Im Schatten der Titanen: Erinnerungen an Baronin Jenny von Gustedt

Chapter 18

Chapter 183,780 wordsPublic domain

"Ich war einsam und betrübt. Ich hatte gebetet ohne Trost. Ich hatte ein geschichtliches Buch zu lesen versucht, es war mir in den Schoß gesunken. Der graue Himmel hatte einen Sonnenstrahl für meine Blumen und keinen Strahl der Freude für mein Herz. Vergebens hatte ich zu den Schriften gegriffen, in denen ich in Weihestunden des lebendigen Auffassens edler Weisheitslehren angestrichen hatte, was mir als zuverlässiger Leitstern, als Pilgerstab auf meinem Lebenswege erschienen war. Nichts war mir übrig als die Geduld; sie flüsterte mir jenes Wort immer wieder zu, das zugleich landläufige Redensart und tiefes Geheimnis Gottes als ein Lebensräthsel für Jung und Alt in Jedermanns Munde ist: Alles geht vorüber. Ich schlug die Arme ineinander, senkte das Haupt und sagte mir leise: es geht vorüber. Ich wollte das abwarten. -- Da tönt auf dem Corridor ein fester sporenklingender Schritt, man meldet den Professor Scheidler. Ich stehe auf, reiche ihm die Hand und heiße ihn durch Zeichen willkommen, denn das traute Wort hätte er nicht gehört; seit mehr als zehn Jahren unheilbar taub, lebt er von Todesstille umgeben. Dieser Mann der Tapferkeit, der Reinheit, des tiefen Denkens und edlen Thuns, der Mann, welcher höher steht als das Unglück, der Mann ursprünglicher Natur, er ist mein Freund.

"Niemals hat der Schmerz weniger Gewalt über einen Sterblichen gewonnen, obwohl er vielleicht keinen mit grausamerer Hartnäckigkeit angefallen hat. Denn dieser Mann mit der heiteren Stirn und dem Blick eines Kindes, mit seinem sicheren Auftreten, seinem Ausdruck von Zufriedenheit, dieser Mann, der nie klagt, nie müde wird, nie murrt, ist inmitten alles menschlichen Treibens allein, allein mit seinem Herzen voll Teilnahme und Liebe. Keine Familie, kein Herd, an dem er einem Blick begegnete, der ihm sagte: ich gehöre dir an. Kein Haus, wo er Karl genannt wird, er ist für jeden nur der Professor Scheidler. Keine Frau, die 'wir' sagte, kein Wesen auf Erden, dessen erste und oberste Neigung ihm gehörte. Dieser thatkräftige Mann, der alle Mißbräuche, alle Irrthümer bekämpfen möchte, der seine hochgegriffenen Überzeugungen auszubreiten sich berufen fühlt, der den Drang empfindet, seine Lehren der Uneigennützigkeit und des Fortschritts in die Seele jedes Jünglings hineinzudonnern, als Apostel der Sittlichkeit das Böse zu zerschmettern, das Gute bis in sein kleinstes Fünkchen hinein zu schützen, dieser Mann ist ausgeschlossen vom vertrauten und lebendigen Verkehr mit Seinesgleichen, oft verliert seine Stimme sich ins Leere, bei jedem Schritt ist er gefesselt und aufgehalten, eine eherne Wand ist zwischen ihm und der Welt, und der Gedanke der Vervollkommnung, für den er lebt, kann sich bloß für ihn selbst und einen engen Kreis von Freunden geltend machen. Nicht einmal von Sorgen um das tägliche Brot ist dieser Mann der Hilfe und des Rathes für die Leidenden frei, bei aller Einfachheit und Einsamkeit; er, der niemals an sich denkt, wenn es gilt, Einem, der weniger hat als er, zu geben. Er hat keine Vorkehr getroffen gegen das Kommen der Armuth im Krankheitsfalle oder in dem des frühen Alters: sein Vermögen sind einzig sein Arbeiten und seine Bedürfnißlosigkeit. Er hat aber Zeiten erlebt, wo die schwere Last des Leides, das er dauernd zu tragen hat, durch äußere Entbehrungen noch schwerer wurde. Auch da hat er sich nicht beklagt, niemals dem Schmerz gegenüber die Waffen gestreckt; nein, diese Stirn hat sich nicht gebeugt, auch wenn ihre Heiterkeit von dunklen Prüfungswolken überschattet wurde. Der Kampf hat ihn niemals erschöpft, stets behielt er, um dem Nächsten zu helfen, die Hand frei. Einst legte er mir Rechnung über das, was ich mit ihm zusammen für einen in Not befindlichen jungen Gelehrten an Hilfe zu schaffen gesucht hatte, und da ich mich wunderte, wie viel er zusammengebracht hatte, obwohl, wie ich wußte, er selbst nicht bei Casse war, fragte ich nach dem Woher. 'Das ist nicht schwer,' antwortete er in aller Schlichtheit: 'ich habe täglich zwei Stunden mehr gearbeitet.'

