Im Schatten der Titanen: Erinnerungen an Baronin Jenny von Gustedt

Chapter 13

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"'Auch weiß ich, daß Goethe einst sagte: Es ist ganz einerlei, was für einen Begriff man mit dem Namen Gott verbindet, wenn man nur göttlich, das heißt gut handelt!'

"'Mir,' lächelte Emma, 'ist Gott der Gott der Liebe, der liebe Gott der Christen.'

"Doch genug davon -- verwelkte Blumen sind die Worte, denen Blick und Händedruck fehlt; ich kenne keine Sprache, die das lebendige Gespräch ebenso lebendig wiederzugeben vermag; Herz, Gefühl und Geist haben ihre eigene Sprache. -- Eine Erinnerung wird dauernd frisch in meinem Herzen bleiben, es ist die an unsere in Berka gemeinsam verlebte Frühlingszeit. Ein Tag daraus mag für das Bild unserer unschuldigen Freuden der Rahmen sein.

"Auf einer kleinen Erhöhung in jenem Theil von Berka, der Dorf Berka genannt wird, erhob sich inmitten eines Gartens ein kleines Haus. Wie oft, sobald es am Horizont aufstieg, beschleunigte sich mein Schritt, und mein Herz, alle Sorgen von sich werfend, klopfte vor Freude und Hoffnung; es war keine andere Hoffnung als die auf Frieden und Ruhe, und doch war ich noch nicht zwanzig Jahre alt! In den oberen Räumen richteten Emma und ich unseren Haushalt ein. Wir hatten eine kleine Küche, einen großen Flur, ein Zimmerchen für unsere Jungfer und konnten im Nothfall sogar einen Gast beherbergen. Unser Schlafraum war einfach, aber bequem, unser kleines Wohnzimmer war reizend: ein Schrank, zwei Bücheretageren, ein rosa und weiß drapirter Toilettentisch, darauf ein Spiegel mit goldenem Rahmen, zu jeder Seite eine Vase, mit jenen palmenartigen Farren gefüllt, die im Tannenwald an den verstecktesten Plätzen wachsen; dann unsere Schreibtische, nur durch die Fensterwand getrennt, an der auf weichem Teppich zwei Lehnstühle standen. Neben den tausend Dingen, die auf keinem Schreibtisch vermißt werden, standen drei blumengefüllte Gläser auf einem jeden; wir liebten vor allem die wilden Rosen, von denen ein einziger Zweig schöner ist als alle Centifolien. Auch ein Sopha, ein runder Tisch, verschiedene Bilder fehlten nicht; auf allem lachte die Frühlingssonne, die bis zum Abend auf unserer Diele ihre Strahlen tanzen ließ, und aus jedem Winkel des Zimmers fiel der Blick auf das helle Grün der Hügel, auf die dunklen Tannen, auf drei breite, sich durch das Thal schlängelnde Wege, in nächster Nähe auf die Häuser der Bauern und jene regelmäßige Thätigkeit, um die man sie beneidet, sobald ein böser Gedanke drückend auf der Seele liegt. Aus dem anderen Fenster sah man den kleinen Fluß, die Kirche, die Brücke und den Markt, von dessen Häusern man nur die Dächer bemerkte, in der Ferne ein weites Thal, durch ein Dorf und einen alten Thurm geschlossen, dann Hügel auf Hügel und jedes Jahr ein neues rothes Dach, das sich darauf erhob; schließlich ein spitzer, kahler Berg, auf dem der Fluch der alten Frau zu ruhen schien, die im Anfang des vorigen Jahrhunderts dort verbrannt worden ist. Dieser freundlichen Landschaft gebührt der dankbare Blick, mit dem wir jede Gegend betrachten, die das Glück mit uns bewohnt hat, der freundliche Gedanke für die Zukunft, eine Handlung der Barmherzigkeit für die Gegenwart, die Hand eines mitfühlenden Freundes in der unseren.

