Im Schatten der Titanen: Erinnerungen an Baronin Jenny von Gustedt

Chapter 12

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"Vormittags war er meist allein mit seinem Gönner, der nie müde wurde, ihm zuzuhören. Wie Goethe es bei allen Dingen liebte, nach einem bestimmten System zu verfahren, so auch hier: er wünschte die Geschichte der Musik in Tönen nach geordneter Zeitfolge zu hören. Irgendwo las ich einmal, daß man daraus die Folgerung zöge, er habe von Musik nichts verstanden und ihre äußerliche Kenntnis nur als für seine Bildung nöthig erachtet. Das glaube ich nicht. Felix Mendelssohn war stets aufs Höchste überrascht von Goethes tiefem Verständniß und sprach oft mit uns davon: 'Goethe erfaßt die Musik mit dem Herzen, und wer das nicht kann, bleibt ihr sein Lebtag fremd.' In Ottiliens Zirkel, den gerade damals das 'Chaos' vereinigte, beschäftigte und belebte, trat er als neues, willkommenes Element. Alles, was Kunst im weitesten Sinn berührte, faßte er mit Begeisterung auf, während das wissenschaftliche Gebiet, besonders das naturhistorische, nicht in seinen Interessenkreis zu ziehen war, obwohl er es gut zu verbergen wußte. Goethe, dem, seiner eigenen wunderbaren Natur nach, jede Einseitigkeit unverständlich blieb, versuchte oft auf Felix einzuwirken. Es blieb vergebene Mühe; einmal soll Goethe sogar -- ganz Saul! -- seinem Liebling zornig den Rücken gekehrt haben, weil er ihn nicht verstand. Aufs Höchste erschrocken saß Mendelssohn wie versteinert vor dem Flügel, bis er, fast unbewußt, mit den Fingern die Tasten berührte und, wie zu eigenem Trost, zu spielen begann. Plötzlich stand Goethe wieder neben ihm und sagte mit seiner weichsten Stimme: 'Du hast genug, halt's fest!' So erzählte Felix, der lange dem Sinn der Worte nachgrübelte. Ein andermal war er die indirekte Ursache eines heftigen Auftritts, der freilich wortlos verlief. Er spielte Nachmittags bei Ottilie; ein Freund nach dem andern kam herein, das neueste 'Chaos' lag vor uns, wurde besprochen, belacht, sein Spiel verhallte ziemlich ungehört. Da ging die Thür auf, Goethe erschien, warf einen Blick so voll Zorn und Verachtung auf uns, daß unser Gewissen uns sofort mindestens zu Räubern und Mördern stempelte, ging ohne Gruß an uns vorüber, auf Mendelssohn zu, und ehe wir zur Besinnung gekommen waren, hatte er mit ihm das Zimmer verlassen. Es war dies das einzige Mal, daß ich Goethe oben sah. Später sagte mir Ottilie, der Vater habe sie noch tüchtig ausgezankt und ihr befohlen, auch ihren Besuchern sein Urtheil nicht vorzuenthalten.

"Felix Mendelssohn machte Verse, wie wir alle, aber er beanspruchte nicht den Ruhm eines Dichters. Gesellschaftsspiele, wobei in möglichster Geschwindigkeit hübsche Reime gemacht werden mußten, waren an der Tagesordnung. Der Ungeschickte oder der, dessen Versfüße zu sehr humpelten, war verpflichtet, ein Pfand zu zahlen, das meist wieder durch ein Gedicht eingelöst wurde. In Tiefurt, wenn wir genug getanzt oder gespielt hatten, ruhten wir uns dabei aus, und vor Kurzem fand ich noch ein Päckchen vergilbter Blätter, mit allen möglichen und unmöglichen Reimen bekritzelt, die mich lebhaft an jene Zeit erinnerten. Darunter befanden sich auch Mendelssohns Verse, mit denen er einmal in Tiefurt sein Pfand eingelöst hatte:

Ihr wollt durchaus, ich soll ein Dichter werden, Weil ich mit Euch in Weimar bin; Ich aber kam als Musikant auf Erden, Und meine Reime haben keinen Sinn.

Ich will in Tönen Eure Schönheit preisen, Und Eure Macht, die mich zum Dichten zwingt; Verfaßt die Lieder nur zu meinen Weisen, Und dann versprecht mir auch, daß Ihr sie singt.

Vermessen scheint mir's, wollt ich weiter dichten, Denn ich verscherze damit Eure Gunst; Ihr Schönen seid zu streng im Strafen, Richten, Mir hilft's doch nichts, ich lebe meiner Kunst.

"Als unser verwöhnter Musikant, der doch im Grunde ein Dichter war, wie jeder echte Künstler, uns seine schon einige Male hinausgeschobene Abreise verkündete, war der Kummer groß. Er mußte versprechen, wiederzukommen, zu schreiben, uns einige Lieder zu schicken, die uns seine Gegenwart etwas ersetzen sollten. Ulrike von Pogwisch beschäftigte sich einen ganzen Abend damit, seine Silhouette auszuschneiden, die sie dann unter uns vertheilte. Bei strahlendem Sonnenschein fuhr er fort, sein Wagen war angefüllt mit Rosen, die wir ihm zugeworfen hatten; Ottilie und Ulrike gaben ihm das Geleit, und so schied er von Weimar, recht als ein Sonnenkind. Er hinterließ nur trauernde Freunde, nicht einen Feind.

"Als ich ihn nach vielen Jahren in Berlin wiedersah, war zwar der lachende Frühlingsglanz von seinen Zügen verschwunden, aber Herbst- und Winterstürme hatten sie nicht umbraust und störten auch wohl nie sein Sonnenschicksal. Sein Spiel war gehaltvoller, ruhiger geworden, die stürmischen Phantasien seiner Weimarer Zeit wiederholten sich nicht mehr. In der Erinnerung an die Vergangenheit leuchteten seine Augen auf, und er sagte mit dem Tone tiefster Überzeugung: 'Wer weiß, was ohne Weimar, ohne Goethe aus mir geworden wäre!'"

In persönlich nähere Beziehung als zu Mendelssohn trat Jenny zu Karl von Holtei. "Er war einer der häufigsten Gäste unserer lieben Musenstadt," schrieb sie. "Im Winter 1828 lernte ich ihn kennen, und zwar nach einer seiner öffentlichen Vorlesungen, die wir eines Hoffestes wegen nicht besuchen konnten. Bei Johanna Schopenhauer, wo er stets wie ein Glied der Familie aufgenommen wurde, traf ich ihn zum erstenmal. Wir erwarteten von ihm, dem Vielgereisten, viel Neues, Interessantes zu hören. Welch eine Enttäuschung, als er eintrat.

"'Gott Lob, hier bin ich der Engländerpest entflohen,' sagte er. Das war keine Empfehlung für ihn, da die Engländer eine große Rolle spielten. Nach der allgemeinen Vorstellung begann er über die Interesselosigkeit der Weimaraner in ziemlich derber Weise herzuziehen, weil seine Vorlesung nicht besucht gewesen war. Wir bewiesen ihm, daß die Carnevalszeit keine günstige für dergleichen sei, worauf er uns vergnügungssüchtig schalt. Schnell legte unsere liebenswürdige Wirthin sich ins Mittel, um einer allgemeinen Verstimmung vorzubeugen, und bat ihn, uns durch einen Vortrag zu versöhnen, das würde uns zugleich reizen, den Saal späterhin zu füllen. Er ließ sich nicht lange bitten, las einzelne Gedichte und eine komische kleine Erzählung, improvisierte sodann eine Art Entschuldigung in Versen wegen seines ersten Auftretens im Kreise der Grazien und Musen, wobei er sich mit einem Satyr verglich, der zwar einen Bocksfuß habe, aber trotzdem die Gutmüthigkeit selber sei; damit war der unangenehme Eindruck verwischt, wir nahmen ihn von nun an auf wie einen der Unseren. Bei Anderen, wo sein ungezwungenes Wesen ebenso gegen das Hergebrachte verstieß, wurde es ihm oft sehr schwer, ja manchmal unmöglich, sich so zu rehabilitieren wie bei uns. Um ihn ganz zu würdigen, mußte man ihn näher kennen. Er gehörte zu den Menschen, die, sei es aus falscher Bescheidenheit oder, was hier wohl besser zutrifft, aus einer Art Hochmuth, ihre guten Seiten sorgfältig verstecken. Sie bauen um ihr schönes Selbst eine Dornröschenburg und wundern sich, wie selten ein Prinz die Dornhecke zu durchbrechen versucht. Sehen wir uns Holteis Leben an, so wird es verständlicher, daß er sein Bestes mißtrauisch verschloß. Er mußte mit viel Gemeinheit umgehen, mit viel Gemeinheit rechnen; edler Umgang war ihm selten geworden, und das, was den Menschen Zeit seines Lebens am meisten verbittert, eine freudlose Kindheit in der Nähe unwürdiger Verwandter, hatte er wie Wenige durchkosten müssen. Der Kampf mit dem Leben, der uns so leicht zu uns selber sprechen läßt: 'Landgraf, werde hart,' hatte ihn längst gestählt. Bisher war mir der Kampf zwischen Pflicht und Neigung, zwischen Glauben und Zweifel allein schmerzlich bekannt geworden, in Holtei trat mir zum ersten Mal jener andere harte Kampf gegen die grauen Schwestern, Sorge und Not, entgegen.

"Als Holtei einen tieferen Blick in unsere Welt gethan hatte und sah, daß man hier frei athmen könne, fiel die rauhe Schale von selbst von ihm ab. Sein natürlicher Frohsinn, sein weiches Gemüt, sein Humor, der zwar immer etwas derb blieb, gewannen die Oberhand, er fühlte sich bald heimisch und war ein gern gesehener Gesellschafter. Die junge, einheimische Herrenwelt Weimars liebte ihn, weil er ihre Abneigung gegen die Engländer unterstützte, die Damen freuten sich, wenn er kam, weil er stets ein paar galante Verse bei sich hatte; Goethe empfing ihn häufig, weil er Neues und Interessantes hübsch vorzutragen wußte.

"Sehr innig gestaltete sich die Freundschaft zu August Goethe. Holtei sah in ihm eine höhere, nur auf falsche Wege geleitete Natur und gewann den segensreichsten Einfluß über ihn, der sich sogar im häuslichen Leben angenehm bemerkbar machte. August liebte Holtei innig, betheiligte sich ihm zu Liebe an unseren geselligen Freuden, so daß eine Zeit vollständiger Harmonie angebrochen zu sein schien, die aber nur so lange andauerte, als Holtei anwesend war.

"Unter all den kleinen und großen Festen, die uns vereinigten, waren bei schönem Frühlingswetter die Picknicks die beliebtesten. Zu Fuß, zu Wagen, zu Pferde ging's hinaus nach Tiefurt, Ettersburg, Belvedere. Tiefurt besonders, unter dessen herrlichen alten Bäumen schon unsere Eltern jung und froh gewesen waren, galt als angenehmer Vereinigungsplatz, wo bei Spielen, Spaziergängen, dicker Milch, auch wohl bei einem ländlichen Ball im Pavillon große Heiterkeit herrschte. Dorthin kam jeden Nachmittag Lord Charles Wellesley, der Sohn des Herzogs von Wellington, und brachte uns Kirschen oder Erdbeeren mit, die er selbst bei der Hökerin eingekauft hatte. Er war äußerlich unansehnlich, etwas taub, sehr einfach und sehr liebenswürdig im Gegensatz zu seinem Bruder, Lord Donero, der stolz und zurückhaltend war, seinem Vater sehr ähnlich sah und nur unter Umständen liebenswürdig sein konnte. Mit Ottilie Goethe und Emma Froriep waren wir zur Zeit von Holteis Anwesenheit auch einmal hinausgefahren, eine Anzahl junger Leute fanden sich noch dazu, und wir saßen schon fröhlich um unseren frugalen Vespertisch, als Holtei in gehobener Stimmung vom alten Goethe aus zu uns kam. Er war wohl deshalb liebenswürdiger als sonst zu den Engländern und versprach sogar den Vortrag eines ganz neuen Gedichtes, wenn er dafür noch -- dicke Milch bekäme. Die Satte wurde feierlich vor ihn hingesetzt, er sprang auf einen Stuhl und recitierte ein Gedicht, das er auf Weimar verfaßt hatte.

"Jubelnder Beifall belohnte den Dichter, der sich ruhig dem Genuß der dicken Milch überließ, während Ottilie einen Zettel aus der Tasche zog und ebenfalls höchst witzige Verse auf Weimar vortrug, zu denen sie allerhand aus dem Stegreif dazu improvisirte.

"Nachdem ein Jeder seinen Imbiß mit poetischer Begleitung zu sich genommen hatte, zerstreuten wir uns im sonnendurchleuchteten, frühlingsduftigen Park an den Ufern der Ilm, die rauschend und flüsternd von vergangenem Leid, vergangener Freude erzählte und immer wieder denselben Lebenszauber voll Liebeslust und Jugendglück in ihren Fluthen wiederspiegelte.

"Selbst Holtei wurde nach und nach bei uns ein Naturschwärmer, was ihm sonst fern lag. Er sprach es wohl aus, wie schnell der Herbst des Jahres, wie der Herbst des Lebens all die Freuden vernichtet und ihn, den Wandervogel, wieder in die Fremde treibt. In solchen Stunden habe ich ihn kennen und schätzen gelernt, in solcher Stimmung war es, wo er mir folgende Zeilen in das Album schrieb:

'Ach' ist unser erstes Wort, Denn des Seufzers bittre Kunde Dringt in stillem Friedensort Aus des Kindes zartem Munde.

Und des Frühlings Zauberhauch, Und der ersten Liebe Beben Will mit bangem 'Ach' sich auch Kund den bunten Blüthen geben.

Und der Trennung ernster Schmerz Macht sich Luft mit diesem Worte Seinen Boten schickt das Herz Aus der Lippen heil'gen Pforte.

Aber einmal noch umwehn Freudig uns des Wortes Schauer. Unerwartet Wiedersehn Staunet: Ach -- nach langer Trauer.

Liebst du dieses Wortes Klang, So verschmäh nicht diese Zeilen. Jeder Vers wird zum Gesang, Wird dein Aug auf ihm verweilen.

Weimar, März 1828.

Karl von Holtei.

"Im Herbst 1829 kam Holtei wieder nach Weimar. Er traf mit dem französischen Bildhauer David zusammen, der sehr gefeiert wurde und sich trotz seiner Jugend schon einen Namen gemacht hatte, dessen guter Klang durch die Büste Goethes ihm weit über die Grenzen Deutschlands und Frankreichs einen bedeutenden Ruf verschaffte. In der Gesellschaft machte sein Talent, aus Brot die Köpfe der Anwesenden abzuformen, ihn schnell beliebt, so daß Holtei, der etwas mißtrauisch und empfindlich war, sich zurückgesetzt fühlte. 'Wenn nur die guten Weimaraner mal einen Mondbewohner herbekämen, sie würden sogar Schiller und Goethe darüber vergessen,' brummte er, und erst, als David fortreiste, kam der alte gute Freund wieder zum Vorschein.

Meine Korrespondenz mit Holtei begann durch das 'Chaos' und setzte sich fort, nachdem es eingegangen war."

Einige Auszüge aus Briefen Jennys an ihn mögen hier folgen:

"14./5. 32.

"Meine Politik finde ich in der Geschichte und in der Philosophie, mein Staatsminister ist Herders Nemesis, diese allein rechnet gut und gerecht.

14./8. 32. Berka.

"Sie sehen am Datum meines Briefes, daß ich noch in meiner lieben Einsamkeit bin; die Natur ist so schön, die physische und moralische Luft so rein, daß die Brust freier athmet und alles Treiben und Drehen und Quälen der politischen Welt in dem unreinen Nebel versinkt, welcher unter den Bergen zu meinen Füßen liegt. Nicht Fröhlichkeit, aber Ruhe und Frieden bedarf das Herz, und dieses findet es in den majestätischen Wäldern, in der hehren Natur, welche, den Menschen zum Spott, in Frieden und Krieg, in Sturm und Ruhe, im Ungewitter und Sonnenschein immer groß bleibt. Möchten die Menschen, die Nationen, die Könige und Diplomaten sich ein Beispiel daran nehmen!

22./9. 33.

"Sollte die biblische Sage vom Baume der Erkenntniß nicht dieselbe Grundidee ausdrücken als die Fabel des Prometheus? Das Licht des Himmels, die Erkenntniß, raubte er, die Frucht des Paradieses, die Erkenntniß, raubte Eva. Ihre Schuld war die Begierde des Wissens, ihre Unschuld ein unbewußtes Rechthandeln. Sie wollten wissen, so mußten sie die Unschuld verlieren, denn nun begann das Forschen, das Streben, das Ergründen, das Zweifeln. Auch die Strafen des Prometheus und der ersten Menschen enthalten den tiefen Sinn der unbefriedigten Erkenntnißbegierde. Das Paradies, nämlich das Glück, liegt so nah und ist so unerreichbar, der Engel mit dem Flammenschwert: die Leidenschaften der Menschen, stehen drohend vor der Pforte. Der grausame Adler und das zurückweichende Wasser in den Strafen des Prometheus -- wäre es nicht die Darlegung des Goetheschen Ausspruchs: daß nicht nur das Unmögliche, sondern so vieles Mögliche dem Menschen versagt ist?

25./6. 36. Kochberg.

"Mit der Veredelung der Seele muß der Mensch denselben Proceß vornehmen, dem der Maler bei den Mosaikgemälden folgt, der Geist muß erst in schönem Umriß das Ganze vor sich haben, was er darstellen will: sein eigenes Ich in höchster Vollkommenheit. Dann müssen alle Fähigkeiten, alle Kräfte, alle Talente die bunten Steinchen zutragen, die das Gemälde bilden sollen. Es gehört die Geduld eines ganzen Lebens, die redliche Arbeit jeden Tages dazu, um das Werk zu fördern; jeder Gedanke, jede Kenntniß, jede Handlung mag ein Steinchen sein -- glücklich, wer sich am Ende seiner Tage vor das vollendete Bild stellen und in Wahrheit sagen darf: es ist vollbracht.

4./7. 36.

"Ich halte es immer für einen Mangel an Menschenkenntniß, wenn man sich über schnelle Untreuen wundert. Gerade in der Aufregung der Gefühle, in der krankhaften geistigen An- und Abspannung, welche ein großer Schlag hervorbringt, der zerstörend in unser gewohntes Geistes- und Gefühlsleben eindringt, gerade in solchem Zustande ist das Herz eines neuen Gefühls, eines neuen Anschmiegens am fähigsten, es steht gleichsam offen. Später schließt es sich, andere Gewohnheiten wurzeln fest, und unter ihnen hat eine liebe Erinnerung wieder einen festen, bestimmten Platz; dann wird ihr Wegrücken schon bedeutend schwerer, und ich wundere mich viel mehr über zweijährige als über zehnjährige Treue.

"Darum ist mir die Bemerkung Larochefoucaults immer so wahr erschienen: '_On n'est jamais plus près d'une nouvelle passion qu'en sortir d'une ancienne._' Das ist schon ein sehr tiefes Gefühl, welches dem Reiz der Leidenschaftlichkeit widersteht, den die Seele eben gekostet hat, das ist schon die Kraft einer seltenen Liebe, welche mit Abscheu den Becher des Genusses von sich stößt, den es nur einem Herzen verdanken will; daher finden wir so sehr viel mehr Frauen, die nur eine Liebe empfunden haben, als solche, die bei einem zweiten oder dritten Verhältniß dieser Art stehen geblieben sind. Bildet nicht das tiefste, reinste Gefühl die Grenze, so kettet sich Leidenschaft an Leidenschaft zu endloser Kette."

Von Holteis Briefen an Jenny sind nur die wenigen Zeilen vorhanden, von denen sie selbst erzählt: "Holtei schrieb mir nach Goethes Tod, und seine Worte bezeichnen am besten sein tiefes Empfinden: 'Es geht ein Riß durch die Welt und durch die Herzen, nun Er geschieden ist. Wer weiß, ob es uns, die wir ihn kannten, nicht besser wäre, wir sprängen hinein in diese Kluft und gingen so dort hinüber, wo Er herkam und nicht zum zweiten Mal kommen wird!'[TN3]"

Der intime Kreis um Ottilie und ihre Kinder schloß sich nach Goethes Tod besonders eng zusammen. Es war, als ahnten alle, daß diese vier Menschen es mehr als andere bedurften, von einer doppelten und dreifachen Mauer der Freundschaft vor dem Leben, das wie ein barbarischer Eroberer draußen stand, geschützt zu werden. Und doch war es schließlich stärker als ihrer aller Liebe!

Neben Adele Schopenhauer und Alwine Frommann, gehörte Emma Froriep zu den Intimen, die Tochter des Medizinalrats und späteren Leiters des Landesindustriekontors Ludwig Froriep, dessen Haus auch eines der Mittelpunkte des damaligen geistigen Lebens war. Jenny Pappenheim befreundete sich innig mit Emma Froriep, in deren elterlichem Haus sie viel verkehrte.

Wichtiger als die geistige Anregung, die sie im Froriepschen Hause fand, war für Jenny der Einfluß der ruhigen, charaktervollen Freundin. Sie verkehrte täglich mit ihr, und die beiden jungen Mädchen sahen es als eine besondere Weihe ihrer Freundschaft an, daß sie im Frühling und Sommer zuweilen in dem lieblichen, nahegelegenen Berka wochenlang allein zusammen hausen durften. Damals war es, nach den Zeichnungen in Jennys Album, noch ein einfaches Dörfchen und das Landleben kein Badeleben. Aber gerade das entsprach dem Geschmack der Freundinnen. Die Liebe Jennys zur Natur beherrschte schon das junge Mädchen. In Wald und Heide suchte sie den Frieden wieder, den sie im unruhigen geselligen Leben der Stadt verloren hatte. Emma Frorieps Gestalt war wie ein Stück dieser Natur. Jenny hat sie auf den folgenden Seiten gezeichnet:

"Inmitten der Mißlaute des Irrthums, der Leidenschaft, der Schmerzen, inmitten der Verwirrungen des Schicksals und der Seele, inmitten der Kämpfe zwischen Kopf und Herz, zwischen der Pflicht und dem Vergnügen gab mir Gott eine reine Harmonie. Wenn sich über meinem Haupt das Gewitter zusammenzog, der Donner über mir rollte und die Blitze hie und da die Nacht in mir erhellten, dann kreuzte ich die Arme, hielt mich gewaltsam aufrecht und wartete, denn bald sprach meine Harmonie in sanften Tönen zu mir; wenn tausend verschiedene Stimmen mir tausend verschiedene Worte zuschrien, wenn die Welt und das Leben mir ihre gefälschten Werthscheine zuwarfen, wenn jedermann um mich nach eigenem Tact sein eigenes Instrument spielte, wartete ich wieder, denn bald übertönte der reine Gesang meiner Harmonie alles. Wenn das Schicksal mit seiner Riesenstimme mir seine Befehle zurief, so flüchtete ich zitternd zu meiner Harmonie, die jene schrecklichen Laute sanft und zärtlich wiederholte, so daß ich ihnen ohne Angst zu folgen vermochte.

"Emma heißt meine Harmonie, mein Gewissen, meine Vernunft, Emma ist der Name meines einzigen Ideals, das sich zur Wirklichkeit verkörpert hat. Eins hier unten ist für mich vollkommen gewesen: die Freundschaft mit ihr. Ich liebe meine anderen Freunde, ich spreche und lache mit ihnen, ich theile ihre Freude wie ihren Schmerz, doch nur vor Emma enthülle ich ganz mein Inneres, nur zu ihr sage ich: 'Ich leide,' -- und ich habe viel gelitten!

"Lange schon bewohnten wir dieselbe Stadt, besuchten dieselbe Gesellschaft und kannten uns nicht. Ich war eben aus der Pension gekommen, war ein lebhaftes, leidenschaftliches Kind, dessen Herz und Geist für nichts Anderes als für den Namen Goethe Platz hatte. Ich stürzte mich in den geselligen Strudel, das Amusement war mein einziges Ziel; Emma, obwohl viele Jahre älter als ich, stand betrachtend, wo ich handelnd war, sie folgte instinctmäßig den Gewohnheiten der Übrigen, sie erlaubte sich nichts, das nicht mit der Sitte übereinstimmte, ihr galten die Männer als eine andere Art Geschöpfe, die sie sich immer fern hielt, jeder freiere Blick empörte ihren Stolz, Liebe erschien ihr erniedrigend, auch hatte sie keine Verehrer; ich war überzeugt, daß sie sich entsetzlich langweilen müsse. Trotzdem fühlte sie sich glücklich. Um fünf Uhr frühstückte sie schon mit ihrem Vater, der ihre einzige Leidenschaft war, dann verbrachte sie den Tag in weißem Kleid mit frischem, ruhigem Gesicht und noch ruhigerer Seele; sie nähte viel, buk vorzüglichen Kuchen, sang harmlose Lieder, dachte wenig und schlief gut und fest. Mir erschien sie als ein steifes, kühles Mädchen, das mir imponirte, mich aber nicht anzog.

"Wie viel Thränen mußten auf die Flammen meines Inneren fallen, wie viel Schicksalsstürme mußten das Feuer ihrer Seele anfachen, ehe unsere Herzen sich fanden!

"Jetzt gehört das Amusement nicht mehr unter die Ziele meiner Tage und die ihren haben die Farbe gewechselt. Zwar ist ihr Gang noch ruhig, zwar beherrscht Gesetz und Sitte sie noch, doch sie erblaßt, wenn sie die Herzenskämpfe ihrer Freunde sieht; oft steht sie nach einer schlummerlosen Nacht erst um acht Uhr auf und sitzt stundenlang stumm ihrem Vater gegenüber. Sie singt nicht mehr, sie näht wenig, liest viel und denkt immer. Die Männer sind für sie keine fremden Wesen mehr, doch ihre Kühle ihnen gegenüber ist noch nicht gewichen und ihre Natur wird niemals die zarte Schmeichelei lernen, welche die Frau dem, den sie liebt, entgegenbringt, diesen Instinct, der uns treibt, ohne Berechnung das zu thun, was dem König unserer Seele gefällt, kurz, jenes Etwas, fälschlich Coquetterie genannt. Und doch, als neulich vom weiblichen Stolz gesprochen wurde, der die Liebe besiegen müsse, unterbrach Emma ihre Freundin und sagte: 'Was hat der Stolz mit der Liebe zu thun?!'

"Ich weiß nicht, ob mein Herz oder meine glühende Phantasie Emma ihrer glücklichen Gleichgültigkeit entriß; ich glaube, daß ich im Augenblick des Erwachens zu ihr kam, als plötzlich der Vorhang der Vorurtheile und Gewohnheiten zerriß und ihr die wirkliche Welt erschien. Ich sprach ihr ohne Zweifel von lauter neuen Dingen, Alles, was ich vom menschlichen Geist und Herzen wußte, kam ihr zunächst wie eine Fabel vor. Doch ich vermochte sie zu überzeugen, und später frug ich sie, wenn ich ihr meinen Gedankengang enthüllt hatte: 'Verstehst du ihn?' und fast immer antwortete sie: 'Ja, ich verstehe ihn!'

"'Wir haben in unserem Leben keine andere Aufgabe, als in jedem Augenblick so zu handeln, wie unser Gewissen es uns vorschreibt; die Folgen gehören der Gewalt des Schicksals an, das ihrer doch immer Herr bleiben wird, welches auch unsere thörichten Pläne sein mögen,' sagte ich einst.

"'Schon längst ist dies auch meine Überzeugung. Manchmal erschwert sie das Leben, doch als allgemeine Regel giebt sie uns Gesetze, Sicherheit, Ruhe und verscheucht auf immer Selbstvorwürfe und Reue. Nur nenne ich das, was du Schicksal nennst, Gott!' erwiderte Emma.

"'Du weißt,' unterbrach ich sie, 'daß ich Gott im Goetheschen Sinn verstehe.'

"'Verstehst du ihn? Ich nicht!'