Im Schatten der Titanen: Erinnerungen an Baronin Jenny von Gustedt
Chapter 2
Unter dem Admiral Villaret-Joyeuse hatte Jerome Gelegenheit, sich auf St. Domingo und Haiti im Kampfe gegen Toussaint Louverture auszuzeichnen. Das gelbe Fieber, das ihn mit äußerster Heftigkeit packte, trieb ihn auf kurze Zeit nach Frankreich zurück, von wo aus er dann im Jahre 1802 zur Vollendung seiner seemännischen Ausbildung nach den Antillen ging. In Martinique war sein ehemaliger Chef, Villaret-Joyeuse, Gouverneur, ein ehrgeiziger Schmeichler, der sich die Gunst des ersten Konsuls am sichersten durch die Gunst seines jungen Bruders zu gewinnen glaubte. Er ernannte Jerome, den Achtzehnjährigen, der kaum ein Jahr des Seedienstes hinter sich hatte, zum Kapitän des "Epervier".[9] Als selbständiger Führer des eigenen Schiffes sollte er nach Frankreich zurückfahren. Aber war es aus Leichtsinn, den brennender Ehrgeiz steigerte, aus Unverstand oder aus Irrtum? bei der Begegnung mit einem englischen Kriegsschiff nötigte er es, die Segel aufzubrassen und Zweck und Ziel der Fahrt anzugeben, was einer Herausforderung fast gleichkam. Das Unglück, das er dadurch heraufbeschwor, war um so größer, als es gerade nur eines Zündstoffs bedurfte, um die kriegerische Stimmung zwischen England und Frankreich zum Ausbruch kommen zu lassen.[10] Rasch genug sah er ein, was er getan hatte; er meldete dem Gouverneur von St. Pierre den Vorfall, als die Engländer bereits beschlossen hatten, ihm den Weg nach Frankreich abzuschneiden und den Bruder Napoleons als willkommene Geisel in Gefangenschaft zu nehmen. Jerome, der von diesem Plan Kenntnis erhielt, blieb, wenn er Frankreich vor schweren politischen Komplikationen, seinen Bruder vor den Folgen seiner eigenen Schuld bewahren wollte, nichts anderes übrig, als auf neutralem Schiff unerkannt die heimischen Gestade wiederzugewinnen. Er wählte mit einem kleinen Gefolge Getreuer den Weg über Amerika, wo er die Gelegenheit zur Überfahrt am leichtesten zu finden hoffte. Seine Absicht, auch dort unerkannt zu bleiben, erfüllte sich nicht. Die Liebedienerei der französischen Konsuln, die Sucht der Amerikaner, Europäern von Rang ihre Huldigungen zu erweisen -- vielleicht ein Zeichen, daß das Sklavenblut in den Adern vieler noch nicht fortgeschwemmt ist -- zerrissen sein Inkognito schon wenige Stunden nach seiner Ankunft. Wie ein Prinz von Geblüt wurde der Bruder Bonapartes empfangen und umringt. In Washington und in Baltimore, wo er die äußersten Anstrengungen machte, um seine Rückkehr nach Frankreich zu beschleunigen, wurde er in einer Weise gefeiert, daß seine Anwesenheit den Engländern nicht unbekannt bleiben konnte und sie ihre Vorsichtsmaßregeln verdoppelten, um ihn nicht entkommen zu lassen. Es bedurfte jedoch einer größeren Macht als der Englands, um den jungen Brausekopf festzuhalten: der Augen Elisabeth Pattersons, die ihm liebeglühend entgegenleuchteten, ihrer roten Lippen, die sich glückverheißend ihm darboten. Sie schlugen ihn in Banden, ließen ihn Vergangenheit und Zukunft vergessen und der seligen Gegenwart junger Leidenschaft leben. Hat der eitle Vater des reizenden Mädchens ihn mit schlauer Absicht gefesselt? Hat sie selbst dem Bruder des großen Napoleon Schlingen der Koketterie gelegt? Müßige Fragen! Ist's nicht genug der Erklärung, daß zwei junge schöne Menschen in Liebe zueinander entbrennen? Mit