"Er führt ein durchaus geistiges Leben; seine Bücher trösten, beleben, erquicken ihn; sie sind sein Genuß und gegen das Andringen innerer Feinde seine Waffe. Auch war kein Arsenal jemals so wohlversorgt, kein Vorrath von Verteidigungs- und Angriffswaffen, um allezeit bereit zu sein, so wohlgeordnet. Scheidler ist ein Mann der strengen Wissenschaft, ohne daß er darum aufhörte, ein Freund der schönen Literatur zu sein; ein zierliches Gedicht, ein guter Roman findet bei ihm offenen Eingang neben den tiefsten Gedanken über Philosophie und Geschichte. Und wie die es tun, die Freunde und Familie haben, teilt er zwischen seinen stillen Gefährten seine Zeit ein; er hat regelmäßige Stunden für das Studium, für den Broterwerb, für die Erholung. Er redet mit den großen Geistern der Vergangenheit, die in ihren Werken fortleben. Ist dann der lange Morgen würdig verwendet, so fordert der Körper eine Rücksicht: nach dem einfachen Mittagsmahl ein Spazierritt, hierauf eine Fechtübung, abends zuweilen Schach oder Whist, häufiger einsames Denken. Menschenfurcht, Eigennutz, Neid, Unwahrhaftigkeit kennt Scheidler nur, soweit er sie in Anderen zu bekämpfen hat, seinem eigenen Herzen sind sie fremd; er hat jene Unschuld der Seele, die das Böse kennt, wie man Geschichte weiß, niemals aber damit durch eigene Erfahrung befleckt ist; die mit der Sünde zu schaffen gehabt, nie aber sie in sich aufgenommen hat; eine Unschuld, die nicht, wie bei einem Kinde, Unwissenheit ist, vielmehr angeborene Reinheit, Unnahbarkeit, ein Tugendgranit, dem Sturm und Tropfenfall nichts anhaben, über den die Zeit keine Macht besitzt. -- Von Luxus wird Scheidler in keinerlei Form berührt. Auf Gold und Purpur der Kaiser würde er blicken, ohne daß seine schwarze Tuchweste mit der einfachen Stahlkette darüber, sein noch nicht zur Cravatte gewordenes schwarzes Halstuch, sein blauer, je nach den Umständen neuerer oder älterer Überrock und seine derben Sporenstiefel ihm auch nur in den Sinn kämen. Ob ein Zimmer elegant ist, sieht er nicht, und wenn man ihm das Auge auf ein komfortables Möbel oder eine hübsche Zierlichkeit lenkt, so lacht er, wie wir über eine ingeniöse Spielküche für Kinder lachen; er findet sie allerliebst, aber in seiner Miene erscheint kein Gedanke, daß er sie besitzen möchte.

"So war der Mann, der in mein Zimmer trat. Und ich, ich wagte ihm gegenüber traurig zu sein, zu klagen, den Schmerz zu fliehen.

