzt wieder helfen. "Ich lebe nur meinen Kindern, die mir viel Freude machen, ohne daß freilich die Schatten fehlen," schrieb sie. "Oft sitze ich auch auf alte deutsche Art mit meinem Mädchen in der Jungfernstube, weil meine Lampe und mein Buch ihnen vortheilhaft sind, und mich der fleißige Kreis erfreut ... Wäre meine Seele ohne Sehnsucht nach Mutter und Kind, und hätte ich eine Freundin, der ich mich so recht innig mittheilen könnte, so wäre diese Existenz ganz nach meinem Geschmacke."
Bald jedoch sollte sich zeigen, daß das tiefe Leid eine große seelische Umwälzung in ihr hervorgerufen hatte: Garden, die traute Heimat ihrer Kinder, wo ihr die Wälder so freundlich gerauscht, die Seen ihr lachendes blaues Auge vor ihr aufgeschlagen hatten, erschien ihr nur noch wie das Grab des einen Kindes, und ihr Geist und ihr Herz, die verlernt hatten, ein eigenes Leben zu leben und darum so qualvoll litten, wenn ein Teil ihres Lebens, das Kind, ihnen genommen wurde, sehnten sich hinaus, zurück nach der Heimat ihrer Jugend. In einem ihrer Briefe aus jener Zeit heißt es:
"Daß meine Wünsche sich nach Weimar richten, kann ich nicht leugnen und zeigt sich auch jetzt keine, auch gar keine Aussicht, uns dorthin zu verpflanzen, so mag man sich doch gern bereit halten, glückliche Zufälligkeiten und Schickungen zu ergreifen. -- Den Winter dort zuzubringen, hat immer große Schwierigkeiten: den Kindern ist der hiesige gleichmäßige Winter zuträglicher, Otto hat Schlitten, Pferd und alles Zubehör eigen, und fährt nach Belieben, bis es 10 Grad Kälte übersteigt, dann ist die Freude kurz und er bleibt auch gern zu Hause. Das Kleinste, wenn es Gott giebt und erhält, macht schon nächsten Winter die Reise, wenn nicht unmöglich, doch ganz unwahrscheinlich. Der günstige Einfluß unseres Schullehrers auf Mariannchen wird schwerlich ersetzt werden, eine französische Bonne steht mir seit Ostern in diesem Zweige der Erziehung bei, und für Jennchen sind die großen ganz durchwärmten und zugfreien Räume und die Spiele mit den kleinsten meiner Stiftskinder auch schwer zu ersetzen. Werner hat sein Gut und seine Provinzialinteressen, auch angenehme Männer zum Umgang und meistens eine Reise, die den Winter durchschneidet, und seine Laune ist so gleichmäßig, und sein Ausdruck so zufrieden, daß er keinen hinreichenden Grund zu einem andern Winteraufenthalte bietet. Nun bleibe ich, die sich wohl oft die Abende in Weimar vormalt, wo alles Lebenslustige bei Ball und Theater und ich mit Emma, Dir, Luise, meiner lieben Cecile zusammen wäre, oder der Familienkreis, der jetzt so gemüthlich geworden ist, mit Karls und Beusts und Papa -- aber ich bin eins gegen 5, und da außerdem das Beste meines Selbstes in den 5 steckt, ist das, was davon übrig bleibt, nicht lebensfrisch genug, um egoistisch zu sein."
Viele ihrer Freunde teilten ihren Wunsch und suchten ihn dadurch zu verwirklichen, daß sie an berufener Stelle Schritte taten, um Werner Gustedt den Weg in den weimarischen Staatsdienst zu eröffnen, der auch ihm als angenehme Aussicht erschien. Jenny zweifelte von vornherein an dieser Möglichkeit, ihr Mann war zu sehr Preuße, zu wenig Hofmann, um willkommen zu sein. Sie wußte außerdem, daß auch von seiten des Stiefvaters, der mit ihrem Mann nicht gut stand, nur Opposition zu erwarten war, daß auch der Erbgroßherzog, so sehr er ihr nahestand, für ihn keine Sympathie besaß, und zwar um so weniger, je mehr seine Schwester, die Prinzessin von Preußen, für ihn eintrat. Aber trotz dieser Erwägungen der Vernunft, überließ Jenny sich eine Zeitlang nur zu gern ihrer Phantasie, die ihr ein Leben in Weimar in den schönsten Farben malte. Selbst wenn der Aufenthalt dort kein dauernder würde sein können, so hätte sie ihn doch der drückenden Einsamkeit Gardens vorgezogen; "nach ein paar Jahren," so schrieb sie, "könnten wir im schlimmsten Fall wieder werden, was wir jetzt sind, nur in der Nähe einer großen Stadt, unserer Verwandten und im Mittelpunkt des Fortschritts und eines regen geistigen Lebens."
