Im Schatten der Titanen: Erinnerungen an Baronin Jenny von Gustedt
Chapter 17
"Drei wunderbare Erscheinungen im weiten Bereiche der Litteratur und Psychologie sind in neuerer Zeit wie glänzende Meteore in der Frauenwelt Deutschlands erschienen; die tiefe Beschaulichkeit des Nordens mit seiner sinnenden Philosophie, mit seiner nebelhaft ossianischen Ideenpoesie, mit der schwärmerischen Aufopferungslust, mit allen Reizen und Gefahren der reinen Geistigkeit, stehen feenhaft, hinreißend, in tief empfundener Seelen- und Herzensverwandtschaft vor den deutschen Frauen. Jedem der drei Genien in ihrer Größe und in ihren Irrthümern tönt ein leiser, geistiger Schwesterngruß aus dem heiligsten Innern ihrer Landsmänninnen entgegen. Unberechenbar ist daher der Eindruck, das Fortwirken dieser Bücher auf die Frauenwelt: als geistige Heerführerinnen treten diese Erscheinungen an die Spitze der sich längst im stillen Sinnen, Bilden, Denken emancipirenden Frauen Deutschlands; sie erkämpften sich mit ihrem Geist Sitz und Stimme unter den Intelligenzen ihres Landes, sie räumten den Platz zu dem einflußreichen, weiblichen Wirken, was zwar höher in Deutschland anerkannt ist als in allen anderen Ländern Europas, was aber doch noch lange nicht zu seiner Blüthe, zu seinem eigentlich angemessenen Umfang sich entfaltete. Sie zeigen, wie die reine, nebenabsichtslose, unegoistische Seele der Frau in jede Geistesfaser eingreifen kann, sie zeigen die Gewalt ihres Denkens, ihres Fühlens, ihres Wollens und Vollbringens. Sie fordern durch ihre weise Erkenntniß und klare Auffassung, ja, mehr vielleicht durch ihre Irrthümer, die Bildung, die ihren Geist von den Schlacken des Falschen befreien und in lichtem Wissen und Erkennen darstellen kann; sie fordern die sorgsame Beachtung ihres intellectuellen Fortschreitens, um ihres edlen Selbstes willen; sie fordern sie mehr noch als Mütter der Vaterlandssöhne, als Geliebte seiner Jünglinge, als Gattinnen seiner Männer. Sie treten hervor in aller Würde ihrer Geistesmacht, und ist auch seit den ältesten Zeiten die Stellung der deutschen Frauen ihrer Bestimmung und ihrer inneren Höhe angemessener gewesen als in anderen Theilen der Welt, hat sich auch gern der deutsche Mann in Liebe und Verehrung vor ihrer Reinheit gebeugt, so war doch im Allgemeinen ihre Schätzung noch viel zu sehr auf das bloß dienstbare häusliche Wirken, nicht eigentlich auf die Würde ihrer Bestimmung, auf die Macht ihres Einflusses gerichtet.
"Jetzt, in dem Jahrhundert der Berechnung und eines oft kleinlichen Nützlichkeitsprincips, tritt die große Seele einer Rahel an das Licht der Welt, mit dem Princip des allgemein Großartigen, des ewig Rechten, mit der einzigen Berücksichtigung des Wahren, mit der enthusiastischen Liebe des Schönen und Guten. Sie geht umher in Ländern, in Verhältnissen, in Charakteren mit der gigantischen Fackel, die sie am Altar der Wahrheit entzündete; sie beleuchtet das Kleinliche, Lügenhafte und Elende vor der ganzen Welt, und manches Johanniswürmchen, das uns ein Edelstein schien, stellt sie auf seine Füße, und es wird dunkel, und manchen Edelstein, den wir für einen Kiesel hielten, schleift sie zurecht, und er wird leuchtend. Sie selbst greift mit ihrer Philosophie in das Leben ein, ihr Denken wird zur That, und wie sie mit ihrem Geiste in anderen Seelen unermüdlich Geistesfunken weckt, wie sie das kleinliche Interesse in allen Herzen abzustreifen sucht, wie sie im Kreise ihrer Pflichten beglückt und wirkt, wie sie ohne aus ihrem weiblichen Beruf herauszutreten, das Große in den Männern fördert und die kleinen Räder der Staatsmaschine, die ihrer Sorgfalt anvertraut sind, fleißig von jedem Stäubchen reinigt, ohne die schwache Frauenhand in die großen Räderwerke zu wagen, bei einem doch so richtigen Blick in die großen Verhältnisse, so steht sie in dem praktisch häuslichen Kreise mit voller Berufskenntnis da, in schweren Kriegszeiten die Trösterin und Pflegerin der Verwundeten, die Retterin der Elenden, Arzt, Näherin, Wartfrau, Bittende bei Reichen, Ermunternde bei Armen, ohne Ruhe und Rast, voll Einsicht und ununterbrochener Aufopferung, unbekümmert um ihre eigenen Körperleiden, unbekümmert um Dank oder Undank, die Gutesthuende um des Guten willen, die echte, wahre, reine deutsche Frau!