dem Feuer seiner 19 Jahre liebte Jerome, mit der Sicherheit des verwöhnten Lieblings der Seinen rechnete er auf deren Zustimmung zu seiner Ehe mit Elisabeth. Er hatte sich verrechnet. Wohl liebte Napoleon seine Brüder und Schwestern, und diesen, den jüngsten, vor allen; aber in ihrer Mitte hatte nur ein Wille zu gelten: der seine; wohl wollte er sie glücklich sehen, aber nur das Glück aus seinen Händen galt ihm als solches. Die Nachricht, daß Jerome eigenmächtig, ohne seine Zustimmung abzuwarten, die Ehe mit Miß Patterson geschlossen habe, traf in dem Augenblick in Paris ein, als Frankreich dem ersten Konsul die kaiserliche Würde verlieh und seine Brüder und Schwestern zu Prinzen und Prinzessinnen erhob. Sie war der bittere Tropfen in dem Kelch seines Ruhms, und da das französische Gesetz die Rechtsgültigkeit der ohne Einwilligung der Eltern geschlossenen Ehe Minorenner nicht anerkannte und Lätitia, die stolze Mutter eines Geschlechts von Herrschern, auf der Seite Napoleons stand, erklärte Napoleon die Ehe für null und nichtig und schloß Jerome aus der kaiserlichen Familie aus. Jeromes Hoffnungen waren damit noch nicht zerstört; der hinreißende Liebreiz seines Weibes mußte, so glaubte er, auch den eisernen Willen eines Napoleon brechen. Im März 1805, anderthalb Jahre nach seiner Heirat, schiffte er sich mit ihr nach Portugal ein. Aber der Arm des Kaisers reichte bis Lissabon; französische Agenten verweigerten der jungen Frau die Landung, nur Jerome erhielt die Erlaubnis, den Weg nach Italien einzuschlagen.
Wie anders fand er Europa, als da er es verließ. Die drei Jahre seiner Abwesenheit, die ihn eingesponnen hatten in stilles Liebesglück, hatten den Bruder, hatten Frankreich emporgeführt zum Gipfel des Weltruhms. Konnte sein eigenes Geschick, sein Kampf um Anerkennung seiner Liebe, jenem Manne, der die Geschicke der Völker in seinen Händen hielt und um die Kronen Europas kämpfte, anders erscheinen als wie das Spiel eines Kindes? Im Augenblick, da Napoleon sich zu Mailand Italiens Krone aufs Haupt setzte und zum Gedächtnis der Schlacht von Marengo die Böllerschüsse krachten, die Glocken läuteten, die Fahnen wehten und Tausende und aber Tausende dem Rausch der Festesfreude sich hingaben, betrat Jerome -- er, der den Säbel von Marengo trug! --ein Unbekannter, ein Ausgeschlossener, den Boden Italiens. In Alessandria empfing ihn der Kaiser. Weit mehr als der Zorn ihn geschreckt haben würde, -- er hätte vielleicht nur seinen Stolz und seinen Eigensinn geweckt --, mußte ihn die Zärtlichkeit Napoleons erschüttern. Alle sah er wieder, die Brüder, die Freunde, geschmückt mit dem immergrünen Lorbeer des Ruhms, während in seinen Händen die welkenden Rosen der Liebe schon entblätterten. Er stand vor der Wahl, -- denn unerbittlich blieb der Kaiser --, auf der einen Seite der Weg empor zu den Höhen der Menschheit, zu höchsten Siegespreisen, zur Königskrone, auf der anderen das Leben im Dämmerschein stillen Familienglücks, ohne Zweck und Ziel. So sehr sich ihm auch das Herz zusammenkrampfte, -- wie er Elisabeth liebte, dafür zeugen seine Briefe aus jener Zeit --, er wählte den Ruhm, nicht die Liebe. Welch ein Jüngling von 21 Jahren hätte anders zu wählen vermocht?![11]
Um die Stimme des Herzens zu übertönen und nachzuholen, was er versäumt hatte, stürzte er sich mit Feuereifer in die Aufgabe, die ihm gestellt wurde.