Wie anders klingen diese Worte der Sehnsucht, als ihre Einsamkeitsschwärmerei der dreißiger Jahre! So fern ab sie den Weltereignissen lebte, sie spiegelten sich doch in ihrer eigenen Seele wider: der Traum der Romantik war ausgeträumt, die Wirklichkeit forderte ihre Rechte; dem Schauspiel wich die Idylle. Wenn sie sich, in innerster Seele unbefriedigt von einem Leben, das trotz aller selbstgewählten und geschaffenen Arbeit doch nur ein Leben des Genießens, wenn auch des reichsten geistigen Genießens gewesen war, in die ländliche Einsamkeit zurückgezogen hatte, um dort in ihrem Mann, in ihren Kindern, in ihren Armen und Pflegebefohlenen aufzugehen, so hatte sie dabei vergessen, was den Mädchen ihrer Zeit zu vergessen freilich zur Pflicht gemacht wurde, daß sie selbst eine Persönlichkeit war, die ihre Rechte früher oder später zur Geltung bringen mußte. Unter dem Druck der Erziehung und der Vorurteile war die Wandlung von einem geistig lebendigen Mädchen in eine gute Hausfrau, deren höchster Ruhm es war, die eigene Individualität mehr und mehr abzustreifen und das Ideal weiblicher Pflichterfüllung dadurch zu erreichen, daß sie dem Willen und den Wünschen der Familie blindlings nachkam, niemals aber die eigenen laut werden ließ, bei dem größten Teil des weiblichen Geschlechts damals eine selbstverständliche. Eine ungewöhnlich starke Natur mußte es sein, die nicht zwischen den Mühlsteinen der Weibespflichten zerrieben wurde, und es mußten ihr Kräfte von außen zu Hilfe kommen.
Hatte der Tod ihres Kindes sie aufgeschreckt aus gefühlvoll-träumerischem Versunkensein in das friedliche Glück des Hauses, so rissen die politischen Zeitereignisse sie aus einem Gedankengang, der sich nun um das Wohl und Wehe der sie zunächst Umgebenden drehte. Es war nicht nur die Not daheim, die um Abhilfe schrie und der mit persönlichen Maßnahmen beizukommen sein mochte, es war der furchtbare Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit, der sich wie ein dunkler klaffender Abgrund deutlicher und deutlicher vor jedem, der sehen wollte, auftat. Wer war geneigter als die Kinder der Romantik, sich von der Not der schlesischen Weber, der hungernden preußischen Bauern, bis zu dem Elend der englischen Fabrikarbeiter aufs tiefste bewegen zu lassen und sich mit der ganzen Überschwenglichkeit ihrer Liebes- und Mitleidsempfindungen ihnen zuzuwenden? Bettinens Buch an den König, George Sands Begeisterung für die Sache des Volkes liefern den Beweis dafür. Kam eine religiöse Überzeugung dazu, wie die Jennys, die vom christlichen Glauben ausging und in der Forderung der Nächstenliebe der Tat gipfelte, so mußten die Ereignisse der Zeit auf sie wirken wie Frühlingswetter auf wohl vorbereiteten Ackerboden. Mit noch weit größerem Eifer als in ihrer Mädchenzeit vertiefte sie sich wieder in ernste Studien, deren Zweck für sie jetzt nicht mehr allein die persönliche Aufklärung war, deren praktische Ergebnisse sie vielmehr hoffte, dem Allgemeinwohl einmal nutzbar machen zu können.