"'Ihr letzter Brief war betrübt; ich bin herübergekommen, um Ihnen zu sagen: seien Sie tapfer. Machen Sie es wie ich. Kommt mir ein Leiden, so sehe ich ihm ins Gesicht, und dann sage ich: Bagatelle! -- und nehme es auf mich. Dergleichen Gäste sind der Seele heilsam; ich weise sie nicht ab, ich nehme sie auf in mein Herz und lasse sie da arbeiten. Sie bringen die Seele in Bewegung, sie sind für unsere Entwicklung, was der Sauerteig für das Brot, sie machen, daß sie sich hebt. Und greift der Schmerz tief, so sieht man ihm noch tiefer ins Antlitz und ermißt daran seine eigene Kraft, die, um ihn eine Minute auszuhalten, allemal reicht. Halten Sie ihn so eine Minute nach der anderen aus, und wenn Sie nachher in der Erinnerung die Minuten zusammenrechnen, so werden Sie froh sein über den guten Kampf und den guten Sieg. Daß wir im Kampfe mit dem Schicksal unsere Kraft zu entwickeln streben, ist einmal unser Lebenszweck. Frisch sein! Das Göttliche in uns zur Erscheinung bringen! Für einen edlen Gedanken leben und gegen Alles furchtlos kämpfen, was sich ihm entgegenstellt! Keine Schwachheiten. Einem vernünftigen Wesen gestattet ist sie höchstens im Falle der Krankheit, das aber ist die einzige Ausnahme. Niedergeschlagenheit ist Zeitverschwendung. Immer arbeiten! Immer seine Ideen klären! Die Philosophie in die That umsetzen! Sie darf nicht verwahrt werden, wie der Schatz eines Geizigen, vielmehr sie muß Zinsen tragen. An andere denken lernen -- voran an die Armen! Alles, Alles, Alles, was uns auf diesem Wege begegnet, aufnehmen! Immer inwendig tätig, immer gegen den Irrthum bewaffnet sein! Dann hat man so viel zu tun, daß man gar nicht einmal Zeit hat, seine Thür dem Schmerze aufzuschließen.'

"Ich begann freier zu atmen. Ich horchte auf jedes Wort und blickte in das Angesicht, das für so tapfere Worte den Stempel der Wahrhaftigkeit trug. Ich schämte mich meiner Schwäche; das ist der erste Schritt, wieder Kraft zu gewinnen. Ich mit meinen gesunden fünf Sinnen, meiner Jugend, meinen Zukunftsaussichten, mit der gesicherten und bequemen Fülle meiner Lebenslage, mit meiner Familie und meinen Freunden ließ mich niederschlagen durch ein Leid, und Er, der Arme, Einsame, dem die Welt keinerlei Aussicht bot, redete mir zu. Dafür hatte ihn der Himmel mit seinem heiligen Geiste erfüllt und mit seinem göttlichen Feuer entzündet. -- Dennoch wagte ich noch, das Wort 'Glück' aufzuschreiben. Er schüttelte den Kopf, und indem er mit gütigem Lächeln meine Hand ergriff: 'Auch da soll man sagen: Bagatelle. Glück ist ein ganz gleichgültiges Ding. Man muß nicht daran denken, dazu ist die Welt nicht da. Hätten Sie, was Sie Glück nennen, Ihr ganzes Leben lang, was wollten Sie damit im Grabe? Glauben Sie, Sie würden Ihre Anlagen dann entwickelt haben? Glauben Sie, daß in der lauen Luft eines beständigen Wohlseins Sie das Bild des Menschen, wie Gott ihn gewollt hat, würden dargestellt haben? Nein, dazu ist Sturm und Wirbelwind nöthig. Sie müssen dahin kommen, den Schmerz zu segnen. -- Das Leid, das mich selbst betroffen hat, ermißt Niemand: es kann sich Keiner vorstellen, was es heißt, dies niemals eine Menschenstimme vernehmen, dies Gestorbensein für die Musik, die ich leidenschaftlich liebte, die ich so gut kannte, daß ich noch heute neue Compositionen lese wie ein Buch. Sie wissen, wie ich bei jedem Schritt im Verfolgen meiner Lebensziele gehindert bin, und andere Genüsse haben keinen Werth für mich. Dennoch, wenn Gott mir zur Wahl stellte, das Gehör niemals wiederzuerhalten oder niemals verloren zu haben, ich würde das Nichtwiedererhalten wählen, denn der Verlust hat mich umgewandelt, mich durchgearbeitet, mich zum Philosophen gemacht, mich mehr gelehrt als ein Leben voll Glück. Ja, wenn ich jetzt wieder hören könnte. Aber das wäre zu glücklich, ich könnte es vielleicht nicht ertragen. Jedenfalls,' setzte er mit Nachdruck hinzu, 'soll es nicht sein, denn es ist nicht.' Es war das erste und einzige Mal, daß er mir von seinem Unglück gesprochen hat. Ich blickte zu ihm auf mit der tiefen Verehrung, die ein Mann, der sein Leben mit dem Heiligenschein eines einzigen göttlichen Gedankens umgeben hat, einflößt. Ich allerdings war nicht imstande, sein Leid zu ermessen; ich stand davor wie vor einem jener großen grauen Gefangenhäuser, die man anschaut, ohne alle die Seufzer und Thränen zu kennen, die sie umschließen. 'Ja,' schrieb ich ihm auf, 'daß Glück nicht die Hauptsache ist, weiß ich und fühle ich, und verspreche, mein erster und oberster Leitstern soll allezeit das Gutsein bleiben. Aber nach dem Gutsein kommt mir das Glücklichsein. Bietet es sich mir dar ohne Sünde, so will ich, indem ich es ergreife, Gott auf meinen Knien danken, daß Er es mir geschenkt hat. Es gleichgültig zu finden, werde ich niemals stark genug sein.' Er schüttelte sein Haupt. Seine Philosophie erschien mir riesengroß; aber er redete von außerhalb der Welt her und ich war inmitten der Welt; er stand zu fern und zu hoch, um zu verstehen, was ich zu erwidern hatte. Niemals war ihm der Kreis nahe getreten, in den ich vom Schicksal gestellt war, mit seinen Irrthümern und Fesseln, seinen Kleinlichkeiten und seiner Eleganz, seinem Glanze und seinen Pflichten, seinen Masken, seinen Regeln, seinem Katechismus des Scheins. Seine Versuchungen waren ihm fremd, seine lästigen Anforderungen thöricht; er nannte Schwachheit, was ich als ein pflichtgemäßes Opfer empfand. Dennoch, vor dem Gerichte der unbeirrten und gesunden Vernunft war alles richtig, was er sagte, alles gut, was er rieth. Die Welt hatte allemal Unrecht, wo er und sie Entgegengesetztes verlangten. Allein sie ist die mächtigere: Scheidler rieth, die Welt befahl.

"Ich hatte mein Gleichgewicht wieder. Ich fühlte, dieser Mann war mein Freund, er hatte Recht, ich mußte ihn hören und seinen edlen Grundsätzen gehorsam sein. Als er mich neu belebt sah, gewann sein Gesicht den Ausdruck reinster Befriedigung. 'Nicht wahr?' sagte er, 'wir sind von einer Partei. Es gibt bloß zwei in der Welt, die eine für das Gute, die andere für das Schlechte, für eine muß man, wie Solon von den Athenern es verlangte, sich entscheiden. Wir beide kämpfen für das Gute, wir sind Krieger desselben Heeres, und auf unserer Seite kämpfen alle Menschen, die das Gute wollen. Keine Schwachheit! Man muß sie wegweisen. Kein Schmerz um ein Ding der Welt! Man muß ihn bekämpfen und zu ihm sagen, wie ich: Bagatelle. Sie wissen, meine Philosophie ist die der Tapferkeit. Keine Feigheit! Keine Klage! Man soll die Erde nicht zum moralischen Krankenhause machen, sondern zu einer lebenskräftigen Schule und zu einem Schlachtfelde, auf welchem man Siege erficht.' -- Er stand auf, drückte mir die Hand mehr wie es seiner männlichen Stärke, als wie es meinen schwachgebauten Mädchenfingern entsprach, seine Sporen verhallten auf dem Korridor und er kehrte zurück zu seiner einsamen Arbeit.