"Nicht nur aus ihrem Buch habe ich das Alles gelesen, in ihren Augen, in ihren Worten, in ihrem ganzen Benehmen war es ausgedrückt. 'Da werdet ihr Bedeutendes kennen lernen,' sagte Goethe zu uns. Einfach und ohne Prätensionen trat sie auf, schien mit ihren klugen, forschenden Blicken in unseren Seelen zu lesen, regte uns an zu frohem Geplauder, scherzte und lachte mit uns und wußte nach und nach das Gespräch auf die höchsten Dinge zu lenken. In wenigen Stunden lernte ich sie kennen und sie mich, denn in der reinen Luft ihres Seins vermochte ich mich nicht anders zu geben als ich war, mein Herz lag auf der Zunge, sie erreichte, was sie wollte; denn ausgebreitet, wie der Entwurf eines Gemäldes, lag meine Seele vor ihr.
"'So jung und schon so viel gekämpft,' sagte sie, 'kämpfen Sie nur weiter, immer weiter; hüten Sie sich vor der Ruhe, der Seelenbequemlichkeit; das giebt's nicht für uns. Faust ist auch in weiblicher Gestalt vorhanden, in Ihnen, in mir.'
"'Ist nicht aber Ruhe das, wonach alles in uns strebt?' wandte ich ein.
"'Nicht Ruhe, Leben ist es und immer wieder Leben. Nur der allzeit Lebendige, Wache, Thatkräftige erreicht große Ziele, übt große Wirkungen aus. Glauben Sie nicht den Propheten der Ruhe, glauben Sie dem Allmächtigen, der schaffend überall in der Natur ihnen entgegentritt.'
"'Aber ich bin Christin, möchte Christin sein,' bemerkte ich schüchtern, 'und dem folgen, der sagt: Meinen Frieden lasse ich euch!'
"Rahel sah mich gütig lächelnd an und erwiderte: 'Folgen Sie ihm getrost, aber lernen Sie ihn verstehen. Den Frieden, den Christus meint, übersetze ich mit Befriedigung. Sie allein giebt innere Ruhe, giebt Kraft und Lebensfreude; sie wird aber auch nur durch Thätigkeit in uns und außer uns, durch Pflichterfüllung, Gott und den Menschen gegenüber, erreicht.'
"Das war meine kurze und doch nachhaltig wirkende Bekanntschaft mit ihr. Varnhagen schenkte mir nach ihrem, ach, so schmerzlich beweinten Tode das erste Buch 'Rahel', das nicht im Buchhandel erschien. Auch meine Freundinnen Ottilie Goethe, Alwine Frommann und Adele Schopenhauer waren dadurch erfreut worden.
