Im Schatten der Titanen: Erinnerungen an Baronin Jenny von Gustedt

Chapter 14

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"Sie hatte genug Verstand, um über Alles zu plaudern, sie fand stets die passendste Antwort, um selbst Klügere zu verwirren, sie hatte Beobachtungstalent, um ihren Märchen den Schein der Wahrheit zu geben, sie beherrschte die Sprache, um die Abenteuer ihrer Freunde geschickt erzählen zu können, sie hatte die Herzen der großen Welt durchschaut, um mit Effect Sentenzen _à la_ Rochefoucauld auszusprechen, sie kannte Hingebung und Opferfreudigkeit, um sie von anderen zu verlangen, sie interessirte sich für Alles, um über Alles zu schwatzen. Sie war die Weltfrau, die Pariserin, die schöne Frau, das Kind der Eitelkeit und der Schmeichelei und hätte der Stolz ihres Geschlechts, der Engel der Tugend, die echte Frau sein können, die ohne zusammenzubrechen eine Welt voll Kummer trägt, die liebt, leidet, tröstet und die Sprache der Menschlichkeit hört und versteht."

Louise Vaudreuil war stets von Bewunderern umgeben; Prinz Friedrich Schwarzenberg, der einst viel genannte Verfasser der Memoiren eines Landsknechts, war einer ihrer treuesten. Während einer Badereise, als Jenny das kleine Töchterchen Louisens in ihre Obhut genommen hatte, schrieb ihr Graf Vaudreuil: "Louise hat viele Verehrer, Prinz Schwarzenberg und Prinz Kotschubey vor allem. Ich liebe diese Mehrzahl, denn nur die Einzahl fordert die böse Nachrede heraus. Übrigens hat bisher weder die Einzahl noch die Mehrzahl mein Vertrauen in eine Frau zu erschüttern vermocht, die Herz und Geist besitzt, und die weiß, daß ein guter Gatte, den man liebt, einem Goldbarren gleicht, den nur der Wahnsinn gegen die kleine Münze der Bewunderer eintauschen wird." In demselben Briefe heißt es: "Vom Tode des Herzogs von Reichstadt haben Sie gewiß erfahren. Was ich bei dem Erlöschen der napoleonischen Race empfinde, werden Sie am besten verstehen, denn trotz Ihrer Betonung Ihres Deutschtums haben wir uns in der staunenden Bewunderung für einen der größten der Menschen immer gefunden." Jenny antwortete darauf: "Mir erscheint Napoleon als eines jener gewaltigen Werkzeuge der Allmacht, die zuweilen nothwendig sind, um das unterste zu oberst zu schütteln, damit der von Jahrhunderten aufgehäufte Staub und Moder davon fliegen und die Erde für neues Blühen bereiten kann. Auch wie ein großer Pflug ist er, der sie aufrührt, der welke Pflanzen, die das neue Leben hindern wollte, in Dünger verwandelt und unterirdisches Gewürm tötet. Nur schade, daß die Arbeit diesmal so wenig vorhielt: mir scheint, als täte uns jetzt schon ein neuer Pflug noth, und ich würde ihn herbeisehnen, wenn nicht mein Herz von Grauen erfüllt wäre vor allem Blut -- auch vor dem des Gewürms, das ja nichts dafür kann, daß die Natur es zu dem machte, was es ist." Ein merkwürdiges Urteil für ein einundzwanzigjähriges Mädchen. Vielleicht war es doch der unbewußte Einfluß des Blutes, der sie also empfinden ließ und dadurch noch unterstützt wurde, daß ihr nicht die deutsche, sondern die französische Sprache Gedankensprache war: Sie dachte in ihr, wie sie hauptsächlich in ihr schrieb. Es war ja auch ihre Muttersprache: Diana, die Elsässerin, sprach nach wie vor fast ausschließlich französisch, und am Hofe herrschte seit dem Tode Karl Augusts die französische Sprache um so mehr, als sie für die Großherzogin Maria Paulowna, die geborene russische Großfürstin, die gewohnte war.