"Scheidler ist recht eigentlich ein Kind deutscher Erde. Er ist der echte deutsche Mann. Vor allem, er ist der Mann von deutschem Gemüt, dessen angeborene Redlichkeit und festgewurzelte Gerechtigkeit ein so freies und offenes, allem Menschlichen mit brüderlichem Vertrauen entgegenkommendes Herz gibt. Er ist der Mann der Güte, der zwar durch Erfahrung vorsichtig wird, aber ohne einen Tropfen von Galle; der Mann der Uneigennützigkeit, der niemals sich als souveränes Ich fühlt, dem andere nachstehen müßten. Zum Nächsten sagte er nicht: trage die Last, denn ich habe Macht, sie dir aufzulegen, er nimmt sie auf die eigenen Schultern und sagt: ich bin der Stärkere, ich will sie tragen. Niemals hat die Frivolität mit ihren graziösen Oberflächlichkeiten diesen Mann zum Diener gehabt. Seine Manieren sind brüsk, und auch das kommt vor, daß von dem gewaltigen Schwunge des Gedankenrades, das die härtesten Gegenstände, die inhaltreichsten Körner zermalmend, unablässig in ihm arbeitet, kleine Blumen der Freundschaft und der Freude ohne Erbarmen erfaßt und gestaltlos, duftlos, leblos uns vor die Füße geworfen werden. Einerlei. Gott sei gedankt, daß Er den guten und starken Mann geschaffen, ihm Seinen Geist der Wahrheit und der Liebe geschenkt, ihm den Stempel edler Menschlichkeit auf Stirn und Herz gedrückt hat."

Folgende Briefe Jennys an ihn mögen als Ergänzung seiner Charakteristik dienen und zugleich die Art ihrer Freundschaft beleuchten:

25./7. 32.

"Manche Erfahrung hat mich gelehrt, daß das Beispiel auch bei intimen Freunden die beste Predigt ist und dieser stille, sich immer wiederholende Vorwurf viel mehr Eindruck macht als ausgesprochener Tadel. Strafpredigten lassen fast immer eine kleine Bitterkeit zurück, das liebe Ich fühlt sich gekränkt, die Eitelkeit, diese mächtige Gewalt in jedem Menschen, wird beleidigt, und oft entsteht wenig Gutes aus diesem directen Erziehen.

3./1. 33.

"Ich halte die Freude für ein solches Mittel zur Kraft, zum Leben, zum Fortschreiten, ich betrachte sie so sehr als den erwärmenden Strahl der Sonne, ohne welchen nichts zur Reife kommt, bei dessen gänzlicher Abwesenheit die Seele verkümmert und zusammenschrumpft, daß ich beim letzten Bettler neben dem Nutzen der Gabe auch die Freude berücksichtige.

"So kaufe ich dem jungen Mädchen einen warmen Rock im Winter und gebe einige Groschen mehr aus, um bunte Streifen daran zu sehen, weil dies das Theilchen Freude ist; so gebe ich zu Weihnachten jedem Kinde neben dem Nützlichen auch Spielsachen und ein Zuckerbäumchen, und wenn ich der Mutter Mehl gekauft habe, so bekommt jedes Kind zwei Groschen, um auf das Schießhaus zu gehen. Dann erst glänzen die Augen, und die Armen sagen sich: Das Leben ist nicht immer hart! Diese Momente sind etwas wert, das nenne ich das Freudenalmosen.

17./6. 33.

"Die in unserer Zeit Neugeadelten kommen mir vor wie jene Ruinen, die nie Schlösser oder Tempel oder Klöster gewesen sind, jene Trümmer ohne Vergangenheit, die hingebaut werden, um einen Park zu zieren. Man sieht sie an ohne Ehrfurcht, ohne das philosophische Gefühl der Richtigkeit auch des Großen und Festen auf Erden, ohne den Forscherblick, der auf den Steinen die Geschichte der Jahrhunderte lesen möchte; man betrachtet sie lächelnd und lobt die Nachahmung, wenn sie wirklich gut, bemitleidet sie, wenn sie geschmacklos ist. Sie gilt nur als Zierde, wie der Neugeadelte auch nur zum Putz eines Hofes oder Höfchens gestempelt wird. Die Macht des Adels ist an der Zeit und der Unvernunft ihrer Geschlechter zersplittert, die geschichtliche Erinnerung ist geblieben und wird bleiben, solange man lieber einer Reihe von Herren als von Dienern angehört, -- das aber läßt sich nicht erkaufen.

17./8. 33.