"In der Absicht, unserem tiefgefühlten Dank würdigen Ausdruck zu geben, schenkten wir ihm eine Schreibmappe, auf der ich Rahels schönen Traum illustrirte. Sie träumte von einem ungeheuren Sturm, und mitten in den Wogen ihr Lebensschiffchen; aber vom Himmel herab rollte der blaue Mantel Gottes, sie fühlte sich als kleines Kind, legte sich in eine große Falte des Gottesmantels und schlief ein. Einige Widmungsverse begleiteten die Gabe. Unbegreiflich blieb mir immer, wie dieser Mann der Welt, der Reclame, des Egoismus zu dieser Frau nach dem Herzen des Höchsten passen konnte. Die Erinnerung an ihre reine Erscheinung wollte ich mir durch den Verkehr mit ihrem Gatten nicht trüben lassen, deshalb gab ich möglichst schnell die Correspondenz mit ihm auf. Das Buch, das er mir gab, läßt mich jedoch dankbar seiner gedenken, und so oft ich es aufschlage, weht Rahels lebendiger Geist mir daraus entgegen.
"Sie trat ein in unsere Krümel liebende Zeit, die gigantische, ganze Seele. Es hebt sich die Brust der Frau, daß sie Frau, des Menschen, daß er Mensch ist, und mit neuem Schwunge regt sich mancher Geist, und ein großartiger Maßstab wird von Tausenden an die Bestimmung des Lebens, an die Forderungen unserer Welt gelegt. Rahels magische Gestalt schwebt über der Atmosphäre der Gebildeten, und vor dem leuchtenden Kreis ihres Wesens zieht sich das Kleinliche beschämt zurück.
"Was soll aber in dem sogenannten vernünftigen, überpraktischen Jahrhundert eine Bettina? Was will die kleine Elfe unter den Nützlichkeitsmenschen? Was fördern ihre gaukelnden Tänze, ihre Wipfelspiele, ihre Blumenpaläste? Sie schwankt mit den Elfenschwestern ihrer Phantasie in goldenen, glänzenden Rebeln, sie singt ihre Herzensphilosophie in das Wehen der Frühlingslüfte, zuerst an niemand, für niemand, wegen niemand. Die Menschen sind ihr nicht da, von Zweck und Nutzen hat ihr nichts geredet, die Sünde hat sie nicht gesehen, Gesetz und Regel hat sie nicht gekannt; sie träumt, sie spielt, sie liebt, sie singt in die Welt hinein, und ihre auserwählten Spielkameraden findet sie in der Natur. So tanzt und schwebt sie auf und nieder in Gottes großen Schöpfungswerken; man überlegt sich lange, woher sie kam. Da ist's, als hätte man auf einmal die Sage singen hören, daß einst an einem schönen Maientage viel deutsche Kinderseelchen zurück zum blauen Äther kehrten, und als sie an die Himmelspforte kamen, überzählte Petrus ihre Reihen und sagte: 'Eine ist zu viel, nur neun hat der Herr gerufen.' Die zehnte sah betrübt hinab auf die kleine dunkle Welt: 'Es ist so kalt, so farblos auf der Erde, und ist so warm und farbenreich bei Gott!' rief sie weinend. Das Gebot aber war unumstößlich; da gaben alle Kinderseelen ihre Poesie dem einen Erdbestimmten und sagten: 'Damit schaffe dir Wärme und Farben auf der irdischen Welt, wir schöpfen schnell aus ewigem Borne, was wir dir jetzt geben,' und traurig lächelnd flog das Kind zurück. -- Dies ist die Seele, die in Bettinens Briefen lebt und dichtet. Sie konnte als Kind wohl unter Blumen schwelgen und wild und ungebändigt mit der Natur verkehren, doch das Kind ward Mädchen, und das Mädchen liebte. Nicht wie Undine wird sie dadurch gezähmt, nein, sie bleibt die wilde, ungestüme, unfügsame Kinderseele, und nun paßt nichts mehr auf der ganzen Welt, nicht andere Menschen, nicht Verhältnisse, nicht die Lebensweisen und nicht ihr eigenes Ich. Da sucht sie in Natur und Poesie die Elemente, um sich einen Herzensliebling zu schaffen, denn tief in ihrer Seele fühlt auch sie das einfach große Wort: 'Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei.' Als sie fertig mit dem Bilde ist und es nun schön und groß vor ihrer Phantasie vollendet steht und ihre Herzensgluth ihm Leben giebt, da sieht sie sich nach einem Namen um. Mit dem herrlichsten, den sie erfahren kann, 'Goethe', benennt sie ihren selbstgeschaffenen Gott. Sie umgaukelt in Elfentänzen und mit Elfenliedern unseren Hohenpriester, und ihn, den ernsten mit der Götterstirne, will sie als Schäfer mit in ihre Tänze ziehen. Er reicht ihr wohl die Hand, er läßt sich von ihren Blumen umduften, er läßt den Elfenreigen im Mondenschein an sich vorüber ziehen, doch der Genosse der Elfe kann der greise Denker nicht sein!