Für ihre Betrachtungsweise ist ein Brief an Gersdorff aus dem Jahre 1846 charakteristisch, der an die Lektüre philosophischer Schriften anknüpft, und in dem es heißt:
"Die Wahrheit, an die ich glaube, liegt zwischen Seneca und Bacon; Bacons Ziel: der Nutzen und materielle Fortschritt durch die Wissenschaften, als Mittel zu Senecas Ziel: die größte moralische und geistige Entwicklung des Menschen. Diese Entwicklung ist das Endziel alles Strebens; wäre es im rohen Naturzustande erreichbarer als durch Civilisation, so würde ich für den rohen Naturzustand stimmen, so aber glaube ich: es liegt der Wissenschaft ob, Raum, Kraft, Zeit, Mittel zu schaffen, um den Geist möglichst unabhängig von der Materie zu machen, zugleich die Intelligenz zu üben und zu schärfen, und dem flügellosen Menschen Flügel zu schaffen. -- Die Mittel, welche mit dem wenigsten Zeitaufwande und dem geringsten Verbrauch an Kräften die Bedürfnisse der physischen menschlichen Natur befriedigen, mithin das Vergessen des Körperlichen erleichtern, entfesseln den Geist und geben ihm Zeit, Raum, Kraft und Mittel zum Wachsen und Gedeihen. -- Deshalb thut die Wissenschaft göttlichen Dienst, wenn sie Dampfmaschinen, Luftheizungen, Gasbeleuchtungen, Hebel, Wölbungen, Heilmethoden, Ackerwerkzeuge, Produktionsmittel aller Art erfindet, und so lange muß sie rastlos diesem göttlichen Dienste vorstehen, bis die Massen der Menschen Muße gewinnen, um geistige Entwickelung pflegen zu können."
Als dann das Jahr 1847 erschien, mit hohlen Augen und eingefallenen Wangen, eingehüllt in das fadenscheinige Gewand des Hungers, und die Not auf Schritt und Tritt Jenny mehr als je entgegenstarrte, sah sie noch deutlicher als je die Unzulänglichkeit bloßer privater Hilfe ein. Zwar schuf sie einen großen leeren Raum ihres Hauses zur Volksküche um und stellte Frauen an, die in großen Kesseln die Mahlzeiten für die Scharen von Hungernden kochten, die Tag für Tag herbeiströmten; zwar gelang es ihr, Nachbarn und Gemeinden zu ähnlichen Einrichtungen anzuregen, aber sie gehörte nicht zu denen, die voll eitler Freude über die eigene Leistung die große allgemeine, nicht zu erreichende Not vergessen, weil ein paar Menschen während ein paar Tagen satt werden. Unbekannt mit all jenen politisch-ökonomischen Systemen, die die Sozialisten Englands, Frankreichs und Deutschlands aufgestellt hatten, um für alle menschenwürdige Verhältnisse zu schaffen -- in ihren Bücherlisten und Auszügen ist kein einziges Buch der Art aufgeführt -- und immer noch durchdrungen von der Macht des guten Willens der einzelnen mußten ihre Ideen, sobald sie sich auf Bekämpfung der allgemeinen Mißstände bezogen, notwendigerweise unzureichende bleiben. Aber daß sie sich überhaupt mit ihnen beschäftigte, daß sie, die gläubige Christin, niemals in den verbreiteten Fehler ihrer Glaubensgenossen verfiel, der so bequem ist für die, denen es gut geht, und so einschläfernd für beunruhigte Gewissen: die Armut für eine göttliche Einrichtung anzusehen, und Not und Jammer für göttliche Prüfungen -- das allein beweist, daß eine Faustnatur in ihr lebendig war. Die Eindrücke der Zeit diktierten ihr folgenden Brief an Gersdorff:
"... Alle Welt stimmt darin überein, daß der Augenblick gekommen ist, wo für das Wohlergehn der breiten Masse des Volks etwas gethan werden muß, -- der edelste wie der egoistischste Mensch begegnen sich heute in dieser Erkenntniß. Es ist interessant zu beobachten, was ein Jeder heranschleppt, um den Damm gegen jene Sturmfluth bauen zu helfen, die näher und näher kommt, um uns zu ertränken. Die einen sehen in schönen Parlamentsreden die Rettung, die anderen in der Organisation der Arbeit. Und zu diesen gehöre ich: vom König bis zum letzten Straßenkehrer müßte jeder sich der Vollendung dieser Aufgabe widmen, alles Andere als nebensächlich bei Seite schiebend, kein Opfer zur Erreichung dieses Zieles für zu gering haltend. Die Schwierigkeiten sind enorme, aber sie sind nicht unüberwindlich, und die Arbeit lohnt der Mühe, weil ihr Ziel die erste Stufe zu vollkommener Radicalcur der kranken Menschheit ist. Preußen ist von allen europäischen Staaten derjenige, der zu ihrer Ausführung am geeignetsten erscheint; seine militairische Organisation, die Gewohnheit jedes Preußen, zu gehorchen und den Gesetzen persönliche Opfer zu bringen, das Princip der Bevormundung, das die Regierung immer befolgt hat, kurz ihre ganze Machinerie haben das Terrain vorbereitet. Ueberall herrscht Ordnung, nur in der Arbeit herrscht blinde Anarchie. Die Philosophen machen Preußen gerade aus der Bevormundung einen großen Vorwurf, wer aber tiefer sieht, kann nicht so sehr in ihr das größte Uebel erblicken, als in ihrer Einseitigkeit. Ein Kind muß getragen werden, ehe es selbst gehen kann: aus der Organisation der Arbeit, die Willkür ebenso ausschlösse wie Ausbeutung und Unbotmäßigkeit, würde nach und nach erst die Kraft, die Freiheit, die Selbständigkeit sich entwickeln .... An einer uns Landbewohnern naheliegenden Aufgabe könnte die Organisation der Arbeit durch den Staat einsetzen: Der Errichtung von Fabriken auf dem Lande, die auch im Winter der Landbevölkerung Arbeit böte, damit die Einführung der Dreschmaschine sie nicht mehr und mehr zum Hungern verdammt."
Zu dem starken Einfluß, den die Zeitereignisse auf Jenny ausübten, und dessen Grad sich an ihren ebenso vertieften wie gesteigerten und erweiterten Interessen ermessen läßt, der auch den Wunsch in ihr weckte, der Entwicklung näher sein, an ihr mitwirken zu können, trat noch ein anderer, rein persönlicher hinzu: die Aufklärung über ihre Herkunft.
Am 1. Oktober 1847 hatte Jerome Napoleon nach zweiunddreißigjährigem Exil den Boden Frankreichs wieder betreten. Ob er über den Aufenthalt von seiner und Dianens Tochter Pauline im Kloster immer unterrichtet gewesen war, ob sie sich ihm als "Mutter Maria vom Kreuz" auf Grund der Briefe Dianens erst zu erkennen gab, als er Paris wieder zur Heimat wählen durfte -- darüber fehlten mir Nachrichten. Ob Briefe der Nonne an Diana von Jenny gefunden wurden und zur Verbindung der Schwestern führten, läßt sich auch nicht mehr feststellen, ebensowenig wie der erste Brief der Nonne an Jenny mit der Mitteilung, wessen Töchter sie beide waren, erhalten wurde, eines nur steht fest: daß Diana selbst es war, die es Pauline zur Pflicht gemacht hatte, Jenny aufzuklären und sie zu bitten, den zu lieben, dem sie das Leben dankte. Wie groß mußte Dianens Liebe gewesen sein, wenn sie über den Tod hinaus dem Mann, der Schmach und Leid und Verlassenheit über sie heraufbeschworen hatte, die Liebe ihrer Tochter zu sichern suchte. Wie erschütternd aber mußte die Nachricht von der Mutter heimlichem Liebesbund, die ihr Ende des Jahres 1847 zugegangen war, auf Jenny wirken. Zwar hatte sie in Weimar nie gelernt, die Beziehungen der Menschen zueinander mit dem Maßstab der Prüderie zu messen, aber von der Heiligkeit