Seit 1829 war Jenny als Hofdame in deren Dienste getreten. Durch ihre Freundschaft mit den Prinzessinnen, vor allem mit Augusta, wurde sie jedoch stets mehr als ein Kind des Hauses, wie als Mitglied des Hofstaates angesehen. Das zeigte sich auch in der geschwisterlichen Beziehung, die sich zwischen ihr und dem um sieben Jahre jüngeren Erbgroßherzog Karl Alexander entwickelte. Sie wurde seine Vertraute, der seine Bewunderung galt, und wenn er ihr als Sechzehnjähriger, ähnlich wie Wolf Goethe, eine schüchtern-poetische Knabenliebe widmete, so war das nur eine weitere Grundlage für die lebenslange Freundschaft.

Zu Maria Paulowna sah Jenny, die sie in ihrem Sein und Wirken täglich beobachten konnte, in ehrfürchtiger Liebe empor: "Sie war für sich selbst," so schrieb sie, "demüthig und anspruchslos: ihr ganzes Leben, Wirken und Sein gipfelte in der fürstlichen Pflicht des Beglückens. Sie übte die größte Strenge gegen sich; jede Stunde ihrer bis zur Ermüdung ausgefüllten Tage hatte eine Wohlthat oder eine Pflicht zum Ziel. Sie stand sehr früh auf, und wenn dann die letzte Pflicht des Tages, die Hofgeselligkeit, an sie herantrat, war es denen, die das Glück hatten, ihr nahe zu stehen, rührend, wie oft die Müdigkeit des Körpers sie zu ihrem eigenen Schrecken übermannte. Nie klagte die russische Großfürstin über die kleinen Verhältnisse Weimars; sie sprach es aus, wie das schöne Wort Schillers bei ihrem ersten Einzuge in Weimar sich ihr als Lebensregel eingeprägt habe: 'Wisse, ein erhabener Sinn legt das Große in das Leben, aber sucht es nicht darin.'

"Weimars geistiges Leben, das versicherte sie oft, ersetze ihr vollkommen den Glanz des russischen Hofes, darum unterstützte sie es auch und förderte es, wo sie konnte. Dabei war ihr Goethes Urtheil stets maßgebend; wie oft ließ sie einen Wunsch fallen, weil Goethe nicht damit einverstanden war, wie ergreifend war ihr Schmerz bei seinem Tode, wie treu blieb sie seinem Geiste. Die Wohltaten, die sie öffentlich und noch mehr im geheimen that, die durchdachten praktischen Pläne zu Erziehungsanstalten und Krankenhäusern, welche alle zur Ausführung kamen, das alles zeugt für ihr tiefes Erfassen des Berufs einer Landesmutter. Trotzdem hatte sie stets noch Zeit und Lust zu geselliger Unterhaltung, aber eine unüberwindliche Abneigung gegen das gewöhnliche Hofceremoniell mit seiner öden Langenweile. Deshalb löste sie gern diese drückenden Fesseln und wünschte ihre Umgebung, wie ihre Gäste, in freier körperlicher und geistiger Bewegung zu sehen. Auch den Fremdesten wandelte sie nach und nach, ihm selbst unmerklich, zum natürlichen Menschen um, dem sie die Maske leise abnahm, ohne welche die meisten nicht glauben, bei Hofe erscheinen zu können. Ebenso unmerklich bestimmte sie auch die Grenzen des freiheitlichen Umgangs, und schwer verzieh sie es, wenn sie überschritten wurden.