"Im reinsten Lichte, in der einzig klaren, ungetrübten Atmosphäre steht sie der Mutter ihres Weisen gegenüber; ganz herrlich, ohne Irrthum, ohne Verkehrtheit, ohne Mißverstehen läßt das Leben diesen Bund. Doch Goethes Mutter stirbt, die Jugend flieht Bettinen, aber ihre wilde Poesie bleibt; ihr Wesen tritt nun aus aller Harmonie, unheimlich werden beim ergrauenden Haupte ihre Spiele und Tänze, und, wie Varnhagen von ihr bemerkte, die Elfe tritt zurück, die Hexe tritt hervor.
"In diesem Stadium lernte ich sie kennen. In leidenschaftlichster Aufregung kam sie nach Weimar. Sie hatte in Berlin eine Klatscherei über Ottilie gemacht, die ihr Goethe sehr übel nahm; sie wollte sich entschuldigen, er beharrte dabei, sie nicht zu sehen. Ottilie, die immer groß und gut war, aber nichts für sie erreichen konnte, räumte ihr schließlich ein Kämmerchen im Gartenhaus des Stadtgartens ein, wo sie den Zürnenden wenigstens aus der Entfernung sah. Nachher sprach ich sie. Ihre großen Augen, die etwas Nichtirdisches an sich hatten, musterten mich mißtrauisch. Ich war jung, war täglicher Gast in Goethes Hause, genug, um ihre flammende Eifersucht zu erregen. Sie war sehr unfreundlich, und als ich mich in die Fensternische zurückzog, rief sie: 'Aha, ich gefalle wohl der Demoiselle nicht?' Ich wurde feuerroth, sagte aber nichts, sondern versuchte das Fenster zu öffnen, um mich fortwenden zu können; dabei klemmte ich mir die Hand, und während Ottilie davoneilte, um einen Verband zu holen, wurde ich ohnmächtig. In Bettinens Armen fand ich mich wieder. Voll Mitleid sah sie mich an und sagte freundlich: 'Armes Kind, liebes Kind, thut es sehr weh?' Sie kühlte und verband meine schmerzhafte Wunde, lief hinunter, um gleich darauf mit einem Blumenstrauß und einer darin verborgenen Düte voll Schleckereien wieder zu kommen. Ihr Groll, ihre Aufregung waren vergessen, sie war ganz Weib: liebevoll und sorgsam. Da, wie ich fortgehen wollte, verabschiedete ich mich unvorsichtigerweise von Ottilie mit den Worten: 'Also morgen zu Tisch bei Goethe.' Bettina sah mich starr an, brach in herzzerreißendes Schluchzen aus, lief wild im Zimmer umher und stürmte dann an uns vorüber, die Treppe hinunter, zum Hause hinaus, ohne Hut, ohne Handschuhe, gleichgültig gegen die verwunderten Blicke der Menschen. So war sie und so erschien sie mir: unordentlich in Geist, Haus und Wesen. Was ich am meisten bei ihr schätzte, war ihre glühende Barmherzigkeit, durch die sie sogar praktisch werden konnte, ihr Mitleid, das sie thatkräftig machte. Doch was soll Bettinens Buch für unsere Zeit?
"Zwar hatte ihre Seele als bunter Schmetterling sich auf allen Blumen geschaukelt, als emsige Biene aus allen gesogen: Weisheitssprüche, Liebestöne, Schönheitshymnen, Philosophenworte, die tiefste Offenbarung über das Reich der Töne; aber, wie es die Poesie des Augenblicks ihr eingegeben, wie es der fliegende Gedanke ihr gebracht, wie es die Phantasie ihr eben zugetragen; nicht wie bei Rahel, geht ein Princip des ewig herrschenden Rechts, ein Streben des Erkennens, ein Lebenszweck der höchsten Ausbildung durch ein ganzes herrliches Dasein; Bettina lehrt nicht das Leben kennen, verstehen und im höchsten Sinn ergreifen -- was, frag ich nochmals, soll uns dann ihr Buch?