"Der Charakter ist die Composition des Menschen, seine Tugenden sind die Melodie, seine Fehler das Accompagnement, das Instrument ist das Leben, wohl dem, der es zu stimmen versteht! Das Schicksal schlägt den Tact dazu, und nur ein großer, starker Menschengeist wird es selbst thun können und ihn fest und ohne Schwanken beibehalten.

10./9. 33.

"Es giebt einen anscheinenden Leichtsinn, den die Philosophie gerade den tiefsten Gemütern lehrt, es ist das oft mühsame Ueberbordwerfen von Schwerem und Trübem. Wenn die Leiden der Menschheit das innerste Herz zerreißen und die Trauer darüber fast jede Kraft lähmt, so muß man das zu lebhaft fühlende Herz zu einem gewissen Leichtsinn erziehen, damit die Kraft ungebrochen und das Leben erträglich bleibe, damit man Muth und Stärke habe, wo es Hülfe und Thaten giebt.

"Wenn Sie wüßten, wie schwer und wie nötig gerade mir dieser Leichtsinn ist, wie sehr ich schon meinen Hang zur Schwermuth bekämpft habe, wie tödtend die fortwährende Verletzung meines Herzens war! Jetzt habe ich durch Selbsterziehung Kraft gewonnen zum Unvermeidlichen und Einsicht zum Wegräumen des Vermeidlichen. Ich empfinde für Thiere ebenso wie für Menschen, und seit den zweiundzwanzig Jahren, die ich lebe, habe ich mich noch gar nicht an den Mord der Thiere und das Recht des Menschen dazu gewöhnen können. Der Gedanke an einen geblendeten Vogel oder selbst das Prügeln eines Hundes verbittert mir jede Freude.

5./12.33.

"Nur kranke Herzen mißtrauen und mißverstehen einen wahren Freund. In dem ganzen klaren Spiegel steht hell und deutlich das Bild, welches er reflectirt, in dem zerbrochenen steht es zerstückelt, zerschnitten, verdoppelt, verdreht, und das Auge, das wir uns anlächeln sahen, wird zur Carricatur, während es doch eben so heiter vor dem Spiegel steht, als zur Zeit, da er ganz war.

21./9.34.

"Ich fühle mich oft wie eine Taube mit Adlersgedanken; meine eigentliche Täubchengesellschaft langweilt mich, fliege ich zu den Adlern, dann athme und lebe ich erst, aber die Luft drückt meinen Taubenkopf, die Sonne füllt meine Taubenaugen mit Thränen und ich schaudere vor den zermalmten Gliedern der Adlernahrung, so daß ich zu meinen Körnern zurückfliege und Tauben wie Adlern fern bleiben möchte. Soll ich mir nun die Flügel beschneiden, um gewiß bei den Tauben zu bleiben? oder soll ich mich auf einen befreundeten Adlerssittig stützen und Luft und Sonne suchen und die Wildheit der Höhe mir zur Heimath gewöhnen?

13./10.35.

"Die Natur hat nicht, wie bei Ihnen, alle Linien meines Charakters deutlich gezeichnet, sie hat hie und da zu schwach aufgedrückt, da habe ich nachhelfen müssen und das wird leicht krumm und verkehrt. Ich habe viel anschaffen müssen, was am Ganzen fehlte, ich habe viel wegschaffen müssen, was verunstaltete, und noch fühle ich zu deutlich, wie unvollkommen mein Wesen ist. Doch gerecht und treu für meine Freunde, das bin ich, und darum werde ich Sie nie durch meine Schuld verlieren und nie durch irgend eine Schuld verkennen.

2./4. 37.

"Die dogmatisch historischen Fragen über Christus haben mich lange sehr gequält, dann bin ich zu der Ueberzeugung ihrer Unerweislichkeit gelangt und bin eigentlich ganz zufrieden mit dem Dahingestelltseinlassen. Ich verehre Jesum auf dem Throne der Tugend und Wahrheit und dieser ist mir mit so viel glänzenden Wolken umgeben, daß ich die anderen Throne der Weisen daneben nicht sehe und auch nicht ausmessen wollte, in welchen Graden sie von- oder aneinander stehen. Wie oft höre ich, was meiner Ansicht ganz zuwider ist, daß der Glaube an Christi vollkommene Persönlichkeit, das Hängen an ihm als Person das Haupterforderniß zum Christsein sei. Meiner Seele ist hingegen unerschütterlich gewiß, daß einzig und allein der ein Christ sich nennen darf, der, wie der Heiland sagt: 'seine Gebote hält', daß Christus uns fremd, sogar unbekannt sein könnte und daß wir doch echte Christen wären, wenn wir den Geist seiner Worte kennten, glaubten und übten.

"Darum erscheint mir auch das Beweisen der Sündlosigkeit oder Göttlichkeit etc. gar nicht so wichtig, und ich kann mir vorstellen, daß Christus ganz aus den Annalen der Geschichte verschwände und daß es noch eben so vollkommene Christen geben könnte. Wie Rahel sagt: 'Ein gutes Buch muß gut sein und wenn es eine Maus geschrieben hätte', so müßte das Christenthum herrlich sein und wenn es aus der Erde gewachsen wäre."

* * * * *

Inzwischen war Jenny 26 Jahre alt geworden, ein Alter, das das übliche Heiratsalter der jungen Mädchen ihrer Kreise bei weitem überstieg. Ihre Stiefschwester war erwachsen, sie, wie ihre lieben Schüler Walter und Wolf Goethe bedurften ihres Unterrichts nicht mehr, Ottilie, deren unruhiger Geist nicht mehr durch Goethe gezügelt wurde, und die haltlos ihren Leidenschaften folgte, rüstete sich, um Weimar zu verlassen, die Freundinnen hatten sich alle ihren eigenen Herd gegründet, Emma Froriep zog mit ihrem Vater nach Berlin -- es wurde merkwürdig einsam um sie her, und jeder Abschied mahnte leise an den Abschied der ersten Jugend. An ihr Herz klopfte, stärker und stärker Einlaß begehrend, jene natürliche Weibessehnsucht, die sich, wenn das Herz schon entschied, im Verlangen nach Mannesliebe äußert, die aber, solange eine leise Stimme an den auf immer verlorenen Geliebten mahnt, im Verlangen nach dem Kinde zum Ausdruck kommt. Um so stärker wird die Sehnsucht nach dieser Richtung alle Empfindungen beherrschen, je reicher die weibliche Persönlichkeit ist, je mehr sie also, bewußt oder unbewußt, danach drängt, einen ihr entsprechenden Lebensinhalt zu finden. Auf dieser Stufe ihrer Entwicklung, die keiner unverdorbenen Frau erspart bleibt, die nicht sehr jung schon geheiratet hat, war Jenny angelangt. Ein paar Worte aus dem Briefe einer Freundin an sie, die sie zur Hochzeit beglückwünscht hatte, zeugen dafür: "Mein Lieblingsgedanke ist, Sie mir in einem ähnlichen Verhältniß zu denken. Ich wünsche es um Ihret- und um der Welt willen. O Jenny, wie müssen Sie beglücken können! Mir war es sehr lieb, Sie der Ehe geneigt sprechen zu hören. Sie haben recht, man macht Ihnen den Vorwurf, daß Sie mit der Liebe nur tändeln, alle ernsten Bande verschmähen. Doch ich weiß es besser! ein Blick in dies Auge, in Ihr Innerstes hat mich belehrt, daß Sie die Liebe kennen, daß Sie ihrer bedürfen."

Noch mehr aber spricht dafür ein Gedicht von ihr, in dem folgende Verse sich finden:

"... Mein Auge sucht auf Erden sehnend Liebe, Im Himmel nur erscheint sie hehr und groß; Da sie verzehrend mir im Herzen bliebe, War, Herr, du weißt's, mein jugendtödtend Loos, Und weil ich Irdisches durch sie verloren, Hab ich sie mir als Himmelsglück erkoren ...

Doch willst du freundlich mir das Leben schmücken, So gieb mir, Gott, ein Herz voll Liebe nur, Ich faß es feurig dann, und mit Entzücken Leist' ich dem Himmel meinen Liebesschwur. Gieb, Herr, mir Einsamkeit im Schoß der Liebe, Daß ich dir treu in meinen Kindern bliebe ...