"Die Sommer in Wilhelmsthal sind mir in freundlichster Erinnerung geblieben. Dort in der herrlichen Luft und reizenden Umgebung schien alles Unnatürliche von selbst von uns abzufallen. Wir vergnügten uns mit heiteren Spielen, besonders das Federballwerfen war sehr beliebt, machten Spaziergänge, lasen und schrieben entweder im Schatten der schönen alten Bäume oder in unseren einfach-ländlichen Stübchen. Dabei kamen so mancherlei Phantasien, Gedanken und Verse zu Papier, die nicht unser Geheimnis blieben, denn die liebe Großfürstin interessierte sich lebhaft für jedes Glied ihres Hofstaats und hörte mit gütiger Nachsicht, aber auch mit scharfem Urtheil der Vorlesung unserer Schreibereien zu. Nach und nach wurden die dilettantisch-literarischen Abende zur Gewohnheit, sie waren eine angenehme Unterhaltung für die jüngere Hofgesellschaft und den damaligen Erbgroßherzog, der auch, wie wir, Beiträge dazu lieferte. Es gab nur noch wenige, die sich der Zeiten des 'Tiefurter Journals' erinnerten und das 'Wilhelmsthaler Journal' für eine recht schwache Copie desselben halten konnten; näher lag der Gedanke an das mit Goethe zu Grabe getragene 'Chaos' oder an die literarischen Abende, die während des Aufenthalts in Weimar eine große Anzahl bedeutender Gelehrter bei Hof versammelten. Wir hörten Vorträge von Humboldt, Schleiden, Apelt, Froriep, Schorn, Schöll und vielen anderen, die uns weit mehr bildeten, als es dicke Bücher gethan hätten.[76] Dabei gewöhnten wir uns daran, das Gelernte aufzuschreiben, was auch in Wilhelmsthal fortgesetzt wurde, sobald Interessantes uns auffiel. Die Anregung zu diesem geistigen Leben ging von Maria Paulowna aus; sie wußte, daß darin Weimars Größe lag und immer liegen würde, deshalb erzog sie auch ihre Kinder in diesem Gedanken und hob uns in ihre Atmosphäre, die allem Kleinlichen fern war, die eine belebende Kraft ausströmte."

Wenn kindliche Verehrung, wie hier, mit zu lichten Farben malt, so ist das immer begreiflich gefunden worden, aber man pflegt im Urteil ungerecht zu werden, wenn der Freund auch beim Freunde die Schatten vergißt. Und doch ist gerade das am natürlichsten. Je näher wir einen Menschen kennen, je mehr uns jede Stufe seiner Entwicklung vertraut ist, desto mehr verstehen wir seine Natur, und die Fehler erscheinen uns nicht wie dem Außenstehenden als etwas selbständig Verdammenswertes, sondern als die Bedingungen oder Ausartungen ihrer Tugenden. Wir gewinnen sie beinahe lieb, wie jene. So sah Jenny ihre Freunde an, und ihre Schilderungen ihres Wesens sind dann immer besonders schwer zu verstehen, wenn es sich um Persönlichkeiten handelt, die der Geschichte angehören und der Kritik aller unterliegen, die je nach der Gesinnung und dem politischen Standpunkt eine andere sein wird. Das gilt vor allem von Augusta, der späteren deutschen Kaiserin, der sich Jenny mit jener treuesten Freundschaft verbunden fühlte, von der es heißt:

Laß adlermutig deine Liebe schweifen Bis dicht an die Unmöglichkeit heran; Kannst du des Freundes Tun nicht mehr begreifen, So fängt der Freundschaft frommer Glaube an.

Aus der Jugendzeit, die sie zusammen verlebten, erzählt sie folgendes von ihr:

"Früh schon entwickelte sich in ihr jene weiblichste Tugend, das Mitleid, die sich aber nie in Klagen und Thränen äußerte, sondern, geleitet von der Mutter, zur praktischen Thatkraft wurde. Wir besuchten oft zusammen unsere Armen und mußten daher nicht selten hören, daß wir im Gefühlsübermaß zu viel gethan hatten oder ihnen statt Arbeit, Kleidung und Nahrung, Geld gegeben hatten, das nur zu bald wieder ausgegeben war und zur Trägheit führte, während Anleitung zur Selbsthilfe die beste Armengabe ist."

Als Prinz Karl und Prinz Wilhelm von Preußen an den Weimarer Hof kamen, wußte jeder, daß sie um die Hand der Prinzessinnen Marie und Augusta werben wollten. "Merkwürdig schnell," so schreibt Jenny, "faßte Prinzeß Augusta Vertrauen zu Prinz Wilhelm, dessen Güte und Liebenswürdigkeit uns sehr gefiel, dessen militärische Straffheit uns, denen der preußische Drill etwas ganz Fremdes war, sehr imponierte. Langsam, aber stetig zunehmend, entwickelte sich bei der Prinzeß eine tiefe Neigung zu ihm. Sie sprach nicht davon, ihr Stolz verbot ihr, die Unterwerfung ihres ganzen Wesens unter einen Mann einzugestehen, von dem sie wußte, daß er ihr jetzt nur Freundschaft entgegenbrachte. Man hatte ihr diensteifrig seine Herzensgeschichte zugetragen, ihr auch nicht verhehlt, welch ausgezeichnetes Mädchen deren Heldin war. So stand es um sie, als ihre Schwester sich vermählte. Heiter und glänzend waren die Feste dieser zu Ehren, wehmütig der Abschied. Sie schenkte mir noch zuletzt ein Album, in das sie folgende Worte geschrieben hatte:

_This above all, to thine own self be true,_ _And it must follow, as the night the day,_ _Thou canst not then be false to any man._

_Votre souvenir est toujours là!_

_Marie_

"Fast zwei Jahre vergingen, ehe Prinz Wilhelm die zur vollendeten Schönheit erblühte Prinzeß Augusta heimholte. Sie hatte ihn treu im Herzen getragen, wie sie jedem Treue bewahrte, den sie einmal lieb gewann. Er war und blieb die einzige große Leidenschaft ihres Lebens, die sie zu schöner Weiblichkeit entwickelte und alle Härten ihres Wesens abschliff.

"In meinem Album finden sich diese Zeilen von ihr:

_Doux lieux où l'amitié vint charmer mon enfance_ _Il faut, hélas, vous fuir,_ _Mais vous viendrez me consoler mon absence_ _Par un doux souvenir!_

_Otez l'amitié de la vie,_ _Ce qui reste de biens est peu digne d'envie,_ _On n'en jouit qu'autant qu'on peut les partager;_ _Désir de tous les coeurs, plaisir de tous les âges,_ _Trésor du malheureux, divinité des sages,_ _L'amitié vient du ciel habiter ici bas,_ _Elle embellit la vie et survit aus trépas!_

_Weimar, 3. 6. 29._

_Ces vers expriment ce que j'éprouve en les traçant, puissiez-vous en être persuadée, chère Jenny._

_Your faithful_

_Augusta."_

Eine eifrige Korrespondenz entspann sich zwischen den Freundinnen, die, da sie sich fast durch ein halbes Jahrhundert fortspann, ein interessantes Bild der Zeit geben könnte, wenn die Briefe der Kaiserin nicht, einem Versprechen getreu, von meiner Großmutter zum großen Teil verbrannt worden wären. Aus der ersten Zeit der Abwesenheit Prinzeß Augustas finden sich folgende Stellen aus Briefen Jennys an sie:

1./7. 1832.

"... Die Herzen der Leute der großen Welt sind alle nach einer Form gegossen, die leider in allen Ländern die gleiche ist, und in die sie so genau eingepaßt werden, daß schließlich für nichts als für Gleichgültigkeit und Langeweile Platz übrig bleibt.

29./8. 1832

"Die Erziehung sollte die Einleitung, die Vorrede des Lebens sein; man sollte daraus den Zweck der ganzen Arbeit, ihre Tendenz und wenn möglich ihren Preis, ihren moralischen Wert kennen lernen. Darum ist es nothwendig, daß die Eltern, ohne den klaren Himmel der Kindheit zu trüben, die Rolle des Schicksals spielen, so daß die Fehler der Kinder sich so viel als möglich durch ihre natürlichen Folgen bestrafen; sie würden frühzeitig dazu gelangen, nicht den Himmel der Ungerechtigkeit und die Menschen der Falschheit anzuklagen, wenn sie sehen, daß fast immer sie selbst die Hauptursachen ihrer Schmerzen und Leiden sind, wenn sie in der Tiefe ihres eigenen Wesens die Ursachen des Unglücks erkennen, das sie trifft. Nur selten dürfte ihr Gewissen ihnen keine zu zeigen vermögen. Ist die Vorrede eine vollkommene gewesen, so muß sie, indem sie uns eine sichere Vorstellung von dem Buche giebt, das Interesse dafür steigern, unsere Erwartungen würden nicht getäuscht werden können, und die Eindrücke, die wir vom Styl und von den Details erhalten, würden mehr von unserem Herzen abhängen und von der harmonischen Verbindung unserer Seele mit dem Autor. Die allgemeine Idee, die uns die Vorrede gegeben hat, sollte uns vor großen Überraschungen und Enttäuschungen bewahren.

12./9. 1833.

"Wenn man das Leben mit seinem Unglück, seiner Niedrigkeit, seinen getäuschten Hoffnungen kennen gelernt hat, so ist nichts natürlicher als die Neigung zur Misanthropie und zur Menschenverachtung, und dieses Gefühl, das man gewöhnlich für eine Folge reifster Erfahrungen und tiefgründiger Gedankenarbeit ansieht, entspricht nur dem gewöhnlichen Einfluß des Unglücks auf die Menschen. Eine starke und edle Seele ist die, die sich aus dem Schiffbruch des Lebens den Glauben an die Menschheit und die Liebe zum Menschen retten konnte -- eine starke und edle Seele, weil sie den Schlüssel des Räthsels in sich selbst suchte und fand.

1./11. 1835.

"Alle großen Leidenschaften sind göttlicher Natur; sie sind die Emanationen Gottes im Herzen der Menschen. Man kann sie weder willkürlich heranrufen, noch vernichten, sie sind Inspirationen des Himmels, denen wir uns unterwerfen müssen, und die für ihren göttlichen Ursprung dadurch Zeugniß ablegen, daß sie über den allgemeinen Gesetzen der Natur stehen und diese sich ihnen unterordnen müssen."

Diese wenigen Proben -- alles andere schlummert in mir unzugänglichen Archiven -- zeigen, wie weit der Briefwechsel unserer Großeltern von dem Depeschenstil der Gegenwart entfernt war. Sie wollten nicht nur mit ihren fernen Freunden vereinigt bleiben, es gelang ihnen auch, weil sie die Verbindung durch Gedankenmitteilungen, nicht durch bloße Lebensdaten, hinter denen sich die tiefgehendsten Wesenswandlungen verbergen können, aufrechterhielten.

Außer Prinzeß Augusta war es noch eine andere Prinzessin, mit der Jenny auf diese Weise in naher Beziehung blieb: Helene von Mecklenburg, spätere Herzogin von Orleans. Ihr Gatte war jener französische Thronfolger, den ein tödlicher Sturz davor bewahrte, durch die Revolution seiner Hoffnungen beraubt zu werden. Die Schilderung ihrer Beziehungen zu Helene leitete Jenny folgendermaßen ein:

"... Die Armuth, die Niedrigkeit darf klagen und weinen, auf den Höhen der Menschheit regiert das Lächeln, das klaglose Verstummen. Und die nicht geweinten Thränen wiegen centnerschwer. Mir war es vergönnt, in das Herz, in die Seele solch einer Märtyrerin zu schauen, als sie noch unberührt war von dem giftigen Hauch des Weltenschicksals, als sie noch nicht selbst mitten im Wirbelwind des Lebens stand. Fast ein Kind noch, kam Helene von Mecklenburg zum ersten Mal nach Weimar. Im Andenken an ihre verewigte Mutter, Karl Augusts liebliche Tochter Caroline, wurde sie ganz als Kind Weimars empfangen und blieb vom ersten Tage an des Großvaters Liebling. Trotzdem dauerte es sehr lange, bis ihr durchaus unkindlicher zurückhaltender Ernst einem offen-freundlichen Wesen Platz machte. Ich gab mir viel Mühe um sie, weil ihre tiefen, forschenden Augen mich reizten, sie zu enträthseln. Was mir zuerst seltsam auffiel, war die hinter dem kühlen Äußeren versteckte schwärmerische Phantasie, deren realer Mittelpunkt schon damals Frankreich war. Ihre französische Gouvernante wie die französische Hofdame ihrer Stiefmutter mochten wohl diese Gedankenwelt in ihr mit geschaffen haben, die nach und nach alles andere verdrängte. Unsere Unterhaltungen drehten sich meist um französische Geschichte, französische Literatur, und immer, wenn sie wieder nach Weimar kam, erstaunte ich, welche Fülle neuer Kenntnisse sie sich darin erworben hatte. Ich hatte ihr versprechen müssen, alles Neue, das an guten französischen Büchern erschien, ihr mitzuteilen oder zuzusenden, was dann auch gewissenhaft geschah. Mein Berater war der liebenswürdige, geistreiche Graf Alfred Vaudreuil, der mit französischer Gewandtheit und Leichtlebigkeit deutschen Ernst und deutsche Gründlichkeit verband und mir immer neben seinem Freunde, dem Prinzen Friedrich Schwarzenberg, von dem Ida von Düringsfeld so richtig sagte: 'er war immer ohne Umstände er selber', als der Typus wahrer Vornehmheit erschien. Wir hatten bisher, wie Vaudreuil sich ausdrückte, nur mit den Blumen und Zephyren Lamartines gespielt; jetzt gab er uns Werke von Dumas und Victor Hugo, auch las er aus Chateaubriands Büchern vor und unterrichtete uns in der sonst nur in verworrenen Bildern zu uns dringenden französischen Zeitgeschichte. Es war auch zum Theil sein Verdienst, daß er uns, eine sonst der Politik fernstehende Gesellschaft, auf die Geschehnisse des äußeren Lebens aufmerksam machte und uns etwas ablenkte von der ausschließlichen Beschäftigung mit Seelen- und Herzenskämpfen. Mein Stiefvater Gersdorff, selbst ein Staatsmann, war mir gegenüber mehr Philosoph; er meinte, Politik sei nichts für Frauenzimmer. Als aber die erste Kunde der Julirevolution zu uns drang, da war auch uns auf lange Zeit ein Gesprächsthema gegeben. Der Eindruck, den sie auf uns machte, war ein anderer als der, den sie bei der vornehmen Gesellschaft im übrigen Deutschland hervorrief. Wir schwärmten für die Ideen der Volksbeglückung; wir schwärmten für Griechenland, selbst für Belgien, warum sollten wir es nicht für Frankreich thun und in Louis Philipp den Retter des Volksglücks betrachten? Wer ahnte denn, daß er es nicht sein konnte? Am interessantesten war mir, mit welcher Lebhaftigkeit Goethe die Dinge verfolgte. Mein Stiefvater schrieb lange politische Berichte für ihn, so sehr er sonst mit Geschäften überlastet war, und unser Diener sagte uns, der alte Herr sei ihm oft aufgeregt entgegengekommen, um die Briefe selbst in Empfang zu nehmen.

"Noch waren wir ganz erfüllt von dem Thronwechsel in Frankreich, als Prinzeß Helene wieder nach Weimar kam. Ihre Begeisterung für Louis Philipp und seine 'Mission' spottete jeder Beschreibung, und es dauerte nicht mehr allzulange, so fing man an, erst leise, dann immer lauter davon zu sprechen, daß sie seinem Sohne bestimmt sei. Sie selbst sprach nie davon, auch brieflich nicht, so offen auch ihr Herz sonst vor mir lag; aber ich las die Hoffnung auf Erfüllung ihres Kindertraumes in ihren seelenvollen Blicken. Während sie sich mit ihrer Mutter in Jena aufhielt, besuchte ich sie häufig. Man nahm die Krankheit der Herzogin zum Vorwand des Fernbleibens von Mecklenburg, während die unerquicklichen Verhältnisse dort es nöthig machten. In Jena versammelte sich bald ein geistig bedeutender Kreis um die Fürstinnen; ich vermittelte die Bekanntschaft mit meinem lieben Freunde, dem Professor Scheidler, der seiner Taubheit wegen sehr menschenscheu war, und hatte die Freude, zu sehen, wie Prinzeß Helene sich ihm anschloß und sich von ihm bilden ließ. Dort und in Weimar fühlte sie sich weit mehr zu Hause als in Mecklenburg; wäre sie ein echtes Kind jenes strengen, nordischen Landes gewesen, niemals hätte sie dem Sohne des Bürgerkönigs die Hand gereicht. Obwohl sie, wie gesagt, nie mit mir darüber sprach, war mir dieser Schritt nicht unverständlich. Sie liebte den Herzog nicht, denn sie hatte ihn nie gesehen, sie war nicht ehrgeizig, dazu war ihr Charakter ein viel zu weiblicher. Was sie wollte, suchte, ersehnte, war ein Beruf, eine Pflicht; was sie glaubte, war an ein unabänderliches Schicksal, das ihr schon früh die Liebe zu Frankreich ins Herz geprägt habe. Sie war überzeugt, Recht zu thun, auch als sie mit ihrer Familie brach und wie eine Ausgestoßene von ihrer Heimat scheiden mußte. Strahlend glücklich waren ihre Briefe; strahlend schön soll ihr Äußeres gewesen sein, schrieben mir meine Verwandten aus Paris, und ich freute mich ihres sonnigen Schicksals. Erst nach und nach gingen ihr die Augen auf über den König, über das Treiben am Hof, über die sogenannte 'Volksbeglückung'. Es schmerzte sie tief, aber sie hatte ja ihren Gatten, der sie in keiner ihrer Träume und Hoffnungen jemals getäuscht hat; sie hatte ihre Kinder, denen sie sich mit der vollsten Gluth der Mutterliebe widmete; sie hatte Frankreich und seine Zukunft!

"Da begann ihr Märtyrerthum. Langsam, mit fürchterlicher Grausamkeit riß das Schicksal ein Glück nach dem anderen aus ihren Armen, enthüllte ihr eine bittere Wahrheit nach der anderen, bis das Leben, all seiner rosigen Schleier entkleidet, ein grausiges Skelett vor ihr stand. Sie schauderte wohl davor zurück; aber nicht lange währte es, so saß sie wieder am Webstuhl und schuf neue Hoffnungsgewänder für dies Bild des Todes."

Jenny korrespondierte eifrig mit Helene. Von den Briefen der Herzogin sind eine Anzahl verwahrt worden, die aus ihrer Mädchenzeit und aus der ersten Zeit ihrer Ehe stammen, ebenso einige von Jennys Antworten. Helene zeigt sich in ihnen als eine Schwärmerin, die uns kühlen Modernen, die wir selbst Empfindungen, die wir haben, schwer aussprechen, ganz fremd erscheint.

Ihre ganze Persönlichkeit wird nur dann verständlich, wenn wir sie als Kind ihrer Zeit betrachten, das sich über die Gefühlsschwärmerei der Romantik selbständig nicht zu erheben vermochte, und ihre Briefe sind als Spiegelbild des Seelenlebens vieler Frauen jener Epoche so bezeichnend, daß einige von ihnen, trotz ihrer tatsächlichen Inhaltlosigkeit, hier folgen mögen. Wenn Jenny sich auch dem Einfluß ihrer Zeit nicht zu entziehen vermochte, so unterwarf sie sich ihm doch nicht. Das zeigt sich auch in ihrem Briefwechsel mit Helene.

Aus ihren Briefen an sie sei folgendes angeführt:

3./8. 33.