"Vertreter soll es sein für das poetisch Schöne, das unabhängige Bereich der Kunst und des Gefühls soll es beschützen, das nicht als dienende Magd Moral und Recht befördern soll, sondern frei für sich selbst im eigenen Reiche besteht. Im Schönen finden sich dann beide wieder, nur Schönes kann vollkommene Kunst erschaffen und erwecken, nur Schönes kann Moral und Recht im höchsten Sinn erzeugen, im Schönen reichen beide sich schwesterlich die Hand. Im Schönen reift das echte, glänzende Gefühlsleben, das durch Bettinens ganzes Werk die reichsten Farben trägt. Auch dem Gefühl soll es Vertreter sein, auch ihm soll es sein altes Recht beschützen, und weil es in früherer Zeit vom Lande der Vernunft zu viel besessen, soll es jetzt nicht um Haus und Hof, um Sitz und Stimme gebracht, aus seinem alten Erbteil vertrieben werden, um ehrgeizigen Generälen der Vernunft einen bequemen Ruhesitz zu schaffen. Zurückgeführt in seine Grenzen, soll das Gefühl dort Herr und Meister bleiben; ist es doch die letzte Instanz für jede Wahrheit, die sich der Überzeugung des tiefsten Innern vermählen will. Für unsere Frauenwelt ist Bettinens Buch ein giltiges Meisterstück des weiblichen Vermögens, für das Jahrhundert eine Bittschrift der Poesie, daß man sie nicht im Schatten der Vernunft erstarren lasse, daß man die bunten Flügel vor dem Verschrumpfen, die zarten Glieder vor dem Erfrieren retten möge! -- --
"Wie naht man dem Lager eines Fieberkranken, der einer schlimmen Seuche unterliegt, weil er durch seine treue Pflege den Bruder von dem Übel heilen wollte? Wie naht man wohl in Gedanken dem Menschen, der muthig, stark, mit Engelsseelengröße für einen falschen Glauben starb? Mit heiliger Scheu, mit tief ergriffenem Herzen, mit billigem Erkennen seiner Größe, mit tiefem Schmerz um den unseligen Wahn. Nur so naht würdig dem Todtenbette der Charlotte Stieglitz; laßt vor der Thür ihrer stillen Kammer das Klatschgeschwätz der Basen eurer Stadt; paßt Alltagsurtheil an die Alltagsmenschen, sprecht über Oberflächlichkeit das schnelle, unbedachte Wort des Tadels aus, doch hier bleibt stehen, denkt tiefer, fühlt besonders, ehe ihr redet, denn auch in große Seelen schleicht der Irrthum ein, und dies ist der Fluch des engbegrenzten Wissens, daß reines Wollen nicht vor dem Wahne schützt.
"Dem Gehalte dieses Denkmals nach, als Darstellung des Lebensinhaltes[TN5] der Charlotte Stieglitz, steht es bei weitem hinter Bettina und Rahel zurück; es enthält weder die ewig sprudelnde, feenhafte Quelle der Poesie der einen, noch die tapfere, kugelfeste, immer vorwärtsdringende, tiefe Philosophie der anderen. Die ersten Briefe sind durchaus unbedeutend, ja sogar in einem Grade, der sogleich im Leser die Vermutung aufsteigen läßt, daß der Herausgeber, der sie wichtig finden konnte und nicht nur einen oder zwei als Probe und zum Belege ihrer späteren Entwickelung dem Publicum gab, wohl nichts in dem Leben seiner Heldin unbedeutend fand und einen Maßstab an ihr Wesen legte, der nicht von der Vernunft allein gefertigt war. -- In den letzten Jahren sind ihre Äußerungen und Tagebuchblätter größtenteils um vieles bedeutender, das Sinnen, Denken, Erfahren, das reiche innere Fühlen thut sich kund, und es ist nicht zu bezweifeln, daß sie in der schönsten Blüte ihrer geistigen Entwickelungsperiode dem Leben entschwand ...