der Ehe war sie doch tief durchdrungen, und in ihrer Mutter hatte sie das Muster aller christlichen Tugend verehrt, und nun: welch ein Aufruhr all dieser Gefühle. Ihre gute, edle Mutter war die Geliebte eines der verrufensten Könige gewesen, sie war sein Kind, Bastardblut floß in den Adern ihrer Kinder! Wie mochten die bösen Zungen der Welt ihre Mutter beurteilt haben und noch beurteilen, was für ein Schicksal stand ihren Kindern bevor, wenn man erfahren würde, daß sie eine außerehelich Geborene zur Mutter haben. Sie kannte ja diese Welt nur zu gut: hatte sie sich nicht mit einem merkwürdigen Ahnungsvermögen am meisten zu den unehelichen Kindern hingezogen gefühlt, die von allen Enterbten die unschuldigsten und die verachtetsten sind? Und während sie so empfand, klang zu gleicher Zeit die flehende Stimme der toten Mutter an ihr Ohr, die um Liebe bat, um Liebe für sich und den Vater. Sie sah sie vor sich in ihrer ganzen Lieblichkeit, die doch stets von leiser Melancholie beschattet blieb; sie sah sie, wie sie selbst in ihren Todesqualen ihrer Kinder in heißer Liebe gedachte. Wie mochte sie gelitten haben ein ganzes Leben lang, von dem Augenblick an, da ihr der Säugling vom Herzen gerissen und fern von ihr im Kloster aufgezogen wurde. Hatte sie nicht dies furchtbare Opfer -- entsetzlicher noch, als wenn der Tod ein Kind entführt -- ihren anderen Kindern zu Liebe gebracht? Jennys Herz, das noch blutete von der Wunde, die des Töchterchens Tod ihm geschlagen hatte, erbebte vor Mitleid und Liebe, und alles, was die hergebrachte Moral ihr an erkältender Weisheit noch eben gepredigt hatte, verschwand vor dem einen großen Gefühl. Nun aber begann auch ihre Phantasie, sich ihrer Gedanken zu bemächtigen. Stets, selbst als der Haß gegen ihn in Deutschland noch alles beherrschte, hatte ihr Geist dem großen Korsen Altäre gebaut. Und nun war sie seines Blutes, und die Stimme dieses Blutes war es gewesen, die sie gezwungen hatte, dem Schicksal der Bonapartes voll tiefer Anteilnahme zuzusehen, es in seiner tragischen Größe zu erkennen, als alles um sie her voll Genugtuung in ihm nur die gerechte Strafe Gottes erblickte. Und hatte sie sich nicht doch des Vaters zu schämen?! Ihre Mutter hatte ihn bis zur Selbstvergessenheit geliebt, ihre Schwester schilderte ihn als einen der besten Menschen, und zweiunddreißig Jahre des Exils waren auch für schwere Sünden eine harte Buße. Gehörte er aber zu den vielen von der Welt über Gebühr Verlästerten und Verfolgten, dann war er der Liebe doppelt bedürftig.
So stieg endlich aus dem Chaos der Empfindungen und Gedanken all jene Zärtlichkeit hervor, die sie, nach der Innigkeit seines Dankes zu schließen, dem Vater entgegengebracht haben muß. Aber die neue Verbindung des Herzens gab auch ihren Interessen eine neue Richtung. Hatte sie bisher die politischen Ereignisse Frankreichs lebhaft verfolgt -- die Freundschaft mit der unglücklichen Helene von Orleans hatte dazu beigetragen --, so fühlte sie sich von nun an innerlich mit ihnen verknüpft, und die rege Korrespondenz ließ sie ihr vollkommen gegenwärtig erscheinen. Der Wunsch Jeromes, die Tochter in seine Arme zu schließen, fand in ihrem Herzen ein lebhaftes Echo. Wie ihre Empfindung sie zu dem Vater zog, so ihr geistiges Ich zu jener Stadt, die wie eine Feuerkugel wieder einmal nach allen Richtungen Europas die erleuchtenden und erwärmenden ebenso wie die zündenden Strahlen ihres Wesens zu werfen schien.