"Bei meinem Erwachen stand Emma neben mir, zum Ausgehen bereit; sie ging, der Natur ihren Morgengruß zu bringen. Als sie zurückkam, war ich angezogen, die Stube aufgeräumt, frische Rosen, die ich im Garten gepflückt hatte, auf dem Tisch und das Frühstück daneben. Nachher mußten die Wirtschaftssorgen erledigt werden, bis daß Jede sich an ihre Vormittagsbeschäftigung begab, die wir bis drei Uhr ausdehnten, nur hier und da durch gegenseitiges Vorlesen aus Büchern und Briefen unterbrochen. Der ruhige Schritt unserer blonden, freundlichen Jungfer mahnte uns an die Essenszeit; ihr strahlender Blick galt heute ihren Küchenerfolgen, die unsere vollste Anerkennung fanden. Hastiges Klopfen störte unsere sehr materiellen Freuden, und auf unser 'Herein' flogen zwei Knaben lachend auf uns zu. 'Wolf -- Walter' riefen wir wie aus einem Munde, und nun überstürzten beide sich im Erzählen, wie es gekommen war, daß der Großvater sie im eigenen Wagen hierhergeschickt habe.

"'Ich habe ihm gestern vorgespielt.'

"'Ich habe einen guten Aufsatz geschrieben.'

"Es gab viel zu fragen und zu erzählen, dazwischen wurde unserer Erdbeerspeise tapfer zugesprochen. Wolf berichtete von den Stadtneuigkeiten, von dem Großvater, der sich wieder einmal mit Tante Ulrike gezankt habe. Er ging, nach Art desselben, langsam, die Hände auf dem Rücken, den Oberkörper etwas geneigt, den Kopf gehoben, die weit offenen Augen auf uns gerichtet, im Zimmer auf und nieder, dabei sagte er mit grollender Stimme: 'Frauenzimmerchen, Frauenzimmerchen, ihr treibt's mir bald zu arg.' Ich mußte lachen, ermahnte aber doch meinen jungen Freund, des Großvaters nicht etwa zu spotten. 'Zu spotten?!' rief er, 'Du glaubst, ich könnte das? Ist er nicht unser liebster, bester, einzigster Großvater?' Dann erzählten sie von den Eltern; dem Vater, der viel Kopfweh habe und selten zu Hause sei, der Mutter, die sich eifrig mit dem Plan zu einem Sommerfest beschäftigte, und schließlich sprangen sie hinaus und fuhren davon, uns in einer Art Betäubung zurücklassend. In unseren Frieden war die Welt mit ihrem Zwiespalt gedrungen.

"Bald darauf rüsteten wir uns zum Spaziergang: weiße Kleider, runde Hüte, das schottische Tuch über dem Arm, ein Buch in der Hand, das freilich nur selten geöffnet wurde. Wir gingen stumm Arm in Arm neben einander, meine Gedanken waren in jenem klassischen Hause, in dem ein über alles Erdenleid erhabener Jupiter zu thronen schien und dessen Mauern doch so viel Kummer verbargen; ist es nicht auch immer die mühsam zu ersteigende Jakobsleiter, an deren Sprossen nicht Engel, sondern Dämonen stehen, gegen die der Kletternde kämpfen muß, damit sie ihn nicht hinunterwerfen; wie wenige sind stark genug, um den strahlenden Tempel menschlicher Größe zu erreichen, wie wenige sind so stark, um die schwächeren Genossen nach sich zu ziehen. Ich wäre längst am Boden zerschellt ohne den vorschreitenden erhabenen Führer!

"Wir hatten den Wald erreicht, sein Duft ließ uns freudiger athmen, und ein weicher Moossitz entschädigte uns, wenn wir zu hastig gegangen waren. Manchmal tönten aus der Ferne Axtschläge gegen einen zum Tode verurtheilten Baum; ein Krach, ein Fall, der wie schluchzend verklang, entlockte uns einen Seufzer -- der Tag war schön, wer wünschte sich, zu sterben? Nach und nach verlängerten sich die Schatten, unsere Unterhaltung hatte zwischen Gefühl und Erzählung, zwischen Philosophiren und Schweigen, zwischen Vergangenem und Zukünftigem, zwischen Ernstem und Heiterem gewechselt. Wir hatten neue Pfade entdeckt, neue hochgelegene Matten, auf denen sich schöne Luftschlösser bauen ließen, und traten aus dem Wald, als der Mond schon hoch am Himmel stand. Sobald wir die ersten Häuser erreichten, begrüßten wir die freundlichen Bewohner, deren rosige Kinder schon schlafen gegangen waren, um den nächsten Morgen noch rosiger zu erwachen; die Eltern saßen vor der Hausthür, der Vater rauchte seine Pfeife, die Mutter legte die Hände in den Schoß. Kennt ihr solch ein beseligendes Ausruhen, ihr Unthätigen, die ihr euch mit euren leeren Gedanken gelangweilt in den Lehnstuhl werft?! -- Zwei Schritte weiter sahen wir ein neues Häuschen entstehen; es hatte, wie die anderen, nur eine Stube, eine Kammer, Küche und Ziegenstall. Wir hatten oft in bewohnte Räume gesehen, überall fanden wir die peinlichste Sauberkeit; vor der Thür neben der Steinbank einen blühenden Rosenstock, ein kleines Gärtchen hinter dem Hause mit gut gepflegten Gemüse- und Blumenbeeten, ein Höfchen daneben mit ordentlich aufgeschichtetem Holzvorrath, einige unglückliche Vögel in Käfigen, die sangen und die weißen Wände garnirten, und dazu zufriedene Gesichter, einen freundlichen Gruß für Jedermann.

"Unsere Jungfer erwartete uns: 'Der Pächter hat schon wiederholt nach Ihnen gefragt, und das Abendbrot wartet. Auch hat der Bote Briefe in Menge gebracht.'

"Der Mond leuchtete uns zu unserem einfachen Imbiß, den wir in Gesellschaft unseres guten alten Pächters, der zugleich unser Hauswirth war, einnahmen. Er erzählte uns von einem armen Tagelöhner, der sich beim Holzfällen verwundet habe und nun für sich und seine Familie nichts verdienen könne; dabei sah er uns erwartungsvoll an. Ich wollte sofort hinstürzen, Emma hielt mich zurück.

"'Morgen in aller Frühe packen wir unseren Korb mit Fleisch und Brot, vergessen auch unser Verbandzeug nicht, und freuen uns, daß es Menschen giebt, denen mit so wenig Mühe geholfen werden kann.'

"'Und denken an all das namenlose Elend, dem wir nicht steuern können!'

"Der Abend war herrlich, wir saßen noch lange vor der Thür und sahen, wie nach und nach ein Licht nach dem anderen hinter den Fenstern erlosch. Die Stille herrschte und schien durch die Majestät des Mondes zu regieren; die Ilm flüsterte kaum, sie fürchtete durch ihr Gemurmel das silberne Licht zu stören, das friedlich auf ihrem Wasser flimmerte.

Füllest wieder Busch und Thal Still mit Nebelglanz -- Lösest endlich auch einmal Meine Seele ganz, Breitest über mein Gefild Ruhig deinen Blick, Wie des Freundes Auge mild Über mein Geschick.

Zukunftsbilder stiegen vor mir auf, Träume von Glück wurden lebendig; weit in der Ferne verschwand die Vergangenheit.

"Die Lampe im Zimmer machte uns wieder gesprächig, während eine Schleife nach der anderen sich langsam löste. Wir dachten mit Schrecken an die Stadt, an den Winter, den Schnee, den Kerzenglanz, an die falschen Blumen und an das falsche Lächeln, an Toiletten und Gesellschaftsklatsch, und freuten uns der Gegenwart, in die nichts von alledem gehörte. Noch eine zärtliche 'Gute Nacht' und es wurde still in Haus und Herzen.

"In den Rahmen dieses Tages gehört das Bild meiner Freundin; dann ist alles Harmonie, Friede, Klarheit. Ihre schöne Gestalt, ihr ruhiger Gang, ihre glatten, über der sanften Stirn gescheitelten Haare, dieser ganze Typus einer deutschen Schloßfrau, paßten so gut zu den schlanken, ernsten Tannen, zu dem majestätischen Wandel des silbernen Mondes auf dem klaren Firmament; ihr verschleiertes weibliches Herz, ihre angeborene Reinheit des Charakters paßten so gut in diese ruhig träumende Landschaft ohne zerrissene Felsen, ohne feuerspeiende Berge. Und in mein Leben gehörte dieser Engel des Friedens."

In einem direkten Gegensatz zu diesem Engel des Friedens stand eine andere Freundin Jennys, Gräfin Louise Vaudreuil. Aber auch bei ihr, der Weltdame großen Stils, bewährte sich das Talent, das Jenny in ihren späteren Jahren zur höchsten Kunst entwickelte: das Beste aus den Menschen herauszuholen. Etwas von dem allumfassenden Goethegeist, dem "nichts Menschliches fremd war", lebte in ihr und machte es ihr möglich, schon mit einundzwanzig Jahren -- zu dieser Zeit sind die Charakterbilder Ottiliens, Emmas, Louisens und das des Professors Scheidler entstanden -- in den Seelen ihrer Freunde, wie in einem offenen Buche zu lesen. Louise Vaudreuil schilderte sie folgendermaßen:

"Es war zwei Uhr Nachmittags, als ich in ein elegantes Boudoir trat, das nur durch auf allen Stühlen und Tischen umherliegende Toilettengegenstände verunziert wurde. Eine junge Frau saß vor dem Spiegel, sie war blaß, ihre Augen schwarz umrändert, doch jeder ihrer edlen Züge von rührender Schönheit; sie hielt einen ihrer glänzenden schwarzen Zöpfe in der Hand und legte ihn mit größter Vorsicht um ihre Schläfen; Alles verrieth, daß sie eben erst das Bett verlassen hatte.

"'Guten Tag, mein Kind,' sagte sie; 'ich freue mich sehr, dich zu sehen. Denke dir, ich habe heute keinen Brief von Alfred und bin so besorgt.'

"'Doch warum dich ängstigen, liebe Louise, erst vorgestern hattest du Nachrichten aus Paris.'

"'Doch du weißt, ich bin unter einem Unglücksstern geboren, auch nehme ich immer Alles von der trüben Seite. Und gerade heute bin ich schlechter Laune; Margarethe ist wieder unartig gewesen; meine Tochter hat kein Herz, keine einzige Neigung wurzelt darin, sie ist so selbstsüchtig und so kalt!'

"'Aber liebe Freundin, sie ist drei Jahre alt!'

"'Der Hut und das Kleid, das ich für dich bestellte, sind auch noch nicht angekommen.'

"'Gnädige Frau haben es vor acht Tagen bestellt,' sagte die alte Kammerfrau, 'man kann die Postpferde von Paris hierher nicht beflügeln!'

"'Schweigen Sie, man hat Sie nicht gefragt.'

"Dann eine Pause. Die junge Frau hatte ihre Frisur beendet, doch sie war noch immer damit beschäftigt, eine widerspenstige Locke zu bändigen; es schlug dreiviertel auf drei Uhr, ehe diese große Arbeit gethan war.

"'Ich habe fürchterliche Kopfschmerzen, das sind sicher die Vorboten einer neuen Krankheit.'

"'Das kommt von dem scharfen Duft, den du an dir trägst und in allen Räumen verbreitest.'

"'Ach nein, Kind; das Ausbleiben des Briefes regt mich zu sehr auf, auch ist der Klatsch, mit dem diese Stadt mich verfolgt, zum Verrücktwerden! Ich schrieb meinem Mann davon, der mich beruhigte und sagte, er würde zurückkehren, um wie früher in seinem Lehnstuhl hinter der großen Zeitung zu sitzen, während ich mich mit Prinz Friedrich Schwarzenberg unterhalte. Man ist zu schlecht in diesem kleinen Weimar; denke nur, daß Graf K. vorige Nacht vor meinem Hause wartete, bis der Prinz fortging, um dies Ereigniß mit seinem Commentar jedem Menschen zu erzählen.'

"Louise weinte und ihre Stimme zitterte.

"'Ich versichere dir, liebe Freundin, daß ich glaubte, du habest dich längst über den Stadtklatsch erhaben gefühlt. Außerdem kannst du nicht annehmen, daß deine langen Unterhaltungen mit dem Prinzen unbemerkt bleiben würden; wir sind hier nicht in Paris. In Weimar geht man um zehn Uhr schlafen, wenn bei euch die Feste anfangen, und steht auf, wenn sie enden; es ist ganz natürlich, daß gewöhnliche Leute den Maßstab ihrer Gewohnheiten auch an Andere legen; doch da dein Mann davon weiß, hat es nichts auf sich, und dein Kummer verfliegt, sobald er zurück ist. Gehst du an den Hof heut Abend?'

"'Ja, man sagt, er wäre voll von kleinen deutschen Prinzchen, und diese Stückchen Souveränität amüsiren mich. Am liebsten freilich bliebe ich zu Haus, ich finde keinen Geschmack an der großen Welt; mein Buch, meine Malerei, meine Kaminecke, das ist es, was meiner Natur entspricht, die faul und indolent ist; auch schwöre ich dir, daß ich, wenn es nicht um die kleinen Triumphe der Eitelkeit wäre, die mir Spaß machen, gar nicht ausgehen würde; ich begreife deshalb nicht, wie eine häßliche Frau daran Freude haben kann! Hast du heute den Alten schon gesehen?'

"'Louise!' rief ich vorwurfsvoll.

"'Soll ich sagen den Meister?! Ich theile eure kniefällige Bewunderung nicht, dafür ist er mir zu menschlich, hat zu sehr, wie wir gewöhnliche Sterbliche, seine kleinen und großen Aventüren gehabt.'

"'Trotz eurer kleinen und großen Aventüren seid ihr aber Alle kein Goethe geworden!'

"Louise lachte, jede Spur von Thränen und Ärger war verwischt.

"Man meldete den Schneider, er kam von der Leipziger Messe.

"'Frau Gräfin haben noch zweiundzwanzig Kleider im Stück liegen,' meinte die Jungfer kopfschüttelnd; doch der Schneider wurde empfangen, mußte alle seine Waren ausbreiten, die aufs Gründlichste examinirt wurden; Louise suchte drei der schönsten Stoffe aus, schenkte mir einen davon, ließ die zwei anderen in den Schrank legen und den Preis dafür auf die Rechnung setzen. Der Schneider wurde von dem Antiquar abgelöst, dem sie ein Rokoko-Armband für vier Louisd'or abkaufte.

"'Der Kammerdiener des Prinzen fragt, ob Antwort nötig wäre,' sagte der eintretende Bediente, indem er Louise ein Billet übergab.

"'Ich werde sehen.' Sie las, während ich in einem Pariser Modejournal blätterte. 'Höre nur, Jenny, wie prachtvoll er schreibt' -- auf ihrem Gesicht malte sich staunende Bewunderung, doch sie galt nur der Schönheit des Stils; ihre Stimme klang erregt, doch nur aus geschmeichelter Eitelkeit: 'Wenn der Verdammte, an der Himmelsthür sich anklammernd, nach einem einzigen Ton des Gesanges der Engel verdurstet, wenn das Kind des Verderbens, in dessen Ohr das furchtbare Wort Ewig klang, durch das Rütteln der Verzweiflung jene ehernen Thore erschüttert -- würden Sie, Gräfin, es in den dunkelsten Abgrund stoßen, weil es sich mit riesiger Kraft zu dem herrlichsten Glücke emporhob? Ich sah durch das Gitter, welches mich vom Himmel trennt, sein strahlendes Licht, ich sah die Träume meiner Jugend, die Wünsche meines Herzens, das Ideal meines Lebens in Wirklichkeit an mir vorüberschweben -- ich streckte flehend die Arme danach aus -- das war mein Verbrechen; ich büße es durch das fürchterlichste Erwachen, ich büße es durch erneute Verdammniß. Sie werden mir verzeihen; von nun an sollen Sie in mir nichts als den ergebenen Haushund finden, der nach dem Hieb so treu bleibt wie nach der Zärtlichkeit, der treu bleibt, wenn ihm Unrecht geschieht, treu bleibt, wenn er nur der Gleichgültigkeit begegnet ----'

"Ich hörte ihr verwundert zu und verstummte. Ich verstand, daß er zu weit gegangen war, daß sie ihres Widerstandes wegen triumphirte, daß sie stolz auf ihre tugendhafte Handlungsweise war, die niemals hätte nothwendig sein dürfen. Ein Besuch rechtfertigte meine Schweigsamkeit, oder vielmehr sie zog uns aus der Verwirrung, denn Louise sah zu klar, ihr Urtheil war zu fein, als daß sie meine Gefühle nicht, wortlos wie sie waren, verstanden hätte. Die Besucher gehörten zu jenen Menschen, die ihrer Güte, ihrer Familienbeziehungen, ihrer negativen Verdienste wegen von der Gesellschaft geduldet werden; die bösen Zungen entschädigen sich für deren Nichtigkeit durch wohlfeile Witze über sie; die Geistreichen behandeln sie wie Tische und Stühle, sie benutzend, wenn der Augenblick es mit sich bringt; die Liebenswürdigen sprechen im Vorübergehen mit ihnen; im Ganzen ist Alles, was man ihnen bietet, gerade lau genug, um sie nicht vor Frost zittern zu machen. Ich fürchtete Louisens Ungeduld und Spottlust; es wäre nicht nöthig gewesen, denn nie habe ich sie gesprächiger, freundlicher, zuvorkommender gesehen, nie hat ein Gast befriedigter über sie und sich das Zimmer verlassen.

"'Du warst äußerst liebenswürdig, zu meiner größten Uberraschung', sagte ich, als wir allein waren.

"'Und du, Kind, beurtheilst mich falsch. Ich spotte nie über gute, anspruchslose Leute und habe Freude daran, Unterdrückte zu unterstützen.'

"In der Ebbe und Flut meiner Gefühle dieser eigentümlichen Frau gegenüber gingen nach dieser wahren, gütigen Antwort die Wogen zu ihren Gunsten hoch.

"'Habe ich dir schon erzählt,' sagte sie, 'daß ich einen Brief von Frau von Y. erhalten habe? Die Arme leidet so sehr und ist dabei ein Engel an Güte und Tugend; Gott weiß, was aus ihrer unglückseligen Leidenschaft werden soll! Ist sie allein mit Georg, so könnte die Welt zu Grunde gehen, der Tod neben ihnen stehen, sie würden es nicht bemerken. Neulich besuchte sie Georg sie war allein -- doch eine einzige Thür nur trennte sie von ihrem Gatten, und diese Thür war nur angelehnt, und dieser Gatte vergöttert Charlotte. Manchmal schafft seine Phantasie ihm einen Nebenbuhler: 'das wär kein langer Schmerz,' sagt er dann, 'eine Kugel für ihn, eine für mich und für dich die Qual des Lebens!''[TN4]

"'Und sie ist im Stande, diese Liebe zu betrügen!' rief ich empört; 'und du kannst von ihrer Tugend sprechen!'

"'Nun ja, meine Liebe, denn sie betrügt im Grunde ihren Gatten nicht. Ihre Mutter hat sie, als sie fünfzehn Jahre alt war, mit ihm verheirathet; er verlangte keine Liebe von ihr und gab ihr seinen Namen wie sein Vermögen. Georg, ihr Vetter und Spielgefährte, hatte nichts!'

"Ich hörte zu, wie man ein Capitel der _'Vie privée'_ von Balzac liest, Louise erzählte das Trauerspiel, dessen Heldin Charlotte war, wie dieser Schriftsteller es beschrieben haben würde.

"'Isabella hat mir von ihrem Bett aus geschrieben,' fuhr Louise in ihren Neuigkeiten fort; 'sie ist gestürzt und hat sich schwer verletzt.'

"'Ist sie nicht die Gattin des Mannes, den du zuerst heirathen solltest?'

"'Ja gewiß. Das war meine erste Erfahrung! Ich hatte mit diesem Gedanken die Kinderstube verlassen; er war schön und reich, er sprach von Liebe und ich war glücklich. Da erfahre ich eines Tages, daß er sich mit Isabella verlobt hat, sie konnte ihm ihre Mitgift baar auf den Tisch zählen, ich hatte erst nach meines Vaters Tod eigenes Vermögen zu erwarten. Kurz nachher wohnte ich seiner Heirat bei, dann hat er mir auf die niedrigste Weise den Hof gemacht, und du verlangst, daß ich die Männer achte, daß ich sie bemitleide und schone -- sie verdienen kaum, daß man sich über sie lustig macht; auch ist es nicht meine Schuld, wenn sie sich nicht an mir rächen. Ah, wie ich die Rache liebe!'

"Ich stand auf.

"'Hier, Kind, sind noch zwanzig Thaler für deine Armen. Werden wir ihre Schuld bald bezahlt haben?'

"'Noch dreißig Thaler und sie sind sorgenfrei.'

"'Die bettele ich heute Abend bei Hof zusammen!'

"Der Hof war vollzählig erschienen. Louise kam als Letzte: ihre Schönheit war die einer Sultanin, ein bunter Turban hob ihre regelmäßigen Züge, ihre schönen schwarzen Haare glänzten auf dem tadellosen Teint, den das Licht noch strahlender machte, prachtvolle rothe Seide floß in schweren Falten um sie, es war ein Bild, auf das die Natur stolz sein könnte, wenn die Coquetterie nicht die Natur betrogen hätte. Die Männer umgaben sie, sie entwickelte all ihren Geist, all ihren Witz, all das Feuer ihrer Blicke, und ich sah mit tiefster Traurigkeit dieses glänzende Arsenal der schönsten Fähigkeiten zu einem Feuerwerk verpufft. Nichts mahnte an die Blässe und Traurigkeit dieses Morgens, sie lachte, sprach und sah mit ihrem durchdringenden Blick, hörte mit ihrem feinen Ohr Alles, was in vier Sälen gethan und gesagt wurde.

"Der Großherzog näherte sich in all seiner tadellosen Höflichkeit. Nach einigen einleitenden Liebenswürdigkeiten begann Louise eine jammervolle Armengeschichte zu erzählen von Kindern, die auf dem Ofen schliefen, um nicht zu erfrieren, von Eltern, die ihnen Kartoffelschale als Delikatesse vorsetzten usw., das sah der Wirklichkeit nicht ähnlich, und doch war diese Wirklichkeit schon traurig genug! Louise brachte mir triumphierend zwei Louisd'or. 'Ich danke dir sehr,' sagte ich; 'aber ich erkläre dir, daß, wenn der Großherzog mich nach der Sachlage fragt, ich deine Märchen nicht unterstützen kann und von deinen Armen nichts wissen werde, denn ich weiß wirklich nichts von ihnen.' Sie lachte und fuhr fort, mit mehr oder weniger Erfolg ihre Geschichte zu erzählen.

"Später traf ich sie noch einmal, und sie erwähnte wieder ihrer Freundin, Frau von Y.: 'Im Grunde ist sie eigentlich ein kleines, mageres, törichtes Ding, das sich gehen läßt, obwohl dein deutsch-sentimentales Mitleid für den Gatten mir auch nicht angebracht scheint. Auf eine Heldenthat in ihrem Leben ist sie sehr stolz, hat sie doch eigenhändig einen Pflasterstein aufgehoben, um ihn auf die unglücklichen Soldaten zu schleudern, die sich für diesen verrückten Karl _X._ massacriren ließen! Das ist gerade keine edle Handlung, und von einer Frau ausgeführt, wird sie gemein; auch habe ich ihr einmal gründlich meine Meinung gesagt. Ich sprach bewundernd von England, und von dem, was dort besser sei als bei uns, sie glaubte sich als Patriotin zeigen zu müssen, und plötzlich höre ich eine spitze Stimme, die mir zuruft: Sie haben wohl nicht das Glück, Französin zu sein? -- O doch, gnädige Frau, ich bin sogar im Herzen von Paris geboren, ohne jemals sein Pflaster zu beschädigen.'

"Alles lachte; ich schlich beiseite. Hatte sie doch diesen Morgen erst in den höchsten Ausdrücken der Bewunderung von derselben Frau gesprochen! Mich widerte es an, zu sehen, wie all ihre Geistesgaben der Frivolität geopfert wurden; meine Liebe zu ihr tat mir weh, und doch habe ich sie mir nie aus dem Herzen reißen können.