"Zwei meiner Cousinen und ich hatten von Charlotte gehört und wünschten, sie entweder in Weimar begrüßen zu können oder mit ihr in brieflichen Verkehr zu treten; wir schrieben alle drei im Sommer 1833 an sie, an Mundt und an Stieglitz und bekamen umgehend die drei Antworten, die besser als jede Kritik die unglückliche Charlotte kennzeichnen. Sie schrieb:
"'Meine inniggeliebte, unbekannte Freundin! Wahre Seelengröße zeigen Sie mir, denn dieselbe setzt sich muthig im Gefühl ihrer Würde über Hergebrachtes hinweg; darum fürchten Sie kein Mißverstehen von meiner Seite. Ein gemeinsames Band umschließt uns Frauen, das des Leidens, und leichter tragen wir die Bürde, wenn wir sie zusammen tragen. Sie sind noch jung, so scheint es, denn es geht ein freudiger Zug durch Ihre Worte, der mich wie aus anderer Welt berührt. Haben Sie noch nicht gelitten? Haben Sie noch nicht Ihr Liebstes leiden sehen? Ihr Theuerstes verloren? Glauben Sie noch an einen gütigen Gott? Oder lernten Sie, wie ich, durch namenlose Schmerzen nur der eigenen Kraft vertrauen? Kennen Sie die heiße Gewitterschwüle eines Sommertages und die Sehnsucht nach Blitz und Donner? Lassen Sie mich tiefer in das Heilige Ihres Inneren schauen, damit auch ich Ihnen meine Seele ganz enthüllen kann. Aber erwarten Sie kein Frühlingsbild zu sehen, sondern einen tiefen, dunklen See, zu dessen Spiegel nur selten ein Sonnenstrahl sich verirrte. -- Leben Sie wohl, Sie liebes Herz; es drückt Sie, feuriger Empfindung voll, an den Busen Ihre
Charlotte Stieglitz.'
"Theodor Mundt und Heinrich Stieglitz sprachen sich ähnlich aus. Ersterer schrieb:
"'Theuerstes Fräulein! Wie das Mädchen aus der Fremde traten Sie in die enge Hütte unserer Alltäglichkeit. Seien Sie mir gegrüßt im Namen unserer Heiligen, Charlotte. Sie wollen von ihr Näheres wissen? Was soll ich Ihnen sagen? Soll ich sie mit menschlichen Worten preisen, mit irdischen Lauten schildern? Wollen Sie den Glanz ihres Auges beschrieben haben, oder den Glanz ihrer reinen Seele? Erlassen Sie dies einem Mann, der nur zu verstummen vermag, wenn er bewundert. Und auch ihren Gatten möchten Sie kennen? Wünschen Sie es nicht. Ach, er ist ein gebrochener Stamm, noch vor der Blüthe. Die Melancholie seines Wesens ist in seinem Leiden begründet. Oft hat er blitzartig herrliche Gedanken, eines Goethe, eines Schiller, noch mehr eines Jean Paul würdig; dann versinkt er in dumpfes Brüten, aus dem selbst die göttliche Liebe seines Weibes ihn nicht erweckt. Dunkle Schatten schweben um uns Alle, darum suchen wir den Verkehr mit Menschen nicht. Wir müssen still in unserer Klause bleiben und des Helden warten, der uns von den lastenden Ketten des Unglücks befreit. Bewahren Sie ein mitleidig-wehmüthig-liebevolles Gedenken Charlottens treuem Freunde
Theodor Mundt.'
