Im Schatten der Titanen: Erinnerungen an Baronin Jenny von Gustedt
Chapter 11
"Die Nähe des Vaters floh er, weil die forschenden Blicke, die unausgesprochenen Anklagen ihn einschüchterten. So kam es, daß er, der sonst so Fröhliche, sich in den Räumen Goethes am liebsten stumm und mißmuthig in die Ecken drückte. Das Gefühl, hier nur als der Sohn seines Vaters betrachtet zu werden, der Gedanke, daß er den Mund nur aufthun könne, wenn er etwas Geistreiches zu sagen wisse, wird Jeder begreiflich finden, der sich in seine Lage versetzt. Schmeichler, wahre und falsche Freunde umgaben ihn außerhalb des väterlichen Hauses; unter ihnen ließ er sich nun vollständig gehen, sie nannten seine Streiche genial, die nur jugendlich und unvernünftig waren, sie bewunderten seine Verse, die heute von jedem Tertianer besser gemacht werden. Nur wenige, die Ottilie mir nach seinem Tode mittheilte, sind tief empfunden und schön ausgeführt, die aber kannte Niemand. Goethe schien eine Zeit lang des Sohnes Leben nicht zu beachten, vielleicht daß er auch hoffte, ein Genie würde sich daraus entwickeln. Er wartete vergebens; der Punkt, bis zu dem jeder Mensch innerlich vorschreitet, war von ihm erreicht, er gehörte nicht zu seines Vaters Genossen, die 'immer strebend sich bemühen.' Es kam aber auch für ihn eine Zeit, wo er die innere Leere empfand. Seine Wünsche gipfelten schließlich in dem einen Wunsch: Fort! Nach langem Kampf wagte er endlich, Goethe diesen Wunsch auszusprechen. Es kam zu ernsten Scenen, denn Goethe wollte oder konnte ihn nicht begreifen, selbst als Knebel sich auf seine Seite stellte. Fern von Weimar, womöglich unter anderem Namen, hätten Augusts gute Seiten bald die weniger guten unterdrückt.
"Um dieselbe Zeit ungefähr lernte er Ottilie von Pogwisch kennen. Man hat erzählt, Goethe habe die Heirath mit ihr bewerkstelligt, August habe deshalb eine große Jugendliebe aufgeben müssen. Das ist nicht wahr; er hatte eine ganze Anzahl mehr oder weniger leichtsinniger Verhältnisse, aber, wenn bei ihm überhaupt von großer Liebe gesprochen werden kann, so gehört diese Ottilien allein. Deren Großmutter, Gräfin Henckel, die Oberhofmeisterin bei Maria Paulowna und also auch meine Vorgesetzte war, sträubte sich von Anfang an sehr gegen diese Verbindung. Erst als Christiane von Goethe gestorben war, willigte die stolze alte Dame in die Heirath ihrer Enkelin. Der Jubel und die Glückseligkeit waren groß damals, sie glaubten sich heiß zu lieben, und doch liebte Ottilie in ihm nur den Sohn seines Vaters, den sie mit den schönsten Träumen ihrer Phantasie ausschmückte. Es war nur Phantasie! Ihr Geist vermochte ihn auf die Dauer nicht zu fesseln, und eine Schönheit, die seine Sinne erregen konnte, besaß sie nicht. So ging bald ein Jeder seine eigenen Wege. Ihre Ehe wurde, durch Beider Schuld, sehr unglücklich. Die Enttäuschung, die sie empfand, wenn sie nach und nach aus der glänzenden Hülle ihrer Phantasiegebilde einen gewöhnlichen Menschen sich entpuppen sah, war immer sehr groß, am schmerzlichsten aber bei ihrem Gatten, bei Goethes Sohn. Sie hätte ihn vielleicht nun mit christlicher, helfender, duldender Liebe tragen und heben können, und er, als der Rausch der Leidenschaft verflogen war, mit ernstem Pflichtgefühl als treuer Gatte und Vater ihr zur Seite stehen -- daß nichts davon geschah, war mehr Schicksal als Schuld. Charaktere, wie die ihren, durften sich nie verbinden. Wie das in einer kleinen Stadt immer zu sein pflegt, wo die Menschen dicht an einander wohnen, mischte sich der Klatsch auch noch in die Ehe. Beide standen wie auf offener Scene, und besonders das Galerie-Publicum verfolgte mit gehässiger Neugier den Fortgang des Dramas. Ottilie hatte unverdienter Weise, denn sie that wissentlich Keinem etwas Böses an, viele Feinde, besonders Feindinnen, die sie ihrer Stellung wegen beneideten und sich zwischen sie und August zu drängen versuchten. Es gelang ihnen nur zu gut. Die gewohnten Schmeicheleien, die Ottilie ihm bei ihrer unbedingten Wahrheitsliebe nicht zutheil werden ließ, fand er anderswo zur Genüge; die Träume, die sein Geist ihr nicht verwirklicht hatte, suchte sie in ihrer Umgebung zu finden. Erschienen sie öffentlich zusammen, so war ihr Benehmen tadellos; auch zu Hause machten sie den Eindruck eines einigen Paares, sobald die Kinder bei ihnen waren. In der Erfindung immer neuer Spiele für sie war August unerschöpflich; sie zogen ihn -- wie oft! -- von seinen Kneipereien ab, die seiner an und für sich schwankenden Gesundheit schadeten. Aber auch die Freude an seinen Söhnen verbitterte ihm sein Mißtrauen. Ich stand einmal mit ihm am Fenster des Eßzimmers kurz vor Tisch. Im Garten ging Goethe auf und nieder, seine Enkel kamen hinuntergelaufen, um ihn zu holen. Jubelnd umschlangen sie den Großvater, erzählten, lachten, spielten; er freute sich sichtlich ihrer lieblichen Gegenwart, und ich sah mit Vergnügen zu. Da fiel mein Blick auf August: er starrte mit zusammengekniffenen Lippen, blaß und schwer athmend, auf dasselbe Bild, sein Aussehen sagte mehr als Worte.
"Ein schöner, besonders hervorzuhebender Zug in Augusts Wesen war seine Freundestreue. Wen er lieb gewann -- freilich waren's nicht immer die Würdigsten --, für den ging er durchs Feuer. Sein Unglück war, daß Keiner von ihnen ihn, den Sohn Goethes, günstig zu beeinflussen versuchte, alle ordneten sich ihm unter, und doch bin ich überzeugt, daß er sich hätte beeinflussen lassen. Dem Einzigen, der es versuchte, Ernst von Schiller, ist es stets geglückt. August liebte ihn zärtlich, und es wäre von dauerndem Erfolg gewesen, wenn sein Freund immer hätte um ihn sein können. Sein ruhiger Ernst, sein fester Charakter, seine Abneigung gegen alles Gemeine, seine Abstammung nicht zum mindesten, denn sie stellte ihn August gleich, stempelten ihn eigentlich zu seinem Freunde. Es sollte nicht sein -- auch hier Schicksal und keine Schuld!
"Am 'Chaos' betheiligte sich August mit großer Lebhaftigkeit; die meisten seiner Reime -- Gedichte möchte ich sie nicht nennen -- wurden darin gedruckt. Er schrieb hübsche Briefe, eine Tugend, die ich jetzt, wo sie so ganz verloren geht, doppelt als solche anerkenne. Die Briefe an seinen Vater waren weniger natürlich, sie zeigten den Zwang, den Goethe, mit der besten Absicht, auch darauf ausübte. August sollte Beobachtungen über Witterung, Naturerscheinungen usw. anstellen, die ihm fernlagen und ihn gar nicht interessierten. Von Menschen und Ereignissen erzählte er lieber, besonders von Italien aus, wo er sich endlich frei und als Herr seiner selbst empfand.
"Der Gedanke 'Fort von Weimar!' war schließlich zu einer Macht geworden. Fort, recht weit fort, wo er an Leib und Seele zu genesen hoffte. Daß er krank war, fühlte er immer deutlicher. Er kam zur Erkenntnis auch seines seelischen Zustandes, ohne die Kraft zu haben, sich zu ändern, ungefähr wie ein Wahnsinniger, der in lichten Momenten seinen Zustand begreift und dadurch nur noch unglücklicher wird. In besonders trüben Augenblicken sagte er sich: 'Ich will nach Rom, um dort zu sterben.'
"Der Entschluß zu fliehen reifte in ihm. Er glich darin dem alten Goethe, der sich von allen Qualen durch schnelles Losreißen aus den gewohnten Zuständen befreite. Nur wenige wußten um Augusts Plan. Mir theilte ihn Ottilie mit, und ich konnte mir nicht versagen, ihm die herzlichsten Wünsche mit auf den Weg zu geben. Ich war überzeugt, ihn neugeboren wiederzusehen. Der Abschied von seinem Vater soll erschütternd gewesen sein. Mir wurde erzählt, August sei ihm plötzlich weinend zu Füßen gefallen und dann davongestürzt, während Goethe, überwältigt von böser Ahnung, auf seinem Lehnstuhl zusammengebrochen sei. Die Kinder schieden fröhlich von ihm mit allen möglichen Wünschen und Bitten: sie sollten den Vater nie wiedersehen.
Ich will nicht mehr am Gängelbande Wie sonst geleitet sein, Will lieber an des Abgrunds Rande Von jeder Fessel mich befrein!
so lauteten seine letzten Verse im 'Chaos'. Und er ging, befreit von jeder Fessel, um auch die des Lebens abzuwerfen. Er wurde im Lande seiner Sehnsucht von allen Leiden erlöst, aber anders, als er es gedacht hatte."
Die drei Kinder von August und Ottilie fanden in Jenny eine zweite und sorgsamere Mutter, als die eigene war. Die Knaben, Wolf und Walter, waren im gleichen Alter mit Jennys Stiefschwester Cecile von Gersdorff, Dianens Tochter aus ihrer zweiten Ehe, und innig befreundet mit ihr, so daß doppelte Bande der Liebe die Familien aneinanderfesselten. Jenny gab den Kindern zusammen den ersten Unterricht und setzte ihn fort, auch als ihr geliebtes Schwesterchen nach Straßburg in Pension kam. Sie schrieb darüber an diese:
"Weimar, 22. April 1835.
"... Meine Stunden machen mir und den lieben Kindern große Freude; sie werden ernster betrieben als zu Deiner Zeit, wozu Ernas Vernunft und Wolfs angeborener Ernst sehr beiträgt; Letzterer ist mir unbeschreiblich lieb, sein Charakter entwickelt sich ausnehmend gut und tüchtig, er ist seinem Alter in jeder Beziehung ungeheuer voraus, läßt das Schönste hoffen; mein ganzes Herz hängt an dem lieben Knaben und der Gedanke einer Trennung von ihnen wird mir täglich schmerzlicher, je unabwendbarer ich ihn in die Wirklichkeit treten sehe ... Alma ist ein gutes, gehorsames, mühsam strickendes und knippelndes Kind, später verspricht sie jedoch mehr zu werden ..."
Daß die Stunden ernst genommen wurden, bezeugt eine Stelle aus einem Briefe Walter Goethes an Cecile Gersdorff vom 6. Dezember 1834, worin er sagt: "Bei Jenny habe ich mit Anna, Erna und Wolf Stunde, was mir viel Freude macht. Leider mußte ich meine ganze Rethorik kopieren, indem als unsere Stunden begannen, meine Cahiers verschwunden waren." Noch im Alter unterschrieb sich Walter in seinen Briefen an Jenny: "Dein dankbarer Schüler." Persönlich näher als er stand ihr Wolf, dessen erste Knabenliebe seiner liebreizenden Lehrerin gegolten hatte. Sie schrieb von ihm:
"Mit sechs Jahren war er ein heiteres, sehr gesprächiges Kind mit den wunderschönen Goetheschen Augen, voll Lust zu jedem Spiel, der Liebling seines Großvaters. Er wurde ein denkender, lernender Knabe, der mit Leidenschaft auf- und erfaßte. Noch ein halbes Kind, fühlte er die Liebe eines Jünglings. So wie seine tiefen, dunkeln, glühenden Augen alle Mängel in seinem Äußeren überstrahlten und ihn schön machten, so war es eigentlich die Liebe, die sein ganzes geistiges Ich durchstrahlte und ihn zum Dichter stempelte."
Bezeichnend nicht nur für ihr Verhältnis zueinander, sondern auch für Wolfs Charakter sind die folgenden Abschnitte aus Jennys Briefen an ihn:
6./6. 35.
"Solltest du wirklich in deinem jungen Herzen das tiefe, heilige Gefühl der Liebe zum höchsten Geiste vermissen, solltest du wirklich stürmen wollen, wo sich dein Knie verehrend beugen müßte, nun so laß jeden Gedanken an Gott, an Glauben, an Religion eine Zeit lang dahingestellt, richte alle Kräfte deiner Seele auf den einen Mittelpunkt deines Wesens und entwickele mit deinem ganzen Streben die Fähigkeit des Rechten in deiner Brust, und alles Große muß sich stufenweise daran entwickeln. -- Ersticke jedes kleinliche Gefühl, streife alles ab von deiner Seele, was nicht aus edler Quelle fließt und kein edles Gepräge trägt; es ist des wahren Menschen unwürdig, und möchtest du wohl ein Scheinmensch sein, der dem Feuerwerk gleicht, das eine Minute in dunkler Nacht ein Flammenrad bildet, sich in unruhigen Funken zerstreut und dann zwecklos verpufft? Sieh nicht verachtend auf eine ganze große, hohe Welt, laß auch sie jetzt dahingestellt, richte deine Blicke nur auf dich selbst, daß du dich dir selbst erhältst; nicht einen Gedanken von Egoismus, von Eitelkeit, von Dünkel darfst du wuchern lassen, sie müssen alle fort; in den Umriß, den du dir von deiner Seele zeichnest, wie sie werden kann und muß, paßt solch elendes Gerümpel nicht. Wolf, ich beschwöre dich, laß nicht so winzige Rücksichten dein Ohr vor meiner Stimme schließen, daß du keinen fremden Einfluß oder gar einen weiblichen erdulden willst. Ich fühle mich ganz frei von der Eitelkeit, als könnte ich etwas vollbringen, als solltest du mir etwas zu Liebe thun, um irgend einer Prätension zu schmeicheln -- kein Mensch bekehrt, aber eine Wahrheit thut es, aus welchem Munde der Zufall sie auch fließen lasse, und nur der Wahrheit spüre nach; ihre einzige Offenbarung und Besiegelung findest du im Rechthandeln und -denken. Es giebt nichts auf der Welt außer dem Rechtthun, was von Verwirrung, Unzufriedenheit, Kampf und Irrthum frei wäre, es giebt nirgends Befriedigung als in der Tugend. Ich sage dir nicht, sie ist leicht, aber es ehrt dich, wenn man dir, dem Fünfzehnjährigen, das Schwere zumuthet. Du willst nicht, daß ich dir als Beispiel deinen Großvater nenne. Ja, er war als Dichter ein Genie, aber als Mensch war er das, was Jeder aus sich machen kann, der die Kraft, den festen Willen, das heilige Pflichtbewußtsein in sich fühlt. Die Bitterkeit in deiner Seele muß weg, sie ist ein Unkraut, eine Schwäche. Die auf sich selbst gestützte Seele muß klar das Schlechte und Erbärmliche in der Welt ins Auge fassen können, ohne daran irre zu werden; es geht den Menschen nur insofern an, als er Krieg dagegen führen muß, auf ihn selbst und seine Entwickelung aus dem Mittelpunkt des tiefsten Inneren hat es gar keinen Bezug, es ist von anderem Schrot und Korn als er.
2./4. 37.
"Du fragst mich, was ich von meinen Grundsätzen und den Bestrebungen, ihnen zu folgen, habe? Alles, was mir lieb und werth ist, habe ich durch sie; ich habe treue Freunde, auf die ich bauen kann, wie auf mich selbst, solange ich das in mir erhalte, was mich ihnen achtungswerth macht; ich habe Ruhe der inneren Gedanken, Trost für jeden Schmerz, natürlich solange ich nicht durch physisches Kranksein unempfänglich und also nicht zurechnungsfähig bin; ich habe den Genuß, in hohen Geistern vertrauend, einstimmend schwelgen zu können, und so wenig ich noch das Ideal meines Selbst erreicht habe, so weit ich auch hinter einem Schleiermacher, hinter einer Rahel stehe, so bin ich doch schon hoch genug geklommen, um sie zu erkennen; ich habe ein ausgefülltes Leben, vollauf zu thun im kleinen Kreise der eigenen Ausbildung und der Verkündigung des Wahren, Schönen und Guten, so weit meine Stimme reicht. Es ist schon ein namenlos hohes Gefühl, sich als freiwilliger Soldat im Heer zu fühlen, das gegen Lüge, Unrecht und Schwäche zu Felde zieht; da ist von Dank oder Undank, Werth oder Unwerth in den Menschen gar nicht mehr die Rede, man trägt die Fahne der Wahrheit und steckt sie freudig auf, wo man ein Plätzchen erobern kann, und weil der Boden, auf dem die Wahrheit lebt, der Menschen Seele ist, muß Seele zu Seele reden und sich nicht darum kümmern, ob der Boden hart oder viel Unkraut darauf ist.
"Nun frage ich dich, was hast du wohl von deiner Denkungsweise? Verachtung aller Dinge, selbst der höchsten, Mißtrauen in alle Menschen, selbst in lang erprobte Freunde deiner Kindheit, ein mächtiges Streben und kein festes Ziel, eine leidenschaftlich aufgeregte Kraft und Langeweile, den Trieb zum Denken und keinen festen Mittelpunkt als Stütze. Das Alles bist nicht du, das ist dein Irrthum, denn zu deiner Kraft gehört ein edles Streben, zu deinem Streben gehört ein hohes Ziel, zu deinem heißen Herzen gehört ein wahrer Freund und in dein Denken, Wolf, gehört ein Gott!
"Ich könnte jedes Wort noch einzeln fassen und ein Capitel über jedes schreiben, doch ich bin zaghaft, weil ich nicht weiß, ob dich der eine Bogen nicht schon schreckt.
"Ich liebe nicht den Spott in deinem Munde und muß mich immer überwinden, um meinen Glauben an dich diesem Spott auszusetzen; ich liebe nicht deine Zweifel an jeder treuen, wahren Neigung und möchte dir nie Gelegenheit geben, sie durch Mißverstehen zu nähren oder durch Bitterkeit zu äußern.
"Ich wollte dir noch von deinen Kinderjahren reden und dir die erste Wurzel zeigen, worauf der Baum treuer Freundschaft steht, den ich dir in deinen Lebensgarten pflanzte, doch kannst du dies den zehn verflossenen Jahren nicht glauben, so helfen auch die wärmsten Worte nicht."
Schon damals also, zwischen Wolfs 15. und 17. Jahre, zeigte sich bei ihm jenes unheilvolle Gefühl, das sein Leben in steigendem Maße verbittern sollte: das Mißtrauen. Mißtrauen gegen die Freunde, weil er glaubte, ihre Freundschaft gehöre nicht ihm, sondern dem Enkel Goethes, Mißtrauen gegen sich selbst, weil er an seine Leistungen den Maßstab der Leistungen seines Großvaters anlegte. Ottiliens Erziehung wirkte dabei nur nachteilig; sie verzärtelte ihre Söhne nie, aber sie erzog sie für "einen anderen Stern". "Du weißt ja," sagte Wolf später einmal zu Jenny, "wie wir durch unsere Mutter auf das Edle, auf große Gesinnung dressiert worden sind mit Liebe und, wenn es sein mußte, auch mit Sporn und Peitsche." Eingehüllt in diese um ihn geschaffene weltfremde Atmosphäre, tat jede Berührung mit der Welt schon den Jünglingen weh. Sie gingen ihr aus dem Wege und lebten nur in dem Kreise, den das Goethehaus um- und abschloß. Zu denen, die ihnen von auswärtigen Freunden am nächsten standen, gehörten zwei der beliebteren Gäste in Weimar, Felix Mendelssohn, der Walters musikalische Begabung weckte, und Karl von Holtei, der August Goethes Freund gewesen war. Beide traten auch zu Jenny in nähere Beziehungen.
Felix Mendelssohns erster Besuch in Weimar wurde ihr brieflich mitgeteilt, als sie noch in Straßburg in Pension war. "Bei meinen Eltern," so erzählt sie, "war er auch einmal zu Tisch eingeladen, man zeigte ihm ein Bild von mir, und er wünschte, mich nach seinen 'Ringelreihen' tanzen zu lassen. Die Abschrift einer kleinen Composition von ihm --ich entsinne mich nicht mehr, welche es war -- versetzte mich in helles Entzücken, und lange Zeit hindurch beschäftigte mich der Gedanke an den 'wunderbaren Jüngling', an Goethes 'David'.
"Bald darauf kehrte ich nach Weimar zurück, wo Felix Mendelssohns Name in Aller Mund war. Selbst August Goethe, der sehr selten ein liebevolles Urtheil über fremde Menschen hatte, gab zu, daß er das Zeug dazu habe, alle Welt, selbst ihn, mit sich fortzureißen. Es vergingen einige Jahre, bis ich die persönliche Bekanntschaft des jungen Musikers machte; vergessen jedoch konnte ich ihn nicht, da Goethe öfters Briefe von ihm bekam, die Ottilie sofort mitgetheilt wurden und die ich dann vorlesen hörte. Sie athmeten alle die unendliche Verehrung für seinen Gönner, eine Verehrung, die nicht bei den Worten blieb, sondern sich durch Thaten am schönsten äußerte. Das war es ja auch, was Goethe bezweckte, was ich immer mehr an ihm bewunderte: der Einfluß, den er auf Alle, die ihm nahe traten, ausübte, dem Keiner entging. Er weckte und förderte jedes Talent, und wie Viele, die sonst im Dunkel verkommen wären, zog er an das Licht seines herrlichen Geistes. Es ging eine Wirkung von ihm aus, die mir, wenn sie auch heute noch nicht vergangen ist, doch damals eine unbeschreibliche elektrische Kraft zu haben schien und die Mendelssohn, der selbst ein genialer Mensch war, mit doppelter Gewalt empfunden haben muß.
"Im Sommer 1830 war es, als Ottilie mir unter dem Siegel der Verschwiegenheit mittheilte: Mendelssohn kommt. Daß ein musikalischer Besuch erwartet wurde, ahnte ich schon, als ich die Treppe hinauf kam, Goethes Thür offen fand und hinein sah: Riemer packte mit Friedrich, Goethes Bedienten, Noten aus, die abgestäubt wurden, und der damals einzige Mann, der kranke Flügelsaiten zu heilen verstand, entlockte dem langen, braunen Kasten kläglich wimmernde Töne. Ich vermuthete Zelters Besuch und freute mich darauf, denn der alte Herr mit seiner derben Komik, seiner polternden Sprechweise und seinem liebewarmen Herzen war mir sehr werth geworden. Statt seiner kam nun sein Schüler, das Wunderkind, das Sonntagskind. Als ich ihm zuerst begegnete -- er ging zu Goethe, ich kam von Ottilie --, beschlich mich ein leises Gefühl der Enttäuschung, er sah zart aus, ging etwas gebückt, und sein Gesicht machte mir keinen bedeutenden Eindruck. Denselben Nachmittag traf ich ihn bei Gräfin Henckel und glaubte einen anderen Menschen zu sehen: die Lebhaftigkeit seines Mienenspiels, seine Grazie, die doch durchaus nichts Weibisches hatte, sein strahlendes Lächeln, als ob man einen Vorhang vor einem Fenster wegzöge und nun in den schönsten Frühling sähe -- das Alles machte seine Erscheinung zu einer sich der Erinnerung dauernd einprägenden. Und nun sein Spiel, das so ganz er selber war: kein Gefühl, das ins Bizarre ging, keine Disharmonie, die sich nicht milde auflöste, keine Virtuosenkunststückchen, bei deren Anblick uns schwindlig wird. Hummel schien mir mit mehr Feuer, mit mehr äußerer Leidenschaft zu spielen, aber man empfand nicht, wie bei Mendelssohn, daß so ganz das Herz im Spiele lag.
"Von Anfang an verbrachte er den größten Theil des Tages im Goetheschen Hause. Er war wirklich Goethes David, denn er verscheuchte jede Wolke von der Jupiterstirn unseres verehrten Dichters. Jedem, der damals Mendelssohn kannte, wird es begreiflich sein, trat er doch mit dem ganzen Zauber der Jugend, der Genialität, der glücklichen Zukunftsträume in unseren Freundeskreis. Es fiel Niemandem ein, wie das heute in anderen Städten der Fall sein würde, ihn seiner Abstammung wegen mißtrauisch zu betrachten. Der Gedanke wäre im damaligen Weimar unmöglich gewesen, und wird es sein, so lange die großen Traditionen nicht zur Fabel geworden sind. Goethe schätzte die Menschen nach ihrem Werth, Karl August hatte es stets gethan und war von seiner einmal gewonnenen[TN2] Überzeugung selbst durch Gegenbeweise nicht abzubringen gewesen. Am herrlichsten befolgte unsere geliebte Großfürstin diesen Grundsatz, und wir Alle hätten uns geschämt, nicht diesen großen Vorbildern nachzueifern. So gehörte Rahel, so gehörte Mendelssohn zu unserer anerkannten Aristokratie.