Im Sommer des Jahres 1806 kommandierte er in der Flotte des Admirals Willaumez den "Veteran" und nahm mit ihm von Brest aus neun englische Schiffe die zwei Kriegsschiffe eskortierten. Auf der Höhe von Concarneau erreichte ihn die englische ihn verfolgende Flotte; die Situation war verzweifelt; auf der einen Seite der überlegene Feind, auf der andren Sandbänke und Riffe. Entschlossen, eher zu sterben als sich zu ergeben, ergriff Jerome der Mut der Verzweiflung, und unter den Augen der englischen Flotte vollzog sich jene Tat unwahrscheinlicher Tollkühnheit, von der ein englisches Journal der Zeit folgendes berichtete: "Jerome Napoleon hat allen unseren Maßregeln zu trotzen gewußt und alle Anstrengungen unserer braven Matrosen nutzlos gemacht; daß er den Hafen sicher und ohne Verluste erreichte, ist ein neues Beispiel für das unglaubliche Glück, das sich an die Schritte der Bonapartes zu heften scheint und alle ihre Operationen begleitet."[12]
Nun erst verlieh Napoleon dem Heimkehrenden den Titel eines französischen Prinzen, und als Anerkennung seiner Tapferkeit den Rang eines Kontreadmirals. Als höhere Auszeichnung noch empfand es Jerome, daß Napoleon ihm für den bevorstehenden preußischen Feldzug die bayrische und württembergische Division anvertraute und es ihm nun endlich vergönnt war, unter den Augen des bewunderten kaiserlichen Bruders zu fechten. Jerome bewährte sich. Trotz seiner 24 Jahre wußte er sich den Respekt der Truppen und ihrer Führer zu gewinnen, aber mehr noch das Herz der Soldaten durch seine Sorge für ihr Wohl.[13] Am Tage, als die letzte schlesische Stadt vor ihm kapitulierte, erreichte ihn die Nachricht vom Tilsiter Waffenstillstand. Der Friede folgte. Napoleon hatte Preußen unterworfen und seinem Bruder ein Königreich erobert. Mit ein paar Federstrichen warf er die Länder links von der Elbe zu einem Staat zusammen und ernannte Jerome zum König von Westfalen; mit ein paar gewechselten Briefen gewann er ihm in Katharina, der Tochter des Souveräns von Württemberg, die Königin. Das Herz der also durch kaiserliche Allmacht Vereinigten wurde nicht gefragt, und als das blonde, rosige Prinzeßlein aus altem Fürstenstamm dem dunkeln, blassen Jüngling aus dem Geschlecht der korsischen Usurpatoren gegenübertrat, da wußte es noch nicht, wie rasch, wie dauernd der Sieggewohnte es erobern würde.
Mit dem ganzen Prunk des kaiserlichen Hofes, in einer Gesellschaft, in der Vertreter alter Dynastien sich mit den neugeschaffenen Aristokraten, Fürsten und Königen von Napoleons Gnaden vereinigten, wurde am 28. August 1807 die Hochzeit des jungen Paares gefeiert. Aber die bunten Lichter, die ganz Paris am Abend erleuchten sollten, verlöschten in strömendem Wolkenbruch, und die Raketen, die bestimmt gewesen waren, prasselnd gen Himmel zu steigen, verstummten vor dem Grollen des Donners ...
Inzwischen war die Organisation des jungen Königreichs erfolgt, mit dem _Code Napoléon_ die neue Administration im Lande eingeführt, zum Empfang des Herrscherpaares alles vorbereitet. Mit einem Brief, der dem Bruder die Prinzipien, nach denen er regieren sollte, nochmals auseinandersetzte, entließ ihn Napoleon. "Schenke denen kein Gehör, die Dir sagen werden, daß Deine Völker, an Sklaverei gewöhnt, unserer Gesetze nicht würdig sind," so heißt es darin, "das ist nicht wahr. Sie erwarten vielmehr mit Ungeduld, daß ein jeder, den das Talent dazu befähigt, -- nicht nur der Adlige --, zu jeder Stellung Zugang finden kann, daß jede Form der Dienstbarkeit und Abhängigkeit ein für allemal abgeschafft werde. Ich baue, was die Sicherung Deiner Monarchie betrifft, weit mehr auf die Folgen dieser Maßregeln, als auf die Resultate großer Eroberungen. Dein Volk muß sich einer Freiheit, einer Gleichheit, eines Rechtsschutzes erfreuen, die in Deutschland nicht ihresgleichen haben. Diese Art, zu regieren, wird zwischen Dir und Preußen eine zuverlässigere Grenzscheide bilden als die Elbe, als Frankreichs Festungen und sein Schutz. Welches Volk, das die Segnungen einer liberalen Herrschaft kennen gelernt hat, wird in die Bande des Absolutismus zurückkehren wollen? Sei darum ein konstitutioneller König. Du schaffst Dir damit ein natürliches Übergewicht über Deine Nachbarn."[14]
In den Empfindungen der großen Masse des Volkes schien sich Napoleon nicht zu täuschen. Mochte der Bruder des Korsen ihm fremd erscheinen, seine Person ihm zunächst gleichgültig, vielleicht sogar antipathisch sein, es begrüßte in ihm den endlichen, heißersehnten Frieden, geordnete Verhältnisse, gesicherte wirtschaftliche Entwicklung.[15] Darum war sein Empfang ein überraschend freudiger, den die persönliche Freundlichkeit des Herrscherpaares nur noch steigern konnte. Die Proklamation des Königs, vor der in jedem Dorf des Landes sich die Neugierigen sammelten, verhieß die Sicherstellung der Konstitution, die Abschaffung der Adels- und Kirchenprivilegien, der Leibeigenschaft und aller Personaldienste, die Gleichheit vor dem Gesetz, die Gleichberechtigung aller Religionsbekenntnisse, die Aufhebung der Sonderstellung der Juden, die Neuordnung des Gerichtsverfahrens. "Lange genug hat Euer Land unter den Vorrechten des Adels und den Intriguen der Fürsten gelitten. Alle Leiden der Kriege mußtet Ihr tragen, von den Segnungen des Friedens bliebt Ihr ausgeschlossen. Einige Eurer Städte erwarben die unfruchtbare Ehre, daß Verträge und Traktate in ihren Mauern geschlossen wurden, in denen nichts vergessen war, als das Schicksal des Volkes, das sie bewohnte."[16] War dies nicht ein Widerhall der Prinzipien von 1789, unter deren Einfluß das neue Frankreich sich entwickelt hatte, und deren Verwirklichung in Deutschland an der Ohnmacht des Volkes und der Macht der Fürsten gescheitert war? Sie bedeuteten diesmal mehr, als Fürstenproklamationen und Versprechungen sonst zu bedeuten hatten. Küster, der Geschäftsträger Preußens in Westfalen, der dem Berliner Hof regelmäßig Bericht zu erstatten hatte und neben dem Grafen Reinhard, dem Bevollmächtigten Napoleons und geistvollen Korrespondenten Goethes, der zweifelfreieste Zeuge war, sah mit Erstaunen, wie rasch die neuen Einrichtungen Wurzel zu fassen vermochten. Weite Kreise der Bevölkerung empfanden die Regierung Jeromes als einen Fortschritt gegenüber den alten Zuständen; die Gebildeten, von deren Unhaltbarkeit längst überzeugt, freuten sich der neuen freiheitlichen Einrichtungen; Kaufleute und Handwerker sahen sich besonders durch sie gefördert. "Was mir aber das meiste Vergnügen macht," schrieb Küster am 21. November 1808 nach Berlin, "ist, in der Lage zu sein, dem Gange einer aufgeklärten und gerechten Verwaltung folgen zu können, welche auf einer glücklichen Konstitution sich aufbaut. Sie entwickelt sich mehr und mehr durch die sukzessive Organisation aller ihrer Hauptzweige, und es ist nicht zweifelhaft, daß dieser neue Staat, dessen Souverän nur das Gute will, und zwar mit Bedacht und doch mit Entschlossenheit -- bald zu einem hohen Grad der Vollkommenheit und des öffentlichen Glücks gelangen wird."[17] In einem späteren Brief rühmt er die Einfachheit und Schnelligkeit in der Verwaltung, berichtet von dem praktischen Wert des durch den König geschaffenen Zentralbureaus für Armenunterstützung in Kassel und sagt von ihm, daß er von den regierenden Brüdern des Königs die meiste Energie und den meisten eigenen Willen besitze.[18]
Gerade das aber, was ihn auszeichnete, war das Unglück Jeromes. Ein eigener Wille war jene Eigenschaft, die Napoleon bei seinen Brüdern am wenigsten brauchen konnte, und Energie konnte nur dort am Platze sein, wo etwas Wichtiges durchzusetzen, etwas Wertvolles zu erreichen war. Jerome lag es am Herzen, seinem Lande ein guter König zu sein; ihn verlangte danach, von dem ganzen Stolz seines Geschlechts beseelt, zu beweisen, daß er es aus eigener Kraft sein konnte. Aber seine Absichten stießen auf unüberwindliche Widerstände und wurden durch die Pläne des Kaisers durchkreuzt.
Offiziell hatte seine Regierung mit dem Einzug in Kassel begonnen, aber der Kampf mit den finanziellen Schwierigkeiten hatte bereits zwei Monate früher angefangen. Auf dem Papier war ihm freilich eine Zivilliste von fünf Millionen zugesichert worden, in Wirklichkeit aber war der Staatsschatz durch Kriegsabgaben, durch die Lasten, die die Okkupation durch französische Truppen dem Lande auferlegt hatte, vollkommen erschöpft, und um allein die Kosten für die Einrichtung des Hofes, die Reise nach Westfalen und den feierlichen Einzug bestreiten zu können, mußte Jerome ein Darlehn aufnehmen.[19] Die traurigsten Verhältnisse fand er vor, als er einzog. Selbst für ihn persönlich war die Lage eine äußerst beschränkte: er, der gewöhnt war, rückhaltlos aus dem vollen zu leben, der von einem Kaiserhofe kam, wo Luxus als etwas Selbstverständliches erschien, der seine Freunde und Untergebenen, noch ehe er ein König war, königlich zu belohnen pflegte, fand im Schlosse zu Kassel nur notdürftig eingerichtete Zimmer und eine gähnende Leere im Säckel des Hofmarschallamts. Schon 1808 schrieb der holländische Gesandte an König Louis, den Bruder Jerome: "Die finanziellen Schwierigkeiten Westfalens sind enorm."[20] Aber nicht genug der vorgefundenen Not, wurden von Napoleon immer neue Opfer verlangt. Auf der einen Seite machte er dem König heftige -- und nicht unberechtigte -- Vorwürfe über die hohen Gehälter seiner Minister, auf der anderen schrieb er ihm bereits einen Monat nach seinem Regierungsantritt: "Ich brauche notwendig Geld und Truppen. Trotz der Einnahmen aus den eroberten Ländern verschlingt die Armee mehr als sie; mein Kriegsbudget allein beträgt 400 Millionen. Statt der 20000 Mann, die Du stellen mußt, stelle 40000 -- Du kannst es."[21] Nach einem Vertrage vom April desselben Jahres mußte sich Jerome verpflichten, die aus den Besitzungen des früheren Souveräns und den säkularisierten Besitzungen derjenigen Personen, die nicht mehr westfälische Untertanen waren, stammenden Einkünfte dem Kaiser zu überlassen. Zwar nahm dieser zunächst nur sieben Millionen davon in Anspruch. Jerome aber sollte den Rest von nicht weniger als 26 Millionen im Verlauf von achtzehn Monaten aufbringen.[22] Außerdem hatte Westfalen 12500 Mann französischer Truppen ständig zu besolden und zu ernähren.[23]
Im Juli bereits erging eine neue Mahnung Napoleons an den Bruder: er müsse, da Österreich rüste, seine Truppen in Kriegsbereitschaft halten; im August wurden für den spanischen Feldzug 500 Pferde und 1000 Mann verlangt; im September forderte er den gesicherten Unterhalt der französischen Truppentransporte.[24] Als Jerome und Katharina der Einladung Napoleons im Oktober 1808 zur Kaiserentrevue nach Erfurt folgten, empfing er sie zwar aufs freundlichste, aber für die Sorgen des Königs um sein Land hatte er kein Ohr. Die Not der Bauern, das Daniederliegen von Handel und Gewerbe kümmerte ihn wenig; was galt ihm, der Staaten zerstörte und schuf, Könige absetzte und krönte, das Land Westfalen? Er, der Riese, sah weit hinweg über die Niederungen, nur die Gipfel grüßend. Wie alle großen Tatmenschen war er, sich selbst unbewußt, zum Zerstören vor allem geschaffen: das Alte zu stürzen, dazu gehörte Titanenkraft; das Neue aufzubauen, ist die Aufgabe für den emsigen Fleiß der Vielen.
Die Lage in Westfalen wurde von Jahr zu Jahr verzweifelter. Dem Aufstand von Dörnberg, eines von Jerome mit Gnadenbeweisen überschütteten Offiziers seiner Garde, folgten die Kämpfe von Schills Freischaren und der verwegene Zug des tapferen Herzogs von Braunschweig-Öls, der zur äußersten Entrüstung Napoleons sich durch Jeromes Truppen durchzuschlagen und die ihn erwartende englische Flotte zu erreichen imstande war. Mochte Jerome, der kaum Vierundzwanzigjährige, von allen Seiten auf das härteste bedrängte König, sich wirklich taktischer Fehler schuldig gemacht haben, -- er hatte sich stets als ein Draufgänger, nicht als überlegener Feldherr bewiesen --, so war die Strafe, die ihn traf, eine unverhältnismäßig harte. Napoleon ließ ihn seine Oberhoheit auf das empfindlichste fühlen. Seinen Ministern wurde mitgeteilt, daß sie "sich in erster Linie dem Kaiser gegenüber verantwortlich fühlen müßten"; Graf Reinhard, der Vermittler dieser Nebenregierung, wurde angehalten, "nach Paris zu melden, was in den westfälischen Küchen vor sich geht", obwohl Jerome sich dieses System der Spionage entrüstet verbeten und ihm erklärt hatte: "Alles, was mein Bruder wissen will, kann er von mir selbst erfahren."[25] Und wie der Kaiser durch brutale Zurücksetzung des Königs Stolz verletzte, so verletzten die französischen Truppen die Sicherheit des Königreichs. "Seit meiner Thronbesteigung fahren die französischen Offiziere, Soldaten, Reisende und Kuriere fort, sich in meinen Staaten ebenso feindselig gegen die Bewohner zu benehmen, als zur Zeit des Krieges gegen sie. Sie haben es in einem Königreich, das mit Frankreich eng verbunden und ihm vollkommen ergeben ist, an jeder Rücksicht und an allem schuldigen Respekt fehlen lassen," schrieb Jerome an den Marschall Berthier.[26] Seine Bitte um strengere Vorschriften für das Benehmen der Truppen hatten keinen Erfolg, sie riefen nur neue, unbegreifliche Rücksichtslosigkeiten hervor. Ohne irgendwelche offizielle oder inoffizielle Mitteilung, -- Jerome erfuhr gesprächsweise davon --, erschienen auf Napoleons Befehl zur Festsetzung der einzelnen Stationen der Demarkationslinie gegen die englische Einfuhr französische Zollbeamte in Westfalen und traten wie die Herren auf.[27] Plünderungen und Diebstähle, die auf ihre Rechnung geschoben wurden, kamen vor und reizten die Wut des Volkes aufs äußerste. Jerome wollte sich zuerst mit allen Mitteln widersetzen. "Ich ignoriere," schrieb er nach Paris, "durch welche Befehle fremde Zollbeamte sich erlauben, sich bei mir festzusetzen. Werden solche Vorkommnisse geduldet, so gibt es hier weder einen König noch ein Königreich. Es kann doch unmöglich den Intentionen des Kaisers entsprechen, daß ein Souverän in seinem eigenen Lande solchen Übergriffen ausgesetzt ist." Zu Reinhard, dem er von seiner Absicht, abzudanken, sprach, sagte er: "Ich bin sowieso nicht auf Rosen gebettet, und ich kann nicht zugeben, daß durch solche, das Land ruinierende Maßregeln das Volk mir vollends entfremdet wird."[28]
Seine Energie schien nicht ohne Eindruck zu bleiben. Die Vergrößerung seines Reichs durch Hannover bis zur Küste der Nordsee wurde ihm in Aussicht gestellt und damit die Beseitigung der finanziellen Nöte gesichert. Im März 1810, als Jerome und Katharina mit großem Gefolge der Einladung Napoleons zu seiner Hochzeit mit der Österreicherin nach Paris gefolgt waren, leuchtete ihm wieder die volle Sonne kaiserlicher Huld. Napoleon, auf der Höhe seines Glücks, wollte nur Glückliche um sich sehen, und der Zauber von Paris, der Glanz der üppigen Feste ließen Jerome alles Leid vergessen und seiner Jugend schrankenlos froh werden. Bilder und Berichte der Zeit schildern ihn, wie er in weißem, goldgesticktem Sammetkostüm, die weißen, wallenden, von blitzender Brillantagraffe gehaltenen Federn auf dem Sammetbarett, das feingeschnittene dunkle Gesicht mit den großen glänzenden Augen von strahlendem Frohsinn erhellt, alle Herzen im Sturm zu erobern wußte. Er und Pauline, seine Schwester, das waren im Kreise dieser napoleonischen Olympier die Götter der Jugend und Schönheit, und die seligen Zeiten, da er als Knabe, von allen verwöhnt, unter den Zimmern des großen Bruders wohnte, schienen wiedergekehrt zu sein.
Voll neuer Hoffnungen und frischen Tatendrangs kehrte er nach Kassel zurück. Der Plan eines Kanals zwischen Elbe und Weser wurde ausgearbeitet, die Anlage eines Kriegshafens in Kuxhaven begonnen, wichtige und kostspielige Regulierungen der Elbe- und Wesermündungen in Angriff genommen. Da traf ihn ein neuer Schlag: Napoleon nahm den wertvollsten Teil der dem Königreich Westfalen inzwischen neu einverleibten hannoverschen Lande wieder in französischen Besitz und hatte auf die Vorhaltungen des nach Paris entsandten Ministers von Bülow nur die eine Antwort: "Ich nehme es, weil ich es brauche." Jerome berief seine Minister und diktierte eine Note, durch die er in schärfster Form als Entschädigung für Hannover Lippe, Anhalt, Waldeck, Schwarzburg und die sächsischen Herzogtümer verlangte. Reinhard gegenüber sprach er wieder von seiner Abdankung, die mehr und mehr ein Gebot der Ehre für ihn sei. Der kaiserliche Gesandte berichtete unverzüglich über diese Unterredung nach Paris und fügte hinzu: "Wenn jemals der König mir Gelegenheit gegeben hat, die Geradheit und Sicherheit seines Geistes zu bewundern und der Vornehmheit seiner Gesinnung Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, so war es bei dieser Gelegenheit."[29] "Ich glaube, hätte Jerome eine Armee von 300000 Mann, er würde mir den Krieg erklären!" rief Napoleon beim Empfang dieser Nachrichten.[30]