"Als seltsamstes Schriftstück gebe ich noch den Brief des Gatten wieder:
"'Holde mitleidige Genien! Von uns wollen Sie wissen, uns wollen Sie kennen lernen? Aus dem Licht Ihres Daseins möchten Sie in die dunklen Wohnungen verbannter Sünder sehen? Senden Sie uns Ihr Licht, daß es mich erhelle, und einstimmen will ich in Ihre Hymnen zum Lobe des Schönen, des Guten und Wahren. Und nach Weimar rufen Sie uns, um am Grabe Ihres Propheten zu weinen, Lebenskräfte zu schöpfen. Wissen Sie denn, ob er auch mir ein Prophet ist? Und der Glaube allein kann Wunder verrichten. Für uns giebt es keine Wunder. Lesen Sie Byron und Sie kennen mich; lesen Sie, wenn Sie es können, die goldene Schrift der Sterne, und Sie kennen Charlotte. Dem gütigsten Schicksal befehle ich Sie,
Heinrich Stieglitz."
"Wir schrieben noch einmal an Charlotte und bekamen im Dezember 1833 ihre merkwürdige Antwort:
"'Ich flatterte ängstlich am Lebensbaum umher, von Zweig zu Zweig; ich brachte ihm Frucht um Frucht hinab, und er erstarkte nicht; ich sang, und er erstarkte nicht; ich hob ihn liebend empor auf meinen Flügeln, und er erstarkte nicht; und da ich alle Mittel meines durch Liebe und Pflicht geschärften Denkens umsonst versucht hatte, da dachte ich des erziehenden Unglücks.'
"Wenige Monate später ward sie Schicksal und Opfer durch eigenen Willen und durch eigene Kraft! Irrte auch der Gedanke in dieser treuen Frau, war auch ihre That ein grauenvoller Wahn -- die Absicht trägt das edelste Gepräge, und im Gefühl offenbart sich in reiner Glorie das 'ewig Weibliche'! --
"Triumphiret nicht, ihr Alltagsfrauen; rufet ihr nicht über dem Strickstrumpf und der Kartoffelsuppe ein 'überspannte Närrin' nach; denkt sinnend ihres keuschen, muthigen Todes. Sie starb für einen Irrthum, doch sie starb groß, wie jede Heilige für ihren Glauben. Ihr nennt, die Brust bekreuzend, die Namen der Märtyrerinnen, keine ging muthiger in den Tod; ihr beugt das Knie vor Müttern, Gattinnen, Geliebten, die freudig für die Lieben starben; ihr singet ewige Lieder den Helden, die für das Vaterland die blutige Weihe suchten, -- aus Herzen wie Charlottens gingen diese Thaten!
"Der Irrthum, unser ewiger Erbfeind, hat dies schöne Opfer zu sich hingelockt.
"Laßt dies stille Grab unentweiht, lernet daran Selbstverleugnung, Opfermuth, Liebe!"
* * * * *
Jennys Jugendbild würde ein unvollkommenes bleiben, und vieles in ihrer späteren Entwicklung bliebe unverständlich, wenn des Mannes vergessen würde, der ihr unter ihren männlichen Freunden nicht nur am nächsten stand, sondern auch den nachhaltigsten Einfluß auf sie ausübte: der Jenaer Professor der Philosophie K. H. Scheidler. Dieser tapfere Menschenfreund, der trotz seiner Taubheit sein Leben lang ein Optimist geblieben ist, brachte dem schönen, klugen Mädchen freilich mehr als Freundschaft entgegen, aber erst sehr viel später, als sie längst Frau und Mutter war, erfuhr sie von seiner tiefen, stummen Liebe. Er blieb auch dann, und mit noch größerem Recht als zuvor, ihr Hausphilosoph, und als er sich nach Jahren doch noch zur Ehe entschloß, wurde seine Tochter ihr Patenkind. Ihre philosophischen Studien betrieb sie unter seiner Leitung und pflegte in Erinnerung daran zu sagen: "Er führte mich vom Kinderparadies durch das Dunkel irdischer Hölle zum Himmel reiner Menschlichkeit," und ihre in ihren Kreisen so seltene Fähigkeit, auch den politischen Idealen der äußersten Linken ein weitgehendes Verständnis entgegenzubringen, hatte sie ihm, dem ehemaligen Fahnenträger der Wartburgfeier, zu verdanken. Das Bild, das sie von ihm zeichnete, ist der beiden Menschen und ihrer Freundschaft würdig: